Die kriminelle Herbst-Winter-Kollektion – Teil 1

Juni 7, 2007

Langsam trudeln die Herbstprogramme der Verlage ein und verkünden für uns Krimifans einige frohe Botschaften. So darf sich die saarländische Fanbasis von Harlan Coben freuen, aber auch die James Pattersonianer werden verwöhnt. Diese Arbeit teilen sich Goldmann Taschenbuch und Blanvalet geschwisterlich. Blanvalet bietet außerdem viele Ladythriller (Eine verliebte Frau in Gefahr.), viele Mystery-Thriller (Hey, für etwas muss Dan Brown gut sein!) und viele Agententhriller (Irgendjemand muss die Welt ja retten.) an. Goldmann Taschenbuch setzt dagegen auf Harlan Coben, viele Krimiautorinnen und einige jüngst eingeführte Namen wie Peter Temple.

Hier nun ein Überblick über die Herbstprogramme von Blanvalet und Goldmann Taschenbuch. Die besonders interessanten Werke sind fett hervorgehoben.

Blanvalet

November:

Jeffery Deaver: Das Teufelsspiel (Taschenbuch-Ausgabe des neuen Lincoln Rhyme-Thrillers.Für das von Ed McBain herausgegebenen Buch „Die hohe Kunst des Mordens“ schrieb Deaver eine fantastische Geschichte.)

J. D. Robb: Das Lächeln des Killers (Ein Fall für Lieutenant Eve Dallas)

F. Paul Wilson: Das Höllenwrack (Handyman Jack ist wieder im Einsatz)

James Rollins: Der Genesis-Plan

Martin Langfield: Dämonium (Ach, ein Mystery-Thriller)

Susan Andersen: Gefährliche Liebe

Dezember:

Andreas Wilhelm: Projekt Babylon

Tony Park: Ein einsamer Tod (African Sky, 2007; sein dritter Roman spielt 1943 in Rhodesien)

Januar:

Julia Navarro: Die Bibel-Verschwörung (ist bei dem Titel selbstverständlich ein Mystery Thriller)

Tami Hoag: Tödlich ist die Nacht (Taschenbuch-Ausgabe)

Louise Penny: Denn alle tragen Schuld (erhielt einen Dagger)

Steve Berry: Alpha et Omega (Ex-Geheimagent kämpft gegen eine uralte Bruderschaft…)

Angela Savage: Nachtmahr (Australischer crime noir – hm. Jedenfalls erschien „Behind the night bazar“ bei Peter Temples Verlag The Text Publishing Company und das Buch erhielt den Victorian Premier’s Literary Award für das beste nicht-veröffentlichte Manuskript. Es könnte also eine der Entdeckungen des Herbstes sein.)

Joanna Chmielewska: Mord ist Trumpf (in Warschau spielende Krimikomödie)

Februar:

Sandra Brown: Rage – Zorn (Taschenbuch-Ausgabe)

Robin Cook: Die Operation

Lee Child: Die Abschussliste (The Enemy, 2004; Jack Reachers Vergangenheit in Berlin wird hier enthüllt, Taschenbuch-Ausgabe)

März:

James Patterson: Blood (Ein neuer Fall für Alex Cross als Taschenbuch-Premiere)

Clive Cussler/Jack du Brul: Todesfracht (Taschenbuch-Premiere)

Suzanne Brockmann: Zu wild! (Mitten in einem Jahrhundertsturm wird ein Serienkiller gejagt.)

Kathryn Fox: Warte bis es dunkel wird (Ein neuer Fall für die Pathologin Dr. Anya Crichton)

April:

Tess Gerritsen: Scheintot (Taschenbuch-Ausgabe)

Linda Howard: Im Schutz der Nacht

Will Saeger: Painkiller (Ein CIA-Agent stolpert während seines Karibikurlaubs in eine Verschwörung, die die Welt zu vernichten droht.)

Commander James Barrington: Operation Overkill (Tja, Englands Antwort auf Tom Clancy.)

Katherine Howell: Herztod (Ein Sidney-Krimi für die Fans von Kathryn Fox und Tess Gerritsen.)

Derek Meister: Knochenwald (Ein 1392 in Bayern spielender Krimi.)

 

Ein Hinweis für die zahlreichen James Patterson-Fans:

Im Juni erscheint als Hardcover „Die 5. Plage“. Aus diesem Anlass veröffentlicht Blanvalet im Juni „Der 1. Mord“, „Die 2. Chance“ und „Der 3. Grad“ wieder. Im November gibt’s dann bei Blanvalet „Die 4. Frau“. Natürlich in einer einheitlichen Coverlinie.

 

Goldmann Taschenbuch

August:

Jonathan Kellerman: Blutgier (Ein Alex-Delaware-Roman in deutscher Erstveröffentlichung)

September:

Martha Grimes: Auferstanden von den Toten (Taschenbuch-Ausgabe)

Oktober:

Jonathan Kellerman: Der Pathologe (Limitierte Sonderausgabe zur Buchmesse)

Joy Fielding: Flieh, wenn du kannst (Noch eine Sonderausgabe. Dieses Mal zur ZDF-Verfilmung)

Janet Evanovich: Gib Gummi, Baby! (Ist wohl mehr Geschlechterkampf als Krimi. Aber humorvoll und in Deutscher Erstausgabe.)

November:

Minette Walters: Des Teufels Werk (Taschenbuch-Ausgabe)

Sarah Rayne: Fluch der Finsternis (Mystery-Thriller)

Matt Bondurant: Die ägyptische Inschrift (Mystery-Thriller. Dieses Mal mit toten Ägyptern und lebendigen Geheimbünden.)

Michael Robotham: Amnesie (Taschenbuch-Ausgabe des hochgelobten Thrillers. War auch auf der KrimiWelt-Bestenliste)

Paola Barbato: Die Pathologin (Ein Serienmörder mordet in Mailand…)

Elisabeth Herrmann: Das Kindermädchen (Krimi des Monats; war auch für den Glauser nominiert und erscheint jetzt in der Taschenbuchausgabe)

Michael Crichton: Nippon Connection (Rising Sun, 1991; Neuausgabe des als “Die Wiege der Sonne” verfilmten, umstrittenen Thrillers. Anscheinend war das Buch längere nicht lieferbar.)

Jonas Moström: Herzversagen (Werbespruch: „Ein wahnsinniger Serienmörder verlangt Kommissar Johan Axberg alles ab.“)

Harlan Coben: Kein Sterbenswort/Kein Lebenszeichen (Doppelband zum Sparpreis. Ist also für Coben-Novizen die ideale Einstiegsdroge. Mein Coben-Portät gibt es hier.)

Dezember:

Ake Smedberg: Vom selben Blut (Noch ein Skandinavier.)

Martha Grimes: Inspector Jury gerät unter Verdacht (The old Contemptibles, 1991; Neuauflage des früher bei Rowohlt erhältlichen Buches)

Peter Temple: Vergessene Schuld (Bad Debts, 1996; Peter Temples Debüt, sein erster Jack Irish-Roman, sein erster Ned Kelly-Preis und sicher einer der Kritikerlieblinge in den letzten Wochen des Jahres.)

Michael Dibdin: Sterben auf italienisch (End Games, 2007; Elftes und wahrscheinlich letztes Aurelio-Zen-Buch. Denn der 1947 geborene Michael Dibdin verstarb überraschend am 30. März 2007.)

John Sandford: Kaltes Fieber (Ein Lucas Davenport-Roman, der zuerst bei Page & Turner erschien)

Januar:

James Patterson: Im Affekt (Deutsche Erstveröffentlichung)

Veronika Rusch: Das Gesetz der Wölfe („Für alle Leser von Anne Chaplet und Norbert Horst.“ meint der Verlag. Ich dachte bisher, dass Chaplet und Horst zwei grundverschiedene Leserschaften bedienen.)

Ruth Rendell: Der Duft des Bösen (The Rottweiler, 2003; Taschenbuchausgabe)

Carl Hiaasen: Der Reinfall (Skinny dip, 2004; Endlich ist auch diese Groteske als Taschenbuch erhältlich. Meine Besprechung gibt’s hier.)

Lin Anderrson: Im Namen des Blutes (Dritter Roman mit der Gerichtsmedizinerin Rhona MacLeod)

Thomas O’Callaghan: Der Knochendieb (Und wieder geht ein Serienmörder um.)

Patricia Cornwell: Body Farm (The Body Farm, 1994; Der fünfte Kay Scarpetta-Roman erschien bei Dromer als „Das geheime ABC der Toten“)

Deborah Crombie: Das verlorene Gedicht/Böses Erwachen (Zwei Romane in einem Band)

Februar:

Harlan Coben: Das Grab im Wald (The Woods, 2007; Sein neuestes Werk)

Ian Rankin: Die Kassandra Verschwörung (Ursprünglich wurde das Buch unter dem Pseudonym Jack Harvey verlegt. Hier in deutscher Erstausgabe.)

Batya Gur: Und Feuer fiel vom Himmel (Taschenbuch-Ausgabe)

Anne Chaplet: Sauberer Abgang (Taschenbuch-Ausgabe)

Daniel Scholten: Die falsche Tote (Zweiter Roman mit Kommissar Cederström)

Maxime Chattam: Die Teufelsformel (In dem Thriller kämpft eine Frau gegen eine weltumspannende Verschwörung.)

März:

Janet Evanovich & Charlotte Hughes: Jeder Kuss ein Treffer (Eine romantische Komödie von der Stephanie Plum-Erfinderin)

Jefferson Bass: Anatomie der Schuld (Forensiker-Krimi)

Asa Nilsonne: Wofür es sich zu sterben lohnt

Andrew Taylor: Der Ruf des Henkers

Christine Kerdellant/Eric Meyer: Die Versailles Verschwörung (Eine Frau kämpft gegen eine weltumspannende Verschwörung. Aber anders als in „Die Teufelsformel“.)

Martha Grimes: Wenn die Mausefalle schließt/Der Zug fährt ab (Zwei kurze Krimis in einem Buch.)

Jonathan Kellerman: Post Mortem (Erstausgabe eines Alex Delaware-Krimis)

April:

Charlotte Link: Die letzte Spur

Christine Grän: Feuer bitte (Anna Marx ermittelt wieder)

Stuart MacBride: Der erste Tropfen Blut (Broken Skin, Bloodshot, 2007; Dritter Logan McRae-Krimi, der hoffentlich an den ersten Band anknüpft. Die Besprechung der ersten beiden McRae-Krimis gibt es hier.)

Nicci French: Der Feind in deiner Nähe (Taschenbuchpremiere)

Tom Egeland: Tabu (Ein Thriller aus Skandinavien. Ja, das gibt’s wirklich.)

Krystyna Kuhn: Die Signatur des Mörders (Erstens der Krimi zum Kafka-Jahr. Zweitens noch ein Serienkiller-Krimi.)

Franz Kafka: Die Verwandlung

Franz Kafka: Ein Hungerkünstler (Wahrscheinlich ist das Original die bessere Wahl)

David Hosp: Pakt des Schweigens (The Betrayed, 2006; Sein zweiter Roman. Die Besprechung seines Debüts „Die Tote im Wasser“ finden Sie hier.)

Sam Mills: Eine schöne Art zu sterben (Nach einem Busunglück verschlägt es zwei Brüder in ein einsames Herrenhaus. Der eine will den anderen umbringen. Das kann jetzt unglaublich spannend oder unglaublich langweilig sein.)

 

Im zweiten Teil gibt es dann einen Überblick über die kleinen Verlage mit ihren deutschen Autoren und den teils langersehnten Perlen aus Übersee. Ich sage nur Lawrence Block, Joe R. Lansdale, Robert B. Parker und James Sallis.


Besprechung Thomas Raab „Der Metzger muss nachsitzen“

Juni 7, 2007

Heute ging meine Besprechung von Thomas Raabs Debüt „Der Metzger muss nachsitzen“ online bei der Berliner Literaturkritik. Vielen Kritikern gefiel der Krimi aus unserem Nachbarland. Aber ich konnte mit diesem Ösi-Krimi nichts anfangen. Warum können Sie hier lesen.


TV-Krimi-Buch-Tipps 9. – 22. Juni 2007

Juni 6, 2007

Der Alligatorchef liest sich durch seinen Urlaub und die TV-Krimi-Buch-Tipps erscheinen deshalb nur in einer spartanischen Textversion, die Sie natürlich downloaden, lesen und an ihre Wand pinnen können.

Hier die Datei:

tv-krimi-buch-tipps-9-22-juni-2007.pdf

Hier die ersten Zeilen:

Während unsere Nationalelf sich für die EM qualifiziert, beginnen die Fernsehsender bereits mit dem wiederholungsgesättigten Sommerprogramm. Das ist gut, um die Videosammlung aufzufüllen, filmische Bildungslücken zu schließen oder auch einfach nur mal wieder einen guten Film zu sehen. Besonders empfehlenswerte Krimis sind in den kommenden beiden Wochen die Charles Williams-Verfilmung „Todesstille“, der Polizeifilm „French Connection“ (wen interessiert’s, dass der Film auf einem Tatsachenroman von Robin Moore basiert), die Vincent Patrick-Verfilmung „Der Pate von Greenwich Village“ (mit vielen Bildern von New York und zwei damals aufstrebenden Jungstars), Alfred Hitchcocks Frederick Knott-Verfilmung „Bei Anruf Mord“, die Roderick Thorp-Verfilmung „Stirb langsam“ (so als Vorbereitung für „Stirb langsam 4.0“), der Gangsterfilmklassiker „Maschinenpistolen“, Joel und Ethan Coens „Der unauffällige Mr. Crane“, Curtis Hansons fulminante James Ellroy-Verfilmung „L. A. Confidential“, Claude Sautets José Giovanni-Verfilmung „Der Panther wird gehetzt“ (mit Lino Ventura und Jean-Paul Belmondo), der sträflich unterschätzte „Steckbrief 7-73“ und Tele 5 beginnt mit der Ausstrahlung der „Heißer Verdacht“-Filme.

Keine Krimis, aber mit der Beteiligung von Krimiautoren sind „Ein Sommer auf dem Lande“ (nach einem Drehbuch von Sébastien Japrisot) und „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ (nach einem Drehbuch von Fred Breinersdorfer) einen Blick wert.


„Der Seher“ wird blind in Friedrich Anis „Wer lebt, stirbt“

Juni 5, 2007

Stellen Sie sich vor, Sie sehen eine Shakespeare-Aufführung. Aber nicht mit einem hochkarätigen Ensemble, sondern mit einer Grundschulklasse. Es ist zwar alles da, aber letztendlich ist es schlecht. Genau dieses Gefühl stellt sich bei Friedrich Anis neuestem Werk „Er lebt, stirbt“ ein. Es gibt einen Mordfall, eine Entführung, mehrere Verdächtige, dunkle Geschäfte in der Politik, ein Vater-Sohn-Ermittlergespann, problematische Familienverhältnisse, schockierende Entwicklungen und am Ende wird der Täter überführt. Es ist also alles da, was zu einem guten Krimi gehört. Die Länge von 224 Seiten ist angenehm kurz. Und dass „Wer lebt, stirbt“ der Auftakt zur sechsteiligen „Der Seher“-Reihe ist, ist ebenfalls ein positives Signal. Immerhin eroberte Friedrich Ani mit seiner Süden-Reihe im Sturm die Herzen der Krimifans.

Aber beim Auftakt der Seher-Reihe stimmt nichts. Denn dafür sind die beiden Fälle viel zu dünn, zu oft bestimmen Zufälle den Gang der Ermittlungen, vieles wirkt sehr unrealistisch und die Charaktere bleiben blass. Hauptfigur der Serie ist Jonas Vogel, der von Kollegen „Der Seher“ genannt wird und im Laufe des Buches erblindet. Nicht langsam, sondern weil er von einem Bagger überrollt wird. Ein dummer Unfall, der nichts mit dem Fall zu tun hat. Dabei wird Vogels Sehnerv durchtrennt und er ist blind. Sonst ist ihm nichts passiert. Keine Knochenbrüche. Keine Quetschungen. Nichts. Was bei der Lage der Sehnerven ein ziemliches Wunder ist.

Trotz des Unfalls beschließt Jonas Vogel weiter in der Mordkommission zu arbeiten. Damit endet „Wer lebt, stirbt“.

Der Roman beginnt mit einem Mord. Wachmann Falk Sieger wird erstochen in seiner Wohnung gefunden. In Verdacht gerät sein Kollege Jens Schulte. Schulte wird von dem Promianwalt und Stadtrat Hilmar Opitz vertreten. Opitz will Bürgermeister von München werden. Doch mehr als seine politischen Ambitionen beschäftigt ihn im Moment die Entführung seiner Sekretärin und Geliebten. Die Entführer fordern von ihm eine halbe Million Euro Lösegeld. Auf den ersten, zweiten und auch dritten Blick haben der Mord und die Entführung nichts miteinander zu tun. Aber Kommissar Jonas Vogel weiß von der ersten Sekunde an, dass beide Fälle miteinander zusammenhängen. Er und sein Sohn Max stoßen bei ihren Ermittlungen auf zahlreiche Ungereimtheiten und auf ein von Opitz betriebenes Obdachlosenheim.

Dieses Heim ist wahrscheinlich Anis idiotischste Idee. Auch wenn es solche Käfige, in denen Obdachlose übernachten, ihr Eigentum einsperren und sich etwas Privatsphäre schaffen können, in Hongkong gibt. Dort ist der Wohnraum aber, auch für Gutverdienende. denkbar knapp. In München geht diese Idee, trotz der dortigen hohen Mieten, vollkommen an jeder Realität vorbei. Aber es kommt noch besser. Opitz betreibt diese Unterkunft nicht irgendwo in Münchens kriminalitätsbelasteten Sozialvierteln, sondern mitten in einem Nobelviertel. Weil der Hausmeister darauf achtet, dass die Obdachlosen sich benehmen, fällt auch keinem der Oberen Zehntausend, die vorher einen Kindergarten in ihrer Nachbarschaft verhinderten, das Obdachlosenheim auf. Als Berliner kann ich mir das nur so erklären, dass der Münchner Penner sich weder äußerlich noch von seinem Verhalten von einem Vorstandsvorsitzenden unterscheidet.

Trotzdem hat Opitz genug politischen Weitblick, das Haus geheim zu betreiben, weil auch in München niemals ein Politiker Bürgermeister wird, der Menschen in Käfigen unterbringt. Warum der noble Herr Opitz dann dieses Projekt durchzieht, obwohl es seine Ambitionen vernichten kann, das weiß nur das Hirn des Dichters.

Bei einer Serie sind natürlich die Hauptcharaktere, ihre Interaktionen und besonderen Fähigkeiten letztendlich wichtiger als der Fall. Doch in „Wer lebt, stirbt“ bleiben sie blass. Das fällt besonders bei Jonas Vogel auf. Denn wenn ein Autor einen Charakter mit einem körperlichen Defekt entwirft, muss dieser auch für die Geschichte eine besondere Bedeutung haben. Letztendlich muss Jonas Vogel den Fall aufklären können weil er blind ist. Er muss etwas sehen können, was kein Sehender sehen kann. In „Wer lebt, stirbt“ hat Vogel die Idee, dass der Mörder am Todestag zum Ort der Tat, was hier das Grab des Toten ist, zurückkehrt. Diese Idee ist nicht sonderlich brillant und jeder könnte sie haben oder auch einfach mal ausprobieren. Jedenfalls, der Mörder tut’s und beichtet Vogel ohne zu zögern seine Taten.

Das ist die unbefriedigende Auflösung eines unbefriedigenden Buches.

Friedrich Ani: Wer lebt, stirbt

dtv, 2007

224 Seiten

7,95 Euro

Homepage des Autors: http://www.friedrich-ani.de/ (eigentlich die Seite von dtv zur Seher-Serie)


Besprechung Peter Temple „Kalter August“ online

Juni 5, 2007

Meine Besprechung von Peter Temples „Kalter August“ ist online bei der Berliner Literaturkritik. Der Polizeiroman gefiel mir ganz gut. Die Übersetzung weniger.

Im Dezember erscheint bei Goldmann Taschenbuch als „Krimi des Monats“ das Debüt von Peter Temple „Vergessene Schuld“ (Bad Debts, 1996). Für den ersten Jack Irish-Roman erhielt Temple seinen ersten Ned Kelly-Preis.


Juni-Ausgabe der Krimi-Couch online

Juni 4, 2007

Pünktlich zum Monatsanfang gibt es bei der Krimi-Couch wieder eine gefühlte Menge von mehreren Dutzend Besprechungen online. Unter anderem über die neuen und nicht mehr so ganz neuen Werke von Sara Paretsky, Peter Temple, Norbert Horst, G. M. Ford und Max Allan Collins (da wird ein Klassiker besprochen).


Ein bisschen Luxus – Kapitel 3 online

Juni 4, 2007

Das dritte Kapitel könne Sie hier lesen.


Ein bisschen Luxus – Teil 2: Erste Person oder Dritte Person?

Juni 1, 2007

Letzte Woche habe ich gesagt, ich orientiere mich am klassischen PI-Roman. Doch schon im zweiten Satz „Verärgert blickte Diana Schäfer auf.“ breche ich die eherne Regel, dass ein PI-Roman immer in der ersten Person geschrieben ist. Sicher, ich kann jetzt auf die PI-Romane verweisen, die auch in der Dritten Person geschrieben sind, wie den Klassiker, „Der Malteser-Falke“ von Dashiell Hammett. Harlan Coben tut’s in seinen Myron Bolitar-Romanen ebenfalls. Aber dann muss ich lange überlegen.

Denn traditionell wird seit den Tagen von Raymond Chandlers Philip Marlowe eine PI-Geschichte aus der Sicht des Detektivs erzählt. Wir sehen den gesamten Fall mit seinen Augen. Mike Hammer von Mickey Spillane, Lew Archer von Ross Macdonald, Spenser von Robert B. Parker, Milo Milodragovitch und C. W. Sughrue von James Crumley, Matthew Scudder von Lawrence Block, Elvis Cole von Robert Crais, Nate Heller von Max Allan Collins, Hap Collins von Joe R. Lansdale, Alex McKnight von Steve Hamilton, Vic Warshawsky von Sara Paretsky, Carlotta Carlyle von Linda Barnes, Kinky Friedman undsoweiter. Immer „ich“, „ich“, „ich“.

Sogar Michael Connelly wechselte in die erste Person als sein Ermittler Harry Bosch als Privatdetektiv arbeitete.

Also warum wich ich in diesem Punkt von den Regeln ab?

Die kurze Antwort ist: Weil es für diese Geschichte so am Besten war.

Aber das erklärt natürlich nichts. Deshalb ist die lange Antwort, ohne zuviel von der Geschichte zu verraten:

Als ich mir überlegte, wie ich die Geschichte erzählen wollte, standen für mich einige Punkte schnell fest. Denn so sehr ich dem klassischen PI-Muster folge, wollte ich auch Thriller-Elemente in die Geschichte integrieren. Oder anders gesagt: ich plante einen Thriller mit einer Privatdetektivin als Heldin. Ich hatte kein Interesse an einem Whodunit. Ich hatte kein Interesse an einer Charakterstudie. Alles was wir über die verschiedenen Charaktere erfahren, wollte ich über ihre Taten vermitteln.

Dann wollte ich am Ende keine großen Erklärungen abgeben. Es sollte nicht zu der Szene kommen, in der Diana Schäfer den Bösen mit der Wahrheit konfrontiert und dieser dann seine Taten zugibt. Noch weniger wollte ich die umgekehrte Szene haben, in der der Böse seine Taten gesteht und erklärt, warum er es gemacht hat. Also musste ich nach einer Möglichkeit suchen, die wichtigen Informationen irgendwo in der Erzählung zu platzieren, ohne dass die Heldin, aber wir Lesenden, davon erfahren.

Bei einer Ich-Erzählung erfährt das Publikum aber nur, was der Held erfährt. Deshalb muss er zu allen wichtigen Orten der Geschichte selbst gehen oder jemand berichtet ihm von wichtigen Ereignissen, bei denen er nicht dabei. Das heißt aber auch, dass diese Person einen Grund haben muss, dem Ich-Erzähler davon zu erzählen. Und auch dann weiß der Ich-Erzähler nicht, ob er belogen wird und ob er alle wichtigen Informationen hat.

Mit dem Wechsel in die dritte Person hatte ich dagegen die Freiheit auch von Ereignissen zu erzählen, von denen der Detektiv nichts weiß und von denen ihm niemand etwas erzählen kann oder wird.

In „Ein bisschen Luxus“ erfährt Diana Schäfer nicht alles über die Bösen und ihre Taten. Einiges erfährt sie vielleicht nie. Einiges nach dem Ende der von mir erzählten Geschichte. Aber wir Leser wissen es und das ist genug.

Ich hätte natürlich die Geschichte anders erzählen können, aber, wie bereits gesagt, wollte ich in „Ein bisschen Luxus“ auch eine richtige Thrillerspannung haben. Eine Spannung die dazu führt, dass man letztendlich das Buch nicht mehr aus der Hand legen kann. Spannung kann, auch das ist kein großes Geheimnis, am einfachsten erzeugt werden, wenn immer wieder gezeigt wird, wie die Gegner des Helden ihre Taten vorbereiten und so die Pläne des Helden zum Scheitern bringen können. Denken Sie nur an das letzte Wettrennen das Sie sahen und wie Sie mit ihrem Favoriten bangten, zitterten und hofften, dass er gewinnt.

Bei einer Ich-Erzählung ist dieses Scheitern dann ein Schock. Wenn es keine Überraschung sein soll, muss der Ich-Erzähler das drohende Unheil immer wieder ankündigen. Wenn das zu oft geschieht, liest es sich irgendwann nicht mehr schön. Denn unser Held stolpert wie ein Trottel in sein Verhängnis und kann sich letztendlich daraus befreien.

Und damit komme ich zum letzten Grund für die von mir gewählte Perspektive: Ich kann den Helden sterben lassen. In einer Ich-Erzählung ist das nicht möglich .