Die stumme Liz arbeitet im Wilden Westen in einer frommen Gemeinde als Hebamme. Als sie den neuen Prediger sieht, ist sie entsetzt. Sie reagiert, als habe sie den Leibhaftigen gesehen.
TV-Premiere. Umständlich in Rückblenden erzählter Noir-Western, der wegen seiner Struktur sein Potential nie voll ausschöpft. Für Fans des Spät- und Italowestern oder von Tom Franklins „Smonk“ ist „Brimstone“ allerdings allemal einen Blick wert.
Wer „Nomadland“ für einen der besten Filme des Jahres hält und deswegen den neuen Film von Chloé Zhao ansehen will, sollte es bleiben lassen. „Nomadland“ war ein vor Ort, mit Laien gedrehtes, mit mehreren Oscars, unter anderem als „Bester Film“, ausgezeichnetes Independent-Drama.
„Eternals“ ist Blockbuster-Kino mit Stars, exotischen Drehorten und einer eingeschworenen Fanbase, die bedient werden will. Immerhin ist „Eternals“ der 25. Film im unglaublich erfolgreichem Marvel Cinematic Universe (MCU) und, nach „Black Widow“ und „Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings“, ist dies der dritte Film der vierten Phase. Oder, anders gesagt, der Neustart nach „Avengers: Endgame“. In dem Film wurden die vorherigen Marvel-Filme zusammengeführt und abgeschlossen. Jetzt soll es mit neuen Figuren, wie Shang-Chi und den Eternals, alten Bekannten (im Dezember geht es mit Spider-Man weiter. Für 2022 sind Filme mit Doctor Strange, Thor und Black Panther angekündigt.) und einer neuen Herausforderung weiter gehen.
Um welche es sich dabei handelt, ist allerdings noch unklar. Ebenso unklar ist, in welche Richtung sich das MCU entwickeln soll. In Shang-Chi und den Eternals gibt es keine Gastauftritte etablierter Marvel-Helden. Aber beide Filme spielen nach „Avengers: Endgame“, es gibt Welten, mit denen die Avengers nichts zu tun hatten (jedenfalls weitgehend) und es gibt so langsam das Problem, dass es zu viele Superhelden für zu wenige Gefahren gibt. Oder anders gesagt: Wo waren die Eternals als die Avengers die Welt, das Universum und den ganzen Rest retten mussten?
Denn die Eternals wurden vor siebentausend Jahren von den Celestials, einem Geschlecht kosmischer Schöpfer, von dem Planeten Olympia auf die Erde geschickt. Sie sollen die Menschen vor den Deviants, hässlich aussehenden interstellaren Raubtieren, schützen. Nachdem ihnen das gelang, lebten sie weiter auf der Erde als sich im Hintergrund haltende Wächter. Bei keiner der uns aus den Geschichtsbüchern bekannten Katastrophe griffen sie kein; bei keiner der uns aus Marvel-Geschichten bekannten Katastrophe griffen sie ein. Denn sie sollten den Lauf der Menschheitsgeschichte nicht beeinflussen.
Bis jetzt. Denn jetzt tauchen die Deviants wieder auf und den Eternals bleiben, wie wir ungefähr in der Filmmitte in einer Rückblende erfahren, nur wenige Tage, um die Welt zu retten.
Die Eternals wurden 1976 von Jack Kirby für Marvel Comics erfunden und durchlebten seitdem in den Comics einige Wandlungen. Im Film sind sie eine zehnköpfige, zu gleichen Teilen aus Frauen und Männern bestehende, sehr diverse Truppe. Sie besteht aus Sersi (Gemma Chan), Ikaris (Richard Madden), Ajak (Salma Hayek), Thena (Angelina Jolie), Druig (Barry Keoghan), Kingo (Kumail Nanjiani), Phastos (Brian Tyree Henry), Gilgamensch (Don Lee [Ma Dong-Seok]), Makkari (Lauren Ridloff) und Sprite (Lia McHugh). Sie alle haben mehr oder weniger ausgeprägte und nützliche Superkräfte. Und sie können sich zu einem Uni-Mind vereinigen und so noch viel stärker werden.
Durch ihre Diversität unterscheiden die Eternals sich von den Avengers, die ein Club weißer Männer sind (ja, Hulk ist grün und Black Widow eine Frau), und den Guardians of the Galaxy. In ihnen sind auch eine grüne Außerirdische, ein schießwütiger Waschbär und ein sprechender Baum dabei, aber die Guardians sind primär eine bunte Science-Fiction-Truppe, die in einer weit, weit entfernten Galaxis für Unruhe sorgen und dabei ihren Spaß haben. Mit einer klaren Rollenverteilung zwischen Haupt- und Nebenfiguren.
Die Eternals sind eine todernste, gleichberechtigte Göttertruppe. Nur bei den gemeinsamen Mahlzeiten kommt ein mildes „Avengers“-Gefühl auf. Allerdings wirken bei den Eternals die Tischgespräche gezwungen locker und witzig. Außerdem fehlt hier die enge emotionale Verbindung des Zuschauers zu den Figuren, die es bei den Avengers gibt. Sie wurden über mehrere Einzelfilme dem Publikum vorgestellt und schlossen sich erst später zu den Avengers zusammen. Das war eine gute Strategie von Marvel, um uns mit den Figuren, ihren Fähigkeiten und Schrullen vertraut zu machen. Das muss Chloé Zhao jetzt in einem Film erledigen und es gelingt ihr immerhin, dass am Ende, auch dank der bekannten Schauspieler, die zehn Eternals ein minimales individuelles Profil haben.
Der Film selbst ist eine kontemplativ inszenierte Mischung aus ellenlangen Erklärdialogen, etwas Witz (ein Eternals-Mitglied ist ein extrovertierter Bollywood-Schauspieler und er wird von einem Kameramann, der alles aufzeichnet, begleitet), etwas CGI-Action (vor allem wenn die Deviants im Bild sind) und sinnlosen Rückblenden. Denn Zhao zeigt, wie die Eternals in den vergangenen Jahrhunderten an verschiedenen historisch wichtigen Orten waren und sie sich, mal mehr, mal weniger, in die Geschichte der Menschheit einmischten. Keine dieser Szenen bringt die Handlung voran oder verrät etwas wichtiges über die einzelnen Figuren. Aber sie weisen schon auf ein Problem des Films hin: er ignoriert immer wieder seine eigenen Regeln. Schließlich sollen die Eternals sich nicht in die Menschheitsgeschichte einmischen. Sie tun es dann doch. Manchmal. Sie sind unsterblich. Jedenfalls meistens. Halt so, wie es gerade in die Filmgeschichte passt. Sie haben sich in den letzten Jahrhunderten, nachdem sie die Deviants besiegt haben, getrennt und über den Globus zerstreut. Einerseits wissen sie nicht, wo die anderen Eternals sind, andererseits finden sie problemlos zueinander und können in Sekunden verschiedene Orte besuchen. Damit wird alles beliebig und jedes Problem kann mit etwas Magie oder Glauben behoben werden. Oder, wenn es so besser in die Geschichte passt, nicht.
„Eternals“ ist ein Film wie von einem Komitee gemacht, das unwichtige Fragen beantwortet und den Rest ignoriert. Als hätte es keinen Syd Field gegeben. Aber auch ohne die Lektüre von Syd Field stellt sich die Frage, warum Marvel jetzt beginnt, die Fehler des DC Extended Universe (DCEU) nachzuahmen.
Eternals (Eternals, USA 2021)
Regie: Chloé Zhao
Drehbuch: Chloé Zhao, Patrick Burleigh, Ryan Firpo, Kaz Firpo (nach einer Geschichte von Ryan Firpo und Kaz Firpo) (basierend auf dem Marvel-Ensemble von Jack Kirby)
mit Gemma Chan, Richard Madden, Kumail Nanjiani, Lia McHugh, Brian Tyree Henry, Lauren Ridloff, Barry Keoghan, Don Lee (Ma Dong-seok), Kit Harington, Salma Hayek, Angelina Jolie
Martin Koolhovens letzter Film „Mein Kriegswinter“ lief schon vor einigen Jahren im Kino. Danach wollte er einen Western drehen. Die Produktion seines englischsprachigen Debüts zog sich dann länger hin als erwartet, was unter anderem an Problemen beim Drehbuch und dem langen, alle Jahreszeiten umfassenden Dreh lag. Letztes Jahr hatte „Brimstone“ beim Filmfestival Venedig seine Premiere und der Film ist keine leichte Kost. Weniger wegen seiner Länge, sondern wegen der gezeigten Gewalttätigkeiten, die vor allem von Männern gegen Frauen ausgeübt werden, und seiner unnötig komplizierten Struktur.
Der Western beginnt mit einem Prolog, der am Filmende wieder aufgenommen wird. Dazwischen erzählt er in vier Kapiteln, die sich chronologisch immer weiter in die Vergangenheit von Liz (Dakota Fanning) zurückbewegen. Das ist formal nicht uninteressant, verhindert aber auch eine emotionale Bindung an die Protagonistin, deren Handlungen lange rätselhaft bleiben.
Sie hat, als wir sie das erste Mal sehen, keine Zunge, aber ihr liebevoller Mann sieht darüber hinweg und sie ist die geachtete Hebamme des Dorfes. Als sie sich bei einer Notgeburt in der Kirche zwischen dem Leben des Kindes und der Mutter entscheiden muss, leidet ihr Ruf. Sie habe zu Unrecht Gott gespielt. Das wirft ihr der neue Priester (Guy Pearce, mit spürbarer Lust an seiner diabolischen Rolle) vor. Als Liz den Gottesmann zum ersten Mal in der Kirche sieht, reagiert sie, als habe sie den Leibhaftigen gesehen.
In den folgenden drei Kapiteln des gut hundertfünfzigminütigen Western erfahren wir dann, wie Liz ihre Zunge verlor (keine angenehme Geschichte) und woher sie den Prediger kennt. Ebenfalls keine angenehme Geschichte, die einen tiefen Einblick in religiöse Wahngebilde und archaische Geschlechterverhältnisse gibt.
Die von Koolhoven gewählte Struktur führt dazu, dass „Brimstone“ sich mehr wie eine Detektivgeschichte entfaltet, bei der man wissen will, was die Verbindung zwischen Liz und dem teuflischen Priester ist. Das mag intellektuell befriedigen. Gleichzeitig wird „Brimstone“ zu einem verkünstelten Arthaus-Film, bei man sich fragt, warum Koolhoven seine Geschichte nicht einfach chronologisch erzählt. Dann wäre die brutale Geschichte wesentlich kraftvoller, die Identifikation mit Liz größer und das Thema des Films über den gesamten Film präsent.
Für Westernfans, vor allem Fans des Spät- und Italowestern oder von Tom Franklins „Smonk“, ist „Brimstone“ dagegen eine Offenbarung, die auch zeigt, welche religiösen Spinner damals aus Europa in die USA auswanderten.
Fans von Jeff Bridges und Julianne Moore können getrost auf „Seventh Son“ verzichten.
Auch die Fans von Joseph Delaneys Jugendbuch „Spook – Der Schüler des Geisterjägers“ dürften von „Seventh Son“ enttäuscht sein. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass Delaneys Roman, der der Auftakt einer erfolgreichen Kinder-/Jugendbuch-Serie, die es inzwischen auf dreizehn Romane gebracht hat, so schlecht wie Sergei Bodrovs Verfilmung ist. Und, wenn wir gerade dabei sind, Sergei Bodrovs vorherige Filme, wie „Der Mongole“, dürften auch alle besser als dieses halbgare Fantasy-Abenteuer sein, das nie weiß, welche Geschichte es denn nun erzählen möchte, während die Programmierer sich im Pixelrausch austoben.
In der „Seventh Son“-Fantasy-Welt gibt es natürlich Hexen und sonstige nicht ganz menschliche Wesen. Als Kämpfer gegen sie und die Schwarze Magie gibt es sogenannte Spooks. Einer von ihnen ist John Gregory (Jeff Bridges im „True Grit“-Modus), dessen Schüler gerade von der Hexe Mutter Malkin (Julianne Moore in „Razzie“-Hoffnung) getötet wurde. Also sucht Gregory einen neuen Schüler, der der siebte Sohn eines siebten Sohns sein muss. Das sind nämlich ganz starke Jünglinge. Tom (Ben Barnes) ist der Auserwählte, der auch der Sohn einer Hexe ist; was für seine seherischen Qualitäten gut ist. Ach ja: es gibt drei Arten von Hexen: die Guten, die Bösen und die, die es noch nicht wissen. – – – Kein Kommentar zu diesem Hexenkonzept. Immerhin ist nicht jede Frau eine Hexe.
Jedenfalls bandelt der Jüngling auch mit einer Schönheit an, die sich als Hexe entpuppt. Sie sagt, dass sie keine böse Hexe sei und schon steht ihrer Liebe nichts mehr im Weg. Außerdem ist seine Mutter auch eine Hexe.
Weil es demnächst wieder einen Blutmond gibt und Mutter Malkin dann halt tun will, was böse Hexen so tun, muss Gregory Tom schnell ausbilden und mit dem Jüngling in die Schlacht ziehen.
Und irgendwann erfahren wir auch, dass Toms Lehrmeister und Mutter Malkin eine gemeinsame Vergangenheit haben.
Bodrov erzählt diese Geschichte nach einem Drehbuch von Charles Leavitt („The Mighty – Gemeinsam sind sie stark“, „K-PAX – Alles ist möglich“, „Blood Diamond“) und Steven Knight („Tödliche Versprechen – Eastern Promises“, „No turning back“, „Peaky Blinders – Gangs of Birmingham“), die hier wohl ihr schlechtestes Werk ablieferten. Denn nie kann sich der Film entscheiden, ob er jetzt die Geschichte von John Gregory, dem Lehrer, der gegen seine frühere Geliebte kämpfen muss, und der einen großen Verschleiß an Auszubildenden hat, oder die von Tom, der von Jungen zum Mann wird, erzählen will. Also werden einfach einige Szenen nacheinander abgehandelt, die wohl so etwas wie die Origin Story von Tom ergeben sollen, die aber vor allem langweilen. Und – auch wenn das Drehbuch vielleicht viel besser war – ist der Film einfach nur eine lustlose Abfolge sattsam bekannter Szenen mit viel CGI und wenig Herz. Natürlich in 3D.
Da sieht man sich besser noch einmal Percy Jackson an.
P. S.: Gedreht wurde der Film bereits 2012. Danach gab es zwischen den Studios etwas Hin und Her.
Auf der Comic-Con. 2011. Vor dem Start der Dreharbeiten reden Sergei Bodrow, Jeff Bridges, Ben Barnes und Alicia Vikander über den Film
2013 waren sie wieder auf der Comic-Con. Sergei Bodrow, Jeff Bridges, Ben Barnes, Antje Traue und Kit Harrington reden über den Film (Bild- und Tonqualität sind nicht so gut)