TV-Tipp für den 6. August: U2 – Rattle and Hum

August 6, 2010

3sat, 22.25

U2 – Rattle and Hum (USA 1988, R.: Phil Joanou)

Drehbuch: Phil Joanou

In Farbe und Schwarzweiß gedrehter Konzertfilm mit Interviewschnipseln, der heute anscheinend seine TV-Premiere erlebt.

Joanou dokumentierte die 1987er Amerikatour von U2. Damals, nach dem Riesenerfolg der aus meiner Sicht unglaublich langweiligen LP „The Joshua Tree“, wurden die auf der Tour gespielten Cover-Lieder und teils gründlich überarbeiteten Versionen der U2-Hits von den Fans als zu amerikanisch und zu bluesig kritisiert. Genau deshalb gefiel mir die zum Film erschienene Doppel-LP. Außerdem ist B. B. King dabei.

Später drehte Joanou „Im Vorhof der Hölle“ (State of Grace), „Eiskalte Leidenschaft“ (Final Analysis), die James-Lee-Burke-Verfilmung „Mississippi Delta“ (Heaven’s Prisoners) und zahlreiche Musikvideos.

Der Film lebt von der pathetischen Musik, gibt aber über den politischen Anspruch der Gruppe nur rudimentäre Informationen. Ein handwerklich hervorragend gemachter Film für Fans.“ (Fischer Film Almanach 1989)

mit Bono, The Edge, Adam Clayton, Larry Mullen, B. B. King, Sterling Magee, Adam Gussow, The Memphis Horns

Wiederholung: Samstag, 7. August, 01.45 Uhr (VPS 01.40 Uhr, Taggenau!)

Hinweise

Homepage von U2

Wikipedia über „U2 – Rattle and Hum“ (deutsch, englisch)


DVD-Kritik: Neil Jordan, Bob Hoskins und „Mona Lisa“

August 5, 2010

In den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war – dank Margaret Thatcher, Channel 4 und dem British Film Institute (BFI) – das britische Kino eines der aufregendsten Kinos. Fast im Wochentakt erschien ein sehenswerter Film nach dem nächsten. „Mein wunderbarer Waschsalon“, „Prick up your ears“, „Sammy und Rosie tun es“, „Brief an Breshnev“, „Wasser – Der Film“, „Local Hero“, „The Fruit Machine – Rendezvous mit einem Killer“, „Rififi am Karfreitag“ (DVD-Neuausgabe im September), „Stormy Monday“, „Wish you where here“, „High Hopes“ und „Mona Lisa“, um nur einige zu nennen, die großen Mainstreamproduktionen und die Filme von Peter Greenaway ignorierend, gehören dazu. Sie erzählten oft kleine Geschichten, teils märchenhaft überhöht, aber immer mit einem genauen Blick auf die englische Realität, meisten mit Charakteren, die bislang in Filmen höchstens Nebenrollen übernehmen durften, immer mit Sympathie für die Außenseiter und normalerweise in strikter Opposition zur Thatcher-Politik.

Es war eine spannende Zeit.

Es gab viel zu entdecken.

Heute laufen die Filme viel zu selten im Fernsehen und auch auf DVD sind sie nur teilweise erhältlich. Umso erfreulicher ist die Wiederveröffentlichung von

Neil Jordans (Drehbuch und Regie) und David Lelands (Drehbuch) „Mona Lisa“.

In dem Noir erzählen sie in einem London, das oft wie eine sorgfältig inszenierte Bühne für eine griechische Tragödie wirkt, die Geschichte des kleinen Gauners George (glänzend gespielt von Bob Hoskins). Er hat gerade eine mehrjährige Haftstrafe abgesessen hat. Seine Frau will ihn nicht mehr sehen und versucht jeden Kontakt zu seiner fast erwachsenen Tochter zu verhindern. Auch der Gangsterboss Denny Mortwell (Michael Caine, gewohnt gut) will George nicht sehen. Aber weil George damals schwieg, verschafft Mortwell ihm ein Gnadenbrot. Er soll die dunkelhäutige Highclass-Prostituierte Simone (Cathy Tyson, ebenfalls überzeugend) zu ihren Kunden fahren. Für George ist das keine leichte Aufgabe. Denn zu seinem Working-Class-Ethos gehört es, dass Männer Frauen beschützen und dass Frauen sich nicht verkaufen. Sie hält ihn für eine Bauerntrampel.

Dennoch sind sie verwandte Seelen. Als Cathy ihm erzählt ihm, dass sie ihre verschwundene, minderjährige, drogensüchtige und sich deshalb prostituierende Freundin suche, will George ihr helfen. Er beginnt sie in den Pornoläden und Absteigen von Soho zu suchen und gerät in eine Geschichte, die er nie vollständig überblickt und die ständig mit seinen Werten kollidiert.

Mona Lisa“ reflektiert, wie die anderen Filme des New British Cinema, die Veränderungen in der englischen Gesellschaft. Während der naive George noch an den alten Werten hängt, hat Mortwell sich als erfolgreicher und pragmatischer Geschäftsmann angepasst. Er verdient jetzt mit dem Sexgeschäft in all seinen Facetten Geld. Dazu gehören neben der Highclass-Prostitution auch das Drehen von Sexvideos, Kinderprostitution und die Erpressung reicher Freier.

Und diese Geschäfte könnten weiterlaufen, wenn nicht George, der nie das ganze Bild sieht, Simone helfen möchte. Denn er wird auch von Simone benutzt. Er benimmt sich, ohne es zu bemerken, als Working-Class-Mitglied in den Gefilden der Upper-Class immer wieder falsch. Er forciert unwissentlich eine fatale Dynamik, die mit einigen Toten endet. Aber er verliert in diesem Alptraum niemals seine Integrität.

Der für seine Darstellung mehrfach nominierte und ausgezeichnete Bob Hoskins verleiht diesem Mann ein Gesicht und eine Tiefe, die uns mit ihm mitfühlen lässt. Denn, auch das ist eine Konstante des britischen Kinos: er lässt sich nicht unterkriegen. Außerdem sieht er, obwohl er das Geschäft mit dem käuflichen Sex ablehnt, hinter Simones cooler Fassade auch den Menschen. In einer Szene korrigiert er, bevor sie in einem Hotel zu einem Freier geht, ihre Kleidung und ihre Haare. Denn sie soll gut aussehen.

Als Bonusmaterial gibt es einen informativen Audiokommentar von Neil Jordan und dem schweigsamen Bob Hoskins. Jordan spricht über seine Herkunft, wie er zum Regisseur wurde, über das Drehbuch, welche Probleme es während der Produktion gab, über das Casting, die Dreharbeiten, seine Absichten bei bestimmten Szenen, über das Filmende und wie es dazu kam, dass er den Genesis-Song „In too deep“ vollständig einsetzte. Sein Kommentar ist eine kleine Filmschule.

Die „HandMade-Story“ ist ein knapp halbstündiger Zusammenschnitt aus Slideshow und Filmtrailern, bei dem Werbung und Selbstbeweihräucherung im Vordergrund stehen. Für einen ersten Einblick (oder eine Erinnerung) an eine wichtige Filmfirma ist der Film okay. Außerdem gibt es, als Texttafeln, Kurzbiographien von Bob Hoskins, Michael Caine, Robbie Coltrane und Neil Jordan, eine Bildergalerie und den Originaltrailer.

Anmerkung 1: Wer wegen der FSK-18-Bewertung auf eine satte Portion Blut, Gewalt und Sex hofft, sollte die Finger von „Mona Lisa“ lassen.

Anmerkung 2: Vergessen Sie das Cover. Anthony Hopkins spielt nicht mit.

Anmerkung 3: Die Bildqualität des Trailers ist bescheiden. Sorry, aber ich habe keinen besseren gefunden.

Mona Lisa (Mona Lisa, GB 1986)

Regie: Neil Jordan

Drehbuch: Neil Jordan, David Leland

mit Bob Hoskins, Cathy Tyson, Michael Caine, Robbie Coltrane, Clarke Peters

DVD

Spirit Media

Bild: 16:9

Ton: Deutsch (Dolby Digital 2.0), Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Audiokommentar von Neil Jordan und Bob Hoskins, The Handmade-Story, Originaltrailer, Bildergalerie, Bio- und Filmographien

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Homepage von Neil Jordan

Wikipedia über „Mona Lisa“ (deutsch, englisch)

Noir of the Week über „Mona Lisa“

Pompous Film Snob über „Mona Lisa“ (18. März 2010, sehr begeistert)

New York Times: Vincent Canby über „Mona Lisa“ (13. Juni 1986, nicht so begeistert)

Die Zeit: Norbert Grob über „Mona Lisa“ (19. Dezember 1986)


TV-Tipp für den 5. August: Female Agents

August 5, 2010

ARD, 22.45

Female Agents – Geheimkommando Phoenix (F 2008, R.: Jean-Paul Salomé)

Drehbuch: Jean-Paul Salomé, Laurent Vachaud

Frankreich, 1944: fünf Frauen sollen einen britischen Geologen, bevor er einem SS-Oberst in die Hände fällt, aus Frankreich herausschleusen.

Starbesetzter Thriller, der es bei uns, wie Salomés und Vachauds vorheriger, ebenfalls sehenswerter Abenteuerthriller „Arsène Lupin“, nur auf DVD erschien.

Auf Ausstattung und Spannung setzendes Kriegs- und Agentendrama, das sich erfolgreich um eine Balance zwischen anspruchsvollem Unterhaltungskino und einer Würdigung der Nazi-Opfer bemüht.“ (Lexikon des internationalen Films)

Das übliche Agentenfilmgenre wird hier doppelt gebrochen: (…) Obwohl der Film am Ende pathetisch den französischen Résistance-Kämpferinnen huldigt, ist er weniger ein Kriegsdrama denn ein auf Spannung getrimmter Thriller. Das hat er durchaus mit „Operation: Walküre“ gemein.“ (Die Welt)

„it’s all played with gusto and it’s actually a more enjoyable piece of work than Paul Verhoeven’s much-praised wartime drama Black Book.“ (Guardian)

„an old-fashioned period adventure that radiates star wattage but doesn’t exactly shine in the script department. A sort of „Girls With Guns 2“ for helmer Jean-Paul Salome, pic has a slick look and exciting WWII setting that help plaster over its generic feel and generally one-note perfs („Look determined!“ must have been Salome’s chief instruction).“ (Variety)

mit Sophie Marceau, Julie Depardieu, Marie Gillain, Moritz Bleibtreu

Wiederholungen

Eins Festival, Samstag, 7. August, 22.00 Uhr

Eins Festival, Sonntag, 8. August, 01.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Französische Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Wikipedia über „Female Agents“ (englisch, französisch)


R. i. P. Tom Mankiewicz

August 4, 2010

R. i. P. Tom Mankiewicz (1. August 1942 – 31. Juli 2010)

Am Samstag starb der Drehbuchautor und Regisseur Tom Mankiewicz in seinem Haus in Los Angeles. Er hatte Krebs.

Am bekanntesten ist der Sohn von Joseph L. Mankiewicz (Die barfüßige Gräfin, Cleopatra, Mord mit kleinen Fehlern) für seine Drehbücher. Er schrieb die Bücher für die Bond-Filme „Diamantenfieber“, „Leben und sterben lassen“ und „Der Mann mit dem goldenen Colt“ und war auch in „Der Spion, der mich liebte“ und „Moonraker“ involviert. Außerdem schrieb er die Bücher für „C. R. A. S. H.“, „Cassandra Crossing“, „Der Adler ist gelandet“, „Der Tag des Falken“ und „Schlappe Bullen beißen nicht“; diese „Dragnet“-Parodie inszenierte er auch. Er überarbeitete die Drehbücher für die ersten zwei „Superman“-Filme mit Christopher Reeve als Superman. Auch bei anderen Filmen und Serien, wie „Die Tiefe“, „Gremlins“ und „Columbo“, war er Skript-Doktor und Berater. Bei der 80er-Jahre-Krimiserie „Hart aber herzlich“ war er als Autor, Regisseur und Berater involviert.

Er verschaffte uns in allen Genres, mit einem Schwerpunkt auf Krimis und Komödien, einige entspannende Kinostunden. Denn, wie er 1987 dem Miami Herald sagte: „I don’t apologize for entertaining people.“

Nachrufe gibt es bei Reuters/Hollywood Reporter, im Telegraph, der L. A. Times, der Washington Post und Go into the Story.

Weitere Informationen bei Wikipedia (deutsch, englisch).


TV-Tipp für den 4. August: Control

August 4, 2010

BR, 23.30

Control (GB/USA/Aus/J 2007, R.: Anton Corbijn)

Drehbuch: Matt Greenhalgh

LV: Deborah Curtis: Touching from a distance, 1995 (Aus der Ferne: Ian Curtis und Joy Division)

Breit abgefeiertes Biopic über den „Joy Divisions“-Sänger Ian Curtis (1957 – 1980).

Anton Corbijns bedrückendes Regie-Debüt ‚Control‘ revolutionierte das Genre des Biopics.“ (Rolling Stone, Mai 2010)

mit Sam Riley, Samantha Morton, Alexandra Maria Lara, Joe Anderson, Herbert Grönemeyer

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Wikipedia über „Control“ (deutsch, englisch)

Film-Zeit über „Control“


Trailer zur Ken-Bruen-Verfilmung „The Guards“

August 3, 2010

Ah, hier ist der Trailer zur Verfilmung des ersten Jack-Taylor-Romans „The Guards“ (Jack Taylor fliegt raus) von Ken Bruen:

Nachtrag (4. August):  Die ersten Reaktionen zum TV-Film sind online bei Crime Always Pays (nicht so begeistert) und Detectives Beyond Borders (in den Kommentaren).


Cover der Woche

August 3, 2010


TV-Tipp für den 3. August: Berlin – Die Sinfonie der Großstadt

August 3, 2010

RBB, 23.50

Berlin – Die Sinfonie der Großstadt (D 1927, R.: Walter Ruttmann)

Drehbuch: Walter Ruttmann, Karl Freund

Dokufilmklassiker, der einen Tag in Berlin und den Rhythmus der pulsierenden Großstadt dokumentiert.

Ein ungemein eindringlicher und informativer Stummfilm von großem zeitdokumentarischem Wert.“ (Lexikon des internationalen Films)

Hinweise

Wikipedia über „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“(deutsch, englisch)

Filmportal über „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“ (umfangreich)

Arte über „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“

Archive.org: 61-minütige Version des 65-minütigen Films „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“ (derzeit, bei mir, ohne Musik. Also ein echter Stummfilm.)

Veoh: 75-minütige Version des Films (hmhm; außerdem muss ein Player installiert werden)


KrimiWelt-Bestenliste August 2010

August 2, 2010

Die Damen und Herren der KrimiWelt haben die verschlossenen Umschläge abgeliefert, an einem geheimen Ort wurden sie miteinander verglichen und der Zeremonienmeister verkündete die Bestenliste für den August 2010:

1 (4) Richard Price: Cash

2 (1) Pete Dexter: God’s Pocket

3 (-) Derek Nikitas: Scheiterhaufen

4 (2) Dominique Manotti: Letzte Schicht

5 (9) Jiří Kratochvil: Das Versprechen des Architekten

6 (-) John Farrow: Treibeis

7 (-) D.B. Blettenberg: Murnaus Vermächtnis (Interview zum Buch)

7 (-) Don Winslow: Pacific Paradise

8 (-) Giancarlo de Cataldo: Romanzo Criminale

9 (10) John Hart: Das letzte Kind

In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat.

Schon wieder fünf Neueinsteiger.

Die ersten beiden Plätze sind fest in der Hand großer amerikanischer Literaten, die auch in Hollywood ihre Spuren hinterlassen haben. Gegen Don Winslow kann nichts gesagt werden und der Einstieg von D. B. Blettenberg in die Bestenliste war überfällig.

Nächsten Monat könnten dann Garry Disher, Raúl Argemi, Claudia Pineiro, Jenny Siler, Frank Göhre, Robert Brack, Massimo Carlotto (Zählt eine Biographie?) und R. J. Ellory (obwohl das Buch so unglaublich dick ist) mit ihren neuen Werken auf der Liste sein.

Sebastian Fitzek wird’s dagegen wahrscheinlich nie auf diese Liste packen.


TV-Tipp für den 2. August: Mein großer Freund Shane

August 2, 2010

HR, 23.15

Mein großer Freund Shane (USA 1953, R.: George Stevens)

Drehbuch: A. B. Guthrie jr., Jack Sher

LV: Jack Schaefer: Shane, 1949 (Mein großer Freund Shane)

Revolverheld Shane hilft einigen Siedlern gegen einen Viehzüchter.

Ein Westernklassiker für Erwachsene mit einem mythologischen Helden. Sowohl Roman als auch Film eroberten Publikum und Kritik im Sturm.

Mit Alan Ladd, Jean Arthur, Van Heflin, Brandon De Wilde, Jack Palance, Ben Johnson, Elisha Cook jr.

Hinweise

Wikipedia über „Mein großer Freund Shane“ (deutsch, englisch)

Turner Classic Movies über „Shane“

Filmsite: Tim Dirks über „Shane“

Western-Autor Richard S. Wheeler über „Shane“ von Jack Schaefer


TV-Tipp für den 1. August: Denn sie kennen kein Erbarmen

August 1, 2010

Arte, 21.45

Denn sie kennen kein Erbarmen (D 2006, R.: Hans-Jürgen Panitz, Peter Dollinger)

Drehbuch: Hans-Jürgen Panitz, Peter Dollinger

Sehr informative, spielfilmlange Doku über den Italo-Western.

Mit Franco Nero, Ferdinando Baldi, Claudia Cardinale, Pierre Brice, Sergio Corbucci, Damiano Damiani, Clint Eastwood, Alberto Grimaldi, Robert Hossein, Sergio Leone, Antonio Margheriti, Tomas Milian, Ennio Morricone, Bud Spencer, Jean-Louis Trintignant, Eli Wallach

Wiederholungen

Donnerstag, 5. August, 03.00 Uhr (Taggenau!)

Dienstag, 10. August, 03.00 Uhr (Taggenau!)


DVD-Kritik: „Matrioshki“ oder Lustig ist das Stripperinnenleben

Juli 30, 2010

Schon die erste Folge der zehnteiligen belgischen Serie „Matrioshki – Mädchenhändler“ kann einen misstrauisch machen. Es tauchen zwar auch ein Polizist, der den Mädchenhändler Ray van Mechelen jagt, ein Reporter, der mit einer großen Enthüllungsreportage van Mechelen bloßstellen will, und ein Kleingangster, der nach der Exekution von zwei Prostituierten sein Gewissen entdeckt, auf. Aber im Mittelpunkt der Episode steht das langwierige Auswahlverfahren der Mädchenhändler in Vilnius. Dort haben sie ein Vortanzen organisiert und die Mädchen wollen alle die Chance auf das große Geld bei einer Tanztournee durch Europa ergreifen.

In den folgenden Episoden steht dann ihr Schicksal im Mittelpunkt. Die anderen Plots werden nur noch pflichtschuldig fortgeführt. Es gibt sogar Episoden, in denen der Polizist und der Journalist nicht mitspielen.

Dafür entwickelt sich van Mechelens Striplokal immer mehr zu einer Version von „Unsere kleine Familie“, in der die Zuhälter, der Türsteher und die Mädchen sich eigentlich ganz gut verstehen. Doch auch hier kristallisiert sich kein die Handlung tragender Hauptcharakter aus. Fast gleichberechtigt werden die Erlebnisse der Mädchen in der Fremde erzählt. Weil man sich allerdings mit keinem Charakter identifizieren möchte, sieht man sich die Geschichte unbeteiligt an. Die einen werden, kaum identifiziert man sich etwas mit ihren Wünschen und Zielen, teilweise erschreckend schnell fallengelassen. Die anderen, die Verbrecher und die Kollaborateurin, taugen kaum zur Identifikation.

Auch ganze Handlungsstränge werden plötzlich abgebrochen und wichtige Ereignisse bleiben folgenlos. So wird ein Gangster in seinem Wohnwagen in die Luft gejagt. Aber die Polizei beginnt nicht zu ermitteln, sondern steckt die Sache achselzuckend weg. Ein Polizist, der zuerst groß eingeführt wird, wird suspendiert und verschwindet dann endgültig aus der Serie. Irgendwann erscheint die Enthüllungsreportage des Journalisten und bis auf etwas Aufregung in einem Polizeibüro passiert nichts. Eine Prostituierte wird in einem Krankenhaus ermordet. Aber der Polizei ist es egal. Irgendwann stolpern in einem Reihenhaus zwei Gangster über die Leiche eines Mannes, der eines ihrer Mädchen kaufte und von ihr umgebracht wurde, und bringen, im Affekt, auch die neugierige Nachbarin um. Was mit den beiden Leichen geschieht, wird nicht verraten. Aber die Polizei scheint die Leichen nicht gefunden zu haben. Es gibt in einem Puff eine blutige Schießerei mit anderen Gangstern. Aber auch dieses Ereignis – immerhin könnten die Gangster sich rächen wollen – bleibt eine folgenlose Episode.

Die beiden Macher Marc Punt und Guy Goossens konzentrieren sich nach der durchaus vielversprechenden ersten Folgen nur noch auf die Tänzerinnen und ihr gar nicht so unangenehmes Leben im Striplokal.

Die DVD-Ausgabe der Gangsterschmonzette „Matrioshki – Mädchenhändler“ ist – höflich formuliert – sehr minimalistisch. Es gibt kein Bonusmaterial und auch keinen Originalton. Wobei das kaum auffällt, weil – der belgischen Tradition Filme prinzipiell zu untertiteln sei gedankt – es ein buntes Sprachengemisch aus Englisch, Litauisch, Russisch und Flämisch (vielleicht auch noch Französisch) gibt. In der deutschen Fassung wurden nur die wenigen flämischen Dialoge synchronisiert. Die meisten Dialoge sind daher untertitelt.

Trotz der (unverständlichen) Ab-18-Freigabe sind die meisten Folgen „Frei ab 16 Jahre“.

Matrioshki – Mädchenhändler: Staffel 1 (Matrioshki, Belgien 2005)

Regie: Guy Goossens, Marc Punt

Drehbuch: Marc Punt

mit Peter Van den Begin, Axel Daeseleire, Lucas van den Eynde, Eugenia Hirivskaya, Stany Crets, Marc Van Eeghem

DVD

Edel: Motion

Bild: 16:9

Ton: Deutsch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: Deutsch (Zwangsuntertitelung bei den Nicht-synchronisierten Passagen)

Bonusmaterial: –

Länge: 450 Minuten (3 DVD)

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Homepage zur Serie

Wikipedia über „Matrioshki“


TV-Tipp für den 31. Juli: Verdacht

Juli 30, 2010

RBB, 23.40

Verdacht (USA 1941, Regie: Alfred Hitchcock)

Drehbuch: Samson Raphaelson, Joan Harrison, Alma Reville

LV: Francis Iles (Pseudonym von Anthony Berkeley): Before the fact, 1932 (Vor der Tat)

Hals über Kopf verknallt sich die schüchterne, vermögende Lina McLaidlaw in den Playboy Johnny Aysgarth. Nach ihrer Heirat erfährt sie, dass ihr Mann ein Spieler ist und dringend Geld braucht. Deshalb glaubt sie, dass er sie umbringen will.

Klassiker.

Zur Einordnung: Das ist der Hitchcock, in dem Grant mit einem Glas Milch auf einem Tablett eine Treppe hochgeht.

Durchaus spannend, aber auch humorvoll, ist ‚Verdacht‘ eine Kriminalgeschichte ohne ein Verbrechen.” (Meinolf Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms)

mit Joan Fontaine, Cary Grant, Sir Cedric Hardwicke, Nigel Bruce

Hinweise

Wikipedia über „Verdacht“ (deutsch, englisch)

Wikipedia über Alfred Hitchcock (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2“

Meine Besprechung von Thilo Wydras „Alfred Hitchcock“

Alfred Hitchcock in der Kriminalakte


Neue TV-Krimi-Buch-Tipps online

Juli 30, 2010

Bei den Alligatorpapieren sind, mit vielen schönen Bildern, meine neuen TV-Krimi-Buch-Tipps online. In den kommenden zwei Wochen könnt ihr unter anderem diese Krimiverfilmungen im Fernsehen sehen:

Herzlich willkommen, liebe Krimifreunde,
zu zwei sehr ruhigen Wochen. Denn außer Durbridge, Mankell und der TV-Version von „Der Pate“ (Nachdem diese Version jahrelang nicht gezeigt wurde, ist sie jetzt in einer Endlosschleife durch die dritten Programme. Dafür setzen die Kinofilme Staub an.) gibt es nur wenig für das Herz des Krimiliebhaber. Immerhin läuft Alfred Hitchcocks Francis-Iles-Verfilmung „Verdacht“, George Stevens Jack-Schaefer-Verfilmung „Mein großer Freund Shane“ (okay, ein Western), Don Siegels Glendon-Swarthout-Verfilmung „Der letzte Scharfschütze“ (noch ein Western), Philip Noyces Charles-Williams-Verfilmung „Todesstille“, Sam Peckinpahs Jim-Thompson-Verfilmung „Getaway“, Wim Wenders Joe-Gores-Verfilmung „Hammett“, Claude Chabrols fast unbekannte Stanley-Ellin-Verfilmung „Schritte ohne Spur“ (mit einem jungen Jean-Paul Belmondo) und Don Coscarellis Joe-R.-Lansdale-Verfilmung „Bubba Ho-Tep“.


TV-Tipp für den 30. Juli: Fast Food Nation

Juli 30, 2010

ZDFneo, 20.15

Fast Food Nation (GB/USA 2006, R.: Richard Linklater)

Drehbuch: Eric Schlosser, Richard Linklater

LV: Eric Schlosser: Fast Food Nation: The Dark Side of the All-American Meal, 2001 (Fast Food Gesellschaft)

Als Marketingexperte Henderson erfährt, dass in einem von Mickey’s Burgern Kuhmist war, macht er sich auf nach Colorado, um dort die Schlachtfabrik zu inspizieren. Anschließend sind die anderen Abteilungen des Fast-Food-Konzerns an der Reihe.

Basierend auf Eric Schlossers Sachbuch liefert Linklater, mit vielen Gaststars, einen Rundumschlag gegen die amerikanische Esskultur.

Weichgespülter Protest im Gewand eines publikumsnahen Mainstream-Films.“ (Lexikon des internationalen Films)

mit Greg Kinnear, Patricia Arquette. Luis Guzman, Kris Kristofferson, Bruce Willis, Ethan Hawke, Avril Lavigne

Hinweise

Wikipedia über „Fast Food Nation“ (deutsch, englisch)

Film-Zeit über „Fast Food Nation“


R. i. P. Willem Breuker

Juli 29, 2010

R. i. P. Willem Breuker (4. November 1944 – 23. Juli 2010)

Es ist schon einige Tage her, aber so richtig gemeldet wurde es bei uns nicht: der holländische Free-Jazzer Willem Breuker ist tot.

Der Multiinstrumentalist und Leiter des „Willem Breuker Kollektief“ war einer der bekanntesten Vertreter der niederländischen Variante des Free-Jazz, in dem Humor, Burleske, Parodie und kindliche Freude am Spiel Hand in Hand gehen.

Willem Breuker hat Mitte der siebziger Jahre, in einer Zeit, als unausgesprochene Dogmen und übertriebener Ernst den europäischen Free Jazz kennzeichneten, mit seinem burlesken Humor und seinem clownesken Musiktheater befreiend gewirkt. Er verfremdet und persifliert die Populärmusik des 19. Jahrhunderts – Polka, Operette, Walzer, Marsch, Tango -, geht in seinen Verballhornungen aber auch bis zu lebenslustigen, augenzwinkernden Attacken auf die Welt der Avantgarde; man ihn einen ‚Kurt Weill des Jazz‘ genannt.“ (Joachim-Ernst Berendt, Das Jazzbuch, 2007)

Nachrufe gibt es in der Frankfurter Allgemeine Zeitung (Wolfgang Sandner), NMZ – Neue Musikzeitung (Michael Ernst), Stern (die DPA-Meldung) New York Times (Nate Chinen), NPR (Kevin Whitehead) und All about Jazz.

Weitere Infos bei Wikipedia (deutsch, englisch, niederländisch).

Und jetzt eine kurze Dokumentation über das Willem Breuker Kollektief:



Neu im Kino: Inception, Knight and Day (Nachtrag)

Juli 29, 2010

Inception (Inception, USA/GB 2010)

Regie: Christopher Nolan

Drehbuch: Christopher Nolan

In angloamerikanischen Raum zerbrechen sich die Fans schon seit einigen Tagen den Kopf über den Mindfuck von Christopher Nolan, der in den vergangenen Jahren ja schon einige Blockbuster drehte, bei denen man sein Gehirn nicht an der Kasse abgeben musste.

Die Story? Hm, DiCaprio spielt ein Spion, der sich in die Gehirne von anderen Menschen einloggt. Jetzt soll er allerdings nicht etwas ausspionieren, sondern eine schädliche Idee in das Gehirn seines Opfers implantieren.

Die Kritiker sind begeistert. Die Zuschauer ebenso (In der IMDB ist „Inception“ der drittbeste Film aller Zeiten. Das verrät einiges über die IMDB-Benutzer). Die Kinobetreiber zählen strahlend die verkauften Eintrittskarten

mit Leonardo DiCaprio, Joseph Gordon-Levitt, Ellen Page, Tom Hardy, Ken Watanabe, Cillian Murphy, Tom Berenger, Marion Cotillard, Pete Postlethwaite, Michael Caine, Lukas Haas

Hinweise

Amerikanische Homepage zu „Inception“

Deutsche Homepage zu „Inception“

Film-Zeit über „Inception“

Nolan Fans (umfangreiche Homepage, auch mit den Drehbüchern. „Inception“ soll demnächst online sein)

Knight and Day (Knight and Day, USA 2010)

Regie: James Mangold

Drehbuch: Patrick O’Neill

Die diesjährige Variante von „Ein Vogel auf dem Drahtseil“ (Bird on a wire, USA 1990) Ist schon letzte Woche gestartet. Damals gab’s reichlich Action und Comedy mit Mel Gibson (damals ein richtig großer Star, heute…) und Goldie Hawn. Heute wird das gleiche Programm mit einer anderen Story mit Tom Cruise (supercooler Agent) und Cameron Diaz (superdumme Blondine) präsentiert. Natürlich ist die Action vier Nummern größer geraten und die Story spielt nicht mehr nur in Amerika.

mit Tom Cruise, Cameron Diaz, Maggie Grace, Peter Sarsgaard

Hinweise

Amerikanische Homepage zu „Knight and Day“

Deutsche Homepage zu „Knight and Day“

Film-Zeit über „Knight and Day“


TV-Tipp für den 29. Juli: Tödliche Entscheidung

Juli 29, 2010

ARD, 23.00

Tödliche Entscheidung (USA 2007, R.: Sidney Lumet)

Drehbuch: Kelly Masterson

Andy, der für Drogen Geld aus der Firmenkasse nahm, kann seinen Bruder Hank überreden, das elterliche Juweliergeschäft zu überfallen. Der Überfall, auch weil die Mutter gar nicht daran denkt, irgendwelchen hergelaufenen, maskierten Verbrechern die Juwelen zu geben, geht schief – und dann bröckelt die heile Fassade der Familie verdammt schnell ab.

Mit seinem bislang letztem Film drehte Sidney Lumet, nach einigen schwächeren Werken, mit einer Familientragödie noch einmal so richtig voll auf. Er seziert, wieder einmal, die Kehrseite des amerikanischen Traums anhand. Dieses Mal am Beispiel einer ziemlich kaputten, weißen Mittelstandsfamilie.

Der Pitch war vielleicht: „Family Business“, aber ohne Lacher.

Tödliche Entscheidung“ ist ein feiner Noir und, kein Wunder bei der Besetzung, großes Schauspielerkino.

mit Philip Seymour Hoffman, Ethan Hawke, Albert Finney, Marisa Tomei, Aleksa Palladino, Michael Shannon, Amy Ryan, Sarah Livingston, Brían F. O’Byrne, Rosemary Harris

Wiederholungen

Eins Festival, Samstag, 31. Juli, 22.00 Uhr

Eins Festival, Sonntag, 1. August, 01.25 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Französische Homepage zum Film

Wikipedia über „Tödliche Entscheidung“ (deutsch, englisch)

Film-Zeit über „Tödliche Entscheidung“

Die Zeit: Katja Nicodemus trifft Sidney Lumet (12. April 2008)


DVD-Kritik: Der gemeine Thriller „The Stepfather“

Juli 28, 2010

The Stepfather“ ist ein kleiner, hundsgemeiner Thriller, der in den Achtzigern, als Ronald Reagan Präsident war, der Patriotismus fröhliche Urstände feierte und konservative Familienwerte mal wieder hochgehalten wurde, die Vorstellung von der heilen Familie gründlich entzaubert.

Die pubertierende Stephanie (Jill Schoelen) hat Probleme mit ihrem neuen Stiefvater. Irgendetwas, glaubt sie, stimmt nicht bei ihm. Dabei wird Jerry Blake (Terry O’Quinn, „Millenium“, „Lost“) von allen anderen geliebt und geachtet. Er ist neu in dem kleinen Ort in der Nähe von Seattle, hat aber als Makler innerhalb eines Jahres bereits einen großen Freundeskreis aufgebaut. Ihre Mutter Susan (Shelley Hack, „Drei Engel für Charlie“) liebt den fürsorglich-verständnisvollen Mann. Sie glaubt, dass ihre Tochter nur einige Zeit braucht, um über den Verlust ihres vor einem Jahr gestorbenen Vaters hinwegzukommen und den neuen Mann als ihren neuen Vater zu akzeptieren. Stephanie hat halt die normale Teenage Paranoia, die sich mit der Zeit erledigt. Und, zum Glück, ist Jerry Blake sooo verständnisvoll.

Drehbuchautor Donald E. Westlake verarbeitete in „The Stepfather“ Probleme und Gespräche, die er damals mit seiner Stieftochter hatte. Denn auch sie lehnte ihn, egal was er tat, ab.

Aber wir Zuschauer wissen bereits von der ersten Minute, dass Stephanie sich nicht irrt. Denn Jerry Blake hat seine vorherige Familie umgebracht.

Diese fünfminütige Einführung, die ohne einen einzigen Satz alles verrät, ist, wenn man die Geschichte nicht kennt, genial – und wenn man sie kennt, ist sie immer noch ein tolles, gern zitiertes Beispiel für effektives Geschichtenerzählen: Die Kamera bewegt sich langsam durch eine normale Vorortstraße auf ein zweistöckiges Haus zu. Jerry Blake steht im Badezimmer vor einem Spiegel. Er hat einige rote Spritzer auf seinem Holzfällerhemd und in seinem Gesicht. Wahrscheinlich Farbe von einer Renovierung. Er zieht sich aus, duscht sich, rasiert sich den Bart ab und zieht sich anschließend einen Anzug an. Man könnte meinen, er ist ein Handelsvertreter oder ein Banker, der sich nach einer langen Hausrenovierung, in dem er zum ‚Mann aus den Bergen‘ wurde, wieder auf seine Arbeit vorbereitet.

Er geht durch den Flur, hebt ein Plastikschiff auf und legt, ganz der liebevoll-ordentliche Vater, das Schiff im Kinderzimmer in eine mit Spielzeug randvoll gefüllte Truhe.

Er geht die Treppe hinunter. An der Wand sind einige Blutspritzer. Alles ist, bis auf die Filmmusik, ruhig.

Er geht durch den Eingangsbereich. Im Hintergrund ist das Esszimmer des traditionell geschnittenen Hauses zu sehen und überall liegen verstümmelte Leichen.

Hier hat ein Massaker stattgefunden und er ist der Täter, der jetzt den Tatort verlässt.

Er schließt die Haustür ab und geht eine ganz gewöhnliche Straße einer ganz gewöhnlichen US-amerikanischen Vorstadt hinunter, auf dem Weg zu seiner nächsten Traumfamilie.

In den folgenden knapp neunzig Minuten wird dann der Traum von der heilen Familie gründlich demontiert. Denn die Wirklichkeit kollidiert immer wieder mit Blakes Fantasie. Die Kinder achten den Vater nicht genug. Sie wollen einen Freund und, was noch schlimmer ist, wahrscheinlich vorehelichen Sex haben. Sie sind renitent und widerspenstig. Sie schnüffeln sogar in seiner Vergangenheit herum.

Zusätzliche Spannung erhält der Film durch die kluge Konstruktion, die sicher auch ein Hommage an Alfred Hitchcock und seinen Kleinstadt-Krimi „Im Schatten des Zweifels“ (Shadow of a Doubt, 1943) ist. Beide Filme sind verdächtig ähnlich aufgebaut. In beiden Filmen kommt das Böse von außen und beide Male muss eine junge Frau sich gegen den von allen geachteten Fremden (bei Hitchcock Joseph Cotten, der einen Frauenmörder spielt, bei Ruben Terry O’Quinn, der einen Familienmörder spielt) wehren. Und beide Male, was keine große Überraschung ist, muss sie am Ende den Bösewicht besiegen.

Aber bei Hitchcock wird Charlotte ‚Charlie‘ Newton (Teresa Wright) von ihrem Lieblingsonkel Charlie Oakley enttäuscht. Sie muss erkennen, dass ihr Bild von ihrem Onkel nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt.

Bei Westlake (denn Ruben hat als Regisseur doch ein eher unsortiertes Sortiment mit einem Hang zu Krimis) wird dagegen ein amerikanischer Mythos lustvoll zerstört. Gleichzeitig drehen die Macher in ihrem Drei-Personen-Stück „The Stepfather“ von der ersten Minute an unerbittlich an der Suspense-Schraube.

Zum Gelingen des Films trägt auch der Verzicht auf eine psychologische Erklärung für Jerry Blakes Taten, die auf dem wahren Fall von John List basieren, bei. Er ist, was er ist – und, wenn wir nicht von Anfang an wüssten, dass er ein Mörder ist, wäre er uns ganz sympathisch. Nur sein absolut nachvollziehbares Ziel, der unerfüllbare Traum von der perfekten Familie und seine ewige Suche danach (denn er hat in der Vergangenheit schon mehrere Familien ermordet), ist wichtig. Warum ihm das so wichtig ist, ist egal. Dadurch wirkt er noch dämonischer. Terry O’Quinn spielte ihn hübsch doppelbödig. Für sein Spiel war für den Saturn Award (der Academy of Science-Fiction, Fantasy and Horror Films) und den Independent Spirit Award als bester Darsteller nominiert.

Donald Westlakes Buch für den gut erhaltenen 80er-Jahre-Thriller, dessen Thema inzwischen wieder aktuell ist, war für einen Edgar nominiert.

2009 wurde ein Remake gedreht, das sich bis auf eine kleine, entscheidende Änderung an das Original hielt: aus Stephanie wurde ein Junge. Ein Soldat. Bei Rotten Tomatoes erhält das gleichnamige Remake von den Kritikern einen deprimierenden Frischegrad von elf Prozent. Mehr muss zu dem Remake wohl nicht gesagt werden. Vor allem wenn das wesentlich frischere Original erhältlich ist.

The Stepfather (The Stepfather, USA 1986)

Regie: Joseph Ruben

Drehbuch: Donald E. Westlake (nach einer Geschichte von Carolyn Lefcourt, Brian Garfield und Donald E. Westlake)

mit Terry O’Quinn, Shelly Hack, Jill Schoelen

auch bekannt als „Kill, Daddy, kill“ (Kinotitel) und „Spur in den Tod II“

DVD

Epix

Bild: 1,78:1 (anamorph/16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Deutscher und Originaltrailer, Wendecover

Länge: 86 Minuten

FSK: ab 18 Jahre (Hm, eigentlich zu hoch. „Ab 16“ wäre angemessen)

Hinweise

Wikipedia über „The Stepfather“ (deutsch, englisch)

Wikipedia über John List

Homepage von Brian Garfield

Homepage von Donald E. Westlake

Kriminalakte: Nachruf auf Donald E. Westlake

Kriminalakte: Covergalerie Donald E. Westlake

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „What’s so funny?“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „Watch your back!“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Kurzroman „Die Geldmacher“ (Walking around money; erschienen in „Die hohe Kunst des Mordens“ [Transgressions])

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes „Mafiatod“ (361, 1962)

Meine Vorstellung von Westlakes als Richard Stark geschriebener Parker-Serie (mit „Nobody runs forever“)

Meine Besprechung von Richard Starks Parker-Romans „Ask the Parrot“

Meine Doppelbesprechung von Richard Starks Parker-Romanen „Fragen Sie den Papagei“ (Ask the Parrot) und „Dirty Money“


TV-Tipp für den 28. Juli: The Fog of War

Juli 28, 2010

Arte, 20.15

The Fog of War (USA 2003, R.: Erroll Morris)

Drehbuch: Erroll Morris

Doku-Filmer Erroll Morris (The Thin Blue Line) interviewt Robert McNamara, Ex-US-Verteidigungsminister, Präsident der Weltbank und Lieblingsfeind der Linken.

Die Doku gewann unter einem einen Oscar als bester Dokumentarfilm.

Ich komme aus der Studentenbewegung der 60er Jahre, und McNamara galt als unser absolutes Feindbild, als Architekt des Vietnamkrieges und Chefideologe. (…) Ich versuche ihn zu verstehen. Meine Ansicht über den Vietnamkrieg hat sich nicht geändert, aber meine Ansicht über McNamara.“ (Erroll Morris, AZ, 30. Juni 2004)

Wiederholungen

Samstag, 31. Juli, 16.00 Uhr

Dienstag, 10. August, 10.40 Uhr

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Wikipedia über „The Fog of War“ (deutsch, englisch)

Film-Zeit über „The Fog of War“