DVD-Kritik: Johnny Depps Regiedebüt „The Brave“

Juli 1, 2011

 

Als Johnny Depp, der 1997 nach „Arizona Dream“, „Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa“, „Ed Wood“, „Don Juan de Marco“ (ebenfalls mit Marlon Brando), „Dead Man“ und „Donnie Brasco“ bereits ein Publikumsliebling war, in Cannes sein Regiedebüt „The Brave“ zeigte, waren die Kritiker maßlos enttäuscht und entsprechend vernichtend fielen ihre Kritiken aus. Depp verzichtete in den USA auf eine Veröffentlichung (bis jetzt ist der Film dort anscheinend weder im Kino gelaufen noch auf DVD veröffentlicht oder im TV gezeigt worden) und auch bei uns erschien der Film nur auf Video (und damals war „Video“ noch ein anderes Wort für „Mist“).

Aber manchmal ändert sich mit der Zeit die Perzeption eines Werkes. Außerdem enthält „The Brave“ einen der letzten Auftritte von Marlon Brando. Allerdings ist dieser für den Film wichtige Auftritt arg kurz geraten (es handelt sich um eine längere Szene am Anfang und einen sekundenlangen Auftritt am Ende des Films) und er ist wieder einer der Auftritte, in denen Brando primadonnenhaft um sich selbst kreist. Er hatte vielleicht seinen Spaß, aber niemand anderes findet es witzig.

Brando spielt McCarthy, einen geheimnisvollen Mann, der Raphael (Johnny Depp) 50.000 Dollar dafür anbietet, dass er sich in einer Woche vor laufender Kamera ermorden lässt. Raphael ist als kleinkrimineller Indianer ganz unten angelangt. Zusammen mit seiner Frau und seinen Kindern lebt er, mit anderen Indianern, in einem Wohnwagen auf einer Müllkippe. Er hat keinen Job und auch keine Aussicht auf ein besseres Leben. Aber mit dem Geld kann er seiner Familie die Chance auf ein besseres Leben eröffnen. Raphael nimmt das Geld und in den folgenden sieben Tagen verabschiedet er sich von seiner Familie, ohne ihr zu sagen, was er vorhat.

Und was jetzt eine große Liebeserklärung an des Leben werden könnte, versackt zwischen einem Übermaß an Ambition und einem Mangel an Stilsicherheit. Denn Depp will in seinem Debüt alles: es will ein sozialkritisches Independent-Drama und eine schonungslose Bestandsaufnahme des Lebens der Indianer im heutigen Amerika sein. Deshalb leben die Indianer auf einer Müllkippe, die nach einem Direktimport aus Schwarzafrika aussieht und mit etwas „Mad Max“-Endzeitromantik aufgepeppt wurde. Er beschwört Fellinis Gaukler-Filme herauf. Er lässt sich von Emir Kusturica, mit dem Depp kurz davor „Arizona Dream“ drehte, inspirieren. Aus Müll wird ein Jahrmarkt mit allem Pipapo erschaffen. Es war sicher auch eine zynische Anklage gegen den Kapitalismus beabsichtigt. Immerhin spielt Raphael für Geld in einem Snuff-Film mit. Die Szenen mit den Bösewichtern erinnern mal an eine schlechte Monty-Python-Parodie, mal an den hilflosen Versuch etwas American Gothic in der Wüste zu kreieren, und sie passen damit überhaupt nicht in den restlichen, eher melancholischen Film. Und Johnny Depp ist hier als Hauptdarsteller, Drehbuchautor und Regisseur eindeutig überfordert. Er schleicht mit versteinerter Miene durchs Bild und man glaubt nie, dass er Raphel ist.

The Brave“ ist ein ambitionierter Film; – und damit kein guter Film.

The Brave (The Brave, USA 1996)

Regie: Johnny Depp

Drehbuch: Paul McCudden, Johnny Depp, D. P. Depp

LV: Gregory McDonald: The Brave, 1991

Musik: Iggy Pop

mit Johnny Depp, Marshall Bell, Elpidia Carrillo, Frederic Forrest, Clarence Williams III, Luis Guzmán, Floyd ‚Red Crow‘ Westerman, Marlon Brando, Iggy Pop (Cameo)

DVD

Concorde

Bild: 1,85:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Entlisch (DD 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: –

Länge: 118 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „The Brave“ (deutsch, englisch)

 

Homepage von Gregory Mcdonald

Mein Nachruf auf Gregory Mcdonald

Bonusmaterial

 


TV-Tipp für den 1. Juli: Gardenia – Eine Frau will vergessen

Juli 1, 2011

ARD, 02.55

Gardenia – Eine Frau will vergessen (USA 1952, R.: Fritz Lang)

Drehbuch: Charles Hoffman

LV: Vera Caspary: Gardenia (Kurzgeschichte)

Norah Larkin glaubt, den Playboy Harry Prebble umgebracht zu haben.

Lang zeichnet das Psychogramm einer Frau in einer männerdominierten Welt.

„Dieses Melodram ist der schwächste aller Films noirs Langs – nur wenige Sequenzen haben zeigen Noir-Qualität.“ (Paul Werner: Film noir)

Mit Anne Baxter, Richard Conte, Raymond Burr, Nat King Cole (spielt sich)

Hinweise

Jay Steinberg bei Turner Classic Movies über Gardenia

Sam Ishii-Gonzalès bei Senses of Cinema über Gardenia

Wikipedia über Vera Caspary

Wikipedia über Fritz Lang (deutsch, englisch)

Senses of Cinema: Dan Shaw über Fritz Lang

BFI über Fritz Lang

MovieMaker: Interview von 1972 mit Fritz Lang

Manhola Dargis: Making Hollywood Films Was Brutal, Even for Fritz Lang (New York Times, 21. Januar 2011)

Meine Besprechung von Fritz Langs „Du und ich“ (You and me, USA 1938)