Neu im Kino/Filmkritik: Über Jafar Panahis „Ein einfacher Unfall“

Zweite Kinowoche des Jahres und zweiter empfehlenswerter Arthaus-Film des Jahres. Denn heute startet Jafar Panahis mit vielen Preisen – beginnend mit der Goldene Palme in Cannes und, zuletzt, drei Gotham Awards und einem AFI Award -, zahlreichen Nominierungen – unter anderem für den Golden Globe und den Europäischen Filmpreis in den wichtigen Kategorien – und Vorschusslorbeeren bedachter neuer Film „Ein einfacher Unfall“. Wie seine vorherigen Filme drehte der Iraner ihn in seinem Heimatland in Teheran und Umgebung unter erschwerten Bedingungen. Seit über zwanzig Jahren ist er als Regimegegner Repressionen ausgesetzt. Seine Filme wurden im Iran verboten. Er wurde mehrmals inhaftiert und mit einem Arbeitsverbot belegt. Panahi antwortete darauf mit Filmen, die er unter dem Radar des Regimes drehte und die weltweit gefeiert wurden. Das Arbeitsverbot wurde inzwischen aufgehoben. Aber Panahi geht davon aus, dass die Behörden seine Filme weiterhin nicht genehmigen würden und er keine Drehgenehmigung erhalten würde. Deshalb drehte er auch seinen neuesten Film „Ein einfacherUnfall“ ohne eine Drehgenehmigung. Probleme gab es, wie er in einem Interview im Presseheft sagt, nicht. Und dem fertigen Film, der sich auf wenige Personen und Schauplätze und das Dilemma der Personen konzentriert, merkt man diese Beschränkungen nicht an.

Die Filmgeschichte beginnt mit einer zufälligen Begegnung. Als ein Ehemann und Vater sein Auto nach einem Unfall mitten in der Nacht in eine Werkstatt bringt, glaubt der Mechaniker Vahid, dass dieser Mann ihn im Gefängnis folterte. Er hat sein Gesicht nie gesehen, aber er erkennt ‚Holzbein‘ an dem unverkennbarem Quietschen seiner Beinprothese. Jetzt will Vahid sich an dem Folterer rächen. Er verfolgt ihn, entführt ihn und will ihn in der Wüste lebendig vergraben.

Als dieser seine Unschuld beteuert, beginnt Vahid zu zweifeln. Er sucht einige Menschen auf, die damals mit ihm im Gefängnis waren. Sie wurden ebenfalls von Eghbal, so nannte sich ihr Folterer im Gefängnis, gefoltert. Sie sollen ihm die Gewissheit geben, die er für seinen Mord benötigt.

Anhand dieser Personen, die verschiedene Oppositionsgruppen und Haltungen zur Frage des Tyrannenmords repräsentieren, und die für einen Tag eine Gemeinschaft bilden, entwirft Jafar Panahi ein Bild des Irans und der Opfer des Terrorregimes. In der Geschichte konzentriert er sich in langen Szenen auf die Ausgangsfrage und das für die betroffenen Personen daraus entstehende Dilemma. Plötzlich stehen sie konkret vor der Frage, ob sie den Menschen wirklich töten wollen und können, der sie im Auftrag der Regierung folterte. Aus einer Rachefantasy, die sie vielleicht hatten, wird plötzlich die reale Option, sich zu rächen.

Ein einfacher Unfall“ ist ein sehenswerter Film mit zwei Problemen. Für mich war von der ersten Sekunde an klar, dass Vahid und die anderen im Film gezeigten Opfer des Folterer, eine Gruppe sympathischer, harmlos-gutwilliger Menschen, nicht in der Lage sein werden, ihn zu töten. Das raubte der Geschichte einen großen Teil seiner Spannung.

Das zweite Problem ist das von Jafar Panahi gewählte offene Ende. Er bricht, je nach Lesart, etwas zu früh oder zu spät ab.

Ein einfacher Unfall (Yek taṣādof-e sāde, Iran/Frankreich/Luxemburg 2025)

Regie: Jafar Panahi

Drehbuch: Jafar Panahi

mit Vahid Mobasseri, Mariam Afshari, Ebrahim Azizi, Hadis Pakbaten, Majid Panahi, Mohamad Ali Elyasmehr, Georges Hashemzadeh, Delmaz Najafi, Afssaneh Najmabadi

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Internationaler Titel: It was just an accident

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Ein einfacher Unfall“

AlloCiné über „Ein einfacher Unfall“

Metacritic über „Ein einfacher Unfall“

Rotten Tomatoes über „Ein einfacher Unfall“

Wikipedia über „Ein einfacher Unfall“ (deutsch, englisch, französisch)

3 Responses to Neu im Kino/Filmkritik: Über Jafar Panahis „Ein einfacher Unfall“

  1. […] It was just an Accident (Ein einfacher Unfall) […]

  2. […] IT WAS JUST AN ACCIDENT (UN SIMPLE ACCIDENT) (France, Iran, Luxembourg) – fiction film, directed by Jafar Panahi, produced by Philippe Martin, Jafar Panahi, Christel Henon & Sandrine Dumas […]

  3. […] Ein einfacher Unfall (France) […]

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