Über die Ausstellung „Inventing Queer Cinema“ in der Deutschen Kinemathek

Die erste Ausstellung der Deutschen Kinemathek an ihrem Übergangsstandort präsentiert auch ein Stück Berlin-Geschichte, das nur möglich wurde, weil das Archiv des Filmverleihs Salzgeber geöffnet wurde. Der Filmverleih wurde 1985 von Manfred Salzgeber in West-Berlin gegründet mit dem Ziel, schwule Filme zu verleihen. Und Berlin war und ist für den queeren Film wichtig.

Schon vor der Gründung des Verleihs – Salzgeber fand 1985 für den Film „Buddies“, den ersten Spielfilm über AIDS, keinen Verleiher oder TV-Sender – engagierte der 1943 geborene und 1994 verstorbene Filmfanatiker sich für schwule Belange. Unter anderem bei der Gründung des Internationalen Forums des Jungen Films, später bei der Berlinale, als Kinobetreiber und gut vernetzter Entdecker und Förderer von Filmen abseits des Mainstreams, die nach seiner Überzeugung gesehen werden sollten. Mit Wieland Speck schuf er 1987 im Panorama der Berlinale den Teddy Award, den weltweit ersten offiziellen queeren Filmpreis auf einem A-Festival.

Viele Filme über queeres Leben entstanden in Berlin. Rosa von Praunheim lebte und arbeitete bis zu seinem Tod in Berlin. Sein Spielfilm „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ (1971) kann für die schwule und lesbische Community und ihr Selbstbewusstsein nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Konzipiert und kuratiert wurde die Ausstellung von Björn Koll, der sich mit ihr einen Traum erfüllte. Seit 1989 arbeitet er in verschiedenen Funktionen bei Salzgeber. 1994 wurde er Eigentümer und wurde 2007 alleiniger Geschäftsführer der Salzgeber & Co. Medien GmbH. Zur Ausstellung sagt er: „Es geht bei ‚Inventing Queer Cinema‘ (…) nicht um die Frage, wer was erfunden hat. Das queere Kino ist ein imaginärer Raum und Traum, der von Millionen Menschen auf der Welt gespeist und geteilt wird. Der Wunsch, sich selbst zu sehen unf für andere sichtbar zu werden, war dabei immer stärker als alle Widrigkeiten bei Produktion und Herausbringung.“

Die Ausstellung nutzt die Räumlichkeiten des E-Werk, einem seit 1987 denkmalgeschütztem Umspannwerk, und zeigt gleichzeitig die Begrenzungen auf. Denn so hoch die Eingangshalle mit 8,75 Meter ist, so wenig Platz ist für die Präsentation all der in Jahrzehnten gesammelten und jetzt zu einem kleinen Teil ausgestellten Exponate. Dafür laden die frei schwebenden Plakate und Bilder zum Assozieren und Erinnern ein.

Die Ausstellung in der Eingangshalle teilt sich auf ein einen Prolog, der auf die Geschichte des queeren Film in den zwanziger Jahren in der Weimarer Republik eingeht. Es gibt die schon erwähnten, den Raum dominierenden Visuals und etwas abgeschottete Ecken für Rosa von Praunheim, eine Box für Manfred Salzgeber und eine auf drei Leinwände aufgeteilte Präsentation.

Bei Rosa von Praunheim wird sich in einer auf sechs Monitoren aufgeteilten Präsentation auf „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ und die Wirkungsgeschichte des Films konzentriert. In „Manfreds Box“ gibt es einen Einblick in das Wirken von Manfred Salzgeber mit 1993 entstandenen Mitschnitten aus seiner Einführung in die queere Filmgeschichte und Interviews mit Kollegen und Freunden. Im Fokus Fernsehen wird gezeigt, wie sich in den vergangenen Jahrzehnten in Talkshows, im Kinderfernsehen und in Filmen und Serien die Präsentation queerer Menschen veränderte.

Ein weiterer Blickfang ist die Installation „Celebrating Queer Cinema“. Auf drei Leinwänden werden Ausschnitte aus 22 Filmen gezeigt.

Im Schaltwerk werden erstmals Dokumente und Gegenstände aus dem Archiv des Filmverleih Salzgeber präsentiert. Es gehört jetzt zum Bestand der Stiftung Deutsche Kinemathek.

Während die Ausstellung primär eine Einführung in das Thema ist, gibt es zur Vertiefung eine Filmreihe und begeltende Veranstaltungen.

Die Filmreihe besteht aus 96 Filmen, die zwischen 1924 (Carl Theodor Dreyers „Michael“) und 2023 (Paul B. Preciados „Orlando, meine politische Biografie“, Vuk Lungulov-Klotz‘ „Mutt“, Hannes Hirschs „Drifter“, Harvey Rabbits „Captain Faggotron saves the Universe“ und Malgorzata Szumowska/Michal Englerts „Frau aus Freiheit“) ihre Premiere hatten. Fast die Hälfte der teils mehrfach gezeigten Filme stammen aus den siebziger, achtziger und neunziger Jahren. Es werden Filmen von Elfi Mikesch, Ulrike Ottinger, Rosa von Praunheim, Monika Treut und Frank Ripploh gezeigt. Es gibt auch Entdeckungen wie „100 Tage, Genosse Soldat“. Der sowjetische Film von 1990 über fünf junge Männer, die ihren Militärdienst nicht überleben, ist, je nach Sicht, immer noch oder wieder aktuell.

Zu den begleitenden Veranstaltungen gehören Drehbuchlesungen und Publikumsdiskussionen. Zu den Gästen gehören Monika Treut, Angelina Maccarone, Elfi Mikesch, Wieland Speck und Jochen Hick.

Es gibt also zahlreiche Möglichkeiten, sich nach dem Besuch der Ausstellung weiter in das Thema zu vertiefen. Und vielleicht gibt es auch irgendwann noch ein von Björn Koll angedachtes Buch zur Ausstellung.

Die Ausstellung „Inventing Queer Cinema“ ist in der Deutschen Kinemathek (Mauerstraße 79, Berlin) von jetzt bis zum 13. September 2026.

Sie ist von Donnerstag bis Sonntag von 10.00 bis 18.00 Uhr geöffnet.

Alle weiteren Informationen zur Ausstellung, der Filmreihe und den weiteren Angeboten findet ihr auf der Seite der Deutschen Kinemathek.

One Response to Über die Ausstellung „Inventing Queer Cinema“ in der Deutschen Kinemathek

  1. […] Wegen: Joseph Hansens in Los Angeles und Umgebung ermittelnder Versicherungsdetektiv Dave Brandstetter war zwar nicht der erste offen schwule Detektiv, aber Hansen machte ab 1970 mit „Fadeout“ (Verbrannte Erde/Fadeout) ein breiteres Publikum mit ihm vertraut. Hansen (1923 – 2004) schrieb verdammt gut in der Hardboiled-Tradition (Hammett undsoweiter) und schuf mit seinem Ermittler ein erfolgreiches Subgenre. Hansen schrieb zwölf Brandstetter-Hardboiled-Krimis. Neun wurden ins Deutsche übersetzt. […]

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