Johannes Groschupf erzählt von der „Skin City“

März 5, 2025

Berlin im Sommer 2024: Die Polizistin Romina Winter will herausfinden, wer ihre kleine Schwester zusammengeschlagen hat. Später will die Romni auch Wissen, wer für den Tod ihres Vaters verantwortlich ist. Sie glaubt, dass beide Straftaten miteinander zusammen hängen. Als Polizistin soll sie mit ihrem älteren Kollegen gegen eine Bande Einbrecher ermitteln, die im Stadtgürtel von Berlin und im Umland Villen ausrauben. Koba gehört zu dieser dreiköpfigen aus der georgischen Hauptstadt Tiflis kommenden Bande. Ihre Einbrüche arbeiten sie nach einem vorher von ihrem Boss festgelegten Plan ab. Bei einem Einbruch verletzt Koba sich an einer Fensterscheibe und fällt für einige Tage aus. Danach möchte er in Kanada ein neues Leben beginnen.

Ebenfalls zur gleichen Zeit wird Jacques Lippold aus dem Gefängnis entlassen. Er verbüßte eine zweijährige Strafe wegen Betrugs. Kurz nach seiner Entlassung beschließt er, als Kunstberater Geld zu verdienen. Auch wenn er einiges über Kunst weiß, ist er nicht am Aufbau eines ehrlichen Geschäfts interessiert. Entsprechend zielgenau auf die Erwartungen seiner vermögenden Kundschaft inszeniert er in der verlassenen Lungenheilstätte am Grabowsee seinen ersten Maler, der sich sehr seltsam benimmt und kurz vor seinem großen Durchbruch stehen soll. Die potentiellen Käufer sind begeistert.

Gleich drei Geschichten erzählt Johannes Groschupf auf schlanken 240 Seiten in seinem neuen Thriller „Skin City“. Zuerst gibt es keine offensichtliche Verbindung zwischen ihnen. Aber das ändert sich ziemlich schnell. Und wie Groschupf diese dann am Ende anders als erwartet zusammenbringt, ist große Krimikunst. Die Figuren sind, wie in seinen vorherigen Noirs, aus dem Berliner Großstadtleben gegriffen und eng mit der Metropole verknüpft. Geschrieben hat Groschupf seine Geschichte dann entlang der Hintergrundgeschichten aktueller Schlagzeilen.

Johannes Groschupf: Skin City

Suhrkamp, 2025

240 Seiten

17 Euro

Hinweise

Suhrkamp über Johannes Groschupf

Wikipedia über Johannes Groschupf

Meine Besprechung von Johannes Groschupfs „Berlin Prepper“ (2019)

Meine Besprechung von Johannes Groschupfs „Die Stunde der Hyänen“ (2022)

Johannes Groschupf stellt „Skin City“ vor

Mittwoch, 5. März

Berlin

Veranstalter: Georg Büchner Buchladen, Suhrkamp Verlag

Mittwoch, 12. März

Berlin

Veranstalter: Bezirksamt Reinickendorf

Freitag, 21. März

Berlin

Veranstalter: Berlin-Instanbul Literaturtage

Montag, 28. April

Oranienburg

Veranstalter: Landkreis Oberhavel, Regionalmuseum Oberhavel

Samstag, 14. Juni

Seddiner See

Veranstalter: Heimvolkshochschule Seddiner See


Der aktuelle Deutsche-Krimipreis-Gewinner „Die Stunde der Hyänen“ – in Berlin vorgelesen von Johannes Groschupf

Februar 14, 2023

Im Moment steht Johannes Groschupfs neuer Kriminalroman „Die Stunde der Hyänen“ auf dem zweiten Platz der monatlichen Krimibestenliste. Auf der Jahresbestenliste 2022 stand der Thriller ebenfalls und er erhielt vor wenigen Wochen mit dem Deutschen Krimipreis.

In dem ausgezeichneten Krimi geht es um einen Autobrandstifter und zwei Frauen, die ihn jagen. Die eine ist Romina Winter, eine junge Polizistin, die sich im Dezernat für Branddelikte ihren Ruf erarbeiten will. Vor allem weil die älteren Kollegen sie mit langweiligen Hilfsarbeiten abspeisen. Also beginnt sie in nächtlichen Streifzügen den Täter auf eigene Faust zu suchen. Die andere ist die Journalistin Jette Geppert. Sie schreibt eine Reportage über Radek Malarczyk und soll danach weitere Reportagen über die Jagd nach dem Brandstifter in ihrem Kiez schreiben.

Als der Alkoholiker Radek am 10. Februar in seinem Bulli schläft, wird der Wagen von einem Brandstifter angezündet. Radek entkommt den Flammen in letzter Sekunde, sieht den Täter in einer gegenüberliegenden Toreinfahrt stehen und zieht, nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus, als durch den Brand in seinem Bulli zu Gott bekehrter, alle lautstark bekehren wollender selbsternannter Heiliger durch Kreuzberg.

Ebenfalls durch Kreuzberg zieht der Brandstifter. Es ist der zwanzigjährige Maurice Jaenisch. Der Postbote ist Mitglied der Gemeinde der Jünger Jahwes und seit Jahren verliebt in die zwei Jahre jüngere Britta. Sie gehört ebenfalls zur Gemeinde.

Johannes Groschupf lässt sie durch das meist nächtliche, winterlich kalte Kreuzberg irren. Ihre Wege kreuzen sich in schönster „Short Cuts“-Manier immer wieder und schnell erscheint die Großstadt wie ein Dorf.

Die Stunde der Hyänen“ unterscheidet sich, wie Groschupfs vorherige Thriller, wohltuend vom formatierten Einerlei vieler deutscher Krimis. Seine Figuren haben keine nervigen Marotten. Sie sind individuell und lebensnah gezeichnet. Die Beschreibungen der nächtlichen Großstadt sind dicht. Die Geschichte bewegt sich auf deutlich unter dreihunder Seiten flott voran.

Er spricht, während Jette und Romina den Täter suchen, alle gesellschaftlich relevanten Themen und Schlagzeilen an. Oft nur in wenigen, prägnanten Sätzen und Szenen. Dazu gehören die durch Kreuzberg ziehende proto-faschistische Bürgerwehr, die Beziehung von Jette zu ihrem Freund und, in vielen Schattierungen, sexuelle Gewalt und religiösen Wahn

Er behandelt diese Themen nicht sozialpädagogisch-sozialdemokratisch (wie einst im Soziokrimi) oder nett-humoristisch, sondern im illusionslosen Hardboiled-Stil. Und das ist gut so.

Auf Einladung der Krimibuchhandlung Hammett (meine liebste Kreuzberger Buchhandlung) stellt Johannes Groschupf „Die „Stunde der Hyänen“ am Mittwoch, den 15. Februar 2023, ab 19.00 Uhr im Mühlenhauptmuseum (Fidicinstraße 40, Nähe U-Bahnhof Platz der Luftbrücke, Karten: karten@muehlenhaupt.de) vor.

Johannes Groschupf: Die Stunde der Hyänen

Suhrkamp, 2022

272 Seiten

16 Euro

Hinweise

Perlentaucher über „Die Stunde der Hyänen“

Suhrkamp über Johannes Groschupf

Wikipedia über Johannes Groschupf

Meine Besprechung von Johannes Groschupfs „Berlin Prepper“ (2019)


„Berlin Prepper“, man muss ja vorbereitet sein

Juni 20, 2019

Der Titel und das Cover sind schon einmal zu gute Argumente, um das Buch zu lesen. Also jedenfalls, um mit der Lektüre zu beginnen. Auch der Klappentext klingt interessant.

Aber das heißt vor allem, dass die Werbeabteilung gute Arbeit geleistet hat.

Fachlicher ist da schon die Krimibestenliste. Dort steht Johannes Groschupfs „Berlin Prepper“ auf dem ersten Platz.

Groschupf, ein früherer Reisejournalist und Jugendbuchautor, erzählt in „Berlin Prepper“ eine Geschichte nah an den aktuellen Schlagzeilen und gesellschaftlichen Problemen. Sein Ich-Erzähler, der Mittvierziger Walter Noack, ist Content Moderator einer großen Zeitung (die ungefähr im Axel-Springer-Hochhaus beheimatet ist). Er liest und löscht unzählige Leserkommentare. Im Sekundentakt muss er entscheiden, ob ein pöbelnd-hetzerischer Kommentar gegen die Regierung und Flüchtlinge noch gerade zu tolerieren ist oder gelöscht werden muss.

In seiner Freizeit ist er ein Prepper. In seiner Wohnung lagert er Vorräte für mehrere Monate und alle erdenklichen Katastrophen (Kleiner Hinweis: es gibt auch andere Dosennahrung als Ravioli). In der Stadt hat er einige Verstecke mit Vorräten angelegt. Er treibt Sport, lebt allein und hat sporadisch Kontakt zu seinem erwachsenem Sohn Nick.

Eines Nachts wird er beim Verlassen des Redaktionsgebäudes zusammengeschlagen. Der Täter kann unbekannt entkommen.

Wenige Wochen später wird seine Kollegin Peppa, eine Studentin, mit der er befreundet ist, ebenfalls vor dem Redaktionsgebäude angegriffen. Sie kann sich allerdings wehren und beißt dem Angreifer in die Hand.

Die an den Ermittlungen desinteressierte Polizei kommt bei ihren Ermittlungen nicht weiter. Also beginnen Noack, Nick und Peppa den Täter zu suchen. Er soll aus dem Containerdorf für Flüchtlinge kommen.

Zur gleichen Zeit gerät Noack immer stärker in die rechte und Reichsbürgerszene, die sich für einen kommenden Krieg präpariert und sehr gute Kontakte zur Polizei hat.

Das liest sich jetzt vielleicht wie der Auftakt für einen spannenden Thriller. Immerhin wird „Berlin Prepper“ als Thriller angekündigt. Aber das ist er nicht. Eher schon ein Roman und das Psychogramm eines Mannes, der ein Prepper ist und der etwas ins rechte Milieu hineinschnuppert.

Groschupf schildert das mit einem Blick für Details, die für ein authentisches Berlin-Feeling sorgen. Die zahlreichen Nennungen von Straßen und Plätzen tragen ebenfalls dazu bei. Auch sprachlich überzeugt der Roman, der nicht witschig sein will und auch dem Leser auch nicht die richtige Meinung einhämmern will. Kühl, fast wie ein objektiver Beobachter, schildert Noack sein Leben und warum es sinnvoll ist, sich auf Katastrophen vorzubereiten. Er selbst erlebte als Jugendlicher Tschernobyl und die darauf folgende Angst vor Strahlen. Ältere Berliner erinnern sich noch an die Luftbrücke und noch immer gibt es von der Regierung Hinweise für den Fall einer Katastrophe. Ein ausreichender Vorrat von Lebensmitteln gehört dazu.

Umso enttäuschender ist der Plot. Wenn man „Berlin Prepper“ streng innerhalb der Konventionen eines Thrillers betrachtet, muss man sogar von einem Reinfall sprechen.

Noack findet viel zu leicht heraus, wer die Straftaten begangen hat. Letztendlich gestehen die Täter ihm frank und frei, was sie warum getan haben und das Finale (laut Klappentext: „während der brutalen Sommerhitze zu Großbränden, Unruhen und offener Anarchie kommt“) enttäuscht. In dem Moment will auch keine Spannung aufkommen, weil es keinen Antagonisten gibt und es auch vollkommen unklar ist, auf welchen finalen Konflikt die Geschichte sich hinbewegt. Denn die verschiedenen Täter sind schon vor dem Finale überführt und, was entscheidender ist, Noack interessiert sich nicht weiter für sie. Die im Finale folgenden Ereignisse haben dann auch keine sich aus den vorherigen Ereignissen ergebenden Konsequenzen, weil sie mit diesen Ereignissen nichts zu tun haben. Emotional berühren sie nicht.

Als Roman, sozusagen als verspätete Coming-of-Age-Geschichte, in der der Protagonist am Ende der Geschichte endlich seinen Heimatort verlässt, ist das etwas anderes. Aber mit dieser Leseerwartung bin ich nach Cover und Klappentext nicht an „Berlin Prepper“ herangegangen.

Letztendlich ist „Berlin Prepper“ ein Roman, der eine gute Idee, aber keinen Plot hat. Er ist nicht wirklich schlecht, aber auch nie so gut, wie die Werbeabteilung verspricht und man nach dem ersten Platz auf der Krimibestenliste glauben könnte.

Johannes Groschupf: Berlin Prepper

Suhrkamp, 2019

240 Seiten

14,95 Euro

Hinweise

Suhrkamp über Johannes Groschupf

Perlentaucher über „Berlin Prepper“