„Das ist nicht mehr unser Ben.“ Als bei Lucy Pinborough diese Erkenntnis wächst, paddeln sie, ihre College-Freundinnen und ihre Schwester bereits im Swimmingpool des einsam gelegenen Hauses auf Hawaii. Der Pool ist der einzige Ort, an dem sie vor dem extrem wasserscheuen Schimpansen sicher sind. Die Tollwut machte aus dem netten Haustier und Spielkameraden innerhalb weniger Stunden eine mordgierige Bieste.
Aber weil es, auch wenn „Primate“ deutlich unter neunzig Minuten ist, etwas langweilig wäre, die Jugendlichen die ganze Zeit im Swimmingpool ängstlich schreiend paddeln zu lassen, versuchen sie den Pool zu verlassen, verlassen ihn auch, holen sich eine Luftmatratze, an der sie sich festhalten können, versuchen ein Telefon zu erreichen und zu flüchten. Das alles ist leichter gesagt, als getan, sorgt aber für zahlreiche gute, oft äußerst schwarzhumorige Suspense-Szenen. Denn wenn eine von ihnen das Wasser verlassen hat, ist die Frage nicht ob, sondern wann sie Ben begegnet. Und ob sie die Begegnung überlebt.
Das Verhalten der Teenager ist dabei über weite Strecken genreüblich idiotisch. Aber Johannes Roberts inszenierte seinen B-Horrorfilm flott und mit einer mehr als ordentlichen Portion Gore.
Zum wohligen Gruseln trägt bei, dass Roberts den Mörderaffen Ben nicht am Computer animierte, sondern einen Menschen – Miguel Torres Umba und sein Stunt-Double Nadia Hansell – in ein Affenkostüm steckte. Diese Entscheidung, einen echten Schauspieler gegenüber den um ihr Leben kämpfenden Teenagern agieren zu lassen, Bens zunehmend furchterregend entstelltes Gesicht, seine Taten und dass es in dem Haus ziemlich dunkel ist, tragen zum Horror bei.
Für Horrorfilmfans, Unterabteilung Tierhorror, bietet „Primate“ kurzweilige neunzig Minuten.
Positiv hervorzuheben ist ein, bis auf das Finale, weitgehend unwichtiges Detail. Lucys Vater Adam ist taubstumm. Gespielt wird er von dem gehörlosen Schauspieler Troy Kotsur, der 2022 einen Oscar als bester Nebendarsteller für seine Rolle in „Coda“ erhielt. In „Primate“ unterhält er sich mit seinen Töchtern in der Zeichensprache. Gegenüber Menschen, die die Zeichensprache nicht verstehen, benutzt er einen Stift und einen Zettel. Seine Töchter antworten ihm ebenfalls in der Zeichensprache. Ihre gesamten Gespräche werden im Film untertitelt.
Das gibt präzise wieder, wie Menschen, die hören und sprechen können, mit Taubstummen reden. Denn es besteht, auch wenn es in Filmen oft so gemacht wird (und mich jedes Mal wahnsinnig nervt), keinerlei Notwendigkeit, dass eine Person, wenn sie sich in Zeichensprache mit einem anderen Menschen unterhält, das in Handzeichen gesagte laut wiederholt. Ebenso unsinnig ist es, dass sie aufsagt, was der Taubstumme ihr gerade mitteilt. Sie reden miteinander in einer Sprache, die sie beide verstehen. Unter ihnen ist keine Übersetzung nötig.
Im Finale, wenn Adam sein Haus betritt und er versucht herauszufinden, warum seine Töchter nicht auf seine Nachrichten reagierten, wird die Szene besonders furchterregend. Denn Adam kann nicht mit Geräuschen oder Schreien vor Ben gewarnt werden. Er hört auch nicht, wenn sich ihm jemand nähert.

Primate (Primate, USA 2025)
Regie: Johannes Roberts
Drehbuch: Johannes Roberts, Ernest Riera
mit Johnny Sequoyah, Jessica Alexander, Troy Kotsur, Victoria Wyant, Gia Hunter, Benjamin Cheng, Charlie Mann, Tienne Simon, Miguel Torres Umba
Länge: 89 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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Hinweise
Rotten Tomatoes über „Primate“