
Die Ausgangslage liest sich ziemlich konventionell. Will Seems, der Held der Geschichte, ist als Deputy Sheriff nach Jahren wieder in sein Heimatdorf in Euphoria County in Süd-Virginia zurückgekehrt. Es handelt sich um eines dieser Dörfer in einem Landstrich, dessen beste Zeit Jahrzehnte zurückliegt. Seitdem wurde es schlechter. Seems wird von irgendwelchen Schuldgefühlen geplagt.
Am Buchanfang entdeckt er in einem brennenden Haus eine Leiche. Der Hausbesitzer Tom Janders wurde offensichtlich ermordet. Der Brand wurde gelegt, um die Tat zu vertuschen. Seems nimmt Zeke Hathom, den allseits geliebten Vater eines weiteren Jugendfreundes, in der Nähe des Tatortes fest. Ist er der Mörder?
Erfahrene Krimileser werden jetzt empört rufen „Natürlich nicht!“. Das wäre viel zu einfach. Jedenfalls für einen Kriminalroman, einen Polizeiroman und auch einen Country Noir.
Eine so konventionelle Prämisse führt vielleicht nicht zu einem sofortigen Das-muss-ich-unbedingt-lesen-Reflex, aber sie kann die Grundlage für eine spannende Geschichte bilden, die tief in das sich über Jahrzehnte etablierte Geflecht von Schuld und Sühne, von Hoffnungslosigkeit, fehlenden Chancen, Rassismus und, manchmal, Glaube, religiösem Fanatismus, Wahn und Aberglaube eintaucht. James Lee Burke schreibt seit Jahrzehnten solche Geschichten.
In diese Fußstapfen tritt Henry Wise mit seinem Debütroman nicht. Er will es auch nicht.
Für den Kriminalfall interessiert Henry Wise sich kaum. Über viele Seiten wird er nicht weiter beachtet. Dann gibt es im ungefähr am Anfang des letzten Drittels einen Ermittlungsschritt, der normalerweise ganz am Anfang einer Mordermittlung steht. Und schon ist der Täter überführt.
Wise interessiert sich viel mehr für die Vergangenheit seines Ermittlers und seine Schuldgefühle, die auch sein heutiges Handeln bestimmen. Sie sind auch der Grund, weshalb er zu den wenigen Menschen gehört, die nach Euphoria County zurückkehrt sind. Vieles wird von Wise sehr langsam, teils spät in der Geschichte enthüllt.
Und leider formuliert Wise oft recht umständlich. Manchmal wechselt er dabei auch noch innerhalb eines Absatzes assoziativ zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Die Figuren bleiben weitgehend blass. Die Handlung ist nur erahnbar und die polizeilichen Ermittlungen sind nebensächlich.
Als Sittenbild einer US-Provinzstadt überzeugt der Country Noir halbwegs.
Trotzdem hätte ich von einem Edgar-Gewinner – „Holy City“ wurde 2025 als bestes Debüt ausgezeichnet – mehr erwartet.
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Henry Wise: Holy City
(übersetzt von Karen Witthuhn, mit einem Nachwort von Alf Mayer)
Polar, 2026
344 Seiten
26 Euro
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Originalausgabe
Holy City
Atlantic Monthly Press, 2024
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Hinweise
Perlentaucher über „Holy City“
Veröffentlicht von AxelB