Beginnen wir mit der schlechten Nachricht: „Im Süden“, das neue Buch von Daniel Woodrell, enthält keine neuen Zeilen von ihm.
Und jetzt die gute Nachricht: Nachdem seine drei ersten Romane „Cajun Blues“ (Under the bright Lights, 1986), „Zoff für den Boss“ (Muscle for the Wing, 1988; jetzt „Der Boss“) und „John X“ (The Ones you do, 1992), die alle in der fiktiven Louisiana-Gemeinde St. Bruno spielen und den Kriminalpolizisten Rene Shade zum Protagonisten haben, seit Ewigkeiten nur noch antiquarisch erhältlich waren und teils zu astronomischen Preisen angeboten werden, kann man sich jetzt die Bayou-Trilogie (sozusagen, nach Rene-Shade-Serie und St.-Bruno-Bücher, die dritte Sammelbezeichnung für die drei Noirs) in einem Buch, ergänzt um ein sechsseitiges Vorwort von Frank Göhre, zu einem normalen Preis besorgen und entdecken, dass Daniel Woodrell schon seit seinem ersten Roman mit den Genreregeln spielte und sich um die düsteren Seiten der amerikanischen Wirklichkeit kümmerte. Denn St. Bruno ist eine dieser hochkorrupten Südstaatengemeinden, in denen das Verbrechen prächtig gedeiht und die Polizei hauptsächlich den Verkehr regeln soll, manchmal darf sie auch etwas störenden Schmutz beseitigen.
In „Cajun Blues“ untersucht Rene Shade den Mord an einem afroamerikanischen Lokalpolitiker. Weil er nicht glaubt, dass der Redneck Jewell Cobb der alleinige Täter ist, ermittelt er weiter und stolpert in einen Korruptionsskandal.
In „Der Boss“ wollen drei aus dem Gefängnis entlassene Mitglieder der weißen Gefängnisbruderschaft „The Wing“ die Macht in St. Bruno übernehmen. Nachdem sie bei ihrem ersten Überfall einen Polizisten töten, soll Rene Shade sie finden. Und wenn die Polizistenmörder dabei sterben, ist es, so die Stadtväter, auch nicht schlimm. Dabei hilft ihm sein Jugendfreund Shuggie. Ein Gangster.
Und in „John X“ hat Rene Shade nur noch eine Nebenrolle. Im Mittelpunkt steht sein Vater John X. Shade, der plötzlich mit seiner Tochter auftaucht und einfach wieder seinen Platz als Herr des Hauses beansprucht. Dabei ist er vor allem nach St. Bruno zurückgekehrt, weil er mächtig Ärger hat.
In diesen drei Noirs folgt Daniel Woodrell rudimentär den Konventionen des Polizeiromans, indem er einen Polizisten zum Helden nimmt und die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Dabei höhlt er die Genrekonventionen immer mehr, zugunsten von prägnant geschriebenen Szenen aus. Denn die Romane wirken zunehmend wie miteinander verknüpfte, herrlich lakonisch erzählte Kurzgeschichten voller absurder und grotesker Szenen.
Später wurde Daniel Woodrell mit Verbrechergeschichten, in der die Ich-Erzähler für ein Familientreffen eine Pistole einstecken und Kinder viel zu früh erwachsen werden müssen, zum Chronisten der Ozarks.
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Daniel Woodrell: Im Süden – Die Bayou-Trilogie
Heyne, 2012
656 Seiten
10,99 Euro
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„Originalausgabe“
The Bayou Trilogy
Mulholland Books, 2011
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enthält
Under the bright lights
1986
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Deutsche Erstausgabe
Cajun Blues
(übersetzt von Christine Strüh und Adelheid Zöfel)
Heyne, 1994
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Muscle for the Wing
1988
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Deutsche Erstausgabe
Zoff für den Boss
(übersetzt von Christine Strüh und Adelheid Zöfel)
Heyne, 1995
(jetzt „Der Boss“)
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The Ones you do
1992
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Deutsche Erstausgabe
John X
(übersetzt von Teja Schwaner)
Rowohlt, 1999
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Hinweise
Kaliber.38 über Daniel Woodrell
Wikipedia über Daniel Woodrell
The Independent: John Williams über Daniel Woodrell (16. Juni 2006)
The Southeast Review interviewt Daniel Woodrell (1. April 2009)
River Cities’ Reader über Daniel Woodrell (8. April 2010)
Daniel Woodrell bei Mulholand Books
Meine Besprechung von Daniel Woodrells „Winters Knochen“ (Winter’s Bone, 2006)
Meine Besprechung von Daniel Woodrells „Der Tod von Sweet Mister“ (The Death of Sweet Mister, 2001)
Daniel Woodrell in der Kriminalakte
