Auf den ersten Seiten von Alfred Hellmanns „Vor den Hymnen“ scheint ein SEK-Team einen Mann verhaften zu wollen. Sie umstellt die Grunewald-Villa und wartet auf den Befehl zum Zugriff. Der Mann entdeckt allerdings die Polizisten und trifft Vorbereitungen für seinen Selbstmord. Da kommt sein Sohn überraschend zurück. Er sucht sein Handy, trinkt aus einer vergifteten Johannisbeersaftflasche, beginnt nach Luft zu schnappen. Sein Vater versucht ihn zu retten, läuft vor die Tür, will die Polizisten um Hilfe bitten. Die Polizisten erschießen ihn.
Anschließend verschwindet das SEK-Team spurlos.
Die beiden Kriminalpolizisten Viktor Land und Irina Heinrichs stehen ratlos vor der Leiche des achtundsechzigjährigen Firmeninhabers und Kaufhauserpressers Leonard Gantas. Es gibt kein Motiv. Es gibt keine Beweise für den Einsatz eines SEK-Teams. Aber um die Villa herum werden Hinweise auf den Einsatz eines militärisch geschulten Einsatzteams gefunden.
Kurz darauf wird Günter Ternhard in ein Krankenhaus eingeliefert. In seiner Hand explodierte in einem Lebensmittelgeschäft ein von ihm präpariertes Tetra-Pak. Bei seiner Verhaftung spricht er von einem SEK-Team. Später, im Krankenhaus, leugnet er das.
Während Land und Heinrichs noch im Dunkeln tappen, enthüllt Hellmann das Motiv für den Mord und auch den Drahtzieher. Johann Widera ist einer der Direktoren der Sontexa-Versicherung. Er ist zuständig für die Schadensregulierung bei Produkterpressungen. In den vergangenen Jahren nahmen die Kaufhauserpressungen rapide zu. Also beauftragte er einen ihm unbekannten Mann, der sich am Telefon Mike nennt, einigen der notorischen Kaufhauserpresser einen Denkzettel zu verpassen. Bei Gantas geriet die Sache außer Kontrolle. Jetzt will Widera die Sache abblasen. Aber Mike denkt nicht daran.
„Vor den Hymnen“ ist, zehn Jahre nach Alfred Hellmanns Debüt „Zeuss“, ein spannender Thriller mit einem überraschenden Schlusstwist. Bis dahin bewegt sich die in Berlin spielende Geschichte abwechslungsreich zwischen den Ermittlungen der beiden Kommissare Land und Heinrichs, dem Versicherungsdirektor Widera, der verzweifelt versucht seine Karriere zu retten, indem er das von ihm losgeschickte Kommando zum Aufhören bewegen will, und der Kaufhauserpresserin Katharina Syltenfuss, die nur an ihre nächste Tat denkt, hin und her. Syltenfuss ist, wie der auf den ersten Seiten des Romans ermordete Gantas, eine sich im Rentenalter befindende Person, die mit finanziellen Problemen zu kämpfen hat. Während Gantas an sein mittelständisches Herrenbekleidungsgeschäft und seine Angestellten denkt, denkt sie vor allem an ihren Jaguar und den, nach einer grandiosen Fehlinvestition auf dem Aktienmarkt, nur noch mühsam aufrecht erhaltenen schönen Schein.
Dass am Ende die Sympathien bei ihr und nicht bei Widera liegen, spricht für Hellmanns großes Talent mit wenigen Worten einen Charakter lebendig werden zu lassen. Er reflektiert ohne moralinsaueres Gerede und ohne die aus skandinavischen Krimis bekannte Sehnsucht zurück zur heilen Welt des Volkshauses die Ängste eines vom Abstieg bedrohten Mittelstandes und die individuellen Strategien verschiedener Charaktere für ihr eigenes Überleben. Auch wenn keine dieser Strategien – das gehört aber zum Genre – sich an die Buchstaben des Gesetzes hält und Hellmann am Ende nicht alle Bösen bestraft.
„Vor den Hymnen“ ist ein flotter Großstadtkrimi mit einer erschreckend plausiblen Prämisse. In Deutschland gibt es, je nach Schätzung, jedes Jahr zwischen fünfzig und vierhundert Produkterpressungen. Zwar raten Sicherheitsfirmen und Polizei zu einer Zusammenarbeit mit der Polizei, die meisten Erpresser führen ihre Tat nicht vollständig aus und, wenn es dann doch zur Übergabe des Lösegeldes kommt, werden sie meistens geschnappt. Aber: Warum sollte nicht eine Versicherung nach einem besonders effizienten Ausweg suchen? Und warum sollten nicht einige gut ausgebildete Elitekämpfer nach einer zusätzlichen Einnahmequelle suchen?
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Alfred Hellmann: Vor den Hymnen
Emons, 2008
240 Seiten
9,90 Euro

[…] neue und alte Filme fetzten) veröffentlichte er vor wenigen Wochen seinen zweiten Kriminalroman. „Vor den Hymen“ erhielt, nicht nur von mir, euphorische […]
[…] neue und alte Filme fetzten) veröffentlichte er vor wenigen Wochen seinen zweiten Kriminalroman. „Vor den Hymen“ erhielt, nicht nur von mir, euphorische […]
[…] Meine Besprechung von Alfred Hellmanns „Vor den Hymnen“ […]
[…] habe Alfred gekannt, seine letzten Krimis „Vor den Hymnen“ (mit Interview) und „Heidenlärm“ (mit Interview), die er nach einer längeren […]