Zugegeben, das Problem mit der Zukunft ist, dass wir noch nicht wissen, was demnächst geschehen wird. Danach weiß man, was geschehen ist und kann man nur noch sagen: „Damals hielt ich es für eine gute Idee.“
Aber es gibt auch einige Leute, die es besser wissen müssten, weil sie sich beruflich mit bestimmten Fragen beschäftigen. Doch auch sie, wie Jürgen Brater in seinem neuen Buch „Keine Ahnung, aber davon viel – Die peinlichsten Prognosen der Welt“ zeigt, irren sich immer wieder. Teils aus Betriebsblindheit, teils aus Eigeninteresse.
So meinte der US-amerikanische Bischof Milton Wright 1903: „Menschen werden niemals fliegen, denn Fliegen ist den Engeln vorbehalten.“ Oder der US-Präsident Grover Cleveland sagte 1905: „Vernünftige und verantwortungsbewusste Frauen wollen gar nicht wählen.“
Tja, nun, da war wohl eine gehörige Portion Eigeninteresse dabei.
Vollkommen übertrieben fortschrittsgläubig war Alex Lewyt, Chef der US-Staubsagerfirma Lewyt Corporation, 1955, als er sagte: „Nuklear-getriebene Staubsauger werden innerhalb der nächsten zehn Jahre wahrscheinlich Realität sein.“ Auch der Nobelpreisträger Herbert Simon irrte sich, als er 1957 meinte: „Innerhalb der nächsten zehn Jahre wird ein Computer Schachweltmeister.“
Tja, damals war man doch sehr fortschrittsgläubig.
Politikexperten sind auch immer gut für eine Fehlprognosen. So meinte Larry C. Johnson, Anti-Terrorismus-Experte des US-Außenministeriums, am 10. Juli 2011 in der New York Times: „Amerikaner sind von Phantasien über Terrorismus besessen. Sie scheinen zu glauben, dass der Terrorismus die größte Bedrohung der Vereinigten Staaten sei und dass er sich ausbreiten und tödlicher wird. Keine dieser Annahmen basiert auf Fakten.“
Und, wenn wir die Fehlprognosen von Steve Jobs und Bill Gates mal links liegen lassen, hat Steve Chen, Mitbegründer von YouTube, sich 2005 kräftig geirrt, als er sagte: „YouTube wird ein Reinfall. Es gibt einfach nicht so viele Videos, die ich anschauen möchte.“
Brater hat zu jeder Prognose mehr oder weniger ausführlich geschrieben, in welchem Zusammenhang sie gemacht wurde, wer sie gemacht hat, wie die damalige und wie die heutige Realität ist. Das liest sich sehr kurzweilig und ist auch informativ. Allerdings drängt sich bei der Häufung von Fehlprognosen auch mit der Zeit der Eindruck auf, dass die Experten eine Ansammlung von Trotteln sind. Das stimmt aber nicht. Schon Voltaire wusste: „Man kann von Propheten nicht verlangen, dass sie immer irren.“
Denn, so Dan Rather: „Irren ist menschlich. Aber wenn man richtig Mist bauen will, braucht man einen Computer.“
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Jürgen Brater: Keine Ahnung, aber davon viel – Die peinlichsten Prognosen der Welt
Ullstein, 2011
304 Seiten
8,99 Euro
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Alle Zitate sind aus „Keine Ahnung, aber davon viel“.
Egal was man von der am Donnerstag im Kino startenden „Captain America“-Verfilmung hält, sie hat uns die Übersetzung des „Captain America“-Comics von David Morrell beschert.
Genau, der David Morrell, der 1972 John Rambo erfand, danach zahlreiche Bestseller schrieb und auch die Filmromane zum zweiten und dritten „Rambo“-Film schrieb. Morrell mochte beide Filme nicht und er verzichtete auch darauf, den Charakter weiter auszuschlachten. Denn damals, in den Achtzigern, hätte er mühelos mit dem Charakter viel Geld verdienen können. Zuletzt erschien bei uns sein spannender Thriller „Level 9“. Seine letzten drei Romane wurden aus unbekannten Gründen nicht mehr übersetzt.
„Captain America“ ist, für alle, die die vergangenen Wochen in einer Höhle verbracht haben, eine Comicfigur aus dem Marvel-Universum. Sie wurde 1941 von Joe Simon und Jack Kirby erfunden. Captain America ist Steve Rogers, ein Hänfling, der gerne zum Militär möchte um seinem Vaterland im Kampf gegen die bösen Nazis zu dienen. Im Rahmen eines geheimen militärischen Projekts bekommt er Quasi-Superkräfte und los geht’s. „Captain America“ ist natürlich eine ultrapatriotische Serie, die vor allem das US-amerikanische Selbstbild des guten Weltpolizisten transportiert. Captain America ist also mehr die von Sylvester Stallone in „Rambo II“ und „Rambo III“ porträtierte Ein-Mann-Kampfmaschine, als der von David Morrell erfundene Outcast, der auch am Ende des Romans „First Blood“ stirbt.
Dass David Morrell seiner „Captain America“-Geschichte, die außerhalb der Kontinuität der regulären, inzwischen von Ed Brubaker geschriebenen „Captain America“-Serie spielt, einen sehr eigenen Dreh gibt, versteht sich daher von selbst.
In Afghanistan kämpft Corporal James Newman für sein Land. Als seine Einheit in einem Hinterhalt gerät, sieht er plötzlich Captain America und gemeinsam können sie Newmans Kameraden retten. Newman wird anschließend geehrt für seine Tapferkeit. Captain America hat dagegen niemand gesehen.
Kurz darauf sollen die Soldaten ein Waffenlager ausheben. Sie dringen in die Höhle ein. Durch eine Explosion werden sie verschüttet und Newman muss sich seinen Ängsten stellen, um seine Kameraden zu retten. Denn er hat furchtbare Platzangst. Und wieder hilft ihm Captain America. Während Newman den Weg aus der Höhle sucht, erzählt Captain America ihm, wie er zu Captain America wurde.
Denn Captain America ist es irgendwie gelungen, in Newmans Kopf zu gelangen.
In Wirklichkeit liegt er in der Nähe von Washington in einem schwerbewachten Labor und kämpft gegen seine rapide schwindenden Kräfte. Gleichzeitig nimmt er an einem Experiment teil. Einem Fernwarhnehmungsexperiment und der Präsident der USA meint zu Captain Americas Teilnahme: „Selbstlos wie immer. Opfert sich auf bis zuletzt.“
David Morrell lässt die Geschichte nicht im platten Patriotismus enden. Schon die in der Geschichte mantraartig immer wieder auftauchenden Worte „Mut, Ehre, Loyalität, Opferbereitschaft“ geben einen Hinweis auf das Ende. Denn diese honorigen Werte und auch soldatischen Tugenden können allzu leicht von der Regierung missbraucht werden. Captain America will aber, wie er Newman sagt, etwas anderes: „Überall im Land gibt es noch andere Männer und Frauen mit ihren Tugenden. Anständige, fürsorgliche Menschen, die bereit sind, Opfer zu bringen. Einige von ihnen sind bereits Helden, auch wenn sie sich selbst nicht dafür halten. Sie bestehen darauf, bloß ihren Job zu erledigen. Menschen, die sich für gewöhnlich halten, obwohl sie die wichtigste, heldenhafteste Arbeit der Welt leisten. Die alles tun, was ihnen möglich ist. Die stets ihr Bestes geben, um das Leben aller zu verbessern. (…) Ich nutze meine letzte Entschlossenheit, um sie dazu zu drängen, in sich hineinzuhorchen, den Edelmut und die Hingabe aufzubringen, die für das beste stehen stehen, wie Menschen sein können. (…) Mit Freuden opfere ich mein Leben, wenn die Menschen dadurch begreifen, dass jeder von ihnen es in sich hat, ein Held zu sein…dass sie alle Captain America sein können.“
Insofern erzählt David Morrell in „Captain America – Der Auserwählte“ in den langen Rückblenden zwar die bekannte Entstehungsgeschichte von Captain America, aber er verleiht ihr seinen eigenen Dreh. Es geht nicht mehr um Patriotismus, sondern um Tapferkeit und Nächstenliebe.
Und, immerhin sind Morrells Bücher durchaus seitenstark und „Captain America – Der Auserwählte“ ist sein erster Comic, erzählt er die Geschichte sehr bildhaft mit sehr wenigen und eher knappen Dialogen, die manche Comicautoren als ziemliche Schwätzer erscheinen lassen.
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David Morrell (Autor)/Mitch Breitweiser (Zeichner): Captain America – Der Auserwählte (Marvel Exklusiv 93)
Es gibt Rätsel, die wahrscheinlich nie gelöst werden. Dazu gehört, dass ich als bekennender Jim-Thompson-Fan bis jetzt keine Ausgabe von seinem Debütroman „Now and on Earth“ hatte. Dabei ist er, wie alle Romane von Jim Thompson (abgesehen von seinem Filmroman „Ironside“), in den USA leicht erhältlich. Nur bei uns erschien erst jetzt, fast siebzig Jahre nach der Erstausgabe, in der Heyne-Hardcore-Reihe als „Jetzt und auf Erden“ die deutsche Erstausgabe – und jetzt habe ich auch diese für mich unerklärliche Lücke im Werk von Jim Thompson (1906 – 1977) geschlossen.
In seinem semi-autobiographischem Debüt erzählt Jim Thompson von James ‚Dilly‘ Dillon, einem Schriftsteller, der in den frühen Vierzigern in einer Flugzeugfabrik arbeitet, um seine Familie und die halbe Verwandtschaft durchzufüttern.
„Jetzt und auf Erden“ ist kein Krimi, aber schon ziemlich Noir in der Hoffnungslosigkeit und dem emsigen und auch ziemlich erfolgreichen Bemühungen des Erzählers Dillon, sich möglichst jede Chance zu verbauen. Die sich in den Gefilden des klassischen Romans (also Mainstream oder Ernste Literatur) bewegende Geschichte gibt auch einen Einblick in die damalige Arbeitswelt. Dabei erscheint die Flugzeugfabrik, weil Ich-Erzähler Dillon sich vor allem um die Buchführung in seiner Abteilung kümmern muss, wie ein kafkaesker Alptraum, in dem Bürokratie, Neid und Hass herrschen. Bei Dillon zu Hause ist es nicht besser – und Jim Thompson zeigt schon in seinem ersten Roman die Schattenseite des amerikanischen Traums. Die Flugzeugfabrik, die wir vor allem als Symbol des Fortschritts und des Aufstiegs kennen, ist hier für alle Beschäftigten die Endstation, in der Arbeiter sogar in bestimmten Abteilungen bleiben, weil sie bei einem freiwilligem Wechsel der Abteilung auf ihre Zulagen verzichten müssen, und langjährige Mitarbeiter sich alles erlauben können. Die Familie ist ein Hort gegenseitiger Abhängigkeiten und der Missgunst, die auch nicht vor Kindern haltmacht. Denn warum soll man einem Kind nicht deutlich sagen, dass es einige Minuten zu früh auf die Welt kam und so kein heißersehntes Weihnachtskind (was von der ganzen Stadt mit Geschenken und Essen versorgt wird) wurde? Und, weil die Frauen im Haushalt Dillon eindeutig in der Überzahl sind, lebt er in einem Matriarchat, das ihn mit ihren Wünschen und teils widersprüchlichen Anforderungen quält. Da ist es fast schon verständlich, dass Dillon zu viel trinkt und nichts schreiben kann. Allerdings will er auch nichts schreiben, weil er in seinem tiefsten Inneren scheitern will.
Jim-Thompson-Fans werden in „Jetzt und auf Erden“ leicht viele Querverweise auf Thompsons Leben finden. Das beginnt schon mit dem Namen des Ich-Erzählers, den Thompson davor als Pseudonym für seine Kurzgeschichten verwandt hatte, geht über die verschiedenen Berufe und Krankheiten von Dillon bis hin zu Dillons Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei. Es tauchen in dem Roman auch viele Themen auf, die in Thompsons Werk immer wiederkehrten.
Bereits mit seinem zweiten Roman „Heed the Thunder“ (1946) ging’s dann in Krimigefilde und in seinem dritten Roman „Nothing more than murder“ (1949, Nichts als Mord; Es war bloß Mord) gab es kein Entrinnen vor dem gierigen Schlund der Kriminalliteratur mehr.
Später schrieb er „The Killer inside me“ (1952, Liebling, warum bist du so kalt?; Der Mörder in mir), „The Getaway“ (1959, Getaway), „The Grifters“ (1963, Die Abzocker; Grifters; Muttersöhnchen) und „Pop. 1280“ (1964, 1280 schwarze Seelen; Zwölfhundertachtzig schwarze Seelen).
Im Gegensatz zu den USA, wo Jim Thompson inzwischen eine schon übertriebene Wertschätzung erfährt, sind bei uns bei Diogenes nur seine Klassiker „Der Mörder in mir“, „Muttersöhnchen“, „Getaway“ und „Zwölfhundertachtzig schwarze Seelen“ erhältlich, einige weitere Thompson-Romane gibt es antiquarisch und bis jetzt sind immer noch nicht alle seine düsteren Kriminalromane übersetzt.
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Jim Thompson: Jetzt und auf Erden
(Mit einem Vorwort von Stephen King)
(übersetzt von Peter Torberg)
Heyne Hardcore, 2011
336 Seiten
9,99 Euro
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Originalausgabe
Now and on Earth
Modern Age Books, 1942
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Grundlage für die Übersetzung war die 1994 erschienene Ausgabe von First Vintage Crime/Black Lizard Edition.
Schon auf der zweiten Seite von „Flammenteufel“ entdeckt Ich-Erzähler Eugen Goltz die nackte Leiche der Tänzerin Alice Resow in einem Hotelzimmer. Noch während der Anwalt überlegt, was er tun soll, tauchen zwei Mitglieder der Geheimen Staatspolizei auf und Goltz sieht sich schon als Mörder verhaftet. Denn es ist Oktober 1933 und in Berlin herrschen die Nazis. Goltz hatte mit ihnen bereits vor einigen Monaten, nach dem Reichstagsbrand eine unangenehme Begegnung, die dazu führte, dass er jetzt keinen Pass mehr hat und er nicht weiß, wie gut seine Überlebenschancen sind.
Daher ist er auch ziemlich erleichtert, als er gehen kann. Doch nachdem er zu einem Treffen der mächtigen Geheimgesellschaft „Gesellschaft der Brüder und Schwestern vom Licht“ eingeladen und ihm bei dem Treffen nachdrücklich gesagt wird, dass es ein Selbstmord war, zweifelt er. Denn immerhin hatte Resow, als sie ihn angerufen hatte, keine Selbstmordabsichten geäußert und der Schal, mit dem sie erwürgt wurde, war um ihren Hals und um die Heizung geschlungen. Aber seine Zweifel führen, obwohl er während des Treffens auch die Tänzerin Leni Ravenov, eine Freundin der Toten, trifft, nicht zu aktiven Ermittlungen. Stattdessen besucht er die Verhandlungen gegen die Reichstagsbrandstifter.
Die Verhandlungen hat Bernward Schneider, so schreibt er in einer Vorbemerkung, aus den Verhandlungsprotokollen übernommen und es ist schon interessant zu lesen, wie parteiisch die Verhandlung geführt wurde und wie offensichtlich es schon damals war, dass Marinus van der Lubbe nicht der Brandstifter war. Aber das und die (Mit)täterschaft der Nazis ist Allgemeinwissen – und kann daher auch nicht als Schlusspointe dienen.
Weniger bekannt und, jedenfalls für mich immer wieder sehr erstaunlich und damit letztendlich höchst unglaubwürdig, ist in „Flammenteufel“ der Umgang mit dem Thema Sex. Denn über die Umstände des Todes der Tänzerin Resow, eine autoerotische Selbststrangulation, die Spermaspuren an ihrem Körper, die Benutzung von Kondomen, SM-Praktiken, außerehelichen Geschlechtsverkehr, Treue und Untreue wird gesprochen, als hätten wir 2010, wo inzwischen eine Scheidung normal ist, und und nicht 1933. Das gleiche gilt für die gesellschaftlichen Konventionen. Das liest sich nie nach einem Roman, der irgendwo zwischen „Der Untertan“, „Der blaue Engel“ und „Mephisto“ spielt. Robert Brack gelang mit seinen in den frühen Dreißigern spielenden Kriminalromanen „Und das Meer gab seine Toten wieder“ und „Blutsonntag“ wesentlich besser, die damalige Zeit wiederauferstehen zu lassen. Und dieses Abtauchen in die Vergangenheit ist der Grund, einen historischen Roman zu lesen.
Außerdem ist „Flammenteufel“, auch wenn am Ende einige Handlungsstränge durchaus überraschend miteinander verknüpft werden, schlecht konstruiert. Denn Goltz ist als Erzähler einfach zu passiv. Er wird herumgestoßen. Er wird nicht von sich aus initiativ und am Ende wird ihm die Lösung quasi auf dem Silbertablett präsentiert. Das zeigt sich besonders deutlich, wenn Goltz die Verhandlungen besucht und er, wie wir, auf den Zuschauerbänken Platz nimmt. Da hätte Bernward Schneider seinem Erzähler eine aktivere Rolle verschaffen müssen. Zum Beispiel als ein Verteidiger eines der Angeklagten, der Beweise für ihre Unschuld sammeln will, der empört über den Prozess ist, der sich fragt, wie viel Widerstand er leisten soll und für den die Tänzerin eine wichtige Entlastungszeugin ist, die die Beweise gegen die Brandstifter an einem geheimen Ort versteckt hat. Das hätte ein spannendes Buch geben können.
Jean-Patrick-Manchette-Fans haben lange auf die schon lange, mehr oder weniger laut angekündigte Übersetzung von „Der Mann mit der roten Kugel“ gewartet. Denn bis jetzt war diese zusammen mit Barth Jules Sussman geschriebene Geschichte des Doyen des Néo-Polar nicht ins Deutsche übersetzt worden. Weder bei Ullstein, noch bei Bastei-Lübbe, die in den Achtzigern und Neunzigern, fast alle Werke des am 3. Januar 1995 verstorbenen Autors veröffentlichten. Erst jetzt hat der Distel Literaturverlag das im Rahmen seiner Manchette-Werkausgabe erledigt und es ist auch offensichtlich, warum das Werk nicht früher übersetzt wurde. Denn „Der Mann mit der roten Kugel“ ist ein Western – und Western passen nun mal nicht in eine Krimireihe. Außerdem hatte der Western, wie ein Blick auf die wenigen damals existierenden und inzwischen eingestellten Western-Reihen in den Verlagen zeigt, in Deutschland nie einen leichten Stand.
Dass dieser Western dann noch die Romanfassung eines Films war, erhöhte das Interesse der Verlage nicht. Denn ein Roman zum Film erscheint zum Filmstart und hat, abgesehen von ganz wenigen Ausnahmen, eine sehr kurze Halbwertzeit.
Aber es kommt noch schlimmer: „Der Mann mit der roten Kugel“ ist der Roman zu einem nicht existierendem Film. Denn Drehbuchautor Barth Jules Sussman hatte damals die Romanrechte an die Éditions Gallimard verkauft. Er hoffte, dass nach dem Erscheinen des Romans auch ein Film gedreht werden würde.
Robert Soulat, der stellvertretende Leiter der Série Noire, fragte Jean-Patrick Manchette, der damals gerade „Die Affäre N’Gustro“ und „Lasst die Kadaver bräunen!“ (mit Jean-Pierre Bastid) veröffentlicht hatte, ob er eine Romanfassung des Drehbuchs, das damals bald verfilmt werden sollte, schreiben wolle. Immerhin hatte Manchette als Pierre Duchesne bereits Romanfassungen von Filmen wie „Sacco & Vanzetti“ geschrieben. Der Western-Fan Manchette sagte zu und, auch wenn er von dem Drehbuch nicht begeistert war („Es ist ziemlich unbefriedigend, alles ist Maskerade, die Brutalität, die Grobheit – der Einfluss des italienischen Westerns ist deutlich spürbar. Aber es ist dennoch gut verwendbar.“), schrieb er zwischen Januar und März 1972 die Romanfassung. Dabei hielt er sich selbstverständlich an die von Sussman im Drehbuch erfundene Geschichte, die sich kaum von den meisten, damals populären Italo-Western unterschied.
Der Häftling Greene soll mit anderen Häftlingen 1871 in Texas auf der Plantage von Potts Baumwolle pflücken. Greene überzeugt den Oberaufseher Pruitt, dass er an 3.000 Dollar, die er bei einem Banküberfall erbeutet hat, kommen kann. Pruitt hilft Greene bei der Flucht. Aber als er dann die Beute haben will, sagt Greene, dass er ihn belogen habe, schießt ihm in den Fuß und haut ab.
Später wird er, nach einem Besuch bei einer Prostituierten, wieder festgenommen und zurück zur Farm gebracht – und mehr soll nicht verraten werden.
„Der Mann mit der roten Kugel“ ist eher ein Nebenwerk von Jean-Patrick Manchette, aber für Komplettisten und Western-Fans, den so groß ist bei uns die Auswahl an neuen Western ja nicht und da erfreut dann auch ein durchwachsenes Werk, natürlich essentiell. Wer Jean-Patrick Manchette noch nicht kennt, sollte allerdings besser mit seinen Kriminalromanen anfangen.
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Jean-Patrick Manchette/Barth Jules Sussman: Der Mann mit der roten Kugel
(mit einem Vorwort von seinem Sohn Doug Headline und einem Nachwort von Barth Jules Sussman)
In der TV-Serie „Human Target“ war Christopher Chance ein menschliches Schutzschild, dem seine Arbeit gefiel und der von psychischen Problemen gänzlich unbelastet war. Ebenso in dem vor einigen Monaten erschienenem, von Len Wein geschriebenem „Human Target“-Abenteuer „Kopfgeld für den Paten“, das auf der TV-Serie basierte.
In dem jetzt veröffentlichtem Comic „Human Target“ ist das etwas anders. Denn Christopher Chance nimmt hier die Identität des mutmaßlichen Opfers mit Haut und Haaren an – und er beginnt deshalb auch an seiner eigenen Identität zu zweifeln.
Es handelt sich dabei um die beiden Geschichten „Human Target“ und „Human Target: Final Cut“ von Autor Peter Milligan und den Zeichnern Edvin Biukovic und Javier Pulido. Milligan nahm 1999 und 2002 in seinen Geschichten den von Len Wein und Carmine Infantino bereits 1972 erfundenen Charakter, der damals vor allem in „Mission: Impossible“-artigen Geschichten auftrat, und fragte sich, was es für einen Menschen wirklich bedeutet, so sehr in die Haut eines anderen Menschen zu schlüpfen, dass sogar deren besten Freunden und Ehefrauen die Veränderung nicht auffällt.
In der ersten Geschichte des jetzt erschienenen Sammelbandes „Human Target – Band 1“, nimmt Chance in Los Angeles die Identität des afroamerikanischen Predigers Earl James an, der in seinem Viertel gegen die Crack-Lords kämpft und seine Gemeinde zum Kampf gegen die Drogen mobilisieren will. Dass er sich damit auf die Todesliste der Drogenhändler gesetzt hat, muss wohl nicht extra erwähnt werden.
Gleichzeitig ist ein Killer auf Christopher Chance angesetzt – und, hier wird Peter Milligans Geschichte von einer 08/15-Actiongeschichte zu einem komplexen Drama über Identität und Persönlichkeit. Denn Chance fragt sich immer stärker, wer er ist und wie er mit den verschiedenen Identitäten, die er in den vergangenen Jahren eingenommen hat, umgeht. Denn Chance spielt nicht den Charakter, für den er das menschliche Schutzschild ist, sondern er wird zu diesem Menschen und dagegen ist ein Undercover-Einsatz ein Spaziergang.
In „Final Cut“ soll Chance für den Hollywood-Millionär Frank White dessen entführten Sohn Ronan, einen dreizehnjährigen Kinderstar, finden. Chance nimmt dabei auch die Identität von Frank White an. Er entdeckt, wie es sich für eine Krimi-Geschichte gehört, einige Familiengeheimnisse, etwas Schmutz in Hollywoods Hinterhöfen und er findet etwas, das er bisher noch nicht erlebt hat: die wahre Liebe. Dummerweise in seiner Tarnidentität.
Gerade dieser Blick auf die seelischen Nöte von Christopher Chance ist der spannende Aspekt der beiden Geschichten.
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Peter Milligan (Autor)/Edvin Biukovic (Zeichner)/Javier Pulido (Zeichner): Human Target – Band 1
(übersetzt von Claudia Fliege und Gerlinde Althoff)
Zehn Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs kehrt der US-Amerikaner Michael Rogan nach Deutschland zurück. Er will die sieben Männer ermorden, die kurz vor Kriegsende seine schwangere Frau folterten und töteten, ihn ebenfalls monatelang folterten und im Innenhof des Münchner Justizpalastes für tot zurückließen.
Mit dieser Prämisse beginnt Mario Puzos lange nicht mehr erhältlicher und jetzt erstmals ins Deutsche übersetzter Krimi „Sechs Gräber bis München“. Als der Roman zum ersten Mal, zwei Jahre vor seinem Bestseller „Der Pate“ (The Godfather) erschien, stand auf dem Cover „Mario Cleri“, ein Pseudonym, das er aus seinem Vornamen und einer Kurzform von Clericuzio, dem Name seiner Mutter nach ihrer zweiten Ehe, zusammengefügt und das er bereits für „True Action“ für Zweiter-Weltkrieg-Geschichten benutzt hatte. „Sechs Gräber bis München“ war damals dann auch einer von abertausend Pulp-Romanen, die vom Publikum schnell gelesen und oft auch ebenso schnell vergessen wurden. Jedenfalls hatte Mario Puzo zu seinen Lebzeiten kein Interesse an einer Wiederveröffentlichung. An der literarischen Qualität, ohne „Sechs Gräber bis München“ jetzt zu einem literarischem Meisterwerk hochstilisieren zu wollen, kann es nicht gelegen haben.
Denn „Sechs Gräber bis München“ ist ein kleiner, geradliniger Rachethriller, der nie mehr sein will als spannende, schnörkellos geschriebene Unterhaltung für einige Stunden. Und das gelingt Mario Puzo mit seiner Geschichte über Michael Rogan, der der Reihe nach seine Folterer in Hamburg, Berlin, Sizilien, Budapest und München umbringt, sich bereits in Hamburg in eine Prostituierte, die nach dem Krieg in einer Irrenanstalt war, verliebt und dem US-Geheimdienst ins Geschäft pfuscht. Denn dieser hat, ebenso wie die deutsche Regierung, kein Problem damit, in dem neuen Deutschland Nazis und Folterer zu beschützen und ihnen auch hohe Posten anzubieten. So ist Rogans letztes Opfer Oberster Richter im Justizpalast und er steht am Beginn einer sehr verheißungsvollen politischen Karriere.
Diese politische Dimension vertieft Puzo nicht weiter. Ebenso beschränkt sich das Zeitkolorit der 1955 spielenden Geschichte auf einige sehr austauschbare Beobachtungen.
Aber Pulp-Fans haben sich noch nie für epische Landschaftsschilderungen interessiert. Sie wollen Spannung, Sex und eine ordentliche Portion Gewalt – und all das bietet Mario Puzo in „Sechs Gräber bis München“. Immerhin will Rogan sechs Menschen in verschiedenen Städten umbringen und er hat dafür nur knappe zweihundert Seiten.
Und das macht die „Sechs Gräber bis München“ in Zeiten backsteindicker Bücher definitiv zum absolut empfehlenswertem Scheiß.
Dass Lars Arffssen mit „Verarschung“ die Bestseller „Verblendung“, „Verdammnis“ und „Vergebung“ von Stieg Larsson parodiert, dürfte auch dem Dümmsten sofort auffallen.
Larsson erzählt in seinen drei posthum erschienenen Krimis, wie der Enthüllungsjournalist Mikael Blomkvist und die Hackerin Lisbeth Salander das Unrecht in Schweden bekämpfen. Dabei decken sie Frauenverachtung, Frauenhass und staatsgefährdende Umtriebe zwischen Geheimdiensten und Verbrecherbanden bis in die höchsten Ebenen des Landes auf. Das ist moralisch honorig, aber nicht besonders gut geschrieben, absolut humorfrei und bestenfalls mäßig geplottet. Denn Larsson ergeht sich in den jeweils etwa 800-seitigen, anscheinend in einem Schreibrausch geschriebenen Werken in zahllosen, oft auch uferlosen und belanglosen Nebengeschichten, unwichtigen Details (kein Computer, ohne dass gleich das Datenblatt mitgeliefert wird; kein Gespräch, ohne dass gleich mehrere Tassen Kaffee getrunken werden), endlosen Wiederholungen und garniert das ganze mit einer pseudo-verschachtelten Struktur, die nur auf den ersten Blick gedankliche Tiefe vortäuschen kann. Das und der überwältigende Erfolg beim Publikum, denn die Bücher sind weltweit Bestseller, die schwedischen Verfilmungen waren ebenfalls kommerziell erfolgreich und in den USA hat David Fincher gerade das Remake von „Verblendung“ gedreht, forderten natürlich eine Parodie heraus und eigentlich ist nur verwunderlich, dass erst jetzt die „Verarschung“ (der deutsche Titel ist viel deutlicher als der US-Titel) von „Verblendung“, „Verdammnis“ und „Vergebung“ erscheint. In ihr ist, wie es sich für eine Parodie gehört, alles hoffnungslos übertrieben. Denn eine Parodie ist „eine verzerrende, übertreibende oder verspottende Nachahmung“ (Wikipedia).
Die Verzerrung und die Übertreibung gelingt Arffssen auch ziemlich gut. Die Verspottung nur, wenn man Spott nicht mit Lachen verwechselt. Denn wer die Larsson-Bücher „Verblendung“, Verdammnis“ und „Vergebung“ gelesen hat, wird in der Parodie auch viele bekannte Charaktere mit leicht geänderten Namen und Plotwendungen wiedererkennen. Lizzy Salamander ist, wieder einmal, inhaftiert, weil sie einen Mord begangen haben soll (siehe „Verdammnis“ und „Vergebung“). Mikael Blomberg soll für den Möbelkonzern UKEA den Mord an dem Sohn des Inhabers aufklären und sich mit der Nazi-Vergangenheit des Unternehmens beschäftigen (siehe „Verblendung“). Ein Irrer ermordet Rentiere – und alles hängt miteinander und mit der Familiengeschichte von Salamander zusammen (siehe alle Larsson-Bücher). Wenn Sie jetzt verwirrt sind, haben sie die Methode Larsson verstanden.
Gleichzeitig könnte „Verarschung“, auch weil die Geschichte zeitlich nach „Vergebung“ spielt, als vierter „Millennium“-Band durchgehen. Denn bis auf die astronomischen Minusgrade, den schonungslos übertriebenen Männerhass, der jeden Mord rechtfertigt und nur noch durch einige fiktive Gesetze getoppt wird, und Blombergs unglaubliche Anziehungskraft auf Frauen (nein, halt, das war schon so in der Vorlage), einige Übertreibungen (in Salamanders kleine Gefängniszelle wird ein unglaublich großer Computer geschmuggelt und niemand kümmert es) ist alles so, wie wir es aus den Larsson-Büchern kennen: eine absurde Geschichte, eine unglaubliche Detailversessenheit (kein Computer ohne genaueste Speicherangaben), unendlich langweilige Dialoge (gerne auch über Computer geführt), epische Subplots und unwitzige Witze.
Damit erschöpft sich der Witz von „Verarschung“ schon nach zehn Seiten. Der Rest nötigt etwas Bewunderung ab. Denn Arffssen trifft den Ton des Originals ziemlich gut – und damit könnte „Verarschung“, wenn man einige Übertreibungen herausnimmt, gut als viertes Abenteuer von Mikael Blomkvist und Lisbeth Salander fungieren.
Als Parodie ist „Verarschung“ dagegen ziemlich in die Hose gegangen. Denn ich konnte nicht einmal Lachen. Noch nicht einmal lächeln.
Es ist ein Kreuz mit den deutschen Polit-Thrillern. Eigentlich gäbe es, wie ein Blick in die Tageszeitung und etwas kriminelle Fantasie (was jeder Krimiautor haben sollte) zeigt, viel zu erzählen. Aber was ich in den vergangenen Jahren von deutschen Krimiautoren gelesen hatte, war dann doch, bis auf wenige Ausnahmen, enttäuschend, teils sogar ärgerlich. Und das liegt nicht daran, dass man bestimmte Geschichten in Deutschland nicht erzählen kann, sondern daran, wie die Geschichte erzählt wird.
Auch Jürgen Kehrers „Fürchte dich nicht!“ bleibt weit unter den Möglichkeiten, die die Prämisse bietet.
Ein Unbekannter hat den durch Zecken übertragenen FSME-Virus genetisch so verändert, dass die Infizierten keine Angst mehr verspüren und teilweise durch den Zeckenbiss auch sterben. Auf Norderney und an einigen anderen Orten gab es mehrere Fälle. Das ist besonders deshalb schlimm, weil auf Norderney in einigen Wochen ein Treffen der EU-Regierungschefs stattfinden soll. Einige werden sich schon jetzt fragen, warum der Bösewicht den Feldversuch mit seinen Zecken ausgerechnet an dem Ort durchführt, an dem er später zuschlagen will.
Aber irgendwo muss der Bösewicht ja mit seinen Untaten beginnen und so lernen wir auch den dorthin versetzte Kommissar Martin Geis kennen. Der erfüllt alles Bedingungen des Klischee-Kommissars: ein Superbulle, der strafversetzt wurde, nachdem er den Liebhaber seiner Frau (gleichzeitig sein Vorgesetzter) verprügelte, inzwischen allein lebend und mit einer ordentlichen Abneigung gegen die da oben ausgestattet; vor allem, wenn sie auf seiner Insel eine hoch gesicherte Tagung durchführen wollen. Dass er ziemlich schnell suspendiert wird und auf eigene Faust ermittelt, überrascht nicht.
Ihm zur Seite steht die Mikrobiologin Viola de Monti vom Bundesinstitut für Infektionskrankheiten (in der profanen Realität das Robert-Koch-Insitut), die als Wissenschaftlerin brillant, als Privatperson aber hoffnungslos verkorkst ist. Dennoch kommen die beiden sich näher (Liebesgeschichte muss sein). Auch sie wird in den Urlaub geschickt (Uhuh, warum schicken die Chefs ihre besten Angestellten immer dann in Urlaub, wenn sie sie doch gerade am Nötigsten brauchen?) und sie sucht auf eigene Faust weiter (Klar, was denn auch sonst?). Gemeinsam suchen die beiden Zwangsurlauber die Quelle. Ihre Ermittlungen führen sie nach Münster (aber sie treffen dort nicht auf den Kehrer erfundenen Privatdetektiv Wilsberg).
Das folgt alles brav den Konventionen des biederen deutschen TV-Krimis und der dort herrschenden Technikphobie. Denn obwohl „Fürchte dich nicht!“ heute spielt und auch Computer und Handys vorkommen, könnte die Geschichte genau so vor zwanzig Jahren, als Laptops noch exotisch waren, Mobiltelefone die Größe eines Reisekoffers hatten und das Internet die Phantasie durchgeknallter Science-Fiction-Autoren war, spielen.
Nachdem unsere beiden tapferen Helden das Haus des Bösewichts mit der Zeckenfarm entdeckt haben (so kurz vor Seite 200), gibt es einige überraschende Wendungen, die die Geschichte in eine episodenhafte Und-dann-Abfolge abgleiten lassen, die sich nicht mehr groß um einen schlüssigen Aufbau kümmert und, auch weil vom Autor nichts davon längerfristig vorbereitet wurde, zunehmend langweilt.
Denn nachdem Geis und de Monti die Zeckenfarm entdeckt haben, bewegt die Handlung sich nicht zielstrebig auf die Konfrontation zwischen den Guten und dem Bösewicht zu, sondern verirrt sich auf Nebenkriegsschauplätzen, das Tempo wird möglichst vollständig gedrosselt und auch die Gefahr vor dem tödlichen Virus ist vor der Tagung bereits gebannt (Nebenbei bemerkt sind Zecken ganz schlechte Krankheitsüberträger, weil sie passiv warten, bis ihr Opfer auftaucht.). Es ist für die Guten auch unklar, ob der Bösewicht wirklich auf der Tagung zuschlagen will (Ja! Immerhin haben wir den Prolog gelesen.), was das Ziel seines Angriffs und was sein Motiv ist. So bleibt der Bösewicht ein blasser Geselle. Und genau das sollte der Bösewicht nicht sein.
Kurz gesagt wurde in der zweiten Hälfte ungefähr alles, was die Spannung hätte steigern können, fast schon zwanghaft vermieden.
Der dritte „Losers“-Sammelband „Der Pass“ von Autor Andy Diggle und Zeichner Jock (der hier teilweise den Zeichenstift abgab), über eine Spezialeinheit der US-Army, die von ihren Arbeitgebern verraten wurde und die sich jetzt für den Verrat rächen will, besteht aus drei kürzeren Geschichten, von denen nur „Scheich dich!“ unmittelbar an den zweiten „Losers“-Sammelband „Die Insel“ anknüpft. In „Boomerang“ erfahren wir etwas über Aisha, das neueste Mitglied der Losers, und in „Der Pass“ wird der Einsatz geschildert, der dazu führte, dass 1998 aus einer Spezialeinheit des US-Militärs die „Losers“ wurden, sie offiziell für tot gelten und Clay, Jensen, Pooch und Cougar sich an ihren vorherigen Arbeitgebern, die sie während eines Einsatzes ermorden wollten, rächen wollen. Den Befehl dafür gab Max, ein geheimnisvoller Strippenzieher, den niemand kennt. Dieser Max scheint seine Hände in jedem schmutzigen Geschäft der vergangenen Jahrzehnte zu haben. Bei ihrer Jagd nach Max erfahren die „Losers“, dass sich dabei um eine CIA-Tarnidentität handelt, die offiziell nicht mehr benutzt wird.
Auch, oder gerade weil Andy Diggle und Jock, sich in „Der Pass“ Zeit nehmen im Rahmen von actionhaltigen Geschichten, wie einer Gefangenenbefreiung und einem Einsatz in Pakistan, mehr über die einzelnen Charaktere zu erzählen, macht der dritte „The Losers“-Sammelband als kleiner Schritt vom Wege Spaß.
Und wer die kurzweilige Verfilmung „The Losers“ von Sylvain White mit Jeffrey Dean Morgan, Zoe Saldana, Chris Evans, Idris Elba und Columbus Short kennt, kann sehen, wie die Entstehungsgeschichte der Losers von Pakistan (im Buch) nach Südamerika (im Film) verlegt wird, aber die wichtigsten Punkte der Geschichte erhalten blieben.
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Andy Diggle (Autor)/Jock/Nick Dragotta/Alé Garza (Zeichner): The Losers: Der Pass – Band 3
Erinnern Sie sich an den Auftritt des Kinderchores, bei dem alle Noten da waren, nur nicht in der richtigen Reihenfolge? Nun, bei „Hühnergötter – Ein Hiddensee-Krimi“ geht es einem ähnlich. Es ist alles da, aber nichts stimmt. Naja, die Länge ist okay.
Aber der Rest? Da wird auf der kleinen Ostsee-Insel Hiddensee ein Baby entführt. Die beiden Inselpolizisten rufen Hilfe vom Festland, die Insel wird auf den Kopf gestellt und selbstverständlich findet einer der beiden Inselpolizisten dann auch das Baby. Aber wie es dazu kommt ist ganz schlecht mit Kommissar Zufall und einem dieser Alleingänge, die Polizisten in schlechten Krimis immer machen müssen, zusammenfantasiert.
Dabei hätte aus „Hühnergötter“ ein guter Krimi und eine feine Sozialstudie werden können, wenn, ja wenn das Autorenduo recherchiert hätte, wie die Polizei ein auf einer Insel verschwundenes Kind sucht, die Charaktere schärfer gezeichnet wären, die Kindesentführerin ein Gesicht und gute Gründe für ihr Tun bekäme, die Eltern des Babys mehr als Abziehbilder wären, die Inselpolizisten (die ja in weiteren Büchern ermitteln) gute Auftritte bekämen, das Verhältnis von Haupt- und Nebencharakteren geklärt wäre (im Moment sind alle irgendwie gleich unwichtig), es einen stringenten Plot (und keine Ansammlung zusammenhangloser Szenen) gäbe und, immerhin ist „Hühnergötter“ von seiner Struktur her ein Thriller, es spannend wäre.
Aber auch dann stünde man noch vor der Frage, warum jemand auf einer Insel, von der er nicht flüchten kann, ein Baby entführen sollte. Das klingt doch sehr nach dem Wunsch des Autorenduos Birgit Lautenbach und Johann Ebend, das sich so oft wie möglich auf Hiddensee aufhält, einfach eine Geschichte auf Hiddensee spielen zu lassen und, weil Krimis halt gut laufen, diese Liebeserklärung in einen Krimi mit einem möglichst spektakulärem Fall packt.
Entstanden ist so ein biederer Krimi, der von ebenso biederen TV-Krimis inspiriert (deutsche natürlich, britische und amerikanische TV-Krimis ignoriert man ja, weil die erstens schlecht sind und zweitens sowieso nicht in Deutschland spielen können) und, trotz der wenigen Seiten, verquast ist. Aber der Untertitel „Ein Hiddensee-Krimi“ ist ja ein deutlicher Hinweis auf die anvisierte Käuferschaft.
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Birgit Lautenbach/Johann Ebend: Hühnergötter – Ein Hiddensee-Krimi
Zwischen 1984 und 1992 veröffentlichte James N. Frey neun Kriminalromane und sein „The Long Way to Die“ war 1988 als bestes Taschenbuch für den Edgar nominiert.
1987 veröffentlichte er seinen ersten Schreibratgeber „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“ (How to write a damn good novel) und in den vergangenen zwanzig Jahren verdiente er sein Geld als Lehrer.
Sein neuester Schreibratgeber widmet sich, wie der Titel „Wie man einen verdammt guten Thriller schreibt“ verrät, einem sehr beliebtem Genre und er bietet auch einige gute Einsichten, warum bestimmte Thriller funktionieren und andere nicht thrillen. Aber ein verdammt gutes Buch ist „Wie man einen verdammt guten Thriller schreibt“ nicht, weil Frey gefühlte hundertmal pro Seite „verdammt“ sagt und weil die Empfehlungen, wenn sie stumpf angewandt werden, zu einem formelhaftem Thriller führen; – was bei einigen Thrillern, vor allem wenn sie unglaublich clever (sein zweites Lieblingswort) sein wollen, allerdings schon ein beträchtlicher Gewinn für uns Leser und Zuschauer wäre. Denn: „Meistens ist es (…) nicht die Idee, sondern die Ausführung, die zählt.“
Eine dieser von Frey genannten cleveren Ideen ist, dass wir erst am Ende erkennen, dass unser Held eigentlich der Bösewicht ist oder der Bösewicht erlebt am Ende eine wundersame Wandlung. Nun, nach Frey, funktioniert dies meistens nicht. Als Beispiel nennt er das Ende der Elmore-Leonard-Verfilmung „Todeszug nach Yuma“ (zum Glück zerstört das Ende nicht den Film, aber es ist schon ein gewaltiger Downer).
(Frey erwähnt zwar nicht „The Rock“. Aber er hätte es tun können. In dem Action-Thriller sollen Sean Connery und Nicolas Cage Ed Harris daran hindern, eine Bio-Bombe in ein vollbesetztes Stadion zu werfen. Harris, der einen Army-Soldaten spielt, hat sich mit anderen Soldaten und einem Haufen Geisel auf Alcatraz versteckt. In der letzten Sekunde beschließt Harris, seinen Plan doch nicht durchzuführen. In dem Moment fragte ich mich im Kino, warum ich mir die vorherigen zwei Stunden angesehen hatte.
Doch zurück zum Buch.)
Für Frey ist das seit Jahrhunderten bekannte Muster für einen Thriller: „Ein cleverer Held hat die ‚unmögliche‘ Aufgabe, Böses zu verhindern oder zu bekämpfen. Der Held ist tapfer; er steckt in furchtbaren Schwierigkeiten; die Mission ist dringend; es steht viel auf dem Spiel; und am besten ist es, wenn der Held sich für andere aufopfert.“ Oder noch kürzer: „Ein cleverer Held hat die dringende und ‚unmögliche‘ Aufgabe, Böses zu verhindern.“
Das klingt jetzt etwas banal, aber wenn der Held nur ein ganz gewöhnlicher Mensch ohne besondere Fähigkeiten wäre und wenn die Aufgabe nicht scheinbar unmöglich wäre (immerhin gewinnt er am Ende ja, aber nur unter großen Anstrengungen, meistens indem er sein Leben riskiert) und der Bösewicht nicht abgrundtief böse wäre (sich also durch nichts von seinem Ziel, auch wenn es noch so bescheuert ist, abbringen lassen will), dann haben wir wahrscheinlich auch keinen guten Thriller – und auch keinen guten Roman. Denn Frey wendet einfach nur das Grundprinzip für eine dramatische Geschichte auf den Thriller an.
Sehen wir uns einfach David Baldaccis, von und mit Clint Eastwood verfilmten Thriller „Absolute Power“, den Frey für einen – wir ahnen es – „verdammt guten Roman“ und „verdammt guten Film“ hält, an: ein Einbrecher (besondere Fähigkeiten!) beobachtet bei einem Einbruch, wie der Präsident der USA seine Geliebte umbringt. Der Einbrecher wird fortan von den Bodyguards des Präsidenten, die auch den gesamten Polizeiapparat auf ihn ansetzen, gejagt – und der Einbrecher muss seine Unschuld beweisen. Wenn das keine unmögliche Aufgabe ist.
William Goldman, der das Drehbuch schrieb und dafür den Roman kräftig veränderte, meint in seiner kurzweiligen Mischung aus Hollywood-Anekdoten, Biographie und Schreibratgeber „Wer hat hier gelogen?“ selbstkritisch-ironisch „’Absolute Power‘ ist kein herausragender Film“, aber der Film funktioniert als Thriller von der ersten bis zur letzten Minute.
Die meiste Zeit verbringt James N. Frey in seinem neuesten Schreibratgeber, indem er beispielhaft an mehreren Geschichten zeigt, wie ein Thriller konstruiert werden kann. Das hat zwar den Vorteil, dass anhand einiger Beispiele, die er von den ersten Ideen über die Konstruktion des Helden und des Bösewichts hin zu den einzelnen Elementen einer Geschichte entwickelt, zeigt, „wie man einen verdammt guten Thriller schreibt“. Aber andererseits langweilt das kleinteilige Durchexerzieren aller Arbeitsschritte auch und hinterlässt schnell den Eindruck des Seiten-Schindens.
Dennoch sind die Tipps und Hinweise von James N. Frey nützlich, um entweder einen spannenden Thriller zu schreiben oder bei einem Thriller zu wissen, was einem wahrscheinlich warum nicht gefällt. Auch weil Frey seine Meinung mit vielen Film- (mehr) und Roman-Beispielen (weniger) belegt.
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James N. Frey: Wie man einen verdammt guten Thriller schreibt
(übersetzt von Ellen Schlootz)
Emons, 2011
304 Seiten
19,80 Euro
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Originalausgabe
How to Write a Damn Good Thriller. A Step-by-Step Guide for Novelists and Screenwriters
Eric van Lustbader hat es getan. Nachdem er bereits ein erfolgreicher Schriftsteller war, wurde er von Robert Ludlums Nachlassverwalter gefragt, ob er einen Jason-Bourne-Roman schreiben wollte. Sein siebter Bourne-Roman ist für nächstes Jahr angekündigt.
John Gardner, damals ebenfalls ein bekannter Autor, wurde von Ian Flemings Erben gefragt, ob er James-Bond-Romane schreiben möchte und er sagte zu. Danach kamen Raymond Benson, Sebastian Faulks und Jeffery Deaver (Ja, genau der Jeffery Deaver).
Jetzt hat auch Don Winslow ein solches Angebot angenommen. In den vergangenen Jahren erschrieb er sich einen glänzenden Ruf als Chronist des Verbrechens in Südkalifornien und, nachdem er in Deutschland einige Jahre nicht verlegt wurde, hat er auch hier eine steigende Zahl treuer Leser. Als er gefragt wurde, ob er einen Roman mit Nikolai Hel als Helden schreiben wollte, konnte er, ein großer Fan von Trevanians Roman „Shibumi“, nicht „Nein“ sagen.
In „Satori“ erzählte Winslow jetzt spannend und sehr kurzweilig die Vorgeschichte zu „Shibumi“ und wir erfahren, wie Nikolai Hel, der mehrere Sprachen spricht, ein ausgezeichneter Kämpfer, Liebhaber und Go-Spieler ist (halt irgendwie ein Ebenbild von Derek Flint), in den frühen fünfziger Jahren seinen ersten Auftrag erledigte.
Die Veröffentlichung des tollen Polit-Thrillers war für die Kriminalakte die Gelegenheit, Don Winslow einige Fragen zu stellen.
Was fasziniert Sie an Nikolai Hel?
Er ist auf vielen Ebenen ein faszinierender Charakter, aber am interessantesten ist für mich die in dem Charakter inne wohnende Kombination (und Konflikt) von westlicher und asiatischer Kultur. Als ein Europäer geboren (sein Vater ist Deutscher, seine Mutter Russin) und aufgezogen in Asien, wird er ständig in beide Richtungen gezogen. Er will wichtige philosophische Ideen von beiden Kulturen bewahren. Zur gleichen Zeit ist er ein Einzelgänger – er ist Teil beider Kulturen, aber er kann nie ganz zu einer gehören.
Wie unterschied sich für Sie das Schreiben über einen bereits bestehenden und bekannten Charakter gegenüber ihren eigenen Charakteren?
Über Nikolai Hel zu schreiben war als ob ich ein Geschenk erhalte – dieser faszinierende Mann mit dem bestehendem interessantem Hintergrund und all seinen Fähigkeiten. Ich las „Shibumi“ als es veröffentlicht wurde. So kannte ich ihn bereits.
Aber hier übernahm ich zum ersten Mal einen Charakter, der von jemand anderem erfunden wurde. Ich fühlte eine große Verantwortung das Original nicht zu verraten, aber gleichzeitig zu versuchen, ein zeitgemäßes Buch zu schreiben.
Die wirkliche Herausforderung war, die Welt durch Nikolais Augen zu sehen – wenn ich das tun konnte, wusste ich, welche Entscheidungen ich zu fällen hatte.
Was waren für Sie die größten Herausforderungen beim Schreiben von „Satori“?
Einige. Die erste war, wie schon gesagt, die Herausforderung einen bestehenden Charaktere aufzunehmen. Dann war da die Aufgabe, den Stil von Trevanian zu respektieren, ohne ihn zu imitieren – also, zu versuchen meine Stimme mit seiner zu vereinigen. Am Ende ging es darum, etwas üppiger und lyrischer zu schreiben als ich es in meinen eigenen Arbeiten tue.
Zum Schluss ging es um die historischen Fragen. „Satori“ spielt 1951/1952 in Japan, China und Vietnam. Also musste ich viel recherchieren und versuchen die Plätze und die Zeit nachzuempfinden.
Zum Glück bin ich ein Geschichts-Geek und ich liebe die Recherche.
Ihre ersten Romane waren die Privatdetektivserie mit Neal Carey. Dann wechselten sie mit „Bobby Z“ zu Einzelwerken (und den beiden Boone-Daniels-Romanen), die im heutigen Südkalifornien spielen. Daher würde ich gerne wissen, was Ihnen an Einzelwerken und Kalifornien so gefällt.
Kalifornien ist für mich unendlich interessant. Es hat eine so große Vielfalt von Landschaften und Kulturen. Es ist so schön und dann ist da die hässliche Schattenseite. Für einen Krimiautor ist das eine Goldmine.
Zu Einzelwerken gegen Serien – ich bin gierig. Ich will beide schreiben. Am Ende ist es eine Frage der Geschichte, die ich erzählen will. Einige Geschichten haben ein festes Ende und es wäre falsch, sie zu einer Serie auszubauen. Andere sind mehr ein Marathon als ein Sprint. Du willst länger laufen; die Strecke langsamer mit diesem Charakter bewältigen.
Wie schreiben Sie ihre Bücher?
Meine Schreibroutinen sind sehr einfach. Je nach Jahreszeit beginne ich zwischen 5.00 und 5.30 Uhr im Morgen, arbeite bis 10.00 Uhr, jogge oder gehe dann 4 bis 6 Meilen – oder mache eine andere sportliche Betätigung. Danach gehe ich bis ungefähr 5.00 Uhr zurück an den Schreibtisch.
Normalerweise mache ich die Recherche für ein Buch, während ich ein anderes schreibe. Aber das ist flexibel und hängt von der Situation ab. Manchmal weißt du nicht, was du nicht weißt, bis du es schreibst. Dann musst du eine Pause machen und die Antwort herausfinden. Zum Beispiel: dein Charakter verlässt sein Hotel und dreht sich nach rechts – Weißt du, was er sieht, riecht, hört? Wenn nicht, musst du es herausfinden, damit du den Leser auf diesen Weg mitnehmen kannst.
Outlines machte ich früher. Heute kaum noch. Denn es kann eine nutzlose Übung sein. Normalerweise sagen oder tun meine Charaktere etwas, das ich nicht geplant hatte und die Geschichte in eine andere – normalerweise bessere Richtung – lenkt. Ich habe eine grobe Idee, in welche Richtung die Geschichte sich bewegt – immer basierend auf den Charakteren – aber ich will überrascht werden.
Ich überarbeite jeden Tag; ich ändere ständig, was ich getan habe. Nachdem ich die Anmerkungen von meinem Herausgeber erhalten habe, schreibe ich vom Anfang bis zum Ende eine neue Fassung.
Als tägliches Schreibziel habe ich keine Seitenzahl oder Anzahl von Worten im Kopf. Mein einziges Ziel ist es, jeden Tag gut zu schreiben. Dieses Ziel erreiche ich nicht immer.
„Nachrichten verbreiteten sich nicht besonders schnell. Nicht damals. Nicht über das Radio und nicht über Zeitungen. Nicht im Osten von Texas. Die Dinge waren anders. Was in einem Ort geschah, drang meistens nicht über ihn hinaus.“
So beginnt der 1933/1934 spielende Kriminalroman „Die Wälder am Fluss“ von Joe R. Lansdale. Er erhielt dafür einen Edgar. Mit „Kahlschlag“ kehrte er einige Jahre später wieder nach Osttexas in die dreißiger Jahre zurück. Aber in einen anderen Bezirk und „Kahlschlag“ ist auch fast so gut wie „Die Wälder am Fluss“.
In „Die Wälder am Fluss“ entdeckt der elfjährige Harry Collins die bestialisch zugerichtete Leiche einer Schwarzen. Zusammen mit seiner jüngeren Schwester sucht er den Mörder. Er glaubt, dass der legendäre, im Wald hausende Ziegenmann dahintersteckt. Weil sein Vater auch der Constable des Dorfes ist, erfährt er aus erster Hand, wie die Ermittlungen voranschreiten.
Diesen Krimiplot verknüpft Joe R. Lansdale äußerst gelungen mit einer Coming-of-Age-Geschichte und einem handfestem Schauermärchen. Denn wenn Harry im Wald den Ziegenmann sucht, stampft man buchstäblich durch sumpfiges Gelände.
In „Kahlschlag“ muss die rothaarige Schönheit Sunset Jones ihren Mann stehen. Vor allem nachdem sie ihren Mann, der sie geschlagen hatte und vergewaltigen wollte, erschossen hat und jetzt von ihrer Schwiegermutter, die die Besitzerin des Sägewerks ist, aufgefordert wird, den Job ihres toten Mannes zu übernehmen. Er war der Constable.
Zusammen mit Clyde, der bereits einige Erfahrung als Deputy hat, und Hillbilly, einem gut aussehendem, aber auch skrupellosem Hobo mit einer musikalischen Ader, versucht sie sich Respekt zu verschaffen. Als der Farbige Zendo auf seinem Grundstück eine im Boden vergrabene, mit Öl überzogene, weiße Frauenleiche und einen Säugling findet und Sunset diesen Doppelmord aufklären will, stößt sie auf einige Geheimnisse und schmutzige Geschäfte.
Aber diesen, in weiten Teilen vorhersehbaren Krimiplot treibt Lansdale nicht sonderlich energisch voran. Denn dafür werden die Leichen reichlich spät entdeckt und die Mordermittlung verschwindet immer wieder unter den zahlreichen, teils sehr detailliert ausgeführten Nebengeschichten.
Lansdale geht es in „Kahlschlag“ halt mehr um ein Porträt der Depressionsjahre, dem damaligen Leben in Osttexas und den Versuchen von zwei Frauen in einer Männergesellschaft ihren Mann zu stehen. Da sind dann einige Längen vorhanden, die es in dem ebenfalls ruhig erzähltem „Die Wälder am Fluss“ nicht gibt. Denn der damals jugendliche Held beginnt seine Welt zu erkunden und die Geheimnisse der Erwachsenen zu enttarnen. Sunset entdeckt dagegen nur und auch für sie wenig überraschend, wie stark ökonomische Interessen das Leben der oberen Zehntausend des Bezirks (was in der Provinz nur eine handvoll Leute sind) bestimmen. Dass ihr Mann eine Geliebte hatte, wusste sie dagegen schon lange.
Letztendlich ist das größte Problem von „Kahlschlag“ allerdings, dass Joe R. Lansdale kurz davor das überragende „Die Wälder am Fluss“ schrieb.
Und wer danach immer noch nicht genug von Joe R. Lansdale hat, sollte sich die Anthologie „The new Dead“ von Christopher Golden mit der Kurzgeschichte „Rack ’n‘ Break“ von Joe R. Lansdale schnappen. In der Geschichte erzählt er von einem Billardspiel das mit einem Toten endet.
Zu den anderen Autoren der Zombie-Anthologie gehören John Connolly, David Liss, Brian Keene, Jonathan Maberry, Mike Carey, Max Brooks, Tad Williams und Joe Hill. Das klingt doch gut.
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Joe R. Lansdale: Die Wälder am Fluss
(übersetzt von Mariana Leky)
dumont, 2011
368 Seiten
9,99 Euro
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Originalausgabe
The Bottoms
Warner Books/Mysterious Press, 2000
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Deutsche Erstausgabe
dumont, 2004
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Joe R. Lansdale: Kahlschlag
(übersetzt von Katrin Mrugalla)
Golkonda, 2010
368 Seiten
16,90 Euro
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Originalausgabe
Sunset and Sawdust
Alfred A. Knopf, 2004
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Christopher Golden (Hrsg.): The new Dead – Die Zombie-Anthologie
Ich kann mich nur noch sehr dunkel an Trevanians Thriller „Shibumi“ erinnern, aber ich bin mir sicher, dass ich ihn als Teenager verschlungen hatte. Immerhin waren die Agententhriller von Trevanian, ein Pseudonym von Rodney Whitaker, damals ganz oben auf meiner Leseliste.
Jetzt, anlässlich der Veröffentlichung des von Don Winslos als Prequel zu „Shibumi“ geschriebenem Agententhriller „Satori“, las ich Trevanians Roman wieder und ich fragte mich, was mir damals so gut gefallen hat. Wahrscheinlich war es die Vergötterung der japanischen Kultur, die überragenden Fähigkeiten des Helden Nikolai Hel im Beruf (als Killer) und im Bett (James Bond ist gegen ihn ein Wüstling), seine finanzielle und geistige Unabhängigkeit. Kurz, er verkörperte genau das, was einen pubertierenden Jungen anmacht. Das ganze wurde mit einer ordentlichen Portion US-Bashing (nun ja, der Staub von Watergate legte sich so langsam und die Reagan-Jahre wurden geistig vorbereitet) und elitärem Denken, das heute einen seltsamen Geschmack hinterlässt, weil es doch arg nach der Nazi-Herrenmenschideologie schmeckt (Wobei Hel kein Rassist im eigentlichen Sinn ist. Er verachtet nur die westliche Kultur und deren Kaufmannsmentalität abgrundtief und, auch aufgrund seiner Biographie, stehen die US-Amerikaner ganz oben auf seiner Hassliste.) Auch ist Hel aus heutiger Sicht ein ziemlich altmodischer Macho und Trevanian bedient in „Shibumi“ eben solche Macho-Ideale. Nicht ungeschickt, aber das macht es nicht unbedingt besser.
Außerdem erzählt Trevanian seine Geschichte sehr ungeschickt. Denn nachdem auf den ersten Seiten eine CIA-Aktion auf dem Flughafen von Rom aus dem Ruder läuft, es anstatt der geplanten zwei, neun Tote gibt, der CIA-Scherge Mr. Diamond entdeckt, dass die gesamte Aktion schlampig vorbereitet war und mit welcher Gefahr sie es vielleicht zu tun haben, geht die Möchtegern-Terroristinnen Hannah Stern, die den Anschlag überlebte, nach Etchebar. Dort, im Baskenland, hat Nikolai Hel ein großes Anwesen, das er historisch herrichtet, und eine große Schar vertrauter ETA-Widerstandskämpfer (vulgo gute Terroristen; – das ist eine Siebziger-Jahre-Unterscheidung zwischen Terroristen und Freiheitskämpfern, die heute obsolet ist. Wie auch viele der damaligen Terroristengruppen.).
Diamond fräst sich durch die Akte von Nikolai Hel und wir erfahren hunderttausend Dinge über Hel, die interessant, aber für die Geschichte reichlich unwichtig sind.
Erst auf Seite 286 tritt Hel zum ersten Mal leibhaftig auf. Er erkundet mit seinem Freund Benat Le Cagot auf den folgenden sechzig Seiten eine Höhle, die später noch einmal wichtig wird.
Die erste Begegnung zwischen Hel und Hannah Stern ist auf Seite 371. Erst jetzt muss Hel sich fragen, ob er sein Leben als Killer im Ruhestand verlassen will. Bis er dann endlich die Initiative ergreift vergehen weitere Seiten, die sich inzwischen endlos anfühlen. Der Kampf zwischen Hel und den Bösewichtern beschränkt sich dann auf wenige Seiten. Dabei hätten sie eigentlich den größten Teil von „Shibumi“ einnehmen müssen.
Auf der Habenseite bleibt immer noch ein faszinierender Charakter, die Idee einer Muttergesellschaft, die als Verbindung zwischen Politik und Ölindustrie sogar über den CIA befehlen darf und mit allen Mitteln ihre Interessen schützt, eine geradezu prophetische Beschreibung des Einsatzes von Computern und einige Bonmots, wie „Es ist eine Binsenweisheit der amerikanischen Politik, dass der Mann, der eine Wahl zu gewinnen versteht, diesen Sieg nicht verdient.“ oder warum Informationen über die Liberalen von dem Supercomputer auf weißen Karten ausgedruckt werden: „als Fat Boy die Möglichkeit wirksamer Aktionen vonseiten der Liberalen errechnet hatte, erhielten sie wieder weiße Karten, das Kennzeichen politischer Machtlosigkeit.“.
Don Winslow schrieb jetzt, beauftragt von Trevanians Familie, ein Prequel zu „Shibumi“. In „Satori“ erzählt er, wie Nikolai Hel zum Auftragskiller wurde.
Nachdem der sechsundzwanzigjährige Hel drei Jahre in einer kleinen Zelle saß, macht ihm der CIA-Mann Haverford ein Angebot: wenn er für sie einen Mann ermordet, wird er freikommen. Dass der Auftrag ein Himmelfahrtskommando ist, weiß Hel von der ersten Sekunde an. Denn er soll in Peking, getarnt als französischer Waffenhändler, den russischen Botschafter mit bloßen Händen umbringen und so einen Keil zwischen Peking und Moskau treiben.
Dieser Botschafter ist der skrupellose KGB-Mann Juri Woroschenin, der Hels Mutter entehrte und Hel um sein Erbe brachte, und damit hat der junge Mann auch ein persönliches Motiv, um den Auftrag anzunehmen.
Doch wie heißt es so schön: reinkommen ist kein Problem, lebendig rauskommen schon. Zum Glück kann Hel auf die Hilfe von hilfreichen Mönchen (die dann doch gar nicht so harmlos sind) bauen.
Und der CIA und das amerikanische Militär waren bereits vor sechzig Jahren tief in illegale Geschäfte verwickelt und versuchten ihre eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen. Auch wenn dann dafür eine andere Behörde den schwarzen Peter erhält. In diesem Spiel ist der passionierte Go-Spieler Hel nur ein Bauer, der je nach Opportunität, geopfert werden kann.
„Satori“ ist ein farbiger, im Fernen Osten 1951/1952 spielender Agententhriller, der prächtig unterhält und ein angenehmes Retro-Gefühl verbreitet. Denn einerseits erinnert alles an die Agententhriller aus der Zeit des Kalten Krieges, andererseits legt Don Winslow ein absolut zeitgemäßes Erzähltempo vor und verknappt Beschreibungen und Szenen bis zum Äußersten. Im Tonfall und der damit verbundenen ironischen Darstellung der doch leicht absurden Abenteuer von Nikolai Hel erinnert Winslow dann an die grandiosen Tanner-Romane von Lawrence Block. Gegenüber dem schnellen und pointiert erzähltem Thriller „Satori“ wirkt Travanians „Shibumi“ noch schwerfälliger als es eh schon ist.
Außerdem nimmt Don Winslow gelungen einige Fäden und Episoden aus Trevanians „Shibumi“ (so wird in „Shibumi“ Hels erster Auftrag auf einigen Seiten erwähnt) auf, füllt die Lücken aus und zeichnet ein Bild eines jüngeren Mannes, der das Killerhandwerk erst noch erlernt.
„Satori“ ist ein feiner Schmöker. Fortsetzung nicht ausgeschlossen und willkommen.
Thor Kunkels neuer Roman „Subs“ beginnt mit der Anzeige „Sklavin gesucht“ und endet 442 Seiten später mit der Anzeige „Herr/in gesucht“.
Dazwischen gibt es eine ziemlich gemeine Satire auf das heutige Deutschland, die von Guido Westerwelles Aussage „Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein“ inspiriert ist. Denn das Ehepaar Claus und Evelyn Müller-Dodt hat die ironisch gemeinte Anzeige nach der Sklavin aufgegeben, weil sie eine neue Haushälterin suchen. Sie kriegen den Altphilologen Bartos und dessen Begleiterin Lana, eine wohlproportionierte, junge Ukrainerin. Bartos erklärt, dass das Sklaventum im alten Rom eine gute Sache gewesen sei und er und Lana ebensolche römischen Sklaven sein wollen. Schönheitschirurg Claus Müller-Dodt ist begeistert (vor allem von deren exorbitant niedrigen Gehaltsvorstellungen) und das Experiment eines römischen Haushalts in einer noblen Grunewaldvilla nimmt seinen anfangs vorhersehbaren Lauf.
Denn die Müller-Dots gewöhnen sich schnell an ihr neues Dasein als Sklavenhalter, Claus will Lana vögeln, die Freunde der Müller-Dots und Evelyns Schwester reagieren durchaus verständnisvoll auf die neuen Sitten in der Grunewaldvilla und die Sklaven werden von Bartos auch, nachdem der mondäne Swimmingpool auf dem Müller-Dotsschen Anwesen kostengünstig gebaut wurde, eifrig an andere Villenbesitzer im Grunewald für deren Bauprojekte (selbstverständlich immer ohne auf die Steuerklärung zu achten) ausgeliehen. Doch nachdem Claus mit Lana auf eine Tagung nach Monaco fliegt und Evelyn in den USA nach einem Besuch bei ihrer in New York lebenden Schwester die Route 66 auf einem Selbstfindungstrip abfährt, ändert sich einiges und Kunkels Geschichte nimmt einige unerwartete Wendungen bis am Ende die Sklaven einen neuen Herren suchen müssen.
„Subs“ führt einige Gedanken von „Schaumschwester“ fort. In dem Science-Fiction-Roman fungierten gut aussehende weibliche Puppen als Triebabfuhr für die Männer. Die Schaumschwester war besser, vulgo anspruchsloser und williger, als eine echte Frau. In „Subs“ werden die Schaumschwestern durch Sklaven, oder „Subs“, wie sie sich lieber nennen, ersetzt. Außerdem hat Kunkel mit dem Bild eines römischen Haushalts eine sehr gemeine Diagnose der herrschenden Klasse und ihrer Ansichten, die sie oft nur zwischen den Zeilen sagen, formuliert.
In der Mitte, wenn die Geschichte von Claus und Evelyn zu sehr in ein breitwandig erzähltes Gesellschaftsporträt mündet, wünscht man sich manchmal mehr satirischen Furor und Zuspitzung.
Aber das ändert nichts daran, dass „Subs“ die subtile Form der Rache an dem Gewäsch von Guido Westerwelle ist, der sich jetzt ausschließlich seinem Amt als Außenminister widmen will. Hört sich das nicht nur für mich wie eine Drohung an?
Und sollte Thor Kunkel angesichts dieser Drohung nicht noch einmal seinen Entschluss, nach seinem sechsten Roman „Subs“ keine weiteren Bücher mehr zu schreiben, überdenken?
Thor Kunkel: Subs
Heyne Hardcore, 2011
448 Seiten
19,99 Euro
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Buchpräsentation
Thor Kunkel und Natalia Wörner lesen
am Montag, den 6. Juni,
um 20.00 Uhr
im Grüner Salon (Volksbühne Berlin, Rosa-Luxemburg-Platz 2, Nähe Alexanderplatz)
„Boah, was war das?“ fragte ich mich am Ende von William Gibsons neuem Roman „Systemneustart“. Das soll das neue Werk des Mannes sein, der in den Achtzigern, neben Bruce Sterling, die Stimme des Cyberpunk war und als Science-Fiction-Autor eine Utopie von einem virtuellem Raum, dem Cyberspace, entwarf, die, knapp gesagt, das heutige Internet in all seinen Schattierungen ist. Vor allem die Neuromancer-Trilogie, aber auch die Idoru-Trilogie (die jetzt gesammelt als Taschenbuch erschien), sind zu recht Kultromane für die Science-Fiction-Gemeinde und die Internet-Geeks. Vor knapp zehn Jahren wandte Gibson sich der Gegenwart zu. Immerhin wurden seine Zukunftsvorstellungen ja langsam Realität.
Auch „Systemneustart“ spielt in der Gegenwart und es treten bekannte Charaktere aus seinen beiden vorherigen Romanen „Mustererkennung“ und „Quellcode“ auf. Und es geht wieder um die Welt der Werbung und der Waren.
Hollis Henry soll im Auftrag von Bigend herausfinden, wer der Designer hinter dem Modelabel Gabriel Hounds ist. Denn diese Kleider werden nur an halbseidenen Orten an ausgewählte Kunden verkauft. Es gibt auch keine Werbung dafür. Milgrim, der das vergangene Jahrzehnt in der Drogenrehabilitation verbrachte und einen Blick für Details hat, soll ihr helfen.
Schon diese Prämisse ist etwas haarig. Denn um das Modelabel wird ein Bohei gemacht, als ob es sich um eine Lieferung von illegalen Drogen oder Waffen handelt und der Verkauf von Klamotten ein Kapitalverbrechen ist. Denn es geht in „Systemneustart“ nicht um Industriespionage (was ja bedeuten würde, dass Konkurrenten um einen Markt kämpfen und sich einen Vorteil verschaffen wollen), sondern einfach nur darum herauszufinden, wer die Klamotten entwirft und das ist etwa so gefährlich wie eine Recherche in der städtischen Bibliothek. Aber Gibson inszeniert diese Suche, als ob es um das Ei des Kolumbus oder die drohende Vernichtung der Erde geht; – was dann doch etwas übertrieben-hysterisch wirkt. Jedenfalls für einen Roman, der sich nicht als Komödie oder Satire versteht. Humor ist sowieso in „Systemneustart“ Mangelware.
Stattdessen bewegen sich die blassen Charaktere mit großem Ernst von einem Ort an einen anderen Ort (immer in dieser Welt, nie in den tiefen des Cyberspace) und gefallen sich in ihrer Paranoia. Dafür verfremdet Gibson die Gegenwart bis zum Gehtnichtmehr und, während er mit seinen Cyberpunk-Romanen eine faszinierende, sich aus der Gegenwart speisende Utopie entwarft, hat er in „Systemneustart“ nichts zur Gegenwart und auch nichts zur Zukunft zu sagen.
Bis zum Ende bleibt vollkommen unklar, worum es überhaupt geht (Gabriel Hounds? Militärkleidung? Etwas anderes?) und, damit verbunden, was auf dem Spiel steht. Aber wenn unklar ist, worum es geht, ist einem auch die Geschichte egal.
Auch nachdem einer von Bigends Mitarbeitern entführt wird, wird es nicht klarer und, was beim Benutzen eines so altbewährten Erzählkniffs eigentlich ein Kunststück ist, auch nicht spannender. Es gibt sogar, kurz vor dem Geiselaustausch auf Seite 452 einen absurden Dialog zwischen einigen Hauptcharakteren, der das Dilemma des Buches ziemlich gut zusammenfasst:
„Verstehst du, was er da treibt?“
„Nein, aber es ist kompliziert.“
(…)
„Sie wollen, dass er für Milgrim gehalten wird.“
„Das weiß ich! Aber warum?“
„Jemand hat Bigends Starinformatiker entführt. Die verlangen, dass wir ihnen im Tausch Milgrim ausliefern.“
„Warum denn das?“
„Genau genommen“, sagte Hollis, „hat es wohl etwas damit zu tun, dass du dem Kerl, der euch verfolgt hat, einen Pfeil an den Kopf geworfen hast.“
Und auch wir Leser sind keinen Deut schlauer als Hollis. Außerdem ist uns reichlich egal, ob die Befreiungsaktion à la Schlechte-A-Team-Kopie gelingt oder schiefgeht. Deutlicher kann man wohl das Scheitern eines Romans nicht formulieren. Der Roman ist ein, auf gut fünfhundert, engbebruckte Seiten ausgewalzter literarischer Leerlauf von einem Mann, der das Genre revolutionierte.
„Systemneustart“ liest sich als ob man ein Spiel von Freizeitsoldaten beobachtet, ohne die Regeln zu kennen und die Freizeitsoldaten auch nur gegen imaginäre Gegner kämpfen. Dagegen ist das Beobachten von trocknender Farbe eine hochspannende Angelegenheit.
William Gibson: Systemneustart
(übersetzt von Hannes und Sara Riffel)
Tropen, 2011
496 Seiten
24,95 Euro
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Originalausgabe
zero history
G. P. Putnam’s Sons, New York 2010
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William Gibson: Die Idoru-Trilogie (Virtuelles Licht, Idoru, Futuremantic)
(überarbeitete Neuausgabe)
(übersetzt von Peter Robert)
Heyne, 2011
1056 Seiten
13,99 Euro
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Die Werke von William Gibson
Die Neuromancer-Trilogie
Neuromancer (Newromancer, 1984)
Biochips (Count Zero, 1986)
Mona Lisa Overdrive (Mona Lisa Overdrive, 1988)
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Die Idoru-Trilogie
Virtuelles Licht (Virtual Light, 1993)
Idoru (Idoru, 1996)
Futuremantic (All Tomorrow’s Parties, 1999)
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Die Bigend-Romane
Mustererkennung (Pattern Recognition, 2003)
Quellcode (Spook Country, 2007)
Systemneustart (zero history, 2010)
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Einzelwerke
(mit Bruce Sterling) Die Differenzmaschine (The Difference Engine, 1990)
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Kurzgeschichtensammlung
Vernetzt – Johnny Mnemonic und andere Geschichten (Burning Chrome, 1986)
Ein Buch zum Durchlesen ist Stefan Volks „Skandalfilme – Cineastische Aufreger gestern und heute“ nicht. Es ist eher ein Lexikon, das zum Blättern einlädt; auch wenn der Text arg klein geraten ist und die Bilder eher der Illustration dienen. Denn sie sind in SW und ebenfalls ziemlich klein geraten.
Dafür hat Volk auf etwas über dreihundert Seiten eine sehr informative Chronik des Skandals im Film von den Anfängen bis zur Gegenwart geschrieben. Bis auf ganz wenige Ausnahmen konzentriert er sich dabei auf Filme, die in Deutschland für Aufregung sorgten. So entsteht auch eine kleine Sittengeschichte Deutschlands von „Anders als die anderen“ (über Homosexualität) über „Panzerkreuzer Potemkin“, „Ein andalusischer Hund“, „Im Westen nichts Neues“, „Die Sünderin“ (läuft manchmal im Nachmittagsprogramm), „Baby Doll“, „Das Mädchen Rosemarie“, „Das Schweigen“, „Spur der Steine“, „O. K.“, „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“, „Salò oder Die 120 Tage von Sodom“, „Im Reich der Sinne“, „Die Konsequenz“, „Das Gespenst“ (damals ein Skandal, heute ohne Probleme als FSK-12 auf DVD veröffentlicht), „Die letzte Versuchung Christi“, „Basic Instinct“, „Funny Games“ (das Original), „Baise-Moi“, „Die Passion Christi“ bis hin zu „Tal der Wölfe – Irak“.
Die meisten Diskussionen in der Gesellschaft gab es, wie die Auswahl zeigt, wenn es um Sex, bevorzugt gleichgeschlechtlicher Sex und/oder mit Minderjährigen und/oder um Religion ging. Also Tabus angegriffen wurden. Das waren vor allem moralische Diskurse. Politischer im engeren Sinn wurde es dagegen seltener. Bei dem heute immer noch schockierendem Kriegsfilm „Im Westen nichts Neues“ ging es um die Rolle des Soldaten im Krieg und die Nazis instrumentalisierten den Film schamlos für ihre politischen Ziele, indem sie gegen Aufführungen protestierten. Hier bietet Volk eine tiefen und sicher für die meisten Leser vollkommen unbekannten Einblick in die damalige politische Gefechtslage und die damalige Filmzensur. In „O. K.“ wurde die Vergewaltigung und Ermordung einer Vietnamesin 1966 in Vietnam fiktionalisiert und die Berlinale war, wie einige Jahre später mit „Im Reich der Sinne“, der Auslöser für heftige Diskussionen über den Film und den Umgang mit dem Film. Beide Male kam es auch schon auf der Berlinale zum Eklat.
38 Filme und die durch den Film entstandenen Diskurse werden von Stefan Volk in „Skandalfilme“ ausführlich mit zeitgenössischen Kritiken, einem Ausblick auf die Wirkung des Films und weitergehenden Informationen zum Film und den Machern, vorgestellt.
Außerdem hat Volk mehrere Überblickstexte geschrieben, in denen er die ausgewählten Filme in einen größeren soziokulturellen Zusammenhang stellt (ach, das klingt so wissenschaftlich; besser vielleicht: indem er auch auf andere Filme und die Stimmung in der Gesellschaft eingeht). Jedenfalls ist „Skandalfilme“ auch eine deutsche Sittengeschichte.
Horror- und Action-Filme und die damit verbundenen Diskussionen über Gewalt werden von Volk ignoriert. Das kann man bedauern, aber diese Geschichte ist in anderen Büchern auch gut dokumentiert und hat, wenigstens in Deutschland, niemals, obwohl gerade diese Filme immer wieder mit Verboten und Schnittauflagen zu kämpfen hatten, die großen Diskussionen in der Gesellschaft ausgelöst.
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Stefan Volk: Skandalfilme – Cineastische Aufreger gestern und heute
Es hilft nichts. Ich muss endlich mal wieder meinen Schreibtisch aufräumen. Dabei kann ich dann auch einige Werke, die ich teils schon vor Monaten genossen, aber bis jetzt immer noch nicht besprochen habe, endlich, nicht immer in der gebührenden Länge, besprechen.
Kulturwissenschaftler Terry Eagleton versucht in seinem Essay „Das Böse“ zu erklären, was, wir ahnen e bei dem Titel, das Böse ist. Dabei kann er aus seiner eigenen Biographie als überzeugter Katholik und Marxist schöpfen. Denn er versucht das Böse zwischen diesen beiden Extremen und ihren Welterklärungen zu deuten und zu anderen Begriffen wie „das Schlechte“ und „das Gute“ abzugrenzen.
Aber das Essay ist keine soziologische oder psychologische Abhandlung, sondern eine philosophische Schrift, die ihre These vor allem an verschiedenen Romanen wie Graham Greenes „Am Abgrund des Lebens“, William Goldings „Pincher Martin“ oder Flann O’Briens „Der dritte Polizist“ (Geniales Buch!) prüft.
Eagleton meint: „Das Böse, wie ich es verstehe, ist tatsächlich metaphysisch, insofern es sich gegen das Sein als solches wendet und nicht gegen diesen oder jenen seiner Teile. Grundsätzlich will es das Ganze vernichten Womit aber nicht gesagt ist, dass es zwangsläufig übernatürlich ist oder jeglicher menschlichen Kausalität entbehrt.“
Dabei unterscheidet Eagleton zwischen dem Bösen und dem Schlechten: „Böse Menschen lassen sich von ihrem destruktiven Verhalten nicht abbringen, weil ihre Handlungen keine rationale Grundlage haben. Für sie sind die vernünftigen Argumente, die andere in diesem Zusammenhang geltend machen, ein Teil des Problems. Dagegen ist es theoretisch möglich, mit Menschen zu argumentieren, die skrupellose Mittel anwenden, um rationale oder sogar bewundernswerte Zwecke zu erreichen.“ Das gilt auch für Terroristen.
Das gut zu lesende Buch ist eine inspirierende Lektüre voller Geistesblitze und Bonmots, das, wie es sich für einen philosophischen Text gehört, zum Nachdenken über das Böse in seinen verschiedenen Schattierungen einlädt.
Ich bin kein Freund der Bodensee-“Tatorte“. Genaugenommen finde ich die meisten „Tatorte“ mit Eva Mattes als Kommissarin Klara Blum unerträglich. Die Besten sind gerade so genießbar (und da ist der Konstanz-Bonus schon enthalten. Immerhin habe ich einige Jahre in dieser schönen Stadt, die solche „Tatorte“ nicht verdient hat, verbracht.). Bei „Seenot“ gefielen mir die unendlich langen, atmosphärischen Aufnahmen von Sonnenauf- und -untergängen am See (Man ist ja sooo genügsam.), während ich mich über die episch ausgewaltze falsche Fährte ärgerte und den üblichen kindischen Hickhack unter Kollegen, der anscheinend zu jedem „Tatort“ gehört, tapfer ertrug, während ich mich fragte, wer dieses infantile Gehabe witzig oder auch nur interessant findet.
Susanne Kraft schrieb jetzt in schönstem süddeutschen Barock eine Romanfassung von „Seenot“ und, abgesehen von der gewöhnungsbedürftigen Sprache, gefiel mir die Romanfassung besser als der Film. Ja, im Gegensatz zum Film, erscheint die Konstruktion der Geschichte mit ihren richtigen und falschen Fährten jetzt sogar sehr schlüssig.
Oh, und darum geht es: Zusammen mit ihrem Schweizer Kollegen Reto Flückiger suchen Kommissarin Blum und ihr Adlatus Kai Perlmann den Mörder des Werftbesitzers Urs Stähli. Er wurde auf dem Bodensee ermordet und, wie es sich für einen dieser Whodunit-“Tatorte“ gehört gibt es auch genug Verdächtige, aber wenig Spannung.
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Susanne Kraft: Seenot
Emons, 2010
208 Seiten
8,95 Euro
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Vorlage
Tatort: Seenot (D 2008, Folge 692)
Regie: René Heisig
Drehbuch: Dorothee Schön
mit Eva Mattes, Sebastian Bezzel, Stefan Gubser, Justine Hauer, Ralph Gassman, Hinnerk Schönemann
Genug Verdächtige gibt es auch in dem Frankfurt-“Tatort“ „Bevor es dunkel wird“ mit den Kommissaren Fritz Dellwo und Charlotte Sänger (beide inzwischen im Ruhestand). In einer Armenküche wird eine ehrenamtliche Mitarbeiterin vergiftet. Die beiden Kommissare fragen sich, ob der Anschlag dem Mittagstisch (und damit den Hilfebedürftigen) oder der Toten oder jemand anderes galt und sie einfach von der falschen Frucht gegessen hat.
Nachdem ich mich bei dem Vorgänger des Teams Dellwo/Sänger, Kommissar Brinkmann (aka Der Mann mit der Fliege), immer fragte, ob die Macher eine Parodie auf den konventionellen TV-Krimi (okay, sehr schlechte Parodie) machen wollten oder einfach nur grottenschlechte Krimis abdrehten, war der erste Dellwo/Sänger-“Tatort“ „Oskar“ eine Wohltat. Es ging. Auch die Frankfurter konnten gute Krimis drehen. „Oskar“ ist ein Krimi, der sich mit der deutschen Wirklichkeit beschäftigt, eine Blick auf die Schattenseite der Gesellschaft wirft, ohne in Klischees zu ersticken, die Grenzen des Genres auslotet und auch filmisch in der ersten Liga mitspielt. Zwischen 2002 und 2010 hielten die Frankfurter „Tatorte“ in achtzehn Fällen ein beachtlich hohes Niveau. „Bevor es dunkel wird“ gehört allerdings, weil die Ermittlungen nur den Prinzipien Zufall und Intuition gehorchen, zu den schwächeren Fällen des Teams Dellwo/Sänger.
Diese lasche Konstruktion der Geschichte, die im Film wenigstens teilweise überspielt wurde, fällt bei Uli Aechtners Romanfassung des Films gnadenlos auf.
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Uli Aechtner: Bevor es dunkel wird
Emons, 2010
160 Seiten
8,95 Euro
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Vorlage
Tatort: Bevor es dunkel wird (D 2007, Folge 680)
Regie: Martin Enlen
Drehbuch: Henriette Piper
mit Andrea Sawatzki, Jörg Schüttauf, Peter Lechbaumer, Sascha Göpel, Ina Weise, Fritz Karl
Die zweite Lieferung der „Suite Noire“ besteht aus vier weiteren, ebenfalls verfilmten, jeweils hundertseitigen Krimis, die gelungen verschiedene Spielarten des Noirs bedienen und immer auch eine Hommage an einen anderen Noir- oder Pulp-Roman sind. Bei Didier Daeninckxs „Nur DJs gibt man den Gnadenschuss“ ist auch für uns offensichtlich, dass es eine Hommage an Horace McCoys „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss“ (verfilmt von Sydney Pollack mit Jane Fonda) ist. Die von Daeninckx erzählte Geschichte hat dann, wie auch bei den anderen Hommagen, höchstens sehr entfernt noch etwas mit dem anderen Werk zu tun. In „Nur DJs gibt man den Gnadenschuss“ verliebt sich eine Radiomoderatorin bei einem alternativen Radioprojekt in einen gerade entlassenen Häftling. Der erwirbt schnell das Vertrauen der Mitarbeiter und niemand ahnt, dass er seine eigenen Ziele verfolgt.
Marc Villard erzählt in „Die Stadt beißt“ (eine Hommage an „Der Asphalt-Dschungel“ von W. R. Burnett) die Geschichte der aus dem Kongo geflüchteten Sara, die Malerin werden will, sich aber, als Illegale, als Prostituierte durchschlagen muss und, nachdem ihre Mitbewohnerin ermordet wird, von Allen im Viertel gejagt wird.
„Die Königin der Pfeifen“ von Laurent Martin beginnt mit einer Irritation, wenn man nach einigen Seiten erfährt, dass die Ich-Erzählerin Annabelle ein Mann ist, der sich mühselig das Geld für eine Geschlechtsumwandlung anspart. Da erhält sie (oder er?) eine Chance, schnell viel Geld zu machen.
Romain Slocombes „Das Tamtam der Angst“ erzählt die Geschichte des Künstler Fridelance Ambroise, der von allen immer unterdrückt und über den Tisch gezogen wird. So soll er für ein Taschengeld einen Schmöker, in dem detailliert magische Rituale der Afrikaner geschildert werden, illustrieren und beim Verkauf eines wertvollen Stuhls beschissen werden. Fridelance probiert die Zaubersprüche aus und, nun, es geschehen seltsame Dinge.
Die vier kurzen Romane zeigen die Bandbreite des zeitgenössischen französischen Krimis auf und machen Lust auf weitere Werke der Autoren. Allerdings wurden bislang nur einige Romane von Didier Daeninckx übersetzt.
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Laurent Martin: Die Königin der Pfeifen
(übersetzt von Katarina Grän)
Distel Literaturverlag, 2010
108 Seiten
10 Euro
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Originalausgabe
La reine des connes
Éditiones La Branche, Paris, 2007
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Hommage an „La Reine des pommes“ (The five cornered square) von Chester Himes
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Verfilmung
Die Königin der Pfeifen (La reine des connes, Frankreich 2009)
Regie: Guillaume Nicloux
Drehbuch: Nathalie Leuthreau
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Marc Villard: Die Stadt beißt
(übersetzt von Katarina Grän)
Distel Literaturverlag
108 Seiten
10 Euro
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Originalausgabe
Quand la ville mord
Éditions La Branche, Paris, 2007
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Hommage an „Quand la ville dort“ (The asphalt jungle) von William R. Burnett
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Verfilmung
Die Stadt beißt (Quand la ville mord, Frankreich 2009 )
Regie: Dominique Cabrera
Drehbuch: Dominique Cabrera
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Romain Slocombe: Das Tamtam der Angst
(übersetzt von Katarina Grän)
Distel Literaturverlag, 2010
108 Seiten
10 Euro
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Originalausgabe
Envoyez la fracture
Éditions La Branche, Paris, 2007
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Hommage an „Envoyez la soudure“ (The Victim) von Carter Brown
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Verfilmung
Das Tamtam der Angst (Envoyez la fracture!, Frankreich 2009)
Regie: Claire Devers
Drehbuch: Jean-Louis Benoît, Claire Devers
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Didier Daeninckx: Nur DJs gibt man den Gnadenschuss
(übersetzt von Katarina Grän)
Distel Literaturverlag, 2010
96 Seiten
10 Euro
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Originalausgabe
On achève bien les disc-jockeys
Éditions La Brance, Paris, 2007
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Hommage an „On achève bien les chevaux“ (They shoot horses, don’t they?) von Horace McCoy
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Verfilmung
Nur DJs gibt man den Gnadenschuss (On achève bien les disc jockeys, Frankreich 2009)
Bis die rundum gelungene Michael-Connelly-Verfilmung „Der Mandant“ am 23. Juni im Kino startet, dauert es noch etwas. Aber die Filmausgabe von Michael Connellys Roman ist schon draußen. Sie unterscheidet sich von den vorherigen Ausgaben durch ein anderes Cover, das sich am Filmplakat orientiert (und mir gefällt), und einen 16-seitigen Anhang, in dem es informative Produktionsnotizen zum Film gibt.
Die Story dürfte inzwischen ja bekannt sein: Michael Haller in Los Angeles Strafverteidiger. Sein Büro ist sein Auto: ein Lincoln Town Car (daher auch der Originaltitel „The Lincoln Lawyer“) und als Verteidiger nutzt er für seine normalerweise schuldigen Mandanten die Lücken des Systems und die oft kleinen Ermittlungsfehler der Polizei aus, um für sie ein gutes Urteil zu erreichen; wenn es geht ohne eine Gerichtsverhandlung. Jetzt hat er mit der Verteidigung von Louis Roulet die Chance, einen Unschuldigen zu verteidigen und viel Geld zu machen. Roulet ist wegen schwerer Körperverletzung und versuchter Vergewaltigung angeklagt und die Anklage ist, so Hallers erster Eindruck, nicht stichhaltig.
Aber schnell fragt Haller sich, ob Roulet nicht nur für diese Tat begangen hat, sondern auch ein mehrfacher Frauenmörder ist und Haller vor einigen Jahren einen Unschuldigen für einen von Roulets Morden ins Gefängnis schickte (damals war Haller stolz auf sich, weil er die Todesstrafe abwenden konnte). Jetzt versucht Haller das Richtige zu tun und setzt sich zwischen alle Stühle. Denn Roulet besteht darauf, von Haller verteidigt zu werden.
Als „Der Mandant“ in den USA vor sechs Jahren erschien, war der Justiz-Thriller für Michael Connelly nur ein weiterer Ausflug von seiner erfolgreichen Harry-Bosch-Polizeiserie. Aber der zu recht für etliche renommierte Preise nominierte Thriller war so erfolgreich und Mickey Haller als Charakter so schillernd, dass Connelly seitdem Mickey Haller, neben Harry Bosch, als seinen zweiten Seriencharakter etablierte und sie auch gemeinsam in „So wahr uns Gott helfe“ (The Brass Verdict) und „The Reversal“ auftraten.
In der ersten Hälfte von „Der Mandant“ legt Connelly gewohnt gekonnt die verschiedenen Spuren aus. Die zweite Hälfte des Thrillers, die vor allem vor Gericht spielt, ist dann ein einziger packender Kampf bis zum nervenzerfetzendem Finale. Denn vor Gericht jongliert Mickey Haller gleichzeitig mit verschiedenen Bällen und es kommen immer neue dazu, bis Haller eigentlich keine Chance mehr hat, das Spiel zu gewinnen.
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Michael Connelly: Der Mandant – Der Roman zum Film
(übersetzt von Sepp Leeb)
Heyne, 2011
544 Seiten
9,99 Euro
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Deutsche Erstausgabe
Heyne, 2007
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Originalausgabe
The Lincoln Lawyer
Little, Brown and Company, 2005
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Verfilmung
Der Mandant (The Lincoln Lawyer, USA 2011)
Regie: Brad Furman
Drehbuch: John Romano
mit Matthew McConaughey, Ryan Phillippe, Marisa Tomei, William H. Macy, Josh Lucas, John Leguizamo, Michael Pena, Bob Gunton, Frances Fisher, Bryan Cranston