Neu im Kino/Filmkritik: Das tropische Melodrama „Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão“

Nach seiner Langzeitbeobachtung „Tempelhof THF“ über das Leben von Asylbewerbern in der Sammelunterkunft im ehemaligen Flughafen Tempelhof in Berlin kehrt Karim Aïnouz zum Spielfilm zurück und wenn nicht beide Filme in seiner Filmographie nebeneinander stünden, würde man nicht vermuten, dass beide Filme vom gleichen Regisseur gemacht wurden. Dabei hat sein neuer Film „Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão“ durchaus einen dokumentarischen Blick mit dem er die fünfziger Jahre in Rio de Janeiro und die damaligen gesellschaftlichen Strukturen wieder aufleben lässt. Es sind, wie damals auch in Deutschland, Strukturen, die Frauen eine passive Rolle zuwiesen.

1950 sind Eurídice (Carol Duarte) und Guida Gusmão (Julia Stockler) nicht nur Schwestern, sondern unzertrennlich und an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Sie haben Träume, die jedes Mädchen hat. Und einen Vater, der mit den Ideen seiner Töchter nichts anfangen kann. Sie sollen sich in die von ihm gutgehießenen Traditionen einfügen, die auf die Heirat mit dem richtigen Mann und einem Leben als ihn umsorgende Hausfrau hinauslaufen.

Aber Eurídice will Konzertpianistin werden und Guida will ein Leben in Freiheit und voll sexueller Erfüllung. Entsprechend exzessiv will sie am Nachtleben teilhaben. Ihre Schwester deckt sie bei den nächtlichen Ausflügen. Als sie sich in einen Seemann verliebt, brennt sie mit ihm durch.

Wenige Monate später kehrt Guida zurück. Der Seemann hat sie verlassen und sie ist schwanger. Ihr Vater weist sie brüsk ab. Fortan verhindert er die Kontaktaufnahmen zwischen den beiden Schwestern.

Je länger Aïnouz die getrennt voneinander laufenden Leben der beiden Schwestern verfolgt, umso größere Probleme hatte ich mit der Konstruktion der Geschichte. Immerhin leben sie in einer Stadt. Da sollen sie in all den Jahren und Jahrzehnten, über die sich die Geschichte erstreckt, nicht noch mindestens einmal versucht haben, miteinander in Kontakt zu treten? Vor allem weil Guida ein neues Leben in einer verrufenen Gegend beginnt, und Eurídice, die traditionell verheiratet wird, am Filmanfang als unzertrennliche Seelenverwandte geschildert werden. Da sollte doch, neben all den Briefen, auch mal ein Telefonanruf oder ein Hausbesuch möglich gewesen sein.

Sehenswert ist Aïnouz‘ ‚tropisches Melodram‘ (Fassbinder-Bewunderer Aïnouz über seinen Film), dank der beiden starken Hauptfiguren, ihren akkurat nachgezeichneten unterschiedlichen Lebenswegen und der feinfühligen Inszenierung trotzdem. Wegen der Bilder empfiehlt sich die große Leinwand. In Cannes wurde „Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão“ in der Sektion Un Certain Regard als bester Film ausgezeichnet.

Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão (A Vida Invisível de Eurídice Gusmão, Brasilien/Deutschland 2019)

Regie: Karim Aïnouz

Drehbuch: Murilo Hauser, Inés Bortagaray, Karim Aïnouz

LV: Martha Batalha: A Vida Invisível de Eurídice Gusmão, 2016 (Die vielen Talente der Schwestern Gusmão)

mit Julia Stockler, Carol Duarte, Gregorio Duvivier, Bárbara Santos, Flávia Gusmão, Maria Manoella, António Fonseca

Länge: 140 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Filmportal über „Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão“

Moviepilot über „Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão“

Metacritic über „Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão“

Rotten Tomatoes über „Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão“

Wikipedia über „Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Karim Ainouz‘ „Zentralflughafen THF“ (Deutschland/Frankreich/Brasilien 2018)

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