Ed Brubaker mit „Criminal“ in Parkers Welt

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„Feigling“ ist ein Comic, der nicht in die Hände von Kindern gehört. Brubaker erzählt in dem fulminanten Auftakt seiner neuen Serie „Criminal“, für die er 2007 mit dem renommierten Eisner-Award ausgezeichnet wurde, eine blutige Geschichte aus der düsteren Hardboiled-Welt der Profigangster.

Bereits der Prolog mit seinem meisterhaften Zusammenspiel von Leos illusionslosem Monolog und den dazugehörigen Bildern überzeugt. Während Leo vom Wert der Regeln erzählt, die ihm als Gangster ein Leben außerhalb des Gefängnisses ermöglichen, erzählen die Bilder von einem blutig misslingenden Überfall und der geglückten Flucht Leos.

Danach zieht Leo sich zurück. Denn während die anderen ihn wegen seinem vorsichtigen Agieren und sorgfältigen Planen der verschiedensten Varianten eines Coups und der Flucht, für einen Feigling halten, ist Leo nur vorsichtig. Lieber verschiebt er einen Überfall oder führt ihn, wenn ihm die Sache zu heiß erscheint, nicht durch, als dass er sich in einen Schusswechsel mit der Polizei verwickeln lässt. Oder mit den Worten des korrupten Cops Seymour: „Leo ist ein Feigling. Er geht dem Ärger nicht aus dem Weg, er rennt. Und so gut, wie er darin ist, Sicherheitslücken zu erkennen und Dinger zu planen, so gut ist er auch im verpissen.“

Fünf Jahre später fristet Leo ein Leben als kleiner Taschendieb. Da wird er von dem korrupten Polizisten Seymour zu einem neuen Raub erpresst. Er soll, zusammen mit anderen korrupten Cops, Diamanten im Wert von fünf Millionen Dollar aus einem Polizeitransporter stehlen. Leo macht, auch aufgrund von alten Verpflichtungen, mit. Er tüftelt einen sicheren Plan aus. Doch schon während des Überfalls versuchen die Polizisten ihn umzubringen.

Leo, der wie immer noch einen weiteren Fluchtplan gemacht hat, kann mit der Beute fliehen. Doch der Gangsterboss Roy-L.T., die korrupten Cops um Seymour und die gesamte Polizei sind ihm auf den Fersen. Denn in dem Laster waren keine Diamanten, sondern Roys Rauschgift.

Um selbst zu überleben und die Menschen zu beschützen, die ihm wichtig sind, muss Leo gegen „die Regeln, die einem Freiheit garantieren“ verstoßen.

Und wohin ein Verstoß gegen die Regeln führt, hat bereits der Prolog drastisch verdeutlicht. Gefängnis oder Tod im polizeilichen Kugelhagel. Leo, der Gewalt verabscheut, will weder das eine noch das andere. Aber nur mit einer Pistole in der Hand hat er eine Chance zu überleben.

Das von Ed Brubaker in „Criminal“ entworfene Universum erinnert Genrefans zuerst an die kalte Welt des von Donald E. Westlake unter dem Pseudonym Richard Stark erfundenen Profigangsters Parker. Denn alles, was über Leo gesagt wird, kann auch über Parker gesagt werden. Bis auf zwei Punkte: Parker hat absolut keine freundschaftlichen Gefühle und Parker wendet Gewalt an, wenn er so seine Ziele besser erreichen kann. Der Rest – die vollkommen korrupte Welt, der Codex der Berufsverbrecher, die fatalen Fehler der Amateure, die Dummheit vieler Verbrecher, die alltägliche Gewalt – ist aus Parkers Welt bekannt.

Auf dieser Folie entwirft Ed Brubaker eine Geschichte, die einerseits die Genrekonventionen befolgt, andererseits bereits mit kleinen Änderungen für willkommene Überraschungen sorgt. Denn Leo ist viel menschlicher als Parker. Er

pflegt seinen an Demenz erkrankten Vaterersatz. Er hilft einer Freundin. Er hat sogar ziemlich gute Kontakte zu einer Polizistin, mit der er gemeinsam die Schule besuchte. Und weil er ihnen helfen will, bricht er seine Regeln.

 

„Feigling“ ist nach der „Sleeper“-Serie eine weitere Zusammenarbeit von Ed Brubaker und Sean Phillips. Brubaker gewann 2007 den Eisner und Harvey Award als bester Autor. In den vergangenen Jahren schrieb er für DC/Vertigo das Sandman-Spezial „Prez“ und die „Gotham City“-Serie aus dem Batman-Kosmos. Bei Marvel übernahm er die Serien „Captain America“ und „Daredevil“.

Der britische Zeichner Sean Phillips begann seine Karriere bei dem Magazin „2000AD“ und der Serie „Judge Dredd“. In den USA zeichnete er für DC/Vertigo „Hellblazer“, für DC/WildStorm „Sleeper“ und für Marvel „Marvel Zombies“.

Der zweite Criminal-Band „Lawless“ ist in den USA bereits veröffentlicht. In Deutschland kündigt Panini Comics für Juli „Das Schaf im Wolfspelz“, den ersten Band der „Sleeper“-Serie von Ed Brubaker und Sean Phillips, an.

 

 

Ed Brubaker/Sean Phillips: Criminal 1 – Feigling

(übersetzt von Claudia Fliege)

Panini Books, 2008

128 Seiten

14,95 Euro

 

Originaltitel

Criminal 1: Coward

Marvel Comics, 2007

 

Hinweise

A Criminal Blog (von Ed Brubaker und Sean Phillips) 

Homepage von Ed Brubaker

Homepage von Sean Phillips 

Blog von Sean Phillips 

Bill Hader interviewt Ed Brubaker (mit Ausschnitten aus den Criminal-Comics)

Comic Book Resources: Interview mit Ed Brubaker

Newsarema: Interview mit Ed Brubaker 

Mein Artikel über Richard Starks Parker-Romane

3 Responses to Ed Brubaker mit „Criminal“ in Parkers Welt

  1. […] Meine Besprechung von „Criminal 1: Feigling“ (mit weiteren Hinweisen) […]

  2. […] Ed Brubaker/Sean Phillips: Criminal 1 – Feigling, 2008 (Criminal 1: Coward, 2007) […]

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