„Der Mann mit der Narbe“ ist eine echte Entdeckung. Denn der unbekannte Noir hat eigentlich alles, was das Herz des Noir-Fans begehrt: eine düstere, kafkaeske Geschichte, eine noir-typisch expressionistische Kamera von John Alton und mit Paul Henreid („Casablanca“, „Geheimaktion Crossbow“, „Exorzist II“) und Joan Bennett („Die Frau im Fenster“/“Gefährliche Begegnung“, „Straße der Versuchung“, „Affäre Macomber“, „Wir sind keine Engel“) auch zwei bekannte Namen.
Henreid spielt John Muller, einen Ganoven, der sofort nachdem er aus der Haft entlassen wird, seinen nächsten Coup plant: einen Überfall auf ein Casino. Der Überfall geht schief und er muss, gejagt von dem äußerst rachsüchtigem Casino-Besitzer, flüchten. Muller taucht unter in das von ihm verhasste bürgerliche Leben, bis er zufällig erfährt, dass er, bis auf eine Narbe im Gesicht, wie der Zwillingsbruder von Dr. Bartok aussieht. Muller beschließt, zu Dr. Bartok zu werden.
Dieses Doppelgänger-Motiv und der anschließende Identitätstausch wird schön ausgearbeitet. Das geht sogar so weit, dass Niemand den Tod von Dr. Bartok bemerkt und alle sofort Muller als Bartok akzeptieren, obwohl sie, bis auf das Aussehen zwei gänzlich gegensätzlicher Charaktere sind.
Dass der Plan von Muller dann doch nicht aufgeht, ist natürlich auch Noir-typisch. Denn in einem Noir entgeht niemand seinem Schicksal. Egal, wie sehr er sich auch anstrengt.
Allerdings krankt „Der Mann mit der Narbe“ an einigen ziemlich großen Plotlöchern. Das eine hat mit dem Ende zu tun: denn Dr. Bartok hatte auch Probleme mit Verbrechern. Muller hätte das bei seinen Recherchen über Bartok eigentlich herausbekommen müssen. Auch dass Bartok verheiratet ist. So haben wir immerhin die witzige Szene, in der Muller seine Frau erkennen muss, obwohl er keine Ahnung hat, wie sie aussieht.
Das größte Loch im Plot ist allerdings die Narbe von Bartok: wir sollen glauben, dass Muller, der Bartok beobachtete, sich nicht merkte, auf welcher Wange die Narbe ist und er sich dann die falsche Wange aufschlitzt.
Das nimmt dem Film einiges von seiner Kraft. Aber das Erzähltempo stimmt, die Geschichte ist, auch für einen Noir, sehr düster und hoffnungslos und die Kamera von John Alton, der etliche Noirs drehte (zu seinen Filmen gehören: „Geheimagent T“, „Schritte in der Nacht“, „Tödliche Grenze“, „Der Richter bin ich“, „Geheimring 99“, „Elmer Gantry“, und, obwohl nicht genannt, „Der Gefangene von Alcatraz“), ist sehr einfallsreich. Es vergeht kaum eine Minute ohne eine ungewöhnliche Perspektive, eine interessante Szenenauflösung und ein expressionistisches Bild, das man sich am liebsten als Plakat an die Zimmerwand heften würde. Auf optischer Ebene ist „Der Mann mit der Narbe“ ein kleines Film-Noir-Lexikon.
Das macht, trotz Story-Schwächen, den „Mann mit der Narbe“ zu einer kleinen Noir-Perle, die in der schön ausgestatteten „Film Noir Collection“ (es gibt eine Bildergalerie und ein informatives Booklet) veröffentlicht wurde und eindeutig zu den besseren Filmen der in jeder Hinsicht überzeugenden Collection gehört.
Andere Meinungen
„Kolportagehafter Krimi.“ (Lexikon des internationalen Films)
„An extraordinarily bleak film. Alton’s touches of genius include camera tracks round a table of Muller and his cronies; the tension-filled casino hold-up, and the archetypically noir image of Muller silently awaiting his fate in his squalid hotel room, intermittently lit by a flashing neon sign.“ (Alexander Ballinger/Danny Graydon: The Rough Guide to Film Noir)
„In the world of noir, fate plays a pivotal role, and that is never clearer than in the surprisingly good noir film The Scar (AKA Hollow Triumph).“ (Guy Savage, Noir of the Week)
„Quickly paced, the dense narrative and an almost documentary-like cinematography make Hollow Triumph although not a major, but certainly an unjustly overlooked, film noir. Best of all is the film’s Macbethian-ending, reminiscent of Quai des brumes (Marcel Carne, 1939).“ (Martin S., Film Talk)
Der Mann mit der Narbe (Hollow Triumph, USA 1948)
Regie: Steve Sekely
Drehbuch: Daniel Fuchs
LV: Murray Forbes: Hollow Triumph, 1946
mit Paul Henreid, Joan Bennett, Eduard Franz, Leslie Brooks, John Qualen, Mabel Paige, Herbert Rudley, Charles Arnt, George Chandler, Jack Webb (der Erfinder von „Dragnet“/“Polizeibericht Los Angeles“)
alternativer Titel in England „The Scar“
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DVD
Koch Media (Film Noir Collection 8)
Bild: 1.37:1 (4:3)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: –
Bonusmaterial: 12-seitiges Booklet von Thomas Willmann, Bildergalerie
Länge: 80 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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Hinweise
Wikipedia über „Der Mann mit der Narbe“
Turner Classic Movies über „Der Mann mit der Narbe“
Noir of the Week: Guy Savage über „Der Mann mit der Narbe“
Film Noir: Tony D’Ambra über „Der Mann mit der Narbe“
Film Talk über „Der Mann mit der Narbe“

