Neu im Kino/Filmkritik: „Die Stimme von Hind Rajab“, packender Thriller, erzählt mit problematischen Mitteln

Januar 24, 2026

Die Stimme von Hind Rajab“ basiert auf einer wahren Geschichte. Kaouther Ben Hania erzählt sie packend als Thriller mit einer klaren Zuordnung von Gut und Böse.

Und ungefähr in diesem Moment beginnen die Probleme.

Hind Rajab war ein sechsjähriges Mädchen, das am 29. Januar 2024 die Notrufzentrale des Palästinensischen Roten Halbmonds, dem dortigen Roten Kreuz, anrief. Sie versteckt sich in einem unter Beschuss stehendem Auto.

Bei uns würde in dem Moment der Rettungswagen losgeschickt. Einige Minuten später – hier in Berlin um, meistens unter, zehn Minuten – wäre das Mädchen gerettet. Im Gazastreifen ist das nicht so einfach. Vor einer Rettung muss ein sicherer, penibel geplanter Rettungsweg organisiert werden. Das bedeutet Absprachen mit den Israelis und anderen Konfliktparteien. Denn der Schichtleiter will keine weiteren seiner Sanitäter im Kugelhagel verlieren. Die Israelis sind in dem Kriegsgebiet in dem Moment die größte Konfliktpartei. Sie können die Rettung ermöglichen. Oder verhindern. Als gesichtslose Bösewichter des Films zögern und verhindern sie die Rettung.

Kaouther Ben Hania konzentriert sich in ihrem Spielfilm auf die Notrufzentrale und die dort anwesenden Menschen, die am Telefon Anrufe entgegennehmen und Rettungswagen und Ärzte losschicken. Omar nimmt den aus Gaza kommenden Anruf von Hind Rajab entgegen. Er redet mit ihr. Wenn es für ihn zu viel wird, übernehmen Kollegen das Gespräch. Er ist von Hinds Leid emotional so betroffen, dass er auch hinter dem Rücken von seinem Chef versucht, Hilfe zu organiseren.

Von Hind Rajab hören wir in der Originalfassung nur ihre Stimme am Telefon. Und hier wird es schwierig. Denn Kaouther Ben Hanian hat die Originalaufnahmen verwendet. Hinds Mutter war mit der Verwendung der Stimme ihrer Tochter einverstanden. Der Thriller entstand in Zusammenarbeit mit dem Palästinensischen Roten Halbmond. Ben Hania geht offen damit um. Und das macht es vielleicht sogar noch schwieriger.

Denn diese Originalaufnahmen entfalten eine beträchtliche emotionale Wirkung. Es sind die letzten Worte eines zu Tode geängstigten Kindes. Verantwortlich für Hinds Tod ist allein Israel.

Die Stimme von Hind Rajab“ erzählt nicht nur eine spannende Geschichte, ähnlich den Thrillern „The Guilty“ (Dänemark 2018) und „The Call – Leg nicht auf“ (USA 2013), sondern er ist auch Propaganda, die eben durch das Verwenden der Originaltonbänder berührt und emotionalisiert. Schnell ergreift man für eine Seite in dem Konflikt Partei.

Inwiefern man diese Verwischen der Grenze zwischen Dokumentar- und Spielfilm goutiert, muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich selbst habe da ein eher schlechtes Gefühl, das ich auch hätte, wenn die Orginalstimme von einem in Brandenburg verunglücktem Brandburger käme, der bei der dortigen Rettungsstelle anruft und auf Hilfe wartet, während er verblutet. Im schlechtesten Fall würde die Originalstimme für einen billigen dramaturgischen Effekt benutzt, im besten Fall – und das ist „Die Stimme von Hind Rajab“ – emotionalisiert sie und lässt einen bedingungslos für eine Seite Partei ergreifen. Zu diesem Effekt trägt auch bei, dass Ben Hania idealtypisch und gekonnt die Thrillerkonventionen benutzt, wie eine kurze Meldung in einer Tageszeitung nur einen kleinen Ausschnitt aus der Realität betrachtet und folgerichtig auf jede Analyse verzichtet.

Als Fazit dieser Zerrisenheit bleiben drei Worte: sehenswert, diskussionswürdig, problematisch.

Die Stimme von Hind Rajab (The Voice of Hind Rajab/Sawt Hind Rajab, Tunesien/Frankreich 2025)

Regie: Kaouther Ben Hania

Drehbuch: Kaouther Ben Hania

mit Saja Kilani, Motaz Malhees, Clara Khoury, Amer Hlehel

Länge: 89 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

AlloCiné über „Die Stimme von Hind Rajab“

Moviepilot über „Die Stimme von Hind Rajab“

Metacritic über „Die Stimme von Hind Rajab“

Rotten Tomatoes über „Die Stimme von Hind Rajab“

Wikipedia über „Die Stimme von Hind Rajab“ (deutsch, englisch, französisch) und Hind Rajab (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Zu James Watkins‘ US-Remake von „Speak no evil“

September 19, 2024

Ein Jahr nach dem Original startet jetzt das US-Remake von „Speak no evil“ im Kino und weil fast jedes Wort über das Remake auch als Spoiler über das Original interpretiert werden kann, gibt es jetzt einmal eine allgemeine, allumfassende Spoilerwarnung, die ausdrücklich auch für den Trailer gilt.

Vor einem Jahr erzählte Christian Tafdrup in seinem Horrorthriller „Speak no evil“ eine ziemlich gemeine Geschichte mit einem zugleich gemeinem, schockierendem und diskussionswürdigem Ende. Es geht, ich folge jetzt bei den Namen und Orten dem Remake, um das Ehepaar Dalton. Bei einem Toskanaurlaub lernen Ben (Scoot McNairy) und Louise Dalton (Mackenzie Davis) Paddy (James McAvoy) und Ciara Field (Aisling Franciosi) kennen. Sie verstehen sich gut. Auch ihre Kinder, Daltons elfjährige Tochter Agnes (Alix West Lefler) und Fields etwa gleichaltriger, stummer Sohn Ant (Dan Hough), verstehen sich gut. Am Ende des Urlaubs werden die Adressen ausgetauscht und das war es. Normalerweise. Aber die Fields laden die in London lebenden Daltons zu einem Wochenende auf ihrem einsam in der westenglischen Provinz liegenden Hof ein. Die Daltons nehmen die Einladung an. So ein Wochenende könnte eine schöne Abwechslung sein.

Schon kurz nach ihrem Eintreffen kommt es zu ersten Irritationen. Die Gastgeber verhalten sich immer wieder seltsam. Vor allem Paddy ist immer wieder übergriffig und schlichtweg unhöflich. Die Daltons sind immer wieder irritiert. Aber letztendlich verbuchen das Verhalten der Fields immer wieder unter ‚Missverständnis‘ und ‚kulturelle Unterschiede‘ zwischen Amerika und England, zwischen Stadt und Land.

Blumhouse sicherte sich die Rechte an Tafdrups hochgelobtem Horrorthriller. James Watkins inszenierte und schrieb auch das neue Drehbuch, das über weite Strecken einfach die Herkunft der beiden Ehepaare änderte. Im Original wird das dänische Paar von einem holländischem Paar zu sich nach Hause eingeladen. Im Remake wird aus den beiden Urlauberpaaren ein in London lebendes, aus den USA kommendes Paar und ein in der englischen Provinz lebendes Paar.

Bis zum dritten Akt sind die Unterschiede zwischen Original und Remake marginal und oft eher Geschmacksache. Einiges fällt bei James Watkins auch kürzer aus, weil sein Finale länger und konventioneller ist. Er macht aus einem Horrorthriller, der mit seinem Ende Diskussionen anregt, einen 08/15-Actionthriller, der als Update von Sam Peckinpahs „Wer Gewalt sät“ (Straw Dogs) oder Watkins‘ Horrorthriller „Eden Lake“ gesehen werden kann. In allen drei Filmen geht es um den Zusammenprall von linksliberalen, gebildeten, Gewalt ablehnenden Städtern und zurückgebliebenen, gewalttätigen und sexuell freizügigen Landbewohnern. Ratio trifft auf Trieb. Missverstädnisse, Vorurteile und die Unfähigkeit darüber zu sprechen, treiben den Konflikt weiter an.

Und jedes Mal antworten die Städter am Ende mit brachialer Gewalt auf Gewalt. „Speak no evil“ endet in einem Blutbad, das alles außer kathartisch ist. Dieses Ende ist das Gegenteil des überaus beunruhigenden Ende des Originals. In ihm bleiben die Gäste bis nach dem bitteren Ende duldsam. Nie ergreifen sie eine Chance zur Flucht. Nie wehren sie sich. Und genau dieses Ende führt nach dem Abspann zu erregten Diskussionen über den Film. Christian Tafdrup stellt die Frage, wie sehr man sich unterdrücken lässt. Und er gibt eine provozierende Antwort. Watkins beantwortt die Frage mit einem zu keiner Diskussion anregendem Finale. Wie in unzähligen anderen Filmen wird Gewalt einfach mit Gewalt beantwortet.

So ist Watkins „Speak no evil“ als straff inszenierter, gut besetzter 08/15-Thriller mit vorhersehbarem Ende durchaus gelungen. Aber nicht mehr.

Speak no evil (Speak no evil, USA 2024)

Regie: James Watkins

Drehbuch: James Watkins (nach dem Drehbuch „Gæsterne“ von Christian Tafdrup und Mads Tafdrup)

mit James McAvoy, Mackenzie Davis, Aisling Fanciosi, Alix West Lefler, Dan Hough, Scoot McNairy, Kris Hitchen, Motaz Malhees

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Speak no evil“

Metacritic über „Speak no evil“

Rotten Tomatoes über „Speak no evil“

Wikipedia über „Speak no evil“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von James Watkins‘ „Bastille Day“ (Bastille Day, USA/Frankreich/Großbritannien 2016)

Meine Besprechung von James Watkins‘ „McMafia – Staffel 1“ (McMafia, Großbritannien 2018)

Meine Besprechung von Christian Tafdrups „Speak no evil“ (Gæsterne, Dänemark/Niederlande 2022)