Horst Eckerts zehnter Streich

Eckert - Sprengkraft

Dass mir das neue Buch „Sprengkraft“ von Horst Eckert gefällt ist nicht erstaunlich. Immerhin bin ich ein bekennender Eckert-Fan.

Dass sein neuer Roman ein spannender Polizeikrimi ist, ist auch nicht erstaunlich.

Dass er nach seinen vorherigen Büchern noch politischer wird (Kritiker lieben es ja, Entwicklungen zu entdecken), ist auch nicht erstaunlich.

Erstaunlich ist aber, dass Horst Eckert anscheinend als einziger deutscher Autor in der Lage ist, einen ernstzunehmenden Politthriller über die heutige Bundesrepublik, die Terrorgefahr und den Abbau der Bürgerrechte zu schreiben. Andere Autoren planen gleich einen Umsturz, inszenieren ein Kasperle-Theater auf Soap-Niveau oder lassen irgendwo in der Provinz Bomben explodieren (Hintertupfigen als Ziel eines Anschlages? Uh-huh.). Das alles hat mit der Realität ungefähr so viel zu tun, wie der letzte „Krieg der Sterne“-Film. Unterhaltsam, vielleicht, aber nicht weiter beunruhigend.

Dagegen demonstriert Horst Eckert mit seinem zehnten Roman „Sprengkraft“ eindrucksvoll, wie ein deutscher Politthriller aussehen kann. Dabei wurden bereits seine vorherigen Romane immer politischer. Er thematisierte schon immer Verflechtungen, Korruption und Machtgier innerhalb der Polizei. In seinen neueren Romanen rückten das Machtgeflecht und die Beziehungen zwischen Polizei, Wirtschaft und der Stadt- und Landespolitik immer mehr in das Zentrum seiner Geschichte. Auch der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan und der Polizei in Bosnien wurden angesprochen. Aber in „Sprengkraft“ steht die große Politik, nämlich der Kampf gegen den islamistischen Terrorismus, und wie jeder dabei sein eigenes Süppchen kocht, im Mittelpunkt.

In einem Nebenraum einer Hinterhofmoschee explodiert eine Bombe. Die Opfer sind die jungen Islamisten Rafi Diouris, Said Boussoufa und der Konvertit Yassin Dennis Scholl, die gerade einen Anschlag planten und sich bereits den Sprengstoff besorgt hatten. Die ermittelnden Beamten Anna Winkler und Martin Zander fragen sich, ob deren Bomben zufällig explodierten oder ob es ein rechtsradikaler Anschlag gegen die Moschee war.

Außerdem hat Zander von Kriminaldirektor Benedikt Engel den Auftrag erhalten, herauszufinden welcher Polizist vor 18 Monaten die Ermittlungen gegen den auf der Straße erschossenen Bruder von Rafi Diouris torpedierte und wohin damals die Drogen verschwunden sind. Wenn der korrupte Zander den Maulwurf nicht findet, ist er seinen Job los. Weil Rafi Diouris mehr über diesen Dealermord weiß, als er der Polizei verrät, könnte der Anschlag auch ihm gegolten haben.

Gleichzeitig versucht die rechtslastige „Bürgerbewegung Pro Freiheit“ mit einer neuen Vorsitzenden, der von der CDU abgeworbenen Bundestagsabgeordneten Carola Ott-Petersen, und dem von Unternehmer Edwin A. Bucerius teuer bezahlten PR-Berater Moritz Lemke, in den Landtag einzuziehen. Ott-Petersen entdeckt in der Parteizentrale seltsame Rechnungen und verschwindet plötzlich. Lemke ist zwar einerseits ein Alt-Linker (Gründungsmitglied der Grünen!), aber andererseits kann er das Geld gut gebrauchen und er ist für das Lob und die Schmeicheleien der Parteifinanziers empfänglich. Denn die Bombe beweist doch, so sagt er sich, dass die Partei mit ihren ausländerfeindlichen Parolen Recht hat.

Diese miteinander verbundenen Geschichten entwickeln sich vor aktuellen Schlagzeilen. Die Proteste gegen eine religionskritische Ausstellung in der Berliner Turmstraße (also vor meiner Haustür; die Ausstellung fand gut bewacht statt und war gut besucht), die verschiedenen missglückten Anschläge von mutmaßlich islamistischen Terroristen in Deutschland, die deutschsprachigen Al-Kaida-Videos, der jetzt schon stattfindende massive Abbau von Bürgerrechten mit dem Hinweis auf den internationalen Terrorismus (Vorratsdatenspeicherung und Online-Durchsuchung können hier als Stichworte genügen), die zunehmende Abneigung der Deutschen gegen den Islam, die damit verbundenen Proteste in mehreren Großstädten gegen den Bau von Moscheen und, natürlich, die Umgangsformen in der Politik werden auch in „Sprengkraft“ genannt.

Horst Eckert verknüpft diese bundesdeutsche Wirklichkeit gewohnt souverän mit ungefähr einem halben Dutzend verschiedener Handlungsfäden, ohne jemals den Überblick zu verlieren, und wartet mit einem überraschenden, die vorherigen Gewissheiten in Frage stellendem, glaubwürdigen  Ende auf.

„Sprengkraft“ ist Eckerts präziser Kommentar zur Lage der Nation. Dabei kommen, wie schon bei Ross Thomas, die Mächtigen nicht besonders gut weg.

Horst Eckert: Sprengkraft

Grafit, 2009

416 Seiten

18,90 Euro

Die Taten des Horst Eckert

Annas Erbe, 1995

Bittere Delikatessen, 1996

Aufgeputscht, 1997

Finstere Seelen, 1999

Die Zwillingsfalle, 2000

Ausgezählt, 2002

Purpurland, 2003

617 Grad Celsius, 2005

Königsallee, 2007

Kleinere Delikte von Horst Eckert

Der Absprung, 2006 (Kaliber.64)

und zahlreiche Kurzgeschichten

Hinweise

Homepage von Horst Eckert

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Königsallee“

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Der Absprung“

Meine Besprechung von Horst Eckerts „617 Grad Celsius“

Kriminalakte: Interview mit Horst Eckert (22. Mai 2009)

4 Responses to Horst Eckerts zehnter Streich

  1. […] Veröffentlichung von Horst Eckerts neuem Roman „Sprengkraft“ habe ich unserem besten Autor von Polizeiromanen und Politthrillern einige Fragen zu seinem […]

  2. […] was soll ich über „Sprengkraft“ sagen? Ich hab den Polit-Thriller bereits abgefeiert und ein kurzes Interview mit Horst Eckert über sein Buch geführt. Also: tolles Buch, sympathischer […]

  3. […] Büchertitel mit Horst Eckert (Sprengkraft). […]

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