Vor drei Jahren tat Woody Allen es mit seinem bislang letztem Film „Ein Glücksfall“ (Coup de chance). Und jetzt tat Richard Linklater es mit „Nouvelle Vague“. Auch er drehte einen Film in Paris. Das ist nicht ungewöhnlich. Aber auch Linklater drehte den Film mit französischen Schauspielern auf Französisch. Ohne die Sprache zu beherrschen. Das Ergebnis überzeugt ebenfalls. Während Allen eine ziemlich französische Krimikomödie drehte, drehte Linklater einen Film über die titelgebende Nouvelle Vague und Jean-Luc Godards ersten Spielfilm „Außer Atem“ (À bout de souffle). Der 1959 entstandene Film mit Jean-Paul Belmondo (danach ein Star) und Jean Seberg (schon damals bekannt aus „Die heilige Johanna“, „Bonjour Tristesse“ und „Die Maus, die brüllte“) ist einer der wichtigsten Filme der Nouvelle Vague, ein für das Kino bahnbrechender Film und, fast schon überflüssig zu sagen, ein Kultfilm und Klassiker.
Linklater drehte, ganz Cineast, sein kurzweiliges, wundervoll ironisch erzähltes Making of mit der damals verfügbaren Technik in SW im 1,37:1-Seitenverhältnis. In der Postproduktion wurden dann noch einige Kratzer hinzugefügt. Sie verstärken das Gefühl, dass man einen alten Film sieht. Die Schauspieler gleichen ihren Vorbildern Godard, Belmondo, Seberg, François Truffaut und Claude Chabrol. Suzanne Schiffman, Georges de Beauregard (Produzent von „Außer Atem“), Raoul Coutard (der überaus lakonische Kameramann von „Außer Atem“), Jacques Rivette, Èric Rohmer, Jean-Pierre Melville (der Regisseur spielt auch in „Außer Atem“ mit), Roberto Rosselini, Robert Bresson, Jean Cocteau und Juliette Greco haben ebenfalls mehr oder weniger umfangreiche Auftritte in Linklaters Film
Es entsteht ein sehr vergnüglicher und kurzweiliger Blick in die Vergangenheit und den Ursprung der Nouvelle Vague. Es ist der Moment, in dem aus begeisterten und meinungsstarken Filmkritikern Regisseure wurden und ein neues Kino begründeten. Das wussten die Freunde damals noch nicht. Linklater schildert diese Szene pointiert. Wenn er dann die Dreharbeiten für „Außer Atem“ nachzeichnet, wird es etwas redundant. Die Abläufe der Drehtage ähneln sich. Immer sucht Godard nach Inspiration und der richtigen Einstellung. Mal wird nichts gedreht. Mal wird nur einige Minuten gedreht. Manchmal weil dann aus Godards Sicht alles Nötige gedreht wurde. Manchmal weil Godard keine Idee mehr hat. Der Produzent verzweifelt. Jean Seberg, die damals schon erfolgreich in mehreren Hollywood-Filmen auftrat, will das Projekt verlassen. Der Regisseur verhalte sich zu seltsam. Sie befürchtet, dass der Film, falls er überhaupt jemals beendet wird, eine totale Katastrophe sein wird.
Der Film wird beendet. Er hatte seine Premiere auf der Berlinale, erhielt den Silbernen Bären für die Beste Regie – und der Rest ist Filmgeschichte.
„Nouvelle Vague“ ist natürlich für Fans von Godard und der Nouvelle Vague und für Cineasten eine anekdotenreiche Fundgrube. Aber auch Nicht-Cineasten und Menschen, die „Außer Atem“ noch nicht gesehen haben (das sollten sie allerdings schleunigst ändern), ist „Nouvelle Vague“ eine sehenswerte Komödie über eine junge Menschen, die einen Traum haben und einen Film drehen.
P. S.: Am 26. März startet Richard Linklaters an einem Abend in einer Bar spielende Dramödie „Blue Moon“ über das legendäre Songwriter-Duo Richard Rogers und Lorenz Hart. Zu ihren Songs gehören „Little Girl Blue“, „Have you met Miss Jones?“, „Blue Moon“ und „My funny Valentine“. Die Jubelarie folgt zum Kinostart.

Nouvelle Vague (Nouvelle Vague, Frankreich/USA 2025)
Regie: Richard Linklater
Drehbuch: Holly Gent, Vince Palmo, Michèle Halberstadt (Dialogadaption), Laetitia Masson (Dialogadaption)
mit Guillaume Marbeck, Zoey Deutch, Aubry Dullin, Adrien Rouyard, Antoine Besson, Jodie Ruth Forest, Bruno Dreyfürst, Matthieu Penchinat
Länge: 106 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Hinweise
Moviepilot über „Nouvelle Vague“
Metacritic über „Nouvelle Vague“
Rotten Tomatoes über „Nouvelle Vague“
Wikipedia über „Nouvelle Vague“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Richard Linklaters „Before Midnight“ (Before Midnight, USA 2013)
Meine Besprechung von Richard Linklaters „Everybody wants some!!“ (Everybody wants some!!, USA 2016)
Meine Besprechung von Richard Linklaters „Bernadette“ (Where’d you go, Bernadette, USA 2019)
Meine Besprechung von Richard Linklaters „A Killer Romance“ (Hit Man, USA 2023)
Richard Linklater in der Kriminalakte
Veröffentlicht von AxelB