Neu im Kino/Filmkritik: PingPong „Marty Supreme“

Februar 27, 2026

Marty Mauser ist ein ziemlicher Unsympath. Aber er ist jung, machtlos, unbeherrscht, voller Energie und er hat eine durchaus sympathische Vision. Tagsüber ist der 23-jährige ein eloquenter Schuhverkäufer in dem sich an der Lower East Side befindenden Geschäft seines Onkels. Nach Feierabend ist er ein begeisterter Tischtennisspieler. Er nimmt an Wettbewerben teil und er ist – gegen überschaubare Konkurrenz – US-Meister geworden. Aber er will Weltmeister werden und er will Tischtennis in den USA als geachteten Sport etablieren. Bis jetzt – wir reden von den frühen fünfziger Jahren – ist es ein in Hinterzimmern praktizierter Zeitvertreib für die Nachtschwärmer, Outcasts und Weirdos. Das ist nichts, womit man Geld verdienen kann.

Seinen Traum verfolgt Marty in deutlich über zwei Stunden in Josh Safdies atemlosen und ziemlich lustigem Drama „Marty Supreme“. Seine bisherigen Filme inszenierte Josh Safdie mit seinem Bruder Benny. Ronald Bronstein, der auch bei „Marty Supreme“ Co-Drehbuchautor ist, arbeitete immer an den Drehbüchern mit. Zu diesen, teils mit einem Minibudget und viel Improvisation inszenierten Filme gehörten „Daddy Longlegs“, „Good Time“ und „Uncut Gems“. Benny Safdie inszenierte jüngst, ebenfalls als Solo-Regiedebüt, „The Smashing Machine“ mit Dwayne Johnson als Mixed-Martial-Arts-Kämpfer Mark Kerr. Kerr wollte Mixed Martial Arts in den USA als ernstzunehmenden Sport etablieren. „The Smashing Machine“ ist ein braves Biopic, bei dem immer unklar bleibt, warum wir uns für den Sport und den Teddybär-netten Protagonisten interessieren sollen.

In „Marty Supreme“ beantwortet Josh Safdie diese Fragen schon in den ersten Minuten. Ab diesem Moment hetzt er Timothée Chalamet, der Marty Mauser hochenergetisch spielt, durch die Geschichte. Während Marty kompromisslos um die halbe Welt seinen Traum verfolgt, kümmert er sich nicht weiter um die Folgen seiner oft grotesk aus dem Ruder laufenden und oft verantwortungslosen Taten. Dazu gehören, ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit, die ungeplante Schwangerschaft seiner verheirateten Freundin Rachel Mizler (Odessa A’zion), Ärger mit der Mafia und der Polizei und ständige, größer werdende Geldprobleme, die er versucht, kreativ zu lösen.

Marty ist der Protagonist der Geschichte. Die Hauptfigur. Aber zum Sympathieträger und Vorbild taugt er nicht. Schon in den ersten Minuten betrügt er auf seinen nächtlichen Spieltouren durch New York die anderen Spieler, wenn er um Geld spielt und sie dabei eine Zeitlang glauben lässt, er sei ein schlechter Spieler. Kurz darauf stiehlt er aus dem Safe seines Onkels seinen einbehaltenen Lohn. Er braucht das Geld, um nach London zu einem Wettbewerb zu fliegen. Dort verliert er gegen den Japaner Koto Endo (Koto Kawaguchi). Und er klaut den Schmuck seiner reich verheirateten Freundin Kay Stone (Gwyneth Paltrow), die er erstmals in London trifft. Dass der Schmuck, den das frühere Hollywood-Starlet trägt, nur billiger Modeschmuck ist, erfährt er, als er ihn bei einem Pfandhändler versetzen will. Skrupel empfindet er dabei nie.

Er hat nämlich ein Ziel vor Augen und er ist in seiner Getriebenheit ein Charmeur und begnadeter Erzähler mit einer Vision, die er Kay Stones Mann Milton Rockwell (Kevin O’Leary) verkaufen kann. Der vermögende Unternehmer hat von Tischtennis keine Ahnung. Aber nachdem der Erzkapitalist das Potential für ein gutes Geschäft sieht, investiert er in Marty. Marty ist eine Figur aus einem New-Hollywood-Film. In den Siebzigern hätte wahrscheinlich Al Pacino diesen typischen New Yorker gespielt.

Auch die Geschichte und die Inszenierung sind deutlich vom New-Hollywood-Kino beeinflusst. Aber mit einer humorvolleren Note. „Marty Supreme“ ist, glänzend besetzt auch in kleinen Rollen, mehr eine tief in New York verwurzelte Schelmengeschichte und Komödie als Drama. Denn egal welches Chaos Marty anrichtet, man kann ihm nicht wirklich böse sein.

Marty Supreme“, der im Moment mit Nominierungen überhäuft wird, ist ein früher Höhepunkt des Kinojahres.

Marty Supreme (Marty Supreme, USA 2025)

Regie: Josh Safdie

Drehbuch: Ronald Bronstein, Josh Safdie

mit Timothée Chalamet, Gwyneth Paltrow, Odessa A’zion, Tyler Okonma, Fran Drescher, Kevin O’Leary, Sandra Bernhard, Koto Kawaguchi, Abel Ferrara, Larry Ratso Sloman, Géza Röhrig, Fred Hechinger, David Mamet, Penn Jillette, Timo Boll, Isaac Mizrahi, Philippe Petit, Pico Iver, Levon Hawke, Hailey Gates, Paul Grimstad, Ted Williams, George Gervin

Länge: 150 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Marty Supreme“

Metacritic über „Marty Supreme“

Rotten Tomatoes über „Marty Supreme“

Wikipedia über „Marty Supreme“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ben und Joshua Safdies „Good Time – Wettlauf gegen die Zeit“ (Good Time, USA 2017)


TV-Tipp für den 26. Januar: Son of Saul

Januar 25, 2026

Arte, 21.55

Son of Saul (Saul fia, Ungarn 2015)

Regie: László Nemes

Drehbuch: László Nemes, Clara Royer

Saul Ausländer ist 1944 einer der Juden im Sonderkommando im KZ Auschwitz-Birkenau. Als ein Junge zunächst die Gaskammer überlebt, möchte er ihn später nach jüdischem Ritus beerdigen.

Beeindruckendes, aufwühlendes Drama, das zahlreiche Preise erhielt: unter anderem den FIPRESCI und den Großen Preis der Jury in Cannes und den Bafta, Golden Globe und Oscar als bester ausländischer Film. „Son of Saul“ gelingt es das Grauen des KZ zu zeigen, ohne es zu zeigen.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Anschließend, um 23.40 Uhr zeigt Arte die 53-minütige neue Doku „Weltkarriere einer Lüge – Die Protokolle der Weisen von Zion“.

mit Géza Röhrig, Levente Molnár, Urs Rechn, Todd Charmont, Sándor Zsótér, Marcin Czarnik, Jerzy Walczak

Wiederholung: Samstag, 7. Februar, 00.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Moviepilot über „Son of Saul“

Metacritic über „Son of Saul“

Rotten Tomatoes über „Son of Saul“

Wikipedia über „Son of Saul“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von László Nemes‘ „Son of Saul“ (Saul fia, Ungarn 2015)

Meine Besprechung von László Nemes‘ „Sunset“ (Napszállta, Ungarn/Frankreich 2018)

 


TV-Tipp für den 23. Mai: Son of Saul

Mai 23, 2018

Arte, 22.10

Son of Saul (Saul fia, Ungarn 2015)

Regie: László Nemes

Drehbuch: László Nemes, Clara Royer

Saul Ausländer ist 1944 einer der Juden im Sonderkommando im KZ Auschwitz-Birkenau. Als ein Junge zunächst die Gaskammer überlebt, möchte er ihn später nach jüdischem Ritus beerdigen.

Beeindruckendes, aufwühlendes Drama, das zahlreiche Preise erhielt: unter anderem den FIPRESCI und den Großen Preis der Jury in Cannes und den Bafta, Golden Globe und Oscar als bester ausländischer Film. „Son of Saul“ gelingt es das Grauen des KZ zu zeigen, ohne es zu zeigen.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Géza Röhrig, Levente Molnár, Urs Rechn, Todd Charmont, Sándor Zsótér, Marcin Czarnik, Jerzy Walczak

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „Son of Saul“
Metacritic über „Son of Saul“
Rotten Tomatoes über „Son of Saul“
Wikipedia über „Son of Saul“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von László Nemes‘ „Son of Saul“ (Saul fia, Ungarn 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: Der Oscar-Gewinner „Son of Saul“

März 12, 2016

Oscar als bester ausländischer Film – das ist nach den zahlreichen Preisen, die „Son of Saul“ seit dem Großen Preis der Jury in Cannes erhielt, der Höhepunkt an Ehrungen für den bedrückenden und nicht unumstrittenen Film. Denn es geht auch um die Frage, ob man den Holocaust zeigen kann und wie man ihn zeigt, ohne zum Voyeur zu werden. Dass László Nemes‘ Debütfilm jetzt endlich, mit dem Oscar-Gewinn als Rückenwind, in einigen Kinos bei uns anläuft ist, nun, eine glückliche Fügung, die hoffentlich für mehr Aufmerksamkeit und auch mehr Zuschauer sorgt. Denn „Son of Saul“ ist wirklich kein einfacher Film und auch kein Film, den man sich als Feierabendvergnügen ansieht. Dafür gibt es ja genug andere Filme, die man teilweise schon Stunden nach dem Abspann vergisst. „Son of Saul“ ist da anders.
Im Mittelpunkt steht Saul Ausländer. Er gehört im Oktober 1944 im KZ Auschwitz-Birkenau zum Sonderkommando und was er und die anderen Häftlinge, die zu diesem Arbeitskommando tun, sehen wir in den ersten Minuten in einer langen, komplizierten Plansequenz: er treibt die neu angekommenen jüdischen Häftlinge von den Bahngleisen in das Gebäude, in die Umkleidekabine und in die Gaskammer. Danach schrubben sie hastig die Böden, zerren die Leichen zur Verbrennung und plündern sie.
Nemes, der bei drei Filmen von Béla Tarr dessen Assistent war (unter anderem bei „Der Mann aus London“), schildert dieses Grauen vor allem über die Tonspur und am Bildrand. Oft verschwommen, aber immer deutlich genug erkennbar, um den Blick auf genau diese Ränder zu lenken, die man genauer erkennen will und die man aufgrund seines Vorwissens entziffern kann. Im Mittelpunkt des Bildes ist dabei immer Géza Röhrig, der Saul Ausländer spielt. Mal von vorne, mal von hinten. Entsprechend subjektiv ist der Blick des Films, der auch den zunehmenden Tunnelblick Ausländers spiegelt.
Denn Ausländer glaubt, dass einer Toten, ein Kind, aus seinem Heimatort kommt und sein Sohn ist. Er will ihm ein richtiges jüdisches Begräbnis verschaffen. Dafür benötigt er einen Rabbi.
Ausgehend von dieser Prämisse schickt Nemes seinen Protagonisten auf eine Reise durch das KZ, die er durchgehend in bis zu zehn Minuten langen Szenen erzählt, die, neben dem Bildformat und dem Ton, eine bedrückende Qualität entwickeln. Es ist eine Welt ohne Hoffnung. Und Ausländers Suche nach einem Rabbi für ein ordentliches jüdisches Begräbnis wird, angesichts des um ihn herum tobenden Wahnsinns, zunehmend irrational. Unabhängig davon, ob es sein Sohn ist oder nicht. Es ist der Strohhalm, an den er sich klammert, während gleichzeitig einige KZ-Häftlinge einen historisch verbürgten Aufstand planen.
Der Aufstand scheiterte.

Son of Saul - Plakat

Son of Saul (Saul fia, Ungarn 2015)
Regie: László Nemes
Drehbuch: László Nemes, Clara Royer
mit Géza Röhrig, Levente Molnár, Urs Rechn, Todd Charmont, Sándor Zsótér, Marcin Czarnik, Jerzy Walczak
Länge: 107 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „Son of Saul“
Metacritic über „Son of Saul“
Rotten Tomatoes über „Son of Saul“
Wikipedia über „Son of Saul“ (deutsch, englisch)

DP/30 unterhält sich mit Lászlo Nemes, dem Regisseur des Films, und Mátyás Erdély, dem Kameramann

und, wieder mit dem Regisseur und Hauptdarsteller Géza Röhrig