Neu im Kino/Filmkritik: Derek Cianfrance sinniert über Vater, Söhne und „The Place beyond the Pines“

 

Achtung: diese Besprechung enthält Spoiler, weil ich sonst nicht sinnvoll begründen kann, warum ich Probleme mit „The Place beyond the Pines“ habe. Wer allerdings absolut nichts wissen möchte, sollte jetzt mit dem Lesen aufhören.

Ookay…

The Place beyond the Pines“ ist nicht „Drive 2“ oder „Drive“ auf Motorrädern. Obwohl Ryan Gosling mitspielt.

The Place beyond the Pines“ ist auch nicht „GoodFellas“ in der Provinz. Obwohl Ray Liotta mitspielt.

The Place beyond the Pines“ ist auch nicht „We own the Night“ (Helden der Nacht). Obwohl Eva Mendes mitspielt.

Der neue Film von „Blue Valentine“-Regisseur Derek Cianfrance ist eine Zusammenstellung von drei stilistisch sehr unterschiedlichen Kurzfilmen, die zwei Familiengeschichten eher lose und die Frage, wie sehr sich bestimmte Eigenschaften von den Vätern auf ihre Söhne vererben, ziemlich konsequent, aber auch etwas eindimensional in fast schon gewollt miteinander verknüpften Geschichten thematisiert.

Die erste Geschichte des Films erzählt von Luke (Ryan Gosling), einem Motorradfahrer, der auf Jahrmärkten mit seinen Motorradstunts Geld verdient. Als er nach einem Jahr in Schenectady (dem Irokesenwort für „Ort jenseits der Pinien“ und damit die wörtlich und metaphorische Erklärung des Filmtitels) wieder seinem One-Night-Stand Romina (Eva Mendes) begegnet, erfährt er auch zufällig, dass er inzwischen Vater ist. Nach kurzem Zögern nimmt er die Vaterrolle an. Romina, die den Hallodri zwar liebt, aber nicht als Vater sieht, ist davon überhaupt nicht begeistert. Außerdem hat sie inzwischen einen neuen Freund, der sich liebe- und verantwortungsvoll um ihr Baby kümmert.

Als Luke mit seinem Motorrad durch den Wald fährt, trifft er den Automechaniker Robin (Ben Mendelsohn), der früher auch als Bankräuber Geld verdiente. Sie tun sich zusammen und mit Banküberfällen kann Luke Geld für seinen Sohn besorgen.

Nach einem Streit trennen sich ihre Wege. Als Luke alleine einen Bankraub begeht, wird er von dem gleichaltrigen Polizisten Avery Cross (Bradley Cooper) in ein Einfamilienhaus verfolgt. In einem Feuergefecht tötet Avery Luke.

Damit endet die erste Geschichte von „The Place beyond the Pines“, die als stilisiertes, noirisches Gangsterdrama überzeugt.

Die zweite Geschichte erzählt von Avery, der, wie Luke, versucht seinen Weg zu finden. Sein Vater (Harris Yulin) ist ein einflussreicher Richter, der ihm den Weg in die höchsten Ämter ebnen könnte. Aber Avery möchte als Polizist arbeiten. Er ist verheiratet und hat, wie Luke, einen kleinen Sohn. Nach dem Schusswechsel ist er der Held des Tages. Detective Deluca (Ray Liotta) und seine Kollegen wollen das zünftig feiern. Sie stehlen bei Romina Geld, das Luke ihr nach einem Banküberfall gegeben hat. Kurz gesagt: sie nehmen ihn in ihr korruptes Netzwerk auf. Dummerweise hat Avery Skrupel und, nach kurzem Zögern entschließt er sich, gegen die Kollegen vorzugehen. Damit ebnet er zuerst in der Polizeihierarchie seinen Weg nach oben. Danach, wie ihm auch sein Vater empfohlen hatte, in der Politik.

Diese Geschichte, ein Polizeifilm mit kleiner Polit-Beigabe, ist deutlich weniger stilisiert und spiegelt immer wieder die erste Geschichte. Denn Luke und Avery sind gleichaltrig, haben ein Baby und versuchen die Vaterrolle wahrzunehmen.

Die dritte Geschichte beginnt mit einem Zwischentitel: „15 Jahre später“. Derek Cianfrance sagt dazu: „Die ersten beiden Akte sind wie ein Prolog des dritten. Dann erst geht es um das Vermächtnis. Teil drei ist das Herz des Films.“

Auf der Highschool begegnen sich die Söhne von Luke und Avery. Beide sind Outsider an der Schule und haben Probleme. Averys Sohn AJ (Emory Cohen) stachelt Lukes Sohn Jason (Dane DeHaan) zu einem Drogendiebstahl an. Die Drogen sollen der Party in Averys Villa Haus den nötigen Pep geben. Während der Party erfährt Jason, dass der Hausherr, der gerade als Justizsenator für den Staat New York kandidiert, vor fünfzehn Jahren seinen Vater tötete.

Diese Geschichte (dessen Ende ich jetzt – etwas Spannung muss ja bleiben – nicht verraten werde) ist ein mit nervöser Handkamera und immer nah an den Protagonisten gedrehtes Jugenddrama, in dem es auch um die Frage geht, wie sehr das Erbe der Väter in den Söhnen enthalten ist. Also: sind AJ und Jason nur Kopien ihrer Väter oder eigenständige Personen? Wiederholen sich die Ereignisse von vor fünfzehn Jahren?

Auch wenn für Cianfrance diese Geschichte das Herz des Films ist, ist sie für mich die schwächste Geschichte des Films.

Die stärkste Geschichte ist die Geschichte von Luke, die als stilisierter, bildgewaltiger Noir begeistert und eine wortkarge, mythisch überhöhte Hauptfigur hat. Allein schon die ersten Minuten, wenn die Kamera Luke, in einer fünfminütigen Einstellung, von seinem Wohnwagen über den Jahrmarkt bis zu seinem Auftritt in einer Metallkugel verfolgt, sind großes Kino. Oder wenn Luke, ebenfalls in einer einzigen Einstellung, eine Bank überfällt und auf seinem Motorrad vor der Polizei flüchtet. Am Ende des ersten Teils dachte ich, dass Luke jetzt eigentlich nicht tot sein kann. Immerhin ist in dem Moment gerade mein Held gestorben. Aber ich war bereit – wie es Hitchcock meisterlich in „Psycho“ gemacht hat und was auch Cianfrance in seinem Film tun wollte – den Wechsel des Protagonisten zu akzeptieren. Zwar ist der ehrliche Polizist Avery Cross ein wesentlich langweiligerer Charakter, aber immerhin steht er vor einigen schwierigen moralischen Herausforderungen und er versucht sich von seinem Vater zu emanzipieren.

Aber bei der dritten Geschichte, mit zwei neuen Protagonisten und einem weiteren Genrewechsel, verlor ich dann das Interesse. Immerhin wurde mir jetzt zum dritten Mal, mit anderen Charakteren und in einem anderen Setting, die gleiche Geschichte vorgesetzt.

Außerdem hat die Fixierung auf das Verhältnis von Vätern zu ihren Söhnen in „The Place beyont the Pines“ schon etwas pathologisches. Vor allem, weil die Söhne anscheinend dazu verdammt sind, das Leben und damit auch die Fehler ihrer Väter zu wiederholen. Als ob alles in den Genen festgelegt ist. Immerhin gibt es auch äußere Umstände, die Gesellschaft, das soziale Umfeld, andere Vorbilder, Erziehung, Mütter und jeder Mensch kann zwischen verschiedenen Handlungen wählen. Weil in „The Place beyond the Pines“ sich allerdings alles um Väter und Söhne dreht, wird jede Handlung von Luke, Avery, AJ und Jason über ihr Verhältnis zu ihren biologischen Vätern erklärt und quasi-deterministisch über mehrere Generationen fortgeschrieben. Das ist storytechnisch zwar konsequent durchgespielt, aber auch – für mich, der diesen Determinismus verneint – befremdlich und spätestens bei der dritten Wiederholung redundant.

The Place beyond the Pines - Plakat

The Place beyond the Pines (The Place beyond the Pines, USA 2012)

Regie: Derek Cianfrance

Drehbuch: Derek Cianfrance, Ben Coccio, Darius Marder

Musik: Mike Patton

mit Ryan Gosling, Bradley Cooper, Eva Mendes, Mahershalalhashbaz Ali, Ben Mendelsohn, Dane DeHaan, Emory Cohen, Ray Liotta, Rose Byrne, Bruce Greenwood, Harris Yulin

Länge: 146 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „The Place beyond the Pines“

Metacritic über „The Place beyond the Pines“

Rotten Tomatoes über „The Place beyond the Pines“

Wikipedia über „The Place beyond the Pines“ (deutsch, englisch)

und noch zwei nicht unbedingt spoilerfreie Interviews mit Regisseur Derek Cianfrance zum Film

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