Sherlock Holmes löst „Das Geheimnis des weißen Bandes“

Februar 15, 2012

Sherlock Holmes auf allen Kanälen: im Kino mit einem Remmidemmi-Film, im Fernsehen mit einer grandiosen BBC-Serie, die im heutigen London spielt, in Comics im Kampf gegen Dracula, Dr. Jekyll und Mr. Hyde, und jetzt auch im Buch. Der enorm produktive Krimiautor Anthony Horowitz durfte, mit Erlaubnis des „Sir Arthur Conan Doyle Literary Estate“ den Sherlock-Holmes-Roman „Das Geheimnis des weißen Bandes“ schreiben und die Erben haben natürlich aufgepasst, dass Horowitz auch eine nahe am Original stehende Interpretation des Meisterdetektivs ablieferte. Also nichts mit IPhones, übernatürlichen Erscheinungen, postmodern-literarischen Anspielungen und ausufernden Kämpfen, sondern klassische Detektivarbeit, eine Wiederbegegnung mit vielen alten Bekannten (von Mrs. Hudson, Inspector Lestrade und Mycroft Holmes über die Baker-Street-Irregulären, eine Bande von Straßenjungs, die Holmes helfen, bis zu Professor Moriarty sind alle in dieser Geschichte dabei), die von Sherlock Holmes‘ Freund, Dr. John Watson, brav, Jahrzehnte später, aufgeschrieben wurde und dann, weil die Enthüllung des Geheimnisses des weißen Bandes für die damalige Zeit zu ungeheuerlich war, für hundert Jahre in einem Safe deponiert wurde.

Der Fall selbst beginnt für Sherlock Holmes und Dr. John Watson im November 1890, als der Kunsthändler Edmund Carstairs die Baker Street 221 B betritt. Er glaubt, dass Keelan O’Donaghue ihn von Boston nach London verfolgt hat und sich jetzt bei ihm für den Tod seines Bruders und ihrer Verbrecherbande rächen will. Diese hatte bei einem Zugüberfall vier wertvolle Gemälde, die Carstairs gehörten, zerstört und einen Mitarbeiter von Carstairs ermordet. Zusammen mit dem Käufer der Gemälde hatte Carstairs ein Kopfgeld auf die Verbrecher ausgesetzt, die auch kurz darauf in einem Feuergefecht starben. Nur die Leiche von Keelan O’Donaghue wurde nicht gefunden.

Kurz nach dem Gespräch bei Holmes wird bei Carstairs‘ eingebrochen und sein Safe ausgeräumt. Mit Hilfe der Baker-Street-Irregulären findet Sherlock Holmes O’Donaghue in einem Hotel. Allerdings wurde er vor dem Eintreffen von Holmes und Watson bereits ermordet und der Straßenjunge Ross, der den Mörder wahrscheinlich gesehen hat, schweigt.

Als Ross umgebracht wird, wird für Holmes der Fall persönlich. Denn er fühlt sich sich für den Tod des Jungen mitverantwortlich. Und selbstverständlich ignoriert er die Warnung von seinem Bruder Mycroft, der ungefähr jedes Regierungsgeheimnis kennt und der, nachdem er sich nach dem House of Silk erkundigte, in Whitehall bei einem engen Mitarbeiter des Premierministers eine Audienz hatte. Mycroft rät Holmes, sich nicht weiter um den Mord an dem Straßenjungen zu kümmern und keine weiteren Nachforschungen über das House of Silk, das etwas mit den Verbrechen zu tun hat, anzustellen.

Das Geheimnis des weißen Bandes“ lebt natürlich zu einem großen Teil von unseren Erinnerungen an Sherlock Holmes. Deshalb treten auch, bis auf Irene Adler, alle bekannten und inzwischen für den Sherlock-Holmes-Kosmos kanonisierten Charaktere, auch wenn sie in den Geschichten von Sir Arthur Conan Doyle gar nicht so viele Auftritte hatten, auf. So ist der Auftritt von Professor Moriarty, dem Meisterverbrecher und Gegner von Sherlock Holmes, für diese Geschichte eine vernachlässigbare Episode, aber für die Holmes-Welt natürlich sehr wichtig. Die beiläufig eingestreuten Hinweise von dem Erzähler John Watson auf andere Fälle von Sherlock Holmes, erfreuen das Herz des Fans. Und das viktorianische London wird wieder lebendig.

Diese Erinnerungen verwebt Anthony Horowitz geschickt mit zwei Fällen, nämlich dem Einbruch bei den Carstairs‘ und dem Tod des Straßenjungen Ross, die zunächst nichts miteinander zu tun haben und am Ende doch miteinander zusammen hängen. Das ist eine unterhaltsame Lektüre, die mich wieder daran erinnert, dass ich mir die Sherlock-Holmes-Geschichten von Sir Arthur Conan Doyle noch einmal und im Original durchlesen will.

Anthony Horowitz: Das Geheimnis des weißen Bandes

(übersetzt von Lutz-W. Wolff)

Insel Verlag, 2011

352 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

The House of Silk

Orion, London 2011

Hinweise

Homepage von Anthony Horowitz

Homepage von Sir Arthur Conan Doyle (Erben)

Krimi-Couch über Sir Arthur Conan Doyle

Kirjasto über Sir Arthur Conan Doyle

Wikipedia über Sir Arthur Conan Doyle (deutsch, englisch)

Sherlockian.net (Einstiegsseite mit vielen Links)

Facebook-Seite der deutschen Sherlock-Holmes-Gesellschaft

Thrilling Detective über Sherlock Holmes

Meine Besprechung von Arthur Conan Doyles “Sherlock Holmes Geschichten”, “Sherlock Holmes Kriminalgeschichten” und “The Adventures of Sherlock Holmes” (und hier eine Auflistung der in diesen Werken enthaltenen Geschichten)

Meine Besprechung von Ian Edginton (Autor)/Davide Fabbris (Zeichner): Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies! (Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies, 2010)

Meine Besprechung von Ian Edginton (Autor)/Horacio Domingues/Davide Fabbris (Zeichner) „Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Dracula“ (Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Jekyll/Hyde; Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Dracula, 2010/2011)

Meine Besprechung von „Sherlock: Ein Fall von Pink“ (A Study in Pink)

Meine Besprechung von „Sherlock: Eine Legende kehrt zurück“ (Sherlock, GB 2010)

Meine Besprechung von Guy Ritchies „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“ (Sherlock Holmes: A Game of Shadows, USA 2011)

Sherlock Holmes in der Kriminalakte

 


TV-Tipp für den 15. Februar: Bienzle und das Narrenspiel

Februar 15, 2012

WDR, 22.55

TATORT: Bienzle und das Narrenspiel (D 1994, R.: Hartmut Griesmayr)

Drehbuch: Felix Huby

LV: Felix Huby: Bienzle und das Narrenspiel, 1988

Bienzle möchte seiner Hannelore die Ravensburger Fastnacht zeigen. Als ein Mord geschieht und der nach Bienzles Meinung unschuldige Behle inhaftiert wird, muss er den wahren Täter suchen.

Der dritte Bienzle-Tatort ist ein, mit viel Lokalkolorit gewürzter, spannender Fall. Ein großer Teil der Dreharbeiten fand in Ravensburg während der Fastnachts-Tage statt.

Unverständlich, dass dieser Fastnachtskrimi zuletzt vor fünf Jahren im TV lief.

Mit Dietz Werner Steck, Rita Russek, Robert Atzorn, Ulrich Matschoss

Hinweise

Homepage von Felix Huby

Meine Besprechung von Felix Hubys „Fast wie von selbst – Ein Gespräch mit Dieter de Lazzer“ (2008)

Meine Besprechung von Felix Hubys “Null Chance” (2009)

Meine Besprechung von Felix Hubys “Bienzle und das ewige Kind” (2009)

Meine Besprechung von Felix Hubys „Adieu, Bienzle“ (2011)