Neu im Kino/Filmkritik: „Final Account“ – Zeitzeugengespräche mit SS-Mitgliedern

2008 führte Luke Holland das erste Interview für „Final Account“. In den folgenden zehn Jahren nahm er 250 Gespräche mit SS-Mitgliedern und Menschen auf, die anderweitig in die NS-Herrschaft involviert waren, aber nicht zu den wichtigen und bekannten Entscheidern gehörten.

Die Initialzündung für das Projekt lag in seiner Familiengeschichte. Seine Mutter war 1938 aus Wien nach England geflohen. Seine Großeltern mütterlicherseits wurden in einem Konzentrationslager ermordet. Er wurde 1948 in Ludlow, Großbritannien, geboren und wuchs in Paraguay in einer deutschsprachigen christlichen Gemeinschaft auf. Erst viel später erfuhr er, dass er Jude war. Anfang des Jahrhunderts wollte er mehr über seine Familiengeschichte erfahren. Dazu gehörten dann auch diese Interviews, in denen er herausfinden wollte, wer die Menschen waren, die seine Großeltern ermordeten. Zu dem Zeitpunkt arbeitete er als Regisseur und Produzent. Zu seinen Werken gehören die BBC-Serie „A Very English Village“, „Ich war Hitlers Sklave“ und „Good Morning, Mr. Hitler“.

Aus den Gesprächen, die insgesamt 500 Stunden umfassen, erstellte er den 94-minütigen Film „Final Account“. Es ist sein letzter Film. Er starb am 10. Juni 2020, drei Monate vor der Premiere des Films auf den Filmfestspielen von Venedig.

Final Account“ ist eine mit historischen Aufnahmen angereicherte Collage von Zeitzeugengesprächen. Die im Film präsentierten Zeitzeugen kamen zwischen 1914 und 1927 auf die Welt; die meisten von ihnen in der ersten Hälfte der zwanziger Jahre. Sie waren Mitglieder der NSDAP, der SS, auch der SS-Leibstandarte Adolf Hitler und des SS-Totenkopfverband, der Wehrmacht, beim Bund Deutscher Mädchen, Kindermädchen bei einer SS-Familie und Buchhalterin.

Holland lässt sie reden. Er fragt manchmal nach und er stellt das Gesagte auch in einen hier in Deutschland allgemein bekannten Kontext. In anderen Ländern ist das anders. Er konzentriert sich in seinem Dokumentarfilm auf die Seite der Täter, wie sie die Zeit wahrgenommen haben und wie sie sie heute wahrnehmen. Also wie sich Neunzigjährige an ihre Pubertät und die ersten Jahre ihres Erwachsenenlebens erinnern und was sie von ihren damaligen Taten und Ansichten halten.

Für Nicht-Deutscher ist sicher erschreckend, wie sehr die SS-Mitglieder ihre Beteiligung kleinreden, wie stolz sie auf ihre Arbeit sind, wie wenig Reue sie zeigen und wie sehr sie die schlimmen Seiten der Nazi-Diktatur verdrängen.

Zwanzigjährige und jüngere Deutsche werden das vielleicht ähnlich sehen.

Für alle anderen, also für alle Deutschen, die über Dreißig sind, ist der Dokumentarfilm das filmische Äquivalent zur Familienfeier mit dem Nazi-Opa und der Nazi-Oma, die begeistert von den schönsten Jahren ihres Lebens erzählen.

Sie erfahren beim Ansehen des Films nichts neues. Stattdessen müssen sie neunzig Minuten zuhören, wie SS-Leute ihre Vergangenheit verklären. Dafür müssen sie nicht ins Kino gehen.

Final Account (Final Account, Großbritannien/USA 2020)

Regie: Luke Holland

Drehbuch: Luke Holland

Länge: 94 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Final Account“

Metacritic über „Final Account“

Rotten Tomatoes über „Final Account“

Wikipedia über „Final Account“

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