Neu im Kino/Filmkritik: Nanni Moretti behauptet „Das Beste liegt noch vor uns“

Februar 12, 2026

Nanni Moretti dreht einen Film mit sich in der Hauptrolle, über einen Regisseur der einen Film dreht, der Nanni Moretti sein könnte. Das ist für langjährige Fans von Nanni Moretti nichts Neues. Seine Spielfilme waren in den vergangenen Jahrzehnten auch immer mehr oder weniger offensichtliche und autobiographische Auseinandersetzungen mit seinem Leben, seinen politischen Ansichten und seinem Heimatland Italien. Wie alle Linksintellektuellen haderte er oft mit den Wahlentscheidungen seiner Landsleute. Und er fährt wieder durch die leeren Straßen Roms. Dieses Mal nicht auf einer Vespa, sondern, ganz im Trend, auf einem E-Scooter.

In diesem Moment kommt Giovanni (so heißt Nanni Moretti in dem Film) zur Ruhe. Dazwischen wird er zur Verzweiflung getrieben von jüngeren Mitarbeitern, die nicht glauben wollen, dass es in Italien Kommunisten gab. Die gibt es ja nur in Russland. Und von deutlich jüngeren Netflix-Angestellten, die seinen Film finanzieren wollen, ihm wiederholt sagen, dass ihre Filme in 190 Länder gezeigt würden, und er dafür in einer bestimmten Minute etwas bestimmtes zeigen müsse und der Film einen What-the-fuck-Moment haben müsse. Das sind Drehbuchregeln, die knallhart mit dem europäischen Kino kollidieren.

Er selbst treibt seine Familie und seine Mitarbeiter mit peinlich zu befolgenden Ritualen halb in den Wahnsinn. Aber trotz aller Schrullen ist er doch ein höchst sympathischer Zeitgenosse.

Auch wenn er sich in die Schlusseinstellung eines Gangster-Thrillers, den seine Frau produziert, einmischt. Diese Gewalttätigkeit verstoße gegen alle filmischen Prinzipien (Endlich hält jemand filmische Reinheitsgebote hoch und glaubt an die Kraft der Kunst!). Er stoppt die gesamten Dreharbeiten, ruft Kollegen an, fragt sie um ihre Meinung. Am Ende sogar Martin Scorsese.

Dazwischen sehen wir den Film, den Giovanni dreht. In dem, bis auf die Teile, die an Giovannis Wünsche angepasst werden, historisch akkuratem Drama geht es um eine Richtungsentscheidung in der Kommunistischen Partei Italiens. 1956 besucht ein aus Ungarn kommender Zirkus eine moderne Betonsiedlung. Als die Sowjetunion in Ungarn einmarschiert und die Artisten um Unterstützung für ihr Land bitten, vertreten der linientreue Redakteur der Parteizeitung und seine Sekretärin gegensätzliche Positionen. Für Giovanni ist sein neuer Film ein politisches Aufklärungswerk. Seine Hauptdarstellerin behauptet dagegen, es handele sich um eine Liebesfilm und sie will die Drehbuchzeilen nicht präzise aufsagen, sondern nachempfinden.

Und es wird mehr gesungen und getanzt als in Morettis anderen Filmen. Das dürfte der größte Unterschied zu seinen früheren Filmen sein.

Das Beste liegt noch vor uns“ ist ein wundervoll leichter, charmant vor sich hin improvisierter Sommerfilm, der mühelos zwischen den verschiedenen Geschichten hin- und herspringt. Moretti erzählt dies, gewohnt, leicht satirisch, humorvoll, vor positiver Energie strotzend und nie verletzend. Fast drei Jahre nach seiner Internationalen Premiere 2023 in Cannes – in Italien lief die Komödie bereits im April 2023 an – kommt diese überaus vergnügliche und Laune machende Komödie, die auch eine schöne Liebeserklärung an das Kino und die Kinokultur ist, auch bei uns in die Kinos.

Das Beste liegt noch vor uns (Il sol dell’avvenire, Italien 2023)

Regie: Nanni Moretti

Drehbuch: Francesca Marciano, Nanni Moretti, Federica Pontremoli, Valia Santella

mit Nanni Moretti, Margherita Buy, Silvio Orlando, Barbora Bobulova, Mathieu Amalric, Zsolt Anger, Jerzy Stuhr, Valentina Romani, Teco Celio, Elena Lietti, Flavio Furno

Länge: 95 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Das Beste liegt noch vor uns“

Metacritic über „Das Beste liegt noch vor uns“

Rotten Tomatoes über „Das Beste liegt noch vor uns“

Wikipedia über „Das Beste liegt noch vor uns“ (deutsch, englisch, italienisch)

Meine Besprechung von Nanni Morettis „Mia Madre“ (Mia Madre, Italien/Frankreich 2015)

Meine Besprechung von Nanni Morettis „Drei Etagen“ (Tre Piani, Italien/Frankreich 2021)


Neu im Kino/Filmkritik (kurz): Über Paolo Sorrentinos „Parthenope“

April 10, 2025

Parthenope ist in Homers Odyssee der Name einer der Meerjungfrauen, die mit ihrer verführerischen Stimme Seeleute und Reisende ins Verderben lockt.

Parthenope ist auch eine Bezeichnung der Neapolitaner für ihre Stadt Neapel.

Parthenope ist in Paolo Sorrentinos neuem Film „Parthenope“ der Name einer Neapolitanerin. In seinem Film erzählt er ihr Leben von ihrer Geburt 1950 bis in die Gegenwart. Er konzentriert sich dabei auf die Jahre zwischen 1968 und 1974, als sie als junge Schönheit reihenweise Männern den Kopf verdreht und an der Universität Anthropologie studiert. Sie ist immer gelangweilt und die schönste und klügste Person im Raum.

Paolo Sorrentino illustriert dieses sorgenfreie Leben am sommerlich-sonnigen Mittelmeer in einer Abfolge exquisit aussehender Stillleben und kluger Kalendersprüche.

Das sieht in jeder Sekunde gut aus. Aber es bleibt leblos. Parthenope entwickelt nie mehr Persönlichkeit als ein Playboy-Model. Sorrentinos Blick auf sie und die sie umgebenden halbnackten, ebenfalls gut aussehenden Männer ist voyeuristisch. Es fehlt die in seinem früheren Film „Ewige Jugend“ vorhandene Brechung. Dort sinnierten zwei alte Männer beim Anblick einer jungen Schönheit über ihr Alter und die Vergänglichkeit. In „Parthenope“ gibt es nur noch Bilder von schönen Menschen in einer schönen Landschaft.

Es gibt viele Anspielungen auf die Geschichte Neapels und Italiens, die Kirche und, sich in Prüfungen und Begegnungen mit ihrem Professor erschöpfend, die Wissenschaft. Die meisten Anspielungen können wahrscheinlich nur Einheimische dechiffrieren.

Gary Oldman darf als der von Parthenope bewunderte Schriftsteller John Cheever einige Minuten betrunken im Bild herumhängen und kluge Sätze sagen.

Als großformatiger Bildband mit einigen Sätzen aus dem Drehbuch funktioniert diese Liebeserklärung an die Schönheit der jungen Frau, Neapels und des untergegangenen „La dolce vita“-Italien der sechziger und frühen siebziger Jahre sicher prächtig. Im Kino nicht.

Parthenope (Parthenope, Italien/Frankreich 2024)

Regie: Paolo Sorrentino

Drehbuch: Paolo Sorrentino

mit Celeste Dalla Porta, Stefania Sandrelli, Gary Oldman, Silvio Orlando, Luisa Ranieri, Peppe Lanzetta, Isabella Ferrari, Silvia Degrandi

Länge: 137 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Parthenope“

Metacritic über „Parthenope“

Rotten Tomatoes über „Parthenope“

Wikipedia über „Parthenope“ (deutsch, englisch, italienisch)

Meine Besprechung von Paolo Sorrentinos „Cheyenne – This must be the Place“ (This must be the Place, Italien/Frankreich/Irland 2011)

Meine Besprechung von Paolo Sorrentinos „La grande Bellezza – Die große Schönheit“ (La grande Bellezza, Italien/Frankreich 2013)

Meine Besprechung von „Paolo Sorrentino – Director’s Collection“

Meine Besprechung von Paolo Sorrentinos „Loro – Die Verführten“ (Loro, Italien/Frankreich 2018)