Neu im Kino/Filmkritik: Wüste, Wüste, Wüste, viele Statisten, einige Stars und irgendwo ist das „Black Gold“ versteckt

Februar 9, 2012

Wüste, verfeindete Beduinenstämme, der beginnende Ölboom, tapfere Krieger, schöne Frauen, Kämpfe und Intrigen. Das klingt doch nach einem zünftigem Abenteuerfilm, den man sich wegen der Schauwerte im Kino ansehen sollte. So wie sich unsere Eltern (oder Großeltern) vor fünfzig Jahren David Leans „Lawrence von Arabien“ angesehen haben.

Jean-Jacques Annauds „Black Gold“ spielt allerdings in einer anderen Liga. Er erzählt, hm, die Geschichte von Prinz Auda (Tahar Rahim), der als Kind von Nesib, dem Emir von Hobeika (Antonio Banderas), als Faustpfand in Pflege genommen wurde. Denn Nesib hat sich mit Amar, dem Sultan von Salmaah (Mark Strong), auf einen fragilen Frieden geeinigt. Zwischen den beiden Stämmen soll ein Stück Wüste zum Niemandsland, das keinem Stamm gehört, werden. Damit Amar sich auch wirklich an den Friedensvertrag hält, nimmt Nesib dessen Söhne mit und würde sie, bei einer Vertragsverletzung, töten.

Als zwölf Jahre später eine texanische Ölfirma in genau diesem Niemandsland Öl entdeckt und es fördern will, gestattet Nesib, der viel Geld und damit in jeder Beziehung einen Fortschritt für sich und seinen Stamm wittert, die Förderung. Amar will dagegen das Niemandsland, entsprechend ihrem Friedensvertrag, als unberührtes Niemandsland belassen.

Nesib, der intrigant und bauernschlau ist (und sich damit für die Rolle des Bösewichts qualifiziert), verheiratet zuerst Auda mit seiner Tochter, Prinzessin Leyla (Freida Pinto), und schickt ihn anschließend zu Amar. Er soll seinen Vater überzeugen, die Ölforderung zuzulassen.

Allerdings hat Nesib nicht bemerkt, dass der Bücherwurm Auda ein eigenständiger Denker ist, der schon Pläne für die Zukunft des Landes entwickelt (auch er will, wie wir im Lauf des Films erfahren, dass die Beduinen die westlichen Errungenschaften bekommen), ein großer Krieger ist (er weiß, wie man Panzer in der Wüste besiegt) und seit Kindheitstagen in Leyla verliebt ist. Also eigentlich will Auda genau das tun, wozu Nesib ihn zwingen will. Außer natürlich, dass er dafür gegen Nesib kämpfen muss, weil dieser glaubt, dass Auda sich auf die Seite seines Vaters Amar geschlagen hat.

Und so entfaltet sich in der Wüste ein längliches Drama, das über weite Teile einfach nur Dummheit bei der Arbeit beobachtet und einen schon peinlichen Fortschrittsoptimismus huldigt, der, als Hans Ruesch seinen Roman „Der schwarze Durst“ in den Fünfzigern veröffentlichte, noch die Mehrheitsmeinung wiedergab. Heute hätte man auch wenigstens andeuten müssen, wohin die arabische Ölförderung führte.

Aber dann hätte man auch ein komplexeres Drehbuch haben müssen, das die Rollen von Gut (unser jugendlicher Held Auda), Böse (der intrigante Nesib) und konservativer Vergangenheitsglorifizierung (der Fortschrittsverweigerer Amar) nicht so plakativ verteilt und andere Finanziers gebraucht.

So sieht der von Tarak Ben Ammar und dem Emirat Katar (genaugenommen dem Doha Film Institute) finanzierte Film wie eine arabische Auftragsproduktion aus, die primär an einer Verklärung der Vergangenheit und, damit verbunden, einer Lobhuddelei auf die aktuellen Machthaber interessiert ist.

1975 produzierte Tarak Ben Ammar Claude Chabrols in Deutschland nicht verliehenen „Die Schuldigen mit den sauberen Händen“ (Les Magiciens) mit Franco Nero, Gert Fröbe, Jean Rochefort, Stefania Sandrelli, Gila von Weitershausen und dem Touristenhotel „Dar Djerba“. Chabrol sagte, er halte das Werk für einen seiner schlechtesten Filme und er habe ihn nur wegen der besonders günstigen Finanzierungsbedingungen gedreht.

Bei „Black Gold“ könnte es ähnlich sein. Denn eigentlich müssten Jean-Jacques Annaud („Am Anfang war das Feuer“, „Im Namen der Rose“, „Sieben Jahre im Tibet“), Antonio Banderas (zuletzt „Die Haut in der ich wohne“) und Mark Strong (tief Luft holen: „Dame, König, As, Spion“, „The Guard“, „The Way Back“, „Sherlock Holmes“, „Kick-Ass“, „Der Mann, der niemals lebte“, „RocknRolla“ und, uh, auch „Green Lantern“) sich nicht für so ein Werk hergeben.

Black Gold (Black Gold, Frankreich/Katar 2011)

Regie: Jean-Jacques Annaud

Drehbuch: Menno Meyjes, Jean-Jacques Annaud (Adaption), Alain Godard (Adaption)

LV: Hans Ruesch: The Great Thirst, 1957 (anscheinend auch als „South of the heart“ und „The Arab“ veröffentlicht. Deutscher Titel „Der schwarze Durst“)

mit Tahar Rahim, Freida Pinto, Antonio Banderas, Mark Strong, Riz Ahmed, Jamal Awar, Lotfi Dziri, Eriq Ebouaney, Mostafa Gaafar, Akin Gazi, Ziad Ghaoui , Corey Johnson, Liya Kebede

Länge: 130 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Black Gold“

Rotten Tomatoes über „Black Gold“

Wikipedia über „Black Gold“

 


TV-Tipp für den 10. Februar: Paul is dead

Februar 9, 2012

ZDF Kultur, 20.15

Paul is dead (D 2000, R.: Hendrik Handloegten)

Drehbuch: Hendrik Handloegten

Während des Sommers 1980 in der bundesdeutschen Provinz glaubt der 13-jährige Beatles-Fan Tobias, dass der Mörder von Paul McCartney (denn McCartney starb 1966 und wurde durch einen Doppelgänger ersetzt) bei ihnen aufgetaucht ist.

Ein wunderschöner Coming-of-Age-Film, der einige populäre Verschwörungstheorien zitiert und ein halbes Beatles-Lexikon ersetzt.

Weil für den Film die originalen Beatles-Lieder benutzt werden mussten (Hey, ein Film über fanatische Beatles-Fans und dann werden im Film die Beatles-Songs von einer x-beliebigen Cover-Band gespielt oder es wird eine spätere oder eine alternative Aufnahme verwendet; – das würde nur zu berechtigten Wutanfällen der Beatles-Fans führen) und der deshalb auch nie im Kino lief und nicht auf DVD erscheinen wird. Denn die TV-Sender haben mit der Gema einen Vertrag, der es ihnen für TV-Filme gestattet, auf Musikstücke zurückzugreifen. Für jede andere Verwendung müssten die Musikrechte eingekauft werden.

Auf dem Symposium „Verbotene Filme“ der Deutschen Kinemathek erzählte Handloegten noch einige weitere Hintergründe, warum der dann auf Festivals gelobte Debütspielfilm so wenige Preise erhielt und wie sie beim Sundance-Festival eine kostenlose Vorführung machen mussten, um den Film zeigen zu können. Es ging natürlich um die Musikrechte.

Mit Sebastian Schmidtke (Pseudonym von Sebastian Urzendowsky), Martin Reinhold, Vasko Scholz, Myriam Abeillon, Ian T. Dickinson, Rainer Egger, Astrid Pochmann, Hans-Joachim Heist, Axel Milberg, Ingrid Steeger – und die Stimme von Alan Bangs

Wiederholung: Samstag, 11. Februar, 00.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweis

Wikipedia über „Paul is dead“


Neu im Kino/Filmkritik: Martin Scorsese, „Hugo Cabret“ und das KINO

Februar 9, 2012

Die Meldung für den für elf Oscars nominierten Film „Hugo Cabret“, unter anderem als bester Film, ist nicht, dass Martin Scorsese seinen ersten Film in 3D drehte, sondern dass er seinen ersten Kinderfilm drehte. Denn das ist nicht der „Hexenkessel“-„Taxi Driver“-„Wie ein wilder Stier“-„Casino“-„GoodFellas“-„Gangs of New York“-“Departed“-Scorsese, sondern höchstens, wenn wir den Film nach der ersten Hälfte stoppen, der „Aviator“-Scorsese. „Hugo Cabret“ erinnert da schon mehr an „Die fabelhafte Welt der Amelie“. Auch „Hugo Cabret“ spielt in Paris. 1931 im riesigen Gare Montparnasse.

Dort lebt der zwölfjährige Hugo Cabret, der sich, nach dem Tod von seinem geliebten Vater und dem Verschwinden des ungeliebten, trunksüchtigen Onkels, der ihn in seine Obhut nahm, in den für die Besucher unzugänglichen Gängen des Bahnhofs versteckt und heimlich die Uhren wartet. Mit kleinen Diebstählen hält er sich über Wasser. Hier und da etwas zu essen und aus dem Laden des Spielzeughändlers Georges mechanisch betriebenes, oft auch kaputtes Spielzeug. Das braucht er, um einen mechanischen Automaten, der wie ein menschlicher Roboter aussieht, zu reparieren.

Als der verbitterte Spielzeughändler Georges ihm eines Tages ein Skizzenbuch seines Vaters abnimmt, will Hugo das Buch unbedingt wieder haben. Er verfolgt den Händler, verbündet sich mit dessen Tochter und wir erfahren, dass der Spielzeughändler Georges Méliès heißt und, was wir Filmfans natürlich wissen, einer der Begründer des Kinos ist. Méliès inszenierte „Die Reise zum Mond“ und unzählige weitere, inzwischen oft verschollene Filme, die damals, vor über hundert Jahren, sehr erfolgreich waren.

In diesem Moment wird „Hugo Cabret“ zu einer Liebeserklärung an das Kino, das in seiner modernsten Form, zeigt, dass die alten Stummfilme immer noch faszinierend sind und einen handgemachten Reiz haben, der heutigen 3D-Kreationen abgeht. Obwohl Scorsese auch einige Bilder zaubert, die nur so ihre volle Wirkung entfalten. Wenn Hugo Cabret und seine Isabelle im Haus von Georges Méliès von einem Schrank eine Kiste holen, sie ihnen entgleitet, sich öffnet und der Inhalt, eine Sammlung von Zeichnungen langsam durch den das Zimmer schwebt, dann wird der Moment durch den 3D-Effekt noch größer. Obwohl, wie der Clip zeigt, er auch in 2D beeindruckend ist.

Ebenso wenn der Stationsvorsteher, der Hugo im Bahnhof schnappen will, sich über Hugo beugt, immer größer und furchteinflößend wird, fast als ob er das Bild sprengen würde, dann merkt man, was mit 3D möglich ist.

Die anfängliche Kamerafahrt durch den Bahnhof ist aber das Pixelgewitter, das mich bei 3D immer wieder abschreckt und aus der Wirklichkeit des Film reißt. Auch atmosphärische Bilder mit Schnee, Rauch und Sonnenstrahlen sehen in 3D immer wieder, auch in einem Film der sich mit seiner Farbgebung betont künstlich und damit märchenhaft gibt, wie schlechte Computergrafiken aus.

Gleichzeitig, und das ist die große Ironie von „Hugo Cabret“, der die neuesten Filmtechniken benutzt, um den Traum vom Kino zu zeigen, sind gerade die ältesten Bilder aus den Stummfilmen, wie die legendäre „Ankunft eines Zuges in La Ciotat“, die längeren Ausschnitte aus Méliès „Die Reise zum Mond“ und „Das Königreich der Feen“ und Harold Lloyds legendäre Kraxelei an einem Hochhaus in „Ausgerechnet Wolkenkratzer“, die wirklich faszinierenden Bilder, in denen sich auch die kindliche Lust am Film, die Entdeckerfreude und Experimentierlust der Filmpioniere zeigt. Und wahrscheinlich hat Martin Scorsese genau das in seiner Liebeserklärung an das Kino gewollt: die Menschen mit dem Versprechen der neuesten Technik in das Kino zu locken, um ihnen zu zeigen, dass die alten Techniken, die Stummfilme und mechanischen Geräte, immer noch ihren Reiz haben.

Hugo Cabret“ ist ein wunderschöner Film für Kinder und Jugendliche, der sie als Publikum mit seiner schmalzfrei erzählten Geschichte ernst nimmt und er ist, inszeniert von einem Filmfanatiker, der bereits mehrere Dokumentarfilme über die Geschichte des Kinos, in denen er schwärmerisch von seinen Lieblingsfilmen erzählte, machte, eine Liebeserklärung an das Kino, die die Zuschauer für den Film als Kunstform und die Geschichte des Films begeistern soll.

Und die Erwachsenen haben auch ihren Spaß. Jedenfalls wenn sie nicht die französische Ausgabe von „GoodFellas“ erwarten.

Hugo Cabret (Hugo, USA 2011)

Regie: Martin Scorsese

Drehbuch: John Logan

LV: Brian Selznick: The Invention of Hugo Cabret, 2007 (Die Entdeckung des Hugo Cabret)

mit Asa Butterfield, Sacha Baron Cohen, Ben Kingsley, Jude Law, Chloe Maretz, Christopher Lee, Emily Mortimer, Ray Winstone, Helen McCrory, Martin Scorsese (Cameo als Fotograf), Brian Selznick (Cameo als Student)

Länge: 126 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Hugo Cabret“

Rotten Tomatoes über „Hugo Cabret“

Wikipedia über „Hugo Cabret“ (deutsch, englisch)

Homepage von Brian Selznick

Wikipedia über Martin Scorsese (deutsch, englisch)

Martin-Scorsese-Fanseite

Martin Scorsese in der Kriminalakte

Bonusmaterial

Natürlich war es schon ein Ereignis, die Stummfilme, die ich nur vom Fernsehen kannte, auf einer großen Leinwand in einer brillanten Bildqualität zu sehen, aber einen Eindruck kann man sich mit diesen Clips verschaffen.

Die Ankunft eines Zuges in La Ciotat (1895, von Auguste und Louis Lumière)

Die Reise zum Mond (1902, von Georges Méliès)

Das Königreich der Feen (1903, von Georges Méliès)

Ausgerechnet Wolkenkratzer (1923, von Harold Lloyd)

Wer nur die bekannte Szene sehen will

 


TV-Tipp für den 9. Februar: Berlinale 2012 – Die Eröffnung

Februar 9, 2012

3sat, 19.20

Berlinale 2012 – Die Eröffnung

Soll ein wichtiges Festival sein. Echt. Steht in meiner in der Hauptstadt gedruckten Tageszeitung.

Danach gibt es um 21.00 Uhr „Metropolis“ (D 1927, Regie: Fritz Lang).

Im RBB gibt es um 22.15 Uhr Gespräche und Infos aus dem „Berlinale Studio“, um 22.45 Uhr „Auge in Auge – Eine deutsche Filmgeschichte“ (D 2008, R.: Michael Althen/Hans Helmut Prinzler) und ab 00.30 Uhr fünf Stunden lang die Pressekonferenzen vom Tag, die einen ganz eigenen Charme haben.