Joseph Wambaugh zeigt Hollywoods andere Seite

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Nach einer zehnjährigen Pause kehrte Joseph Wambaugh 2006 mit „Hollywood Station“ wieder zurück in die Welt des Kriminalromans. Dazwischen schrieb er das Sachbuch „Fire Lover“. Der Vater des modernen Polizeiromans, jedenfalls für die uniformierten Polizisten, erzählte wieder aus dem Alltag der Polizei. Doch während er am Anfang seiner literarischen Karriere aus eigenen Erfahrungen schöpfen konnte, ließ er sich für „Hollywood Station“ (2006), „Hollywood Crows“ (2008) und „Hollywood Moon“ (2009, so die Originaltitel) von Polizisten während vieler Abendessen von ihrer Arbeit erzählen. In „Hollywood Crows“, das jetzt als „Sunset Boulevard“ auf Deutsch erschienen ist, bedankt sich Joseph Wambaugh bei 57 Polizisten. Entsprechend detailliert und kundig, aber auch parteiisch, ist sein Roman über die Officers des Los Angeles Police Department.

Wobei „Sunset Boulevard“ eigentlich kein richtiger Kriminalroman ist. Denn im Mittelpunkt stehen, wie bei einer TV-Polizeiserie, etwa ein halbes Dutzend Polizisten der Hollywood Station und ihre meist absurden Erlebnisse. Sie müssen sich um Kleinigkeiten, wie falsch parkende Autos, mitgenommene Einkaufswagen, Schlägereien, Selbstmörder und Obdachlose kümmern. Kleinkram, der teilweise deutlich unter der Schwelle der Kleinkriminalität liegt. Bei Morden steht der Täter meist neben der Leiche. Da ist ein illegaler Hahnenkampf schon etwas Besonderes. Hollywood-Nate Nathan Weiss (der, wie sein Spitzname verrät, an seiner Schauspielerkarriere arbeitet), das Team Flotsam and Jetsam (Yeah, passionierte Surfer!), die cholerische Gert Von Braun und ihr neuer Partner Doomsday-Dan Applewhite, Ronnie Sinclair und Bix Ramstead vom Hollywood CRO (Crow genannt und für Öffentlichkeitsarbeit in der Gemeinde zuständig), Mitleid-Charlie Gilford und der unbeliebte Chef Jason „Chickenlips“ Treakle sind Wambaughs Helden auf der richtigen Seite des Gesetzes.

Diese letztendlich grundehrlichen Polizisten und ihre tägliche aussichtslose Arbeit gegen die Absurditäten der Straße und den bürokratischen Wahnsinn (den Joseph Wambaugh, wie seine Polizisten, ablehnt) werden einem schnell vertraut. Die Gründe für diesen Wandel hin zu mehr Bürokratie und Kontrolle der Polizei werden von Wambaugh höchstens am Rand gestreift. In Los Angeles waren das der Fall Rodney King, der Rampart-Skandal, die steigende Kriminalität und die durchaus erfolgreichen Anstrengungen des seit 2002 amtierenden Polizeichef William Bratton, den sehr ramponierten Ruf der Polizei von Los Angeles wieder zu verbessern und die steigende Kriminalität zu bekämpfen.

In dieses pointiert erzählte, meist wahnsinnig komische, episodische Sittenbild des polizeilichen Alltags webt Wambaugh die Minigeschichte des Scheidungskrieges zwischen der wunderschönen, intelligenten Margot Aziz und ihrem Mann, den Nachtclub-Besitzer Ali Aziz. Sie kämpfen um das gemeinsame Vermögen und das Sorgerecht für den im ganzen Buch nie auftauchenden Sohn. Dafür sind sie letztendlich auch bereit, den anderen zu töten. Der Kleinkriminelle Leonard Stilwell spielt dabei eine wichtige Rolle. Aber diese Geschichte ist, wenn man „Sunset Boulevard“ mit einer TV-Polizeiserie vergleicht, so wichtig wie ein vernachlässigbarer folgenübergreifender Plot.

„Sunset Boulevard“, das sich wie ein langes Gespräch eines Haufens gutgelaunter Polizisten liest, ist ein meist schwarzhumoriger, faktenstrotzender Bericht aus dem Polizeialltag im heutigen Los Angeles. Inwiefern die früheren Romane des Grandmasters der Mystery Writers of America wirklich besser sind (wie einige Kritiker behaupten) oder in der Erinnerung verklärt werden (was ich für sehr wahrscheinlich halte), kann in wenigen Wochen mit der Neuauflage von Wambaughts drittem Roman „Die Chorknaben“ (The Choirboys) überprüft werden.

Joseph Wambaugh: Sunset Boulevard

(übersetzt von Rainer Schumacher)

Bastei Lübbe, 2009

384 Seiten

8,95 Euro

Originalausgabe

Hollywood Crows

Little, Brown and Company, 2008

Hinweise

Homepage von Joseph Wambaugh

Homepage zum Roman „Hollywood Crows“

Bookreporter: Interviews mit Joseph Wambaugh (28. März 2008, 17. Mai 2002)

Orchard Press Mysteries: Interview mit Joseph Wambaugh (2008)

Kacey Kowards Show: Audiointerview mit Joseph Wambaugh (2. April 2008)

2 Responses to Joseph Wambaugh zeigt Hollywoods andere Seite

  1. […] Hollywood Crows (Sunset Boulevard), von Joseph Wambaugh […]

  2. […] mit Joseph Wambaugh Keith Rawson hat Anfang Dezember mit Joseph Wambaugh (Die Chorknaben, Sunset Boulevard) […]

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