Während des Sommers 1980 in der bundesdeutschen Provinz glaubt der 13-jährige Beatles-Fan Tobias, dass der Mörder von Paul McCartney (denn McCartney starb 1966 und wurde durch einen Doppelgänger ersetzt) bei ihnen aufgetaucht ist.
Ein wunderschöner Coming-of-Age-Film, der einige populäre Verschwörungstheorien zitiert und ein halbes Beatles-Lexikon ersetzt.
Weil für den Film die originalen Beatles-Lieder benutzt werden mussten (Hey, ein Film über fanatische Beatles-Fans und dann werden im Film die Beatles-Songs von einer x-beliebigen Cover-Band gespielt oder es wird eine spätere oder eine alternative Aufnahme verwendet; – das würde nur zu berechtigten Wutanfällen der Beatles-Fans führen) und der deshalb auch nie im Kino lief und nicht auf DVD erscheinen wird. Denn die TV-Sender haben mit der Gema einen Vertrag, der es ihnen für TV-Filme gestattet, auf Musikstücke zurückzugreifen. Für jede andere Verwendung müssten die Musikrechte eingekauft werden.
Auf dem Symposium „Verbotene Filme“ der Deutschen Kinemathek erzählte Handloegten noch einige weitere Hintergründe, warum der dann auf Festivals gelobte Debütspielfilm so wenige Preise erhielt und wie sie beim Sundance-Festival eine kostenlose Vorführung machen mussten, um den Film zeigen zu können. Es ging natürlich um die Musikrechte.
Mit Sebastian Schmidtke (Pseudonym von Sebastian Urzendowsky), Martin Reinhold, Vasko Scholz, Myriam Abeillon, Ian T. Dickinson, Rainer Egger, Astrid Pochmann, Hans-Joachim Heist, Axel Milberg, Ingrid Steeger – und die Stimme von Alan Bangs
Die Meldung für den für elf Oscars nominierten Film „Hugo Cabret“, unter anderem als bester Film, ist nicht, dass Martin Scorsese seinen ersten Film in 3D drehte, sondern dass er seinen ersten Kinderfilm drehte. Denn das ist nicht der „Hexenkessel“-„Taxi Driver“-„Wie ein wilder Stier“-„Casino“-„GoodFellas“-„Gangs of New York“-“Departed“-Scorsese, sondern höchstens, wenn wir den Film nach der ersten Hälfte stoppen, der „Aviator“-Scorsese. „Hugo Cabret“ erinnert da schon mehr an „Die fabelhafte Welt der Amelie“. Auch „Hugo Cabret“ spielt in Paris. 1931 im riesigen Gare Montparnasse.
Dort lebt der zwölfjährige Hugo Cabret, der sich, nach dem Tod von seinem geliebten Vater und dem Verschwinden des ungeliebten, trunksüchtigen Onkels, der ihn in seine Obhut nahm, in den für die Besucher unzugänglichen Gängen des Bahnhofs versteckt und heimlich die Uhren wartet. Mit kleinen Diebstählen hält er sich über Wasser. Hier und da etwas zu essen und aus dem Laden des Spielzeughändlers Georges mechanisch betriebenes, oft auch kaputtes Spielzeug. Das braucht er, um einen mechanischen Automaten, der wie ein menschlicher Roboter aussieht, zu reparieren.
Als der verbitterte Spielzeughändler Georges ihm eines Tages ein Skizzenbuch seines Vaters abnimmt, will Hugo das Buch unbedingt wieder haben. Er verfolgt den Händler, verbündet sich mit dessen Tochter und wir erfahren, dass der Spielzeughändler Georges Méliès heißt und, was wir Filmfans natürlich wissen, einer der Begründer des Kinos ist. Méliès inszenierte „Die Reise zum Mond“ und unzählige weitere, inzwischen oft verschollene Filme, die damals, vor über hundert Jahren, sehr erfolgreich waren.
In diesem Moment wird „Hugo Cabret“ zu einer Liebeserklärung an das Kino, das in seiner modernsten Form, zeigt, dass die alten Stummfilme immer noch faszinierend sind und einen handgemachten Reiz haben, der heutigen 3D-Kreationen abgeht. Obwohl Scorsese auch einige Bilder zaubert, die nur so ihre volle Wirkung entfalten. Wenn Hugo Cabret und seine Isabelle im Haus von Georges Méliès von einem Schrank eine Kiste holen, sie ihnen entgleitet, sich öffnet und der Inhalt, eine Sammlung von Zeichnungen langsam durch den das Zimmer schwebt, dann wird der Moment durch den 3D-Effekt noch größer. Obwohl, wie der Clip zeigt, er auch in 2D beeindruckend ist.
Ebenso wenn der Stationsvorsteher, der Hugo im Bahnhof schnappen will, sich über Hugo beugt, immer größer und furchteinflößend wird, fast als ob er das Bild sprengen würde, dann merkt man, was mit 3D möglich ist.
Die anfängliche Kamerafahrt durch den Bahnhof ist aber das Pixelgewitter, das mich bei 3D immer wieder abschreckt und aus der Wirklichkeit des Film reißt. Auch atmosphärische Bilder mit Schnee, Rauch und Sonnenstrahlen sehen in 3D immer wieder, auch in einem Film der sich mit seiner Farbgebung betont künstlich und damit märchenhaft gibt, wie schlechte Computergrafiken aus.
Gleichzeitig, und das ist die große Ironie von „Hugo Cabret“, der die neuesten Filmtechniken benutzt, um den Traum vom Kino zu zeigen, sind gerade die ältesten Bilder aus den Stummfilmen, wie die legendäre „Ankunft eines Zuges in La Ciotat“, die längeren Ausschnitte aus Méliès „Die Reise zum Mond“ und „Das Königreich der Feen“ und Harold Lloyds legendäre Kraxelei an einem Hochhaus in „Ausgerechnet Wolkenkratzer“, die wirklich faszinierenden Bilder, in denen sich auch die kindliche Lust am Film, die Entdeckerfreude und Experimentierlust der Filmpioniere zeigt. Und wahrscheinlich hat Martin Scorsese genau das in seiner Liebeserklärung an das Kino gewollt: die Menschen mit dem Versprechen der neuesten Technik in das Kino zu locken, um ihnen zu zeigen, dass die alten Techniken, die Stummfilme und mechanischen Geräte, immer noch ihren Reiz haben.
„Hugo Cabret“ ist ein wunderschöner Film für Kinder und Jugendliche, der sie als Publikum mit seiner schmalzfrei erzählten Geschichte ernst nimmt und er ist, inszeniert von einem Filmfanatiker, der bereits mehrere Dokumentarfilme über die Geschichte des Kinos, in denen er schwärmerisch von seinen Lieblingsfilmen erzählte, machte, eine Liebeserklärung an das Kino, die die Zuschauer für den Film als Kunstform und die Geschichte des Films begeistern soll.
Und die Erwachsenen haben auch ihren Spaß. Jedenfalls wenn sie nicht die französische Ausgabe von „GoodFellas“ erwarten.
Hugo Cabret (Hugo, USA 2011)
Regie: Martin Scorsese
Drehbuch: John Logan
LV: Brian Selznick: The Invention of Hugo Cabret, 2007 (Die Entdeckung des Hugo Cabret)
mit Asa Butterfield, Sacha Baron Cohen, Ben Kingsley, Jude Law, Chloe Maretz, Christopher Lee, Emily Mortimer, Ray Winstone, Helen McCrory, Martin Scorsese (Cameo als Fotograf), Brian Selznick (Cameo als Student)
Natürlich war es schon ein Ereignis, die Stummfilme, die ich nur vom Fernsehen kannte, auf einer großen Leinwand in einer brillanten Bildqualität zu sehen, aber einen Eindruck kann man sich mit diesen Clips verschaffen.
Die Ankunft eines Zuges in La Ciotat (1895, von Auguste und Louis Lumière)
Die Reise zum Mond (1902, von Georges Méliès)
Das Königreich der Feen (1903, von Georges Méliès)
Ausgerechnet Wolkenkratzer (1923, von Harold Lloyd)
„Der Film war ein Erfolg. Wieviel er eingespielt hat, ist mir völlig unbekannt. Er ist später sehr oft im Fernsehen gelaufen. Ich halte ‚Hangman Also Die‘ für meinen wichtigsten anti-nationalsozialistischen Film.“ schrieb Fritz Lang 1971 an James K. Lyon.
In Deutschland ist „Auch Henker sterben“, so der deutsche Titel von „Hangman Also Die“, der Zusammenarbeit von Bertolt Brecht und Fritz Lang, fast unbekannt. Die deutsche Premiere erlebte der Film im April 1958 in der Originalfassung, einen Kinoverleih fand er nicht und ab 1974 wurde „Auch Henker sterben“, anscheinend in einer gekürzten Fassung, einige Male im Fernsehen gezeigt.
Jedenfalls sind die damals nicht synchronisierten Szenen jetzt, untertitelt, in der in der „filmedition suhrkamp“ erschienen vollständigen Fassung des Propagandafilms enthalten.
Der Film spielt im Juni 1942 und beginnt mit der Ermordung von Reinhard Heydrich, dem „Henker von Prag“ und Organisator der Judenvernichtung. Der Attentäter (Brian Donlevy), ein Mitglied der tschechischen Widerstandsbewegung, muss bei seiner Flucht improvisieren und er zieht damit Mascha Novotny (Anna Lee) und ihre Familie, bei der er mit einer erfundenen Geschichte Unterschlupf findet, mit ins Unglück. Ihr Vater, der angesehene Gelehrte Professor Stephan Novotny (Walter Brennan), durchschaut schnell die Lügen des Überraschungsgastes. Aber er schweigt.
Kurz darauf wird, obwohl die Familie Novotny nichts mit der Widerstandsbewegung zu tun hat, Professor Novotny verhaftet.
Denn die Nazis bauen ihr Terrorregime aus, verhaften wahllos Tschechen, diese leisten Widerstand, die Widerstandskämpfer versuchen dem staatlichen Zugriff zu entgehen, es gibt Verräter unter ihnen, der Attentäter fragt sich, ob er das Richtige getan hat und Mascha fordert ihn auf, sich zu stellen.
„Auch Henker sterben“ gehört zu den Anti-Nazi-Propagandafilme; was seine schlechte Aufnahme in Deutschland und, weil Lang wirklich nicht besonders feinfühlig vorgeht, seinen Erfolg in den USA erklärt. Denn Lang „arbeitet von innen heraus. Er weiß, was er porträtiert, und er hat ein starkes Gefühl des Hasses. Deshalb gleitet dieser Film kaum ins Melodram ab, auch in Szenen, wo dies sehr leicht möglich wäre. Statt dessen entsteht ein Manifest des Hasses, wie das auch einige russische Filme auf ihre Weise geleistet haben. Aber Langs Hass verrät genauere Kenntnis des Gegenstandes.“ (New York Post, 16. April 1943)
Dieser Hass trägt dazu bei, dass alle Deutschen (die von deutschen Emigranten gespielt wurden) nur noch als Karikaturen durch den doch ernst gemeinten Film laufen und der Hauptplot, die Flucht des Attentäters, immer wieder ins Stocken gerät. Denn es muss auch, eher länglich, vom Schicksal der Inhaftierten und den internen Streitigkeiten der Widerstandsbewegung erzählt und das Hohelied auf den unbeugsamen Widerstandswillen der Bevölkerung gesungen werden.
Bertolt Brecht, Fritz Lang und John Wexley (dessen Anteil an der Geschichte wohl eher vernachlässigbar ist) hatten einfach zu viel zu sagen. Deshalb dauert der Film auch 130 Minuten. Das ist, auch gemessen an der damaligen Standardlänge von neunzig Minuten für einen Film, arg lang. Auch Fritz Langs andere Hollywood-Filme sind selten länger als hundert Minuten.
Und so gelungen „Auch Henker sterben“ als Propagandafilm ist, der die Amerikaner zum Kampf gegen Nazi-Deutschland mobilisieren soll, so gescheitert ist er als Film, der eine spannende Geschichte erzählt. Er ist mit über zwei Stunden einfach zu lang. Es gibt zu viele verzichtbare Subplots und Genrewechsel zwischen Mann-auf-der-Flucht-Thriller, Liebesgeschichte und Widerstandsdrama, mit zu viel Parodie. Denn heute – und wahrscheinlich auch schon damals – wirken die Nazis in „Auch Henker sterben“ wie Knallchargen. Auch die anderen Schauspieler haben einen unguten Hang zum Over-Acting, den es in diesem Ausmaß in den anderen damals von Fritz Lang inszenierten Filmen nicht gab. Und in vielen Szenen zitiert Fritz Lang sich arg plakativ selbst. Wer die Mabuse-Filme, „M“ und auch seine ersten US-Filme kennt, wird viele vertraute Motive, Bilder und Szenen, vor allem wenn der Mob agiert, wiederfinden. Entweder als direktes Zitat oder als konsequente Umkehrung einer früheren Szene.
Als Bonusmaterial gibt es ein sehr informatives und – wir reden von der „filmedition suhrkamp“ – angenehm textlastiges 44-seitiges Booklet, aus dem auch die hier verwendeten Zitate sind. Neben zeitgenössischen US-Filmkritiken (deutsche Rezensionen wurden leider nicht abgedruckt) gibt es Auszüge aus der FBI-Akte und dem Arbeitsjournal von Bertolt Brecht und Gesprächsausschnitte mit Fritz Lang und Hanns Eisler, der die Musik für „Auch Henker sterben“ schrieb.
Auch Henker sterben (Hangman also die, USA 1943)
Regie: Fritz Lang
Drehbuch: John Wexley (nach einer Geschichte von Bertolt Brecht und Fritz Lang)
mit Brian Donlevy, Walter Brennan, Anna Lee, Margaret Wycherly, Nana Bryant, Billy Roy, Gene Lockhart, Hans Heinrich von Twardkowsky, Alexander Granach, Reinhold Schünzel, Lionel Stander
–
DVD
filmedition suhrkamp/Absolut Medien
Bild: PAL, 4:3 (Schwarzweiß)
Ton: Deutsch, Englisch (Mono)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: 44-seitiges Booklet
Länge: 130 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
19,90 Euro (unverbindliche Preisempfehlung, aber weil sie ein halbes Buch ist…)
Nouvelle Vague – Außenansichten (Fr 2008, R.: Luc Lagier)
Drehbuch: Luc Lagier
Fast einstündige Doku über den Einfluss der Nouvelle Vague auf andere Filmemacher:
Die Dokumentation wirft zahlreiche Fragen auf, unter anderem auch über den internationalen Einfluss der Nouvelle Vague. Hat sich diese Art Filme zu machen international durchsetzen können? Wie hat sie das amerikanische Kino von den 70er Jahren bis heute beeinflusst? Wie haben amerikanische Regisseure die Nouvelle Vague rezipiert? Und warum haben französische Regisseure wie Truffaut, Godard und Resnais letztlich nie in den USA gedreht? Antworten auf diese Fragen soll ein Blick über den Ozean geben. In New York und Los Angeles kommen dazu Filmgrößen wie Sidney Lumet, Arthur Penn, Monte Hellman, William Friedkin, Paul Schrader, Robert Benton, DA Pennebaker, Jerry Schatzberg, Brian De Palma, James Gray und Wes Anderson zu Wort. (Arte über die Doku)
Als der „Geheimbund der Rose“ vor über zwanzig Jahren im Fernsehen lief, war ich mächtig begeistert von dem Zweiteiler. Über drei Stunden gab es Action im Geheimagentenmilieu, einen ausgewachsenen Vater-Sohn-Konflikt und Robert Mitchum als Rosenzüchter. Seitdem wollte ich den Film immer mal wieder sehen, aber im Fernsehen lief er seitdem nicht mehr. Doch jetzt veröffentlichte Koch Media den Film auf einer sehr sparsam ausgestattete Doppel-DVD. Es ist nur der Film in der deutschen und englischen Fassung drauf. Jedenfalls konnte ich meinen damaligen Eindruck überprüfen und, soviel kann schon verraten werden, die David-Morrell-Verfilmung Film von 1988 hat sich gut gehalten.
CIA-Vizechef John Elliot (Robert Mitchum) hat für besondere Aufgaben einige Spezialagenten, die nur seinen Befehlen gehorchen. Seine beiden besten Männer sind „Romulus“ und „Remus“. Waisenkinder, die sich schon im Waisenhaus verbrüderten, von Elliot adoptiert und zu Profikillern ausgebildet wurden. Chris ‚Remus‘ Kilmoonie (David Morse) hat dann irgendwann den Moralischen bekommen und sich sechs Jahre in ein Trappistenkloster zurückgezogen. Jetzt soll er in Bangkok einen KGB-Agenten umbringen. Er kann es nicht. Als er ihn in einem Abelard-Haus (Vor dem zweiten Weltkrieg haben die Geheimdienste den geheimen Abelard-Vertrag geschlossen, nach dem bestimmte Orte Schutzzonen für alle Agenten sind und sie so die Integrität der Dienste gegenüber der Politik aufrecht erhalten können), wieder trifft, bringt ein chinesischer Agent den KGB-Mann um. Remus kann flüchten. Aber alle glauben, dass er gegen den Abelard-Vertrag verstieß. Die Strafe für einen solchen Verstoß ist der Tod. Jeder Geheimagent jagt ihn.
Zur gleichen Zeit soll Saul ‚Romulus‘ Grisman (Peter Strauss) im Auftrag von Elliot ein Attentat verüben. Es gelingt, aber danach fragt Romulus sich, warum er fünf wichtige US-Wirtschaftsbosse publikumswirksam umbringen sollte. Als kurz darauf an einem, ihm von Elliot genannten, Treffpunkt ein Anschlag auf ihn verübt wird, weiß er, dass Elliot ihn umbringen will. Er weiß nur nicht, warum sein Vater, den er bewundert und bedingungslos gehorcht, ihn töten will.
Als Romulus und Remus sich treffen, beschließen sie, die Wahrheit herauszufinden.
Selbstverständlich ist „Geheimbund der Rose“ kein realistischer Blick in die Welt der Agenten. Die dürfte in der jüngsten John-le-Carré-Verfilmung „Dame, König, As, Spion“ akkurater porträtiert werden. Der Film ist ein unterhaltsames Action-Märchen über das Erwachsenwerden von zwei Brüdern, mit leicht zynischer, realpolitischer Grundierung. Denn dass die Geheimdienste gerne ihre eigenen Geschäfte machen und sich ungern von der Politik kontrollieren lassen, wurde jetzt – auf ungleich kleinerem Niveau – bei uns mit der Beobachtung der halben Linksfraktion im Bundestag und dem jahrelangen Nicht-Wahrnehmen einer rechten Terrorgruppe wieder offensichtlich. Ältere können sich gerne auch an länger zurückliegende Geheimdienstskandale, wie das „Celler Loch“, den Mordfall Ulrich Schmücker und die jahrelange Beobachtung des Bürgerrechtlers Rolf Gössner, erinnern.
Und Robert Mitchum als Rosen züchtenden Ziehvater, der skrupellos seine Söhne für seine Interessen ausnutzt und, als sie sich gegen ihn wenden, ihre Aktionen als intellektuelles Spiel auffasst, bei dem er als ihr Lehrer gespannt ihre Züge mitverfolgt und Gegenstrategien entwirft, ist natürlich mehr als die halbe Miete.
Den Rest besorgen die anderen Schauspieler, die guten Action-Szenen (wir reden von einer 80er-Jahre-TV-Produktion) und die ruhig, aber straff erzählte Geschichte.
Insgesamt ist „Geheimbund der Rose“ ein ziemlich gelungener NBC-Zweiteiler, der es schafft, als noch während des Kalten Kriegs entstandener Agentenfilm alle Kalter-Kriegs-Klischees zu vermeiden und die Geheimagenten als eine sich über allen Gesetzen stehende Kaste zeigt, die im Zweifelsfall das Gesetz selbst in die Hand nehmen.
Der „Geheimbund der Rose“ ist ein sehr unterhaltsamer TV-Film, der aufgrund seiner guten Schauspieler besser als vergleichbare B-Pictures ist und allemal einen Blick wert ist.
In Hollywood ist seit Jahren ein Remake des Bestseller-Romans von David Morrell, dem Erfinder von „Rambo“, im Gespräch.
Geheimbund der Rose (Brotherhood ot the Rose, USA 1988)
Regie: Marvin J. Chomsky
Drehbuch: Gy Waldron
LV: David Morrell: The Brotherhood of the Rose, 1984 (Der Geheimbund der Rose)
mit Peter Strauss, Robert Mitchum, David Morse, Connie Sellecca, James B. Sikking, M. Emmet Walsh, James Hong
Vor den „Oscar“-Verleihungen stellen einige Studios die nominierten Drehbücher (und auch einige andere) online. Simply Scripts hat sie auf der „For your Consideration“-Seite gesammelt. Dabei sind unter anderem
Das Syndikat, die Vereinigung der deutschprachigen Krimiautoren, hat uns, natürlich streng vertraulich und nur für den Dienstgebrauch, die diesjährigen Nominierungen für den deren Krimipreis „Glauser“ an einem geheimen Ort zugeflüstert:
Bester Roman
Mechtild Borrmann – Wer das Schweigen bricht (Pendragon)
Lukas Erler – Mörderische Fracht (Kein & Aber)
Christian Mähr – Das unsagbar Gute (Deuticke)
Andreas Pittler – Tinnef (echo)
Michael Theurillat – Rütlischwur (Ullstein)
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Bestes Debüt
Lena Avanzini – Tod in Innsbruck (emons)
Heike Denzau – Die Tote am Deich (emons)
Tom Hillenbrand – Teufelsfrucht (Kiepenheuer & Witsch)
Carolin Römer – Die irische Meerjungfrau (Conte)
Tanja Weber – Sommersaat (Aufbau)
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Bester Kurzkrimi
Michel Birbaek – Surfen (in: “Berlin Blutrot”, Kölnisch-Preußische Lektoratsanstalt)
Lucie Flebbe – Weg zur Hölle (in: “He Shot Me Down”, Rotbuch)
Nina George – Das Spiel ihres Lebens (in: “Scharf geschossen”, KBV)
Kai Hensel – Frühling des Herzens (in: “Berlin Blutrot”, Kölnisch-Preußische Lektoratsanstalt)
Stephan Pörtner – Blaue Liebe (in: “He Shot Me Down”, Rotbuch)
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Hansjörg-Martin-Preis 2012 (Kinder- und Jugendkrimi)
Brigitte Glaser – Fremde Fracht. Ein Fall für Anja Kraft (Sauerländer)
Agnes Hammer – Nacht komm! (script5)
Kirsten Reinhardt – Fennymores Reise (Carlsen)
Ulrike Rylance – Villa des Schweigens (dtv)
Maja von Vogel – Nachtsplitter (dtv)
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Friedrich-Glauser-Ehrenpreis 2012
Thomas Przybilka
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Die Preisverleihung ist am Samstag, den 28. April, auf der “Tango Criminale”, der Abschlussgala der Criminale im Hochsauerlandkreis.
Der runde Geburtstag von Francois Truffaut (6. Februar 1932 – 21. Oktober 1984) ist für Arte die Gelegenheit, ihn mit einer kleinen Filmreihe zu ehren und an ihn zu erinnern. Denn so bedeutend Truffaut zu Lebzeiten war, so selten liefen seine Filme in den vergangenen Jahren im Fernsehen und auch auf die DVD wurden erst jüngst von Arthaus/Studiocanal mit einer umfangreichen Veröffentlichung die größten Lücken geschlossen. Obwohl einige Filme noch fehlen (wie „Das grüne Zimmer“), nicht mehr erhältlich sind (wie „Die amerikanische Nacht“) oder eine bessere Ausgabe (Mehr Bonusmaterial!) verdient hätten.
Mit Truffauts letztem Film „Auf Liebe und Tod“ (der anscheinend zuletzt vor über zehn Jahren im Fernsehen lief) und seinem zweiten Film „Schießen Sie auf den Pianisten“ wird auch zugleich die Entwicklung von Francois Truffaut von einem der Begründer der Nouvelle Vague zu einem etablierten Regisseur, der auch Starkino machte, gezeigt. Während er in „Schießen Sie auf den Pianisten“ noch hemmungslos mit der Form des Kriminalfilms, des Film Noirs und den Konventionen des Kinos spielte, weshalb sein Film auch gar nicht so fern von Jean-Luc Godards Kriminalfilmen „Außer Atem“ und „Die Außenseiterbande“ ist, und ihm die Geschichte herzlich egal war, liefert er in „Auf Liebe und Tod“ mit Fanny Ardant und Jean-Louis Trintignant in den Hauptrollen einen klassischen Rätselkrimi mit Noir-Touch, Starbesetzung und französischem Flair. Das ist durchaus unterhaltsam aus der Zeit gefallen.
Arte, 20.15
Auf Liebe und Tod (F 1983, R.: Francois Truffaut)
Drehbuch: Francois Truffaut, Suzanne Schiffman, Jean Aurel
LV: Charles Williams: The long saturday night, 1962 (Die lange Samstagnacht, Auf Liebe und Tod)
Sekretärin Barbara versucht zu beweisen, dass ihr Chef nicht den Liebhaber seiner Frau und anschließend sie umgebracht hat. Aber die Beweise sprechen eine andere Sprache.
„Kriminalkomödie, die darüber hinaus formal und inhaltlich wie eine Anthologie eines Vierteljahrhunderts Truffaut wirkt, und das ohne Staubwolken und Nostalgie. ‚Auf Liebe und Tod‘ ist ein frischer kleiner Spaß, den der Regisseur sich (um sich von ‚La femme d’à côte‘ zu erholen) und den Samstagabendzuschauern gönnt, die sich unterhalten lassen sollen, ohne sich hinterher schämen zu müssen.“ (Fischer Film Almanach 1985)
„Auf Liebe und Tod“ „ist eine Rückbesinnung auf seine Kino-Vorlieben der Zeit, in der er mit dem Filmemachen begann, es ist eine Hommage an den ‚Film Noir‘. Allerdings eine, die sich vor allem auf die ästhetischen Muster bezieht und weniger die Figuren und Geschichten umschließt.“ (Meinolf Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms, 1985/1993)
mit Fanny Ardant, Jean-Lous Trintignant, Philippe Laudenbach, Caroline Sihol, Philippe Morier-Genoud
Wiederholungen
Dienstag, 7. Februar, 14.30 Uhr
Mittwoch 15. Februar, 14.35 Uhr
–
Arte, 22.00
Schießen Sie auf den Pianisten (F 1960, R.: Francois Truffaut)
Drehbuch: François Truffaut, Marcel Moussy
LV: David Goodis: Down there, 1956 (Schüsse auf den Pianisten)
Nach dem Selbstmord seiner Frau hat sich der berühmte Konzertpianist Edouard zurückgezogen und fristet sein Dasein in einer Kaschemme als Barpianist. Als sein Bruder ihn um Hilfe bittet, gerät er in die Schusslinie von Gangstern.
Nach dem Erfolg seines Erstlings „Sie küssten und sie schlugen ihn“ drehte der 27-jährige Francois Truffaut ein stimmungsvolles Kriminalmelodrama, das in jeder Einstellung das Werk eines begeisterten Cineasten ist.
„Auf den ersten Blick kann man der gebrochenen Handlung kaum folgen, versteht kaum, um was es eigentlich geht. Sieht man den Film aber öfter, wird man weniger auf die Gangster- und Liebesgeschichte achten als vielmehr auf die Machart, auf das Strickmuster dieses Films über das Filmemachen und –anschauen. Truffaut, damals nun wahrlich ein junges Genie, das sich das Filmemachen fast ausschließlich theoretisch angeeignet hat, spielt mit dem Zuschauer nach allen Regeln der Filmkunst.“ (Willi Winkler: Die Filme von Francois Truffaut)
Beginnen wir mit dem 80-minütigen Gespräch von Kenneth Turan mit Alexander Payne, das bereits 2005 stattfand:
Neuer und kürzer (aber auch nur, weil uns die Filmausschnitte vorenthalten werden) ist das Gespräch von Richard Peña mit Alexander Payne. Payne durfte für die NYFF Closing Night, wo auch „The Descendants“ gezeigt wurde, im Rahmen der „On Cinema“-Reihe einige für ihn wichtige Regisseure, Filmemacher und Filme vorstellen. Das sind, ich hoffe, ich habe die Namen und Filmtitel richtig mitgeschrieben, niemand vergessen und alles mit ungefähren Zeitangaben versehen,
Viridiana (Luis Bunuel), Die sieben Samurai (Akira Kurosawa), ab Minute 5
Nackte Gewalt (The naked spur, Anthony Mann), ab Minute 10
Die Nacht (La Notte, Michelangelo Antonioni), ab Minute 17
Casino (Martin Scorsese), ab Minute 28
Rotbart (Akahige/Red Beard, Akira Kurosawa), ab Minute 40
Caroll Ballard, ab Minute 46
Das Gespräch beginnt nach einer Minute Schwarzbild
Drehbuch: Geoffrey Homes (Pseudonym von Daniel Mainwaring), James M. Cain (ungenannt), Frank Fenton (ungenannt)
LV: Geoffrey Homes: Build my gallows high, 1946 (Goldenes Gift)
Privatdetektiv Jeff Bailey soll für den Gangster Whit Sterling dessen mit einer Tasche Geld durchgebrannte Freundin suchen. Dummerweise verliebt Jeff sich in das titelgebende „Goldene Gift“.
Jacques Tourneur, dessen bekannteste Werke die Horrorfilmklassiker „Katzenmenschen“ und „Ich folgte einem Zombie“ sind, inszenierte diesen Noir, der inzwischen zu den Klassikern des Genres gehört, nach einem Roman von Geoffrey Homes, der auch das Drehbuch schrieb und geschickt mit der Noir-typischen Rückblendenstruktur und den Noir-Archetypen (die heute sattsam bekannte Klischees sind) spielt. Tourneur zeigte sich wieder einmal als Meister der Licht- und Schattenspiele und Robert Mitchum demonstriert, wieviel Schauspiel in einem Nicht-Schauspiel sein kann.
Mit Robert Mitchum, Jane Greer, Kirk Douglas, Rhonda Fleming, Richard Webb, Steve Brodie, Virginia Huston, Paul Valentine, Dickie Moore
Ein geschasster CIA-Agent will seine Memoiren veröffentlichen. Sie stoßen vor allem in Agentenkreisen auf großes Interesse.
Nette Agentenkomödie, die in Deutschland nur eine Videopremiere erlebte.
„Witzige und größtenteils schwungvolle Agenten-Komödie.“ (Lexikon des internationalen Films)
Der Film war für einen Edgar nominiert, das Drehbuch für den Preis der Writers Guild of America , der Roman erhielt den Edgar als bester Krimi des Jahres und auch Brian Garfield ist mit dieser Verfilmung sehr zufrieden.
mit Walter Matthau, Glenda Jackson, Sam Waterston, Herbert Lom, Ned Beatty, David Matthau, George Baker
Auch bekannt als „Bluff Poker – Ein Schlitzohr packt aus“ (Videotitel)
Eine dritte Staffel ist schon bestellt; was bei dem Erfolg kein Wunder ist. Die Kritiker sind begeistert. Die Quote toll. Und die Holmisianer sagen auch nichts dagegen.
–
Der Spiegel hat sich mit Pete Dexter unterhalten. Sein „neuer“ Roman „Deadwood“ erschien jüngst bei Liebeskind und inspirierte auch die Westernserie „Deadwood“. Lest die ganze Geschichte hier.
Ende Februar erscheint „Unter dem Schatten des Todes“ (Nautilus), der neue historische Kriminalroman von Robert Brack und der Autor verrät auch schon einiges
Nachtschicht: Das tote Mädchen (D 2010, R.: Lars Becker)
Drehbuch: Lars Becker
Ein russisches Callgirl wird ermordet und in der Elbe versenkt. Das Nachtschicht-Team sucht den Mörder und landet schnell bei einem Privatbankier, der behauptet die Tote nicht zu kennen.
Nix neues von der “Nachtschicht”: Dutzende bekannter Gesichter, die endlich (?) mal wieder (?) zeigen, was sie können, gutes Buch, gute Regie, gute Unterhaltung.
mit Armin Rohde, Barbara Auer, Minh-Khai Phan-Thi, Pierre Semmler, Dietmar Bär, Kai Wiesinger, Jürgen Prochnow, Lisa Maia Potthoff
Und jetzt les ich den neuen Sherlock-Holmes-Roman „Das Geheimnis des weißen Bandes“ von Anthony Horowitz weiter. Bis jetzt gefällt mir das neue Abenteuer der beiden Herren.
Mord unter Zeugen – Shooting Dogs (GB/D 2005, R.: Michael Caton-Jones)
Drehbuch: David Wolstencroft
Gleiches Thema wie “Hotel Ruanda”, aber dieses Mal nimmt ein Pater in seiner Missionsschule die vor dem Bürgerkrieg Flüchtenden auf. Weil „Shooting Dogs“ nach dem vorzüglichen „Hotel Ruanda“ in die Kinos kam, wurde er kaum beachtet. Zu Unrecht. Denn „Shooting Dogs“ ist noch konsequenter und bitterer in seiner Anklage.
Mit John Hurt, Hugh Dancy, Dominique Horwitz, Louis Mahony
Als vor etwas über zwanzig Jahren der Kalte Krieg mit einer Implosion des Ostblocks endete, verschwand auch der Spionagethriller von der Bildfläche. Denn jetzt konnten keine fantastischen Abenteuer von tapferen Westagenten, die die bösen Kommunisten besiegten, mehr geschrieben werden. Inzwischen gibt es, die Geheimdienste wurden ja auch nicht aufgelöst, zwar neue Spionagethriller, aber die alten Fronten und Gegner sind unwiderbringlich verschwunden. Die Themen sind geblieben.
Die Welt der Spione in meinen Büchern ist eine Metapher für die große Welt, in der wir alle leben. Wir beschummeln einander, belügen uns selbst, erfinden kleine Geschichten und schauspielern uns durchs Leben. Im Berufsleben, in der ganz normalen Welt ist das doch nicht viel anders. Ich glaube, dass ‚Dame, König, As, Spion‘ auch darum bis heute seine Wirkung nicht verfehlt. Als ich das Buch schrieb, wollte ich diese Universalität des Stoffes ausschöpfen und traf offenbar einen Nerv. Die Menschen wollten ihr Leben widergespiegelt sehen im Kontext einer Verschwörung. Das ist ein wiederkehrendes Muster zwischen den Menschen und den Institutionen, die sie erschaffen.
John le Carré
Jetzt hat Tomas Alfredson mit „Dame, König, As, Spion“, nach dem Roman von John le Carré, einen Agententhriller gedreht, der einerseits tief verwurzelt in den siebziger Jahren ist und andererseits aktueller kaum sein könnte. Denn die Welt der Geheimagenten, ihre Paranoia und ihre komplizierten Komplotte unterscheiden sich kaum von der Welt der globalen Konzerne und der Industriespionage. Damals wie heute geht es um Loyalität, Vertrauen und den Missbrauch von Vertrauen.
Denn in „Dame, König, As, Spion“ vermutet Control (John Hurt), dass es im Geheimdienst MI6 einen Maulwurf gibt. Er schickt 1973 Jim Prideaux (Mark Strong) in geheimer Mission nach Budapest. Dort soll ihm ein Überläufer verraten, wer im englischen Geheimdienst in führender Position für den KGB arbeitet. Aber das Treffen ist eine Falle. Prideaux wird erschossen. In London wird Control nach dieser fehlgeschlagenen und nicht genehmigten Aktion entlassen. Mit ihm muss sein engster Vertrauter, George Smiley (Gary Oldman), den Circus, wie der MI6 intern genannt wird, verlassen.
Kurz darauf wird Smiley zurückgerufen. Denn der zuständige Minister glaubt inzwischen, dass der Maulwurf keine paranoide Idee von Control war, sondern dass es ihn wirklich gibt. Smiley soll ihn finden. Zusammen mit Peter Guillam (Benedict Cumberbatch) beginnt er sich durch die alten Akten zu wühlen.
Verdächtigt werden von George Smiley der neue Circus-Chef Percy Alleline (Toby Jones), Einsatzleiter Bill Haydon (Colin Firth) und die hochrangigen Mitarbeiter Roy Bland (Ciarán Hinds) und Toby Esterhase (David Dencik).
Wie Alfredson dann diese Ermittlungen mit seinem Topensemble, nach einem straffen Drehbuch von Bridget O’Connor und Peter Straughan (der zuletzt in „Eine offene Rechnung“ bewies, dass er souverän seine Geschichte auf verschiedenen Zeitebenen erzählen kann), erzählt, ist großes und großartiges Kino. Die Drehbuchautoren haben sehr geschickt den doch etwas länglichen und teils eher verwirrend zu lesenden Roman von le Carré in eine stringente Form gebracht und sie erzählen die Wer-ist-der-Täter-Geschichte souverän zwischen der Filmgegenwart und der Vergangenheit wechselnd, die sich teils aus den Akten, teils aus den Erinnerungen von George Smiley und den Erzählungen von anderen Agenten in vielen Rückblenden zusammensetzt. Hoyte van Hoytema, der mit Alfredson bereits bei „So finster die Nacht“ zusammenarbeitete, fand dafür Bilder, die die Vergangenheit in all ihrer Banalität und auch Tristesse heraufbeschwört. Glamourös ist hier nichts.
Mit „Dame, König, As, Spion“ entführt Tomas Alfredson in die siebziger Jahre, die wahrscheinlich mehr nach den Siebzigern aussehen, als die Siebziger jemals nach den Siebzigern ausgesehen haben. Diese Brauntöne, die Farblosigkeit, das Vermuffte, die zu vollen Räume mit ihren Akten, die nur leicht modernisierten, funktionalen Vorkriegsbauten, die zeitlosen Anzüge, die wenigen Frauen, die nur als Sekretärinnen und Gespielinnen vorkommen, – das alles sind Bilder aus einer lange vergangenen Zeit, als die Geheimdienste sich noch als Vorkämpfer im Klassenkampf sahen. Und doch gab es immer Doppelagenten und Überläufer, wie Kim Philby, der Leiter der Gegenaufklärung des Britischen Geheimdienstes und zeitweiliger Anwärter für den Chefposten.
Durch die Inszenierung und auch wie einige Themen aus John le Carrés Roman im Film verstärkt werden, wird eine Brücke zur Gegenwart geschlagen. Denn die Welt des Circus ähnelt der Welt der Konzerne, in denen auch unklar ist, wer für wen arbeitet, gegeneinander intrigiert wird, Leute abgeworben werden und alle mit einer gehörigen Portion Paranoia arbeiten.
Und in der Männerwelt des Circus gibt es zwar Homosexualität, aber es wird nicht darüber geredet. Auch le Carré sagt es in seinem Roman nur in einigen, fast schon kryptischen Halbsätzen. Alfredson wird da in den Bildern, wenn ein Agent schnell seine Beziehung zu einem anderen Mann beendet oder am Ende des Films, deutlicher.
Deshalb hat mir Tomas Alfredsons „Dame, König, As, Spion“ als eigenständige, aber auch werktreue Interpretation des Romans viel besser als die Vorlage gefallen hat.
Die siebenteilige BBC-Verfilmung von 1980 mit Alec Guinness in der Hauptrolle, die ich noch nicht kenne, ist ebenfalls ein Klassiker, der allerdings bei uns, soweit ich weiß, nur einmal vor so dreißig Jahren gezeigt wurde und auch noch nicht auf DVD veröffentlicht wurde. Immerhin kann man sich die englische DVD leicht für wenig Geld besorgen.
mit Gary Oldman, Colin Firth, Tom Hardy, John Hurt, Toby Jones, Mark Strong, Benedict Cumberbatch, Ciarán Hinds, David Dencik, Simon McBurney, Kathy Burke, Stephen Graham, Svetlana Khodchenkova, John le Carré (Komparse bei der MI6-Silvesterfeier; also genau aufpassen)
Länge: 127 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Vorlage
John le Carré: Tinker, Tailer, Soldier, Spy
Hodder and Stoughton, 1974
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Deutsche Übersetzung von Rolf und Hedda Soellner
Kiepenheuer und Witsch, Köln, 1974
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Seitdem erschien der Roman in zahlreichen Neuausgaben bei verschiedenen Verlagen.
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Die aktuelle Ausgabe
John le Carré: Dame, König, As, Spion
(übersetzt von Rolf und Hedda Soellner)
(mit einem 1991 geschriebenem Vorwort von John le Carré, übersetzt von Werner Schmitz)
Inzwischen hat sich der Kurs von Universitätsprofessor Markus Haglund wohl soweit etabliert, dass er eine Mischung aus Forschungsprojekt und Pro-Bono-Anwaltskanzlei wurde. Jedenfalls suchen Haglund und seine Studenten Roger Andersson, Fia Jönsson, Belal Al-Mukthar und Anna Sjöstedt, die inzwischen an ihrer Promotion arbeitet, immer noch nach Menschen, die wahrscheinlich unschuldig verurteilt im Gefängnis sitzen. Manchmal kommen die Fälle auch zu ihnen. Und dann versuchen sie den wahren Täter zu finden.
Die gut konstruierten Fälle der schwedischen Krimiserie „Verdict Revised – Unschuldig verurteilt“ (auch wenn für den krimierfahrenen Zuschauer der Täter oft ziemlich schnell offensichtlich ist) bieten einen ordentlichen Querschnitt durch die möglichen Delikte.
Meistens geht es natürlich um Mord, auch mal um fahrlässige Tötung, aber auch Vergewaltigung, Entführung, der Überfall auf ein Juweliergeschäft sind Straftaten mit denen Haglund und seine Studenten sich beschäftigen. Weil bereits von der Polizei ein Täter ermittelt und von einem Richter verurteilt wurde, scheiden die offensichtlichsten Spuren und Tatverdächtigen aus. Entsprechend überraschend entwickelt sich die Handlung, wenn in „Was ist los mit Markus?“ aus einem schnöden Überfall ein Familiendrama, oder in „Mutter hinter Gittern“ aus einer fahrlässigen Tötung wegen Tablettenmissbrauch ein ausgewachsenes Mordkomplott wird.
Auch in „Bücher und Mörder“ über eine ermordete Bestsellerautorin und „Der alte Mann und das Geld“ über einen ermordeten, vermögenden Geizhals und seinen spurlos verschwundenen Sohn, ist alles ganz anders, als es auf den ersten Blick scheint.
Gut, das ist für einen Krimi nichts außergewöhnliches, eher sogar eine Standardanforderung, aber hier sind den Machern von „Verdict Revised“ für eine 45-minütige Folge einige hübsche Plottwists gelungen.
Dagegen ist „In Todesangst“ erstaunlich schwach. Denn während der Geiselnahme verhalten sich alle doch etwas dumm. Der Geiselnehmer will nur mit Haglund reden. Die Geiseln, Roger, Fia, Belal und Tomas Thomén, der Institutsleiter und Punchingball von Haglund, verhalten sich, vor allem nachdem Fia angeschossen wird, merkwürdig passiv. Und die Polizei? Nun, sie belagert das Haus und der Einsatzleiter möchte es gerne auf die altmodische Art stürmen. Gut, dass Haglund am Ende auftaucht und in wenigen Sekunden die Situation entschärft. Das ist weder besonders glaubwürdig, noch spannend.
In der nächsten Folge „Der Tod macht Visite“ liegt Fia im Krankenhaus. Aber anstatt sich zu erholen, glaubt sie, dass ihre Zimmernachbarin ermordet wurde. Die Story ist zwar arg vorhersehbar, auch weil der Täter von Anfang an bekannt ist, aber dafür gibt es viel Krankenhaus-Atmosphäre und Fia und Roger kommen sich näher.
Im Gegensatz zur ersten Staffel, die gegen Ende zunehmend soapiger wurde, wird jetzt – zum Glück – fast vollkommen auf private Plots verzichtet und auch Haglund und seine Studenten sind meistens nicht persönlich in die Fälle involviert. Aber sie begeben sich mehrmals in Lebensgefahr. Mal wissentlich, mal unwissentlich.
Schade ist allerdings, dass Haglund in der zweiten Staffel von „Verdict Revised – Unschuldig verurteilt“ kaum noch auftaucht. Denn er ist, wundervoll garstig gespielt von Mikael Persbrandt (Kommissar Beck, In einer besseren Welt), der Grund, sich die Serie anzusehen. Aber in der zweiten, wieder aus zwölf Episoden bestehenden Staffel, schleicht er nur ab und zu durch sein Haus, bemüht sich möglichst stinkstiefelig zu sein und derangiert-betrunken auszusehen. Seine Rolle ist in fast allen Folgen so klein geraten, dass sie auch ohne Verluste wegfallen könnte.
Insgesamt ist „Verdict Revised – Unschuldig verurteilt“ eine grundsolide Serie, die sich, aufgrund ihrer Prämisse, etwas abseits der eingefahrenen Gleise bewegt und kurzweilig unterhält.
Nach dem momentanen Stand der Dinge endet die Serie mit diesen zwölf Fällen. Anscheinend waren die Kosten zu hoch und natürlich ist es schlecht, wenn der Hauptdarsteller die meiste Zeit durch Abwesenheit glänzt. Verdict Revised – Unschuldig verurteilt: Staffel 2 (Oskyldigt dömd, Schweden 2009)
Erfinder: Johann Zollitsch
mit Mikael Persbrandt (Markus Haglund), Sofia Ledarp (Fia Jönsson), Helena af Sandeberg (Anna Sjöstedt), Francisco Sobrado (Belal Al-Mukthar), Leonard Terfelt (Roger Andersson), Marie Richardson (Ulrika Stiegler), Anja Lundkvist (Caroline Gustavsson), Magnus Mark (Tomas Thomén)
– DVD
Edel:motion
Bild: Pal 16:9 (Widescreen)
Ton: Deutsch, Schwedisch (Dolby Digital 2.0 Stereo)
Untertitel: –
Bonusmaterial: –
Länge: 521 Minuten (4 DVDs)
FSK: ab 16 Jhare
– Die Fallbesprechungen im zweiten „Verdict Revised“-Seminar
Lockvogel (Stora skuggan)
Regie: Daniel di Grado
Drehbuch: Thomas Borgström
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Die Farbe des Todes (Alba Femina)
Regie: Daniel di Grado
Drehbuch: Thomas Borgström, Sara Heldt
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Gefangen oder tot (Hotad Åklagare)
Regie: Daniel di Grado
Drehbuch: Thomas Borgström, Sara Heldt
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Was ist los mit Markus (Nowak & Nowak)
Regie: Daniel di Grado
Drehbuch: Thomas Borgström, Sara Heldt
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Mutter hinter Gittern (Goda grannar)
Regie: Niklas Ohlson
Drehbuch: Thomas Borgström, Sara Heldt
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Bücher & Mörder (Stalkern)
Regie: Niklas Ohlson
Drehbuch: Thomas Borgström, Sara Heldt
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Der Nigger (Kinnaberg)
Regie: Niklas Ohlson
Drehbuch: Thomas Borgström, Sara Heldt
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In Todesangst (Gisslan)
Regie: Niklas Ohlson
Drehbuch: Sara Heldt
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Der Tod macht Visite (Nattrond)
Regie: Richard Holm
Drehbuch: Thomas Borgström
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Der alte Mann und das Geld (Pengafällan)
Regie: Richard Holm
Drehbuch: Thomas Borgström, Sara Heldt
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Armes reiches Mädchen (Kidnapped)
Regie: Richard Holm
Drehbuch: Thomas Borgström, Sara Heldt
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Mittsommertod (Okänt Vittne)
Regie: Richard Holm
Drehbuch: Thomas Borgström, Sara Heldt
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