Über Sir Arthur Conan Doyles „Sherlock Holmes – Sämtliche Werke in 3 Bänden“ für den Krimifan

Im November 1887 erschien im Magazin Beeton’s Christmas Annual als Titelgeschichte „A Study in Scarlet“ (Eine Studie in Scharlachrot). Das war der erste literarische Auftritt von Sherlock Holmes und hätte sein Erfinder, Sir Arthur Conan Doyle, damals geahnt, was diese Geschichte auslösen würde, hätte er es vielleicht bleiben gelassen. Denn sie war der Anfang einer weltweiten Holmes-Manie. Doyle schrieb in den kommenden Jahren weitere Geschichten, die meistens im Strand Magazine erschienen. Andere Autoren schrieben schnell Holmes-Pastichen. Die Leser verlangten nach mehr. Und Doyle hatte irgendwann keine Lust mehr weitere Sherlock-Holmes-Geschichten zu erfinden. Er wollte auch andere Geschichten schreiben. Also ließ er Sherlock Holmes 1893 in „The Final Problem“ (Das letzte Problem) in die Reichenbachfälle stürzen und sterben. Fall gelöst, dachte er sich wahrscheinlich.

Die Fans sahen das anders. Sie waren empört, protestierten und forderten weitere Sherlock-Holmes-Geschichten. Doyle weigerte sich. Die Fans forderten weiter weitere Sherlock-Holmes-Geschichten.

1901 gab Doyle sich geschlagen. In dem Roman „The Hound of the Baskervilles“ (Der Hund der Baskervilles) kehrte Holmes zurück. 1903 wird in „The empty House“ (Das leere Haus) verkündet, dass Holmes den tödlichen Sturz doch überlebt hatte. Danach schrieb Doyle weitere Holmes-Geschichten. Die letzte, „The Adventure of Shoscombe Old Place“ (Shoscombe Old Place) erschien am 5. März 1927 im Magazin Liberty.

Der am 22. Mai 1859 in Edinburgh geborene Sir Arthr Conan Doyle starb am 7. Juli 1930 in Crowborough, Sussex.

Das war aber nicht das Ende von Sherlock Holmes und Dr. Watson. Nach Doyles Tod gab es, bis jetzt, zahlreiche weitere Geschichten mit den beiden Ermittlern im Kino, im Fernsehen, im Radio, in Büchern und in Comics.

In diesem Jahrhundert wurde Sherlock Holmes dann – sehr erfolgreich – einem ganz neuem Publikum vorgestellt. Zuerst mit den beiden von Guy Ritchie inszenierten Sherlock-Holmes-Spielfilmen mit Robert Downey Jr. als Sherlock Holmes und Jude Law als Dr. Watson. Dann mit der von den Sherlock-Holmes-Fans Steven Moffat und Mark Gattis erfundenen BBC-TV-Serie „Sherlock“, die den Detektiv einfach zu einer zeitgenössischen Figur machte. Die atemberaubend schnell erzählten Fälle basieren auf Holmes-Geschichte von Doyle und in jedem Film gibt es zahlreiche Verweise auf verschiedene seiner Holmes-Geschichten. Benedict Cumberbatch spielt(e) Sherlock Holmes. Martin Freeman seinen Freund Dr. John Watson, der bei Doyle und bei Moffat/Gatiss ein Afghanistan-Veteran ist. Cumberbatch und Freeman wurden durch die Serie zu gut beschäftigen Stars mit so engen Terminkalendern, dass daran eine Fortführung der Serie scheitern könnte. Falls Moffat/Gatiss überhaupt die Zeit haben, neben ihren anderen Arbeiten, neue „Sherlock“-Geschichten zu erfinden.

 

Über die Sherlock-Holmes-Geschichten

 

Doyle schrieb 56 Kurzgeschichten und vier Romane mit Sherlock Holmes. Das Ermittlerpaar Holmes/Watson war dabei die Blaupause für unzählige weitere Ermittlerduos. Sherlock Holmes ist ein begnadeter Ermittler und ein geistiger Überflieger. Jedenfalls auf allen Gebieten, die irgendetwas mit Verbrechen zu tun haben. Die Lösung kennt er meistens, wenn der aufgewühlte Klient ihm gesagt hat, warum er in die Baker Street 221B gekommen ist oder er einen Tatort besichtigt. Sein Begleiter Dr. John Watson erzählt die Fälle von seinem Freund Sherlock Holmes. Bei der Tätersuche stellt er immer wieder eigene Vermutungen auf, die sich regelmäßig als falsch erweisen. Er ist, im Gegensatz zu Holmes, fehlbar und somit menschlich.

Die Fälle von denen er erzählt, behandeln alle möglichen Verbrechen und Rätsel. Auch Mord, aber aus heutiger Perspektive äußerst selten. Meistens geht es um andere Verbrechen. Aber Watson fand jeden dieser Fälle berichtenswert.

Vor einigen Monaten habe ich, anstatt klagend vor geschlossenen Kinos und Lokalen stehend, erstmals alle Holmes-Geschichten im Original gelesen. Nachdem ich sie, teilweise mehrmals, in verschiedenen Ausgaben und Übersetzungen, auf Deutsch gelesen habe. Dabei haben mir bei dieser neuerlichen Gesamtlektüre die Kurzgeschichten wesentlich besser als die Romane gefallen. Diese sind vom Fall her oft nur aufgeblasene Kurzgeschichten. Dafür erzählt Doyle dann über viele Seiten von Ereignissen, die durchaus interessant, aber für den Fall in dieser Länge unwichtig sind. So zerfällt der erste Holmes-Roman „A Study in Scarlet“ (Eine Studie in Scharlachrot) in zwei Teile: in der ersten Hälfte ermittelt Holmes, während Watson ihn staunend begleitet; in der zweiten Hälfte wird in einem Rückblick die in den USA spielende Vorgeschichte erzählt. Das ist letztendlich eine eigenständige Geschichte, die nichts mit der Aufklärung des Falles zu tun hat. „The Valley of Fear“ (Das Tal des Grauens) ist ähnlich aufgebaut.

Über die Länge eines Romans fällt dann auch auf, wie haarsträubend Holmes Schlüsse sind und wie unmöglich es ist, selbst den Täter herauszufinden. Dafür werden einem einfach viel zu viele Spuren und wichtige Fakten vorenthalten. In einer Kurzgeschichte, die weitgehend aus der Präsentation des Falls, einigen darauf aufbauenden Ermittlungen und, wenige Seiten später, der überraschenden Lösung besteht, fällt das nicht auf. Diese Überraschung ist sogar ein Teil des Lesevergnügens.

Auch Doyles schnörkellose und damit weitgehend zeitlose Sprache und die vielen, die Handlung vorantreibenden Dialoge tragen zu diesem Lesevergnügen bei.

 

Zur aktuellen Ausgabe

 

Die jetzt erschienene Anaconda-Ausgabe enthält alle von Arthur Conan Doyle geschriebenen Sherlock-Holmes-Romane und -Kurzgeschichten in drei Bänden – einer mit den vier Romanen, zwei mit den 56 Kurzgeschichten – in einem Schuber. Das sieht im Regal gut aus. Die Bücher sind minimal größer als andere Hardcover-Bücher und liegen gut in der Hand. Auch das Layout, mit den Bildern der Erstausgaben, ist gelungen und lesefreundlich.

In den vergangenen Jahrzehnten wurden die Holmes-Geschichten unzählige Male übersetzt. Für diese Ausgabe wurden frühe, oft sogar die ersten Übersetzungen der Geschichten genommen. Diese Übersetzungen wurden an die aktuellen Rechtschreiberegeln angepasst. Achtzehn Erzählungen wurden, warum auch immer, neu übersetzt. Diese Erzählungen befinden sich in den letzten beiden Sherlock-Holmes-Kurzgeschichtensammlungen.

Die Übersetzungen sind – soweit mein Eindruck von einigen Überprüfungen zwischen dem Original und der Übersetzung – gelungen. Auch wenn manchmal ungebräuchliche Begriffe, z. B. „verabredetermaßen“ (Die Erzählungen I, Seite 330), verwendet werden.

Nicht erklären kann ich allerdings, warum bei „A Scandal in Bohemia“ (Eine Skandalgeschichte im Fürstentum O. [ich folge jetzt dem Titel der Anaconda-Ausgabe]) der erste Absatz fehlt.

Das sind aber letztendlich Details. Insgesamt kann, wer die Holmes-Geschichten noch nicht hat und sie auch nicht im Original lesen möchte, bedenkenlos zugreifen. Der Preis stimmt. Der Schuber sieht mit seinem Retro-Touch im Regal gut aus.

Arthur Conan Doyle: Sherlock Holmes – Sämtliche Werke in 3 Bänden (Die Erzählungen I, Die Erzählungen II, Die Romane) (3 Bände im Schuber)

(aus dem Englischen von Heinrich Darnoc, H. O. Herzog, Margarete Jacobi, Adolf Gleiner, Marion Herbert, Heike Holtsch, Christel Kröning, Rudolf Lautenbach, Felix Mayer, Louis Ottmann)

Anaconda Verlag, 2021

2160 Seiten

29,95 Euro

enthält in

Die Romane

Eine Studie in Scharlachrot (A Study in Scarlet, 1887)

Das Zeichen der Vier (The Sign of the Four, 1890)

Der Hund der Baskervilles (The Hound of the Baskervilles, 1902)

Das Tal des Grauens (The Valley of Fear, 1915)

Die Erzählungen I

Die Abenteuer von Sherlock Holmes (Adventures of Sherlock Holmes,1892)

Die Memoiren des Sherlock Holmes (Memoirs of Sherlock Holmes, 1894)

Die Erzählungen II

Die Rückkehr des Sherlock Holmes (The Return of Sherlock Holmes, 1905)

Seine Abschiedsvorstellung (His last Bow, 1917)

Sherlock Holmes‘ Buch der Fälle (The Case-Book of Sherlock Holmes, 1927)

Hinweise

Homepage von Sir Arthur Conan Doyle (Erben)

Krimi-Couch über Sir Arthur Conan Doyle

Kirjasto über Sir Arthur Conan Doyle

Wikipedia über Sir Arthur Conan Doyle (deutsch, englisch)

Sherlockian.net (Einstiegsseite mit vielen Links)

Facebook-Seite der deutschen Sherlock-Holmes-Gesellschaft

Thrilling Detective über Sherlock Holmes

Meine Besprechung von Arthur Conan Doyles “Sherlock Holmes Geschichten”, “Sherlock Holmes Kriminalgeschichten” und “The Adventures of Sherlock Holmes” (und hier eine Auflistung der in diesen Werken enthaltenen Geschichten)

Meine Besprechung von Arthur Conan Doyles „Sherlock Holmes – Seine Abschiedsvorstellung“ (His last Bow, 1917)

Meine Besprechung von Arthur Conan Doyles „Sherlock Holmes‘ Buch der Fälle“ (The Case-Book of Sherlock Holmes, 1927)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „Das Geheimnis des weißen Bandes“ (The House of Silk, 2011)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „Der Fall Moriarty“ (Moriarty, 2014)

Meine Besprechung von Mattias Boströms „Von Mr. Holmes zu Sherlock“ (Fran Holmes till Sherlock, 2013)

Meine Besprechung von Ian Edginton (Autor)/Davide Fabbris (Zeichner): Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies! (Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies, 2010)

Meine Besprechung von Ian Edginton (Autor)/Horacio Domingues/Davide Fabbris (Zeichner) „Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Dracula“ (Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Jekyll/Hyde; Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Dracula, 2010/2011)

Meine Besprechung von „Sherlock: Ein Fall von Pink“ (A Study in Pink, GB 2010)

Meine Besprechung von „Sherlock: Eine Legende kehrt zurück – Staffel 1“ (Sherlock, GB 2010)

Meine Besprechung von “Sherlock: Eine Legende kehrt zurück -Staffel 2″ (Sherlock, GB 2012)

Meine Besprechung von „Sherlock – Staffel 3“ (Sherlock, GB 2014)

Meine Besprechung von „Sherlock: Die Braut des Grauens“ (Sherlock: The Abominable Bride, Großbritannien 2016)

Mein Hinweis auf „“Sherlock: Eine Legende kehrt zurück – Staffel 4“ (Sherlock, GB 2017)

Meine Besprechung von “Sherlock: Ein Skandal in Belgravia” (A Scandal in Belgravia, GB 2012)

Meine Besprechung von Guy Ritchies „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“ (Sherlock Holmes: A Game of Shadows, USA 2011)

Meine Besprechung von Bill Condons „Mr. Holmes“ (Mr. Holmes, Großbritannien 2015)

Sherlock Holmes in der Kriminalakte

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