Mit Jörg Juretzka in die „TaxiBar“ zu Kneipier Kristof Kryszinski

Juretzka - TaxiBar - 2

Kristof Kryszinski ist zurück und wieder einmal arbeitet er nicht als Privatdetektiv. Aber während er früher immer wieder verschiedene Jobs, wie Hausmeister oder Nachtwächter, machte, um eine kurzfristige, finanzielle Durststrecke zu überwinden, hat er jetzt den Detektivberuf endgültig an den Nagel gehängt. Der passionierte Drogenkonsument ist Kneipier. Er betreibt die „TaxiBar“ in dem wunderschönen Bahnhofsviertel von Mülheim. Zu seinen Kunden gehören, wie der Name sagt, Taxifahrer und das typische Kneipenpublikum, das vor allem durch Trinkfestigkeit zu jeder Tages- und Nachtzeit beeindruckt.
Und wieder stolpert Kryszinski in einen Mordfall, als vor der Kneipentür Geronimo erschossen wird. Nicht der Indianerhäuptling, sondern Dragan Bjilkovic, ein Taxifahrer, der sein Geld mit Hehlerei und Waffenhandel aus dem Kofferraum seines Taxis verdiente. Kryszinskis Intimfeind Kommissar Hufschmidt und sein Kollege Menden (der eigentlich im Krankenhaus liegen sollte, aber dann doch in der TaxiBar herumlungert) ermitteln. Und Kryszinski fühlt sich für den Mord verantwortlich. Denn Geronimo sollte für ihn ein großes Paket Drogen verkaufen.
Und das ist nicht die erste, aber die größte Veränderung im Kryszinski-Kosmos. Denn anstatt Verbrechen aufzuklären, will Kryszinski dieses mal ein wirklich großes Verbrechen begehen (weitere werden folgen) und seine Ermittlerarbeit ist jetzt größtenteils Schadensbegrenzung im eigenen Interesse. Aber ein richtig böser Bube wird unser Ich-Erzähler nicht. Immerhin sucht er auch drei spurlos verschwundene Roma-Mädchen, die zuletzt in dem Mietshaus, in dem die TaxiBar, Kryszinskis, Geronimos und einige weitere Wohnungen von im Roman wichtigen Personen sind, gesehen wurden. Beim Einbrechen.
Und es gibt noch weitere, ähem, Straftaten im Umfeld der TaxiBar, die Kryszinski aus seinem gewohnten Kneipier-Trott, nämlich verständnisvoll zuhören und trinken, reißen.
Der inzwischen elfte Kryszinski-Krimi hat alles, was man auch von den vorherigen Kryszinski- und Juretzka-Romanen kennt und liebt: eine schnoddrige Sprache, Witz, absurde Ereignisse (die den Helden meist ziemlich gebeutelt zurücklassen. Immerhin hat er seinen vorherigen Job aufgegeben, weil er nicht mehr mit Menschen aneinandergeraten wollte, „für die Körperverletzung eine Art angewandter Gedankenaustausch ist“.) und einen gewohnt illusionslosen Blick auf die Wirklichkeit, ohne in Larmoyanz oder sozialdemokratische Wehleidigkeit zu verfallen.
Allerdings ist dieses Mal der Kriminalfall, verstanden als die Bemühungen von Kryszinski, den Mörder von Geronimo zu finden, absolut nebensächlich gegenüber dem Porträt der Bewohner des heruntergekommenen Mietshauses und der trink- und schlagkräftigen TaxiBar-Kundschaft.
Außerdem bedient Jörg Juretzka sich im ersten Viertel des Romans einer für ihn ungewöhnlichen Struktur: anstatt einfach chronologisch die Geschichte zu erzählen, springt er im gefühlten 2-Seiten-Rhythmus zwischen der Gegenwart (dem Mord an Geronimo, den beginnenden Ermittlungen der Polizei und Kryszinskis Vertuschungsbemühungen) und der Vergangenheit (Kryszinskis Ausflug nach Frankreich, wo er am Strand das Drogenpaket findet und mit ihm, nach etwas Trouble mit der französischen Polizei, nach Mühlheim zurückkehrt). Dieses Hin und Her erschwert unnötig den Lesefluss und das Einfinden in die Geschichte.
Und über das Ende muss auch irgendwann einmal gesprochen werden.
Aber der typische Kryszinski-Sound ist vorhanden – und das reicht reichlich für eine dicke Leseempfehlung.

Jörg Juretzka: TaxiBar
Rotbuch, 2014
224 Seiten
16,95 Euro

Hinweise

Krimi-Couch über Jörg Juretzka

Lexikon der deutschen Krimiautoren über Jörg Juretzka

Kaliber .38 interviewt Jörg Juretzka (2002)

Literaturschock interviewt Jörg Juretzka (2003)

Alligatorpapiere: Befragung von Jörg Juretzka (2004)

2010LAB interviewt Jörg Juretzka (2010)

Meine Besprechung von Jörg Juretzkas „Sense“ (2000)

Meine Besprechung von Jörg Juretzkas „Bis zum Hals“ (2007)

Meine Besprechung von Jörg Juretzkas „Rotzig & Rotzig“ (2010)

Meine Besprechung von Jörg Juretzkas „Freakshow“ (2011)

Meine Besprechung von Jörg Juretzkas „Platinblondes Dynamit“ (2012)

 

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