Ermittelt Privatdetektiv Anton Schwarz „Im Namen des Kreuzes“?

März 5, 2012

Anton Schwarz gehört zu der in deutschen Krimis ziemlich raren Spezis des Privatdetektivs und weil ich ein Fan von Privatdetektivkrimis bin, genießt er, schon bevor ich die erste Zeile lese, meine größten Sympathien.

In seinem dritten Fall „Im Namen des Kreuzes“ will die Mutter von Matthias Sass wissen, warum ihr Sohn sich umbrachte. Sass war ein angehender Priester. Kurz darauf erhängt sich Pfarrer Heimeran, der väterliche Freund von Sass. Oder war da mehr? Denn als Schwarz eher unwillig mit seinen Ermittlungen beginnt, vermutet er ziemlich schnell, dass der Pfarrer ermordet wurde, Homosexualität und Pädophilie eine wichtige Rolle spielen und Hans Perfall, ein Ex-LKA-Beamter, der jetzt für das Erzbischöfliche Ordinariat als Ermittler arbeitet, ist ihm auch nicht geheuer.

Anton Schwarz ist ein angenehm normaler, fünfzigjähriger Mann. Ex-Polizist, geschieden, mit gutem Kontakt zu seiner Mutter und seiner Tochter und einer behinderten, deutlich jüngeren Freundin, die er in „Blinde Flecken“, dem ersten Anton-Schwarz-Krimi, als er im Nazi-Milieu ermittelte, kennenlernte. Der passionierte Fahrradfahrer (kurze Strecken in München) hat sein Herz auch auf dem rechten Fleck; – vulgo: es schlägt links-liberal. Oh, und natürlich trifft er sich regelmäßig mit seinen Ex-Kollegen. Doch das gehört zum festen Inventar eines Privatdetektiv-Krimis. Denn jeder gute Privatdetektiv hat mindestens einen Freund bei der Polizei.

Peter Probst, der auch zahlreiche Drehbücher schrieb, unter anderem die guten Münchner „Tatorte“ „Im Herzen Eiszeit“, „Wenn Frauen Austern essen“, „Der Traum von der Au“ und „Jagdzeit“, erzählt die Geschichte flott, mit vielen Dialogen, informativ (er verpackt seine Recherche gut) und ohne anklägerisch-predigende Belehrungen. Dass am Ende des Krimis die große Überraschung ausbleibt, sei ihm verziehen.

Peter Probst: Im Namen des Kreuzes

dtv, 2012

256 Seiten

8,95 Euro

Hinweise

Homepage von Peter Probst

Meine Besprechung von Peter Probsts „Blinde Flecken“ (2010)

Und jetzt lassen wir den Autor zu Wort kommen:

Peter Probst liest aus“Blinde Flecken“, dem ersten Anton-Schwarz-Kriminalroman vor und beantwortet Fragen; die Lesung beginnt mit der achten Minute

Zu „Personenschaden“, dem zweiten Anton-Schwarz-Kriminalroman gibt es auch etwas:


Mit Robert Brack „Unter dem Schatten des Todes“

Februar 29, 2012

Am Ende von „Blutsonntag“ flüchtete Klara Schindler, Journalistin und Kommunistin, nach einem missglückten Attentat auf einen Polizisten aus Deutschland.

Am Anfang von „Unter dem Schatten des Todes“ langweilt sie sich in Kopenhagen, bis ihr KPD-Verbindungsmann sie beauftragt nach Berlin zu fahren und die Hintergründe des Reichtstagsbrandes vom 27. Februar 1933 herauszufinden. Denn die Kommunisten glauben nicht an die Nazi-Version, dass Marinus van der Lubbe ein Einzeltäter ist. Sie glauben, dass die Nazis den Brand gelegt haben.

Klara wird, weil die Grenze bereits zu ist, als englische Journalistin eingeschleust. In Berlin beginnt sie mit ihren Ermittlungen. Schnell zweifelt sie daran, dass van der Lubbe die Tat allein begangen hat und sie erfährt immer mehr über van der Lubbe, das dem offiziellen Bild des geistig behinderten Täters widerspricht.

Unter dem Schatten des Todes“ ist der tolle dritte Kriminalroman mit Klara Schindler, in dem Robert Brack nah an den Fakten Ereignisse aus der Vergangenheit neu beleuchtet. In „Und das Meer gab seine Toten wieder“ ging es um den Selbstmord einer Hamburger Polizistin und die Machtkämpfe um die inzwischen vollkommen unbekannte weibliche Kriminalpolizei. In „Blutsonntag“ um den Altonaer Blutsonntag vom 17. Juli 1932, an dem die SA und SS, von der Polizei geschützt, durch das Arbeiterviertel marschierten. Dabei wurden 18 Menschen ermordet. Den Hamburgern könnte dieses Datum noch etwas sagen. Der Reichtstagsbrand und die umstrittene Frage der Täterschaft dürfte dagegen allgemein bekannt sein. Fast schon Schulwissen.

Letztes Jahr schrieb Bernward Schneider mit „Flammenteufel“ einen erschreckend langweiligen und schlecht konstruierten Kriminalroman über diese Tat. Dagegen hat Robert Brack mal wieder alles richtig gemacht und das Berlin des Jahres 1933 entsteht vor unserem geistigen Auge in all seinen Facetten. Und seine Erklärung, wer wie den Reichstagsbrand legte, ist eine sehr nachvollziehbare Spekulation. Damit unterscheidet er sich, wie er in seinem Nachwort sagt, nicht von den wissenschaftlichen Arbeiten der Historiker: „alle Historiker, die sich damit befasst haben, entlarven sich früher oder später als Geschichtenerzähler.“

Unter dem Schatten des Todes“ ist ein feiner historischer Kriminalroman. Etwas anderes hätte ich von Robert Brack auch nicht erwartet.

Robert Brack: Unter dem Schatten des Todes

Nautilus, 2012

224 Seiten

12,90 Euro

Hinweise

Homepage von Robert Brack

Meine Besprechung von Robert Bracks „Schneewittchens Sarg“ (2007)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Und das Meer gab seine Toten wieder” (2008)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Psychofieber” (1993, Neuausgabe 2008)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Blutsonntag“ (2010)

 


Kurzkritik: Für Janet Evanovich ist jetzt „Kuss mit lustig“

Februar 22, 2012

Das Magazin „People“ schreibt, die Stephanie-Plum-Romane hätten den selben Suchteffekt wie Kartoffelchips. Das stimmt schon. Aber „Kuss mit lustig“, der neueste Roman mit der leicht chaotischen Kopfgeldjägerin Stephanie Plum, ist auch so nahrhaft wie eine Tüte Kartoffelchips.

In ihrem vierzehntem Auftritt (weshalb der Originaltitel auch „Fearless Fourteen“ ist. Bei uns hat man nach „Aller guten Dinge sind vier“ mit den nummerierten Titeln aufgehört.) muss Stephanie Plum auf einen Teenager, dessen Mutter sie ins Gefängnis brachte und der keine anderen Verwandten hat, die ihn aufnehmen wollen, der sich aber mit Spraydosen und Computerspielen gut selbst beschäftigen kann, und eine alternde Sängerin mit erhöhtem Alkoholkonsum, die in Trenton, New Jersey, ein großes Konzert geben will, aufpassen. Weil das Gerücht umgeht, dass in dem Haus ihres Freundes, dem Polizisten Joe Morelli, die Millionenbeute von einem Banküberfall versteckt ist, hat sie wegen der vielen Schatzsucher, die sich einen Dreck um Morellis Eigentum scheren, auch nachts keine Ruhe und eigentlich sind damit genug Plots vorhanden, um ein veritables Chaos anzurichten.

Aber das kommt dann doch arg betulich, nett und, trotz einiger Leichen und Explosionen, harmlos daher. Vor allem wenn man bedenkt, was für ein Feuerwerk an Gags und satirischen Spitzen Donald Westlake in seinem letzten Dortmunder-Roman „Get Real“ aus dem Zusammentreffen von Reality-TV und Wirklichkeit schlug. In „Kuss mit lustig“ versucht die Sängerin sich ziemlich erfolglos als Reporterin. Doch während bei Westlake und seinen Comic-Crime-Novels jeder Satz ein Treffer ist, plätschert in „Kuss mit lustig“ doch alles, bis zum überhasteten Schluss, sehr dahin. Das liest sich zwar schnell weg, aber, wie bei einer Tüte Kartoffelchips, die man wider besseren Wissens zu Ende isst, schwindet der Genuss, bei zunehmend schlechtem Gewissen, mit der Zahl der gegessenen Chips.

Im Kino startet am 19. April die Verfilmung des ersten Stephanie-Plum-Krimis „Einmal ist keinmal“ mit Katherine Heigl in der Hauptrolle. Die nette Komödie wäre als überbudgetierter Pilotfilm für eine TV-Serie sicher besser aufgehoben. Denn schon im Film überwiegen die seriellen Elemente und Seriencharaktere, die auch alle in „Kuss mit lustig“ dabei sind.

Janet Evanovich: Kuss mit lustig

(übersetzt von Thomas Stegers)

Goldmann, 2012

320 Seiten

8,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Manhattan, 2010

Originalausgabe

Fearless Fourteen

St. Martin’s Press, New York, 2008

Hinweise

Homepage von Janet Evanovich

Deutsche Homepage von Janet Evanovich

Krimi-Couch über Janet Evanovich

Wikipedia über Janet Evanovich (deutsch, englisch)

Thrilling Detective über Stephanie Plum

 


Sherlock Holmes löst „Das Geheimnis des weißen Bandes“

Februar 15, 2012

Sherlock Holmes auf allen Kanälen: im Kino mit einem Remmidemmi-Film, im Fernsehen mit einer grandiosen BBC-Serie, die im heutigen London spielt, in Comics im Kampf gegen Dracula, Dr. Jekyll und Mr. Hyde, und jetzt auch im Buch. Der enorm produktive Krimiautor Anthony Horowitz durfte, mit Erlaubnis des „Sir Arthur Conan Doyle Literary Estate“ den Sherlock-Holmes-Roman „Das Geheimnis des weißen Bandes“ schreiben und die Erben haben natürlich aufgepasst, dass Horowitz auch eine nahe am Original stehende Interpretation des Meisterdetektivs ablieferte. Also nichts mit IPhones, übernatürlichen Erscheinungen, postmodern-literarischen Anspielungen und ausufernden Kämpfen, sondern klassische Detektivarbeit, eine Wiederbegegnung mit vielen alten Bekannten (von Mrs. Hudson, Inspector Lestrade und Mycroft Holmes über die Baker-Street-Irregulären, eine Bande von Straßenjungs, die Holmes helfen, bis zu Professor Moriarty sind alle in dieser Geschichte dabei), die von Sherlock Holmes‘ Freund, Dr. John Watson, brav, Jahrzehnte später, aufgeschrieben wurde und dann, weil die Enthüllung des Geheimnisses des weißen Bandes für die damalige Zeit zu ungeheuerlich war, für hundert Jahre in einem Safe deponiert wurde.

Der Fall selbst beginnt für Sherlock Holmes und Dr. John Watson im November 1890, als der Kunsthändler Edmund Carstairs die Baker Street 221 B betritt. Er glaubt, dass Keelan O’Donaghue ihn von Boston nach London verfolgt hat und sich jetzt bei ihm für den Tod seines Bruders und ihrer Verbrecherbande rächen will. Diese hatte bei einem Zugüberfall vier wertvolle Gemälde, die Carstairs gehörten, zerstört und einen Mitarbeiter von Carstairs ermordet. Zusammen mit dem Käufer der Gemälde hatte Carstairs ein Kopfgeld auf die Verbrecher ausgesetzt, die auch kurz darauf in einem Feuergefecht starben. Nur die Leiche von Keelan O’Donaghue wurde nicht gefunden.

Kurz nach dem Gespräch bei Holmes wird bei Carstairs‘ eingebrochen und sein Safe ausgeräumt. Mit Hilfe der Baker-Street-Irregulären findet Sherlock Holmes O’Donaghue in einem Hotel. Allerdings wurde er vor dem Eintreffen von Holmes und Watson bereits ermordet und der Straßenjunge Ross, der den Mörder wahrscheinlich gesehen hat, schweigt.

Als Ross umgebracht wird, wird für Holmes der Fall persönlich. Denn er fühlt sich sich für den Tod des Jungen mitverantwortlich. Und selbstverständlich ignoriert er die Warnung von seinem Bruder Mycroft, der ungefähr jedes Regierungsgeheimnis kennt und der, nachdem er sich nach dem House of Silk erkundigte, in Whitehall bei einem engen Mitarbeiter des Premierministers eine Audienz hatte. Mycroft rät Holmes, sich nicht weiter um den Mord an dem Straßenjungen zu kümmern und keine weiteren Nachforschungen über das House of Silk, das etwas mit den Verbrechen zu tun hat, anzustellen.

Das Geheimnis des weißen Bandes“ lebt natürlich zu einem großen Teil von unseren Erinnerungen an Sherlock Holmes. Deshalb treten auch, bis auf Irene Adler, alle bekannten und inzwischen für den Sherlock-Holmes-Kosmos kanonisierten Charaktere, auch wenn sie in den Geschichten von Sir Arthur Conan Doyle gar nicht so viele Auftritte hatten, auf. So ist der Auftritt von Professor Moriarty, dem Meisterverbrecher und Gegner von Sherlock Holmes, für diese Geschichte eine vernachlässigbare Episode, aber für die Holmes-Welt natürlich sehr wichtig. Die beiläufig eingestreuten Hinweise von dem Erzähler John Watson auf andere Fälle von Sherlock Holmes, erfreuen das Herz des Fans. Und das viktorianische London wird wieder lebendig.

Diese Erinnerungen verwebt Anthony Horowitz geschickt mit zwei Fällen, nämlich dem Einbruch bei den Carstairs‘ und dem Tod des Straßenjungen Ross, die zunächst nichts miteinander zu tun haben und am Ende doch miteinander zusammen hängen. Das ist eine unterhaltsame Lektüre, die mich wieder daran erinnert, dass ich mir die Sherlock-Holmes-Geschichten von Sir Arthur Conan Doyle noch einmal und im Original durchlesen will.

Anthony Horowitz: Das Geheimnis des weißen Bandes

(übersetzt von Lutz-W. Wolff)

Insel Verlag, 2011

352 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

The House of Silk

Orion, London 2011

Hinweise

Homepage von Anthony Horowitz

Homepage von Sir Arthur Conan Doyle (Erben)

Krimi-Couch über Sir Arthur Conan Doyle

Kirjasto über Sir Arthur Conan Doyle

Wikipedia über Sir Arthur Conan Doyle (deutsch, englisch)

Sherlockian.net (Einstiegsseite mit vielen Links)

Facebook-Seite der deutschen Sherlock-Holmes-Gesellschaft

Thrilling Detective über Sherlock Holmes

Meine Besprechung von Arthur Conan Doyles “Sherlock Holmes Geschichten”, “Sherlock Holmes Kriminalgeschichten” und “The Adventures of Sherlock Holmes” (und hier eine Auflistung der in diesen Werken enthaltenen Geschichten)

Meine Besprechung von Ian Edginton (Autor)/Davide Fabbris (Zeichner): Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies! (Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies, 2010)

Meine Besprechung von Ian Edginton (Autor)/Horacio Domingues/Davide Fabbris (Zeichner) „Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Dracula“ (Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Jekyll/Hyde; Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Dracula, 2010/2011)

Meine Besprechung von „Sherlock: Ein Fall von Pink“ (A Study in Pink)

Meine Besprechung von „Sherlock: Eine Legende kehrt zurück“ (Sherlock, GB 2010)

Meine Besprechung von Guy Ritchies „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“ (Sherlock Holmes: A Game of Shadows, USA 2011)

Sherlock Holmes in der Kriminalakte

 


Neu im Kino/Filmkritik: Wer ist der Maulwurf? Oder „Dame, König, As, Spion“

Februar 1, 2012

Als vor etwas über zwanzig Jahren der Kalte Krieg mit einer Implosion des Ostblocks endete, verschwand auch der Spionagethriller von der Bildfläche. Denn jetzt konnten keine fantastischen Abenteuer von tapferen Westagenten, die die bösen Kommunisten besiegten, mehr geschrieben werden. Inzwischen gibt es, die Geheimdienste wurden ja auch nicht aufgelöst, zwar neue Spionagethriller, aber die alten Fronten und Gegner sind unwiderbringlich verschwunden. Die Themen sind geblieben.

 

Die Welt der Spione in meinen Büchern ist eine Metapher für die große Welt, in der wir alle leben. Wir beschummeln einander, belügen uns selbst, erfinden kleine Geschichten und schauspielern uns durchs Leben. Im Berufsleben, in der ganz normalen Welt ist das doch nicht viel anders. Ich glaube, dass ‚Dame, König, As, Spion‘ auch darum bis heute seine Wirkung nicht verfehlt. Als ich das Buch schrieb, wollte ich diese Universalität des Stoffes ausschöpfen und traf offenbar einen Nerv. Die Menschen wollten ihr Leben widergespiegelt sehen im Kontext einer Verschwörung. Das ist ein wiederkehrendes Muster zwischen den Menschen und den Institutionen, die sie erschaffen.

John le Carré

 

Jetzt hat Tomas Alfredson mit „Dame, König, As, Spion“, nach dem Roman von John le Carré, einen Agententhriller gedreht, der einerseits tief verwurzelt in den siebziger Jahren ist und andererseits aktueller kaum sein könnte. Denn die Welt der Geheimagenten, ihre Paranoia und ihre komplizierten Komplotte unterscheiden sich kaum von der Welt der globalen Konzerne und der Industriespionage. Damals wie heute geht es um Loyalität, Vertrauen und den Missbrauch von Vertrauen.

Denn in „Dame, König, As, Spion“ vermutet Control (John Hurt), dass es im Geheimdienst MI6 einen Maulwurf gibt. Er schickt 1973 Jim Prideaux (Mark Strong) in geheimer Mission nach Budapest. Dort soll ihm ein Überläufer verraten, wer im englischen Geheimdienst in führender Position für den KGB arbeitet. Aber das Treffen ist eine Falle. Prideaux wird erschossen. In London wird Control nach dieser fehlgeschlagenen und nicht genehmigten Aktion entlassen. Mit ihm muss sein engster Vertrauter, George Smiley (Gary Oldman), den Circus, wie der MI6 intern genannt wird, verlassen.

Kurz darauf wird Smiley zurückgerufen. Denn der zuständige Minister glaubt inzwischen, dass der Maulwurf keine paranoide Idee von Control war, sondern dass es ihn wirklich gibt. Smiley soll ihn finden. Zusammen mit Peter Guillam (Benedict Cumberbatch) beginnt er sich durch die alten Akten zu wühlen.

Verdächtigt werden von George Smiley der neue Circus-Chef Percy Alleline (Toby Jones), Einsatzleiter Bill Haydon (Colin Firth) und die hochrangigen Mitarbeiter Roy Bland (Ciarán Hinds) und Toby Esterhase (David Dencik).

Wie Alfredson dann diese Ermittlungen mit seinem Topensemble, nach einem straffen Drehbuch von Bridget O’Connor und Peter Straughan (der zuletzt in „Eine offene Rechnung“ bewies, dass er souverän seine Geschichte auf verschiedenen Zeitebenen erzählen kann), erzählt, ist großes und großartiges Kino. Die Drehbuchautoren haben sehr geschickt den doch etwas länglichen und teils eher verwirrend zu lesenden Roman von le Carré in eine stringente Form gebracht und sie erzählen die Wer-ist-der-Täter-Geschichte souverän zwischen der Filmgegenwart und der Vergangenheit wechselnd, die sich teils aus den Akten, teils aus den Erinnerungen von George Smiley und den Erzählungen von anderen Agenten in vielen Rückblenden zusammensetzt. Hoyte van Hoytema, der mit Alfredson bereits bei „So finster die Nacht“ zusammenarbeitete, fand dafür Bilder, die die Vergangenheit in all ihrer Banalität und auch Tristesse heraufbeschwört. Glamourös ist hier nichts.

Mit „Dame, König, As, Spion“ entführt Tomas Alfredson in die siebziger Jahre, die wahrscheinlich mehr nach den Siebzigern aussehen, als die Siebziger jemals nach den Siebzigern ausgesehen haben. Diese Brauntöne, die Farblosigkeit, das Vermuffte, die zu vollen Räume mit ihren Akten, die nur leicht modernisierten, funktionalen Vorkriegsbauten, die zeitlosen Anzüge, die wenigen Frauen, die nur als Sekretärinnen und Gespielinnen vorkommen, – das alles sind Bilder aus einer lange vergangenen Zeit, als die Geheimdienste sich noch als Vorkämpfer im Klassenkampf sahen. Und doch gab es immer Doppelagenten und Überläufer, wie Kim Philby, der Leiter der Gegenaufklärung des Britischen Geheimdienstes und zeitweiliger Anwärter für den Chefposten.

Durch die Inszenierung und auch wie einige Themen aus John le Carrés Roman im Film verstärkt werden, wird eine Brücke zur Gegenwart geschlagen. Denn die Welt des Circus ähnelt der Welt der Konzerne, in denen auch unklar ist, wer für wen arbeitet, gegeneinander intrigiert wird, Leute abgeworben werden und alle mit einer gehörigen Portion Paranoia arbeiten.

Und in der Männerwelt des Circus gibt es zwar Homosexualität, aber es wird nicht darüber geredet. Auch le Carré sagt es in seinem Roman nur in einigen, fast schon kryptischen Halbsätzen. Alfredson wird da in den Bildern, wenn ein Agent schnell seine Beziehung zu einem anderen Mann beendet oder am Ende des Films, deutlicher.

Deshalb hat mir Tomas Alfredsons „Dame, König, As, Spion“ als eigenständige, aber auch werktreue Interpretation des Romans viel besser als die Vorlage gefallen hat.

Die siebenteilige BBC-Verfilmung von 1980 mit Alec Guinness in der Hauptrolle, die ich noch nicht kenne, ist ebenfalls ein Klassiker, der allerdings bei uns, soweit ich weiß, nur einmal vor so dreißig Jahren gezeigt wurde und auch noch nicht auf DVD veröffentlicht wurde. Immerhin kann man sich die englische DVD leicht für wenig Geld besorgen.

 

 

Dame, König, As, Spion (Tinker, Tailor, Soldier, Spy, Großbritannien/Frankreich/Deutschland 2011)

Regie: Tomas Alfredson

Drehbuch: Bridget O’Connor, Peter Straughan

mit Gary Oldman, Colin Firth, Tom Hardy, John Hurt, Toby Jones, Mark Strong, Benedict Cumberbatch, Ciarán Hinds, David Dencik, Simon McBurney, Kathy Burke, Stephen Graham, Svetlana Khodchenkova, John le Carré (Komparse bei der MI6-Silvesterfeier; also genau aufpassen)

Länge: 127 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Vorlage

John le Carré: Tinker, Tailer, Soldier, Spy

Hodder and Stoughton, 1974

Deutsche Übersetzung von Rolf und Hedda Soellner

Kiepenheuer und Witsch, Köln, 1974

Seitdem erschien der Roman in zahlreichen Neuausgaben bei verschiedenen Verlagen.

Die aktuelle Ausgabe

John le Carré: Dame, König, As, Spion

(übersetzt von Rolf und Hedda Soellner)

(mit einem 1991 geschriebenem Vorwort von John le Carré, übersetzt von Werner Schmitz)

List, Berlin 2012

416 Seiten

9,99 Euro

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Wikipedia über die Verfilmung „Dame, König, As, Spion“ (deutsch, englisch)

Film-Zeit über „Dame, König, As, Spion“

Rotten Tomatoes über „Dame, König, As, Spion“

Homepage von John le Carré

Meine Besprechung von John le Carrés „Geheime Melodie“ (The Mission Song, 2006)

Meine Besprechung von John le Carrés “Marionetten (A most wanted man, 2008)

Meine Besprechung von John le Carrés „Verräter wie wir“ (Our kind of traitor, 2010)

John le Carré in der Kriminalakte

 

 


„Out of sight“ ist wieder in sight

Januar 30, 2012

Wer in den vergangenen Jahren, immer, wenn George Clooney sich in der stilvollen Krimikomödie „Out of sight“ in Jennifer Lopez verliebte, fragte, was davon bereits in dem Roman „Out of sight“, auf dem der Steven-Soderbergh-Film basiert, steht, kann sich jetzt die neue Ausgabe des Krimis besorgen.
Über die Geschichte muss wohl nicht viel gesagt werden: bei einem Gefängnisausbruch verliebt der Bankräuber Jack Foley sich, während sie gemeinsam im Kofferraum liegen, in Deputy US Marshall Karen Sisco. Foley will später noch ein großes Ding drehen. Sisco will ihn schnappen. Denn Verbrecher gehören hinter Gitter. Auch wenn sie außergewöhnlich charmant sind.
Karen Sisco trat auch in der Kurzgeschichte „Karen makes out“ auf und es entstand eine kurzlebige TV-Serie, die anscheinend sogar ziemlich gut ist, aber niemals bei uns gezeigt wurde.
Jack Foley trat 2009 in dem außergewöhnlich schwachen „Road Dogs“, der sich unmmittelbar an „Out of sight“ anschließt, wieder auf. In dem Krimi erzählt Elmore Leonard, wie Foley (der sich jetzt an dem von George Clooney gespieltem Foley orientiert) dieses Mal aus dem Knast entkommt und was danach geschieht.
Doch zurück zur Neuauflage von „Out of sight“. Sie unterscheidet sich nicht von den vorherigen Ausgaben. Wer also bereits „Zuckerschnute“ (so hieß die Erstausgabe) oder „Out of sight“ (so hieß dann die Filmausgabe) in seinem Regal stehen hat, muss nicht zuschlagen.
Alle anderen sollten sich diesen Elmore-Leonard-Klassiker schleunigst besorgen.

Elmore Leonard: Out of sight
(übersetzt von Jörn Inversen)
Suhrkamp, 2012
256 Seiten
8,99 Euro

Originalausgabe
Out of sight
Delacorte Press, New York 1996

Deutsche Erstausgabe
Zuckerschnute
Goldmann, 1998

Spätere Auflagen, wegen des Films, unter „Out of sight“

Verfilmung
Out of sight (Out of sight, USA 1998)
Regie: Steven Soderbergh
Drehbuch: Scott Frank
mit George Clooney, Jennifer Lopez, Ving Rhames, Don Cheadle, Dennis Farina, Luis Guzman

Hinweise

Homepage von Elmore Leonard

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Dschibuti“ (Djibouti, 2010)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Djibouti“ (2010)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Road Dogs“ (Road Dogs, 2009)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Up in Honey’s Room“ (2007)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Gangsterbraut“ (The hot Kid, 2005)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Callgirls“ (Mr. Paradise, 2004)

Mein Porträt „Man nennt ihn Dutch – Elmore Leonard zum Achtzigsten“ erschien im „Krimijahrbuch 2006“

Meine Besprechung der Elmore-Leonard-Verfilmung „Sie nannten ihn Stick“ (Stick, USA 1983)

Meine Besprechung der Elmore-Leonard-Verfilmung „Killshot“ (Killshot, USA 2008)

Elmore Leonard in der Kriminalakte


Kurzhinweis: Der „Mythos ‚Der Pate’“ in der Analyse

Januar 25, 2012

Ach, herrje, da erhebe ich nacheinander alle drei „Der Pate“-Filme von Francis Ford Coppola zum TV-Tipp des Tages und vergesse, auch nur einmal auf den von Norbert Grob, Bernd Kiefer und Ivo Ritzer herausgegeben Sammelband „Mythos ‚Der Pate‘ – Francis Ford Coppolas Godfather-Trilogie und der Gangsterfilm“ hinzuweisen.
In dem Sammelband wird sich aus verschiedenen Perspektiven dem Film (naja, genaugenommen sind es drei Filme, die 1972, 1974 und 1990 entstanden) und seinem Einfluss auf den Gangsterfilm (vor allem natürlich den des ersten und auch des zweiten „Der Pate“-Films) gewidmet. Es geht um die Mafia im italienischen Film, die echte Mafia und die „Der Pate“-Filme, über die Kameraarbeit von Gordon Willis, den „Paten“ und die amerikanische Geschichte, den Einfluss von „Der Pate“ auf die Filme von Abel Ferrara, Martin Scorsese, Sergio Leone und Brian De Palma, die Auferstehung vom „Paten“ im Videospiel und einen Vergleich zwischen der Kino- und der von Coppola aus den ersten beiden „Der Pate“-Filmen und zusätzlichen Szenen erstellten TV-Fassung, in der die Geschichte der Familie Corleone chronologisch erzählt wird. Das ist, wie immer bei Bertz + Fischer, reichhaltig illustriert. Es wurde sogar eine 16-seitige farbige Fotostrecke spendiert.
Herz, was begehrst du mehr? Außer vielleicht einige ungestörte Stunden für die Lektüre.
Aber davon abgesehen ist „Mythos ‚Der Pate’“ in den legendären Worten eines Katzenliebhabers, ein Angebot, das Sie nicht ablehnen können.

Norbert Grob/Bern Kiefer/Ivo Ritzer (Herausgeber): Mythos ‚Der Pate‘ – Francis Ford Coppolas Godfather-Trilogie und der Gangsterfilm (Deep Focus 10)
Bertz + Fischer, 2011
208 Seiten
19,90 Euro

Hinweise

Wikipedia über „Der Pate“ (deutsch, englisch)

Homepage von Mario Puzo

Wikipedia über Mario Puzo (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über Mario Puzo

Kirjasto über Mario Puzo

Kaliber.38 über Mario Puzo

Time: Mario-Puzo-Titelgeschichte (28. August 1978 – mit einem schönen Titelbild)

Meine Besprechung von Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“/“Apocalypse Now Redux“ (Apocalypse Now, USA 1979)

Meine Besprechung von Mario Puzos „Sechs Gräber bis München“ (Six Graves to Munich, 1967)

Meine Besprechung von Ivo Ritzers „Fernsehen wider die Tabus“ (2011)


„Filme der 2000er“ wagt einen Rückblick auf das letzte Filmjahrzehnt

Januar 23, 2012

„Filme der 2000er“ setzt die schöne Buchreihe des Taschen Verlags fort, in der die wichtigsten Filme eines Jahrzehnts in einem Buch in kurzen Besprechungen, pro Film einem Triviakasten mit zusätzlichen Information über den Regisseur oder einen Schauspieler und, selten, über etwas Filmtechnisches und vielen, oft unbekannteren Filmbildern, auf um die sechs Seiten zusammengefasst werden. Die opulente Aufmachung lädt zum Blättern und Schwelgen in Erinnerungen ein. Langjährige Filmfans werden freilich, weil sie die Filme meist schon kennen, wenig neues entdecken. Jüngere können sich anhand der „Filme der XYer“ ein solides Filmwissen aufbauen.
Aber während es für frühere Jahrzehnte bereits einen etablierten Kanon gibt, auch weil man die historische Bedeutung eines Films erst mit etwas Abstand einschätzen kann, hat Herausgeber Jürgen Müller jetzt, fast ohne zeitlichen Abstand, in „Filme der 2000er“ auf über achthundert Seiten mit 139 Filmen einen Rückblick auf des vergangene Jahrzehnt, das für das Kino einen großen Umbruch bedeutete, gewagt.
Wie immer wurde versucht zwischen Hollywood-Kino, Kassenschlagern, Arthaus-Kino und dem nationalen Blick einen Kompromiss zu finden, der auch dieses Mal weitgehend gelungen ist. Dabei wurden nur Filme aufgenommen, die auch in Deutschland im Kino liefen; – was insofern wichtig ist, weil in den vergangenen Jahren immer mehr wichtige Filme nur auf DVD veröffentlicht werden, wozu viele französische Kriminalfilme und, obwohl sie etwas schmuddelig für die „Filme der XYer“-Reihe sind, Horrorfilme zählen, und das Fernsehen, vor allem im Serienbereich, immer wichtiger wurde. Gleichzeitig, obwohl diese Entwicklung noch nicht abschätzbar ist, wird das Internet und die damit verbundenen neuen Vertriebswege immer wichtiger.
Natürlich sind die großen Kassenerfolge, wie „Harry Potter“, „Der Herr der Ringe“, „Fluch der Karibik“, „Das Bourne Ultimatum“, „Spider-Man“, „Iron Man“, „The Dark Knight“ und „Avatar“ enthalten. Auch viele, oft mit zahlreichen Preisen überhäufte, Kritikerlieblinge und Publikumslieblinge, mehr natürlich Richtung publikumswirksames Arthaus-Kino und traditionelles Erzählkino, sind drin. Zum Beispiel die grandios deprimierende Daniel-Woodrell-Verfilmung „Winter’s Bone“, „Black Swan“ und „The King’s Speech – Die Rede des Königs“. Aus Frankreich sind „8 Frauen“, „Die fabelhafte Welt der Amelie“, „Ein Prophet“ und „Carlos – Der Schakal“ (wobei die Lang- oder TV-Fassung eindeutig besser ist) dabei.
Aus Deutschland gibt es „Das Leben der anderen“, „Der Baader Meinhof Komplex“, „Yella“ und den Überraschungserfolg „Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte“.
Von einigen Regisseuren wie Pedro Almodovar, Joel & Ethan Coen, David Fincher, Michael Mann, Jason Reitman und Quentin Tarantino wurde fast jeder Film aufgenommen, was dann doch vielleicht etwas zu viel der Liebe ist.
Denn einige wichtige Regisseure wurden teils erstaunlich wenig beachtet. Bei Woody Allen beschränkte man sich mit „Match Point“ und „Vicky Cristina Barcelona“ auf die offensichtliche Wahl. Ebenso bei Clint Eastwood mit „Million Dollar Baby“ und „Gran Torino“. „Mystic River“ fehlt dagegen. Steven Spielberg und Martin Scorsese sind mit nur je einem Film vertreten. Erstgenannter mit „München“, zweitgenannter mit „Departed – Unter Feinden“ (einem Remake des hier nur auf DVD erschienenen Hongkong-Cop-Thrillers „Infernal Affairs“), was so konsensfähig, wie wenig aufregend ist, aber dazu führt, dass „Gangs of New York“ und „Aviator“ fehlen.
Es gibt auch seltsame Entscheidungen wie die Aufnahme von den doch eher belanglosen Komödien „Ricky Bobby – König der Rennfahrer“, „Hangover“ und „Stichtag“. Auch „State of Play – Stand der Dinge“ (nach einer TV-Serie) und „Barney’s Version“, die mir zwar gefallen haben, scheinen mir durch die Aufnahme in das Buch doch etwas überbewertet zu sein.
Dafür fehlen Alexander Paynes „Sideways“, Patty Jenkins‘ Serienkillerbiographie „Monster“ mit der Oscar-prämierten Charlize Theron, Robert Altmans „Gosford Park“, Tod Williams‘ John-Irving-Verfilmung „The Door in the Floor“ und Antoine Fuquas „Training Day“.
Aber insgesamt ist die Auswahl in Ordnung und, gerade auch wegen der seltsamen Entscheidungen, gibt „Filme der 2000er“ einen gelungenen Rückblick auf die letzten zehn Kinojahre.

Jürgen Müller (Herausgeber): Filme der 2000er
Taschen, 2011
864 Seiten
29,99 Euro

Hinweise
Taschen über „Filme der 2000er“ (mit einem Blick ins Buch und der Liste der präsentierten Filme)

Universitätshomepage von Jürgen Müller


„Chew“: Sättigend, mit Fleisch und „Eiskalt serviert“

Januar 21, 2012

Der Originaltitel des dritten „Chew“-Sammelbandes „Just Desserts“ ist treffender als der deutsche Titel „Eiskalt serviert“. Denn Autor John Layman und Zeichner Rob Guillory (ein Interview mit ihm ist im Buch enthalten) servieren dieses Mal fünf kurze Geschichten, die alle gut schmecken, aber eher Episoden aus dem Polizeialltag und, hm, Leben von Tony Chu, John Colby und Amelia Mintz erzählen, die in einer nahen Zukunft spielen, in der nach einer Seuche der Verzehr von Fleisch, vor allem Hühnerfleisch, verboten ist. Selbstverständlich hat sich schnell ein florierender Schwarzmarkt entwickelt und die Lebensmittelaufsicht (FDA) jagt die Fleischesser. Dafür hat sie mehr Kompetenzen als das FBI und der Heimatschutz zusammen. Die FDA ist die mächtigste Exekutivbehörde der Welt.
Tony Chu ist einer ihrer Ermittler und Cibopath. Er kann in eine Banane beißen und bekommt ein Gefühl dafür, von welchem Baum die Banane stammt, welches Pestizid verwendet und wann sie geerntet wurde. Meistens muss er allerdings andere Dinge essen und so die Ermittlungen verkürzen.
Seine Freundin Amelia Mintz ist Saboskripterin. Die Journalistin kann Essen so anschaulich beschreiben, dass die Leser beim Lesen ihres Artikels das Essen schmecken können.
Chews Kollege John Colby ist ein ganz normaler Mensch, der gerne Fleisch isst und nur noch ein halbes Gesicht hat. Die andere Hälfte wurde von Ärzten wieder hergerichtet. Jetzt sieht er aus wie der Terminator und sein Ermittlungsansatz ist meist ähnlich geradlinig.
In „Eiskalt serviert“ müssen Tony und John herausfinden, wer in einem Stall den Sohn eines Senators und Öko-Terroristen ermordete und ihm einen Grauschwanzzwergmarder (ganz oben auf der Liste der bedrohten Arten) in den Mund stopfte. Die Spur führt zu einem Feinschmeckerclub, auf dessen seltenen Dinners bevorzugt bedrohte Tierarten verspeist werden. In einer anderen Geschichte tauchen Tony und sein Kollege John in die Welt der selbstverständlich vollkommen verbotenen Hahnenkämpfe ab.
Sie wollen das Geheimnis von „Poultplus“, einem Hühnchenersatz von Montero Industries, herausfinden. Nach einem Bissen weiß Tony, dass „Poultplus“ kein Chicken, sondern Fricken (was etwas ziemlich kloakiges ist) ist.
Der vom cibopathischen Partner zum Erzfeind mutierte Mason Savoy taucht auch wieder auf. Und auf den letzten Seiten von „Eiskalt serviert“ lernen wir die große Familie von Tony Chu kennen.
Während Chew absolut humorfrei ist, haben wir in den ziemlich absurden Geschichten einiges zu lachen. Allein schon das erste Panel, in dem Tony und Amelia mit blutverschmierter Kleidung in einem reichlich demolierten Edelrestaurant stehen und er sagt „Äh. Nicht gerade ein gewöhnliches erstes Date, was?“, ist offensichtlich, dass für spritzige Unterhaltung gesorgt ist. Auch wenn es „Just Desserts“ sind.
Sehr gut haben mir auch die Filmplakate für „Pullet Fiction“ und „Reservoir Chogs“ gefallen.

John Layman/Rob Guillory: Chew – Bulle mit Biss: Eiskalt serviert (Band 3)
(übersetzt von Marc-Oliver Frisch)
Cross Cult 2011
128 Seiten
16,80 Euro

Originalausgabe
Chew Vol. 3: Just Desserts
Image, 2010
(enthält Chew # 11 – 15)

Hinweise

Homepage von Chew/John Layman

Comicgate: Interview mit John Layman (5. März 2011)

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss: Leichenschmaus (Band 1)“ (Chew Vol. 1: Taster’s Choice, 2009)

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss: Reif für die Insel (Band 2)“ (Chew: International Flavor, 2010)


Sherlock Holmes, die „Losers“, John Constantine und Deathlok im Kampf gegen das Böse

Januar 17, 2012

Von Ian Edgintons erster Sherlock-Holmes-Geschichte „Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies“ war ich etwas enttäuscht. Sherlock Holmes kämpft gegen Zombies. Das ist ja noch okay. Aber dass er als ultimative Lösung gegen die Zombie-Plage London einfach abfackeln lässt, widerspricht dann doch meiner Vorstellung von einem Meisterdetektiv bei der Arbeit.
In dem zweiten „Victorian Undead“-Sammelband lässt Edginton das von Sir Arthur Conan Doyle erfundene und heute wieder sehr populäre Ermittlerduo Sherlock Holmes und Dr. John Watson auf andere literarische Charaktere treffen, die ungefähr zur gleichen Zeit die literarische Bühne betraten und immer noch bekannt sind: Dr. Jekyll und Mr. Hyde (erfunden von Robert Louis Stevenson) und Graf Dracula (erfunden von Bram Stoker).
Diese Idee ist, vor allem nach Alan Moores „The League of Extraordinary Gentlemen“ (Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen), nicht mehr unbedingt neu, aber sie funktioniert  hier prächtig. In „Sherlock Holmes vs Jekyll/Hyde“ (gezeichnet von Horacio Domingues) entsteht so auch ein veritabler Rätselplot. Denn niemand kennt diesen seltsamen Mr. Hyde, der sich bei Dr. Jekyll eingenistet hat. In der deutlich längeren Geschichte „Sherlock Holmes vs. Dracula“ (gezeichnet von Davide Fabbri) wird Sherlock Holmes, weil natürlich alle aus Stokers „Dracula“-Roman bekannten Charaktere auftreten müssen, fast zu einer Randfigur. Dem Vergnügen bereitet das keinen Abbruch. Außerdem will diese Inkarnation von Graf Dracula nicht nur einige Frauen beißen, sondern gleich die Königin.

Ian Edginton (Autor)/Horacio Domingues/Davide Fabbri (Zeichner): Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Dracula
(übersetzt von Gerlinde Althoff)
Panini, 2011
144 Seiten
16,95 Euro

Originalausgabe
Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Jekyll/Hyde
Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Dracula, # 1 – 5
DC Comics, 2010/2011

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“

Rotten Tomatoes über „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“

Wikipedia über „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“ (deutsch, englisch)

Homepage von Sir Arthur Conan Doyle (Erben)

Krimi-Couch über Sir Arthur Conan Doyle

Kirjasto über Sir Arthur Conan Doyle

Wikipedia über Sir Arthur Conan Doyle (deutsch, englisch)

Sherlockian.net (Einstiegsseite mit vielen Links)

Facebook-Seite der deutschen Sherlock-Holmes-Gesellschaft

Thrilling Detective über Sherlock Holmes

Meine Besprechung von Arthur Conan Doyles “Sherlock Holmes Geschichten”, “Sherlock Holmes Kriminalgeschichten” und “The Adventures of Sherlock Holmes” (und hier eine Auflistung der in diesen Werken enthaltenen Geschichten)

Meine Besprechung von Ian Edginton (Autor)/Davide Fabbris (Zeichner): Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies! (Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies, 2010)

Meine Besprechung von „Sherlock: Ein Fall von Pink“ (A Study in Pink)

Meine Besprechung von „Sherlock: Eine Legende kehrt zurück“ (Sherlock, GB 2010)

Meine Besprechung von Guy Ritchies „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“ (Sherlock Holmes: A Game of Shadows, USA 2011)

Sherlock Holmes in der Kriminalakte



Die „Losers“ sind, wie wir aus den vorherigen „The Losers“-Comics von Autor Andy Diggle und Zeichner Jock (und der  vergnüglichen Verfilmung) wissen, eine geheime CIA-Spezialeinheit, die nach einem Einsatz zum Abschuss freigegeben wurde, untergetaucht ist und sich jetzt an Max, dem geheimnisumwitterten CIA-Hintermann, der dafür den Befehl gab, rächen will.
Über einige Umwege haben die „Loser“, wie sie sich selbst sehr selbstironisch nennen, die Spur von Max nach London geführt. Dort vermuten sie bei der Cayman Credit Internationale, einer Bank, die gegründet wurde, um Drogengeld der CIA für die Contras zu waschen, weitere Informationen über Max, der ein Hauptgesellschafter der CCI ist. Getarnt als Waffenhändler wollen sie die Bank betreten. Wollen heißt hier aber nicht unbedingt können und dass es einfach wird, hat auch niemand behauptet.
In „Anti-Heist“ geht’s dann auf einen Frachter, der dreihundert Pfund waffenfähiges Plutonium transportiert und den, wie die Loser natürlich erst auf dem Schiff erfahren, Max zu einer schmutzigen Bombe umfunktionieren will. Zweihundert Meilen westlich der Azoren, also mitten auf Hoher See, müssen sie gegen die Schergen von Max kämpfen.
Die beiden Geschichten „London Calling“ (gezeichnet von Ben Oliver) und „Anti-Heist“ (gezeichnet von Jock) sind feines Action-Futter. Die Serie bewegt sich mit ihnen langsam auf die Zielgerade. Denn mit dem fünften „The Losers“-Sammelband endet die Geschichte.

Andy Diggle (Autor)/Jock/Ben Oliver (Zeichner): The Losers: London Calling (Band 4)
(übersetzt von Bernd Kronsbein)
Panini, 2011
144 Seiten
16,95 Euro

Originalausgabe
The Losers: Vol. 20 – 25
Vertigo/DC Comics, 2005

Hinweise

Homepage von Andy Diggle

Blog von Andy Diggle

Homepage von Jock

Meine Besprechung von Andy Diggle/Jocks „The Losers: Goliath – Band 1“

Meine Besprechung von Andy Diggle/Jock/Shawn Martinbroughs „The Losers: Die Insel – Band 2“

Meine Besprechung von Andy Diggle/Jock/Nick Dragotta/Alé Garza: The Losers: Der Pass, Band 3 (The Losers 13 – 19, 2005)


Nach dem Ende von „The Losers“ schrieb Andy Diggle, nach Alan Moore, Mike Carey, Garth Ennis, Brian Azzarello und Denise Mina, für „John Constantine, Hellblazer“ mehrere Geschichten. Die erste Hälfte seiner „Hellblazer“-Geschichten ist jetzt in „Spritztour“ erschienen.
John Constantine ist, hm, das Oberhaupt des britischen Untergrundokkultismus, Meister des Übernatürlichen, Kettenraucher, die Punk-Ausgabe eines Hardboiled-Detektivs und jetzt, nach einigen unschönen Ereignissen, die in den vorherigen „Hellblazer“-Heften erzählt wurden, ganz unten.
Auf den ersten Seiten von „Spritztour“, in „Ins kalte Wasser“, kniet Constantine, an einen Pfahl gefesselt, in brackigem Flusswasser vor einem Unbekannten, der ihn mit einer Pistole bedroht und man glaubt in Leonardo Mancos Zeichnung den Gestank des Flusses zu riechen. Von da an kann es für Constantine nur noch aufwärts gehen.
In diese missliche Lage ist er gekommen, weil ein im Knast sitzender Gangsterboss glaubt, dass Constantine seine Tochter ermordet hat.
Nachdem er sich befreit hat, macht er sich auf den Weg in ein einsam gelegenes Casino, das eine geheimnisvolle Vergangenheit hat. Jedenfalls will er sein altes Zimmer aus der Zeit haben, als das Casino noch kein Hotel war, und am Spieltisch setzt er durch, dass auf den Höchsteinsatz verzichtet wird.
Für sich betrachtet sind die miteinander verknüpften Geschichten in „Spritztour“ (die mit einem Cliffhanger enden) feine noir-infizierte Geschichten, bei denen allerdings, im Kontext einer seit über zwanzig Jahren erscheinenden monatlichen Comicserie, etwas seltsam ist, dass John Constantine mit dem Verlust seiner Position auch seine gesamtes Wissen verloren hat. Denn die Geschichten funktionieren nur, weil Constantine sich doch arg naiv verhält und so in einige Fallen tappt, in die ein erfahrener Troubleshooter nicht latschen dürfte.
Und natürlich ist Diggles John Constantine viel besser und cooler als Keanu Reeves in Francis Lawrences ziemlich missglückter und vergessener 2005er-Verfilmung „Constantine“. „Hellblazer“-Erfinder Alan Moore (Watchmen, V for Vendetta, From Hell) war, wieder einmal, nicht begeistert von der Hollywood-Bearbeitung seiner Geschichte und er setzte durch, dass sein Name im Abspann nicht genannt wird.

Andy Diggle (Autor)/Leonard Manco/Danijel Zezelj (Zeichner): John Constantine, Hellblazer: Spritztour  (Band 10)
(Vorwort von Stephen Gallagher)
(übersetzt von Gerlinde Althoff)
Panini 2011
244 Seiten
29,95 Euro

Originalausgabe
Hellblazer: Vol. 230 – 239
DC Comics 2008


Ich bin ja ein großer Charlie-Huston-Fan, aber dieser Ausflug in die Comicwelt ist ziemlich misslungen. In „Deadlock“ erzählt er eine vor allem verwirrende Geschichte aus einer von Konzernen beherrschten Zukunft, in der Cyborgs auf Schlachtfeldern gegeneinander kämpfen und die besten Soldaten millionenschwere Werbeverträge haben. Die Kämpfe sind das Feierabendvergnügen für ein Millionenpublikum.
Das knüpft natürlich an bekannte Dystopien wie „Rollerball“ und „Starship Troopers“, mit einem Schuss „Robocop“, an und ist auch mit einigen satirischen Spitzen und viel Gewalt abgeschmeckt. Aber Charlie Huston springt so besinnungslos zwischen den verschiedenen Erzählzeiten und Perspektiven hin und her, dass das Schicksal von Luther Manning, einem Soldaten, der nach einem tödlichem Unfall zu „Deathlok“ wurde kaum nachvollzogen werden kann.
„Deathlok: Der Zerstörer“ ist eine einzige große Enttäuschung.

Charlie Huston (Autor)/ Lan Medina (Zeichner): Deathlok: Der Zerstörer (MAX 41)
(übersetzt von Bernd Kronsbein)
Panini, 2011
180 Seiten
18,95 Euro

Originalausgabe
Deathlok: The Demolisher, Vol. 1 – 7
Marvel, Januar – Juli 2010

Hinweise

Pulp Noir: Homepage/Blog von Charlie Huston

Meine Besprechung von Charlie Hustons „Killing Game“ (The Shotgun Rule, 2007)

Meine Besprechung von Charlie Hustons „Das Clean-Team“ (The mystic arts of erasing all signs of death, 2009)

Meine Besprechung von Charlie Hustons „Bis zum letzten Tropfen“ (Every last drop, 2008)

Mein Interview mit Charlie Huston

Charlie Huston in der Kriminalakte


„Schlechter Einfluss“ für Zack Anderson in „Incognito“

Januar 13, 2012

Das grandiose Team Ed Brubaker (Autor) und Sean Phillips (Zeichner) hat sich wieder zusammengetan. Nach „Sleeper“ (und der dazu gehörigen Geschichte „Point Blank“), einem ausgewachsenen Paranoia-Thriller im Geheimagenten-Milieu mit Superheldeneinschlag, und „Criminal“, einer Reihe von unregelmäßig erscheinenden Noir-Geschichten, haben sie mit „Incognito“ eine dritte tolle Serie erfunden; wobei nach „Incognito: Stunde der Wahrheit“ noch unklar war, ob ein zweiter „Incognito“-Band folgt oder es eine in sich abgeschlossene Geschichte ist.
Jetzt ist dieser mit „Schlechter Einfluss“ erschienen. In der Story muss Zack Anderson, der als Superschurke Zack Overkill allgemein gefürchtet, danach im Zeugenschutzprogramm (das ihm gar nicht gefiel) war und jetzt bei S. O. S. (so eine Art Superpolizei) quasi zwangsrekrutiert (wie wir aus dem ersten „Incognito“-Band „Stunde der Wahrheit“ wissen) ist, sich wieder in die Unterwelt begeben. Denn S.-O.-S.-Agent Simon Slaughter ist während eines Undercover-Einsatzes in der Terrororganisation Level 9 bis in die Spitze aufgestiegen und anscheinend übergelaufen. Anderson soll ihn zurückholen.
Aber niemand vertraut ihm. Weder die S. O. S., die glaubt, dass er wieder zum Gangster wird, noch seine alten Freunde, die natürlich sein spurloses Verschwinden und das damit zusammenhängende Fehlen von „Overkill“-Taten bemerkt haben. Wem Zack vertrauen kann, weiß er auch nicht. Aber im Zweifelsfall nur sich selbst.
Brubaker/Phillips-Fans werden hier selbstverständlich vertraute Themen entdecken. In „Sleeper“ ging es ebenfalls um einen Undercover-Einsatz, die Frage der Loyalität, der eigenen moralischen Maßstäbe und wem man vertrauen kann. In „Criminal“, immerhin sind es Noir- und Unterweltgeschichten, geht es auch um Loyalitäten, Vertrauen und Verrat. Trotzdem gewinnt Ed Brubaker in „Schlechter Einfluss“ dem Thema wieder neue Facetten ab und das Ende ist, wie immer bei dem Team Brubaker/Phillips so hammerhart und zwiespältig, dass ich schon sehnsüchtig auf den dritten „Incognito“-Band warte. Denn ich will unbedingt wissen, wie das weitere Schicksal von Zack Anderson aussieht.

Ed Brubaker (Autor)/Sean Phillips (Zeichner): Incognito: Schlechter Einfluss (Band 2)
(mit einem Vorwort von Joe Hill)
(übersetzt von Claudia Fliege)
Panini, 2011
132 Seiten
16,95 Euro

Originalausgabe
Incognito: Bad Influences, Vol. 1 – 5
Basement Gang, Oktober 2010 – April 2011

Hinweise

Homepage von Ed Brubaker

Blog von Sean Phillips

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips” “Criminal 1 – Feigling” (Criminal 1: Coward, 2007)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Criminal 2 – Blutsbande” (Criminal 2: Lawless, 2007)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Criminal 3 – Grabgesang“ (Criminal 3: The Dead and the Dying, 2008)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Criminal 4 – Obsession“ (Criminal Vol. 4: Bad Night, 2009)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips‘ „Criminal 5 – Sünder“ (Criminal: The Sinners, 2010)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Colin Wilsons “Point Blank” (Point Blank, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Sleeper 1 – Das Schaf im Wolfspelz” (Sleeper: Out in the cold, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Sleeper 2 – Die Schlinge zieht sich zu” (Sleeper: All false moves, 2004)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Sleeper 3 – Die Gretchenfrage“ (Sleeper 3: A crooked line, 2005)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Sleeper 4 – Das lange Erwachen“ (Sleeper 4: The long walk home, 2005)

Meine Besprechung von Ed BrubakerSean Phillips’ „Incognito 1 – Stunde der Wahrheit“ (Incognito, 2008/2009)


„Die Hard – Das erste Jahr“ erzählt von John McClanes Rookie-Jahren

Januar 11, 2012

Die beiden in „Die Hard – Das erste Jahr“ gesammelten Geschichten mit New-York-Cop John McClane nehmen den von Bruce Willis bereits viermal in Action-Thrillern verkörperten Carakter und Autor Howard Chaykin und die Zeichner Stephen Thompson (Kapitel 1 – 4) und Gabriel Andrade jr. (Kapitel 5 – 8) erzählen, wie McClane in den siebziger Jahren in New York für Recht und Ordnung sorgte. Denn in der Buchvorlage „Nothing lasts forever“ von Roderick Thorp für den ersten „Die Hard“-Film ist McClane deutlich älter und er besucht nicht seine Frau, sondern seine Tochter, die in dem Hochhaus arbeitet, das von Terroristen an Weihnachten besetzt wird.
In „Die Hard – Das erste Jahr“ ist John McClanes erste Geiselnahme, während der 200-Jahr-Feier am 4. Juli 1976, deutlich kleiner geraten. Die Terroristen kapern nur ein Boot. Das gehört aber Walden Ford, dem drittreichsten Mann der Welt, führt die Bootsparade an und New Yorks High Society, wie der Bürgermeister von New York und der Polizeichef, sind auch auf dem umgebauten Minensuchboot. Aber die Geiselnehmer haben nicht mit McClane, der sich damals als Streifenpolizist seine ersten Sporen verdiente und der eher zufällig auf dem Boot ist, gerechnet.
In der zweiten Geschichte, die am 13. Juli 1977 (dem „Summer of Sam“) spielt, nimmt ein arbeitsloser Schauspieler, der mit bewaffneten Überfällen sein Einkommen bestreitet, die Frauen und Kunden in einem Massagesalon als Geisel. Die einzige Möglichkeit, sich unbemerkt dem Geiselnehmer zu nähern, ist, dass McClane, der inzwischen zum Detective befördert wurde, durch den Lüftungsschacht klettert. Dabei erinnert er sich an ein unangenehmes Jugenderlebnis und einen Einsatz in Vietnam.
Die beiden Geschichten in „Die Hard – Das erste Jahr“ sind solala. In der ersten Geschichte dauert es viel zu lange, bis es zur Geiselnahme kommt. Dafür bekommen wir viele Impressionen von McClanes Arbeit als Streifenpolizist und eine Zeugin wird von zwei Polizisten gejagt, die von ihr bei einem Mord beobachtet wurden. Die beiden Polizisten gehören auch zu den Geiselnehmern. In der zweiten Geschichte wird mit der parallelen Geschichte von einigen Kleinstadtgangstern, die für einen Bruch einen Stromausfall inszenieren, immer wieder von der Geiselnahme abgelenkt.
Ziemlich gelungen ist dagegen das Zeitkolorit. Die selbstironischen Bemerkungen von „Cowboy“ McClane sind auch gut.
So als schnelles Action-Futter mit nostalgischem Touch und für die Die-Hard-“Die Hard“-Fans ist „Die Hard – Das erste Jahr“ okay, aber es bleibt der Eindruck, dass, weil man, vor allem in der ersten Geschichte, zu sehr an der „Die Hard“-Formel klebte, einiges an Potential verschenkte.

Howard Chaykin (Autor)/Stephen Thompson/Gabriel Andrade jr. (Zeichner): Die Hard – Das erste Jahr
(übersetzt von Joachim Körber)
Panini, 2011
192 Seiten
19,95 Euro

Originalausgabe
Die Hard: Year One 1 – 8
Boom Studios, 2009

Hinweise

Wikipedia über „Stirb langsam“ (deutsch, englisch) und Howard Chaykin

Blog von Stephen Thompson

Spiegel: „Eines Tages“ über 20 Jahre „Stirb langsam“

Thrilling Detective über Joe Leland (so heißt John McClane im Buch)

The Independent: Nachruf auf Roderick Thorp


Felix Huby sagt „Adieu, Bienzle“

Januar 6, 2012

Mit dem ganz schwachen Abschiedsfall „Bienzle und sein schwerster Fall“ löste Ernst Bienzle am 25. Februar 2007 seinen letzten „Tatort“-Fall. Sowieso scheint Bienzle-Erfinder Felix Huby ab etwa der Jahrtausendwende die Bienzle-“Tatorte“ einfach so herausgehauen zu haben. Die zuletzt erschienenen Bienzle-Romane, wie „Bienzle und das ewige Kind“, obwohl es die Romanfassung des Bienzle-“Tatorts“ „Bienzle und der Tod in der Markthalle“ war, und jetzt „Adieu, Bienzle“, sind besser und erinnern mich an die ganz frühen Bienzle-Romane aus den siebziger und achtziger Jahren.
In „Adieu, Bienzle“ steht Kommissar Ernst Bienzle kurz vor seiner Pensionierung. Die Kollegen bereiten schon die Abschiedsfeier vor. Bienzle ist davon nicht sonderlich begeistert und was er im Ruhestand tun soll, weiß er auch noch nicht. Vielleicht deshalb stürzt er sich in dem Ort Felsenbronn in einen Mordfall.
Wenige Stunden vor ihrem Tod rief ihn seine 85-jährige Tante Gerlinde, bei der er als Jugendlicher viele Sommer verbrachte, an und sprach ihm auf die Mailbox: „Ernst, ich brauch dich. Ich hab Angst. Vielleicht hab ich was Dumm’s g’macht! Bitte, ruf mich so schnell wie möglich an.“
Kurz darauf starb sie. Ihr Hausarzt hält es, angesichts ihres Alters und der Umstände, für einen natürlichen Tod. Bienzle glaubt, nach dem Anruf, an einen Mord. Er ordnet eine Obduktion an und beginnt mit seinen Ermittlungen, die ihn tief in die Vergangenheit führen. Er glaubt, vor allem nachdem er einen alten Brief entdeckt, dass das Motiv für den Mord in den ersten Nachkriegsjahren liegt. Aber warum sollte sie jetzt dafür umgebracht werden?
„Adieu, Bienzle“ ist, bis auf das schwache Ende, ein rundum geglückter Bienzle, der sich flott lesen lässt, ein stimmiges, leicht sentimentales Bild vom dörflichen Leben in den vierziger und fünfziger Jahren (als Bienzle seine Tante in den Sommerferien besuchte) und den Erinnerungen der damals Jungen und Erwachsenen an ihre Jugend und ersten Erwachsenenjahre zeichnet. Dabei schwingt, vor allem wenn Bienzle eine Jugendfreundin wieder trifft, auch das Gefühl von falsch getroffenen Entscheidungen und verpassten Chancen mit.
Auf dem Cover steht „Kommissar Bienzles letzter Fall“, aber das muss noch lange nicht heißen, dass „Adieu, Bienzle“ der letzte Bienzle-Roman ist. Denn als Pensionär kann er ja auch noch den ein oder anderen Fall lösen – oder Felix Huby geht in der Vergangenheit zurück und erzählt ältere Bienzle-Fälle. Zum Beispiel seinen ersten Mordfall.

Felix Huby: Adieu, Bienzle
Fischer Verlag, 2011
224 Seiten
8,99 Euro

Hinweise

Homepage von Felix Huby

Meine Besprechung von Felix Hubys „Fast wie von selbst – Ein Gespräch mit Dieter de Lazzer“ (2008)

Meine Besprechung von Felix Hubys “Null Chance” (2009)

Meine Besprechung von Felix Hubys “Bienzle und das ewige Kind” (2009)


Dan Burstein entschlüsselt „Die Welt der Lisbeth Salander“

Januar 4, 2012

Dass sich mein Stieg-Larsson-Fantum in sehr überschaubaren Grenzen bewegt, ist bekannt. Deshalb tendierte mein Interesse an Dan Bursteins „Die Welt der Lisbeth Salander – Die Millennium-Trilogie entschlüsselt“ gegen Null. Burstein veröffentlichte in den vergangenen Jahren etliche Bücher, in denen er die Bücher von Dan Brown entschlüsselte und die mich noch weniger als der in China umfallende Sack Reis interessierten.
Daher war mir auch „Die Welt der Lisbeth Salander“ herzlich egal, bis, tja, bis das Buch in meinem Briefkasten landete, ich das Inhaltsverzeichnis überflog, anfing zu lesen (Christopher Hitchens! „Nordic Noir“!) und, upps, kurz darauf, das ganze Buch gelesen hatte.
Denn Burstein beschäftigt sich nicht nur mit Stieg Larssons drei Romanen, sondern auch mit seinem Leben, seinen literarischen Vorbildern, den Verfilmungen und dem skandinavischem Krimi, teils in Überblickartikeln, teils in Interviews. Für den US-amerikanischen Buchmarkt liefern Burstein und seine Ko-Autoren Arne de Keijzer (der bereits mehrere Bücher mit Burstein veröffentlichte) und John-Henri Holmberg (der mit Larsson seit 1972 befreundet war) so auch einige Hintergrundinformationen über den „Schwedenkrimi“ und die dortige Gesellschaft, die für viele Amerikaner wahrscheinlich neu sind. Für uns natürlich weniger, weil die schwedische Gesellschaft doch der deutschen ähnelt und wir in den vergangenen Jahren wahrlich genug Schwedenkrimis lesen konnten. Daher erstaunte mich auch, dass Burstein, de Keijzer und Holmberg noch mehrere Krimiautoren interviewen konnten, die bislang nicht ins Deutsche übersetzt wurden.
Im Zentrum des sechshundertseitigen Sammelbandes steht natürlich Stieg Larsson, seine „Millennium“-Trilogie, mit Spekulationen über den vierten Band, und immer wieder Lisbeth Salander. Mikael Blomkvist kommt eigentlich überhaupt nicht vor. Das kann an den englischen Titeln „The Girl with the Dragon Tattoo“, „The Girl who played with Fire“ und „The Girl who kicked the Hornets Nest“ liegen, die eindeutig den Fokus auf Salander, die junge, verhaltensgestörte, entmündigte Computerspezialistin, legen, das kann auch daran liegen, dass Blomkvist, der unsportliche Enthüllungsjournalist mit dem immensen Kaffeekonsum und Sexualleben das sogar James Bond neidisch macht, einfach der langweiligere Charakter ist. Wobei mir ein Artikel „Warum ich gerne Mikael Blomkvist wäre“ gefallen hätte.
Sehr interessant sind die Interviews mit Freunden, Bekannten und Arbeitskollegen von Stieg Larsson, dessen Zeitschrift „Expo“ das Vorbild für „Millenium“ (die Zeitschrift, für die Blomkvist arbeitete) war. Auch die 120-seitige Stieg-Larsson-Biographie  von Holmberg gibt, ergänzt um die 50 Seiten zu Larssons Fantum zum Science Fiction und zum Krimi,  einen Einblick in die schwedische Gesellschaft der vergangenen vierzig Jahre, den linken Bewegungen (in denen Larsson sich engagierte) und dem Siebziger-Jahre-Science-Fiction-Fantum, mitsamt den internen Streitigkeiten.
Ziemlich uninteressant wird es dagegen, wenn in Larssons drei Romane „Verblendung“, „Verdammnis“ und „Vergebung“ alles möglich hineininterpretiert wird und Laura Gordon Kutnick schön verschwörungstheoretisch Larssons Leben mit seinen Romanen vergleicht und sich fragt, ob Larsson ermordet wurde oder, wie viele seine Charaktere, untergetaucht ist. Abgesehen davon, dass etliche Elemente von Larssons Romanen zum festen Inventar eines Polit-Thrillers gehören (ein Artikel, der einen solchen Vergleich anstellt, fehlt leider), entbehren die Fragen jeder Grundlage. Denn wenn Larsson noch Leben würde und die Aussagen seiner Freunde über ihn stimmen, hätte oder würde er sicher dafür sorgen, dass seine Freundin und nicht seine Familie, zu der er eigentlich keinen Kontakt mehr hatte, die Einnahmen aus seinen Büchern bekommt.
Bei all der Lisbeth-Salander-Verklärung fällt auch auf, dass neben dem augenfälligen und schon von Larsson gebrachten Pippi-Langstrumpf-Vergleich kaum auf literarische, filmische und popkulturelle Vorläufer eingegangen wird, die auch Larsson, der ein eifriger Krimi- und SF-Leser war, kannte. Das wären neben der von Peter O’Donnell bereits in den Sechzigern erfundenen Modesty Blaise (wird erwähnt), die vielen, nur sehr knapp erwähnten, Privatdetektiv-Krimis seit den Achtzigern (beginnend mit den Romanen von Sara Paretsky, Sue Grafton und Linda Barnes), Science-Fiction-Geschichten (neben den Buch erwähnten wären es vor allem Cyberpunk-Autoren, wie William Gibson, Bruce Sterling und Neal Stephenson), diversen Hongkong-Krimis (wie „The Heroic Trio“ mit Michelle Yeoh und Maggie Cheung) und Filmen mit starken Frauen (wie „Strange Days“ und „Matrix“), auch die seit Robert B. Parker im Privatdektivkrimi fest etablierte Teilung von skrupelbehaftetem Detektiv und skrupellosem Freund. Ich sage nur Spenser und Hawk.
„Die Welt der Lisbeth Salander“ ist, wenn man die Lobhuddelei auf Larsson überliest, auch für Nicht-Larsson-Fans eine gewinnbringende Lektüre, die durch ein, zwei ordentliche Verrisse noch besser geworden wäre.
Wer noch mehr über Krimis aus Skandinavien erfahren, sollte sich unbedingt „Fjorde, Elche, Mörder – Der skandinavische Kriminalroman“ von Jost Hindersmann besorgen.

Dan Burstein/Arne de Keijzer/John-Henri Holmberg (Hrsg.): Die Welt der Lisbeth Salander – Die Millennium-Trilogie entschlüsselt
(übersetzt von Thomas Pfeiffer, Friedrich Pflüger und Ursel Schäfer)
Heyne, 2012
628 Seiten
9,99 Euro

Originalausgabe
The Tattooed Girl
St. Martin’s, New York 2011

Hinweise

Meine Besprechung von Stieg Larssons „Verblendung“ (Buch und Film)

Meine Besprechung von Stieg Larssons „Verdammnis“ (Buch und Film)

Meine Besprechung von Stieg Larssons „Vergebung“ (Buch/Film)

Homepage von Stieg Larsson

Heyne über Stieg Larsson

Krimi-Couch über Stieg Larsson

Wikiepedia über Stieg Larsson (deutsch, englisch)

Stieg Larsson in der Kriminalakte

Meine Besprechung der Stieg-Larsson-Parodie „Verarschung“ (The Girl with the Sturgeon Tattoo, 2011) von Lars Arffssen

Demnächst im Kino (Besprechung folgt zum Filmstart)


Ein „Schwarzer Schwan“ ist bei Horst Eckert kein Tier

Januar 2, 2012

Horst Eckert ist immer eine sichere Bank und auch sein neuester Polizeikrimi „Schwarzer Schwan“ hat mir gefallen. Dieses Mal geht es um Wirtschaftskriminalität mit einem Schuss Bundestagspolitik. Kurz Korruption und die Weiße-Kragen-Kriminalität, in der Probleme normalerweise nicht durch Mord, sondern mit Geld und dem Ausnutzen von Gesetzeslücken gelöst werden.
Die Investmentbankerin Hanna Kaul hat sicher einen weißen Kragen, aber sie gehört nicht zu den Bösewichtern. Die vergangenen Wochen hat sie hart an einem Milliardendeal gearbeitet, der jetzt kurz vor dem Abschluss steht. In letzter Sekunde und ohne Erklärung wird der Deal von ihren RheinBank-Vorgesetzten abgeblasen. Sie fragt sich, warum sie sich die Chance auf ein sehr gutes Geschäft entgehen lassen, beginnt neugierige Fragen zu stellen, entdeckt seltsame Geschäftsverbindungen und wird observiert.
Einer ihrer Verfolger ist Dominik Roth, Kommissar beim Dezernat „Betrug, Glücksspiel und Beamtendelikte“, der an den Wochenenden und ohne seine Vorgesetzten darüber zu informieren, für die Firma seines Kumpels und Ex-Polizisten Jochen Urban Überwachungen durchführt, und ins Morddezernat, wo die richtige Polizeiarbeit gemacht wird, will. Diese Chance erhält er, als in einem brennenden Auto die Leiche eines Erschossenen gefunden wird. Die Polizei vermutet, dass der Tote Patrick Neidel ist. In der Wohnung des Taschendiebs werden ein Laptop und Fotos gefunden, die bei der Observation von Paula Busch und Hanna Kaul entstanden. Einige Fotos von Kaul hat Roth geschossen. Andere nicht.
Roth beginnt auf eigene Faust zu ermitteln, wer neben ihm auch Kaul überwachte und was das mit der Firma seines Freundes Urban zu tun hat. Denn wenn herauskommt, dass er nebenher Geld verdient, bekommt er mächtig Ärger.
Und dann ist da noch der Bundestagsabgeordnete Lothar Mierscheid, der als Hinterbänkler ein ruhiges Leben fristet, bis ihm jetzt der Vorsitz in dem Untersuchungsausschuss zur Rolle der Regierung bei der Rettung der Münchner Hypo Estate (für die natürlich die Hypo Real Estate Pate stand) angeboten wird. Der Parteisoldat erfährt auch, dass er jetzt plötzlich für höhere Aufgaben vorgesehen ist.
Als er sich fragt, warum seine Freundin, die desillusionierte Lobbyistin Paula Busch, ermordet wurde und er Vermutungen über die Andeutungen, die sie ihm gegenüber kurz vor ihrem Tod machte, und dem von ihm geleiteten Untersuchungsausschuss anstellt, ahnt er auch, warum er plötzlich so wichtig wird. Aber will er wirklich aufsteigen?
Im Gegensatz zu Eckerts vorherigen Romanen baut sich in „Schwarzer Schwan“ die Geschichte eher langsam auf. Längere Zeit ist nicht wirklich erkennbar, wie die verschiedenen Plots (wozu auch die spurlos verschwundene Nichte von Hanna Kaul gehört) zusammenhängen und der Plot mit dem Bundestagsabgeordneten Mierscheid wird lange Zeit und über viele Seiten eher mitgeschleift. Denn es ist nicht erkennbar, was die Flurpolitik im Bundestag mit Düsseldorf, wo die restliche Geschichte spielt, zu tun hat.
Aber wenn ich mir, um die derzeit aktuellen Fälle zu nennen, die Schlagzeilen über unseren Bundespräsidenten Christian Wulff und seine Freunde aus der niedersächsischen Provinz ansehe, das plötzlich entdeckte Gewissen des CDU-Bundestagsabgeordneten Wolfgang Bosbach, den Rücktritt des Zwölf-Tage-CDU-Justizsenators Michael Braun (was auch ein Rekord ist), dann ist die von Eckert beschriebene Verquickung von Politik und Wirtschaft höchst real. Das liegt auch daran, dass Eckert nah an der Wirklichkeit schreibt und sich oft kaum bemüht, die wahren Ereignisse zu verschleiern.
Selbstverständlich ist der Verschwörungsthriller „Schwarzer Schwan“ empfehlenswert. Immerhin gehört Eckert zu den wenigen deutschen Krimiautoren, die nicht blindwütig moralisieren, der gut recherchiert, gut plottet und dann ein halbes Dutzend Plots, rasant geschnitten, zu einem befriedigendem Ende zusammenfügt.

Horst Eckert: Schwarzer Schwan
Grafit, 2011
384 Seiten
19,99 Euro

Hinweise

Homepage von Horst Eckert

Meine Besprechung von Horst Eckerts “Sprengkraft”

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Königsallee“

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Der Absprung“

Meine Besprechung von Horst Eckerts „617 Grad Celsius“

Kriminalakte: Interview mit Horst Eckert über „Sprengkraft“

Meine Besprechung von „Niederrhein-Blues und andere Geschichten“


Einige kurze sachdienliche Hinweise auf Romane aus der Abteilung „Mord & Totschlag“

Dezember 30, 2011

Daphne du Maurier (13. Mai 1907 – 19. April 1989) war jahrzehntelang als Erzählerin von mehr oder weniger fantastischen Suspense-Geschichten bekannt. Wahrscheinlich würden diese Schnulzen mit Thrill heute als „Romantic Thriller“ oder „Horrorromane für Frauen“ verkauft werden. Außerdem lieferte sie die Vorlagen für zahlreiche Filme, von denen einige zu Klassikern wurden. Alfred Hitchcock, der von ihren Geschichten nicht viel hielt, verfilmte „Jamaica Inn“, „Rebecca“ (zugleich ihr bekanntestes Buch) und „Die Vögel“. Nicolas Roeg „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ (jüngst bei StudioCanal in der Blu Cinemathek als reichhaltig ausgestattete Blu-ray erschienen). Ihre Geschichte „The Scapegoat“ wird gerade von Charles Sturridge („Eine Detektivin für Botswana“) verfilmt.

Ihre jetzt als Taschenbuch veröffentlichte längere Erzählung „Der Apfelbaum“ ist eine gelungene Mischung aus Horror und Psychodrama. Denn es wird nie klar, ob der Apfelbaum im Garten wirklich bösartig ist oder der Witwer sich das nur einbildet. Denn er wünschte sich den Tod seiner Frau und nach ihrem Tod könnte ihr Geist auf den Baum übergangen sein, der sich jetzt an ihm rächen will.

Daphne du Maurier: Der Apfelbaum

(übersetzt von Brigitte Heinrich)

Unionsverlag, 2011

96 Seiten

8,90 Euro

Erstausgabe der Neuübersetzung

Heinrich & Hahn, 2005

Deutsche Erstausgabe

Fretz & Wachsmuth, 1953

Originalausgabe

The Appletree

Victor Gollancz, London 1952

Hinweise

Daphne-du-Maurier-Seite

Wikipedia über Daphne du Maurier (deutsch, englisch)

Unionsverlag über Daphne du Maurier

Parallel zu Peter Rüedis großer Biographie „Dürrenmatt oder Die Ahnung vom Ganzen“ veröffentlichte der Diogenes Verlag Friedrich Dürrenmatts (5. Januar 1921 – 14. Dezember 1990) Kriminalromane „Der Richter und sein Henker“, „Der Verdacht“, „Das Versprechen – Requiem auf den Kriminalroman“, „Justiz“ und das posthum erschienene Werk „Der Pensionierte – Fragment eines Kriminalromans mit einem möglichen Schluss von Urs Widmer“ erstmals gesammelt in einem Buch.

Gerade die ersten drei Krimis, „Der Richter und sein Henker“, „Der Verdacht“ (beide mit Kommissär Bärlach) und „Das Versprechen – Requiem auf den Kriminalroman“, die Romanfassung seines Drehbuchs für Ladislao Vajdas Klassiker „Es geschah am hellichten Tag“ (mit Heinz Rühmann und Gert Fröbe) mit einem anderen Ende, dürften weithin bekannt sein. Von der Schule, als Geschenk oder von den zahlreichen, oft hervorragend besetzten Verfilmungen. „Justiz“ und „Der Pensionierte“ sind dagegen wesentlich unbekannter.

Dürrenmatts Krimis stellen dabei, wie jeder gute Krimi, moralische Fragen und spielen mit der Form des Kriminalromans. Denn der schweizer Dichter interessierte sich nicht für eine 08/15-Mördersuche oder einen traditionellen Rätselkrimi, bei dem auf den letzten Buchseiten mit großem Getöse der Mörder enthüllt wird. Das tat Dürrenmatt meist schon auf den ersten Seiten. In „Justiz“ geht es dann sogar um die Frage, ob jemand für einen Mord, den er vor Zeugen begangen hat, nicht verurteilt werden kann. Dürrenmatt selbst beschrieb den Krimi als „Komödie der Justiz“.

Ergänzt werden die fünf Kriminalromane von einem 35-seitigen Anhang, in dem die Entstehungsgeschichte der Romane und Verfilmungen knapp nachgezeichnet wird und eine Chronik zum Leben und Werk des Dichters, enthalten ist.

Für Krimifans, die die Bücher noch nicht haben, ist das ein Schnäppchen. Denn schneller, einfacher und auch günstiger kriegt man diesen Teil von Dürrenmatts Werk nicht.

Friedrich Dürrenmatt: Die Kriminalromane

Diogenes, 2011

992 Seiten

28,90 Euro

enthält

Der Richter und sein Henker, 1952

Der Verdacht, 1953

Das Versprechen – Requiem auf einen Kriminalroman, 1958

Justiz, 1985

Der Pensionierte – Fragment eines Kriminalromans mit einem möglichen Schluss von Urs Widmer, 1995/1997 (Widmer schrieb den Schluss für die 1997 erschienene Taschenbuchausgabe)

Hinweise

Diogenes über Friedrich Dürrenmatt (Link zum Diogenes Magazin Nr. 8 mit mehreren Texten über Dürrenmatt)

Wikipedia über Friedrich Dürrenmatt

Es ist schon interessant, wie sich bei einem Filmroman die Gewichte verschieben können. Denn einerseits ist der Autor an das Drehbuch gebunden und er darf höchsten einige wenige zusätzliche Szenen erfinden, andererseits kann er Hintergründe liefern, die im Film nicht gezeigt werden können. Er kann zeigen, wie gut die Geschichte doch konstruiert ist. Martin Schüller tat das bei seinem Thiel/Börne-Roman „Tempelräuber“, dem dafür der Witz des Films fehlte.

Er kann aber auch gnadenlos die Schwächen des Drehbuchs offenlegen. So erschien mir der Münchner „Tatort“ „Starkbier“ beim Ansehen als vergnüglich-kurzweiliger Krimi, in dem der ewige zweite Mann, Carlo Menzinger, der für die Kommissare in den Filmen all die undankbaren Aufgaben übernehmen muss, endlich einmal selbst einen Fall lösen darf. Er soll herausfinden wer Meindl, einen Teilhaber der Benedictus-Brauerei, umbrachte. Denn dass der stocknüchterne Meindl sein Auto betrunken in die Isar fuhr, glaubt Menzinger keine Zehntelsekunde.

Weil seine Spezln wahrscheinlich in den Mord involviert sind, fragen sich Batic und Leitmayr, ob ihr Kollege noch die nötige Objektivität hat. Denn die Ermittlungsmethoden des Kollegen Menzinger sind schon sehr seltsam und folgen nicht gerade dem Lehrbuch für Kriminalbeamte.

Das war, wie gesagt, beim Ansehen toll. Beim Lesen ist die Geschichte ein zäher Brei mit einer nicht nacherzählbaren Geschichte. Außerdem hat Carlo im Buch wesentlich weniger Auftritte als im Film; – wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht.

Also: besser noch einmal diesen „Tatort“ ansehen.

Hannsdieter Loy: Tatort: Starkbier (mit Ivo Batic und Franz Leitmayr)

Emons, 2010

176 Seiten

8,95 Euro

Vorlage

Tatort: Starkbier (D 1999)

Regie: Peter Fratzscher

Drehbuch: Michael Wogh

mit Miroslav Nemec, Udo Wachtveitl, Michael Fitz, Christoph Gareisen, Marie Munz, Aleksandar Jovanovic, August Schmölzer

Erstausstrahlung: 7. März 1999 (Folge 407)

Hinweise

Homepage von Hannsdieter Loy

Tatort-Fundus über Ivo Batic und Franz Leitmayr

Kriminalakte: Gespräch mit Hejo Emons über die Tatort-Reihe

Kriminalakte: Tatort-Romane – zum Ersten (Oliver Wachlin: Blinder Glaube; Martin Schüller: Die Blume des Bösen)

Kriminalakte: Tatort-Romane – zum Zweiten (Martin Schüller: A gmahde Wiesn, Christoph Ernst: Strahlende Zukunft)

Kriminalakte: Tatort-Romane – zum Dritten (Martin Conrath: Aus der Traum…, Oliver Wachlin: Todesstrafe)

Meine Besprechung von Martin Schüllers „Tatort“-Romanen „Moltke“ und „Tempelräuber“

Meine Besprechung von Uli Aechtners „Tatort“-Roman „Bevor es dunkel wird“

Meine Besprechung von Susanne Krafts „Tatort“-Roman „Seenot“

Chaotisch geht’s bei Kristof Kryszinski immer zu. Inzwischen ist der Ruhrpott-Privatdetektiv so abgebrannt, dass er in Jörg Juretzkas neuestem Krimi „Freakshow“, einen Job als Nachtwächter annimmt. Denn Kryszinski ist viel zu stolz, um zum Sozialamt zu gehen. In der Elenor-Nathmann-Stiftung für betreutes Wohnen, in der geistig und körperlich Behinderte, Senioren und trockene Alkoholiker leben, soll er als Objektschützer herausfinden, wer Baumaterial klaut. Außerdem will er herausfinden, wer den geistig behinderten Albrecht, der in der Wohnanlage lebt, folterte und fast umgebracht hätte. Albrecht ist ihm dabei keine große Hilfe

Kryszinskis Freund Scuzzi hat sich bei ihm in der Dienstwohnung eingemietet. Denn in einer solchen Wohnanlage kann Scuzzi verdammt leicht an Drogen kommen; – neben all den anderen Annehmlichkeiten, die Scuzzi schnell herausfindet und ausgiebig nutzt. Für Scuzzi ist das natürlich das Paradies. Für Kryszinski die Hölle.

Außerdem ist der pädophile Sadist Benjamin Peelaert (den wir noch aus „Rotzig & Rotzig“ kennen) spurlos verschwunden und der Bugatti 35 B von Hugo Laurentz wurde geklaut. Wenn Kryszinski ihn findet, erhält er zehn Prozent der stattlichen Versicherungssumme.

Selbstverständlich greift der komplett abgebrannte Kryszinski nach all den Jobs, die erst nach erfolgreicher Erledigung entlohnt werden, und latscht dabei, während er sich in die junge, gutaussehende Johanna verguckt, Scuzzis Warnung („Sie verarscht dich.“) ignoriert, von einem Malheur in das nächste.

Und dann ist da noch die Sache mit seinem Hund, der in einer Tierklinik gefangen gehalten wird, weil er die Rechnung nicht bezahlen kann.

Wenn das ganze nicht so knochentrocken erzählt wäre, könnte man sich über das nachlässige Plotten ärgern.

Jörg Juretzka: Freakshow

Rotbuch, 2011

224 Seiten

16,95 Euro

Hinweise

Krimi-Couch über Jörg Juretzka

Lexikon der deutschen Krimiautoren über Jörg Juretzka

Kaliber .38 interviewt Jörg Juretzka (2002)

Literaturschock interviewt Jörg Juretzka (2003)

Alligatorpapiere: Befragung von Jörg Juretzka (2004)

2010LAB interviewt Jörg Juretzka (2010)

Meine Besprechung von Jörg Juretzkas „Bis zum Hals“ (2007)

Meine Besprechung von Jörg Juretzkas „Rotzig & Rotzig“ (2010)

Eigentlich ist der 1920 in Paris und Umgebung spielende Privatdetektivkrimi „Tod auf Bewährung“ von Didier Daeninckx wie geschaffen für mich alten Genrejunkie. In dem Krimi soll Privatdetektiv René Griffon im Auftrag von Oberst Fantan de Larsaudière herausfinden, wer ihn erpresst.

Alles, was zu einem zünftigem Privatdetektiv-Krimi gehört, ist in „Tod auf Bewährung“ vorhanden: schöne Frauen, Ehebruch, Geheimnisse, Intrigen, Verbrecher und verschwiegene Kriegsverbrechen. Auch das Zeitkolorit wird von Daeninckx gut eingefangen, wenn Griffon sich durch die Pariser Bars schlägt – und auch ordentlich zusammengeschlagen wird.

Aber trotzdem hat mich der Krimi nicht gepackt.

Didier Daeninckx: Tod auf Bewährung

(übersetzt von Stefan Linster)
Liebeskind, 2011
272 Seiten

18,90 EUR

Originalausgabe

Le der des deers

Série Noire/Editions Gallimard, Paris 1984

Hinweise

Wikipedia über Didier Daeninckx (deutsch, englisch, französisch)

Krimi-Couch über Didier Daeninckx

Meine Besprechung von Didier Daeninckxs „Nur DJs gibt man den Gnadenschuss“ (On achève bien les disc-jockeys, 2007)

Als Weihnachtsgeschenk gab es neben Buddy Giovinazzos neuestem Roman „Piss in den Wind“ (wird nach der Lektüre abgefeiert) auch die lang angekündigte Neuausgabe von Giovinazzos Erstling „Cracktown“. Die Sammlung von sechzehn miteinander zusammenhängenden Kurzgeschichten und Impression aus einem Großstadtviertel in dem Crack gesellschaftliche Strukturen zerstört und das Leben bestimmt, erschien bereits vor sechzehn Jahren und war lange nicht mehr erhältlich. Bei Amazon beläuft sich im Moment das günstigste Angebot für das Buch auf 15,79 Euro, das teuerste auf fast sechzig Euro, zuzüglich Porto.

Für die Neuausgabe wurden die „Short Cuts“ aus den „Mean Streets“ des Ghettos, mit einem ordentlichen Schuss Abel Ferrara, komplett neu übersetzt. Entsprechend groß sind die Unterschiede zwischen Daths Übersetzung von 1995 und Müllers von 2011. Welche näher am Originaltext ist, weiß ich nicht. Aber die neue Übersetzung liest sich eleganter und das Cover ist besser.

Jetzt fehlt nur noch die deutsche Premiere von Giovinazzos Verfilmung seines Buches.

Buddy Giovinazzo: Cracktown

(neu übersetzt von Angelika Müller)

pulp master, 2011

208 Seiten

12,80 Euro

Deutsche Erstausgabe

Maas Verlag, 1995

(übersetzt von Dietmar Dath)

Originalausgabe

Life is hot in Cracktown

Thunder’s Mouth Press, New York 1993

Verfilmung

Life is hot in Cracktown (USA 2009)

Regie: Buddy Giovinazzo

Drehbuch: Buddy Giovinazzo

mit Evan Ross, Stephanie Lugo, Maurice Blake, Omar Regan, Jeffrey Lorenzo, Victor Rasuk, Tony Plana, Lara Flynn Boyle, RZA, Carmine Giovinazzo (Cameo)

Hinweise

Wikipedia über Buddy Giovinazzo (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über Buddy Giovinazzo

One Road.Endless Possibilities: Interview mit Buddy Giovinazzo (21. Februar 2011, deutsch)

Buddy Giovinazzo in der Kriminalakte


Jack Ketchums „Beuterausch“ und Lucky McKees “The Woman“ oder Die dünne Firnis der Zivilisation

Dezember 28, 2011

Beuterausch“. Fans von Jack Ketchum ahnen schon beim Titel, dass er in seinem neuesten Roman wieder die Welt von „Beutezeit“ (Off Season, 1980) und „Beutegier“ (Offspring, 1991), in der es um einen in der Wildnis von Maine lebenden Kannibalenclan und dessen Begegnungen mit der Zivilisation geht, betritt und dass die Geschichte nichts für zartbesaitete Seelen ist. Immerhin hielt die Zeitschrift „Village Voice“ „Beutezeit“ für „violent pornography“ (das muss ich wohl nicht übersetzen, oder?), der Kultstatus folgte schnell und heute hat der Horrorroman Buch durchaus Klassikerstatus.

The Woman“ heißt die Verfilmung von „Beuterausch“. Wobei Verfilmung etwas ungenau in. Denn Jack Ketchum schrieb zusammen mit Regisseur Lucky McKee (von dem die grandiose Ketchum-Verfilmung „Red“ ist) das Drehbuch, das zeitgleich mit dem Roman entstand. Belesene Filmfans werden sich jetzt an Graham Greenes „Der dritte Mann“ erinnern, bei dem der Romanautor parallel zu seinem Drehbuch, um seine Charaktere besser kennenzulernen, eine Romanfassung schrieb.

Insofern unterscheidet sich die Geschichte von „Beuterausch“ und „The Woman“ nur in Nuancen. Beide Male wird erzählt, wie der Familienvater und Kleinstadtanwalt Chris Cleek auf einem Jagdausflug eine in der Wildnis lebende Frau entdeckt, sie gefangen nimmt, im Keller seines einsam gelegenen Hauses einsperrt und zivilisieren will. Seine Familie soll ihm dabei helfen. Widerspruch duldet der Hausherr bei seinem Vorhaben nicht.

Dank der Unterschiede zwischen Buch und Film gibt es dann doch einige sehr interessante Verschiebungen.

So erzählt Ketchum die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven; auch aus der Sicht der Gefangenen. In McKees Film muss Pollyanna McIntosh, die die Gefangene spielt, das alles mit ihrer Mimik und, weil sie die meiste Zeit des Films gefesselt in einem Keller ist, mit eingeschränkter Gestik erledigen. Bis auf einige gutturale Geräusche sagt sie nichts. Für den Hausherrn ist sie vor allem die bedrohliche Wilde, die nur an ihrem Überleben interessiert ist, und zivilisiert werden muss. Für die restliche Familie ist sie, wie für uns Zuschauer, in verschiedenen Abstufungen, die edle Wilde, auf die wir unsere Fantasien von einem freien Leben in der Natur projezieren können. Jedenfalls wenn wir die Bücher von Jack Ketchum nicht kennen und daher nicht wissen, dass sie sich auch von Menschenfleisch ernährt.

Im Film ist die Wandlung des Biedermanns und geachteten Anwalts Chris Cleek zum Monster erschreckender. Denn auch wenn er am Anfang vielleicht etwas merkwürdig wirkt, ist er doch der nette Nachbar, der der Wilden helfen will. Immerhin ist doch nichts dagegen einzuwenden, wenn man versucht, jemand zu zivilisieren. Die Lebensgeschichten von Kaspar Hauser und Victor de l’Aveyron (die Francois Truffaut in dem wundervollen Film „Der Wolfsjunge“ verfilmte) sind Beispiele dafür.

Nur dass Cleeks Familie immer etwas zu traurig und zu ängstlich durch das einsam gelegene Haus schleicht, könnte einem in der ersten Hälfte des Films zu Denken geben. Denn bis auf die kleinste Tochter ist kein Funken Lebensfreude in der Familie. Warum versteht man spätestens im Finale, wenn all die schmutzigen Geheimnisse der Cleek-Familie bekannt werden.

Gerade wie sehr die Verhältnisse der einzelnen Charaktere von Gewalt, sexuellem Verlangen und Angst bestimmt sind, wird im Buch von der ersten Seite an noch deutlicher als im Film. Denn in „The Woman“ geht es vor allem um Gewalt. In „Beuterausch“ um Gewalt und Sex in seinen verschiedenen Konnotationen und Formen. Damit wirkt der Roman noch düsterer als der Film.

Wenn am Ende, nachdem die Gefangene sich befreien kann, dann die dünne Schicht der Zivilisation endgültig aufbricht und die aufgestauten Gefühle sich in einem wahren Schlachtfest entladen, spritzt das Blut über die Leinwand, die Gedärme werden auf der Farm großflächig verteilt und die FSK-18-Freigabe wird verständlich. Bei der Premiere während des Sundance Filmfest sollen etliche Zuschauer und Kritiker den Saal verlassen haben bei dieser deftigen und kompromisslosen Zivilisationskritik.

Dabei ist „The Woman“ noch die entschärfte Version des Romans. Denn in einem Roman kann man Dinge schreiben, die man so nicht zeigen kann.

 

Das Bonusmaterial

 

Für einen kleinen Film ist das Bonusmaterial erfreulich umfangreich ausgefallen. Im Zentrum stehen dabei das „Making of“ und „Behind the Scenes“, die in einer kurzweiligen, fast halbstündigen Mischung aus Blick hinter die Kulissen der Produktion und informativen Statements der Beteiligten (wozu auch Jack Ketchum gehört) gefällt. Die „Entfallenen Szenen“ wurden wahrscheinlich nur herausgeschnitten, um den Film etwas kürzer zu machen. Denn keine dieser Szenen wäre im Film unangenehm aufgefallen.

Auch im Buch gibt es Bonusmaterial. Nämlich die Kurzgeschichte „Das Vieh“, die erzählt, was nach dem Ende von „The Woman“ geschieht.

Jack Ketchum/Lucky McKee: Beuterausch

(übersetzt von Marcel Häußler)

Heyne, 2012

288 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

The Woman

Dorchester Publishing, New York 2011

Verfilmung

The Woman (The Woman, USA 2011)

Regie: Lucky McKee

Drehbuch: Jack Ketchum, Lucky McKee

mit Pollyanna McIntosh, Sean Bridgers, Angela Bettis, Lauren Ashley Carter, Carlee Baker, Alexa Marcigliano, Zach Rand, Shyla Molhusen

DVD

Capelight

Bild: 1,78:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch, Englisch

Bonusmaterial: Making of, Behind the Scenes, Entfallene Szenen, Kinotrailer, Kurzfilm „Burro Boy“ von Zach Passero (produziert von Lucky McKee), Wendecover

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über „The Woman“

Rotten Tomatoes über „The Woman“

 Horror Pilot: Interview mit Lucky McKee zu „The Woman“

Horror Pilot: Interview mit Jack Ketchum zu „The Woman“

Dark Scribe Magazine: Interview mit Jack Ketchum (Teil 1, Teil 2, August 2008)

Homepage von Jack Ketchum

Meine Besprechung von „Red“ (DVD)

Meine Besprechung von „Jack Ketchum’s The Lost“ (DVD)

Kriminalakte: Interview mit Jack Ketchum

Meine Besprechung von Jack Ketchums „The Lost“ (The Lost, 2001)

Meine Besprechung von Jack Ketchums “Amokjagd” (Joyride, 1995)

Meine Besprechung von Jack Ketchums “Blutrot” (Red, 1995)

Meine Besprechung von Jack Ketchums “Beutegier” (Offspring, 1991)

Jack Ketchum in der Kriminalakte

Und hier gibt es die bemerkenswert gut dokumentierte Sundance-Kontroverse

 

 


„Diva“ oder Chuck Palahniuk verirrt sich in Hollywood

Dezember 26, 2011

Ich frage mich immer noch, welcher Teufel Chuck Palahniuk beim Schreiben von „Diva“ geritten hat. Dummerweise in die falsche Richtung.

Dabei ist die Prämisse seines neuen Romans gar nicht so schlecht, eigentlich sogar sehr vielversprechend. Aber die Ausführung ist unterirdisch.

Also: die Prämisse: Hazie Coogan, seit Ewigkeiten die rechte Hand des alternden Hollywood-Stars Katherine Kenton, versucht sie vor ihrem neuen Freund Webster Carlton Westward III zu schützen. Der will mit Kenton, wie schon etliche andere Männer vor ihm, nur für den schnellen Ruhm ins Bett steigen. Aber dieser Liebhaber will sie sogar umbringen, es wie einen tödlichen Unfall aussehen lassen und danach eine intime Biographie über ihre letzten Tage veröffentlichen.

Klingt doch gut? Hollywood, Starrummel, ein Blick hinter normalerweise verschlossene Türen, Mord, Totschlag, Neid, Gier, Sex und dann spielt das ganze noch in Hollywoods goldenen Jahren, als Stars noch Stars waren.

Chuck Palahniuk („Fight Club“) will allerdings nicht einfach eine „Sunset Boulevard“-Variante erzählen, sondern er will auch sein Wissen über Hollywoods goldene Zeit (er betreibt ein exzessives Name-Dropping, bei dem immer wieder unklar ist, wie erfunden die Anekdoten sind), ein Spiel über Schein und Sein und eine Schwarze Komödie schreiben. Aber eine glaubwürdige Geschichte wollte er anscheinend nicht schreiben. Denn „Diva“ ist noch kruder und unglaubwürdiger als ein C-Picture, bei dem die Anschläge des Mörders überwältigend dilettantisch sind und die Figuren sich absolut hirnrissig verhalten.

Und der Gag mit den fett geschriebenen Produkt- und Prominentennamen nervt schon nach zehn Seiten.

Weil Palahniuk kein dummer Autor ist, erzählt er die Geschichte aus der Sicht der Haushälterin und Freundin von Kenton in einer Mischung aus Reportage, Tagebuch, stilisierter Filmbeschreibung und Drehbuch, formal strukturiert wie ein Theaterstück, indem es statt Kapitel Akte und Szenen gibt, die immer wieder überdeutlich auf die Künstlichkeit des Erzählten hinweist. Entsprechend schnell fragte ich mich, wie zuverlässig Coogan als Erzählerin ist. Aber in dem Moment interessierte mich die Geschichte schon lange nicht mehr.

Diva“ ist der bislang schwächste Roman, den ich von Chuck Palahniuk gelesen habe.

Chuck Palahniuk: Diva

(übersetzt von Werner Schmitz)

Manhattan, 2011

224 Seiten

17,99 Euro

Originalausgabe

Tell-All

Doubleday, New York 2010

Hinweise

Homepage von Chuck Palahniuk

Meine Besprechung der Chuck-Palahniuk-Verfilmung „Choke“

Chuck Palahniuk in der Kriminalakte

 


TV-Tipp für den 25. Dezember: Stirb langsam

Dezember 25, 2011

Sat.1, 22.35

Stirb langsam (USA 1988, R.: John Mc Tiernan)

Drehbuch: Jeb Stuart, Steven E. de Souza

LV: Roderick Thorp: Nothing lasts forever, 1979 (Stirb langsam)

Bahnbrechendes Action-Kino, das Bruce Willis zum Star machte – im Buch besucht der Held seine Tochter, im Film besucht der Held seine Frau, der Rest (Terroristen besetzten ein Hochhaus, unser Held kämpft gegen sie) ist bekannt. EPD Film meinte „ein durch und durch regressiver Film, der einer infantilen Lust an der Zerstörung Nahrung verschafft.“

Davor, um 20.15 Uhr, und danach, um 00.50 Uhr, läuft „Stirb langsam – Jetzt erst recht“ (der dritte „Die Hard“-Film) und um 02.45 Uhr gibt’s, ebenfalls mit Bruce Willis, „Hostage – Entführt“.

Das Drehbuch von Jeb Stuart und Steven E. De Souza war für den Edgar nominiert.

Mit Bruce Willis, Alan Rickman, Bonnie Bedelia, Alexander Godunov, Reginald VelJohnson, William Atherton, Paul Gleason, Hart Bochner

Hinweise

Wikipedia über „Stirb langsam“ (deutsch, englisch)

Spiegel: „Eines Tages“ über 20 Jahre „Stirb langsam“

Thrilling Detective über Joe Leland (so heißt John McClane im Buch)

The Independent: Nachruf auf Roderick Thorp

Bei Panini Comics erschien jetzt „Die Hard – Das erste Jahr“ von Autor Howard Chaykin und den Zeichnern Stephen Thompson und Gabriel Andrade jr.. In der offiziellen Vorgeschichte zu den „Stirb langsam“-Filmen (in dem Roman von Roderick Thorp ist die Biographie des Helden etwas anders) muss John McClane am 4. Juli 1976, während der Zweihundertjahrfeier der USA, in New York als junger, unerfahrener Cop Dienst schieben und sich mit Terroristen und Geiselnehmern kloppen. Fast wie einige Jahre späer in den Filmen.


Einige kurze sachdienliche Hinweise auf Sachbücher

Dezember 24, 2011

Ob das wirklich „111 Orte in Berlin, die man gesehen haben muss“ sind, wie Autorin Lucia Jay von Seideneck, Rechercheurin Carolin Huder und Fotografin Verena Eidel behaupten, weiß ich nicht. Aber in jedem Fall ist es eine interessante Auswahl abseits der breit ausgelatschten touristischen Pfade, für die es ja schon Myriaden von Reiseführern gibt. Denn in welchem Reiseführer wird die Hafenkirche im Westhafen erwähnt? Dabei geht es bei der Vorstellung nicht um die Kirche. Denn die ist inzwischen in einem kleinen Mehrzweckraum. Es geht um Fedor Pfister, Berlins letzten Schifferpfarrer, der inzwischen evangelischer Studentenpfarrer ist, aber trotzdem auch auf dem Wasser (natürlich in einem Boot) seine Mission fortführt.

Unter Wasser ist der Spreetunnel („Erbaut und versenkt 1926“), der am Müggelsee Friedrichshagen mit der Kämmereiheide verbindet und wohl vor allem für Technikbegeisterte interessant ist.

Auch die Lilienthal-Burg in Steglitz, die Lohmühle in Treptow, der Paternoster im Rathaus Schöneberg oder der Madenautomat im Wedding, in dem es für Angler Maden gibt, dürften nicht in jedem Reiseführer erwähnt werden.

Und jetzt weiß ich, wo das letzte Stündlein der „Kommune 1“ schlug. Nämlich in der Stephanstraße in Moabit – und, weil es ein Privatgelände ist, aber die Wohnungen in dem Gebäude vermietet werden, ist sie nach vorheriger Anmeldung ansehbar.

Zu jedem Ort gibt es einen einseitigen, informativen Text und ein Farbfoto, selten zwei, das eher künstlerisch als dokumentarisch ist.

111 Orte in Berlin, die man gesehen haben muss“ ist empfehlenswert für Berliner und Berlin-Besucher, die die touristischen Highlights (Kleiner Tipp: eine Fahrt mit dem 100er Bus, eine mit dem 200er, kräftig knipsen und schon hat man die meisten touristischen Highlights für das private Fotoalbum verewigt.) schon kennen.

Lucia Jay von Seldeneck/Carolin Huder/Verena Eidel: 111 Orte in Berlin, die man gesehen haben muss

Emons, 2011

240 Seiten

12,90 Euro

Kurz vor Weihnachten stapeln sich im Briefkasten die Spendenbitten für die gute Sache. Auch auf dem Marktplatz oder im Fernsehen wird man höflich um einen kleinen Obolus für die armen Kinder in irgendeinem Land, von dem man oft noch nie gehört hat, gebeten. Dass dabei nicht alle Spendenorganisationen koscher sind, ist auch bekannt. Trotzdem haben sie ein gutes Image und oft wird auch gar nicht so genau gefragt, was mit dem Geld geschieht.

Der Wirtschaftsjournalist Stefan Loipfinger blickt seit drei Jahren mit Charity Watch.de hinter die Kulissen der Spendenorganisationen. Er nennt Namen, er recherchiert emsig und er wird dafür gerade von diesen Organisationen angefeindet. Teilweise, wie Loipfinger im Vorwort erzählt, erschreckend tief unter der Gürtellinie.

Jetzt hat er in „Die Spendenmafia – Schmutzige Geschäfte mit unserem Mitleid“ zusammengefasst, was er in den vergangenen Jahren herausgefunden hat. Das ist honorig, aber das Buch liest sich wie ein Griff in den Zettelkasten. Denn er reiht, zunehmend ermüdend, Beispiel an Beispiel. In diesem Wust von Einzelfällen fehlt dann der große argumentative Bogen. Stattdessen entsteht ein dumpfes Gefühl des Unwohlseins. Und weil ein Register mit den im Buch behandelten Personen und Organisationen fehlt, weiß man nachher auch nicht mehr, wo was gestanden hat.

So ist „Die Spendenmafia“ zwar lobenswert, aber nicht empfehlenswert. Ein Blick auf Loipfingers Homepage ist wesentlich gewinnbringender. Denn dort kann man einfach herausfinden, ob man bestimmten Organisationen besser kein Geld geben sollte.

Die Verbraucherzentrale hat auch einige Tipps.

Stefan Loipfinger: Die Spendenmafia – Schmutzige Geschäfte mit unserem Mitleid

Knaur, 2011

272 Seiten

8,99 Euro

Das Science Fiction Jahr 2011“ bietet, wie die vorherigen Jahresbände, einen umfassenden Rückblick auf das letzte Jahr und was dort im Science-Fiction-Bereich geschah. Es gibt Buchkritiken (nicht allzu viele, aber dafür ausführlich), viele Film- (gut 150 Seiten), Hörspiel- und Spielekritiken, die auch immer wieder durch einzelne längere Besprechungen ergänzt werden. Zum Beispiel „Wie aus dem Science-Fiction-Meisterwerk ‚Alien‘ ein Franchise wurde“, über Fritz Langs „Metropolis“, die britische Sixties-Kultserie „The Prisoner“ (Nummer 6). Zwei Streifzüge durch die Welt der DC-Comics-Superhelden. Dave Stevens‘ „The Rocketeer“ und John Layman/Rob Guillorys „Chew“ werden abgefeiert. Es gibt viel zu viele Nachrufe; unter anderem einen ausführlichen auf den sehr umtriebigen Hans Joachim Alpers. Interviews mit den Autoren Peter Watts und Adam Roberts und Professor Harald Lesch (genaugenommen und weil’s so schön lang ist „Professor für Theoretische Physik am Institut für Astronomie und Astrophysik der Universitätssternwarte der Ludwig-Maximilian-Universität München“) und, als großes Schwerpunktthema, „Future History“ mit Beiträgen der SF-Autoren Stephen Baxter und John Clute, vertiefenden Essays über die Geschichten von Olaf Stapleton, Robert A. Heinlein, Issac Asimov, den Brüder Stugatzki und über Perry Rhodan, und Sascha Mamczak hält ein Plädoyer für die Future History ab. Gary K. Wolfes Essay über den „Weltuntergang in der Science Fiction…und was danach geschieht“ wurde seltsamerweise nicht dem Schwerpunktthema zugeschlagen.

Das ist, allein schon wegen der Masse an Informationen und Einsichten (auch wenn einen nicht alle Artikel interessieren) empfehlenswert. Und dank der Gebrauchsanweisung zum Selbermachen, nach der Betrachtung der Rubrik Bild.de/Mystery sogar von erhöhtem Nutzwert; – wobei ich mich dann lieber in die „Soundwelten der Science-Fiction-Filme“ vertiefe.

Sascha Mamczak/Sebastian Pirling/Wolfgang Jeschke (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2011

Heyne, 2011

1312 Seiten

29,99 Euro

Hinweise

Heyne über „Das Science Fiction Jahr 2011“

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschke (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2008″

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschke (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2009“

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschke (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2010“

Langsam aber sicher gräbt Georg Seeßlen sich durch die Neuausgabe seines bereits mehrfach erweiterten, mehrbändigen Standardwerkes „Grundlagen des populären Films“. In diesen Grundlagen schreibt er über die verschiedenen Filmgenres und wie sie sich im Lauf der Zeit entwickelten. Beim Abenteuerfilm sind das vor allem der Antikfilm (vulgo Sandalenfilm), der Ritterfilm, der Piratenfilm und der Mantel-und-Degen-Film (halt die Musketiere in ihrer ganzen Pracht).

Weil er diese Entwicklungen weitgehend chronologisch erzählt, dabei die Filme knapp vorstellt und in ihrem filmhistorischen und gesellschaftlichen Kontext einordnet, sind Neuausgaben auch einfach möglich. Seeßlen schreibt einfach in weiteren Kapiteln, was seit der letzten Auflage in dem Genre geschah.

In dem neuesten Band „Filmwissen: Abenteuer“ sind das fast einhundert Seiten, die die Zeit zwischen 1995 und 2012 abdecken und für Seeßlen „Abenteuer im Irrealis“ sind. Er schreibt in diesem Kapitel über Blockbuster, wie „Indiana Jones und das Königreich des Himmels“, die „Piraten der Karibik“-Filme mit Johnny Depp, Ridley Scotts „Gladiator“ und „Robin Hood“, etliche historische Epen aus Fernost und viele, viele Filme, die viele Menschen nicht kennen.

Im nächsten Band der Filmwissen-Reihe beschäftigt Georg Seeßlen sich mit dem „Thriller“. Das klingt doch spannend. Bis dahin muss es aber das „Abenteuer“ tun.

Der Band ist, auch wenn, wieder einmal, die Schrift arg klein ausgefallen ist und auf Bilder verzichtet wurde, empfehlenswert. Weil die Ergänzung bei diesem Band überraschend umfangreich ausgefallen ist, lohnt sich der Kauf definitiv auch für die Menschen, die schon die älteren Auflagen besitzen.

Georg Seeßlen: Filmwissen: Abenteuer (Grundlagen des populären Films)

Schüren, 2011

368 Seiten

22,90 Euro

Hinweise

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Quentin Tarantino gegen die Nazis – Alles über ‘Inglourious Basterds’“ (2009)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „George A. Romero und seine Filme“ (2010)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Filmwissen: Detektive“ (2010)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Filmwissen: Western“ (2010)

Vordak, der Unsägliche – Das einzig wahre Handbuch für den Schurken von morgen“ ist eine klassische Klolektüre. Denn Scott Seegert lässt den von sich selbst überzeugten, anscheinend ziemlich glücklosen (Ich meine: Wer hat jemals von Vordak gehört?) Vordak darüber reden, was einen Schurken ausmacht und was er dafür tun muss. Das ist, in kleinen Dosen genossen, eine witzige Lektüre (allerdings eher auf Kalauer-Niveau), die auch nebenbei hübsch erklärt, warum bestimmte Schurken in Buch und Film funktionieren und andere nicht.

Selbstverständlich ist „Vordak, der Unsägliche“ sehr empfehlenswert (will ja keinen Ärger mit dem unsäglichen Vordak bekommen). Aber wahrscheinlich ist das anvisierte Zielpublikum noch in der Pubertät. Oder etwas jünger.

Scott Seegert: Vordak, der Unsägliche – Das einzig wahre Handbuch für den Schurken von morgen

Goldmann, 2011

224 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

Vordak the Incomprehensible: How to Grow Up and Rule the World

Egmont USA, New York, 2010

Glanz und Elend der deutschen Kriminalreportagen zeigt sich in „Gnadenlos – Warum Menschen morden“, in dem der renommierte Journalist Jürgen Schreiber zwanzig seiner in den vergangenen Jahren im „Tagesspiegel“, dem „Süddeutsche Zeitung Magazin“ und dem „ZEIT-Magazin“ (jeweils zwei) erschienenen Reportagen sammelte. Die Hälfte der Reportagen ist um die zehn Jahre alt. „Der perfekte Mord“ über den Mord an Detlev Rohwedder erschien bereits 1997 und die Neueste, „Der Türspion“ über einen Stasi-IM, der Türschlüssel besorgte, ist von 2010. Oft geht es, entsprechend des Buchtitels, um Mordfälle, die Ermittlungen der Polizei, die Täter, deren Familien, die Opfer und die Hinterbliebenen.

Dabei wird, auch von Schreiber, exzessiv aus den Akten der Polizei zitiert und die Gerichtsverfahren besucht und das alles in einem distanziert-sprödem Tonfall erzählt, aber eine eigene Recherche in dem Maß, wie es von US-amerikanischen Journalisten getan wird, ist nicht erkennbar.

Ich verlange ja nicht, dass ein deutscher Journalist, wie David Simon für „Homicide – Ein Jahr auf mörderischen Straßen“ (jetzt, nach zwanzig Jahren, bei Kunstmann auf Deutsch erschienen), ein Jahr in Baltimore Mordermittlern bei ihrer Arbeit und in ihrer Freizeit begleitet. Aber eine stärker andere Perspektiven einbeziehende Recherche, eine Suche nach neuen und überraschenden Anknüpfungspunkten für eine Reportage wären schon gut. Einen Einblick in das, was Journalisten auch auf wenigen Seiten leisten können, liefern dabei die seit 2002 jährlich erscheinenden Reportagensammlungen „Best American Crime Writing – The Year’s Best True Crime Reporting“ (herausgegeben von Otto Penzler und Thomas H. Cook).

Dagegen kommen die in „Gnadenlos“ gesammelten Reportagen etwas bieder daher. Gut geschrieben, ordentlich durchrecherchiert, aber auch irgendwie immer wieder das gleiche. Da ist Jürgen Schreiber dann nicht besser und auch nicht schlechter als viele Seite-3-Reportagen aus der Tageszeitung ihres Vertrauens.

Jürgen Schreiber: Gnadenlos – Warum Menschen morden

C. Bertelsmann, 2011

224 Seiten

16,99 Euro

(Taschenbuchausgabe ist für Mai 2012 angekündigt)