Ausgezeichnete Bücher: Der Glauser-Gewinner 2021: Tommie Goerz: Meier

Das also ist nach Ansicht des Syndikats der beste deutschsprachige Kriminalroman des Jahres: ein schlankes hundertsechzigseitiges Buch. Geschrieben von Tommie Goerz, der bereits mehrere Romane mit Kommissar Friedo Behütuns schrieb. „Meier“ heißt das Werk und so heißt auch der Protagonist des waschechten Gangsterkrimis.

Nach zehn Jahren wird Meier wegen guter Führung vorzeitig aus der Haft entlassen. Er war für einen Mord verurteilt worden, den er nicht begangen hat. Familie, Freunde und Verwandte hat er nicht mehr. Geld auch nicht.

Jetzt will er seine Ruhe haben. Deshalb mietet er ein heruntergekommenes, an einer Bahntrasse liegendes Haus. Alle paar Minuten donnert ein Zug vorbei. Hier hofft er, keinen Kontakt zu seinen Nachbarn zu haben. Das ist ein Irrtum. Die stehen, auf dem zugemüllten Nachbargrundstück und der Straße, beobachten den Neuankömmling und drängen sich ihm auf mit Gefälligkeiten und den Bitten um Gefälligkeiten, wie der Hilfe beim Abholen eines Schrankes aus einem Nachbardorf.

Gleichzeitig überbringt Meier einem tschetschnischen Gangsterboss eine enorm wichtige Zahlenkombination, die ihm im Gefängnis ein Mithäftling anvertraut hat. Und er klaut. Wie das geht, ohne erwischt zu werden, hat er im Knast gelernt. Außerdem hat er die Strafe für diese Taten schon abgesessen.

Und er will sich an den Polizisten rächen, die ihn damals zum Mörder machten.

Als erstes fällt die lakonisch-knappe Sprache auf. Auf den ersten Blick erinnert sie mit ihren kurzen Sätzen und vielen Absätzen an Don Winslow. Aber der schreibt handlungsbetonter und schwarzhumoriger. „Meier“ ist dagegen eher die Studie eines Mannes, der nach einer zehnjährigen Haftstrafe vor dem Nichts steht und aus der Einsamkeit wieder zurück ins Leben findet. Das geschieht vor allem über Beschreibungen, Beobachtungen, Gedanken und zufällige Begegnungen, wie ein Gespräch mit einem Nachbarn, das Treffen mit einer Frau, deren Ente nicht mehr anspringt, oder seine Tage in einer Landkommune, die Probleme mit einem wegen einer benachbarten Kiesgrube absackendem Schuppen hat. Beide Male kann Meier helfen. Erst langsam wird Meiers intelligenter Racheplan offensichtlich und er hat, soviel kann verraten werden, eine gute Chance, umgesetzt zu werden. Im Gegensatz zu anderen unter Krimifans beliebten Verbrechern, wie Parker, Wyatt und Crissa Stone, muss er sich nicht mit unzuverlässigen Kollegen, Konkurrenten und Störenfrieden, wie korrupten Polizisten, herumschlagen. – Obwohl, die gibt es auch in „Meier“.

Daraus macht Goerz einen literarisch gesättigten, in jeder Beziehung schlanken Gangsterkrimi, der gelungen bekannte Genretopoi in die bundesdeutsche Wirklichkeit überträgt. Auch wenn „Meier“ am Ende vor allem eine Rachegeschichte ist. In jedem Fall ist „Meier“ ein Glauser-Preisträger, den man gelesen haben sollte.

Tommie Goerz: Meier

ars vivendi, 2020

160 Seiten

18 Euro

Hinweise

Homepage von Tommie Goerz

Wikipedia über Tommie Goerz

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