Respekt und auch Ehrfurcht vor der literarischen Vorlage sind, im ersten Moment, nichts schlechtes. Immerhin kennen wir genug Verfilmungen, bei denen die Macher in Interviews großmundig erzählen, wie sehr sie der Roman beeindruckte, und dann erzählen sie eine vollkommen andere Geschichte oder es gelingt ihnen erfolgreich, all die wirklich gelungenen Momente der Vorlage, aus dem Film zu tilgen. Manchmal folgen sie auch der Vorlage und verkehren durch die Art der Inszenierung die Aussage in das Gegenteil.
Bei einer bekannten Vorlage, egal ob Literaturklassiker, Kultbuch, Bestseller oder Comicverfilmung, wachen dann die Fans mit Argusaugen über die Verfilmung, die vor allem eine Bebilderung der Vorlage sein soll. Jede Abweichung wird, aus Angst vor deren Zorn oder übergroßem Respekt vor dem Autor, ängstlich vermieden – und so gibt es auch keinen wirklich eigenen Zugriff der Macher auf das Material.
Manchmal sagen die Regisseure auch, dass die Vorlage so gut sei, dass sie nichts verändern wollten. Dann übertragen sie einfach das Buch in das Drehbuchformat und bebildern es.
Auch Julian Roman Pölsler (die „Polt“- und Daniel-Käfer-Filme) hat bei seiner Verfilmung von Marlen Haushofers „Die Wand“ (anscheinend ein echter Literaturklassiker, den mir damals mein Deutschlehrer zugunsten von „Der Untertan“ vorenthielt) zu viel Respekt vor dem Roman, dem er sklavisch folgt und Martina Gedeck liest während des zweistündigen Films das halbe Buch vor.
Mir war wichtig, möglichst viel aus dem Roman in den Film zu übernehmen – daher auch die Off-Stimme. Ich habe mir die Maxime gesetzt, den Text nur durch Streichungen zu verändern und nichts hinzuzufügen. Nur ein Wort ist geändert.
Julian Roman Pölsler
Dazu gibt es Bilder von Martina Gedeck, die meistens mit unbewegtem Gesicht in die Kamera oder die Berglandschaft starrt. Das ist nicht besonders aufregend, lässt einem aber Zeit, sich während des Films Gedanken über die von ihr gespielte Frau und ihr Verhalten zu machen. Denn sie ist einfach zu passiv, wenn sie bemerkt, dass sie nach einer Nacht in einer abgelegenen Berghütte, das Tal nicht mehr verlassen kann. Sie ist von einer unsichtbaren Wand umgeben. Was auf der anderen Seite ist, was in der Nacht passiert ist, erfahren wir nicht – und selbstverständlich können wir uns ausgiebig Gedanken über die verschiedenen Interpretationen ihrer Situation machen: von irgendeiner Science-Fiction-Erklärung über Kalter-Kriegs-Paranoia (der Roman ist von 1963) bis hin zu einem persönlichem Trauma; so ein Locked-In-Syndrom oder ein Koma, in dem wir alles aus ihrer Sicht sehen (neinneinnein, „Life on Mars“ und „Ashes to Ashes“ sind etwas ganz anderes).
Pölsler liefert, wie Marlen Haushofer in ihrem Roman, keine Erklärung. Er zeigt nur, wie die eingeschlossene Frau, die am Anfang wie eine modebewusste, für das Landleben vollkommen ungeeignete Städterin wirkt, ihre Situation klaglos akzeptiert. Sie versucht nicht, sofort die Wand zu überwinden oder ihre Größe festzustellen oder Hilfe herbeizuholen. Stattdessen richtet sie sich umstandslos und ohne erkennbare Probleme auf ihr neues Leben als Bäuerin ein.
Und währenddessen liest Martina Gedeck die von Marlen Haushofer aufgeschriebenen Worte vor, die meistens erklären, was die Bilder gerade zeigen oder genausogut zeigen könnten. Diese Innenansichten eines Charakters sind das natürliche Metier eines Romans oder eines Radiohörspiels. Aber in einem Film langweilt die von der Protagonistin passiv hingenommene Situation zunehmend.
Die Wand (Österreich/Deutschland 2012)
Regie: Julian Roman Pölsler
Drehbuch: Julian Roman Pölsler
LV: Marlen Haushofer: Die Wand, 1963
mit Martina Gedeck, Karl-Heinz Hackl, Ulrike Beimpold, Julia Gschnitzer, Hans-Michael Rehberg, Wolfgang Maria Bauer
Länge: 108 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Die Kinotour zum Film mit Julian Roman Pölsler und Martina Gedeck
Donnerstag, 11.10.: Hamburg – Abaton 20 Uhr
Freitag, 12.10.: Köln – Off-Broadway 20:30 Uhr
Samstag, 13.10.: Frankfurt – Cinema 20:30 Uhr
Sonntag, 14.10.: Karlsruhe – Schauburg 11:00 Uhr
Sonntag, 14.10.: Stuttgart – Delphi Arthaus Kino 19:30 Uhr
Montag, 15.10.: Nürnberg – Cinecitta 19:00 Uhr
(Karten gibt es in den Kinos; das Nutzen des Vorverkaufs könnte eine gute Idee sein)
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Hinweise

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