Viel skandinavisches Holz wird die kommenden Tage im Fernsehen gezeigt. Wer auch andere Wälder erkunden will, sollte sich Sidney Lumets Reginald-Rose-Verfilmung „Die zwölf Geschworenen“, Rob Reiners Stephen-King-Verfilmung „Misery“ (nach einem Drehbuch von William Goldman), Claude Chabrols Patricia-Highsmith-Verfilmung „Der Schrei der Eule“ und seine Nicholas-Blake-Verfilmung „Das Biest muß sterben“, René Clements Day-Keene-Verfilmung „Wie Raubkatzen“, Alfred Hitchcocks „Der Mann, der zuviel wusste“, Jonathan Demmes Richard-Condon-Verfilmung „Der Manchurian Kandidat“, Barry Sonnenfelds Elmore-Leonard-Verfilmung „Schnappt Shorty“, Jack Smights Ross-MacDonald-Verfilmung „Ein Fall für Harper“ (Uups, noch ein Drehbuch von William Goldman) und Damiano Damianis Leonardo-Sciascia-Verfilmung „Don Mariano weiß von nichts“ ansehen.
„Alte Wunden“, der dreißigste Fall für den in Boston ermittelnden Privatdetektiv Spenser, beginnt mit dem Besuch von einem alten Bekannten in Spenser Büro. Sein Ziehsohn Paul Giacomin besucht ihn mit seiner Freundin Daryl Gordon. Sie möchte wissen, wer 1974 ihre Mutter bei einem Banküberfall erschoss. Die Dread-Scott-Brigade bekannte sich zu dem Überfall, aber die Täter wurden nie geschnappt. Als Spenser den Polizeibericht lesen will, erfährt er, dass er weder bei der Polizei noch beim FBI zu finden ist. Und nachdem einige Gangster von ihm verlangen, dass er nicht weiter herumschnüffeln soll, ist natürlich Spensers Jagdinstinkt geweckt. Mit seinem Kumpel Hawk (Typ: böser, großer, schwarzer Mann) begibt er sich auf die Jagd und begegnet dabei auch Jesse Stone, dem hilfsbereiten Polizeichef der Kleinstadt Paradise.
Nach „Hugger Mugger“, „Potshot“ und „Widow’s Walk“ (Die blonde Witwe) ist „Alte Wunden“ ein besserer Spenser-Fall. Denn spätestens seit den Neunzigern und einigen sehr schwachen Büchern in den Achtzigern schrieb Robert B. Parker die Spenser-Romane quasi im Autopilot-Modus, der dazu führt, dass die Plots oft erschreckend dünn und verworren sind, aber die Dialoge und natürlich die Kürze der Krimis sorgen immer noch für einen vergnüglichen Abend mit einigen herzlichen Lachern.
Die besseren Bücher von Robert B. Parker erschienen damals in der Jesse-Stone-Reihe, die nach einem guten Anfang dann allerdings auch erschreckend schnell schlechter wurde.
Dennoch ist „Alte Wunden“ wie ein Besuch in der Stammkneipe. Man kennt alles, man ärgert sich immer wieder über die gleichen Dinge und kommt doch immer wieder zurück. Denn Schreiben kann Robert B. Parker. Oder sollte ich „konnte“ sagen? Denn Parker starb am 18. Januar an seinem Schreibtisch. Aber andererseits ist für Oktober der neununddreißigste Spenser-Roman „Painted Ladies“ angekündigt und es sind immer noch nicht alle Spenser-, Jesse-Stone-, Sunny-Randall- (muss nicht sein) und Virgil-Cole/Everett-Hitch-Romane (hm, die Western werden wahrscheinlich nie übersetzt) übersetzt.
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Robert B. Parker: Alte Wunden – Ein Auftrag für Spenser
Für alle Fälle Fitz: Nine Eleven (GB 2006, R.: Antonia Bird)
Drehbuch: Jimmy McGovern
„Nine Eleven“ ist der okaye Nachklapp zur legendären Serie „Für alle Fälle Fitz“ (Cracker): der Psychologe Eddie „Fitz“ Fitzgerald besucht wegen der Hochzeit seiner Tochter wieder das inzwischen gründlich durchsanierte Manchester. Fitz, der sich in den vergangenen Jahren kein Jota änderte, torpediert zuerst die Hochzeit und mischt sich anschließend in einen Mordfall ein: zwei Amerikaner wurden ermordet.
„Nine Eleven“ verbindet gelungen den Antiterrorkrieg der USA mit dem Nordirlandkonflikt und, wenn es die vorherigen „Cracker“-Filme nicht gäbe, hätte mir der bislang letzte Auftritt von Robbie Coltrane als Fitz noch besser gefallen.
Jimmy McGoverns Drehbuch war vollkommen zu Recht für den Edgar nominiert.
ZDFneo zeigt an den kommenden Freitagen die ersten „Cracker“-Episoden. Allerdings scheint es sich um leicht gekürzte Fassungen zu handeln. Auf DVD sind die ungekürzten Folgen erschienen.
mit Robbie Coltrane, Barbara Flynn, Kieran O’Brien, Anthony Flanagan
Wer die Millenium-Trilogie von Stieg Larsson verschlungen hat, wird natürlich auch in den dritten Teil gehen und sich an einer romannahen Verfilmung erfreuen können. Auch wenn ein gesamter Subplot entfernt wurde. Aber wie schon in „Verblendung“ und „Verdamnis“ bleibt das Gerüst der Geschichte intakt.
Für die anderen Menschen – nun, sieht das Ganze etwas anders aus.
„Vergebung“ schließt nahtlos an den zweiten Teil „Verdammnis“ an. Lisbeth Salander liegt schwer verletzt im Krankenhaus. Ihr Vater Alexander Zalachenko (im Buch Zalatschenko) im Zimmer nebenan und ihr Bruder Ronald Niedermann ist auf der Flucht. Der Staat bereitet die Anklage gegen Lisbeth vor. Immerhin hat sie versucht ihren Vater zu töten. Ihr Freund, der Enthüllungsjournalist Mikael Blomkvist, versucht ihr zu helfen.
Gleichzeitig versuchen die Beamten, die den russischen Überläufer Zalachenko die letzten Jahrzehnte schützten, ihn und damit auch sich weiterhin zu schützen.
Diese Aufräumaktion und wie sie schiefgeht wird im Film und im Buch in epischer und quälend-langatmiger Breite erzählt. Denn anstatt die Karten neu zu verteilen und damit alle Gewissheiten aus „Verdammnis“ wieder zumindest in Frage oder sogar komplett auf den Kopf zu stellen, erzählt Larsson einfach chronologisch weiter, was passiert. Deshalb ist die Hauptstory (Mikael versucht Lisbeth zu rehabilitieren) nur ein dröger Nachklapp zu der vorherigen Geschichte. Es ist, weil eigentlich in „Verdammnis“ bereits alles gesagt wurde und in „Vergebung“ keine neuen Erkenntnisse die alten Gewissheiten in Frage stellen, ein elend langer Epilog, bei dem viel, aber immer mit klarer Rollenverteilung, intrigiert wird. Denn Zalachenkos Freunde von der Sicherheitspolizei (SiPo) wollen Lisbeth Salander jetzt endgültig in die Psychiatrie einweisen lassen.
Auf der Leinwand ist dieses Pläneschmieden von einer Armada sprechender Köpfe oft ziemlich langweilig anzusehen. Denn Kino ist Bewegung und in „Vergebung“ gibt es das nur homöopathische Dosen.
Wenn Larssons Charaktere nicht gerade reden, schreiben und lesen sie. Das ist in einem Roman kein Problem, aber auf der Leinwand, wenn notgedrungen mit Voice-Over und Selbstgesprächen gearbeitet wird, langweilig.
Dagegen fällt immer stärker auf, dass die Bücher von Stieg Larsson Märchen für Erwachsene sind. Es gibt die edlen Guten und die fiesen, teilweise erstaunlich dilettantisch agierenden Bösen. Dazwischen gibt es nichts und am Ende geht die Geschichte gut aus. Denn der edle Ritter (aka Mikael Blomkvist, der nicht Kalle Blomkvist genannt werden möchte) hat die Jungfrau (aka Lisbeth Salander, die zeitgemäße Version von Pippi Langstrumpf mit starken Verhaltensstörungen) gerettet. Dass Salander am Ende noch einmal ihrem untergetauchten Bruder begegnet, ist nur ein Tribut an die gewandelten Zeiten. Immerhin gibt es inzwischen in Buch, Film und Computerspiel genug Frauen, die lustvoll ganze Horden von Männern verprügeln und töten.
So vereint „Vergebung“ das Beste und das Schlechteste von Stieg Larsson jetzt auch im Film. Obwohl wieder viel überflüssiger Ballast gestrichen wurde, ist der Film viel zu lang. Genaugenommen ist „Vergebung“ nur ein Epilog zu „Verdammnis“, der anstatt 5 Minuten fast 150 Minuten dauert und überraschungsfrei und ziemlich humorlos die Stationen eines Strafverfahrens abhakt. Nur die superdoofen Gegner von unserem tapferen Journalisten Blomkvist erstaunen immer wieder.
Für Larsson-Fans ist „Vergebung“ sicher eine probate Illustration des Buches. Wer aber den zweiten Teil der Millenium-Trilogie „Verdammnis“ nicht gelesen oder gesehen hat, wird sich beim Sehen von „Vergebung“, weil die meisten Charaktere und Hintergründe nicht mehr eingeführt werden, öfters sehr verloren fühlen.
In Schweden ist bereits die deutlich TV-Version von „Verblendung“ (dem besten Film der Trilogie), „Verdammnis“ und „Vergebung“ gelaufen. Larsson-Fans sollten sich also überlegen, ob sie sich jetzt die Einzel-DVDs kaufen oder auf den Extended-Cut warten.
Vergebung (Luftslottet som sprängdes, Schweden/Dänemark/Deutschland 2009)
Regie: Daniel Alfredson
Drehbuch: Ulf Rydberg (nach dem Roman von Stieg Larsson)
mit Michael Nyqvist, Noomi Rapace, Jacob Ericksson, Sofia Ledarp, Mikael Spreitz, Niklas Hjulström, Lena Endre, Michalis Koutsogiannakis, Yasmine Garbi, Per Oscarsson, Anders Ahlborn Rosendahl
Der Pariser Journalist Roland Wolf will den berühmten, für seine Wohltätigkeit bekannten Showmaster Christian Legagneur auf dessen Landsitz interviewen. Dabei blickt er hinter Legagneurs Fassade. Außerdem will Wolf herausfinden, was dort mit seiner Schwester geschah.
„Die Deformation beim Tanz um das goldene Kalb, die behaglich rosa getönte Fassade von Habgier und rücksichtsloser Menschenverachtung, die Verlogenheit in den Unterhaltungsmedien. Typische Themen in Chabrols Oeuvre, das mit diesem Film um ein unterhaltsames Meisterwerk reicher geworden ist.“ (Fischer Film Almanach 1988)
Arte nimmt den 80. Geburtstag von Claude Chabrol am 24. Juni zum Anlass, einige seiner Filme wieder zu zeigen. Nach „Masken“ stehen „Der Schrei der Eule“ (Montag, 7. Juni), „Das Biest muss sterben“ (Montag, 14. Juni), „Der Frauenmörder von Paris“ (Montag, 21. Juni) und „Betty“ (Donnerstag, 24. Juni) auf dem Programm.
Mit Philippe Noiret, Robin Renucci, Bernadette Lafont, Monique Chaumette
Wenn man heute den Roman „The Shootist“ von Glendon Swarthout liest, hat man immer John Wayne vor Augen. Denn wer außer dem ikonischen Westerndarsteller sollte einen alternden Revolverhelden spielen?
In der gleichnamigen, sich sehr genau an den Roman haltenden Verfilmung spielte John Wayne dann den gefürchteten Revolverhelden John Bernard Books. Am 22. Januar 1901 nimmt er in Carson City ein Zimmer bei der Witwe Bond Rogers (Lauren Bacall). Sein Arzt (James Stewart) hatte ihm gesagt, dass er Krebs habe (das war damals die Todesursache Nr. 1 für Revolverhelden) und in wenigen Wochen qualvoll sterben werde.
Glendon Swarthout entwarf in seinem Roman ein pessimistisches Bild der Gesellschaft und Don Siegel hatte, obwohl der Film etwas positiver endet, keine Probleme, dem zu folgen. In „Der Shootist – Der letzte Scharfschütze“ (doofer denglischer Titel) ist der Revolverheld Books von einer Horde Geschäftemacher, die alle seinen Tod als eine Möglichkeit zum Geldverdienen sehen und sich dafür nicht schämen, und einem Ortspolizisten, der seine Freude über Books baldiges Sterben auch vor Books nicht verbirgt, umgeben. Books wenigen „Freunde“ sind seine Vermieterin und sein Arzt, den er seit fünfzehn Jahren (also seit „Der Mann, der Liberty Valence erschoss“) nicht mehr gesehen hat. In einem solchen Umfeld wird der mehrfache Mörder Books zu einem ehrlichen Mann, der seinem Kodex folgt und Gewalt immer nur zur Selbstverteidigung benutzt.
Books, der sich über die menschliche Natur keine Illusionen macht, treibt in seinen letzten Tagen den Preis für sein Eigentum und seinen Leichnam in die Höhe. Nicht weil er das Geld für sich oder seine Nachkommen (die es nicht gibt) benötigt, sondern aus Prinzip. Aus Prinzip wirft er auch einen Journalisten, der Books Geschichte leicht ausgeschmückt verkaufen möchte, aus dem Gästehaus der Witwe Rogers.
Gleichzeitig freundet Books sich, soweit das ein Mann, der immer auf sich allein gestellt war, mit seiner Vermieterin Bond Rogers an und er versucht für ihren Sohn Gillom (der spätere Regisseur Ron Howard [zuletzt „Frost/Nixon“ und „Illuminati“]) ein Vater zu sein. Denn Gillom bewundert den Revolverhelden maßlos.
In diesen Tagen fragt Books sich, wie er sterben möchte und welches Bild von sich er der Welt überlassen will. Dafür bereitet er seinen Tod, in einem abschließendem Duell, präzise vor.
Am Ende macht er der Stadt sogar, wie im Buch ein Bewohner von Carson City sagt, noch ein Geschenk: „He killed every hard case around!“
Gleichzeitig hat er sich einen würdigen Abgang verschafft.
Jedenfalls im Film.
Dass „Der Shootist“ John Waynes letzter Film wurde, ahnte 1976 niemand. Damals war es nur ein weiterer John-Wayne-Film. Aber jeder wusste, dass der am 26. Mai 1907 geborene John Wayne langsam zu alt wurde, um den Cowboy zu spielen. Viele bekannte Schauspieler, die von dem Projekt hörten, wollten eine der letzten Gelegenheiten wahrnehmen, mit der Legende zu spielen – und verzichteten dafür auch auf ihre üblichen Gagen. So kostete der Film trotz seiner namhaften Besetzung nur 4,5 Millionen Dollar.
Als John Wayne am 11. Juni 1979, wie Books, an Krebs starb, erhielt der Film eine bittere Pointe. Denn während des Drehs glaubte John Wayne, den Krebs besiegt zu haben.
Inzwischen ist „Der Shootist“, wie Swarthouts Roman, ein Western-Klassiker. Die Western Writers of America verliehen Swarthouts Buch den Spur-Award als bester Western-Roman des Jahres 1975. Später nahmen sie „The Shootist“ in die Liste der 21 besten Western, Swarthout in die Liste der besten Western-Autoren und die Verfilmung in die Liste der zehn besten Western des zwanzigsten Jahrhunderts auf.
Außerdem ist der von Don Siegels inszenierte melancholische Spätwestern unbestritten einer von John Waynes besten Filme – und in jedem Fall, nach einigen schwachen und durchschnittlichen Filmen, ein würdiger Abschied aus dem Filmgeschäft.
Der Shootist – Der letzte Scharfschütze (The Shootist, USA 1976)
Regie: Don Siegel
Drehbuch: Miles Hood Swarthout, Scott Hale
LV: Glendon Swarthout: The Shootist, 1975 (Der Superschütze)
mit John Wayne, Lauren Bacall, Ron Howard, James Stewart, Richard Boone, Hugh O’Brian, Bill McKinney, Harry Morgan, John Carradine, Richard Lenz, Scatman Crothers
Tatort: Schönes Wochenende (D 1980, R.: Wolfgang Staudte)
Drehbuch: Uwe Erichsen, Martin Gies
In seinem letzten Fall verlässt Kommissar Haferkamp sein vertrautes Revier: Zusammen mit seiner Ex will er ein Wochenende im Bergischen Land verbringen. Aber statt gemeinsamen Wanderungen klärt er, ohne das Hotel zu verlassen, einen Mord an einem Ganoven und einen Überfall auf einen Großmarkt auf. Seine Ex erträgt die Ermittlungen ihres Ex mit Fassung.
Mit einem ungewöhnlichen Fall endete die Ära des bekannt-beliebten Kommissars. Denn bislang ermittelte er nicht in seiner Freizeit.
mit Hansjörg Felmy, Willy Semmelrogge, Karin Eickelbaum, Bernd Schäfer, Dieter Prochnow, Peter Millowitsch, Uwe Ochsenknecht
Drehbuch: Herman Miller, Dean Reisner, Howard Rodman (nach einer Story von Herman Miller)
Ein Sheriff aus Arizona verfolgt in New York einen flüchtigen Mörder.
Die erste Zusammenarbeit von Don Siegel und Clint Eastwood ist eine Vorstudie für „Dirty Harry“ und war der beginn einer jahrelangen Freundschaft. Der Film kam beim Publikum gut an, aber ich stimme Richard Schickel zu: „Dennoch bleibt der Eindruck bestehen, (…) dass es sich um einen verworrenen und im Ton vergriffenen Film handelt, der nie sein eigentliches Ziel findet, sondern von Schlüsselszene zu Schlüsselszene wandert – beziehungsweise kriecht.“ (Clint Eastwood – Eine Biographie)
„Coogans großer Bluff“ war auch das Vorbild für die TV-Serie „Ein Sheriff in New York“ (McCloud, mit Dennis Weaver).
mit Clint Eastwood, Lee J. Cobb, Susan Clark, Tisha Sterling, Don Stroud, Seymour Cassel