Die „Bomb Queen“ ist zurück

März 21, 2012

Heute ist Bomb Queen die unangefochtene Herrscherin von New Port City, der Metropole in der das Verbrechen regiert und sie alle, die nicht ihren Regeln gehorchen oder sie einfach nur nerven, tötet. Am liebsten mit einem Bumms. Denn sie ist die Bomb Queen.

Doch das war, wie sie einem Journalisten nach etwas gemeinsamer Gymnastik im Bett anvertraut, nicht immer so. Denn bevor die Regentschaft von Bomb Queen begann, herrschte (einige würden sagen terrorisierte) sie mit einem Frauenquartett, bestehend aus ihrer Anführerin Ice Queen, Scream Queen und Drama Queen, die alle über Superkräfte verfügten, über die Stadt. Bomb Queen hat dagegen, was ihren Namen erklärt, nur ihre Bomben und sie kann Karate. Irgendwann zerstritten sich die vier Schwestern und es ging rund.

Während die Bomb Queen mit ihrem neuen Freund (Hm, Sexobjekt ist wohl treffender. Denn die Bomb Queen hat auch ein ausgedehntes Sexleben.) in Erinnerungen schwelgt, wird sie unter Drogen gesetzt und vor die Tore der Stadt befördert. Doch das lässt sie sich nicht gefallen.

Das wird von Autor und Zeichner Jimmie Robinson knallig, mit herrlichen Onelinern und einer kindisch-infantilen Freude am Kaputtmachen – immerhin ist bei der Bomb Queen ihr Name Programm – erzählt. Besonders jugendfrei oder politisch korrekt ist das zwar nicht, aber sehr unterhaltsam.

Jimmie Robinson: Bomb Queen: Bummsstück – Die legt dich flach! (Band 2)

(übersetzt von Christian Heiss)

Panini Comics, 2012

112 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe

Bomb Queen, Vol. 2 – Dirty Bomb: The Queen of Hearts & Bomb Queen presents: All Girl Comic

Image Comics 2012

(enthält Bomb Queen # 5 – 7; Bomb Queen presents: All Girl Comics # 1)

Hinweise

Wikipedia über Jimmie Robinson

Comic Book Resources: Interview mit Jimmie Robinson (20. Auguat 2009)

Meine Besprechung von Jimmie Robinsons „Bomb Queen: Sexbombe – Die bläst dich weg! (Band 1)

 


James Bond erhält bei Jeffery Deaver die „Carte Blanche“

März 17, 2012

Carte Blanche“ von Jeffery Deaver ist, das sieht man sofort, der bislang längste James-Bond-Roman. Während Ian Fleming weniger als 200 Seiten brauchte und auch die anderen James-Bond-Autoren nicht wesentlich längere Bücher schrieben, hat „Carte Blanche“ mit über 500 Seiten die typische Deaver-Länge,

Auf den ersten Seiten, wenn James Bond in der Nähe von Novi Sad einen Anschlag auf einen mit Gefahrgut beladenen Güterzug verhindert und wenn er, kurz darauf in London, M trifft, erinnerte mich dieser James Bond nicht an Sean Connery, Roger Moore, Pierce Brosnan oder Daniel Craig und auch nicht an die unbekannteren Bonds George Lazenby und Timothy Dalton. Die Ian-Fleming-James-Bond-Romane habe ich vor so vielen Jahren gelesen, dass ich mich kaum noch an sie erinnere. Aber den posthum erschienenen „Mann mit dem goldenen Colt“ fand ich als untypischen Bond-Roman sehr schwach.

Auch auf den folgenden Seiten ist Deavers James Bond niemals der altbekannte Lebemann, der sich Wodka Martini schlürfend dem Bösewicht nähert und dabei einige Frauen und Verbrecher flach legt. Dieser Sechziger-Jahre-Jet-Set-Spion gehört der Vergangenheit an. Der neue James Bond arbeitet in England mit den inländischen Geheimdiensten zusammen. In Südafrika mit der dortigen Polizei und dass sein Gegner ein Müllmogul ist, trägt natürlich nicht gerade zum Glamourfaktor bei. Immerhin trifft sich James Bond mit Severan Hydt bevorzugt auf dessen Müllkippen in England und Südafrika und versucht herauszubekommen, ob Hydt hinter einem geplanten Anschlag mit mehreren tausend Toten, der in wenigen Tagen stattfinden soll, steckt und er versucht natürlich den Anschlag, über den der Geheimdienst nichts genaues weiß, zu verhindern.

Wie bei Deaver nicht anders zu erwarten, ist „Carte Blanche“ sauber recherchiert; – was auch dazu führt, dass dank der ausführlichen Darstellung der modernen Überwachungstechnik die klassische Agententätigkeit immer überflüssiger und so der Agent als Frontkämpfer immer mehr zu einer Marionette der Zentrale wird. Damit James Bond dann doch eigenständig handeln kann, gibt es auf den riesigen Müllkippen von Hydt ein totales Handyverbot und die Computer haben auch keinen Internetanschluss. Selbstverständlich ist der Roman gut geplottet. Es gibt etliche Überraschungen und auch das Ende ist bei weitem nicht so vorhersehbar, wie man zuerst denkt und daher auch nicht so formelhaft wie in den James-Bond-Filmen.

Allerdings arbeitet Deaver mir in diesem Thriller etwas zu oft mit Taschenspielertricks. So führt er auf Seiten 252 Gene Theron als Söldner, der Hydt ein großes Geschäft anbietet, ein. Einige Seiten später verrät Deaver, dass Theron James Bond ist und wie innerhalb kurzer Zeit seine Tarnung aufgebaut wurde. Hundert Seiten später soll Bond als Bewährungsprobe einen Arbeiter von Hydt erschießen. Nach kurzem Zögern, weil unser 00-Agent Skrupel hat, tut er es – und sofort darauf erklärt Deaver, dass Bond von Anfang an wusste, dass die Waffe nicht mit echter Munition geladen war. Da fühlt man sich dann doch immer wieder, vor allem weil Deaver diesen Trick zu oft anwendet, veräppelt.

Außerdem ist lange unklar, was Severan Hydt warum plant. So ist er als Bösewicht deutlich weniger beeindruckend als die altbekannten, größenwahnsinnigen James-Bond-Bösewichter oder die nach der Weltherrschaft gierenden Sowjets, denen jede Schandtat zuzutrauen war, und die inzwischen ja von den Chinesen und Islamisten abgelöst wurden. Ach, um ehrlich zu sein, habe ich inzwischen sogar das Motiv des Bösewichts schon wieder vergessen.

Trotz aller Kritik ist „Carte Blanche“ ein flott zu lesender Agententhriller. Allerdings hatte ich bei der Kombination aus Jeffery Deaver und James Bond mehr erwartet.

Jeffery Deaver: Carte Blanche – Ein James-Bond-Roman

(übersetzt von Thomas Haufschild)

Blanvalet, 2012

544 Seiten

14,99 Euro

Originaltitel

Carte Blanche

Hodder & Stoughton, London 2011

Hinweise

Homepage von Jeffery Deaver

Deutsche Homepage von Jeffery Deaver

Meine Besprechung von Jeffery Deavers Kurzroman „Auf ewig“ (Forever, 2005)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers Kurzgeschichtensammlung “Gezinkt” (More twisted, 2006)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers „Die Menschenleserin“ (The sleeping doll, 2007)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers „Lautloses Duell“ (The blue nowhere, 2001)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers “Der Täuscher” (The broken window, 2008)

Jeffery Deaver in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Sebastian Faulks’ James-Bond-Roman „Der Tod ist nur der Anfang“ (Devil may care, 2008)

James Bond in der Kriminalakte

Martin Comparts Besprechung von Jeffery Deavers „Carte Blanche“

Noch ein Hinweis

Eben ist als Taschenbuchpremiere „Schutzlos“ (Edge, 2010, Blanvalet, 512 Seiten, 9,99 Euro) von Jeffery Deaver erschienen. In dem Standalone jagt Cortez, ein Personenschützer, der Aufträge übernimmt, die für alle anderen Personenschützer zu schwierig sind, Henry Loving, einen Erpresser, Folterer und alten Bekannten von Cortez.


Neu im Kino/Buch- und FIlmkritik: die Jo-Nesbø-Verfilmung „Headhunters“

März 15, 2012

Achtung: Diese Besprechung kann Spoiler enthalten.

Als ich im Kino die Jo-Nesbø-Verfilmung „Headhunters“ sah, dachte ich, dass der Film dem Buch zu genau folge und es, auch wegen des Voice-Overs, wahrscheinlich eine Ich-Erzählung ist. Denn wir folgen immer unserem Protagonisten Roger Brown (Aksel Hennie), einem Top-Headhunter, verheiratet mit einer schönen Galeristin (Synnøve Macody Lund) und Kunstdieb. Wir sehen ihn in den ersten Filmminuten bei der Arbeit: bei einem Einbruch und bei einem Einstellungsgespräch, bei dem er als Headhunter den möglichen Kandidaten für einen Top-Posten eiskalt taxiert. Dabei ist, selbstverständlich, der Einbruch spannender als das Prüfen eines Bewerbers im lockeren Gespräch in einem austauschbarem Büro. Vor allem, wenn der Bewerber wohl für die weitere Geschichte nicht weiter wichtig ist.

Auf einer Vernissage in der Galerie seiner Frau lernt Brown Clas Greve (Nikolaj Costr-Waldau) kennen; einen früheren Top-Manager, der jetzt in aller Ruhe eine ererbte Wohnung renovieren will. Als Brown erfährt, dass in dieser Wohnung ein wertvolles Gemälde ist, will er es klauen. Gleichzeitig möchte er Greve an ein in der Sicherheitsbranche tätiges Unternehmen vermitteln. Greve ist, nach einer kurzen Schamfrist, an dem gut bezahltem Job interessiert.

Während des Diebstahls entdeckt Brown, dass seine Frau ihn mit Greve betrügt. Doch es kommt noch schlimmer: Greve beginnt ihn plötzlich wie ein wildes Tier zu jagen.

Brown beginnt, während sich um ihn herum grotesk viele Leichen stapeln und er niemandem mehr vertrauen kann, um sein Leben zu kämpfen. Denn als Einbrecher und mutmaßlicher Mörder kann er nicht zur Polizei gehen.

Nach der Lektüre von „Headhunter“ wusste ich, dass der Film zwar sehr genau dem Buch folgt (was die Lektüre auch entsprechend zäh gestaltete), aber gerade die wenigen, von den Drehbuchautoren Ulf Ryberg und Lars Gudmestad und Regisseur Morten Tyldum vorgenommenen Änderungen schwächten die Geschichte.

Im Film ist bis zum Ende vollkommen unklar, warum Greve plötzlich wie ein Gedopter Brown jagt. Denn Greve scheint kein Interesse an dem ihm geklauten Bild zu haben. Schließlich lässt er es in einer schlecht gesicherten Wohnung herumliegen. Und dass dieser Liebhaber sich einfach so entschließt, den Mann seiner Geliebten umzubringen, scheint, auch weil Greve anscheinend kein Interesse an Diana hat, unglaubwürdig.

Weil Brown in den ersten Filmminuten vor allem als Einbrecher vorgestellt wird, könnte Greve auch für eine Verbrecherbande, eine Versicherung oder die Polizei arbeiten. Aber auch dann stellt sich die Frage, wie seine Verfolger so locker an die modernsten Überwachungstechniken kommen. Denn Brown ist letztendlich nur ein kleiner Gemäldedieb, der Bilder aus Privatwohnungen klaut.

Im Buch werden dagegen von Anfang an deutliche Spuren in Richtung Ökonomie gelegt, und bereits Mitten in der Geschichte erfährt Brown („Headhunter“ ist eine Ich-Erzählung), dass er eine Spielfigur in einer Übernahmeschlacht ist: Er soll Greve einer Firma als Manager empfehlen, damit dieser sie dann ausspionieren kann. Als Brown Greve nicht mehr als Top-Kandidat empfehlen will und damit Greves Plan gefährdet, ergreift Greve Maßnahmen, um den Plan zu retten.

Weil das im Film allerdings erst ganz am Ende enthüllt wird, hat man zwar eine nette Pointe (die Kapitalisten sind viel schlimmer als die Gauner), aber auch einen ziemlich zähen Film, bei dem unklar ist, warum wir auf der Seite von Brown, einem an Minderwertigkeitskomplexen leidendem, arroganten, erzneoliberalem Wirtschaftsgewinnler, stehen sollen.

So liefert „Headhunters“ nur den banalen Thrill einer Jagd, garniert mit einigen Schocks, bei der wir für den Gejagten kaum mehr Sympathie als für ein gejagtes Karnickel empfinden.

Headhunters (Hodejegerne, Norwegen/Deutschland 2011)

Regie: Morten Tyldum

Drehbuch: Ulf Ryberg, Lars Gudmestad

LV: Jo Nesbø: Hodejegerne, 2008 (Headhunter)

mit Aksel Hennie, Nikolaj Coster-Waldau, Synnøve Macody Lund, Julie R. Ølgaard

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Jo Nesbø: Headhunter

(übersetzt von Günther Frauenlob)

Ullstein, 2010

320 Seiten

14,95 Euro (Paperback)

9,99 Euro (Taschenbuch)

Originalausgabe

Hodejegerne

H. Aschehoug & Co. (W. Nygaard), Oslo, 2008

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Headhunters“

Rotten Tomatoes über „Headhunters“

Deutsche Homepage von Jo Nesbø

Englische Homepage von Jo Nesbø

 


DVD-Kritik: DCI John „Luther“ räumt in London auf und hat eine sehr seltsame Freundin

März 14, 2012

Während bei uns die TV-Macher schon eine Frau als Kommissariatsleiterin als große Innovation für den Freitagskrimi feiern, sind die Briten bei ihrem Freitagskrimi (die BBC strahlte „Luther“ freitags aus) schon einige Schritte weiter.

In der ersten Staffel der Krimiserie „Luther“ hat der hochintelligente DCI John Luther (Idris Elba, grandios!) eine taffe Vorgesetzte, Probleme mit einem hartnäckigem internen Ermittler, eine gescheiterte Ehe, einen psychologischen Knacks (es ging um die Verhaftung eines Serienmörders) und eine Freundin, die er in der Auftaktepisode kennenlernt.

Das klingt jetzt noch nach einem dieser düsteren Cop-Dramen, wie es schon Dutzende gibt.

Aber die Freundin von Luther ist Alice Morgan (Ruth Wilson, zuerst nervig, später grandios). Er weiß, dass sie ihre Eltern umgebracht hat, keine Reue empfindet und weiter morden wird. Dummerweise hat er keine Beweise gegen sie und sie beginnt ihn zu verfolgen. Mit der Zeit entwickeln sie eine richtige Hassliebe. Ein ungewöhnlicheres Paar hatten wir wohl noch nie in einer Krimiserie und allein dafür kann „Luther“-Erfinder Neil Cross nicht genug gelobt werden.

Dennoch ist die erste Folge ein ziemlich rumpeliger Start, der wenig von dem Potential der Serie verrät. Zu konventionell sind hier noch der Ermittler John Luther, seine intuitiven Ermittlungsmethoden, die auch Sherlock Holmes erstaunen würden, die Mischung aus dem Fall der Woche und dem Privatleben die Helden und die Dialoge sind teilweise arg platt. Aber die schiere Präsenz von Idris Elba trägt darüber hinweg.

Gut ist allerdings schon in der ersten Folge, dass in „Luther“ endlich wieder auf das altbekannte „Columbo“-Prinzip zurückgegriffen wird und der Täter von Anfang an bekannt ist. So können die Macher sich von Anfang an auf die Konfrontation zwischen Luther und dem Bösewicht zu konzentrieren und sie haben eine gute Entschuldigung, die Polizeiarbeit nur bruchstückhaft zu benutzen.

Ab dem zweiten Fall, in dem ein Ex-Soldat kaltblütig Polizisten ermordet und der nur von seinem im Gefängnis sitzendem Vater, der sich zu Unrecht verurteilt sieht, gestoppt werden kann, findet „Luther“ langsam seinen Ton. Denn noch ist Alice Morgan, die sich in Luthers Leben drängt, vor allem nervig und ihre Beziehung ist nach den Krimikonventionen nicht möglich. Doch das ändert sich in den nächsten Folgen. Luther verdächtigt einen Okkultismusautor, der vor zehn Jahren seine Frau ermordete, eine junge Mutter entführt zu haben. Dann sucht er einen Mann, der wahllos Frauen ermordet, die ihm, weil er sich als Taxifahrer tarnt, vertrauen.

Das zweiteilige Staffelfinale beginnt mit der Entführung der Frau eines Kunsthändlers. Die Entführer wollen innerhalb weniger Stunden das Lösegeld, eine größere Menge Diamanten, haben. Während ihrer Ermittlungen entpuppt sich ein Kollege von Luther als korrupt und die erste Staffel von „Luther“ steuert auf ein atemberaubendes Finale zu, das die vorherigen Erzählstränge gelungen miteinander verknüpft, die Beziehungen der verschiedenen Charaktere zueinander auf eine echte Probe stellt und auch das Verhältnis von Luther zu Alice Morgan vollkommen verändert.

Spätestens in dem Moment will man mehr von „Luther“ sehen. Weil die zweite Staffel von „Luther“ bereits am 30. März auf DVD erscheint und in England weitere „Luther“-Folgen gedreht werden, ist für Nachschub gesorgt.

Die DVD

Auf der DVD ist die internationale, vom BBC erstellte Fassung enthalten, die die einstündigen Episoden jeweils um ungefähr zehn Minuten kürzte. Außerdem nahm Polyband die ZDF-Ausstrahlung, die immer zwei Episoden hintereinander ausstrahlte, als Grundlage für die Veröffentlichung. Das ist, weil die erste „Luther“-Staffel aus sechs einstündigen Episoden mit, bis auf das zweiteilige Finale, eigenständigen Hauptfällen besteht, gewöhnungsbedürftig.

Als Bonusmaterial gibt es die knapp halbstündige Doku „Luther – The World of a true Maverick“, die sich weitgehend im Werbeblabla erschöpft. Denn selbstverständlich halten die Macher und die Schauspieler „Luther“ für eine grandiose Serie, die ganz anders als alle anderen englischen Krimiserien ist. Immerhin erzählt Autor Neil Cross etwas zu den Hintergründen von „Luther“.

Trivia: Die erste Episode erhielt den Edgar Award, die vierte war für einen Edgar nominiert.

Luther – Staffel 1 (Luther, GB 2010)

Regie: Brian Kirk (Episode 1 & 2), Sam Miller (Episode 3 & 4), Stefan Schwartz (Episode 5 & 6)

Erfinder/Drehbuchautor: Neil Cross

mit Idris Elba (DCI John Luther), Warren Brown (DS Justin Ripley), Paul McGann (Mark North), Dermot Crowley (DCI Martin Schenk), Ruth Wilson (Alice Morgan), Michael Smiley (Benny Silver), Steven Mackintosh (DCI Ian Reed), Indira Varma (Zoe Luther), Saskia Reeves (DSU Rose Teller)

DVD

Polyband

Bild: 16:9 (1,78:1)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Luther – The World of a true Maverick (Interviews mit Cast & Crew)

Länge: 300 Minuten (2 DVD)

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

BBC über „Luther“

BBC Germany über „Luther“

ZDF über „Luther“

Wikipedia über „Luther“ (deutsch, englisch)

Homepage von Neil Cross

Lesetipp

Neil Cross erzählt in „Luther – Die Drohung“ (Luther: The Calling, 2011) die Vorgeschichte zur Serie. In dem Buch sucht Luther den Mörder eines Ehepaares und deren entführtes Kind. Die Übersetzung ist jetzt bei Dumont erschienen.

Ebenfalls bei Dumont erschien bereits letztes Jahr „Vergraben“ (Burial, 2009), ein Thriller über zwei Freunde, die ein schreckliches Geheimnis teilen. Jetzt erpresst der eine den anderen.


„Abgeschmiert“ oder Noch ein Buch gegen Korruption

März 12, 2012

Dank Christian Wulff ist die Korruption von Politikern mal wieder im Gespräch – und das ist gut so. Denn die Gesetze sind teilweise noch sehr lückenhaft, die UN-Konvention gegen Korruption wurde von Deutschland immer noch nicht ratifiziert, weil Bundestagsabgeordnete sie nicht für Deutschland anwendbar halten. Dass fast alle anderen Staaten mit der Konvention kein Problem haben, irritiert sie nicht. Und auch im Alltagsleben wird Korruption ja gerne als ein Problem von anderen Menschen betrachtet.

Dabei sind Korruptionsforscher und Ermittler immer wieder erstaunt, für welch geringe Beträge sich Menschen korrumpieren lassen und damit ihre Existenz auf’s Spiel setzen. Auch bei Wulff ging es letztendlich ja nicht um große Summen, sondern um einige Hotelübernachtungen und Handyrechnungen. Peanuts eben, die einem Beamten sofort den Job gekostet hättet.

Oh, und das Unrechtsbewusstsein der Korrupten, meistens Männer, die sich als die Elite der Gesellschaft verstehen, tendiert normalerweise gegen Null. Auch darin unterscheidet Wulff sich nicht von den anderen ertappten Politikern, Unternehmern und Beamten.

In seinem Buch „Abgeschmiert – Wie Deutschland durch Korruption heruntergewirtschaftet wird“ versucht Frank Überall zu erklären, warum Menschen korrupt werden: „Korruption ist sexy. Sie lauert als Verführung gerade da, wo Menschen Macht haben. Für die Beteiligten steht nicht der Schaden, den sie anrichten, im Mittelpunkt, sondern der ‚Kick‘ des schnellen und vermeintlich ungefährlichen Gewinns. (…) Auch diejenigen, die machtvolle Positionen in unserer Gesellschaft einnehmen, sind nur Menschen. Und die werden ständig mit den ’sexy‘ Verführungen der Korruption konfrontiert und können nicht immer widerstehen. Deshalb muss es erst einmal darum gehen, diese Strukturen zu verstehen, um sie bekämpfen zu können.“

Das klingt doch nach einem guten argumentativem Aufschlag, der zu einem spannenden Buch führen könnte. Könnte, weil das Buch dann doch nicht das Versprechen einlöst. „Abgeschmiert“ ist ein durchaus flott zu lesendes Abarbeiten an altbekannten Fällen, deren Darstellung zwar korrumptive Praktiken aufzeigt und auch wie schnell jemand korrupt werden kann. Doch „sexy“ ist das nicht. Jedenfalls wenn „sexy“ mehr bedeutet, als dass das Verbotene, das Nicht-Öffentliche, das Geheime, per se immer „sexy“ ist.

Im Gegensatz zu Mathew D. Roses in „Korrupt?“ oder Hans-Martin Tillack in „Die korrupte Republik“, die auch, ausgehend von ihren umfassenden Recherchen, neuere korrumptive Praktiken beschreiben, und so zeigen, wie sich die Einflussnahme der Wirtschaft auf die Politik in den vergangenen Jahren veränderte, bleibt Frank Überall im Altbekannten stecken. Rose zeigt auch eindrucksvoll, wie sich in den vergangenen Jahren das Selbstverständnis der Parteien und Politiker vom Diener des Volkes zum Diener der eigenen Interessen veränderte.

Dagegen bleibt Frank Überall im Altbekannten stecken und entsprechend gering ist, wenn man schon einige Bücher über Korruption in Deutschland gelesen hat, der Erkenntnisgewinn.

Frank Überall: Abgeschmiert – Wie Deutschland durch Korruption heruntergewirtschaftet wird

Lübbe, 2011

240 Seiten

19,99 Euro

Hinweis

Homepage von Frank Überall

Ziemlich gut zusammengefasst

Hier gibt es das etwas ausführlicher und mit mehr Kauder

Einige Politiker haben eine andere Meinung. Zum Beispiel

 


Buddy Giovinazzo rät „Piss in den Wind“

März 9, 2012

Piss in den Wind“ ist nicht gerade der Roman, den man von Buddy Giovinazzo erwartet. In seinen bisherigen Romanen waren Gangster, Dealer und Junkies die Protagonisten. Es war die „Poesie der Hölle“ in „Cracktown“, der „Broken Street“ und auch am „Potsdamer Platz“ (so die Titel seiner bisherigen Romane). Daneben drehte er auch etliche Filme. Seine amerikanischen bewegten sich im Unterschicht- und Kriminellenmilieu seiner Romane; seine deutschen sind vorzügliche TV-Beiträge für den „Tatort“, „Polizeiruf 110“ und „Wilsberg“.

Piss in den Wind“, sein neuester Roman, der wieder einmal zuerst auf Deutsch erschien, ist dagegen ein waschechter Noir. Universitätsdozent James Gianelli ist, abgesehen von seiner Eifersucht und seiner Zuneigung zu seinen Studentinnen, ein ganz normaler Mann, bis ihn seine derzeitige Freundin verlassen will und er einen Blackout hat. Danach wacht er neben ihrer Leiche auf und weil nur ein Mann als Täter in Frage kommt, lässt er ihre Leiche und ihr Auto verschwinden. Ihren Freunden erzählt er, dass er keine Ahnung hat, wo sie ist. Er scheint mit seiner Lüge durchzukommen.

Auf einem seiner Streifzüge mit dem Fotoapparat sieht er, wie vier Männer die Leiche einer ermordeten Prostituierten aus dem Meer bergen. Er fotografiert sie. Kurz darauf taucht ihr Geist bei ihm auf. Gianelli weiß zwar, dass Dominique nur ein Geist ist, aber sie ist auch die Frau seiner Träume. Denn im Gegensatz zu seinen vorherigen Freundinnen widerspricht sie ihm nicht, er kann sie ganz nach seinen Wünschen formen und sie wird ihn auch niemals für einen anderen Mann verlassen. Aber auch ein Geist ist nicht vollkommen willenlos.

Piss in den Wind“ ist ein Noir, der wohlige Erinnerungen an die klassischen Noirs, die Werke von James M. Cain, Cornell Woolrich, David Goodis und auch Jim Thompson weckt. Vor ihnen muss Buddy Giovinazzo sich wahrlich nicht verstecken. Auch wenn sein Ende nicht gar so düster ausfällt.

Buddy Giovinazzo: Piss in den Wind

(übersetzt von Ango Laina und Angelika Müller)

pulp master, 2011

256 Seiten

13,80 Euro

Originalausgabe“

Caution to the winds

2009 (noch ohne amerikanischen Verlag)

Hinweise

Wikipedia über Buddy Giovinazzo (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über Buddy Giovinazzo

One Road.Endless Possibilities: Interview mit Buddy Giovinazzo (21. Februar 2011, deutsch)

Meine Besprechung von Buddy Giovinazzos “Cracktown” (Life is hot in Cracktown, 1993)

Buddy Giovinazzo in der Kriminalakte


„Finsterau“ ist nur eine „Tannöd“-Kopie

März 7, 2012

Nachdem ihr letzter Roman „Bunker“ (naja, von der Länge her eigentlich Novelle oder etwas längere Kurzgeschichte) ein komplettes Desaster war, hat Andrea Maria Schenkel sich wahrscheinlich gesagt „back to basics“.

Denn ihr neuester Roman, wieder in der typischen Schenkel-Länge von 128 Seiten, nimmt sich wie in ihrem Debüt „Tannöd“ einen historischen Kriminalfall vor. In „Finsterau“ wird kurz nach dem zweiten Weltkrieg auf einem bayerischen Dorf eine junge Frau und ihr uneheliches Kind auf dem Hof ihres Vaters ermordet. Der wahre Fall, über den ich auf die Schnelle nichts gefunden habe, geschah in Kempten. Wieder wird der Fall erst Jahre nach der Tat aufgeklärt und die Ermittlungsarbeit wird auf den Leser verlagert. In „Tannöd“ war diese Erzählweise ein interessantes literarisches Experiment, weil die verschiedenen Berichte der Dorfbewohner gegenüber einer unbekannten Person langsam ein vollständiges Bild des Tathergangs gaben und am Ende der Täter enthüllt wurde. „Finsterau“ ist nur eine leicht variierte Wiederholung, indem sich aus verschiedenen Perspektiven, die von einem auktorialem Erzähler reichlich distanziert erzählt werden, und den Aussagen eines Polizisten und eines Hausierers 18 Jahre nach der Tat langsam die Tat (denn wer nicht den Klappentext gelesen hat, wird sich über viele Seiten fragen, wohin die einzelnen, eher unzusammenhängenden Kapitel führen sollen) und der Tathergang herausschält. Dafür bedient Andrea Maria Schenkel sich wieder der altbekannten Whodunit-Struktur, nach der der Reihe nach einige Verdächtige aufgebaut werden und man als Leser milde rätselt, wer von den wenigen Verdächtigen denn nun der Täter ist.

Weggelassen hat sie in ihrem neuesten Buch die Gebete, die in „Tannöd“ von vielen kritisiert wurden, und sie verzichtet auf ihre sprachlichen Marotten, die mit „Kalteis“ und „Bunker“ immer nerviger wurden.

Aber das ändert nichts daran, dass „Finsterau“ als Selbstplagiat eine exakte Kopie von „Tannöd“ ist.

Andrea Maria Schenkel: Finsterau

Hoffman und Campe, 2012

128 Seiten

16,99 Euro

Hinweise

Homepage von Andrea Maria Schenkel

Meine Besprechung von Andrea Maria Schenkels „Kalteis“ (2007)

Meine Besprechung von Andrea Maria Schenkels „Bunker“ (2009)

Andrea Maria Schenkel in der Kriminalakte


Gerne „Die Lust am Genre“

März 7, 2012

Als auf der Berlinale „Im Schatten“, „Im Angesicht des Verbrechens“, „Die Räuber“ und „Jerichow“ liefen, entdeckten die Kritiker eine neue „Lust am Genre“ bei den von ihnen hoch angesehenen deutschen Regisseuren. Wenige Monate später richtete die Deutsche Kinemathek im Oktober 2010 die Tagung „Die Lust am Genre“ aus und jetzt, nachdem die Lust am Genre wieder der Vergangenheit angehört, liegt der hochinteressante Tagungsband vor. In ihm sind alle Vorträge, teilweise ergänzt und überarbeitet und einige weitere Aufsätze, die für diesen absolut lesenswerten Sammelband geschrieben wurden, dokumentiert:

 

Rainer Rother: Die Lust am Genre (Vorwort)

Malte Hagener: Der Begriff Genre

 

Entwicklungen in Deutschland

Michael Wedel: Schuld und Schaulust – Formen und Funktionen des deutschen Kriminalfilms bis 1960

Ralf Schenk: Mörder unter uns – Die DEFA und der Kriminalfilm: Eine Spurensuche 1953–71

Jan Distelmeyer:»Das war deutsch, wenn ich mich nicht irre« – Mit dem besten Mann vom BND zum Genrekino der 1960er Jahre

Ulrich Kriest: Großes Kino – die Diktatur des Mittelmaßes – Notizen zum Genrediskurs im deutschen Film 1964–87

Stefan Pethke: Von Wellen und Schulen – Wiederannäherung an Genre durch Poptheorie

Andreas Kilb: Der deutsche Kinothriller findet nicht statt – Notizen zum Stand der Dinge

 

Fallbeispiele

Chris Wahl: Die Stimme des Verbrechens: „Das Testament des Dr. Mabuse“

Hans-Christoph Blumenberg: Gerechtigkeit für Gerd Oswald

Julia Pattis: Gangster im Kiez – Mafia, Migranten und Subkulturen

Bert Rebhandl: Prinzipielle Gesetzlosigkeit – Neuere deutsche Genrefilme reflektieren die Grundlagen des Erzählens

Britta Hartmann: »Berlin ist das Paradies« – Inszenierung der Stadt in Dominik Grafs „Im Angesicht des Verbrechens“ und Thomas Arslans „Im Schatten“

Kathi Gormász: »All in the game yo, all in the game« – Die Polizeiserie „The Wire“ als Anti-Cop-Show und TV-Roman

Kathrin Rothemund: „KDD – Kriminaldauerdienst“ – Das Brüchige im Krimigenre

 

Die Qualität der Vorträge ist natürlich verschieden. Einige sind arg wissenschaftlich geraten. Wenn Malte Hagener Genre definiert, spürt man in jeder Zeile den akademischen Diskurs und eine Wortklauberei mit minimalem Erkenntnisgewinn. Immerhin liest sich der Vortrag interessanter, als er sich während der Tagung anhörte, und er erspart den Griff zum Lexikon.

Stefan Pethke gibt in „Von Wellen und Schulen“ einen schönen Einblick in das Leben und Studieren an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) in den Achtzigern. Was das allerdings mit dem Kriminalfilmgenre, außer dass sie an der Uni auch Kriminalfilme sahen, zu tun hat, war mir damals, während der Tagung, und heute, während der Lektüre, schleierhaft.

Wesentlich interessanter sind die historischen Abrisse, die oft für den Sammelband erstellt wurden, und die Hinweise auf vergessene Werke, wie, als Beispiel für die große Krimiproduktion der sechziger Jahre, den „Mr. Dynamit“-Film mit Lex Barker als taffen Agenten des Bundesnachrichtendienstes und Hans-Christoph Blumenbergs launig-liebevolle Eloge „Gerechtigkeit für Gerd Oswald“. Auf der Tagung konnten wir uns danach Oswalds Berlin-Gangsterfilm „Am Tag, als der Regen kam“ ansehen – und ich fand ihn verdammt gut.

Bei vielen Aufsätzen fällt auf, dass es in den letzten Jahren, ungefähr seit 1970, im Kino fast keine Genrefilme mehr gab. Denn, so Andreas Kilb, in seiner präzisen Abrechnung mit dem deutschen Kriminalfilm: „Der deutsche Kinothriller findet nicht statt“. Denn: „die kinetische Energie, die ein Thriller erfordert, ist mit dem Bedürfnis von Fernsehredakteuren und Fördergremien nach Sinnstiftung, Charakterzeichnung, Familienfreundlichkeit und Positivität prinzipiell unvereinbar. (…) Die finanzielle Schere, die zugleich eine ästhetische ist, steckt eben in allen Köpfen, sie hat mit einer Haltung zu tun, die vom deutschen Kino von vornherein nicht mehr erwartet als das, was man im deutschen Fernsehen zu sehen bekommt. Und schließlich sind die Regisseure, von denen man das deutsche Thrillerwunder erwartet, in der Mehrzahl selbst beim Fernsehen groß geworden.“

Entsprechend oft kreisen die Vorträge um die gleichen Filme, vor allem um Thomas Arslans „Im Schatten“ und Dominik Grafs „Im Angesicht des Verbrechens“. Beide Regisseure waren auch bei der Tagung dabei, beteiligten sich intensiv an den im Buch nicht dokumentierten Diskussionen und die Filme wurden gezeigt.

Dominik Grafs „Im Angesicht des Verbrechens“ ist allerdings eine zehnteilige TV-Serie, die auf der Berlinale im Kino gezeigt wurde. „KDD – Kriminaldauerdienst“ ist auch eine TV-Serie, die es als Prestigeprodukt auf beachtliche drei Staffeln brachte. Beide Serien wurden von der Kritik abgefeiert und floppten im Fernsehen. „The Wire“ ist eine US-amerikanische Polizeiserie und damit hat sie wirklich nichts mehr mit „Verbrechensgeschichten aus Deutschland“, so der Untertitel des Buches, zu tun. Denn bis auf „Im Angesicht des Verbrechens“ und „KDD – Kriminaldauerdienst“ stehen Kinofilme im Fokus.

Und, was sehr seltsam ist, weil Julia Pattis in „Gangster im Kiez“ sich mit Fatih Akins „Kurz und schmerzlos“ und Detlev Bucks „Knallhart“ beschäftigt, Lars Becker, der „Nachtschicht“-Macher, der auch für das Kino die Kriminal- und Ghettofilme „Kalte Sonne“, „Schattenboxer“, „Bunte Hunde“ und „Kanak Attack“ (nach dem Roman von Feridun Zaimoglu) inszenierte, wird nicht erwähnt.

Doch das sind eher kleine Mäkeleien. Insgesamt bietet „Die Lust am Genre“ nämlich einen sehr guten Ein- und Überblick über die Geschichte des deutschen Kriminalfilms und den derzeitigen Stand der Dinge des Kriminalfilms im Kino, mit einem Seitenblick auf das Fernsehen, der dort allerdings über das Abfeiern der eigenen Lieblinge nicht hinauskommt.

Rainer Rother/Julia Pattis (Hrsg.): Die Lust am Genre – Verbrechergeschichten aus Deutschland

Bertz + Fischer 2011

224 Seiten

19,90 Euro

Hinweise

Homepage der Deutschen Kinemathek

Bertz + Fischer über das Buch


Ermittelt Privatdetektiv Anton Schwarz „Im Namen des Kreuzes“?

März 5, 2012

Anton Schwarz gehört zu der in deutschen Krimis ziemlich raren Spezis des Privatdetektivs und weil ich ein Fan von Privatdetektivkrimis bin, genießt er, schon bevor ich die erste Zeile lese, meine größten Sympathien.

In seinem dritten Fall „Im Namen des Kreuzes“ will die Mutter von Matthias Sass wissen, warum ihr Sohn sich umbrachte. Sass war ein angehender Priester. Kurz darauf erhängt sich Pfarrer Heimeran, der väterliche Freund von Sass. Oder war da mehr? Denn als Schwarz eher unwillig mit seinen Ermittlungen beginnt, vermutet er ziemlich schnell, dass der Pfarrer ermordet wurde, Homosexualität und Pädophilie eine wichtige Rolle spielen und Hans Perfall, ein Ex-LKA-Beamter, der jetzt für das Erzbischöfliche Ordinariat als Ermittler arbeitet, ist ihm auch nicht geheuer.

Anton Schwarz ist ein angenehm normaler, fünfzigjähriger Mann. Ex-Polizist, geschieden, mit gutem Kontakt zu seiner Mutter und seiner Tochter und einer behinderten, deutlich jüngeren Freundin, die er in „Blinde Flecken“, dem ersten Anton-Schwarz-Krimi, als er im Nazi-Milieu ermittelte, kennenlernte. Der passionierte Fahrradfahrer (kurze Strecken in München) hat sein Herz auch auf dem rechten Fleck; – vulgo: es schlägt links-liberal. Oh, und natürlich trifft er sich regelmäßig mit seinen Ex-Kollegen. Doch das gehört zum festen Inventar eines Privatdetektiv-Krimis. Denn jeder gute Privatdetektiv hat mindestens einen Freund bei der Polizei.

Peter Probst, der auch zahlreiche Drehbücher schrieb, unter anderem die guten Münchner „Tatorte“ „Im Herzen Eiszeit“, „Wenn Frauen Austern essen“, „Der Traum von der Au“ und „Jagdzeit“, erzählt die Geschichte flott, mit vielen Dialogen, informativ (er verpackt seine Recherche gut) und ohne anklägerisch-predigende Belehrungen. Dass am Ende des Krimis die große Überraschung ausbleibt, sei ihm verziehen.

Peter Probst: Im Namen des Kreuzes

dtv, 2012

256 Seiten

8,95 Euro

Hinweise

Homepage von Peter Probst

Meine Besprechung von Peter Probsts „Blinde Flecken“ (2010)

Und jetzt lassen wir den Autor zu Wort kommen:

Peter Probst liest aus“Blinde Flecken“, dem ersten Anton-Schwarz-Kriminalroman vor und beantwortet Fragen; die Lesung beginnt mit der achten Minute

Zu „Personenschaden“, dem zweiten Anton-Schwarz-Kriminalroman gibt es auch etwas:


Mit Robert Brack „Unter dem Schatten des Todes“

Februar 29, 2012

Am Ende von „Blutsonntag“ flüchtete Klara Schindler, Journalistin und Kommunistin, nach einem missglückten Attentat auf einen Polizisten aus Deutschland.

Am Anfang von „Unter dem Schatten des Todes“ langweilt sie sich in Kopenhagen, bis ihr KPD-Verbindungsmann sie beauftragt nach Berlin zu fahren und die Hintergründe des Reichtstagsbrandes vom 27. Februar 1933 herauszufinden. Denn die Kommunisten glauben nicht an die Nazi-Version, dass Marinus van der Lubbe ein Einzeltäter ist. Sie glauben, dass die Nazis den Brand gelegt haben.

Klara wird, weil die Grenze bereits zu ist, als englische Journalistin eingeschleust. In Berlin beginnt sie mit ihren Ermittlungen. Schnell zweifelt sie daran, dass van der Lubbe die Tat allein begangen hat und sie erfährt immer mehr über van der Lubbe, das dem offiziellen Bild des geistig behinderten Täters widerspricht.

Unter dem Schatten des Todes“ ist der tolle dritte Kriminalroman mit Klara Schindler, in dem Robert Brack nah an den Fakten Ereignisse aus der Vergangenheit neu beleuchtet. In „Und das Meer gab seine Toten wieder“ ging es um den Selbstmord einer Hamburger Polizistin und die Machtkämpfe um die inzwischen vollkommen unbekannte weibliche Kriminalpolizei. In „Blutsonntag“ um den Altonaer Blutsonntag vom 17. Juli 1932, an dem die SA und SS, von der Polizei geschützt, durch das Arbeiterviertel marschierten. Dabei wurden 18 Menschen ermordet. Den Hamburgern könnte dieses Datum noch etwas sagen. Der Reichtstagsbrand und die umstrittene Frage der Täterschaft dürfte dagegen allgemein bekannt sein. Fast schon Schulwissen.

Letztes Jahr schrieb Bernward Schneider mit „Flammenteufel“ einen erschreckend langweiligen und schlecht konstruierten Kriminalroman über diese Tat. Dagegen hat Robert Brack mal wieder alles richtig gemacht und das Berlin des Jahres 1933 entsteht vor unserem geistigen Auge in all seinen Facetten. Und seine Erklärung, wer wie den Reichstagsbrand legte, ist eine sehr nachvollziehbare Spekulation. Damit unterscheidet er sich, wie er in seinem Nachwort sagt, nicht von den wissenschaftlichen Arbeiten der Historiker: „alle Historiker, die sich damit befasst haben, entlarven sich früher oder später als Geschichtenerzähler.“

Unter dem Schatten des Todes“ ist ein feiner historischer Kriminalroman. Etwas anderes hätte ich von Robert Brack auch nicht erwartet.

Robert Brack: Unter dem Schatten des Todes

Nautilus, 2012

224 Seiten

12,90 Euro

Hinweise

Homepage von Robert Brack

Meine Besprechung von Robert Bracks „Schneewittchens Sarg“ (2007)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Und das Meer gab seine Toten wieder” (2008)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Psychofieber” (1993, Neuausgabe 2008)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Blutsonntag“ (2010)

 


Kurzkritik: Für Janet Evanovich ist jetzt „Kuss mit lustig“

Februar 22, 2012

Das Magazin „People“ schreibt, die Stephanie-Plum-Romane hätten den selben Suchteffekt wie Kartoffelchips. Das stimmt schon. Aber „Kuss mit lustig“, der neueste Roman mit der leicht chaotischen Kopfgeldjägerin Stephanie Plum, ist auch so nahrhaft wie eine Tüte Kartoffelchips.

In ihrem vierzehntem Auftritt (weshalb der Originaltitel auch „Fearless Fourteen“ ist. Bei uns hat man nach „Aller guten Dinge sind vier“ mit den nummerierten Titeln aufgehört.) muss Stephanie Plum auf einen Teenager, dessen Mutter sie ins Gefängnis brachte und der keine anderen Verwandten hat, die ihn aufnehmen wollen, der sich aber mit Spraydosen und Computerspielen gut selbst beschäftigen kann, und eine alternde Sängerin mit erhöhtem Alkoholkonsum, die in Trenton, New Jersey, ein großes Konzert geben will, aufpassen. Weil das Gerücht umgeht, dass in dem Haus ihres Freundes, dem Polizisten Joe Morelli, die Millionenbeute von einem Banküberfall versteckt ist, hat sie wegen der vielen Schatzsucher, die sich einen Dreck um Morellis Eigentum scheren, auch nachts keine Ruhe und eigentlich sind damit genug Plots vorhanden, um ein veritables Chaos anzurichten.

Aber das kommt dann doch arg betulich, nett und, trotz einiger Leichen und Explosionen, harmlos daher. Vor allem wenn man bedenkt, was für ein Feuerwerk an Gags und satirischen Spitzen Donald Westlake in seinem letzten Dortmunder-Roman „Get Real“ aus dem Zusammentreffen von Reality-TV und Wirklichkeit schlug. In „Kuss mit lustig“ versucht die Sängerin sich ziemlich erfolglos als Reporterin. Doch während bei Westlake und seinen Comic-Crime-Novels jeder Satz ein Treffer ist, plätschert in „Kuss mit lustig“ doch alles, bis zum überhasteten Schluss, sehr dahin. Das liest sich zwar schnell weg, aber, wie bei einer Tüte Kartoffelchips, die man wider besseren Wissens zu Ende isst, schwindet der Genuss, bei zunehmend schlechtem Gewissen, mit der Zahl der gegessenen Chips.

Im Kino startet am 19. April die Verfilmung des ersten Stephanie-Plum-Krimis „Einmal ist keinmal“ mit Katherine Heigl in der Hauptrolle. Die nette Komödie wäre als überbudgetierter Pilotfilm für eine TV-Serie sicher besser aufgehoben. Denn schon im Film überwiegen die seriellen Elemente und Seriencharaktere, die auch alle in „Kuss mit lustig“ dabei sind.

Janet Evanovich: Kuss mit lustig

(übersetzt von Thomas Stegers)

Goldmann, 2012

320 Seiten

8,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Manhattan, 2010

Originalausgabe

Fearless Fourteen

St. Martin’s Press, New York, 2008

Hinweise

Homepage von Janet Evanovich

Deutsche Homepage von Janet Evanovich

Krimi-Couch über Janet Evanovich

Wikipedia über Janet Evanovich (deutsch, englisch)

Thrilling Detective über Stephanie Plum

 


Sherlock Holmes löst „Das Geheimnis des weißen Bandes“

Februar 15, 2012

Sherlock Holmes auf allen Kanälen: im Kino mit einem Remmidemmi-Film, im Fernsehen mit einer grandiosen BBC-Serie, die im heutigen London spielt, in Comics im Kampf gegen Dracula, Dr. Jekyll und Mr. Hyde, und jetzt auch im Buch. Der enorm produktive Krimiautor Anthony Horowitz durfte, mit Erlaubnis des „Sir Arthur Conan Doyle Literary Estate“ den Sherlock-Holmes-Roman „Das Geheimnis des weißen Bandes“ schreiben und die Erben haben natürlich aufgepasst, dass Horowitz auch eine nahe am Original stehende Interpretation des Meisterdetektivs ablieferte. Also nichts mit IPhones, übernatürlichen Erscheinungen, postmodern-literarischen Anspielungen und ausufernden Kämpfen, sondern klassische Detektivarbeit, eine Wiederbegegnung mit vielen alten Bekannten (von Mrs. Hudson, Inspector Lestrade und Mycroft Holmes über die Baker-Street-Irregulären, eine Bande von Straßenjungs, die Holmes helfen, bis zu Professor Moriarty sind alle in dieser Geschichte dabei), die von Sherlock Holmes‘ Freund, Dr. John Watson, brav, Jahrzehnte später, aufgeschrieben wurde und dann, weil die Enthüllung des Geheimnisses des weißen Bandes für die damalige Zeit zu ungeheuerlich war, für hundert Jahre in einem Safe deponiert wurde.

Der Fall selbst beginnt für Sherlock Holmes und Dr. John Watson im November 1890, als der Kunsthändler Edmund Carstairs die Baker Street 221 B betritt. Er glaubt, dass Keelan O’Donaghue ihn von Boston nach London verfolgt hat und sich jetzt bei ihm für den Tod seines Bruders und ihrer Verbrecherbande rächen will. Diese hatte bei einem Zugüberfall vier wertvolle Gemälde, die Carstairs gehörten, zerstört und einen Mitarbeiter von Carstairs ermordet. Zusammen mit dem Käufer der Gemälde hatte Carstairs ein Kopfgeld auf die Verbrecher ausgesetzt, die auch kurz darauf in einem Feuergefecht starben. Nur die Leiche von Keelan O’Donaghue wurde nicht gefunden.

Kurz nach dem Gespräch bei Holmes wird bei Carstairs‘ eingebrochen und sein Safe ausgeräumt. Mit Hilfe der Baker-Street-Irregulären findet Sherlock Holmes O’Donaghue in einem Hotel. Allerdings wurde er vor dem Eintreffen von Holmes und Watson bereits ermordet und der Straßenjunge Ross, der den Mörder wahrscheinlich gesehen hat, schweigt.

Als Ross umgebracht wird, wird für Holmes der Fall persönlich. Denn er fühlt sich sich für den Tod des Jungen mitverantwortlich. Und selbstverständlich ignoriert er die Warnung von seinem Bruder Mycroft, der ungefähr jedes Regierungsgeheimnis kennt und der, nachdem er sich nach dem House of Silk erkundigte, in Whitehall bei einem engen Mitarbeiter des Premierministers eine Audienz hatte. Mycroft rät Holmes, sich nicht weiter um den Mord an dem Straßenjungen zu kümmern und keine weiteren Nachforschungen über das House of Silk, das etwas mit den Verbrechen zu tun hat, anzustellen.

Das Geheimnis des weißen Bandes“ lebt natürlich zu einem großen Teil von unseren Erinnerungen an Sherlock Holmes. Deshalb treten auch, bis auf Irene Adler, alle bekannten und inzwischen für den Sherlock-Holmes-Kosmos kanonisierten Charaktere, auch wenn sie in den Geschichten von Sir Arthur Conan Doyle gar nicht so viele Auftritte hatten, auf. So ist der Auftritt von Professor Moriarty, dem Meisterverbrecher und Gegner von Sherlock Holmes, für diese Geschichte eine vernachlässigbare Episode, aber für die Holmes-Welt natürlich sehr wichtig. Die beiläufig eingestreuten Hinweise von dem Erzähler John Watson auf andere Fälle von Sherlock Holmes, erfreuen das Herz des Fans. Und das viktorianische London wird wieder lebendig.

Diese Erinnerungen verwebt Anthony Horowitz geschickt mit zwei Fällen, nämlich dem Einbruch bei den Carstairs‘ und dem Tod des Straßenjungen Ross, die zunächst nichts miteinander zu tun haben und am Ende doch miteinander zusammen hängen. Das ist eine unterhaltsame Lektüre, die mich wieder daran erinnert, dass ich mir die Sherlock-Holmes-Geschichten von Sir Arthur Conan Doyle noch einmal und im Original durchlesen will.

Anthony Horowitz: Das Geheimnis des weißen Bandes

(übersetzt von Lutz-W. Wolff)

Insel Verlag, 2011

352 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

The House of Silk

Orion, London 2011

Hinweise

Homepage von Anthony Horowitz

Homepage von Sir Arthur Conan Doyle (Erben)

Krimi-Couch über Sir Arthur Conan Doyle

Kirjasto über Sir Arthur Conan Doyle

Wikipedia über Sir Arthur Conan Doyle (deutsch, englisch)

Sherlockian.net (Einstiegsseite mit vielen Links)

Facebook-Seite der deutschen Sherlock-Holmes-Gesellschaft

Thrilling Detective über Sherlock Holmes

Meine Besprechung von Arthur Conan Doyles “Sherlock Holmes Geschichten”, “Sherlock Holmes Kriminalgeschichten” und “The Adventures of Sherlock Holmes” (und hier eine Auflistung der in diesen Werken enthaltenen Geschichten)

Meine Besprechung von Ian Edginton (Autor)/Davide Fabbris (Zeichner): Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies! (Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies, 2010)

Meine Besprechung von Ian Edginton (Autor)/Horacio Domingues/Davide Fabbris (Zeichner) „Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Dracula“ (Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Jekyll/Hyde; Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Dracula, 2010/2011)

Meine Besprechung von „Sherlock: Ein Fall von Pink“ (A Study in Pink)

Meine Besprechung von „Sherlock: Eine Legende kehrt zurück“ (Sherlock, GB 2010)

Meine Besprechung von Guy Ritchies „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“ (Sherlock Holmes: A Game of Shadows, USA 2011)

Sherlock Holmes in der Kriminalakte

 


Neu im Kino/Filmkritik: Wer ist der Maulwurf? Oder „Dame, König, As, Spion“

Februar 1, 2012

Als vor etwas über zwanzig Jahren der Kalte Krieg mit einer Implosion des Ostblocks endete, verschwand auch der Spionagethriller von der Bildfläche. Denn jetzt konnten keine fantastischen Abenteuer von tapferen Westagenten, die die bösen Kommunisten besiegten, mehr geschrieben werden. Inzwischen gibt es, die Geheimdienste wurden ja auch nicht aufgelöst, zwar neue Spionagethriller, aber die alten Fronten und Gegner sind unwiderbringlich verschwunden. Die Themen sind geblieben.

 

Die Welt der Spione in meinen Büchern ist eine Metapher für die große Welt, in der wir alle leben. Wir beschummeln einander, belügen uns selbst, erfinden kleine Geschichten und schauspielern uns durchs Leben. Im Berufsleben, in der ganz normalen Welt ist das doch nicht viel anders. Ich glaube, dass ‚Dame, König, As, Spion‘ auch darum bis heute seine Wirkung nicht verfehlt. Als ich das Buch schrieb, wollte ich diese Universalität des Stoffes ausschöpfen und traf offenbar einen Nerv. Die Menschen wollten ihr Leben widergespiegelt sehen im Kontext einer Verschwörung. Das ist ein wiederkehrendes Muster zwischen den Menschen und den Institutionen, die sie erschaffen.

John le Carré

 

Jetzt hat Tomas Alfredson mit „Dame, König, As, Spion“, nach dem Roman von John le Carré, einen Agententhriller gedreht, der einerseits tief verwurzelt in den siebziger Jahren ist und andererseits aktueller kaum sein könnte. Denn die Welt der Geheimagenten, ihre Paranoia und ihre komplizierten Komplotte unterscheiden sich kaum von der Welt der globalen Konzerne und der Industriespionage. Damals wie heute geht es um Loyalität, Vertrauen und den Missbrauch von Vertrauen.

Denn in „Dame, König, As, Spion“ vermutet Control (John Hurt), dass es im Geheimdienst MI6 einen Maulwurf gibt. Er schickt 1973 Jim Prideaux (Mark Strong) in geheimer Mission nach Budapest. Dort soll ihm ein Überläufer verraten, wer im englischen Geheimdienst in führender Position für den KGB arbeitet. Aber das Treffen ist eine Falle. Prideaux wird erschossen. In London wird Control nach dieser fehlgeschlagenen und nicht genehmigten Aktion entlassen. Mit ihm muss sein engster Vertrauter, George Smiley (Gary Oldman), den Circus, wie der MI6 intern genannt wird, verlassen.

Kurz darauf wird Smiley zurückgerufen. Denn der zuständige Minister glaubt inzwischen, dass der Maulwurf keine paranoide Idee von Control war, sondern dass es ihn wirklich gibt. Smiley soll ihn finden. Zusammen mit Peter Guillam (Benedict Cumberbatch) beginnt er sich durch die alten Akten zu wühlen.

Verdächtigt werden von George Smiley der neue Circus-Chef Percy Alleline (Toby Jones), Einsatzleiter Bill Haydon (Colin Firth) und die hochrangigen Mitarbeiter Roy Bland (Ciarán Hinds) und Toby Esterhase (David Dencik).

Wie Alfredson dann diese Ermittlungen mit seinem Topensemble, nach einem straffen Drehbuch von Bridget O’Connor und Peter Straughan (der zuletzt in „Eine offene Rechnung“ bewies, dass er souverän seine Geschichte auf verschiedenen Zeitebenen erzählen kann), erzählt, ist großes und großartiges Kino. Die Drehbuchautoren haben sehr geschickt den doch etwas länglichen und teils eher verwirrend zu lesenden Roman von le Carré in eine stringente Form gebracht und sie erzählen die Wer-ist-der-Täter-Geschichte souverän zwischen der Filmgegenwart und der Vergangenheit wechselnd, die sich teils aus den Akten, teils aus den Erinnerungen von George Smiley und den Erzählungen von anderen Agenten in vielen Rückblenden zusammensetzt. Hoyte van Hoytema, der mit Alfredson bereits bei „So finster die Nacht“ zusammenarbeitete, fand dafür Bilder, die die Vergangenheit in all ihrer Banalität und auch Tristesse heraufbeschwört. Glamourös ist hier nichts.

Mit „Dame, König, As, Spion“ entführt Tomas Alfredson in die siebziger Jahre, die wahrscheinlich mehr nach den Siebzigern aussehen, als die Siebziger jemals nach den Siebzigern ausgesehen haben. Diese Brauntöne, die Farblosigkeit, das Vermuffte, die zu vollen Räume mit ihren Akten, die nur leicht modernisierten, funktionalen Vorkriegsbauten, die zeitlosen Anzüge, die wenigen Frauen, die nur als Sekretärinnen und Gespielinnen vorkommen, – das alles sind Bilder aus einer lange vergangenen Zeit, als die Geheimdienste sich noch als Vorkämpfer im Klassenkampf sahen. Und doch gab es immer Doppelagenten und Überläufer, wie Kim Philby, der Leiter der Gegenaufklärung des Britischen Geheimdienstes und zeitweiliger Anwärter für den Chefposten.

Durch die Inszenierung und auch wie einige Themen aus John le Carrés Roman im Film verstärkt werden, wird eine Brücke zur Gegenwart geschlagen. Denn die Welt des Circus ähnelt der Welt der Konzerne, in denen auch unklar ist, wer für wen arbeitet, gegeneinander intrigiert wird, Leute abgeworben werden und alle mit einer gehörigen Portion Paranoia arbeiten.

Und in der Männerwelt des Circus gibt es zwar Homosexualität, aber es wird nicht darüber geredet. Auch le Carré sagt es in seinem Roman nur in einigen, fast schon kryptischen Halbsätzen. Alfredson wird da in den Bildern, wenn ein Agent schnell seine Beziehung zu einem anderen Mann beendet oder am Ende des Films, deutlicher.

Deshalb hat mir Tomas Alfredsons „Dame, König, As, Spion“ als eigenständige, aber auch werktreue Interpretation des Romans viel besser als die Vorlage gefallen hat.

Die siebenteilige BBC-Verfilmung von 1980 mit Alec Guinness in der Hauptrolle, die ich noch nicht kenne, ist ebenfalls ein Klassiker, der allerdings bei uns, soweit ich weiß, nur einmal vor so dreißig Jahren gezeigt wurde und auch noch nicht auf DVD veröffentlicht wurde. Immerhin kann man sich die englische DVD leicht für wenig Geld besorgen.

 

 

Dame, König, As, Spion (Tinker, Tailor, Soldier, Spy, Großbritannien/Frankreich/Deutschland 2011)

Regie: Tomas Alfredson

Drehbuch: Bridget O’Connor, Peter Straughan

mit Gary Oldman, Colin Firth, Tom Hardy, John Hurt, Toby Jones, Mark Strong, Benedict Cumberbatch, Ciarán Hinds, David Dencik, Simon McBurney, Kathy Burke, Stephen Graham, Svetlana Khodchenkova, John le Carré (Komparse bei der MI6-Silvesterfeier; also genau aufpassen)

Länge: 127 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Vorlage

John le Carré: Tinker, Tailer, Soldier, Spy

Hodder and Stoughton, 1974

Deutsche Übersetzung von Rolf und Hedda Soellner

Kiepenheuer und Witsch, Köln, 1974

Seitdem erschien der Roman in zahlreichen Neuausgaben bei verschiedenen Verlagen.

Die aktuelle Ausgabe

John le Carré: Dame, König, As, Spion

(übersetzt von Rolf und Hedda Soellner)

(mit einem 1991 geschriebenem Vorwort von John le Carré, übersetzt von Werner Schmitz)

List, Berlin 2012

416 Seiten

9,99 Euro

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Wikipedia über die Verfilmung „Dame, König, As, Spion“ (deutsch, englisch)

Film-Zeit über „Dame, König, As, Spion“

Rotten Tomatoes über „Dame, König, As, Spion“

Homepage von John le Carré

Meine Besprechung von John le Carrés „Geheime Melodie“ (The Mission Song, 2006)

Meine Besprechung von John le Carrés “Marionetten (A most wanted man, 2008)

Meine Besprechung von John le Carrés „Verräter wie wir“ (Our kind of traitor, 2010)

John le Carré in der Kriminalakte

 

 


„Out of sight“ ist wieder in sight

Januar 30, 2012

Wer in den vergangenen Jahren, immer, wenn George Clooney sich in der stilvollen Krimikomödie „Out of sight“ in Jennifer Lopez verliebte, fragte, was davon bereits in dem Roman „Out of sight“, auf dem der Steven-Soderbergh-Film basiert, steht, kann sich jetzt die neue Ausgabe des Krimis besorgen.
Über die Geschichte muss wohl nicht viel gesagt werden: bei einem Gefängnisausbruch verliebt der Bankräuber Jack Foley sich, während sie gemeinsam im Kofferraum liegen, in Deputy US Marshall Karen Sisco. Foley will später noch ein großes Ding drehen. Sisco will ihn schnappen. Denn Verbrecher gehören hinter Gitter. Auch wenn sie außergewöhnlich charmant sind.
Karen Sisco trat auch in der Kurzgeschichte „Karen makes out“ auf und es entstand eine kurzlebige TV-Serie, die anscheinend sogar ziemlich gut ist, aber niemals bei uns gezeigt wurde.
Jack Foley trat 2009 in dem außergewöhnlich schwachen „Road Dogs“, der sich unmmittelbar an „Out of sight“ anschließt, wieder auf. In dem Krimi erzählt Elmore Leonard, wie Foley (der sich jetzt an dem von George Clooney gespieltem Foley orientiert) dieses Mal aus dem Knast entkommt und was danach geschieht.
Doch zurück zur Neuauflage von „Out of sight“. Sie unterscheidet sich nicht von den vorherigen Ausgaben. Wer also bereits „Zuckerschnute“ (so hieß die Erstausgabe) oder „Out of sight“ (so hieß dann die Filmausgabe) in seinem Regal stehen hat, muss nicht zuschlagen.
Alle anderen sollten sich diesen Elmore-Leonard-Klassiker schleunigst besorgen.

Elmore Leonard: Out of sight
(übersetzt von Jörn Inversen)
Suhrkamp, 2012
256 Seiten
8,99 Euro

Originalausgabe
Out of sight
Delacorte Press, New York 1996

Deutsche Erstausgabe
Zuckerschnute
Goldmann, 1998

Spätere Auflagen, wegen des Films, unter „Out of sight“

Verfilmung
Out of sight (Out of sight, USA 1998)
Regie: Steven Soderbergh
Drehbuch: Scott Frank
mit George Clooney, Jennifer Lopez, Ving Rhames, Don Cheadle, Dennis Farina, Luis Guzman

Hinweise

Homepage von Elmore Leonard

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Dschibuti“ (Djibouti, 2010)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Djibouti“ (2010)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Road Dogs“ (Road Dogs, 2009)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Up in Honey’s Room“ (2007)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Gangsterbraut“ (The hot Kid, 2005)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Callgirls“ (Mr. Paradise, 2004)

Mein Porträt „Man nennt ihn Dutch – Elmore Leonard zum Achtzigsten“ erschien im „Krimijahrbuch 2006“

Meine Besprechung der Elmore-Leonard-Verfilmung „Sie nannten ihn Stick“ (Stick, USA 1983)

Meine Besprechung der Elmore-Leonard-Verfilmung „Killshot“ (Killshot, USA 2008)

Elmore Leonard in der Kriminalakte


Kurzhinweis: Der „Mythos ‚Der Pate’“ in der Analyse

Januar 25, 2012

Ach, herrje, da erhebe ich nacheinander alle drei „Der Pate“-Filme von Francis Ford Coppola zum TV-Tipp des Tages und vergesse, auch nur einmal auf den von Norbert Grob, Bernd Kiefer und Ivo Ritzer herausgegeben Sammelband „Mythos ‚Der Pate‘ – Francis Ford Coppolas Godfather-Trilogie und der Gangsterfilm“ hinzuweisen.
In dem Sammelband wird sich aus verschiedenen Perspektiven dem Film (naja, genaugenommen sind es drei Filme, die 1972, 1974 und 1990 entstanden) und seinem Einfluss auf den Gangsterfilm (vor allem natürlich den des ersten und auch des zweiten „Der Pate“-Films) gewidmet. Es geht um die Mafia im italienischen Film, die echte Mafia und die „Der Pate“-Filme, über die Kameraarbeit von Gordon Willis, den „Paten“ und die amerikanische Geschichte, den Einfluss von „Der Pate“ auf die Filme von Abel Ferrara, Martin Scorsese, Sergio Leone und Brian De Palma, die Auferstehung vom „Paten“ im Videospiel und einen Vergleich zwischen der Kino- und der von Coppola aus den ersten beiden „Der Pate“-Filmen und zusätzlichen Szenen erstellten TV-Fassung, in der die Geschichte der Familie Corleone chronologisch erzählt wird. Das ist, wie immer bei Bertz + Fischer, reichhaltig illustriert. Es wurde sogar eine 16-seitige farbige Fotostrecke spendiert.
Herz, was begehrst du mehr? Außer vielleicht einige ungestörte Stunden für die Lektüre.
Aber davon abgesehen ist „Mythos ‚Der Pate’“ in den legendären Worten eines Katzenliebhabers, ein Angebot, das Sie nicht ablehnen können.

Norbert Grob/Bern Kiefer/Ivo Ritzer (Herausgeber): Mythos ‚Der Pate‘ – Francis Ford Coppolas Godfather-Trilogie und der Gangsterfilm (Deep Focus 10)
Bertz + Fischer, 2011
208 Seiten
19,90 Euro

Hinweise

Wikipedia über „Der Pate“ (deutsch, englisch)

Homepage von Mario Puzo

Wikipedia über Mario Puzo (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über Mario Puzo

Kirjasto über Mario Puzo

Kaliber.38 über Mario Puzo

Time: Mario-Puzo-Titelgeschichte (28. August 1978 – mit einem schönen Titelbild)

Meine Besprechung von Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“/“Apocalypse Now Redux“ (Apocalypse Now, USA 1979)

Meine Besprechung von Mario Puzos „Sechs Gräber bis München“ (Six Graves to Munich, 1967)

Meine Besprechung von Ivo Ritzers „Fernsehen wider die Tabus“ (2011)


„Filme der 2000er“ wagt einen Rückblick auf das letzte Filmjahrzehnt

Januar 23, 2012

„Filme der 2000er“ setzt die schöne Buchreihe des Taschen Verlags fort, in der die wichtigsten Filme eines Jahrzehnts in einem Buch in kurzen Besprechungen, pro Film einem Triviakasten mit zusätzlichen Information über den Regisseur oder einen Schauspieler und, selten, über etwas Filmtechnisches und vielen, oft unbekannteren Filmbildern, auf um die sechs Seiten zusammengefasst werden. Die opulente Aufmachung lädt zum Blättern und Schwelgen in Erinnerungen ein. Langjährige Filmfans werden freilich, weil sie die Filme meist schon kennen, wenig neues entdecken. Jüngere können sich anhand der „Filme der XYer“ ein solides Filmwissen aufbauen.
Aber während es für frühere Jahrzehnte bereits einen etablierten Kanon gibt, auch weil man die historische Bedeutung eines Films erst mit etwas Abstand einschätzen kann, hat Herausgeber Jürgen Müller jetzt, fast ohne zeitlichen Abstand, in „Filme der 2000er“ auf über achthundert Seiten mit 139 Filmen einen Rückblick auf des vergangene Jahrzehnt, das für das Kino einen großen Umbruch bedeutete, gewagt.
Wie immer wurde versucht zwischen Hollywood-Kino, Kassenschlagern, Arthaus-Kino und dem nationalen Blick einen Kompromiss zu finden, der auch dieses Mal weitgehend gelungen ist. Dabei wurden nur Filme aufgenommen, die auch in Deutschland im Kino liefen; – was insofern wichtig ist, weil in den vergangenen Jahren immer mehr wichtige Filme nur auf DVD veröffentlicht werden, wozu viele französische Kriminalfilme und, obwohl sie etwas schmuddelig für die „Filme der XYer“-Reihe sind, Horrorfilme zählen, und das Fernsehen, vor allem im Serienbereich, immer wichtiger wurde. Gleichzeitig, obwohl diese Entwicklung noch nicht abschätzbar ist, wird das Internet und die damit verbundenen neuen Vertriebswege immer wichtiger.
Natürlich sind die großen Kassenerfolge, wie „Harry Potter“, „Der Herr der Ringe“, „Fluch der Karibik“, „Das Bourne Ultimatum“, „Spider-Man“, „Iron Man“, „The Dark Knight“ und „Avatar“ enthalten. Auch viele, oft mit zahlreichen Preisen überhäufte, Kritikerlieblinge und Publikumslieblinge, mehr natürlich Richtung publikumswirksames Arthaus-Kino und traditionelles Erzählkino, sind drin. Zum Beispiel die grandios deprimierende Daniel-Woodrell-Verfilmung „Winter’s Bone“, „Black Swan“ und „The King’s Speech – Die Rede des Königs“. Aus Frankreich sind „8 Frauen“, „Die fabelhafte Welt der Amelie“, „Ein Prophet“ und „Carlos – Der Schakal“ (wobei die Lang- oder TV-Fassung eindeutig besser ist) dabei.
Aus Deutschland gibt es „Das Leben der anderen“, „Der Baader Meinhof Komplex“, „Yella“ und den Überraschungserfolg „Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte“.
Von einigen Regisseuren wie Pedro Almodovar, Joel & Ethan Coen, David Fincher, Michael Mann, Jason Reitman und Quentin Tarantino wurde fast jeder Film aufgenommen, was dann doch vielleicht etwas zu viel der Liebe ist.
Denn einige wichtige Regisseure wurden teils erstaunlich wenig beachtet. Bei Woody Allen beschränkte man sich mit „Match Point“ und „Vicky Cristina Barcelona“ auf die offensichtliche Wahl. Ebenso bei Clint Eastwood mit „Million Dollar Baby“ und „Gran Torino“. „Mystic River“ fehlt dagegen. Steven Spielberg und Martin Scorsese sind mit nur je einem Film vertreten. Erstgenannter mit „München“, zweitgenannter mit „Departed – Unter Feinden“ (einem Remake des hier nur auf DVD erschienenen Hongkong-Cop-Thrillers „Infernal Affairs“), was so konsensfähig, wie wenig aufregend ist, aber dazu führt, dass „Gangs of New York“ und „Aviator“ fehlen.
Es gibt auch seltsame Entscheidungen wie die Aufnahme von den doch eher belanglosen Komödien „Ricky Bobby – König der Rennfahrer“, „Hangover“ und „Stichtag“. Auch „State of Play – Stand der Dinge“ (nach einer TV-Serie) und „Barney’s Version“, die mir zwar gefallen haben, scheinen mir durch die Aufnahme in das Buch doch etwas überbewertet zu sein.
Dafür fehlen Alexander Paynes „Sideways“, Patty Jenkins‘ Serienkillerbiographie „Monster“ mit der Oscar-prämierten Charlize Theron, Robert Altmans „Gosford Park“, Tod Williams‘ John-Irving-Verfilmung „The Door in the Floor“ und Antoine Fuquas „Training Day“.
Aber insgesamt ist die Auswahl in Ordnung und, gerade auch wegen der seltsamen Entscheidungen, gibt „Filme der 2000er“ einen gelungenen Rückblick auf die letzten zehn Kinojahre.

Jürgen Müller (Herausgeber): Filme der 2000er
Taschen, 2011
864 Seiten
29,99 Euro

Hinweise
Taschen über „Filme der 2000er“ (mit einem Blick ins Buch und der Liste der präsentierten Filme)

Universitätshomepage von Jürgen Müller


„Chew“: Sättigend, mit Fleisch und „Eiskalt serviert“

Januar 21, 2012

Der Originaltitel des dritten „Chew“-Sammelbandes „Just Desserts“ ist treffender als der deutsche Titel „Eiskalt serviert“. Denn Autor John Layman und Zeichner Rob Guillory (ein Interview mit ihm ist im Buch enthalten) servieren dieses Mal fünf kurze Geschichten, die alle gut schmecken, aber eher Episoden aus dem Polizeialltag und, hm, Leben von Tony Chu, John Colby und Amelia Mintz erzählen, die in einer nahen Zukunft spielen, in der nach einer Seuche der Verzehr von Fleisch, vor allem Hühnerfleisch, verboten ist. Selbstverständlich hat sich schnell ein florierender Schwarzmarkt entwickelt und die Lebensmittelaufsicht (FDA) jagt die Fleischesser. Dafür hat sie mehr Kompetenzen als das FBI und der Heimatschutz zusammen. Die FDA ist die mächtigste Exekutivbehörde der Welt.
Tony Chu ist einer ihrer Ermittler und Cibopath. Er kann in eine Banane beißen und bekommt ein Gefühl dafür, von welchem Baum die Banane stammt, welches Pestizid verwendet und wann sie geerntet wurde. Meistens muss er allerdings andere Dinge essen und so die Ermittlungen verkürzen.
Seine Freundin Amelia Mintz ist Saboskripterin. Die Journalistin kann Essen so anschaulich beschreiben, dass die Leser beim Lesen ihres Artikels das Essen schmecken können.
Chews Kollege John Colby ist ein ganz normaler Mensch, der gerne Fleisch isst und nur noch ein halbes Gesicht hat. Die andere Hälfte wurde von Ärzten wieder hergerichtet. Jetzt sieht er aus wie der Terminator und sein Ermittlungsansatz ist meist ähnlich geradlinig.
In „Eiskalt serviert“ müssen Tony und John herausfinden, wer in einem Stall den Sohn eines Senators und Öko-Terroristen ermordete und ihm einen Grauschwanzzwergmarder (ganz oben auf der Liste der bedrohten Arten) in den Mund stopfte. Die Spur führt zu einem Feinschmeckerclub, auf dessen seltenen Dinners bevorzugt bedrohte Tierarten verspeist werden. In einer anderen Geschichte tauchen Tony und sein Kollege John in die Welt der selbstverständlich vollkommen verbotenen Hahnenkämpfe ab.
Sie wollen das Geheimnis von „Poultplus“, einem Hühnchenersatz von Montero Industries, herausfinden. Nach einem Bissen weiß Tony, dass „Poultplus“ kein Chicken, sondern Fricken (was etwas ziemlich kloakiges ist) ist.
Der vom cibopathischen Partner zum Erzfeind mutierte Mason Savoy taucht auch wieder auf. Und auf den letzten Seiten von „Eiskalt serviert“ lernen wir die große Familie von Tony Chu kennen.
Während Chew absolut humorfrei ist, haben wir in den ziemlich absurden Geschichten einiges zu lachen. Allein schon das erste Panel, in dem Tony und Amelia mit blutverschmierter Kleidung in einem reichlich demolierten Edelrestaurant stehen und er sagt „Äh. Nicht gerade ein gewöhnliches erstes Date, was?“, ist offensichtlich, dass für spritzige Unterhaltung gesorgt ist. Auch wenn es „Just Desserts“ sind.
Sehr gut haben mir auch die Filmplakate für „Pullet Fiction“ und „Reservoir Chogs“ gefallen.

John Layman/Rob Guillory: Chew – Bulle mit Biss: Eiskalt serviert (Band 3)
(übersetzt von Marc-Oliver Frisch)
Cross Cult 2011
128 Seiten
16,80 Euro

Originalausgabe
Chew Vol. 3: Just Desserts
Image, 2010
(enthält Chew # 11 – 15)

Hinweise

Homepage von Chew/John Layman

Comicgate: Interview mit John Layman (5. März 2011)

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss: Leichenschmaus (Band 1)“ (Chew Vol. 1: Taster’s Choice, 2009)

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss: Reif für die Insel (Band 2)“ (Chew: International Flavor, 2010)


Sherlock Holmes, die „Losers“, John Constantine und Deathlok im Kampf gegen das Böse

Januar 17, 2012

Von Ian Edgintons erster Sherlock-Holmes-Geschichte „Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies“ war ich etwas enttäuscht. Sherlock Holmes kämpft gegen Zombies. Das ist ja noch okay. Aber dass er als ultimative Lösung gegen die Zombie-Plage London einfach abfackeln lässt, widerspricht dann doch meiner Vorstellung von einem Meisterdetektiv bei der Arbeit.
In dem zweiten „Victorian Undead“-Sammelband lässt Edginton das von Sir Arthur Conan Doyle erfundene und heute wieder sehr populäre Ermittlerduo Sherlock Holmes und Dr. John Watson auf andere literarische Charaktere treffen, die ungefähr zur gleichen Zeit die literarische Bühne betraten und immer noch bekannt sind: Dr. Jekyll und Mr. Hyde (erfunden von Robert Louis Stevenson) und Graf Dracula (erfunden von Bram Stoker).
Diese Idee ist, vor allem nach Alan Moores „The League of Extraordinary Gentlemen“ (Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen), nicht mehr unbedingt neu, aber sie funktioniert  hier prächtig. In „Sherlock Holmes vs Jekyll/Hyde“ (gezeichnet von Horacio Domingues) entsteht so auch ein veritabler Rätselplot. Denn niemand kennt diesen seltsamen Mr. Hyde, der sich bei Dr. Jekyll eingenistet hat. In der deutlich längeren Geschichte „Sherlock Holmes vs. Dracula“ (gezeichnet von Davide Fabbri) wird Sherlock Holmes, weil natürlich alle aus Stokers „Dracula“-Roman bekannten Charaktere auftreten müssen, fast zu einer Randfigur. Dem Vergnügen bereitet das keinen Abbruch. Außerdem will diese Inkarnation von Graf Dracula nicht nur einige Frauen beißen, sondern gleich die Königin.

Ian Edginton (Autor)/Horacio Domingues/Davide Fabbri (Zeichner): Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Dracula
(übersetzt von Gerlinde Althoff)
Panini, 2011
144 Seiten
16,95 Euro

Originalausgabe
Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Jekyll/Hyde
Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Dracula, # 1 – 5
DC Comics, 2010/2011

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“

Rotten Tomatoes über „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“

Wikipedia über „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“ (deutsch, englisch)

Homepage von Sir Arthur Conan Doyle (Erben)

Krimi-Couch über Sir Arthur Conan Doyle

Kirjasto über Sir Arthur Conan Doyle

Wikipedia über Sir Arthur Conan Doyle (deutsch, englisch)

Sherlockian.net (Einstiegsseite mit vielen Links)

Facebook-Seite der deutschen Sherlock-Holmes-Gesellschaft

Thrilling Detective über Sherlock Holmes

Meine Besprechung von Arthur Conan Doyles “Sherlock Holmes Geschichten”, “Sherlock Holmes Kriminalgeschichten” und “The Adventures of Sherlock Holmes” (und hier eine Auflistung der in diesen Werken enthaltenen Geschichten)

Meine Besprechung von Ian Edginton (Autor)/Davide Fabbris (Zeichner): Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies! (Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies, 2010)

Meine Besprechung von „Sherlock: Ein Fall von Pink“ (A Study in Pink)

Meine Besprechung von „Sherlock: Eine Legende kehrt zurück“ (Sherlock, GB 2010)

Meine Besprechung von Guy Ritchies „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“ (Sherlock Holmes: A Game of Shadows, USA 2011)

Sherlock Holmes in der Kriminalakte



Die „Losers“ sind, wie wir aus den vorherigen „The Losers“-Comics von Autor Andy Diggle und Zeichner Jock (und der  vergnüglichen Verfilmung) wissen, eine geheime CIA-Spezialeinheit, die nach einem Einsatz zum Abschuss freigegeben wurde, untergetaucht ist und sich jetzt an Max, dem geheimnisumwitterten CIA-Hintermann, der dafür den Befehl gab, rächen will.
Über einige Umwege haben die „Loser“, wie sie sich selbst sehr selbstironisch nennen, die Spur von Max nach London geführt. Dort vermuten sie bei der Cayman Credit Internationale, einer Bank, die gegründet wurde, um Drogengeld der CIA für die Contras zu waschen, weitere Informationen über Max, der ein Hauptgesellschafter der CCI ist. Getarnt als Waffenhändler wollen sie die Bank betreten. Wollen heißt hier aber nicht unbedingt können und dass es einfach wird, hat auch niemand behauptet.
In „Anti-Heist“ geht’s dann auf einen Frachter, der dreihundert Pfund waffenfähiges Plutonium transportiert und den, wie die Loser natürlich erst auf dem Schiff erfahren, Max zu einer schmutzigen Bombe umfunktionieren will. Zweihundert Meilen westlich der Azoren, also mitten auf Hoher See, müssen sie gegen die Schergen von Max kämpfen.
Die beiden Geschichten „London Calling“ (gezeichnet von Ben Oliver) und „Anti-Heist“ (gezeichnet von Jock) sind feines Action-Futter. Die Serie bewegt sich mit ihnen langsam auf die Zielgerade. Denn mit dem fünften „The Losers“-Sammelband endet die Geschichte.

Andy Diggle (Autor)/Jock/Ben Oliver (Zeichner): The Losers: London Calling (Band 4)
(übersetzt von Bernd Kronsbein)
Panini, 2011
144 Seiten
16,95 Euro

Originalausgabe
The Losers: Vol. 20 – 25
Vertigo/DC Comics, 2005

Hinweise

Homepage von Andy Diggle

Blog von Andy Diggle

Homepage von Jock

Meine Besprechung von Andy Diggle/Jocks „The Losers: Goliath – Band 1“

Meine Besprechung von Andy Diggle/Jock/Shawn Martinbroughs „The Losers: Die Insel – Band 2“

Meine Besprechung von Andy Diggle/Jock/Nick Dragotta/Alé Garza: The Losers: Der Pass, Band 3 (The Losers 13 – 19, 2005)


Nach dem Ende von „The Losers“ schrieb Andy Diggle, nach Alan Moore, Mike Carey, Garth Ennis, Brian Azzarello und Denise Mina, für „John Constantine, Hellblazer“ mehrere Geschichten. Die erste Hälfte seiner „Hellblazer“-Geschichten ist jetzt in „Spritztour“ erschienen.
John Constantine ist, hm, das Oberhaupt des britischen Untergrundokkultismus, Meister des Übernatürlichen, Kettenraucher, die Punk-Ausgabe eines Hardboiled-Detektivs und jetzt, nach einigen unschönen Ereignissen, die in den vorherigen „Hellblazer“-Heften erzählt wurden, ganz unten.
Auf den ersten Seiten von „Spritztour“, in „Ins kalte Wasser“, kniet Constantine, an einen Pfahl gefesselt, in brackigem Flusswasser vor einem Unbekannten, der ihn mit einer Pistole bedroht und man glaubt in Leonardo Mancos Zeichnung den Gestank des Flusses zu riechen. Von da an kann es für Constantine nur noch aufwärts gehen.
In diese missliche Lage ist er gekommen, weil ein im Knast sitzender Gangsterboss glaubt, dass Constantine seine Tochter ermordet hat.
Nachdem er sich befreit hat, macht er sich auf den Weg in ein einsam gelegenes Casino, das eine geheimnisvolle Vergangenheit hat. Jedenfalls will er sein altes Zimmer aus der Zeit haben, als das Casino noch kein Hotel war, und am Spieltisch setzt er durch, dass auf den Höchsteinsatz verzichtet wird.
Für sich betrachtet sind die miteinander verknüpften Geschichten in „Spritztour“ (die mit einem Cliffhanger enden) feine noir-infizierte Geschichten, bei denen allerdings, im Kontext einer seit über zwanzig Jahren erscheinenden monatlichen Comicserie, etwas seltsam ist, dass John Constantine mit dem Verlust seiner Position auch seine gesamtes Wissen verloren hat. Denn die Geschichten funktionieren nur, weil Constantine sich doch arg naiv verhält und so in einige Fallen tappt, in die ein erfahrener Troubleshooter nicht latschen dürfte.
Und natürlich ist Diggles John Constantine viel besser und cooler als Keanu Reeves in Francis Lawrences ziemlich missglückter und vergessener 2005er-Verfilmung „Constantine“. „Hellblazer“-Erfinder Alan Moore (Watchmen, V for Vendetta, From Hell) war, wieder einmal, nicht begeistert von der Hollywood-Bearbeitung seiner Geschichte und er setzte durch, dass sein Name im Abspann nicht genannt wird.

Andy Diggle (Autor)/Leonard Manco/Danijel Zezelj (Zeichner): John Constantine, Hellblazer: Spritztour  (Band 10)
(Vorwort von Stephen Gallagher)
(übersetzt von Gerlinde Althoff)
Panini 2011
244 Seiten
29,95 Euro

Originalausgabe
Hellblazer: Vol. 230 – 239
DC Comics 2008


Ich bin ja ein großer Charlie-Huston-Fan, aber dieser Ausflug in die Comicwelt ist ziemlich misslungen. In „Deadlock“ erzählt er eine vor allem verwirrende Geschichte aus einer von Konzernen beherrschten Zukunft, in der Cyborgs auf Schlachtfeldern gegeneinander kämpfen und die besten Soldaten millionenschwere Werbeverträge haben. Die Kämpfe sind das Feierabendvergnügen für ein Millionenpublikum.
Das knüpft natürlich an bekannte Dystopien wie „Rollerball“ und „Starship Troopers“, mit einem Schuss „Robocop“, an und ist auch mit einigen satirischen Spitzen und viel Gewalt abgeschmeckt. Aber Charlie Huston springt so besinnungslos zwischen den verschiedenen Erzählzeiten und Perspektiven hin und her, dass das Schicksal von Luther Manning, einem Soldaten, der nach einem tödlichem Unfall zu „Deathlok“ wurde kaum nachvollzogen werden kann.
„Deathlok: Der Zerstörer“ ist eine einzige große Enttäuschung.

Charlie Huston (Autor)/ Lan Medina (Zeichner): Deathlok: Der Zerstörer (MAX 41)
(übersetzt von Bernd Kronsbein)
Panini, 2011
180 Seiten
18,95 Euro

Originalausgabe
Deathlok: The Demolisher, Vol. 1 – 7
Marvel, Januar – Juli 2010

Hinweise

Pulp Noir: Homepage/Blog von Charlie Huston

Meine Besprechung von Charlie Hustons „Killing Game“ (The Shotgun Rule, 2007)

Meine Besprechung von Charlie Hustons „Das Clean-Team“ (The mystic arts of erasing all signs of death, 2009)

Meine Besprechung von Charlie Hustons „Bis zum letzten Tropfen“ (Every last drop, 2008)

Mein Interview mit Charlie Huston

Charlie Huston in der Kriminalakte


„Schlechter Einfluss“ für Zack Anderson in „Incognito“

Januar 13, 2012

Das grandiose Team Ed Brubaker (Autor) und Sean Phillips (Zeichner) hat sich wieder zusammengetan. Nach „Sleeper“ (und der dazu gehörigen Geschichte „Point Blank“), einem ausgewachsenen Paranoia-Thriller im Geheimagenten-Milieu mit Superheldeneinschlag, und „Criminal“, einer Reihe von unregelmäßig erscheinenden Noir-Geschichten, haben sie mit „Incognito“ eine dritte tolle Serie erfunden; wobei nach „Incognito: Stunde der Wahrheit“ noch unklar war, ob ein zweiter „Incognito“-Band folgt oder es eine in sich abgeschlossene Geschichte ist.
Jetzt ist dieser mit „Schlechter Einfluss“ erschienen. In der Story muss Zack Anderson, der als Superschurke Zack Overkill allgemein gefürchtet, danach im Zeugenschutzprogramm (das ihm gar nicht gefiel) war und jetzt bei S. O. S. (so eine Art Superpolizei) quasi zwangsrekrutiert (wie wir aus dem ersten „Incognito“-Band „Stunde der Wahrheit“ wissen) ist, sich wieder in die Unterwelt begeben. Denn S.-O.-S.-Agent Simon Slaughter ist während eines Undercover-Einsatzes in der Terrororganisation Level 9 bis in die Spitze aufgestiegen und anscheinend übergelaufen. Anderson soll ihn zurückholen.
Aber niemand vertraut ihm. Weder die S. O. S., die glaubt, dass er wieder zum Gangster wird, noch seine alten Freunde, die natürlich sein spurloses Verschwinden und das damit zusammenhängende Fehlen von „Overkill“-Taten bemerkt haben. Wem Zack vertrauen kann, weiß er auch nicht. Aber im Zweifelsfall nur sich selbst.
Brubaker/Phillips-Fans werden hier selbstverständlich vertraute Themen entdecken. In „Sleeper“ ging es ebenfalls um einen Undercover-Einsatz, die Frage der Loyalität, der eigenen moralischen Maßstäbe und wem man vertrauen kann. In „Criminal“, immerhin sind es Noir- und Unterweltgeschichten, geht es auch um Loyalitäten, Vertrauen und Verrat. Trotzdem gewinnt Ed Brubaker in „Schlechter Einfluss“ dem Thema wieder neue Facetten ab und das Ende ist, wie immer bei dem Team Brubaker/Phillips so hammerhart und zwiespältig, dass ich schon sehnsüchtig auf den dritten „Incognito“-Band warte. Denn ich will unbedingt wissen, wie das weitere Schicksal von Zack Anderson aussieht.

Ed Brubaker (Autor)/Sean Phillips (Zeichner): Incognito: Schlechter Einfluss (Band 2)
(mit einem Vorwort von Joe Hill)
(übersetzt von Claudia Fliege)
Panini, 2011
132 Seiten
16,95 Euro

Originalausgabe
Incognito: Bad Influences, Vol. 1 – 5
Basement Gang, Oktober 2010 – April 2011

Hinweise

Homepage von Ed Brubaker

Blog von Sean Phillips

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips” “Criminal 1 – Feigling” (Criminal 1: Coward, 2007)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Criminal 2 – Blutsbande” (Criminal 2: Lawless, 2007)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Criminal 3 – Grabgesang“ (Criminal 3: The Dead and the Dying, 2008)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Criminal 4 – Obsession“ (Criminal Vol. 4: Bad Night, 2009)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips‘ „Criminal 5 – Sünder“ (Criminal: The Sinners, 2010)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Colin Wilsons “Point Blank” (Point Blank, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Sleeper 1 – Das Schaf im Wolfspelz” (Sleeper: Out in the cold, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Sleeper 2 – Die Schlinge zieht sich zu” (Sleeper: All false moves, 2004)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Sleeper 3 – Die Gretchenfrage“ (Sleeper 3: A crooked line, 2005)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Sleeper 4 – Das lange Erwachen“ (Sleeper 4: The long walk home, 2005)

Meine Besprechung von Ed BrubakerSean Phillips’ „Incognito 1 – Stunde der Wahrheit“ (Incognito, 2008/2009)


„Die Hard – Das erste Jahr“ erzählt von John McClanes Rookie-Jahren

Januar 11, 2012

Die beiden in „Die Hard – Das erste Jahr“ gesammelten Geschichten mit New-York-Cop John McClane nehmen den von Bruce Willis bereits viermal in Action-Thrillern verkörperten Carakter und Autor Howard Chaykin und die Zeichner Stephen Thompson (Kapitel 1 – 4) und Gabriel Andrade jr. (Kapitel 5 – 8) erzählen, wie McClane in den siebziger Jahren in New York für Recht und Ordnung sorgte. Denn in der Buchvorlage „Nothing lasts forever“ von Roderick Thorp für den ersten „Die Hard“-Film ist McClane deutlich älter und er besucht nicht seine Frau, sondern seine Tochter, die in dem Hochhaus arbeitet, das von Terroristen an Weihnachten besetzt wird.
In „Die Hard – Das erste Jahr“ ist John McClanes erste Geiselnahme, während der 200-Jahr-Feier am 4. Juli 1976, deutlich kleiner geraten. Die Terroristen kapern nur ein Boot. Das gehört aber Walden Ford, dem drittreichsten Mann der Welt, führt die Bootsparade an und New Yorks High Society, wie der Bürgermeister von New York und der Polizeichef, sind auch auf dem umgebauten Minensuchboot. Aber die Geiselnehmer haben nicht mit McClane, der sich damals als Streifenpolizist seine ersten Sporen verdiente und der eher zufällig auf dem Boot ist, gerechnet.
In der zweiten Geschichte, die am 13. Juli 1977 (dem „Summer of Sam“) spielt, nimmt ein arbeitsloser Schauspieler, der mit bewaffneten Überfällen sein Einkommen bestreitet, die Frauen und Kunden in einem Massagesalon als Geisel. Die einzige Möglichkeit, sich unbemerkt dem Geiselnehmer zu nähern, ist, dass McClane, der inzwischen zum Detective befördert wurde, durch den Lüftungsschacht klettert. Dabei erinnert er sich an ein unangenehmes Jugenderlebnis und einen Einsatz in Vietnam.
Die beiden Geschichten in „Die Hard – Das erste Jahr“ sind solala. In der ersten Geschichte dauert es viel zu lange, bis es zur Geiselnahme kommt. Dafür bekommen wir viele Impressionen von McClanes Arbeit als Streifenpolizist und eine Zeugin wird von zwei Polizisten gejagt, die von ihr bei einem Mord beobachtet wurden. Die beiden Polizisten gehören auch zu den Geiselnehmern. In der zweiten Geschichte wird mit der parallelen Geschichte von einigen Kleinstadtgangstern, die für einen Bruch einen Stromausfall inszenieren, immer wieder von der Geiselnahme abgelenkt.
Ziemlich gelungen ist dagegen das Zeitkolorit. Die selbstironischen Bemerkungen von „Cowboy“ McClane sind auch gut.
So als schnelles Action-Futter mit nostalgischem Touch und für die Die-Hard-“Die Hard“-Fans ist „Die Hard – Das erste Jahr“ okay, aber es bleibt der Eindruck, dass, weil man, vor allem in der ersten Geschichte, zu sehr an der „Die Hard“-Formel klebte, einiges an Potential verschenkte.

Howard Chaykin (Autor)/Stephen Thompson/Gabriel Andrade jr. (Zeichner): Die Hard – Das erste Jahr
(übersetzt von Joachim Körber)
Panini, 2011
192 Seiten
19,95 Euro

Originalausgabe
Die Hard: Year One 1 – 8
Boom Studios, 2009

Hinweise

Wikipedia über „Stirb langsam“ (deutsch, englisch) und Howard Chaykin

Blog von Stephen Thompson

Spiegel: „Eines Tages“ über 20 Jahre „Stirb langsam“

Thrilling Detective über Joe Leland (so heißt John McClane im Buch)

The Independent: Nachruf auf Roderick Thorp