Mick Herron erklärt die „London Rules“

Ungefähr überall werden die Jackson-Lamb- oder Slough-House-Romane von Mick Herron abgefeiert und mit wichtigen Preisen, wie dem Gold Dagger und dem Steel Dagger, ausgezeichnet. Acht Romane und fünf kürzere Geschichten, die zuletzt in dem Sammelband „Standing by the Wall“ veröffentlicht wurden, hat Herron seit 2010 geschrieben. Seit April 2022 gibt es die auf den Romanen basierende Streaming-Serie „Slow Horses“ mit Gary Oldman als Jackson Lamb. Die zweite Staffel wurde vor wenigen Wochen veröffentlicht. Und die nächsten beiden Staffeln sind bereits bestellt.

Auf Deutsch erschien zuletzt „London Rules“, der fünfte Roman der Serie. Er erhielt den Capital Crime Best Thriller Award und stand auf den Nominierungslisten für den CWA Gold Dagger for Best Crime Novel, den Ian Fleming Steel Dagger Award, den Last Laugh Award, den Barry Award und den Theakston’s Old Peculier Crime Novel of the Year Award.

Herrons Held Jackson Lamb ist ein abgehalfteter MI-5-Agent, der in London im Slough House residiert. Das ist die Endstation für Geheimagenten, die irgendwann wirklich Mist gebaut haben. Sie sind alle etwas dumm und ambitioniert. Eben deswegen mischen sie sich ungefragt in Angelegenheiten ein, die dann zu Ereignissen führen, die schnell hoffnungslos aus dem Ruder laufen. So führt in „London Rules“ eine simple Überwachung zum Tod eines Politikers. Eine Terrorgruppe wird verdächtigt – und diese fragt sich, wer den Politiker so hinterhältig ermordete, während sie nur mit ihm reden wollten.

Angefangen hat die Sache mit unzusammenhängenden Anschlägen auf ein Dorf in Derbyshire und einen Zoo in London. Während die richtigen Ermittler eifrig nach den Tätern suchen, muss Lambs Team Däumchen drehen. Nur so können sie die Ermittlungen nicht gefährden.

Da erinnert J. K. Coe, einer von Lambs Untergebenen, sich an einen alten Plan zur Destabilisierung von Dritte-Welt-Staaten. Er hatte ihn, als er in einer anderen Abteilung des Geheimdienstes arbeitete, gelesen. Jetzt glaubt er, dass dieser uralte Plan möglicherweise in die falschen Hände geraten ist und von Terroristen umgesetzt wird. Roderick Ho, Lambs IT-Mann, könnte den Bösewichtern dabei unwissentlich geholfen haben. Und schon versuchen Lamb und seine Mannschaft den möglichen Schaden zu begrenzen. Für sich und für Großbritannien.

Herron wechselt, wie in einer Mini-TV-Serie, ständig und gekonnt zwischen den verschiedenen Handlungssträngen und den in das Geschehen involvierten Figuren. Es handelt sich dabei um Lamb, seine Untergebenen, seine Vorgesetzten, verschiedene Gruppen von Bösewichtern und von den Bösewichtern bedrohten Figuren. Das sind eine Menge Figuren und Handlungsstränge, die dann dazu führen, dass aus einem potentiellem flotten Zweihundert-Seiten-Krimi schnell ein doch etwas bräsiger Fünfhundert-Seiten-Roman wird. Denn die in jeder Szene immer zwischen mindestens zwei Perspektiven wechselnde Geschichte entwickelt sich arg langsam, um nicht zu sagen zäh.

Der vielbeschworene Humor der Romane – „humorvollster englischsprachiger Autor von Spionage-Thrillern, vielleicht sogar von Kriminalliteratur überhaupt“ (The Times) – erschließt sich mir nicht. Sicher, die Verwicklungen und die teils chaotischen Situationen, die sich in unvorhersehbare Richtungen entwickeln, sind witzig in ihrem fatalen „was schiefgehen kann, wird schiefgehen“-Tenor. Es gibt auch einige Wortwitze. Aber allzu oft musste ich nicht lachen. Die Tiraden von Jackson Lamb sind sicher witzig gemeint, aber letztendlich sind sie nur eine Suada unflätiger, pubertärer Beleidigungen, wie: „Hat einer von euch Witzbolden ein Furzkissen auf meinen Stuhl gelegt? Nein? Na, wenn das so ist, habe ich wohl gerade gefurzt.“

Bei den Beschreibungen der Hauptfiguren geht Herron davon aus, dass seine vorherigen Spionageromane bekannt sind. Das erschwert Neueinsteigern etwas die Orientierung. Aber auch ohne längliche Hintergrundinformationen über die einzelnen Figuren sind sie plastisch und gut unterscheidbar. Das gelingt nicht jedem Autor.

Letztendlich findet Herrons neueste Agentenkomödie irgendwo zwischen „ganz okay“ und „nett“ seinen Platz. Und lässt mich rätseln, woher die überschwängliche Begeisterung für „London Rules“ und die Serie kommt.

Mick Herron: London Rules – Ein Fall für Jackson Lamb

(übersetzt von Stefanie Schäfer)

Diogenes, 2022

496 Seiten

18 Euro

Originalausgabe

London Rules

John Murray Publishers Ltd./Hachette UK Company, 2018

Hinweise

Perlentaucher über „London Rules“

Book Marks über „London Rules“

Homepage von Mick Herron

Wikipedia über Mick Herron (deutsch, englisch)

P. S.: In seinem schwarzhumorigem Thriller „Der Tag der Katze“ (Metzger’s Dog, 1983) bedient Thomas Perry sich einer ähnlichen Prämisse. In seinem Thriller wird aus einer universitären Forschungseinrichtung eine CIA-Studie zur psychologischen Kriegsführung in Lateinamerika geklaut. Die Studie darf nicht in die falschen Hände fallen. Und schon beginnt eine grandios-groteske Jagd.

Die deutsche Ausgabe des Thrillers ist nur noch antiquarisch erhältlich.

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