Neu im Kino/Filmkritik: Über Uta Briesewitz‘ „American Sweatshop“

Die 25-jährige Daisy Morris (Lili Reinhart) arbeitet als Content Cleanerin für ein soziales Netzwerk, in das Videos hochgeladen werden können. Sie und ihre Kollegen sollen in Florida in dem Großraum-Büro von Paladin Control im Sekundentakt Videos entfernen, die gegen die Richtlinien des Netzwerkes verstoßen. Dafür müssen sie sich die Videos mehr oder weniger lange ansehen. Pornografie ist einfach, weil Pornografie verboten ist. Bei anderen Bildern wird es schwieriger. Und natürlich spielt der politische und kulturelle Kontext eine Rolle. 2018 gab der sehenswerte Dokumentarfilm „The Cleaners“ einen guten Einblick in diese deprimierende Arbeit.

Trotz aller professionellen Distanz geht Daisy ein Video mit dem Titel „Nailed it“ nicht mehr aus dem Kopf. Sie beschließt, den Täter zur Verantwortung zu ziehen. Nachdem die Polizei ihr nicht helfen will, weil unklar ist, ob die Tat in Florida geschah oder das Video in Florida hochgeladen wurde, begibt sie sich auf eigene Faust auf die Suche nach den Tätern.

In dem Moment könnte Uta Briesewitz‘ Spielfilmdebüt „American Sweatshop“ den Weg eines x-beliebigen Selbstjustiz-Thriller beschreiten. Für die Erfordernisse einer solchen Geschichte interessiert Briesewitz sich kaum. Der Thrillerplot dient ihr nur als strukturierendes Element einer Arbeitsplatzstudie.

In dem Thrillerplot versucht Daisy sich als Amateurdetektivin. Aber in erster Linie zeigt Briesewitz im Rahmen dieses Plots, wie Daisy eine Entscheidung fällt. Die anschließende Umsetzung und die damit verbundenen Folgen werden nicht mehr gezeigt. Dabei bleibt nebulös, was genau dieses Video für sie schockierender als alle anderen Videos, die sie sich bis dahin ansehen musste, macht. Aber vielleicht war dieses Video auch nur das eine Video zu viel. Im Film selbst sind von diesem Video nur einige Bilder zu sehen. Von den anderen Videos, die sich die Content Moderatoren ansehen müssen, zeigt sie noch weniger. Sie zeigt ihre Reaktionen auf die Bilder.

Viel mehr interessiert Briesewitz sich für die Arbeit der Content Moderatoren und wie sie mit den Bildern umgehen, die sie sich ansehen müssen. Der eine Kollege brüllt durch das Büro. Andere gehen in ein eigens dafür hergerichtetes Zimmer. Einige fressen die Bilder in sich hinein. Andere kündigen. Teilweise schon am ersten Tag. Alle können mit dem Betriebspsychologen reden. Trotz der vielen Filmzeit, die Briesewitz ihnen und ihrer Arbeit widmet, bleibt sie zu sehr an der Oberfläche.

Die in Leverkusen geborene Uta Briesewitz arbeitete als Kamerafrau für TV-Serien wie „The Wire“, „LAX“, „Hung – Um Längen besser“ und „True Blood“. Zu ihren Kinoarbeiten gehören „Session 9“, „Walk Hard: The Dewey Cox Story“ und „Die Herrschaft der Schatten“. Seit 2010 arbeitete sie, beginnend mit „Hung – Um Längen besser“, auch als Regisseurin für zahlreiche TV-Serien. Sie inszenierte Episoden für „Fear the Walking Dead“, „Orange is the new Black“, „Westworld“,, „Stranger Things“, „Black Mirror“, „Marvel’s Jessica Jones“, „Severane“ und „The Pitt“. „American Sweatshop“ ist ihr Spielfilmdebüt.

American Sweatshop (USA/Deutschland 2025)

Regie: Uta Briesewitz

Drehbuch: Matthew Nemeth

mit Lili Reinhart, Daniela Melchior, Christiane Paul, Jeremy Ang Jones, Josh Whitehouse

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Filmportal über „American Sweatshop“

Moviepilot über „American Sweatshop“

Metacritic über „American Sweatshop“

Rotten Tomatoes über „American Sweatshop“

Wikipedia über „American Sweatshop“ (deutsch, englisch)

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