Dennis Lehane schickt Patrick Kenzie und Angie Gennaro auf die „Moonlight Mile“

September 5, 2011

Nach elf Jahren legt Dennis Lehane wieder einen Krimi mit den Privatdetektiven Patrick Kenzie und Anie Gennaro vor. Aber in den vergangenen Jahren änderte sich einiges. Die beiden haben geheiratet und eine vierjährige Tochter. Angie studiert und steht kurz vor ihrer Soziologie-Abschlussprüfung. Patrick bemüht sich um eine Festanstellung in einer großen Detektei, deren Kundschaft aus sehr reichen Kunden besteht. Patricks Gerechtigkeitssinn und sein renitentes Verhalten sind da natürlich ein großes Problem. Und Patrick fragt sich inzwischen immer öfter, ob ihm der Job immer noch gefällt.

Da bittet ihn Beatrice McCready ihre inzwischen sechzehnjährige Nichte Amanda zu suchen. Patrick und Angie hatten, wie wir aus dem auch grandios verfilmten „Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ wissen, Amanda bereits vor zwölf Jahren gesucht, gefunden und zurück zu ihrer Mutter gebracht.

Schon damals fragte Patrick sich, ob er die richtige Entscheidung getroffen hatte, indem er Amanda aus einer funktionierenden, Amanda liebenden Familie herausriss und zurück zu ihrer Mutter, einer Alkoholikerin, brachten. Jetzt wird er mit den Konsequenzen seiner Entscheidung konfrontiert. Und er begegnet der fast erwachsenen Amanda, die in verschiedene Verbrechen verwickelt ist und von der Russenmafia gesucht wird.

Und genau diese Frage, ob Patrick sich damals richtig entschied, hat wahrscheinlich auch Dennis Lehane angetrieben, nach über zehn Jahren, in denen er mit Einzelwerken, wie „Mystic River“, „Shutter Island“ und „Im Aufruhr jener Tage“, sehr erfolgreich verschiedene Genrevarianten ausprobierte, wieder eine Geschichte mit den beiden, bei Krimifans beliebten Privatdetektiven zu schreiben, die eine interessante Weiterentwicklung von Robert B. Parkers Privatdetektiv Spenser sind. „Moonlight Mile“ liest sich dann, vor allem auf den ersten Seiten, mit Patrick als Spenser, Bubba als Hawk und Angie als Susan Silverman als Spenser-Pastiche. Dazu tragen auch die vielen Gespräche über Patricks Arbeitsethos, über seine damalige Entscheidung, ob er sie jetzt, mit einem eigenen Kind, wieder so treffen würde, über das Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern und umgekehrt, bei. Auch der wenig überraschende Plot, in dem die einzelnen Charaktere sich endlos Geschichten erzählen, erinnert an Parkers Spenser-Romane. Aber während Spenser sich mit Susan über sein Machotum unterhält, unterhalten Patrick und Angie sich bevorzugt über die Erziehung ihrer Tochter.

Das liest sich dann oft wie ein Erziehungsratgeber, angereichert mit etwas elterlichem Stolz auf die eigenen Kinder, dem ein Krimiplot beigegeben wurde, der den Helden eher auf die Zuschauerbank verbannt. Auch am Ende.

Die wichtigsten Erkenntnisse am Ende von „Moonlight Mile“ dürften sein, dass Patrick Kenzie und Anie Gennaro älter, ruhiger und vernünftiger geworden sind und dass die Abstiegsängste des Mittelstandes jetzt auch im Privatdetektivroman angekommen sind.

Um nicht falsch verstanden zu werden: „Moonlight Mile“ ist ein flott zu lesender, schnörkellos geschriebener Krimi und eine willkommenes Wiedersehen mit Patrick Kenzie und Angie Gennaro. Ich hätte mir (immerhin habe ich keine Kinder) nur eine bessere Geschichte dafür gewünscht.

Dennis Lehane: Moonlight Mile

(übersetzt von Andrea Fischer)

Ullstein, 2011

384 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

Moonlight Mile

William Morrow and Company, 2010

Die Fälle von Patrick Kenzie und Angela Gennaro

Streng vertraulich (A Drink before the War, 1994)

Absender unbekannt (Darkness, take my Hand, 1996)

In tiefer Trauer (Sacred, 1997)

Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel (Gone, Baby, Gone, 1998)

Regenzauber (Prayers for Rain, 1999)

Moonlight Mile (Moonlight Mile, 2010)

Hinweise

Homepage von Dennis Lehane

Thrilling Detective über Patrick Kenzie und Angela Gennaro

ShotsMag spricht mit Dennis Lehane über „Moonlight Mile“

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Coronado“ (Coronado, 2006)

Dennis Lehane in der Kriminalakte

 


TV-Tipp für den 5. September: Die Millionen eines Gehetzten

September 5, 2011

Arte, 20.15

Die Millionen eines Gehetzten (F/I 1962, R.: Jean-Pierre Melville)

Drehbuch: Jean-Pierre Melville

LV: Georges Simenon: L’aîné des Ferchaux, 1945 (Der ältere Bruder)

Der labile Boxer Michel Maudet wird der Sekretär des siebzigjährigen Multimillionärs Dieudonné Ferchaux, der sich wegen einer alten Affäre nach New York absetzen will. Als sie dort ankommen, erfahren sie, dass die Affäre aufgeflogen und Ferchaux nach Frankreich ausgeliefert werden soll. Gemeinsam flüchten sie nach Louisiana – und dort verändert sich die Beziehung zwischen den beiden Männern.

Selten gezeigter und daher fast unbekannter Melville-Klassiker.

‚L’aîné des Ferchaux‘ ist Melvilles Haltepunkt, eine behutsame Kontemplation über sein Handwerk und eine sentimental journey durch die USA in dem Sinne, dass er keinen Reisebericht von Sehenswürdigkeiten und journalistischen Verallgemeinerungen über eine Nation dreht, sondern die Reise seiner Protagonisten zu einer filmisch höchst persönlichen Version und Vision Amerikas gestaltet. (…)

Die Reise ohne Ziel erlaubt weitgehende Freiheit von vorgegebenen Erzählstrukturen, Digressionen von der Handlungslinie.“ (Hans Gerhold in Jean-Pierre Melville, Hanser Reihe Film Band 27, 1981)

mit Jean-Paul Belmondo, Charles Vanel, Michèle Mercier, Stefania Sandrelli, Malvina Silberberg, Todd Martin

Wiederholungen

Mittwoch, 7. September, 14.45 Uhr

Dienstag, 13. September, 14.30 Uhr

Freitag, 23. September, 14.30 Uhr

Hinweise

Arte über „Die Millionen eines Gehetzten“

Wikipedia über „Die Millionen eines Gehetzten“ (englisch, französisch)

Maigret.de über Georges Simenons Roman „Der ältere Bruder“

Wikipedia über Jean-Pierre Melville (deutsch, englisch, französisch)

Senses of Cinema (Adrian Danks) über Jean-Pierre Melville (September 2002)

Guardian: Peter Lennon über Jean-Pierre Melville (27. Juni 2003)

Jean-Pierre Melville in der Kriminalakte