Sonntägliche Gedankensplitter: U und E, Elephant, Razzies und Frederik Pohl

Nachdem alle über Suhrkamp, unterhaltende und ernste Literatur und literarische Krimis reden, gibt’s hier einige unsortierte Anmerkungen:

Die Unterscheidung zwischen U und E halte ich für Quatsch, weil sie analytisch nichts bringt. Denn die Unterscheidung müsste dann an der Grenze verlaufen ob ein Buch unterhält oder nicht unterhält. Die zweite Unterscheidungsmöglichkeit wäre zwischen „ernst“ und „nicht ernst“ (also witzig).

Ich denke allerdings, dass kein E-Autor sagt: „Ich will meine Leser nicht unterhalten. Sie sollen sich langweilen. Sie dürfen nicht lachen. Das Lesen muss für sie Arbeit sein. Eine Qual. Wie auch das Schreiben für mich eine Qual war.“

Oder dass ein Kritiker sagt: „Das Lesen war anstrengend. Ich musste mich durch das Buch quälen. Also ist es gute hohe Literatur.“

Sinnvoller ist die englische Unterscheidung zwischen Genre- und Mainstreamliteratur. Dabei muss die Genreliteratur bestimmte Regeln und Anforderungen erfüllen, die die Mainstreamliteratur nicht erfüllen muss. In einem Krimi muss ein Verbrechen vorkommen. In einem Western Pferde und Cowboys. Ein Science-Fiction-Roman muss in der Zukunft spielen. Ein Fantasy-Roman – nun, ich glaube Sie verstehen es. (Ausnahmen bestätigen die Regel).

„Literarischer Krimi“ übersetze ich spontan als „Krimi, der keiner ist, langweilt und das Genre nicht ernst nimmt“.

Wenn ich „mehr als ein Krimi“ lese, gehen bei mir ebenfalls die roten Lichter an. In jedem Fall bedeutet es zuerst einmal „Finger weg!“.

Die Suhrkamp-Kultur (Wurde der Begriff nicht von Henscheid und der Neuen Frankfurter Schule geprägt?) assoziiere ich vor allem mit den wissenschaftlichen Büchern und dem wunderschön einheitlichen Layout.

Die Romane waren dagegen, jedenfalls soweit meine Erinnerung reicht, immer schon ein Mix aus der E-Literatur in all ihren Schattierungen (wie Martin Walser, Thomas Bernhard, Max Frisch, Hermann Hesse, Bodo Kirchhoff, Raymond Queneau und Flann O’Brien.) und U-Literatur. Ich sage nur Isabel Allende (Das Geisterhaus). Zur Verfilmung gab’s dann auch den aus anderen Verlagen bekannten Schnickschnack.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Verlagen hat Suhrkamp über Jahrzehnte ein Image aufgebaut, es gepflegt und viele Werke über eine sehr lange Zeit verfügbar gehalten. Spontan fällt mir nur noch Diogenes ein.

Und nun zu etwas anderem:

Gestern habe ich (endlich) den 2003 mit der Goldenen Palme ausgezeichneten Film „Elephant“ von Gus Van Sant gesehen. „Elephant“ ist Van Sants meditative Beschäftigung mit dem Amoklauf von zwei Schülern in der Columbine High School. In langen Einstellungen verfolgt er einige Schüler durch die Gänge der Schule und zeigt sie bei alltäglichen Beschäftigungen. Dazu gibt es das übliche Teenager-Geplapper und meditative Musik. Als Musikfilm entfaltet „Elephant“ daher einen ganz eigenen Sog. Als Spielfilm – nun, einen normalen Spielfilm wollte Gus Van Sant sowieso nicht drehen. Das Dokumentarische in den unverbrauchten Gesichtern der Jugendlichen und dem Schulgebäude ist als Blick in eine für uns fremde Welt dank der langsam durch die Schule gleitenden Kamera und der Musik sehenswert.

Sehr interessant fand ich die Film-Besprechung von Robin Detje in der „Zeit“:

„Elephant“ bestätigt einige Grundregeln des Erzählkinos, die bei klugen Menschen aus guten Gründen unbeliebt sind: Mit den Herzen der Zuschauer spielt man nicht. Man versäumt nicht ungestraft, eine moralische Haltung zu seinen Figuren und ihren Handlungen einzunehmen. Das Leben wird nicht wahrhaftiger abgebildet, wenn man es ungestaltet und undramatisch abbildet. Was man dabei erhält, ist nicht die bessere Kunst im Dienste eines wirklicheren Lebens, sondern eine undramatische Abbildung.

Man liebt solche Handwerkerregeln als kluger Mensch nicht. Man glaubt schließlich, dass die Gefühlsverkäufer der Kulturindustrie ihr Geld meist damit verdienen, auf unserem Einfühlungsvermögen Klavier zu spielen und uns die Taschentüchlein in die feuchten Händchen zu zaubern. Und dass man sich dagegen wehren muss. Kontrollverlust kann schließlich nicht gut sein! So zieht man sich wie Gus van Sant zurück ins Trotzkämmerlein der „Avantgarde“.

Und nun zu etwas vollkommen anderem:

Die Razzie-Nominierungen sind draußen. Unser Mann für Hollywood, der Uwe Boll, ist auch dabei. Mehrmals. Aber auch die anderen haben sich ihre Nominierungen redlich verdient.

Und nun zu vollkommen vollkommen anderem:

Frederik Pohl bloggt!

Pohl ist der Vater (Oder Großvater? Immerhin ist er Jahrgang 1919.) des intelligenten, satirischen S-F-Romans. Er wurde mehrfach mit dem Hugo- und Nebula-Award ausgezeichnet.

„Pohl ist seit über 50 Jahren einer der bedeutendsten SF-Autoren und passt Stil und Themen der jeweiligen Zeit an.“ (David Pringle: Das ultimative Science-Fiction-Lexikon, 1996)

Meine erste Begegnung mit Pohls Werk war „Der lautlose Krieg“ (The cool war, 1979); eine brüllend komische Satire über die 2020 an Energienot leitende Welt und einem Reverend der Unitarier-Kirche, der plötzlich im Fadenkreuz von Geheimdiensten und Untergrundorganisationen steht und mit einer wichtigen Mission, von der er nichts versteht, betraut wird.

Alles weitere über Frederik Pohl könnt ihr auf seiner Homepage, Wikipedia, Phantastik-Couch, und, für den schnellen Überblick über sein umfangreiches Werk, Fantastic Fiction nachlesen.

(Dank an James Reasoner für den Hinweis.)

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