
Der Überraschungserfolg in diesem Jahr war “Voodoo” von Nick Stone. Das 600-seitige Debüt räumte im englischen Sprachraum in den vergangenen Monaten alle möglichen Preise ab. Es erhielt, jeweils in der Kategorie „Bestes Debüt“ den Macavity, den Ian Fleming Steel Dagger, und den Preis der International Thriller Writers. Bei den Barrys verlor Nick Stone in der Kategorie „Bester britischer Kriminalroman“ gegen Ken Bruen.
Bereits in der Haft wurde der ehemalige Polizist und Privatdetektiv Max Mingus von dem Milliardär Allain Carver genervt. Carver möchte, dass Mingus seinen vor über zwei Jahren auf Haiti entführten dreijährigen Sohn Charlie findet. Nachdem Carver Mingus zehn Millionen Dollar anbietet, sagt er zu. Die Sache hat nur einige kleine Haken. Seine Vorgänger starben oder erlitten ein noch schlimmeres Schicksal. Haiti im Jahr 1996 ist eine nach der amerikanischen Militärintervention von UN-Truppen besetzte Vorhölle. Sein Intimfeind Solomon Boukman wurde nach Haiti ausgewiesen. Mingus beherrscht die Landessprache nicht und ist auf eine Übersetzerin angewiesen. Außerdem sind inzwischen alle Spuren kalt.
Aber Mingus war vor seiner Haft darauf spezialisiert, vermisste Personen zu finden. Er war in seinem Metier einer der Besten. Während seiner Ermittlung fällt es ihm immer schwerer, zwischen Realität, Voodoo und Schwarzer Magie zu unterscheiden. Denn Charlie Carver soll von Tonton Clarinette (einer Legende, die wir als Geschichte des Rattenfängers von Hameln kennen) entführt worden zu sein. Oder hat der mit den Carvers verfeindete Drogenlord Vincent Paul seine Finger im Spiel? Ist er vielleicht sogar Tonton Clarinette?
Nick Stone breitet in „Voodoo“ detailliert die Ermittlungen von Max Mingus aus. Etliche Szenen sind länger geschildert, als sie tatsächlich dauern. Bei diesem langsamen Erzähltempo irgendwo zwischen Echtzeit und Zeitlupe kommt keine echte Thriller-Spannung auf. Doch das stört in der ersten Hälfte kaum. Denn Nick Stone bereitet erkennbar einige spätere Plottwists vor und zeichnet das Bild eines zerfallenden Staates, in dem die Ärmsten in bitterster Armut leben, das Faustrecht zurückgekehrt ist, UN-Truppen für Recht und Ordnung sorgen sollen und ein Drogenlord es in den Slums tut. Voodoo, Schwarze Magie und der Glaube an eine Welt jenseits der sichtbaren Welt sind ein Teil der Kultur von Haiti.
Über diesem eindrücklichen Porträt eines Landes und seiner Bewohner vergisst Stone etwas den Plot. Denn dieser bewegt sich ziemlich geradlinig auf die Befreiung des entführten Charlie zu. Wirkliche Überraschungen bleiben auf den ersten 420 Seiten, während Mingus hauptsächlich den Ermittlungen seiner Vorgänger folgt, aus. Erst dann kann sich Max Mingus erstmals den mutmaßlichen Entführer Vincent Paul unterhalten
Danach gibt es etliche Twists, die irgendwann nicht mehr überraschen. Denn Nick Stone will alles aufklären. Deshalb wird jede Szene und jeder Charakter mit der Aufklärung verwoben. Auf den letzten Seiten wird dann nur noch überlegt, welcher Charakter noch fehlt. Außerdem bleibt Stone bei seinen Charakteren dem Schwarzweiß-Bild von Gut und Böse verhaftet. Er tauscht nur die Zuschreibung aus. Beim ersten Mal ist es überraschend, wenn sich ein Guter als ein Böser, und umgekehrt, entpuppt. Aber nach dem dritten Mal wirkt es nur noch wie das mechanische Aufdecken von Spielkarten vor einer austauschbaren Kulisse. Denn es ist wirklich egal, ob Kinder auf Haiti oder Miami entführt werden.
Trotz dieser Kritik ist „Voodoo“ ein gut geplotteter Privatdetektivroman. Nick Stone zeigt, teilweise etwas streberhaft, dass er die Genreregeln kennt und respektiert. Mit seinem Debüt hat er sich als neue, interessante Stimme vorgestellt. In „Voodoo“ macht er fast alles richtig. Denn auch die von mir kritisierten Punkte sind Details in einer stimmigen und überzeugenden Geschichte.
In England ist bereits das zweite Max Mingus-Buch „King of Swords“ erschienen. Es spielt 1981 in Florida und erzählt die Vorgeschichte von Mingus und Drogenbaron Solomon Boukman.
Nick Stone: Voodoo
(übersetzt von Heike Steffen)
Goldmann, 2007
608 Seiten
9,95 Euro
Originalausgabe:
Mr. Clarinet
Michael Joseph, 2006
576 Seiten
Hinweise.
Homepage des Autors
Shots Ezine: Ali Karim redet mit Nick Stone
South Florida Sun-Sentinel: Nick Stone-Porträt von Chauncey Mabe
Die Übersetzung nimmt sich immer wieder bedenkliche Freiheiten. Bereits auf den ersten Seiten finden sich zahlreiche Beispiele:
Original:
The client’s name was Allain Carver. His son’s name was Charlie. Charlie was missing, presumed kidnapped.
Optimistically, with things going to plan and ending happily for all concerned, Max was looking at riding out into the sunset a millionaire ten to fifteen times over. There were a lot of things he wouldn’t have to worry about again, and he’d been doing a lot of worrying lately, nothing but worrying.
So far, so good, but now for the rest:
The case was based in Haiti.
Übersetzung:
Allain Carver war seither sein erster Kunde. Carvers Sohn Charlie wurde vermisst, und man ging davon aus, dass er entführt worden war.
Im besten Fall, wenn alles nach Plan lief und es für alle Beteiligten ein Happy End gab, bot sich Max hier die die Aussicht, als zehn- bis fünfzehnfacher Millionär in den Sonnenuntergang zu reiten.
So weit, so gut, aber jetzt der Haken:
Die Familie lebte in Haiti.
Original:
There had been no ransom demands and there were no witnesses.
Übersetzung:
Keine Lösegeldforderungen. Keine Zeugen.
Original
‚If you take the job, it’s going to be dangerous…Make it very dangerous.’
Übersetzung:
“Die Aufgabe ist nicht ganz ungefährlich. Sagen wir – sehr gefährlich.“
Original:
Honesty and straightforwardness weren’t always the best options, but Max chose them over bullshit as often as he could. It helped him sleep at night.
‘I can’t,’ he told Carver.
‘Can’t or won’t?’
‘I won’t because I can’t. I can’t do it. You’re asking me to look for a kid who went missing two years ago, in a country that went back to the Stone Age about the same time.’
Übersetzung:
Ehrlichkeit und Offenheit waren nicht immer das Mittel der Wahl, aber wenn es ging, zog Max sie dem Reden um den heißen Brei vor.
„Ich kann nicht“, verkündete er Carver.
„Sie können nicht, oder Sie wollen nicht?“
„Ich will es nicht, weil ich nicht kann. Es hat keinen Sinn. Sie erwarten von mir ein Kind zu finden, das seit zwei Jahren vermisst wird, und das in einem Land, das ungefähr zur selben Zeit in die Steinzeit zurückgefallen ist.“
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