DVD-Kritik: „The Prisoner“ will nicht Nummer 6 sein

April 3, 2012

Ein Mann erwacht in der Wüste. Er hat keine Ahnung, wie er dorthin gekommen ist. Kurz darauf entdeckt er eine Stadt, die anscheinend aus der Zeit gefallen ist. Jedenfalls erinnert die Stadt in der Wüste eher an eine Golden-Age-Hollywood-Stadt als an eine reale Stadt der Gegenwart. Die Einwohner sind freundlich zu ihm und sie scheinen ihn auch alle zu kennen.

Nummer 6, wie der Mann von den Bewohnern der Stadt genannt wird, will sich allerdings nicht mit diesem Leben arrangieren. Denn er weiß, dass es eine andere Welt gibt und er will wieder zurück in sein altes Leben, an das er sich nur bruchstückhaft erinnert. Auch wenn ihm alle Stadtbewohner und der Herrscher der Stadt freundlich, aber bestimmt versichern, dass er sich irrt.

The Prisoner“ war als Remake der britischen Serie „The Prisoner“ (Nummer 6) von 1967/68 mit James Caviezel als Nummer 6 und Ian McKellen als Nummer 2 (aka das Oberhaupt der Stadt) angekündigt. Weil das Original mit Patrick McGoohan als Nummer 6 schon seit Jahren Kultstatus genießt, immer wieder als eine der besten TV-Serien genannt wird und dessen Thematisierung von verschiedenen Theorien über das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, die damals diskutiert wurden, allgemein bewundert wird, hat ein Remake natürlich schlechte Karten. Gerade der direkte Vergleich mit dem allgemein geschätztem Original planiert schnell und sehr breit den Weg zu hämischen Verrissen. Wahrscheinlich deshalb wurde 2009, vor der TV-Premiere, auch öfters von einem zeitgemäßen Update der Serie gesprochen und so gesehen ist die neue Version von „The Prisoner“ als interessanter Mindfuck à la „Inception“ (USA 2010), gedreht mit einem Bruchteil von Nolans Budget, durchaus einen Blick wert.

Denn wenn man „The Prisoner“ einfach nur nach seinem eigenen Standard als Science-Fiction-Miniserie mit einer interessanten Prämisse betrachtet, ist es, trotz Schwächen, wie Episoden, die zwar das Leben in der Stadt genauer zeigen, aber Nummer 6 nicht näher an die Lösung bringen, eine optisch beeindruckende TV-Serie, die nach dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft und der Rolle des Einzelnen im Kapitalismus fragt. Das ist heute der große Konflikt. Denn die Blockkonfrontation ist vorbei und an die großen, alles erklärenden Theorien glaubt auch niemand mehr wirklich. Außerdem hat die Gestaltungsmacht der Politik gegenüber der Wirtschaft, vor allem gegenüber multinationalen, globalen Konzernen, radikal abgenommen hat.

Alle Bewohner der Stadt haben sich in dieser freundlichen „Brave New World“-Diktatur eingerichtet und sie erinnern sich gar nicht mehr an ihr anderes Leben; falls es das jemals gegeben hat. Auch die plötzlich auftauchenden Löcher im Boden, die deutliche Signale sind, dass in dieser Welt etwas nicht in Ordnung ist, irritieren die Bewohner nicht sonderlich.

Dummerweise wird dieser Konflikt von Nummer 6 und den Bewohnern, abgesehen von dem abstrakten Konflikt zwischen individueller Freiheit und dem Gehorchen des Kollektivs, nie genauer ausgeführt und zu einer veritablen Kapitalismuskritik zugespitzt. Insofern ist „The Prisoner“ gerade bei der Behandlung seines Themas kraftlos und harmloser als nötig.

Dazu passt auch, dass das Ende der sechsteiligen Miniserie zwar emotional, aber nicht rational befriedigend ist.

The Prisoner (The Prisoner, GB 2009)

Regie: Nick Hurran

Drehbuch: Bill Gallagher

mit James Caviezel, Ian McKellen, Ruth Wilson, Jamie Campbell Bower, Hayle Atwell, Rachel Blake, Lennie James, Renate Stuurmann

DVD

Koch Media

Bild: 1.78:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (DTS, Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial (angekündigt): Entfallene Szenen, Making of, Die Welt des Prisoner, Comic Con Panel, Interview, Regiebesprechung

Länge: 277 min

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „The Prisoner“

AMC über „The Prisoner“

Fanseite zu „The Prisoner“ (Original und Remake)

 


Cover der Woche

April 3, 2012


TV-Tipp für den 3. April: Kein Mord bleibt ungesühnt

April 3, 2012

ZDFneo, 22.10

Kein Mord bleibt ungesühnt (F 2006, R.: Franck Mancuso)

Drehbuch: Franck Mancuso

LV: Lawrence Block: Like a bone in the throat (Kurzgeschichte, abgedruckt in “Enough Rope”)

Ein Sexualstraftäter ermordet die neunjährige Tochter des Polizisten Malinowski. Der kurz darauf als Täter verurteilte Eckman beteuert in Briefen gegenüber Malinowski seine Unschuld. Als Malinowski deshalb auf eigene Faust mit Ermittlungen beginnt, beginnt er immer mehr an Eckmans Unschuld zu glauben.

Regiedebütant Mancuso schrieb vorher unter anderem das Drehbuch für den Noir-Polizeithriller „36 – Tödliche Rivalen“. „Kein Mord bleibt ungesühnt“ erhielt ebenfalls gute Kritiken und (erlebte) ebenfalls seine Deutschlandpremiere auf DVD. Das scheint inzwischen bei französischen Kriminalfilmen so üblich zu sein.

Denn „Kein Mord bleibt ungesühnt“ ist ein kleiner, feiner Krimi mit einem gelungenen Ende.

Mit Jean Dujardin, Laurent Lucas, Agnès Blanchot, Jean-Pierre Cassel

Auch bekannt als „Counter Investigation – Kein Mord bleibt ungesühnt“

Hinweise

Homepage von Lawrence Block

Unbedingt kaufen müssen Sie das von mir herausgegebene Buch „Lawrence Block – Werkschau eines New Yorker Autors“ (KrimiKritik 5, Nordpark-Verlag)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “Telling Lies for Fun and Profit – A Manual for Fiction Writers” (1994)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “Spider, spin me a web – A Handbook for Fiction Writers” (1995)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks: “All the flowers are dying” (2005)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “Lucky at Cards” (2007)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks „Abzocker“ (Grifter’s Game, 2004; frühere Ausgaben: Mona, 1961; Sweet slow death, 1986)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “Verluste” (Everybody dies, 1998)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks „Killing Castro“ (Originalausgabe unter dem Pseudonym Duncan Lee als „Fidel Castro Assassinated“, 1961)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks „Falsches Herz“ (The Girl with the long green Heart, 1965)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks „A drop of the hard stuff“ (2011)

Meine Besprechung der Lawrence-Block-Verfilmung „Acht Millionen Wege zu sterben“ (Eight Million Ways to Die, USA 1986)

Lawrence Block in der Kriminalakte