1940 spielt der spielfilmlange Nachschlag „Peaky Blinders – The Immortal Man“ zur TV-Serie „Peaky Blinders“. In einigen Ländern (Deutschland gehörte nicht dazu) wurde der Gangsterkrimi vor seinem Netflix-Start auch im Kino gezeigt.
„Peaky Blinders“ ist – diese Erklärung ist nötig, weil die in Großbritannien allgemein bekannte TV-Serie in Deutschland fast unbekannt ist – eine von Steven Knight erfundene und, bis auf zwei Episoden, bei denen ein Co-Autor mitschrieb, allein geschriebene TV-Serie. Sie erzählt in sechs aus jeweils sechs Episoden bestehenden Staffeln das Leben der titelgebenden Peaky Blinders zwischen 1919 und 1933.
1919 sind die von Tommy Shelby angeführten Gangster die ungekrönten Herrscher in ihrem Viertel in Birmingham. In der ersten Staffel müssen sie, nachdem sie zufällig eine Waffenlieferung des Militärs erbeuten, gegen einen skrupellosen Polizisten kämpfen. Er soll die Waffen finden. Egal wie.
Die aufwendig produzierte Serie war ein Erfolg bei der Kritik und dem Publikum. Denn Knight und Otto Bathurst, der Regisseur der ersten drei Folgen, erzählen ihre vor hundert Jahren spielende Gangstersaga wie eine zeitgenössische Gangstersaga. Das lag an der Geschichte, der Ausstattung, den Schauspielern, der Inszenierung und der Musik. Der Titelsong „Red Right Hand“ ist von Nick Cave and The Bad Seeds. In den einzelnen Episoden erklangen weitere Songs von Nick Cave und anderen Alternative-Rock-Musikern.
Das war 2013, als die erste „Peaky Blinders“-Folge ausgestrahlt wurde, revolutionär und stilprägend für zahlreiche weitere Serien und Filme.
Der Spielfilm-Nachschlag „Peaky Blinders – The Immortal Man“, der die Geschichte der TV-Serie weiter- und zu Ende erzählt, beginnt sieben Jahre nach dem Serienende. Steven Knight schrieb das Drehbuch. Tom Harper, der drei der sechs Episoden der ersten „Peaky Blinders“-Staffel inszenierte, inszenierte jetzt das Ende der Geschichte von Tommy Shelby.
Im November 1940 lebt Tommy Shelby (Cillian Murphy), der nun frühere Anführer der Peaky Blinders, zurückgezogen in einem Landhaus. Er schreibt seine Memoiren und wird von Erinnerungen heimgesucht. Bitten, nach Birmingham zurückzukehren, ignoriert er.
In Birmingham führt sein Sohn Duke (Barry Keoghan), zu dem er keinen Kontakt hat, jetzt die Peaky Blinders an. Skrupel kennen Duke und seine Männer nicht. Nach einem Bombenangriff der Nazis auf eine Munitionsfabrik bedienen sie sich hemmungslos an der herumliegenden Munition und sonstigen für sie wertvollen Gegenständen. Duke zögert auch nicht, ein Geschäft mit dem aalglatten und skrupellosen Naziagenten John Beckett (Tim Roth) abzuschließen. Er und seine Männer werden das in den Hafen von Birmingham geschmuggelte Falschgeld im Land verteilen.
Beckett organisiert für die Nazis den Transport des in einem Konzentrationslager hergestellten gefälschten Pfundnoten nach Großbritannien. Die Blüten sollen dort unter das Volk gebracht werden und mit einer Geldschwemme die britische Wirtschaft destabiliseren.
Diese Idee beruht auf der wahren „Aktion Bernhard“. Der Plan wurde nie vollständig umgesetzt. Für einen Spielfilm ist es dennoch eine gute Ausgangsidee, in der auch die moralische Integrietät der Verbrecher getestet werden kann.
Neben dieser Geschichte erzählt Knight ungefähr gleichberechtigt auch die Geschichte der sich verändernden Beziehung von Tommy Shelby zu seinem Sohn Duke und eine Geistergeschichte. Denn Tommy Shelby wird von den Dämonen und Sünden seiner Vergangenheit heimgesucht und er möchte sterben. Aber er ist anscheinend der Mann, der nicht sterben darf. Dieser Themenkomplex – Trauer, Tod, Abschied, Dämonen der Vergangenheit – ist für den langsam erzählten Film wichtiger als der Vater-Sohn-Konflikt und die Kriminalgeschichte. Schon bei Tommy Shelbys erstem Auftritt ist klar, dass er sich im folgenden nicht in einen weiteren Kampf stürzen wird, sondern er seinen letzten Kampf kämpfen wird.
Diese spielfilmlange Abschiedsvorstellung ist nicht schlecht. Sie ist auch für Menschen, die die TV-Serie nicht kennen, genießbar als düsterer Einzelfilm über einen Mann, der von Geistern seiner Vergangenheit verfolgt wird und Erlösung sucht. Sie ist aber auch etwas enttäuschend. Stilelemente, die vor dreizehn Jahren revolutionär waren, sind heute zu vertraut. Die Dialoge könnten besser sein. Das Finale erinnert in seiner konfusen und auch kryptischen Inszenierung an TV-Serien, in denen das Budget für einen großen Kampf mit fotogenen Explosionen nicht vorhanden ist.
Die Geschichte ist – wenn wir sie mit den abschließenden Episoden von Rainer Werner Fassbinders „Berlin Alexanderplatz“ und Edgar Reitz‘ „Heimat – Eine deutsche Chronik“ vergleichen – viel zu brav. Während Fassbinder und Reitz ein von allen dramaturgischen Konventionen befreites Fest der Lebenden und Toten inszenierten, bleibt es bei Harper/Knight bei einem konventionellem während des Kriegs spielendem, schleppend erzähltem Gangsterfilm, in dem auch bei den Verbrechern irgendwann der Patriotismus erwacht (wie in Vincent Shermans heute ziemlich unbekanntem Gangsterfilm „Agenten der Nacht“ [All through the Night, USA 1942] mit Humphrey Bogart), und vielen Geistern und geisterhaften Erscheinungen, die den Gangsterfilmplot ausbremsen. Am Ende sitzt „The Immortal Man“ etwas unglücklich zwischen diesen Plots.

Peaky Blinders – The Immortal Man (Peaky Blinders: The Immortal Man, Großbritannien 2026)
Regie: Tom Harper
Drehbuch: Steven Knight
mit Cillian Murphy, Rebecca Ferguson, Tim Roth, Sophie Rundle, Ned Dennehy, Packy Lee, Ian Peck, Jay Lycurgo, Barry Keoghan, Stephen Graham
Länge: 112 Minuten
FSK: – (dürfte eine FSK 16 werden)
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Hinweise
Netflix über „Peaky Blinders – The Immortal Man“
Moviepilot über „Peaky Blinders – The Immortal Man“
Metacritic über „Peaky Blinders – The Immortal Man“
Rotten Tomatoes über „Peaky Blinders – The Immortal Man“
Wikipedia über „Peaky Blinders – The Immortal Man“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Tom Harpers „Misfits – Staffel 1“ (Misfits, Großbritannien 2009) (Harper inszenierte drei Episoden der ersten Staffel)
Meine Besprechung von Steven Knights „Im Netz der Versuchung“ (Serenity, USA 2019)