Altlastenbeseitigung: Text und Bild, Teil 3

Mai 18, 2011

Es hilft nichts. Ich muss endlich mal wieder meinen Schreibtisch aufräumen. Dabei kann ich dann auch einige Werke, die ich teils schon vor Monaten genossen, aber bis jetzt immer noch nicht besprochen habe, endlich, nicht immer in der gebührenden Länge, besprechen.

Dieses Werk kann als übertriebene Satire, politischer Schlendrian, 90er-Jahre-Sex-Bomben-Kram oder einfach als irgendwie befriedigend angesehen werden“, schreibt Jimmie Robinson im Vorwort von „Bomb Queen: Sexbombe – Die bläst dich weg!“ und schon auf der zweiten Seite sagt Bomb Queen: „New Port City gehört mir. (…) Ich pass nich‘ auf, dass die Züge rechtzeitig ankommen. Ich leg nur die Ärsche um, die das vermasseln.“

Sie ist eine typische Comic-Superschurkin.

Sie ist auch großbusig und sehr sexy.

Sie ist auch die Superheldin, die für Recht und Ordnung in New Port City sorgt.

Das friedliche Leben der Einwohner gerät aus den Fugen, als Robert Woods der neue Bürgermeister werden will. Denn, so die Mitarbeiter von Woods: „Sie ist böse. Ja, sie mordet. Sie ist irre. Aber sie erreicht ihre Ziele. Und das scheint den Bürgern zu gefallen. (…) Und diese Stadt scheffelt Geld. Der Kongress ist unter dem Strich gar nicht unzufrieden.“

Also greift Woods zum letzten Mittel: er engagiert einen Superhelden, der die Superschurkin umbringen soll und ihn so als engagierten Bekämpfer des Verbrechens ins Bürgermeisteramt bringen soll.

Bomb Queen ist davon nicht begeistert und schon wird, wie es sich für einen Superheldencomic gehört, New Port City zum Spielplatz für die beiden Superhelden – und wir stehen auf der Seite von Bomb Queen, die auf eine vollkommen irre Art die Gute ist.

Fortsetzung erwünscht!

Jimmie Robinson (Autor/Zeichner): Bomb Queen: Sexbombe – Die bläst dich weg! (Band 1)

(übersetzt von Christian Heiß)

Panini, 2011

128 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe

Bomb Queen, Vol. 1 – WMD: Women of Mass Destruction

Shadowline/Image, 2011

Erstausgabe als „Bomb Queen: Royal Flush“ (Februar – Mai 2006)

Der neue „Batman“-Sonderband „Hinter der Maske“ enthält zwei Geschichten. Einmal die Serienkillerjagd „Cutter“ von Thriller-Autor Greg Rucka und „The Losers“-Zeichner Jock.

Einmal die titelgebende Geschichte „Hinter der Maske“ von Autor David Hine und Zeichner Jeremy Haun.

Cutter“ hat mit der parallelen Jagd von Batman und Batwoman auf einen mehrfachen Frauenmörder zwar einen interessanten Ansatz, aber letztendlich bleibt die Geschichte nur eine Ansammlung von lose miteinander verbundenen Set-Pieces, bei der man immer den Eindruck hat, dass die Action wichtiger als die Konstruktion einer schlüssigen Geschichte war.

In „Hinter der Maske“ sitzt der verrückte Professor Strange, der vor einigen Jahren die Rolle von Batman übernehmen wollte, in der Irrenanstalt Arkham Asyslum und wird von dem Direktor der Anstalt behandelt. Doch schon bald fragt dieser sich, ob er Strange therapiert oder Strange von ihm Besitz ergriffen hat (Erinnert ihr euch an „Das Testament des Dr. Mabuse“?). Batman wird um Hilfe gebeten.

Diese Geschichte spielt gelungen mit dem Wahnsinn und verschiedenen Formen der Gedankenmanipulation und stellt die Frage, was real ist.

Greg Rucka (Autor)/David Hine (Autor)/Jock (Zeichner)/Jeremy Haun (Zeichner): Batman: Hinter der Maske (Sonderband 30)

(übersetzt von Steve Kups)

Panini/DC, 2011

116 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe/enthält

Cutter (Cutter, Detective Comics 861 – 863, März – Mai 2010)

Hinter der Maske (Beneath the Mask, Detective Comics 864 – 865, Juni – Juli 2010)

Der gute König Wenzel (Good King Wencesias, DC Holiday Special 2008, Februar 2009)

Hinweise

Homepage von Greg Rucka

Meine Besprechung von Greg Rucka/Steve Liebers „Whiteout“ (Whiteout, 1998/1999)

Meine Besprechung von Greg Rucka/Steve Liebers „Whiteout: Melt“ (Whiteout: Melt, 1999/2000)

Meine Besprechung von Greg Ruckas „Die Welt ohne Superman“ (The Sleepers, 2009)

Greg Rucka in der Kriminalakte

Marvel Noir“ ist die Marvel-Reihe, in der bekannte Charaktere, wie Spider-Man, Wolverine und der Punisher, ein Abenteuer aus der Noir-Perspektive erleben. Auch „Daredevil“, wie sich der blinde Superheld Matt Murdock, nennt, erfährt eine solche Noir-Behandlung und sie passt sehr gut zu dem Charakter.

Murdock arbeitet im New Yorker Viertel Hell’s Kitchen als Assistent des Privatdetektivs Foggy Nelson. Ihre neueste Klienten, die gutaussehende Eliza, ist mit dem Gangster Orville Halloran befreundet. Sie will ihn verlassen. Halloran will’s nicht akzeptieren. Murdock versucht ihr zu helfen, verliebt sich in die für ihn undurchschaubare Frau und gerät in ein Komplott, in das auch der Mörder seines Vaters verwickelt ist.

Daredevil“ erzählt, angenehm nah an den aus Büchern und Filmen bekannten Noir-Konventionen, eine spannende Geschichte. Auch wenn das Ende für Matt Murdock, der hier als junger Mann noch Illusionen hat und Lehrgeld bezahlen muss, überraschender ist als für Noir-Fans. Und Tomm Cooker taucht die Geschichte mit seinen dunklen Bildern in ein entsprechend düsteres Licht.

Alexander Irvine (Autor)/Tomm Cooker (Zeichner): Marvel Noir: Daredevil

(übersetzt von Robert Syska)

Panini/Marvel, 2010

104 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe

Daredevil Noir: Liar’s Poker, Vol 1 – 4

Marvel, Juni – September 2009

Warum wollen wilde, wollüstige Weiber Wade Wilson wirklich? Wir wissen’s!“ ist der Untertitel zu „Weiber, Wummen & Wade Wilson“, dem neuen „Deadpool“-Comic von Duane Swierczynski und auch wenn am Ende der knapp hundertseitigen Geschichte wissen wir zwar immer noch nicht, warum wilde, wollüstige Weiber Wade Wilson wirklich wollen, aber wir haben uns gut amüsiert. Denn Wade Wilson (aka „Deadpool“ aka „Der Söldner mit der großen Klappe“) muss vor dem Senat zu dem Massaker von Sinaloa (wobei mindestens 79 Zivilisten, unzählige Mitglieder zweier Drogenkartelle und ein Team von Söldnern starben) aussagen und er schmückt seine Erzählung gewohnt großspurig aus. Das beginnt schon mit seiner Erklärung vor dem verdächtig nach Ronald Reagan aussehendem Kommissionsvorsitzendem Benny Sevier: „Ich war Mitglied einer US-sanktionierten, supergeheimen Söldnertruppe, die die Drecksjobs gemacht hat. Wir waren so geheim, wir hatten keinen Namen. Nur ’nen Buchstaben. X. Wenn ich die Maske abnehme, bin ich tot.“

Und dann erzählt er einiges von diesen Drecksjobs (Nicaragua 1983), den Anfängen der Einheit und was in Sinaloa (nicht zu verwechseln mit dem Eastwood-Western „Sinola“) wirklich geschah. Nur: Wie sehr kann man den Ausführungen des sympathischen Großmauls trauen? Vor allem, wenn es keine Beweise für seine Aussage gibt. Aber wenn „X“ wirklich so geheim war, kann es auch keine Beweise geben, was dann natürlich ein Beweis für die Existenz von „X“ wäre.

Weiber, Wummen & Wade Wilson!“ zeigt Deadpool in Höchstform und endet mit einer gelungenen Pointe.

Duane Swierczynski (Autor)/Jason Pearson (Zeichner): Deadpool: Weiber, Wummen & Wade Wilson! (Sonderband 1)

(übersetzt von Michael Strittmatter)

Panini/Marvel, 2011

96 Seiten

12,95 Euro

Originalausgabe

Deadpool: Wade Wilson’s War, Vol. 1 – 4

Marvel, August – November 2010

Hinweise

Secret Dead Blog von Duane Swierczynski

Meine Besprechung von Duane Louis (Swierczynskis) „Letzte Order“ (Severance Package, 2008)

Meine Besprechung von Duane Louis (Swierczynskis) „Blondes Gift“ (The Blonde, 2006)

Meine Besprechung von Anthony E. Zuiker/Duane Swierczynskis „Level 26 – Dark Origins“ (Level 26 – Dark Origins, 2009)

Meine Besprechung von Duane Swierczynskis „Cable: Kriegskind – Band 1″ (Cable: War Child – 1, 2008)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski (Autor)/Michel Lacombe (Zeichner)/Ariel Olivettis (Zeichner) „Cable 2: Heimatfront“ (Cable 2: Homefront)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski (Autor)/Ariel Olivettis (Zeichner) „Cable 3 – Warten auf das Ende der Welt“ (Waiting for the end of the world, Wasteland Blues, 2009)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski/Craig Kyle/Christopher Yost (Autoren)/Ariel Olivetti/Clayton Crain (Zeichner) „Cable 4: Messias-Krieg – Teil 1“ (Messiah War, 2009)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski/Craig Kyle/Christopher Yost (Autoren)/Ariel Olivetti/Clayton Crains (Zeichner) „X-Force 4: Messias-Krieg – Teil 2“ (Messiah War, 2009)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski (Autor)/Paul Gulacy (Zeichner)/Gabriel Guzmans (Zeichner) „Cable 5 – Zu spät für Tränen (Cable 16 – 20, 2009/2010)

Duane Swierczynski (Autor)/Steve Dillon (Zeichner)/Paul Gulacy (Zeichner)/ Lan Medina (Zeichner): Cable 6: Heimkehr, 2011 (Cable 21 – 25, 2010)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski (Autor)/Michel Lacombes (Zeichner) „The Punisher – Sechs Stunden zu leben“ (Punisher: Six hours to kill, 2009)

Duane Swierczynski in der Kriminalakte

Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, bis beim derzeitigen Revival von Zombies, auch der größte Detektiv der Welt, Sherlock Holmes, gegen Zombies kämpfen muss. In „Victorian Undead“ tut er es und das Ergebnis ist als ein um die Jahrhundertwende spielender blutiger Zombie-Krimi gelungener als als Sherlock-Holmes-Geschichte im Stil von Sir Arthur Conan Doyle. Denn bei der Zombiejagd muss Holmes weniger seinen Verstand, und mehr seine Muskeln bemühen. Das ist dann ziemlich nah an dem „Sherlock Holmes“-Film von Guy Ritchie: ziemlich unterhaltsam, aber auch mit dem Gefühl verbunden, dass mehr möglich gewesen wäre.

Ian Edginton (Autor)/Davide Fabbri (Zeichner): Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies!

(übersetzt von Claudia Fliege)

Panini, 2010

148 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe

Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies

Wildstorm 2010

Hinweise

Meine Besprechung von Arthur Conan Doyles “Sherlock Holmes Geschichten”, “Sherlock Holmes Kriminalgeschichten” und “The Adventures of Sherlock Holmes” (und hier eine Auflistung der in diesen Werken enthaltenen Geschichten)

Homepage von Sir Arthur Conan Doyle (Erben)

Krimi-Couch über Sir Arthur Conan Doyle

Kirjasto über Sir Arthur Conan Doyle

Wikipedia über Sir Arthur Conan Doyle (deutsch, englisch)

Sherlockian.net (Einstiegsseite mit vielen Links)

Thrilling Detective über Sherlock Holmes

Tony Chu hat keinen Humor und trotzdem ist „Chew – Bulle mit Biss!: Leichenschmaus“ sehr komisch. Ich verkneife mir ein „saukomisch“, weil Chu ein Cibopath ist: „Das bedeutet, er kann in einen Apfel beißen und bekommt in seinem Kopf ein Gefühl dafür, von welchem Baum der Apfel ist, welches Pestizid verwendet wurde und wann er geerntet wurde. Oder er kann in einen Hamburger beißen und ganz andere Empfindungen bekommen.“ Kein Wunder, dass Chu auf das Essen von Fleisch verzichtet. Diese Fähigkeit hilft ihm in Philadelphia auch bei seiner Arbeit als Polizist.

Doch nachdem sein Partner bei einem Einsatz stirbt (und Chu einen Serienmörder überführen kann, nachdem er in seiner Suppe geschmeckt hat, dass dieser in der Küche des Restaurants arbeitet), wird er ein Agent der Abteilung für Sonderermittlungen der Lebensmittelaufsicht der Vereinigten Staaten von Amerika (FDA) und Partner von Mason Savoy. Gemeinsam jagen sie Verbrecher, die gegen die nach einer für Menschen tödlichen Vogelgrippe verhängte Geflügel-Prohibition verstoßen. Chu muss alte Verbrechen aufklären, indem er alte Beweise isst und sie mit seinen cibopathischen Fähigkeiten analysiert. Und dann gibt es noch das Gerücht, dass es niemals eine Vogelgrippe gab.

Allein schon die Prämisse von „Chew – Bulle mit Biss!“ ist absurd-komisch. Die satirisch überspitzten Zeichnungen von Rob Guillory passen gut zu der von John Layman erfundenen Serie, die in den USA ein Riesenerfolg ist. Sie erhielt den Eisner und Harvey Award als „Beste neue Comic-Serie 2010“ und „Leichenschmaus“ war auf der New York Times Bestsellerliste.

John Layman (Autor)/Rob Guillory (Zeichner): Chew – Bulle mit Biss!: Leichenschmaus (Band 1)

(übersetzt von Marc-Oliver Frisch)

Cross Cult, 2010

128 Seiten

16,80 Euro

Originalausgabe

Chew Vol. 1: Taster’s Choice

Image Comics, 2009

Homepage von Chew/John Layman

Comicgate: Interview mit John Layman (5. März 2011)


Die von Eric Powell geschriebene und gezeichnete Serie „The Goon“ erhielt bereits 2005 je einen Eisner Award als „Beste fortlaufende Comic-Reihe“ und als „Beste humoristische Publikation“. Die so ausgezeichneten Hefte sind im fünften „The Goon“-Sammelband „Über die schrecklichen Konsequenzen von Tugend“ versammelt. Im sechsten Band „Böses Blut“ ist das außerhalb der „The Goon“-Serie erschienene und bislang nicht nachgedruckte „The Goon“-Heft „Satan’s Sodomy Baby“ abgedruckt. Der Grund für die Publikation außerhalb der „The Goon“-Serie war der Titel (Sodomie!) und dass Powell hier so richtig zuschlagen wollte.

Zum Ausgleich gibt es in „Über die schrecklichen Konsequenzen von Tugend“ die Goonsche Variante der „Weihnachtsgeschichte“ von Charles Dickens

Doch auch die anderen „The Goon“-Geschichten sind „Krudes Zeug“ für die „Freunde der schöngeistigen Unterhaltung“. Also für mich.

Und auf dem Gratis-Comic-Tag wurde am Samstag die neue „The Goon“-Geschichte „Burlesque“ verteilt. In ihr besuchen der Goon und sein Kumpel Franky, auf der Suche nach dem saublödem Ralph, das Burlesque-Theater und treffen da auch die von den Toten auferstandenen Bösen Vogelweiber. Zwischen den Kloppereien versucht der Goon Franky für die inneren Werte von Frauen zu begeistern.

Eric Powell (Autor/Zeichner): The Goon: Über die schrecklichen Konsequenzen von Tugend (Band 5)

(übersetzt von Frank Neubauer)

Cross Cult, 2010

144 Seiten

19,80 Euro

Originalausgabe

The Goon: Virtue and the grim consequences thereof

Dark Horse Comics, 2006/2010

Eric Powell (Autor/Zeichner: The Goon: Böses Blut (Band 6)

(übersetzt von Frank Neubauer)

Cross Cult, 2010

144 Seiten

19,80 Euro

Originalausgabe

The Goon: Wicked Inclinations

Dark Horse Comics, 2007/2010

Bonusgeschichte

The Goon: Satan’s Sodomy Baby

Dark Horse Comics, 2007

Hinweise

Homepage von Eric Powell

Wikipedia über „The Goon“

Meine Besprechung von Eric Powells „The Goon: Meine mörderische Kindheit (Band 3)“ (The Goon: My murderous childhood [and other grievious yarns], 2004)

Meine Besprechung von Eric Powells „The Goon: Bergeweise Trümmer (Band 4)“ (The Goon: Heaps of Ruination, 2005)


Eine „Tödliche Injektion“ von Jim Nisbet

Mai 16, 2011

Dr. Franklin Royce ist in Texas Gefängnisarzt, Alkoholiker und verheiratet. „unglücklich verheiratet“ wäre ein Euphemismus für den Zustand seiner Ehe und das erklärt vielleicht auch, weshalb er dem zum Tode verurteiltem Afroamerikaner Bobby Mencken zuhört, als dieser vor seinem Tod seine Unschuld beteuert. Danach setzt Royce ihm die Giftspritze und er darf das Geld für seine erste Hinrichtung einstreichen.

Aber das Gewissen lässt ihn nicht los und er beginnt in Menckens Leben im Armenviertel von Dallas herumzustöbern. Er trifft auf dessen Freundin, die drogensüchtige Prostituierte Colleen Valdez und Menckens Freund Fast Eddie, die wissen, was damals geschah. Royce verliebt sich in Colleen, bleibt bei den beiden, driftet immer mehr in deren kleinkriminelles Leben und wird vom Beobachter zum Mittäter.

Weil „Tödliche Injektion“ sogar nach Daniel Woodrels strenger Definition, wonach ein Noir schlecht enden müsse, ein Noir ist, ist der selbstverschuldete Weg von Royce in die Hölle klar vorgezeichnet und Jim Nisbet malt ihn aus, als ob Cornell Woolrich eine Auszeit vom Tod genommen hat. Viel schwärzer als „Tödliche Injektion“ kann ein Noir nicht sein.

Gleichzeitig thematisierte Jim Nisbet als einer der ersten Autoren, nachdem die Todesstrafe 1976 in den USA wieder aufgenommen wurde und 1982 in Texas, seitdem der Staat mit den meisten Hinrichtungen, erstmals ein Mann mit einer Giftspritze hingerichtet wurde, die Todesstrafe. Fast klinisch schildert Nisbet auf den ersten Seiten, wie Mencken, der wahrlich nicht als Vorbild taugt, mit einer tödlichen Injektion, die von einem Arzt verabreicht werden muss, hingerichtet wird und die Reaktionen einiger Texaner darauf.

Seitdem Jim Nisbet seinen beunruhigenden Roman schrieb, lief die texanische Hinrichtungsmaschine erst richtig an und es wurde immer offensichtlicher, dass viel zu oft Unschuldige zum Tod verurteilt werden. Insofern ist „Tödliche Injektion“ mit seiner Kritik an der Todesstrafe heute noch aktueller als damals, als nur wenige Menschen hingerichtet wurden.

Und nun zur Frage aller Fragen für die wenigen Menschen, die noch die deutsche Erstausgabe haben: Lohnt sich der Neukauf? Es gibt ein fünfseitiges Vorwort von Sandro Veronesi und eine komplette Neuübersetzung. Wer aber nicht die verschiedenen Übersetzungen vergleichen und beurteilen will, kann auch mit der alten, seit Jahren nur noch antiquarisch erhältlichen Ausgabe leben.

Für alle anderen lohnt sich der Kauf. Denn „Tödliche Injektion“ ist ein fabelhafter Noir, der jetzt hoffentlich die Aufmerksamkeit erhält, die er verdient.

Jim Nisbet: Tödliche Injektion

(neu übersetzt von Angelika Müller)

pulp master, 2011

240 Seiten

12,80 Euro

Deutsche Erstausgabe

Jim Nisbet: Tödliche Injektion

(übersetzt von Gabriele Kunstmann)

Black Lizard, 1989

Originalausgabe

Lethal Injection

Black Lizard Books, 1987

Hinweise

Homepage von Jim Nisbet

Meine Besprechung von Jim Nisbets „Dunkler Gefährte“ (Dark Companion, 2006)

Mein Interview mit Jim Nisbet

Jim Nisbet in der Kriminalakte


Altlastenbeseitigung: Text und Bild, Teil 2

Mai 15, 2011

Es hilft nichts. Ich muss endlich mal wieder meinen Schreibtisch aufräumen. Dabei kann ich dann auch einige Werke, die ich teils schon vor Monaten genossen, aber bis jetzt immer noch nicht besprochen habe, endlich, nicht immer in der gebührenden Länge, besprechen.

Der Kinoeinsatz der „Losers“, der weitgehend auf dem ersten „The Losers“-Band „Goliath“ basiert, floppte an der Kinokasse und wurde bei uns leider nur auf DVD veröffentlicht. Denn die „Losers“ (ein Special-Forces-Team, das von ihren Vorgesetzten verraten wurden und bei einem Einsatz sterben sollte, überlebte, will sich jetzt für den Verrat rächen und wird von ihren Ex-Chefs gejagt) waren vergangenes Jahr das bessere „A-Team“. Trotzdem dürfte das magere Einspielergebnis das letzte Wort über weitere Einsätze der „Losers“ gesprochen haben.

Die im Original bereits zwischen 2003 und 2006 veröffentlichte Comicserie geht dagegen weiter. Der zweite „The Losers“-Band „Die Insel“ ist im wesentlichen ein Luftholen nach dem ersten Einsatz, als sie auf der Suche nach Beweisen für die Untaten der CIA und ihres Auftraggebers Max den Hafen von Houston in einen äußerst sanierungsbedürftigen Zustand versetzten, und eine Vorbereitung für den dritten Band.

So erfahren wir zunächst, wie die „Loser“ die Auszeit verbringen und nach weiteren Hinweisen über Max suchen. Dann brechen sie in die Karibik auf. Denn dort hat Max in einer Villa etwas für ihn sehr Wichtiges versteckt und die Loser wissen, dass etwas, das für Max wertvoll ist, auch für sie wertvoll ist.

Die Insel“ ist, wie schon der erste „Losers“-Band, ein feiner Action-Comic, bei dem die amerikanischen Geheimdienste mal wieder schlecht wegkommen. Denn für sie zählt ein Menschenleben wenig, eine Intrige viel.

Ein Zitat von US-Präsident Abraham Lincoln beschließt „Die Insel“: „Gewisse Unternehmen haben sich etabliert, und eine Ära der Korruption wird folgen. Und die Vermögenden im Lande werden alles tun, um diesen Zustand zu verlängern, indem sie die Voreingenommenheit der Menschen zu ihrem Vorteil nutzen, bis der Wohlstand sich in wenigen Händen angesammelt hat und die Republik zerstört ist.“

Was das Zitat für die „Loser“ und ihren Gegner Max bedeutet, werden wir im dritten „Losers“-Band, der für Mitte Mai angekündigt ist, erfahren.

Andy Diggle (Autor)/Jock (Zeichnungen)/Shawn Martinbrough (Zeichner): The Losers: Die Insel (Band 2)

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini Comics/Vertigo, 2010

148 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe

The Losers, Vol. 7 – 12

DC Comics, 2004

Hinweise

Homepage von Andy Diggle

Blog von Andy Diggle

Homepage von Jock

Meine Besprechung von Andy Diggle/Jocks „The Losers: Goliath“

In der feinen TV-Action-Serie „Human Target“ holt Bodyguard Christopher Chance für andere die Kastanien aus dem Feuer. Gespielt wird Chance von Mark Valley, der mir als Christopher Chance wesentlich besser gefällt als als Anwalt Brad Chase in „Boston Legal“. Zur TV-Serie wurde auch die Comicserie wiederbelebt.

Denn die TV-Serie basiert auf einem von Len Wein erfundenem Charakter, der bereits 1972 seinen ersten Auftritt hatte. Chance war eine Mischung aus Privatdetektiv und Bodyguard, der zum Erfüllen seiner Aufträge die Identität seines Auftraggebers (aka des potentiellen Opfers eines Anschlags) annahm.

Für die Serie wurde dann einiges geändert. Immerhin hätte Chance sich dann in jeder Folge verkleiden müssen. Deshalb ist er jetzt ein ehemaliges Mitglied einer Geheimorganisation, das den Alias „Christopher Chance“ angenommen hat (vor ihm gab es bereits andere „Christopher Chances“), jetzt für Geld das menschliche Schutzschild für seine Klienten spielt und sie so vor Anschlägen schützt oder aus der Bredouille herausholt. Weil er die Gefahr liebt, nimmt er am liebsten lebensgefährliche Aufträge an.

Der Comic „Kopfgeld für den Paten“ erzählt mit den Charakteren und in der Welt der TV-Serie ein weiteres Abenteuer von Christopher Chance, das ihn um den gesamten Globus führt. Denn der alternde und vom schlechten Gewissen geplagte Pate Angelo Morelli will kurz vor seinem Tod (Krebs!) als Kronzeuge aussagen. Chance soll ihn sicher von seinem Versteck in der Nähe von Paris nach Washington bringen. Auf ihrer Reise will Morelli für seine Aussage allerdings noch die in Paris, Vatikan, Venedig, einer abgelegenen Hütte in den Alpen und Hongkong versteckten Beweise einsammeln. So wird der eh schon gefährliche Auftrag für Christopher Chance, weil sie von Mafia-Killern erbarmungslos gejagt werden, zu einer klassischen Selbstmordmission.

Für Fans der TV-Serie (zu denen ich gehöre) ist „Kopfgeld für den Paten“ ein weiteres spannendes Abenteuer mit Christopher Chance, seinen beiden Freunden, Detective Laverne Winston und Guerrero, einer schönen Frau (aka „Babe of the Week“) und viel Action, die das Budget einer „Human Target“-Serienfolge gesprengt hätte (obwohl die einzelnen Folgen normalerweise nicht vor Ort gedreht werden).

Len Wein (Autor)/ Bruno Redondo (Zeichner): Human Target: Kopfgeld für den Paten (Band 1)

(übersetzt von Claudia Fliege)

Panini Comics, 2011

148 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe

Human Target, Vol. 1 – 6

DC Comics, 2010

Hinweise

Kriminalakte über die TV-Serie „Human Target“

Thrilling Detective über Christopher Chance

Die Verfilmung von „Jonah Hex“ war ein Desaster, das niemand sehen wollte. Der Film war, so hört man, auch außergewöhnlich schlecht und, wie schon der Trailer zeigt, sehr fern von der Vorlage. Eigentlich hat man nur die Landschaft (Wilder Westen), den Namen des Helden und sein verunstaltetes Gesicht übernommen.

In den Comics ist Jonah Hex ein zynischer Kopfgeldjäger, der nicht lange fackelt. In dem zweiten „Jonah Hex“-Sammelband „Rächende Colts“ sind sechs weitere von den aktuellen „Jonah Hex“-Autoren Jimmy Palmiotti und Justin Gray geschriebene Abenteuer enthalten, in denen Jonah Hex etliche Bösewichter umbringt. Die amoralischen Geschichten sind dabei in jeder Beziehung vom Spaghetti-Western inspiriert.

In den USA schreiben Jimmy Palmiotti und Justin Gray fleißig weitere „Jonah Hex“-Geschichten. Das 67. Heft ist gerade erschienen. Bei uns scheinen die Verkaufszahlen, wie fast immer bei Western, eher mau gewesen zu sein. Denn bislang hat Panini noch keine weiteren „Jonah Hex“-Sammelbände angekündigt.

Jimmy Palmiotti (Autor)/Justin Gray (Autor)/Luke Ross (Zeichner): Jonah Hex – Rächende Colts (Band 2)

(übersetzt von Christian Heiss)

Panini Comics/DC Comics, 2010

148 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe/enthält

Jonah Hex 7: Eine Hochzeit und fünfzig Begräbnisse (One Wedding and fifty Funerals, Juli 2006)

Jonah Hex 8: Verschließe niemals die Augen (Never turn a blind Eye, August 2006)

Jonah Hex 9: Der vertriebene Fluch (Gettin‘ un-haunted, September 2006)

Jonah Hex 10: Alligatormenü (Gator Bait, Oktober 2006)

Jonah Hex 11: Ein Baum zum Hängen (The hangin‘ Tree, November 2006)

Jonah Hex 12: Blutspuren im Schnee (Bloddstained Snow, Dezember 2006)

Hinweise

Blog von Jimmy Palmiotti

Meine Besprechung von „Jonah Hex: Zeit zu sterben (Band 1)“

Irgendwie war Brian Azzarellos Western-Serie „Loveless“ von Anfang an vermurkst. Es begann mit Wes Cutter, der nach dem Bürgerkrieg in seinen Heimatort, das Südstaatenkaff Blackwater, zurückkehrte, um sich für erlittenes Unrecht zu rächen. Nachdem er hinterrücks erschossen wird, will seine Frau Ruth ihn rächen – und, wie man bei dem Titel „Stunde der Abrechnung“ zu recht vermuten kann, tut sie das auch gnadenlos. Diese Abrechnung umfasst die erste Hälfte des Sammelbandes. In der zweiten Hälfte sind drei kurze Geschichten abgedruckt, die 1906, 1927 und 1934 in den Südstaaten spielen und, weil sie gar nicht mehr den Anspruch erheben, Teil eines großen, Jahrzehnte umspannenden Erzählung zu sein, sind sie als Einzelgeschichten wesentlich besser als die vorherige Western-Geschichte.

Die deutlich vom Italo-Western inspirierte Serie „Loveless“ endet mit der „Stunde der Abrechnung“ so unbefriedigend, wie sie mit „Blutrache“ begann.

Brian Azzarello (Autor)/Danijel Zezelj (Zeichner)/Werther Dell’edera (Zeichner): Loveless – Stunde der Abrechnung (Band 4)

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini Comics/Vertigo, 2010

148 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe

Loveless, Vol. 19 – 24

Vertigo 2007/2008

Hinweise

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “Jonny Double” (Jonny Double, 2002)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Marcello Frusins “Loveless 1 – Blutrache” (Loveless: A Kin’ of Homecoming, 2006)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Marcello Frusins „Loveless 2 – Begraben in Blackwater“ (Loveless: Thicker than Blackwater, 2007)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Danijel Zezeljs „Loveless 3 – Saat der Vergeltung (Loveless: Blackwater Falls, 2008)

Weitaus gelungener als „Loveless“ ist die ebenfalls von Brian Azzarello erfundene Serie „100 Bullets“ die mit „Das dreckige Dutzend“ zielstrebig auf ihr Ende zusteuert. Dabei wird die Prämisse, mit der die Serie „100 Bullets“ begann („Was würdest du tun, wenn jemand dir die Möglichkeit gibt, dich für ein großes Unrecht zu rächen, ohne dass du dafür von der Justiz bestraft wirst?“), nicht mehr weiter beachtet. Stattdessen bereiten sich die Minutemen, eine Killertruppe, die in Atlantic City vernichtet werden sollte, aber an verschiedenen Orten untertauchen konnte, und der Trust, eine Vereinigung von 13 einflussreichen Familien, auf ihren letzten Kampf vor. Dabei war die geplante Vernichtung der Minutemen nur ein Schachzug im Kampf der Trust-Familien untereinander.

Im dreizehnten und letzten „100 Bullets“-Sammelband kommt dann der Kampf zwischen den Minutemen und dem Trust zum Ende und wir dürften auch alle, jetzt teilweise noch rätselhaften Hintergründe erfahren. Dann ist auch die Zeit für eine große umfassende Besprechung, die viele Spoiler enthalten wird.

Bis dahin kann ich nur sagen: „Das dreckige Dutzend“ ist ein weiterer überzeugender Band einer grandiosen Krimiserie, die chronologisch gelesen werden sollte.

Brian Azzarello (Autor)/Eduardo Risso (Zeichner): 100 Bullets: Das dreckige Dutzend (Band 12)

(übersetzt von Claudia Fliege)

Panini Comics/Vertigo, 2011

132 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe

100 Bullets, Vol. 84 – 88

Vertigo, 2007/2008

Hinweise

Wikipedia über „100 Bullets“ (deutsch, englisch)
Britische Fanseite zu „100 Bullets“

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “100 Bullets 3 – Alle guten Dinge” (100 Bullets: Hang up on the Hang Low, 2001)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets 5 – Du sollst nicht töten“ (100 Bullets Vol. 5: The Counterfifth Detective, 2002)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets – Dekadent (Band 10)“ (100 Bullets: Decayed, Volume 68 – 75)

Meine Besprechung von Brian Azzarellos/Eduardo Rissos „!00 Bullets: Das Einmaleins der Macht (Band 11)“ (100 Bullets: Once upon a crime, Volume 76 – 83)


Altlastenbeseitigung: Text und Bild

Mai 13, 2011

Es hilft nichts. Ich muss endlich mal wieder meinen Schreibtisch aufräumen. Dabei kann ich dann auch einige Werke, die ich teils schon vor Monaten genossen, aber bis jetzt immer noch nicht besprochen habe, endlich, nicht immer in der gebührenden Länge, besprechen.

In „Schöne neue Welt“, dem zwölften Band der grandiosen Serie „The Walking Dead“ von Robert Kirkman über eine Gruppe von Menschen, die nach einer Katastrophe in einer von Zombies beherrschten Welt, überleben wollen, scheint sich alles zum Besseren zu wenden.

Die von Polizist Rick Grimes geführte Gruppe nähert sich endlich Washington, D. C.. dem Ziel ihrer Reise. Denn dort, so hat ihnen ihr Gruppenmitglied Dr. Eugene Porter gesagt, gebe es ein Mittel gegen die Zombies. Aber kurz vor der Hauptstadt erfahren sie, dass Porter sie belogen hat. Er ist nur ein einfacher Highschool-Lehrer und ein guter Lügner. Da treffen sie auf einen Mann, der sie einlädt, zu ihnen in eine geschlossene Siedlung zu ziehen. Grimes ist skeptisch. Denn wenn etwas zu schön um wahr zu sein ist, ist es auch meistens nicht wahr. Außerdem erinnern sie sich noch gut an Philip, den durchgeknallten Herrscher von Woodbury (gegen den sie in den „The Walking Dead“-Sammelbänden fünf bis acht kämpften).

Schöne neue Welt“ ist eine feine Fortsetzung einer tollen Serie, die die Gruppe vor eine neue Herausforderung stellt. Jetzt müssen sie sich fragen, ob sie wieder in ein normales Leben zurückkehren können. Wie in den vorherigen Bänden gibt es eine ordentliche Portion Gewalt gegen die Zombies, aber auch in „Schöne neue Welt“ steht die Dynamik in der Gruppe und wie sie auf andere Menschen reagiert, im Mittelpunkt und das ist allemal spannender als stupides Zombie-Abschlachten.

Im Moment sehe ich mir die auf den Comics basierende TV-Serie „The Walking Dead“ an. Sie bewegt sich schon in der ersten Staffel erstaunlich weit von der Vorlage weg, indem Rick Grimes und seine Gruppe andere Abenteuer erleben müssen und schon in den ersten Folgen etliche neue Charaktere auftauchen. Aber sie bleibt dem Geist der Vorlage treu; was nicht verwunderlich ist, denn Robert Kirkman ist in die Produktion stark involviert. Er ist Executive Producer und schreibt auch Drehbücher für die TV-Serie. Ich bin jedenfalls auch von der TV-Serie begeistert.

Robert Kirkman (Autor)/Charlie Adlard (Zeichner)/Cliff Rathburn (Zeichnungen): The Walking Dead: Schöne neue Welt (Band 12)

(übersetzt von Marc-Oliver Frisch)

Cross Cult, 2011

152 Seiten

16 Euro

Originalausgabe

The Walking Dead, Vol. 12: Life Among Them (# 67 – 72)

Image Comics, 2010/2011

Hinweise

Offizielle „The Walking Dead“-Seite

Wikipedia über „The Walking Dead“ (deutsch, englisch)

AMC-Blog zu „The Walking Dead“ (derzeit: Berichte und Bilder von den Dreharbeiten)

„The Walking Dead“-Fanseite

„The Walking Dead“-Wiki

Kriminalakte: Meine Gesamtbesprechung der ersten zehn „The Walking Dead“-Bände, meine Besprechung des elften Bandes „Jäger und Gejagte“ und das Comic-Con-Panel zur TV-Serie

Neben „The Walking Dead“ schreibt Robert Kirkman noch an einer weiteren Serie: „Haunt“, über einen unheiligen Priester, der nach dem Tod seines Bruders von ihm besessen ist.

Die Initialzündung für die Serie war 2006 auf der San Diego Comic-Con. „Spawn“-Erfinder Todd McFarlane saß auf dem Podium. Ein Fan fragte ihn, warum er keine Comics mehr schreibe. McFarlane antwortete höflich, erfuhr, dass dieser Fan Robert Kirkman sei und bot ihm eine Zusammenarbeit an. Es dauerte dann noch drei Jahre, bis Ende 2009 das erste „Haunt“-Heft erschien.

Haunt“ ist dabei eine etwas andere Superheldenserie. Denn der Protagonist Daniel Kilgore ist als Priester eine Fehlbesetzung und mit seinem Bruder Kurt will er nichts zu tun haben. Kurt ist Geheimagent für die Agency, einen supergeheimen Geheimdienst (naja, das kennen wir doch aus den USA: der Geheimdienst hinter dem CIA, der ein unbegrenztes Budget hat, schmutzige Geschäfte erledigt und auch Menschen tötet; – und manchmal auch nur ein Synonym für die CIA ist). Kurt erledigt weltweit die Schmutzarbeit und bringt dabei immer wieder Menschen um.

Auch nachdem Kurt ermordet wird, will Daniel Kilgore nichts mit ihm zu tun haben. Dummerweise ergreift Kurt jetzt, wenn es gefährlich wird, von Kilgore Besitz und es gibt ein neues, fast unverletzbares Wesen, das Kilgore für die Arbeitgeber von Kurt interessant macht. Denn Kurt und seine Freundin stahlen wichtige Unterlagen von einem Dr. Shillinger, an die jetzt auch der skrupellose Supergangster Hung will.

Haunt“ verleiht dem Superheldengenre mit dem fast unverletzbarem Haunt und den beiden Brüdern, die sich nicht grün, aber aufeinander angewiesen sind und ständig miteinander reden, einen neuen Twist. Denn hier werden die Familienprobleme nur noch im Kopf des Protagonisten ausgetragen.

Jetzt sind, in zwei Sammelbänden, die ersten zwölf Hefte und damit die erste große „Haunt“-Geschichte erschienen, die aber genug Spuren für weitere Geschichten, die bislang in den USA noch nicht erschienen sind, legt.

Todd McFarlane (Tusche, Co-Creator)/Robert Kirkman (Autor, Co-Creator)/Ryan Ottley (Zeichner)/Greg Capullo (Zeichner): Haunt – Band 1

(übersetzt von Claudia Fliege)

Panini Comics, 2010

132 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe

Haunt, Vol 1 – 5

Image Comics, 2010

Todd McFarlane (Tusche, Co-Creator)/Robert /Kirkman (Autor, Co-Creator)/Greg Capullo (Zeichner): Haunt – Band 2

(übersetzt von Claudia Fliege)

Panini Comics 2011

156 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe

Haunt, Vol. 6 – 12

Image Comics, 2010

Hinweis

Homepage von Todd McFarlane

Homepage von Image Comics

Auch bei „American Vampire“ begann die Zusammenarbeit eher zufällig. Scott Snyder wollte von Stephen King eigentlich nur einen Blurb, aber dem Horror-Autor gefiel das Konzept so gut, dass er, wie schon bei der Krimireihe Hard Case Crime, statt des Blurbs eine Geschichte anbot und, wie bei Hard Case Crime, bewies er seinen guten Geschmack. Außerdem schrieb er, nachdem bereits aus einigen seiner Romane Comics wurden, mit „American Vampire“ erstmals eine Geschichte direkt für einen Comic.

In „American Vampire“ bekämpfen sich in den USA die alten, europäischen Vampire und die neuen amerikanischen Vampire – und alle Vampire haben nichts mit der „Twilight“-Teenieheimeligkeit gemeinsam.

Denn der Protagonist Skinner Sweet war vor seinem Vampirdasein der gemeinste, hinterhältigste und bösartigste Bandit des Wilden Westen und jetzt ist er, als erster seiner Art, eine neue Art von Vampir, die Dinge tun kann, die die alten europäischen Vampire nicht tun konnten. So macht ihm das Tageslicht nichts aus.

Im ersten „American Vampire“-Sammelband, der die ersten fünf „American Vampire“-Hefte enthält, werden zwei voneinander unabhängige Geschichten erzählt, die in jedem Heft weitererzählt werden. Das ist anfangs etwas gewöhnungsbedürftig und sorgt gerade im ersten „American Vampire“-Heft bei der Geschichte von Scott Snyder, weil unklar ist, wer der Protagonist ist, für Irritationen. Ab dem zweiten Heft ist der Aufbau dann allerdings klar. Die eine Geschichte, geschrieben von Stephen King, spielt im Wilden Westen und erzählt, wie Skinner Sweet zum ersten amerikanischem Vampir wurde und von seinen ersten Jahren als Vampir. Denn er ist, auch wenn er so dem Tod entging, überhaupt nicht von seinem neuen Leben als Vampir begeistert.

Die andere, von Scott Snyder geschriebene Geschichte, spielt in den zwanziger Jahren in Hollywood und das Starlet Pearl Jones gerät in die Fänge der Vampire. Skinner Sweet, der gegen die Menschen kämpft, die ihn zum Vampir machten, versucht Pearl Jones zu helfen und sie nimmt ihre Existenz als Vampir auf eine durchaus bissfreudige Weise an.

Der erste „American Vampire“-Sammelband ist ein vielversprechender Auftakt, der mit einer ordentlichen Western- und Stummfilm-Hollywood-Prise und blutigen Kämpfen (denn diese Vampire haben nichts mehr von der Eleganz eines Bela Lugosi, aber viel von dem Furor eines losgelassenen Kampfhundes), punktet. Oder in den Worten von Stephen King im Vorwort des Sammelbandes: „Wenn Ihnen die Geschichte gefällt, danken Sie nicht mir, sondern Scott, denn er hat mir den kompletten Leitfaden geliefert. Ich habe hier und da Kleinigkeiten ergänzt, mich aber nie weit von seinen Vorgaben entfernt. Wozu ein Meisterwerk verbessern?“

Scott Snyder (Autor, Creator)/Stephen King (Autor)/Rafael Albuquerque (Zeichner): American Vampire – Band 1

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini Comics/Vertigo, 2010

196 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe

American Vampire, Vol. 1 – 5

DC Comics, 2010

Hinweise

Homepage von Rafael Albuquerque

Homepage von Stephen King

Mein Porträt zu Stephen Kings Geburtstag

Meine Besprechung von Stephen Kings/Richard Bachmans „Qual“ (Blaze, 2007)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Nachgelassene Dinge“ (The things they left behind) in Ed McBains „Die hohe Kunst des Mordens“ (Transgressions, 2005)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Colorado Kid“ (The Colorado Kid, 2005)

Stephen King in der Kriminalakte und in seinem Trailer-Park

Keine zehn Pferde kriegen mich in die Nähe von Cassandra Hack! Da kann ich mir ja gleich selbst den Kopf einschlagen“, sagt Michael Myers über Cassandra Hack und, obwohl die Blurbs auf dem Buchcover oft eine höfliche Form der Lüge sind, würde ich Myers nicht wiedersprechen. Denn er ist ein ausgewiesener Experte und der letzte, der etwas Unhöfliches über ihn sagte, sah danach ziemlich schlecht aus.

Hack ist ein Mädchen, das Slasher (das sind diese Mörder, die mit einem großen Messer immer wieder töten) und, manchmal, andere Serienmörder jagt, ihren Vater sucht und von dem treudoofem Vlad begleitet wird.

Hack-Autor Tim Seeley erzählt in dem neuesten „Hack/Slash“-Band „(Re)Animatoren“ meistens keine 08/15-Geschichten über die Jagd nach durchgeknallten Slashern (Gibt es auch andere? Nun, in „Eiskalt serviert“ schon.), sondern er variiert bekannte Erzählungen und lässt bekannte Charaktere auftreten. Das können echte Charaktere, wie die „Suicide Girls“ in „Selbst/Mord“, das können erfundene Charaktere, wie Dr. Herbert West (bekannt aus den „Re-Animator“-Filmen von Brian Yuzna) in der langen Geschichte „Cassie & Vlad trefffen den Re-Animator“, sein. Das kann auch die in den USA jedem Kind bekannt Geschichte des „Zauberers von Oz“ sein, die in „Hinter dem Regenbogen“ wieder verfilmt werden soll. Bei den Dreharbeiten gibt es dann einige, ähem, Probleme.

Die lange Geschichte „Cassie & Vlad trefffen den Re-Animator“ ist dann auch die beste Geschichte des Sammelbandes. In ihr findet Cassie ihre Eltern und alle Charaktere haben auch genug Zeit, sich zu präsentieren. Dagegen wirken die anderen Geschichten oft etwas skizzenhaft. Gerade bei „Hinter dem Regenbogen“ hätten einige Seiten mehr gutgetan. Dafür wird man in „Selbst/Mord“ mit einer kräftigen Portion Sex, Gewalt und Mord entschädigt.

Tim Seeley (Autor)/Emily Stone (Zeichnungen): Hack/Slash: (Re)Animatoren (Band 5)

Cross Cult, 2010

(übersetzt von Frank Neubauer)

160 Seiten

19,80 Euro

Originalausgabe

Hack/Slash: Reanimation Games

Image Comics, 2009

Hinweis

Homepage von Tim Seeley


Tokio-Trilogie, die Zweite: David Peace und „Tokio, besetzte Stadt“

Mai 13, 2011

Tokio, besetzte Stadt“, der zweite Band von David Peaces Tokio-Trilogie, spielt 1948 und wieder basiert der Roman auf einem wahren Verbrechen; nämlich dem Fall Hirasawa Sadamichi, der 1950 trotzt dünner Beweislage zum Tode verurteilt wurde, 1987 in der Todeszelle starb und dessen Fall immer wieder, auch noch nach seinem Tod, in zahlreichen Berufungsverfahren immer wieder neu verhandelt wurde.

Hirasawa Sadamichi war des mehrfachen Giftmordes und Diebstahls (man will ja nichts unterschlagen) angeklagt. Er sollte sich in einer Bank als Seuchenexperte ausgegeben und die anwesenden Angestellten und Kunden vergiftet haben, indem er ihnen sagte, sie müssten ein Gegengift trinken und es ihnen verabreichte. Zwölf Menschen starben, vier weitere kamen schwer vergiftet ins Krankenhaus.

Dieser Massengiftmord ist für David Peace nur der Auftakt, um ein eindrucksvolles Bild der von der Kriegsniederlage zutiefst zerrütteten japanischen Gesellschaft zu zeichnen. Dabei interessiert ihn, wie bei „Tokio im Jahr Null“, dem ersten Band der Tokio-Trilogie, nicht die Aufklärung des Verbrechens oder eine rein faktengetreue Nacherzählung der Ermittlungen. In „Tokio im Jahr Null“ war der Mörder ziemlich schnell bekannt und wir begleiteten Inspektor Minami auf der Suche nach weiteren Beweisen und in seine Psyche; naja, die Suche nach den Beweisen war für Peace der Vorwand, ganz tief in Minamis Psyche und seinen zunehmenden Wirklichkeitsverlust einzudringen.

In „Tokio, besetzte Stadt“ ist, dank zielstrebiger und wenig aufregender Ermittlungsarbeit, die vor allem nach dem Ausschlussprinzip vonstatten geht, ziemlich schnell klar, wer für die Tat in Frage kommt und, auch wenn die Beweise dünn sind, für die Morde büßen soll. Aber die Giftmorde in der Bank sind für David Peace, der selbst einige Jahre in Tokio lebte, nur die Camouflage um sich den japanischen Experimenten mit B- und C-Waffen, den Versuchen der Amerikaner nach Kriegsende in den Besitz dieser Forschungen zu kommen und wie die Japaner versuchten, dies zu verhindern, zu widmen. Hier versucht er eine Erklärung dafür zu finden, wie jemand einen solchen Massenmord begehen kann und was diese Morde für die damalige Gesellschaft bedeuteten. Gleichzeitig deutet er einen Zusammenhang zwischen dem Massengiftmord an japanischen Zivilisten in einer Bank mit entsprechenden militärischen Forschungen während des zweiten Weltkriegs an.

Das erzählt Peace, indem er die Ereignisse von zwölf verschiedenen Personen (die als „Kerzen“ einem Schriftsteller ihre Geschichte erzählen) erzählen lässt. Langsam vervollständigt sich ein Bild, das nichts mit der offiziellen Erklärung gemeinsam hat, aber trotzdem skizzenhaft und so für verschiedene Interpretationen offen bleibt.

Die Wiederholungen in den verschiedenen Geschichten sind eine Folge der gewählten Struktur, die Peace zwingt, einige Ereignisse mehrmals, aber aus verschiedenen Perspektiven, zu erzählen und weil jede Person eine andere Stimme hat, sind die einzelnen Monologe auch verschieden gut lesbar. Einige, vor allem die späteren Kerzen, sind in ihrem halluzinatorischem Ton, sogar fast unlesbar.

Aber insgesamt ist „Tokio, besetzte Stadt“ ein verstörender Einblick in die Seele eines zerrissenen Landes und, wie immer bei David Peace, ziemlich weit weg von allen Krimikonventionen.

Peter Torberg übersetzte den Roman, wie auch die anderen Romane von David Peace, kongenial. Ihm gelingt das scheinbar Unmögliche, die rhythmische Prosa von David Peace, die, was vor allem beim Vorlesen des Originals auffällt, näher am Rap als an geschriebener Prosa ist, in ein ebenso rhythmisches Deutsch zu übersetzten.


David Peace: Tokio, besetzte Stadt

(übersetzt von Peter Torberg)

Liebeskind, 2010

352 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Occupied City

Faber & Faber, London, 2009

Hinweise

Meine Besprechung von David Peaces „1974“ (Nineteen Seventy-Four, 1999)

Meine Besprechung von David Peaces „1977“ (Nineteen Seventy-Seven, 2000)

Meine Besprechung von David Peaces „1980“ (Nineteen Eighty, 2001)

Meine Besprechung von David Peaces „1983“ (Nineteen Eighty-Three, 2002)

Meine Besprechung von David Peaces „Tokio im Jahr Null“ (Tokyo Year Zero, 2007)

Meine Besprechung der „Red Riding Trilogy“ (der Verfilmung der entsprechenden Bücher)

David Peace in der Kriminalakte

Spiegel über Hirasawa Sadamachi (Heft 21/1985)

Wikipedia über Hirasawa Sadamachi


Was soll der „Heidenlärm“, Herr Hellmann?

Mai 12, 2011

Julian von Thelen ist als Hotelmanager eines Fünf-Sterne-Hotels ein Ass. Für seine Untergebenen ist er ein Aas. Doch dass der vierundreißigjährige Single eines Abends, spärlich bekleidet, an der Türschwelle zu seinem Apartment wie eine gefällte deutsche Eiche umfällt und sich dann stundenlang nicht bewegen kann, gönnt man ihm dann doch nicht. Auch nicht, dass er mit höchst unfeinen Mitteln aus seinem Job gedrängt werden soll.

Von Thelen glaubt, dass der Grund dafür in einem von ihm vor einigen Wochen in einer Nebenstraße beobachtetem Mord liegt. Dummerweise ist er der einzige Zeuge und die Polizei glaubt ihm nicht. Und seitdem er an seiner Türschwelle umfiel benimmt er sich an bestimmten Türschwellen, bei Telefonaten und auf Konferenzen immer seltsamer. Denn der Atheist von Thelen behauptet, die „Stimme Gottes“ zu hören und dass er ihm gehorchen müsse.

Mehr soll hier nicht verraten werden. Denn bei einem glänzend geschriebenem Thriller wie „Heidenlärm“, der sich im besten Sebastian-Fitzek-Tempo liest, steigt der Lesespaß mit dem eigenen Nichtwissen.

Im Verhörzimmer der „Kriminalakte“ beantwortete der „Heidenlärm“-Schreiber Alfred Hellman einige Fragen.

Was war die Ausgangsidee für „Heidenlärm“?

Es gab zwei, beide drehen sich um Betrug und falsche Versprechungen:

1. Medikamentenfälschung – hat mich beschäftigt, weil sie so hinterhältig und verlogen daherkommt, Heilung verspricht, aber Leid bewirkt. Die Umsätze sollen höher sein als beim Rauschgifthandel.

2. Ein Gefühl, das Julian Barnes so beschrieben hat: ‚Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn’.

Warum hast du dich entschieden, die Geschichte aus der Perspektive des doch ziemlich unsympathischen Hotelmanagers Julian von Thelen zu schreiben?

Weil unsympathische Protagonisten spannender sind als nette Leute. Außerdem bleibt Platz für Läuterung.

Warum hast du hast „Heidenlärm“ aus von Thelens Perspektive geschrieben?

Es war für mich die einzige Möglichkeit. Andere Perspektiven habe ich ausprobiert, von Varianten der 3. Person Singular, bis hin zur auktorialen Position, fand aber, dass ich diese Geschichte am besten ‚von innen’ erzählen kann. Vor allem, weil so die Gratwanderung zwischen Glauben und Zweifel leichter darzustellen war.

Wie wichtig war für dich beim Schreiben, dass die Geschichte in Berlin spielt?

Berlin bildet – erst recht für jemanden wie mich, der aus dem angeblich katholischen Rheinland stammt – eine ziemlich heidnische Kulisse. Das erzeugt einen schönen Kontrast. Grundsätzlich könnte die Geschichte aber auch woanders spielen. Gäbe es Gott, wäre er ja überall – und das Verbrechen sowieso.

Wie sähe deine Wunschbesetzung für eine Verfilmung aus?

Der Hotel-Manager Julian van Thelen, Empfänger himmlischer Botschaften und Ermittler wider Willen: Hugh Laurie.

Der Boulevard-Magazin-Regisseur: Jean Reno oder Udo Kier.

Dessen Gehilfe, der Kameramann und Killer: Javier Bardem.

Der geschäftsführende Medikamentenfälscher: Philip Seymour Hoffman

Die oft errötende, aber charakterstarke Linda Kranz: Charlotte Gainsbourg.

Der Priester: Bruno Ganz.

Schwarzheinrich, der Hüter des Kirchenportals: Bill Nighy.

Bernadette aus Treptow, die als Erste die Tränen der Berliner Madonna sah: Cosma Shiva Hagen.

Der Psychiater Professor Conrads: Christoph Waltz.

Welche fünf Bücher würdest du für den Strandkorb empfehlen?

1. Don Winslow, „Tage der Toten“, Suhrkamp – fast so gut wie „Der Pate“.

2. Colin Cotterill, „Dr. Siri und seine Toten“, Goldmann – der einzige Leichenbeschauer von Laos, geschrieben gegen fast alle Krimi-Regeln.

3. Val McDermid, „Vatermord“, Knaur – ein realistischer und spannender Ausflug in menschliche Abgründe.

4. Åke Edwardson, „Toter Mann“, List – der feinste Krimi-Schreiber aus Schweden.

5. Roger Smith, „Kap der Finsternis“, Heyne – Spannung und Tempo aus Südafrika.

Alfred Hellmann: Heidenlärm

Emons, 2011

240 Seiten

9,90 Euro

Hinweise

Meine Besprechung von Alfred Hellmanns „Vor den Hymnen“

Mein Interview mit Alfred Hellmann über „Vor den Hymnen“


Das „Lexikon des internationalen Films“, die Ausgabe zum Filmjahr 2010

Mai 7, 2011

Eigentlich kann ich meine Besprechung des „Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2009“ wieder posten und nur die Jahreszahl ändern. Denn die Macher haben am bewährten Aufbau nichts geändert. Wie in den vergangenen Jahren ist das Herzstück des Lexikons eine alphabetische Auflistung aller 2010 in Deutschland im Kino gestarteter, auf DVD veröffentlichter (immer mehr und auch immer mehr gute Filme, denen man einen Kinostart gegönnt hätte) und im Fernsehen erstmals gelaufener Spielfilme und längerer Dokumentarfilme. Jeder Film wird bewertet und bei den meisten Bewertungen kann ich mitgehen.

Einige Filmreihen, wie „Nachtschicht“ und „Unter Verdacht“ kommen etwas zu schlecht weg (Da hatten die Macher sich irgendwann entschieden, die Filme als Einzelwerke aufzunehmen und jetzt wird jeder neue Filme aufgenommen; beim „Tatort“ hatte man sich anfangs anders entschieden und deshalb wird der „Tatort“, bis auf einige „Tatorte“, die jetzt auf DVD veröffentlicht wurden, nicht erwähnt [und auf diese sehr lückenhafte Erwähnung hätte man besser verzichtet. Denn dass von den vielen „Tatort“-DVDen „Moltke“ besprochen wird ist gut, „Salü Palu“ hätte man sich schenken, aber „Die tote Taube in der Beethovenstraße“ erwähnen können.]). „Im Angesicht des Verbrechens“ und „Inception“ werden, wie von fast allen Kritikern zu positiv beurteilt (oder ich muss einfach akzeptieren, dass ich zur Minderheit der Nicht-Vor-Begeisterung-Sturzbesoffenen gehöre). Dafür wird „In the Electric Mist – Mord in Louisiana“ gebührend gelobt.

Ergänzend gibt es einige Listen, in denen die Herausgeber, die Redaktion der katholischen Filmzeitschrift „film-dienst“, einige 2010 angelaufene Filme prominenter herausstellen. Das sind einmal die nach Meinung der Redaktion besten Filme des Jahres (die da wären „A Serious Man“, „Carlos – Der Schakal“, „Der fantastische Mr. Fox“, „Der Ghostwriter“, „Lourdes“, „Ein Prophet“, „Der Räuber“, „Still Walking“, „Uncle Boonmee erinnert sich an sein früheres Leben“ und „Von Menschen und Göttern“), der monatliche Kinotipp der katholischen Filmkritik und eine Liste der in der Zeitschrift „film-dienst“ 2010 als „sehenswert“ gekennzeichneten Filme. Diese Listen ermöglichen eine Orientierung im Meer der Filme. Oh, und es gibt noch etliche Listen mit Filmpreisen und die „Silberlinge“, den hinsichtlich ihres Bonusmaterials herausragende DVD- und BluRay-Editionen erhalten können und weshalb auch ein „triviales Spin-Off“ wie „Elektra“ hier aufgenommen werden kann.

Immer noch fehlt eine Liste der Besucherzahlen.

Immerhin werden im Rückblick auf das vergangene Kinojahr die Kassenhits erwähnt und da fällt dann, nicht verwunderlich, der Unterschied zwischen Kunst und Kommerz auf. 5,6 Millionen sahen sich „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“, 3,7 Millionen „Eclipse – Biss zum Abendrot“, den dritten „Twilight“-Film, an. Der erfolgreichste deutsche Film war mit 1,6 Millionen Besuchern „Friendship!“; eine Komödie über zwei Ossis, die kurz nach der Wende in die USA reisen und die ich vollkommen aus meinem Bewusstsein verdrängt habe.

Die Dokumentation der Tagung des Verbandes der deutschen Filmkritik, die für mich in den vorherigen Filmjahrbüchern immer ein Höhepunkt war, ist dieses Jahr äußerst schwach ausgefallen. Das Thema war, wie wichtig das Interview mit Filmschaffenden für die Journalisten ist, wie es dem Publikum die Filme näher bringen kann und wie Journalisten Interviews gestalten können und müssen. Das wird aber nicht in Vorträgen mit anschließenden Diskussionen, sondern in verschiedenen Diskussionen abgehandelt, die viel zu oft im Ungefährem steckenbleiben und zu sehr zwischen verschiedenen Themen hin und her springen.

Uneigentlich habe ich jetzt doch eine vollkommen neue Kritik über das für Filmfans unverzichtbare „Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2010“ geschrieben.

Film-Dienst (Herausgeber): Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2010

Schüren, 2011

600 Seiten

22,90 Euro

Hinweise

Homepage des Film-Dienstes

Homepage des Verbandes der deutschen Filmkritik

Meine Besprechung vom „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2008“

Meine Besprechung vom „Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2009“


Don Winslow und die Auferstehung des „Bobby Z“

Mai 6, 2011

Vor „Bobby Z“ hatte Don Winslow fünf, teilweise übersetzte Kriminalromane mit dem Privatdetektiv Neal Carey und das etwas als Fremdkörper in seinem Werk stehende „Isle of Joy“ (über einen Privatdetektiv, der in den fünfziger Jahren in New York in ein Komplott gerät) veröffentlicht.

In „Bobby Z“ ließ Don Winslow erstmals einen Roman in Südkalifornien in der dortigen Surferszene spielen. Denn der Loser Tim Kearney soll, nachdem er den Hell’s Angel Stinkdog im Knast ermordete, bei einem Gefangenenaustausch den verschwundenen Drogenhändler und Surferlegende Bobby Z (die Kurzform für Robert James Zacharias) spielen. Danach, so sichert ihm DEA-Agent Tad Grusza zu, erhält er eine neue Identität. Kearney willigt ein – und gerät schneller als ihm lieb ist zwischen die Fronten von mexikanischen Drogenkartellen, rachedurstigen Hell’s Angels, verschiedenen Polizeibehörden und alten Bekannten von Bobby Z. Kurz gesagt: seine Überlebensaussichten tendieren gegen Null; was auch daran liegt, dass DEA-Agent Grusza von Anfang an davon ausging, dass Kearney während des Austausches erschossen wird.

Oh, und dann ist da auch noch der echte Bobby Z, der eigentlich tot sein sollte, aber quicklebendig ist, und Kearney muss Papa für einen sechsjährigen Jungen spielen, der ihn für seinen Vater, den Surfer Bobby Z, hält.

Don Winslow erzählt diese ziemlich abgedrehte Geschichte, die Michael Connelly zu recht an Elmore Leonard erinnerte, in seinem, auch aus seinen späteren Werken bekanntem, lakonischem Hardboiled-Tonfall. Gleichzeitig brennt Winslow ein furioses Feuerwerk an absurden Situation und rasanten Action-Szenen (gerne auch zusammen) ab, das die Erlebnisse von Tim Kearney zu einem höchst kurzweiligem Vergnügen werden lässt.

Winslows nächster Roman war der mit dem Shamus ausgezeichnete, bislang nicht übersetzte Privatdetektivkrimi „California Fire & Live“, dann kam das Epos „Tage der Toten“ (The Power of the Dog) und spätestens seitdem ist Don Winslow der Chronist des Verbrechens an der kalifornisch-mexikanischen Grenze und der Surfer.

Seit dem 1997 erschienenem „Bobby Z“ hat Don Winslow in seinen Romanen diese Gegend südlich von Hollywood nicht mehr verlassen und mit jedem Roman stieg die Zahl seiner Fans.

Erst jetzt, mit dem Thriller „Satori“, einem Prequel zu Trevanians „Shibumi“, über die Lehr-und Wanderjahre des Killers Nikolai Hel, der 1952 in Peking einen Mann ermorden soll, verlässt er wieder seinen Hinterhof und man muss kein Hellseher sein, um zu wissen, dass Winslow mit dem angenehm altmodischem Politthriller (so mein Eindruck nach dem ersten Drittel) noch bekannter wird.

Die unterschätzte Verfilmung von „Bobby Z“ ist unterhaltsames, humoristisch gefärbtes Old-School-Action-Kino. „Kill Bobby Z – Ein Deal um Leben und Tod“ macht, wie das Buch, einfach Spaß und Keith Carradine Bruce Dern, spärlich bekleidet am Strand stehend, als durchgeknallter Erzähler der Geschichte des legendären Surfers Bobby Z ist einen Blick wert.

Don Winslow: Bobby Z

(übersetzt von Judith Schwaab)

Suhrkamp, 2011

288 Seiten

8,95 Euro

Originalausgabe

The Death and Life of Bobby Z

Alfred A. Knopf, New York 1997

Frühere deutsche Taschenbuchausgabe

Don Winslow: Die Auferstehung des Bobby Z.

Goldmann, 2001

Deutsche Erstausgabe im festen Einband

Karl Blessing Verlag, 1997

Verfilmung

Kill Bobby Z – Ein Deal um Leben und Tod (The Death and Life of Bobby Z, USA 2007, R.: John Herzfeld)

Drehbuch: Bob Krakower, Allen Lawrence

Mit Paul Walker, Laurence Fishburne, Olivia Wilde, Jason Flemyng, Keith Carradine, Joaquim de Almeida, J.R. Villarreal, Jason Lewis, Jacob Vargas, Michael Bowen

Hinweise

Homepage von Don Winslow

Deutsche Homepage von Don Winslow

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Private“ (The Dawn Patrol, 2008)

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Paradises“ (The Gentlemen’s Hour, 2009) und „Tage der Toten“ (The Power of the Dog, 2005)

Don Winslow in der Kriminalakte


Berndt Georg Thamm über das „Terrorziel Deutschland“

Mai 4, 2011

Berndt Georg Thamm fügte seiner reichhaltigen Biographie über kriminelle Bedrohungen mit „Terrorziel Deutschland: Strategien der Angreifer – Szenarien der Abwehr“ ein weiteres Werk hinzu. Nachdem es früher öfters über die Organisierte Kriminalität ging, geht es jetzt um den islamistischen Terrorismus und Thamm kann sich zugute halten, dass er eine Woche vor 9/11, als Osama bin Laden und al-Qaida in der Öffentlichkeit, teils auch in der Fachöffentlichkeit, nicht weiter vorkamen, die Titelgeschichte „Gotteskrieger tragen Terror nach Europa“ in der Mitgliederzeitschrift der Gewerkschaft der Polizei „Deutsche Polizei“ schrieb,.

Seitdem schrieb Thamm etliche weitere Aufsätze und Sachbücher über den islamistischen Terrorismus und wie er sich in den vergangenen zehn Jahre veränderte. Auch „Terrorziel Deutschland“ soll, so Thamm in seinem Vorwort, „das ‚Gespür für die Langzeitbedrohung‘ aufrechterhalten“.

Im Wesentlichen besteht das Buch aus einer lockeren, zunehmend ermüdend zu lesenden Aneinanderreihung von gelungenen und misslungenen Anschlägen islamistischer Terroristen und einer Auflistung ihrer Drohvideos aus den vergangenen zehn Jahren. Denn Terrorismus ist immer auch Propaganda und so ein Video hat mit minimalem Aufwand einen maximale mediale Aufmerksamkeit, die manchmal auch zu mehr oder weniger hysterische Reaktionen der Sicherheitsbehörden und der Öffentlichkeit führt.

Beim Lesen entsteht ein diffuses Gefühl der Bedrohung, das einen aber letztendlich auch ratlos zurücklässt. Denn nur durch eine Aneinanderreihung von Ereignissen, die irgendwo auf der Welt stattfanden, entsteht noch kein einheitliches Bild, keine Theorie und es kann auch nicht ernsthaft über Gegenstrategien diskutiert werden. Dafür sind die von Thamm aufgelisteten Fälle viel zu verstreut über den Globus und haben teilweise viel zu wenig miteinander zu tun. Gleichzeitig geht er auch in die Propagandafalle der Terroristen (die von den Sicherheitsbehörden natürlich auch gerne ausgenutzt wird, um ihr Budget zu erhöhen und weitergehende Befugnisse zu bekommen), indem er jedes Drohvideo mit einer echten Drohung und einem Anschlag gleichsetzt.

Deshalb ist „Terrorziel Deutschland“, auch weil die im Untertitel versprochenen „Szenarien der Abwehr“ höchstens gestreift werden und die „Strategien der Angreifer“ in einem Meer von Einzelfällen verschwinden, ein enttäuschender Griff in den Thammschen Zettelkasten. Und dabei wird in der deutschen Öffentlichkeit immer noch ignoriert, dass der islamistische Terrorismus bei uns gut verankert ist. Immerhin wurde der Anschlag auf das World Trade Center von Hamburg aus geplant, in München gibt es die wichtige „vierte Moschee“ (Ian Johnson hat ein Buch über sie geschrieben, das jetzt bei Klett-Cotta erschien) und vor wenigen Tagen wurde die „Düsseldorfer Zelle“ verhaftet.

Berndt Georg Thamm: Terrorziel Deutschland: Strategien der Angreifer – Szenarien der Abwehr

Rotbuch, 2011

288 Seiten

19,95 Euro

Hinweise

Wikipedia über Berndt Georg Thamm

Perlentaucher über Berndt Georg Thamm

Deutschlandradio: Interview mit Berndt Georg Thamm (18. November 2010)

Cicero: Interview mit Berndt Georg Thamm (ohne Datum, aber ungefähr heute)


Ozark-Poet Daniel Woodrell, Ree Dolly und „Winters Knochen“

April 27, 2011

Obwohl Ree Dolly erst sechzehn (Buch)/siebzehn (Film) Jahre ist, ist Daniel Woodrells Country Noir „Winters Knochen“ kein Kinderbuch und auch kein wirkliches All-Ager-Buch (so nennen die Verlagsfuzzis inzwischen Jugendbücher, die auch Erwachsene ohne Schamesröte und epische Erklärungen lesen dürfen). Denn dafür erzählt Woodrell viel zu illusionslos die Geschichte eines tapferen Mädchens in einer, nun, schrecklichen Welt. Denn Ree lebt in den Ozarks. Sie muss ihre beiden jüngeren Geschwister großziehen und ihre Mutter ist nur ein weiterer Pflegefall, um den sie sich kümmern muss. Ihr Vater Jessup verdient mit dem Kochen von Crystal Meth Geld; – wenn er nicht gerade wieder Ärger mit dem Gesetz hat. So auch jetzt. Er ist seit Wochen verschwunden und wenn er nicht in wenigen Tagen vor Gericht erscheint, müssen die Dollys Haus und Hof verlassen. Denn das war die Sicherheit für die Kaution.

Ree beginnt ihren Vater zu suchen. Nicht weil sie ihn irgendwie vermisst, sondern weil sie nur so das Haus behalten kann. Entsprechend egal ist ihr, ob sie Jessup tot oder lebendig findet. Bei dieser Suche ist ihre Verwandtschaft, die alle ebenfalls Kriminelle sind und etwas mit dem Verschwinden von Jessup zu tun haben, keine große Hilfe.

Daniel Woodrell erhielt für sein bisheriges, nur aus acht schmalen Romanen und einigen Kurzgeschichten bestehendes Werk mehrere wichtige Preise (wie den PEN West Award for Fiction) und Nominierungen (wie den Edgar). Sein Western „Zum Leben verdammt“ (Woe to live on, 1987), der den amerikanischen Bürgerkrieg aus der Sicht eines Mitglieds einer irregulären Südstaaten-Einheit erzählte, wurde 1999 von „Brokeback Mountain“-Regisseur Ang Lee hochkarätig besetzt als „Ride with the Devil“ verfilmt und flopte. Woodrell selbst nannte seine Geschichten über die Ozarks und die dort lebenden Menschen, die meist mit Verbrechen ihr ärmliches Leben fristen, „Country Noir“. Und auch der bereits vor sechs Jahren erschienene, jetzt endlich fabelhaft übersetzte Roman „Winters Knochen“ gehört in diese Kategorie.

In seinen früheren Romanen, vor allem den drei Krimis mit René Shade, lotete Daniel Woodrell die Genregrenzen aus. In dem noch nicht übersetzten „The Death of Sweet Mister“ erzählte er erstmals seine Geschichte aus der Sicht eines dreizehnjährigem Jungen und steuerte zielsicher auf ein düsteres Ende zu. Dagegen endet „Winters Knochen“, einer fast schon traditionellen Entwicklungsgeschichte, sehr hoffnungsvoll. Jedenfalls für Woodrellsche Verhältnisse.

Hollywood (Nicht das Michael-Bay-Blockbuster-Hollywood, sondern das andere Hollywood) schnappte sich das Buch und die Verfilmung von „Winter’s Bone“ wurde, im Gegensatz zum ungeliebten „Ride with the Devil“, sofort allgemein abgefeiert. Der Independent-Film von Debra Granik erhielt bis jetzt 26 Preise (unter anderem auf dem Sundance Filmfestival, wo der Siegeszug des Films begann, und auf der Berlinale) und war für vier Oscars, unter anderem als bester Film des Jahres, nominiert.

Graniks Film folgt Woodrells Roman bis in die Dialoge. Sie drehte vor Ort in Missouri mit vielen unverbrauchten Gesichtern, die erstmals vor der Kamera standen, und, sagen wir mal, ungeschminkten Hollywood-Schauspielern (die sich eher in Serien und Independent-Filmen tummeln; also nicht die ganz großen Namen sind, aber an deren Gesichter man sich erinnert). All das trägt zum dokumentarischen New-Hollywood-Feeling, wie wir es aus den siebziger Jahren kennen, bei.

Und hier zeigt sich der größte Unterschied zwischen Buch und Film. Während in Woodrells Roman die Armut immer noch ein poetisches Anlitz hat, sehen wir im Film eine deprimierend ärmliche Landschaft, die eher an ein Dritte-Welt-Land erinnert. Auf den Höfen und in den Wohnungen stapelt sich Müll, der vergessen wurde, endgültig zu entsorgen. Die Menschen verdienen ihr Geld mit kriminellen Aktivitäten. Heute Meth und andere Drogen; während der Prohibition als Schnapsbrenner. Sie halten immer noch den alten Frontier-Mythos hoch. Aber es zeigt sich, auch, wo die Cowboy-Ideologie des Wilden Westens endete. Insofern ist die gelungene Verfilmung eines fantastischen Buches düsterer und am Ende sogar hoffnungsloser als die noirische Vorlage.

Obwohl; – für Daniel Woodrell ist „Winters Knochen“ kein Noir. Für ihn muss ein Noir ein tragisches Ende haben.

Daniel Woodrell: Winters Knochen

(übersetzt von Peter Torberg)

Liebeskind, 2011

224 Seiten

18,90 Euro

Originalausgabe

Winter’s Bone

Little, Brown and Company, New York, 2006

Verfilmung

Winter’s Bone (Winter’s Bone, USA 2010)

Regie: Debra Granik

Drehbuch: Debra Granik, Anne Rosellini

mit Jennifer Lawrence, Isaiah Stone, Ashlee Thompson, Valerie Richards, Shelley Waggener, Garret Dillahunt, William White, Ramona Blair

Die Romane von Daniel Woodrell

Cajun-Blues – Eiin René-Shade-Thriller (Under the bright Lights, 1986)

Zum Leben verdammt (Woe to live on; Ride with the Devil, 1987)

Zoff für die Bosse – Ein René-Shade-Thriller (Muscle for the Wing, 1988)

John X – Ein René-Shade-Thriller (The Ones you do, 1992)

Stoff ohne Ende (Give us a Kiss, 1996)

Tomato Red (Tomato Red, 1998)

The Death of Sweet Mister, 2001

Winters Knochen (Winter’s Bone, 2006)

Hinweise

Kaliber.38 über Daniel Woodrell

Mordlust über Daniel Woodrell

Wikipedia über Daniel Woodrell

The Independent: John Williams über Daniel Woodrell (16. Juni 2006)

The Southeast Review interviewt Daniel Woodrell (1. April 2009)

River Cities’ Reader über Daniel Woodrell (8. April 2010)

The Wall Street Journal/Speakeasy (Steven Kurutz) unterhält sich mit Daniel Woodrell über „Winter’s Bone“ (27. Februar 2011)

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Winter’s Bone“

Daniel Woodrell in der Kriminalakte


„Brighton Rock“ – Mit Graham Greene dreimal „Am Abgrund des Lebens“

April 23, 2011

Graham Greene und „Brighton Rock“ sind fast so etwas wie englische Nationalheiligtümer. Greene (2. Oktober 1904 – 3. April 1991) schrieb zahlreiche Bücher, die er selbst mal als populäre, mal als hohe Literatur einsortierte und diese Trennung irgendwann als unsinnig aufgab. Bei den populären Werken tummelte er sich gerne im Feld des Kriminalromans oder Polit-Thrillers. „Der dritte Mann“, „Unser Mann in Havanna“, „Der Honorarkonsul“ und „Der stille Amerikaner“, waren spannende, teils satirische Unterhaltung mit Tiefgang (und gefielen mir schon als Teenager).

In seinen literarischen Werken, wie „Die Kraft und die Herrlichkeit“ und „Das Herz aller Dinge“, ging’s dann eher um seinen Katholizismus und damit zusammenhängender moralischer Fragen, die, ohne diese katholische Brille, doch etwas seltsam anmuten.

Bei „Brighton Rock“ (das bei uns „Am Abgrund des Lebens“ heißt) wusste Greene selbst lange nicht, ob er den Roman bei seinen populären oder literarischen Werken einsortieren sollte.

Die Geschichte spricht natürlich für’s Populäre. In den dreißiger Jahren bekämpfen sich in dem Seebad Brighton zwei Gangsterbanden. Die eine wird, nach dem Tod ihres Anführers, von dem siebzehnjährigem, skrupellosem Pinkie, der unbedingt in der Hierarchie aufsteigen will, angeführt. Nachdem er und seine Bande einen anderen Gangster umgebracht haben, versuchen sie ihre Spuren zu verwischen. Allerdings haben sie nicht mit Ida Arnold, einer älteren Frau, die herausfinden will, warum Hale ermordet wurde und der ebenfalls siebzehnjährigen Serviererin Rose gerechnet. Pinkie macht sich an die naive Rose heran. Zuerst will er herausfinden, was sie weiß (zu viel, wie er schnell feststellen muss), später versucht er sie mundtot zu machen, indem er sie heiratet. Aber Ida beginnt auf Rose einzureden und Pinkie hat keine Ahnung, wie sehr er ihren Liebesbeteuerungen glauben kann. Außerdem ist er überhaupt nicht in sie verliebt.

Das klingt doch nach einem ausgewachsenen Gangsterroman und einem fetzigen Drama um Schuld und Sühne.

So ist Pinkie das absolut Böse. Rose dagegen engelhaft rein, gutgläubig und naiv.

Gerade diese plakative Gegenüberstellung von „Gut“ und „Böse“ ist dann auch arg langweilig. Denn anscheinend war Pinkie einfach schon immer Böse und wird es immer bleiben. Er ist dabei autonom von allen gesellschaftlichen und sozialen Bindungen. Er ist ein Monstrum; Damit ist er als jugendlicher Psychopath einerseits natürlich furchtbar und beängstigend. Andererseits berührt er als literarischer Charakter auch nicht weiter. Und die knappen Hinweise, in denen er mit seinem katholischen Glauben hadert, wirken aufgesetzt.

Seine Freundin bleibt als absoluter Gegenentwurf ebenso blass. Sie erscheint schon für die damalige Zeit etwas zu naiv und zu unschuldig.

Insofern ist Graham Greenes Roman „Am Abgrund des Lebens“, der erste seiner katholischen Romane, eine doch etwas enttäuschende, teils sogar langatmige Lektüre.

Für die erste Verfilmung schrieb Greene das Drehbuch und auch der Film spielt in den späten Dreißigern, als Brighton noch nicht, wie am Anfang des Films betont wird, ein friedlicher Touristenort war. Die Filmstory folgt der Geschichte des Buches, aber etliche Szenen wurden auch für den Film geschrieben und sind entsprechend wirkungsvoll und Richard Attenborough überzeugte in einem seiner ersten Filmauftritte als psychopathisch-amoralischer Junggangster. Danach durfte er die Rolle in unbekannteren Filmen immer wieder spielen. Er verlieh Pinkie ein Gesicht, das man noch lange nach dem Ende des Films im Gedächtnis behält.

Auch heute noch ist John Boultings Noir „Brighton Rock“ einer der besten englischen Gangsterfilme. Dort wird „Brighton Rock“ auch, immer noch, ohne zu Zögern in die entsprechenden Listen wichtiger Kriminalfilme und englischer Filme aufgenommen. Bei uns erlebte das kraftvolle Krimidrama anscheinend erst 1997 im Fernsehen (auf „tm3“!) seine Premiere und verschwand danach wieder im Archiv.

Gerade daher lohnt sich die bei uns längst überfällige Entdeckung der ersten, immer noch überzeugenden Verfilmung von „Brighton Rock“. Auch wenn die zum Start der aktuellen Verfilmung von „Brighton Rock“ veröffentlichte DVD sehr spartanisch ausgestattet ist.

Rowan Joffe, der auch das Drehbuch für „The American“ schrieb, verlegte in seinem Spielfilmdebüt die Geschichte von den Dreißigern in die Sechziger. Genauer gesagt: 1964. Damit kann er einige atmosphärische Bilder von den Kämpfen zwischen den rivalisierenden Jugendgruppen der Mods und Rocker (Remember „Quadrophenia“?) inszenieren.

Aber gleichzeitig wirkt die von Joffe abgesehen vom Verlegen der Handlungszeit kaum aktualisierte und geänderter Geschichte in diesem Umfeld arg unglaubwürdig. Denn die Naivität von Rose wirkt, im Gegensatz zum Buch und der ersten Verfilmung, einfach nur noch übertrieben und fernab jeglicher Wirklichkeit.

Dennoch gibt es in Joffes „Brighton Rock“ vieles, was für den Film spricht: die Schauspieler und ihr Spiel, die Ausstattung, die Kamera, die immer wieder angenehm altmodisch ist, die sparsam eingestreuten Referenzen auf ältere Filme (natürlich auch auf Boultings Verfilmung) und traditionsbewusste Inszenierung. So scheint das Ende von „Brighton Rock“ direkt aus einem klassischen Noir übernommen worden zu sein.

Aber letztendlich Ende hinterlässt „Brighton Rock“ ein schales Gefühl. Man will den Film lieben, man bewundert vieles, aber es bleibt museales Kunsthandwerk, bei dem die Geschichte, ihre Charaktere und ihre Konflikte, immer mehr an der Wirklichkeit scheitert. Pinkie (Sam Riley) ist einfach zu sehr ein Gangster aus einer anderen Zeit und Rose (Andrea Riseborough) ist einfach zu weltfremd. Da helfen auch Ida (Helen Mirren, die deutlich weniger Pfunde auf die Waage bringt als die von Graham Greene erfundene Ida) und ihr Freund Phil Corkery (John Hurt) nicht mehr.

Rowan Joffe über seinen Film:

Natürlich ist das Buch 1947 schon von John Boulting adaptiert worden. Doch ganz so wie ein Stück von Shakespeare verdient „Brighton Rock“ verschiedene Adaptionen. Bei der ersten Verfilmung arbeitete Greene persönlich am Drehbuch mit, und ich maße mir nicht an zu behaupten, dass ich seine Authentizität erreichen oder verbessern könnte. Aber wir arbeiten nicht unter so strengen Zensurauflagen wie in den späten Vierzigern, so dass wir die Story nun so düster, gewalttätig und fast pervers sinnlich erzählen können, wie Greene sie tatsächlich geschrieben hat. Ich überlegte anfangs, den Plot in die Gegenwart zu versetzen, denn die Parallelen zur Neuzeit mit zunehmenden Massenmorden unter britischen Jugendlichen sind offensichtlich. Aber ich entschied mich dagegen, weil die Liebesgeschichte zwischen Pinkie und der Serviererin Rose dadurch an Kraft verloren hätte. Die Unschuld und enorme Naivität des Mädchens sind undenkbar im Zeitalter des Internet, und man hätte den Roman kompromittieren müssen, um 2010 glaubhafte Gründe für eine solch isolierte Figur zu finden.

1964 durften Teenager zum ersten Mal ökonomisch, kulturell und physisch ihre Muskeln spielen lassen und natürlich war Brighton auch der Schauplatz der Bandenkämpfe zwischen den jungen Mods und gealterten Rockern. Zudem eröffneten nach der Legalisierung des Pferdewettens pro Woche über einhundert Buchmacher ihre Büros, was mit einer massiven Welle organisierten Verbrechens einherging. Es war die große Ära jener britischen Gangster, die ein Underdog wie Pinkie zu Helden der Arbeiterklasse idealisieren würde. Und: 1964 wurde in Großbritannien letztmals die Todesstrafe verhängt, sodass die Furcht vor dem Strang eine essenzielle Motivation für Pinkies verzweifelte Versuche ist, um Zeugen seines Rachemordes zu beseitigen.

Einer meiner absoluten Lieblingsfilme ist Jean-Pierre Melvilles „Vier im Roten Kreis“ (Le cercle rouge, 1970) und John [Mathieson, Kameramann u. a. bei „Gladiator“ und „Robin Hood“, A. d. V.] gelang es tatsächlich, einen kompletten Satz an Kameralinsen und Equipment aus den Sechzigern aufzutreiben. Dadurch fühlte es sich beim Drehen an, als filmten wir wie seinerzeit Melville, auch wenn wir durch die Sperrigkeit der alten Technik unsere Bewegungsfreiheit eingeschränkt war. Was nichts schlechtes ist, zwingt es einen doch, Szenen sehr strategisch und ökonomisch zu drehen.

Das Buch ist noch immer ein Bestseller, was auch an der brillanten Studie eines Antihelden liegt, dessen Charakter zu 99 Prozent verdorben ist – währen ein Prozent an positiven Werten noch Hoffnung auf Pinkies Läuterung lässt. Doch auch wenn er kaum zum Vorbild taugt, bietet er juvenilen Zuschauern gewisses Identifikationspotential. Zugleich aber ist sein Schicksal Warnung vor einer Spirale der Gewalt. Denn auch 2010 gibt es nicht nur in England unzählige Jugendlichen, die verzweifelt ihrer unterprivilegierten Herkunft entfliehen wollen und eine kriminelle Karriere einschlagen. Und seit den Sechzigern hat es unter britischen Jugendbanden nicht mehr so viele Messerattacken wie in den letzten Jahren gegeben.

(aus dem Presseheft)

Graham Greene: Am Abgrund des Lebens

(übersetzt von Barbara Rojahn-Deyk)

dtv, 2011

352 Seiten

9,90 Euro

Deutsche Ausgabe (dieser Übersetzung)

Paul Zsolnay Verlag, Wien 1994

Originalausgabe

Brighton Rock

William Heinemann Ltd., London, 1938

Die erste Verfilmung

Brighton Rock (Brighton Rock, Großbritannien 1947)

Regie: John Boulting

Drehbuch: Terence Rattingan, Graham Greene

mit Richard Attenborough, Carol Marsh, Hermione Baddeley, William Hartnell, Harcourt Williams

DVD

Arthaus/Kinowelt

Bild: 1,33:1 (4:3)

Ton: Deutsch, Englisch (Mono DD)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Wendecover

Länge: 89 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die zweite Verfilmung

Brighton Rock (Brighton Rock, GB 2010)

Regie: Rowan Joffe

Drehbuch: Rowan Joffe

mit Sam Riley, Andrea Riseborough, Helen Mirren, John Hurt, Phil Davis, Nonso Anozie, Craig Parkinson, Andy Serkis, Sean Harris, Geoff Bell

Hinweise

Fanseite über Graham Greene

Wikipedia über Graham Greene (deutsch, englisch)

Noir of the Week über „Brighton Rock“ (GB 1947)

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Brighton Rock“ (GB 2010)


Im Verhörzimmer: Friedrich Ani und die Sache mit dem „Süden“

April 12, 2011

Die Rückkehr von Tabor Süden in sein geliebtes München in dem grandiosen Roman „Süden“ verschaffte mir einen guten Vorwand für ein Gespräch mit Krimiautor Friedrich Ani. Das fast „Tatort“-lange Gespräch fand vor einer Woche ohne Zeugen in einem Nebenzimmer des Hotel Savoy in der Nähe des legendären Bahnhof Zoo statt.

 

Süden“

 

Am Ende von „Süden und der Mann im langen schwarzen Mantel“ quittierte Tabor Süden („Ich arbeite auf der Vermisstenstelle der Kripo und kann meinen eigenen Vater nicht finden.“) seinen Dienst bei der Kripo und, bis auf das kurze Gastspiel „Der verschwundene Gast“ 2008 in der „Kaliber.64“-Reihe (wobei Süden in der Geschichte noch Polizist ist), gab es in den vergangenen Jahren kein Lebenszeichen von ihm. Er war verschwunden. In Köln hieß es. Mit „Süden“ kehrt Tabor Süden jetzt nach sechs Jahren wieder in ein verändertes München zurück. Er hat einen Anruf von seinem Vater erhalten. Und weil der Mensch auch etwas zum Beißen braucht (wobei Tabor Süden sich in „Süden“ vor allem flüssig ernährt), nimmt er einen Job in der Detektei von Edith Liebergesell an. Sein erster Auftrag: er soll einen vermissten Wirt finden.

Für Süden-Erfinder Friedrich Ani war Tabor Süden in den vergangenen Jahren allerdings sehr präsent. Es gab die schon erwähnte „Kaliber.64“-Geschichte. Es gab die beiden im April 2009 ausgestrahlten, hochkarätig besetzte, sehenswerte TV-Filme „Kommissar Süden und das Geheimnis der Königin“ (Regie: Martin Enlen) und „Kommissar Süden und der Luftgitarrist“ (Regie: Dominik Graf), für die Ani die Drehbücher schrieb und auch einen Grimme-Preis erhielt. Ursprünglich war eine Tabor-Süden-TV-Serie mit Ulrich Noethen als Tabor Süden geplant, aber irgendein ZDF-interner Kuddelmuddell (auch Ani weiß immer noch nicht, was genau zur Einstellung nach nur zwei Filmen führte, aber er ist darüber immer noch verärgert) beendete die Serie, bevor sie ihr Publikum finden konnte. Wiederholungen gab es bislang keine und auch auf DVD wurden die beiden „Kommissar Süden“-Filme nicht veröffentlicht. Und dabei waren die Quoten gar nicht so schlecht.

Damals bekam Ani wieder Lust auf Tabor Süden.

Für den dritten, 2009 erschienenen Polonius-Fischer-Roman „Totsein verjährt nicht“ hatte er ursprünglich ein Treffen von Fischer und Süden geplant. Der Verlag war von der Idee nicht begeistert und so musste Fischer das verschwundene Mädchen suchen.

Und dann schrieb Ani den neuen Süden-Roman und gleichzeitig drei halbstündige Hörspiele für den SWR, die im Juni und Juli gesendet werden. In diesen kurzen Vermisstengeschichten ist Tabor Süden ein Privatdetektiv. Das ist nur der Beginn einer Süden-Offensive.

Im November gibt es als Taschenbuch die Weihnachtsgeschichte „Süden und die Schlüsselkinder“. Der Knaur-Verlag plant parallel dazu eine Wiederveröffentlichung der ersten drei Süden-Bücher mit einem neuen Cover. Im Frühjahr 2012 wird es einen zweiten, kürzeren Süden-Roman geben und die zweite, wieder aus drei Süden-Büchern bestehende Lieferung und im Herbst 2012 die letzten vier Süden-Romane des zehnbändigen Zykluses; parallel zur Taschenbuch-Ausgabe von „Süden“. Im Frühjahr 2013 gibt es einen weiteren Süden-Roman als Hardcover, für den es auch schon erste Ideen gebe. Denn Ani will ihn weiter als Detektiv ermitteln lassen und dann auch mehr von der Detektei erzählen.

Dieser Wechsel von der Polizei in eine Detektei war von Ani gewollt. Dennoch stellt sich die Frage, ob Ani mit dem Wechsel seine Charakters von einem an Recht und Gesetz gebundenen Polizisten zu einem Privatdetektiv, der über keine besondere Rechte verfügt, aber auch nicht mehr gezwungen ist, einen Verbrecher zu verhaften, eine Verschiebung in seinem erzählerischem Kosmos plant.

Es war schon eine extrem bewusste Entscheidung, jetzt mal jemand zu haben, der nicht eine Polizeibelobigungsfunktion hat. Ich wollte, dass er seine Arbeit weitermachen kann. Das Suchen von vermissten Personen geht auch in einer Detektei sehr gut. Das ist relativ realistisch und passt auch gut zum Süden. So ein Freelancer, der Geld verdienen muss, und seine Arbeit machen kann. Der Süden ist in dem Sinn ja kein Anarcho. Er ist vielleicht ein bisschen viel im Gasthaus oder er trinkt gelegentlich Bier, aber er ist von seiner Haltung kein anarchistischer Mensch. Er ist ein gewissenhafter Mensch. Er ist gern unter Leuten. Er ist gern dabei. Deshalb braucht er einen Beruf, wo er nicht versandelt. Die Gefahr bei Tabor Süden ist, dass er vereinsamt, wenn er nichts zu tun hat. Das spürt er. Deshalb braucht er einen Job – und den hat er jetzt. Ich bin schon froh, dass ich den Polizeiapparat jetzt nicht mehr beschreiben muss. Das fand ich auch immer ein bisschen einengend.

Manchmal bin ich da etwas mürrisch. Weil ich finde, wir schreiben genug Polizeibelobigungskrimis und irgendwann ist auch mal gut“, sagt Ani.

Von Anfang an war „Süden“ als längeres Werk geplant. Die Romane „Die Erfindung des Abschieds“, „German Angst“ und „Verzeihen“ mit Tabor Süden waren zwar auch länger, aber am bekanntesten ist die aus zehn Bänden bestehende, zwischen 2001 und 2005 erschienene Süden-Serie, deren Titel mit „Süden und…“ beginnen. Diese Bücher hatten immer zweihundert Seiten. „Süden“ ist ungefähr doppelt so lang. Dafür erzählt Ani auch drei Geschichten: die lange Geschichte vom verschwundenen Wirt, die private Geschichte von Südens Suche nach seinem Vater und eine kurze Geschichte von einer verschwundenen Mutter. Diese Struktur habe er von den TV-Filmen übernommen. Trotzdem sieht er seinen Stil als konträr zur TV-Dramaturgie an.

Der Roman ist meine Art zu schreiben“, betont er. Dort könne er auch Nebenfiguren ihren Raum geben und er müsse sich nicht an feste Vorgaben, wozu inzwischen die streng festgelegte Länge eines TV-Films und, bei einer Reihe wie „Tatort“, die Wünsche der Stammschauspieler gehören, halten.

Denn er nimmt sich lieber Zeit und, auch wenn am Ende von „Süden“ eine Thriller-Spannung aufkommt, ist es in einem gewissen Rahmen egal, ob Süden den Wirt tot oder lebendig findet.

(Kurzer Einschub: ich würde jetzt gerne unsere Diskussion über das Ende einfügen, aber das wäre ein Mega-Spoiler. Deshalb lasse ich es heute bleiben, aber ich will einige Ausschnitte aus dem Interview transkribieren. Dann erfahrt ihr auch Friedrich Anis Meinung zu dem Ende von „Süden“, warum der „Süden“ die viereinhalbte Fassung ist und ihr könnt einiges über die von uns während des Interviews beschrittenen Irrwege lesen. Doch jetzt weiter im Text.)

Das liegt auch daran, dass in „Süden“ die einzelnen Geschichten sich zu einem kunstvollem Ganzen fügen, das von Tabor Süden der wieder einmal im Milieu der kleinen Leute und Wirte ermittelt, zusammengehalten.

Mei, ich find halt; – ich hab halt immer gedacht, man sollte über das schreiben, was man kennt, was man liebt, was einen aufregt, was einem nahe ist. Ich glaub schon, dass ich mich auch in andere Milieus hineindenken könnte oder kann. Aber die kleinen Leute, die Unscheinbaren, sind mir halt die liebsten und einer muss es machen. Es ist halt meine Welt. Das bin halt ich. Und – und ich find, das gibt immer noch einen Menge her. Das erschöpft sich nicht. Der Simenon hat auch hunderte von Büchern über sehr unscheinbare Leute geschrieben. Das geht. Man muss halt nur die Augen aufhalten. Ich versuch das auch oft im Drehbuch. Dass ich Leute habe, die auch ganz normale Berufe haben. Und die Redakteure sind dann immer wieder ganz erstaunt, dass das auch mal wieder vorkommt.

Es gibt auch Leute, die das gar nicht mögen. Die sagen dann, das ist so sozialkritisch.

Aber Sozialkritik interessiert mich nicht. Ist eigentlich auch Quatsch.“

Für mich ist das Buch zeitlos. Es gibt keine plakative Hartz-IV-Kritik und Handys und Computer kommen eigentlich nicht vor“, werfe ich ein. So besitzt Tabor Süden erst am Ende des Romans ein Handy.

Ja, vieles ist vielleicht doch spürbar, wenn man es will.

Aber mir gefällt das eigentlich. Ich mag das, dass die alle etwas wie aus der Zeit gefallen sind. Das war auch in den zwei Verfilmungen so. Vor allem im „Luftgitarristen“ vom Dominik Graf. Dass man das Gefühl hat, die sind alle etwas neben der Gegenwart. Das ist mir da so bewusst geworden.

Das ist eine schöne Vorstellung. – Dabei bleib ich.“

Und diese Vorstellung hat Friedrich Ani in „Süden“ kongenial umgesetzt. Denn in „Süden“ ist Tabor Süden ganz bei sich – und Friedrich Ani ist auch ganz bei sich. Ein feines Buch.

Friedrich Ani: Süden

Droemer, 2011

368 Seiten

19,99 Euro

Lesungen

Dienstag, 12. April 2011, 19 Uhr

Café Weiß, Geißstraße 16, Stuttgart (Krimi & Hörbuch Undercover)

Mittwoch, 13. April 2011, 20 Uhr

Der Monarch, Skalitzer Straße 134, Berlin (Krimibuchhandlung Hammett)

Donnerstag, 14. April 2011, 20 Uhr

Goldener Löwe, Kellergewölbe, Am Markt 6, Olpe (Buchhandlung Dreimann)

Freitag, 15. April 2011, 20 Uhr

Die Fabrik, Mittlerer Hasenpfad 5, Frankfurt (Buchhandlung Schutt)

Hinweise

Homepage von Friedrich Ani

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Wer lebt, stirbt“ (2007)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Der verschwundene Gast“ (2008)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Totsein verjährt nicht” (2009)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Die Tat” (2010)

Planet-Interview: Interview mit Friedrich Ani (18. Dezember 2008)


Eine verpasste Chance: Das Jahrbuch des Syndikats

April 1, 2011

Die neue Ausgabe der gebundenen Vereinszeitung „Secret Service – Jahrbuch 2011“ der deutschen Krimiautorenvereinigung „Das Syndikat“ unterscheidet sich kaum von der vorherigen Ausgabe. Es gibt einen Rückblick auf die letzte Criminale, dem jährlichen Treffen des Syndikats, Autoren berichten von Lesungen, zwanzig Autoren schreiben gemeinsam zwei Kurzkrimis (im letzten Jahrbuch schrieben sie einen Kurzkrimi [kein Kommentar]), je einen Kurzkrimi von Sabine Alt und Gerhard Loibelsberger, von Thomas Przybilka gibt es die erhellenden Befragungen der Friedrich-Glauser-Preisträger Rutger Booß, Zoran Drvenkar, Andreas Föhr, Zoe Beck und Hansjörg-Martin-Preisträgerin Marlene Röder und einen bibliographischen Überblick über wichtige Sekundärliteratur (beides erscheint auch bei den Alligatorpapieren) und es gibt eine aktuelle Liste der Mitglieder des Syndikats.

Auch die Essays „Regionalkrimi – Fluch oder Segen?“ von Michael Kibler und „A schöne Leich – kunstvoll morden? Annäherung an die Frage: Sind Krimis Kunst?“ von Clementine Skorpil schlagen eher schon lange vergangene Schlachten. Besonders Skorpil arbeitet sich episch an der Frage, ob Krimis Trivialliteratur sind, ab. Da ist Armin Gmeiners Aussage, dass es sich um eine Marketingentscheidung handele, ob man als Verleger ein Buch als Regiokrimi oder als Krimi veröffentliche, erfrischend prägnant.

Das alles hat, nun, wie gesagt, den Charme einer Vereinszeitung und dürfte außer den Vereinsmitgliedern niemand interessieren.

Dabei böte doch gerade ein Jahrbuch einer Autorenvereinigung die Chance sich über die eigene Arbeit und das Genre auszutauschen und Debatten über die Qualität zu führen. Dass das geht, zeigt Jochen Brunow, Drehbuchautor und Leiter der Drehbuchakademie der dffb, seit fünf Jahren mit dem von ihm herausgegebenen Film- und Drehbuchalmanach „Scenario“.

Syndikat (Hrsg.): Secret Service – Jahrbuch 2011

Gmeiner Verlag, 2011

288 Seiten

9,90 Euro

Hinweise

Homepage vom Syndikat

Meine Besprechung von „Secret Service – Jahrbuch 2009“


Stefan Kiesbyes Erzählungen aus der norddeutschen Provinz

März 30, 2011

Als Stefan Kiesbye auf der Leipziger Buchmesse ein Kapitel aus seinem neuesten Buch „Hemmersmoor“ vorlas, bemerkte ich, dass es nicht so schlecht ist. Jedenfalls wenn man das Buch nicht kennt.

Kiesbye las vor, wie einige Kinder einen achtjährigen Freund in den Tod treiben, indem sie ihn im Eiswasser nach einer Axt tauchen lassen.

Dieses Ereignis wird auf den Seiten 78 bis 85 erzählt.

Davor ist bereits einiges geschehen: Zugezogene wurden gelyncht, ein siebenjähriger Junge brachte seine Schwester um, eine andere Frau wurde in den Tod getrieben und ein Vater schwängerte seine Tochter.

Also schon mehr als genug Schandtaten für einen sehr blutigen Thriller.

Danach wird weniger gemordet. Sex und Inzucht sind ja auch ganz nett. Aber man ist schon etwas erstaunt, wenn ein Kapitel ohne eine Leiche endet. Dafür gibt’s dann im nächsten Kapitel gleich neun Babyleichen, die von ihrer Mutter ermordet und vergraben wurden.

Dieses groteske Übermaß an Sex und Gewalt, das Sodom und Gomorrha zu einem idyllischen Ort macht, langweilt allerdings schnell und raubt dem episodischem Buch jede Glaubwürdigkeit. Denn das alles soll sich innerhalb weniger Jahre in den späten Fünfzigern, frühen Sechzigern in einem kleinen Dorf in Norddeutschland ereignen. Und jedes Ereignis steht seltsam isoliert neben dem anderen. Denn Kiesbyes Schauerroman „Hemmersmoor“ kann am besten als eine Serie von Kurzgeschichten, bei denen zwar die gleichen Charaktere auftreten und die alle an dem gleichen Ort spielen, aber die sonst nichts miteinander zu tun haben, beschrieben werden.

Auch der Kniff, die einzelnen Geschichten von vier verschiedenen Charakteren, die meistens auch Täter sind, erzählen zu lassen, nutzt sich schnell ab und zeigt eher die Grenzen des Erzählers auf. In den ersten Geschichten sind Kiesbyes Ich-Erzähler sieben Jahre alt; am Ende des Buches stehen sie kurz vor ihrem Schulabschluss. Denn sie sprechen alle mit der distanzierten Stimme des Erzählers Stefan Kiesbye, die den gewollten (?) Eindruck hinterlässt, dass die Kinder absolute Psychopathen sind und weder als Kind noch als Erwachsene irgendeine Spur von Reue empfinden.

Diese distanzierte Sprache kennen wir bereits aus Stefan Kiesbyes hochgelobtem Debüt „Nebenan ein Mädchen“. In dem dünnen Buch (eher eine lange Kurzgeschichte oder eine Novelle) erzählt Moritz von seiner beginnenden Pubertät in einem kleinen Ort in den sehr späten Siebzigern im norddeutschen Wedersen. Dort bekämpfen sich zwei Jugendcliquen: die Dachse und die Füchse. Die Dachse entdecken einen Bunker, sie stellen Frauen nach, sie entdecken ein Findelkind und irgendwann geschieht ein Mord.

Nebenan ein Mädchen“ ist, wie „Hemmersmoor“, das in einem geographischem und zeitlosem Nirgendwo angesiedelte, exemplarisch gemeinte Porträt einer deutschen Kleinstadt und dem Dorfleben, das dank einiger wohlplatzierter Hinweise auf Bands und Bücher (Hach, Kate Bush und Barclay James Harvest. Huch, Fanny Hill und Casanova.), aber nicht auf Filme und TV-Sendungen, einige nostalgische Erinnerungen wecken kann (wobei die einen dann an die Pink-Floyd-LPs mit Syd Barrett, die anderen an die Pink-Floyd-LPs ohne Syd Barrett denken. Einige werden „Wish you were here“, andere werden „The Wall“ hören.). Aber gleichzeitig berührt einen die Erzählung mit ihren vielen knappen Szenen und spartanischen Beschreibungen nicht. Denn während die Gewalt anfangs noch nachvollziehbar ist und durchaus in einem eher zufälligem Totschlag enden könnte (was zu einer Jugendstrafe führen würde), kommt der von Moritz und seinen Freunden geplante Mord ziemlich unvermittelt. Ebenso ist ihr Verhalten zu einem Findelkind in dieser Mischung aus emotionslosem Forscherblick, falscher Zuneigung und Verschwiegenheit kaum nachvollziehbar. Und dann gibt es – immerhin stehen pubertierende Jungs im Mittelpunkt – den ersten Sex.

Während „Nebenan ein Mädchen“ noch als Talentprobe durchgehen konnte, liest sich Stefan Kiesbyes zweiter Roman „Hemmersmoor“ wie ein ganz schlechtes Stephen-King-Best-of („Hey, lass uns einfach nur die Horrorszenen aneinanderklatschen.“) oder „Tannöd“ auf Acid.

Stefan Kiesbye: Hemmersmoor

Tropen, 2011

208 Seiten

17,95 Euro

Stefan Kiesbye: Nebenan ein Mädchen

(übersetzt von Stefan Kiesbye)

Heyne, 2010

208 Seiten

7,95 Euro

Deutsche Erstausgabe

Jens Seeling Verlag, 2008

Originalausgabe

Next door lived a girl

Low Fidelity Press, New York 2004

Hinweise

Homepage von Stefan Kiesbye

Klett-Cotta Verlagsblog: Interview mit Stefan Kiesbye (21. März 2011)

Börsenblatt: Interview mit Stefan Kiesbye (16. Juli 2009)

Bonusmaterial



 


Hat Elmore Leonard seinen Touch verloren?

März 24, 2011

Road Dogs“, Elmore Leonards vorletzter Roman, liest sich über weite Strecken wie das Werk eines Nachahmers: da werden etliche Charaktere aus Leonards grandioser Florida-Phase (als er im Sunshine State lebte und endlich allgemein anerkannt wurde) reanimiert. Mal nur in einem Nebensatz, mal als Hauptcharaktere. Für die Nicht-Leonard-Hardcore-Fans ist dabei Jack Foley, der sympathische Bankräuber aus „Out of sight“ (verkörpert in der gleichnamigen Verfilmung von George Clooney und, so Leonard in einem Interview, auch das Vorbild für den „Road Dogs“-Foley), der bekannteste Charakter. Cundo Rey aus „La Brava“ und Dawn Navarro aus „Riding the Rap“ (Volles Risiko) sind unbekannter.

Aber im Gegensatz zu den früheren Büchern von Elmore Leonard bleiben dieses Mal alle Charaktere blass. Es gibt kaum Situationen, in denen sich ihr Charakter wirklich zeigt und auch die Dialoge sind langweilig. Da ist nichts mehr zu spüren von der typischen Leonard-Brillanz und Coolness.

So fällt – denn Leonard konnte mit seinen knochentrockenen Dialogen über alle Plotlöcher hinwegtäuschen – der absolut vorhersehbare und altbackene Plot von „Road Dogs“ umso mehr auf und der geht so:

Im Knast befreunden sich Foley und der stinkreiche kubanische Gangster Cundo Rey. Rey engagiert eine Anwältin und der gelingt es, Foleys Strafe drastisch zu reduzieren. Draußen soll Foley sich um Reys Freundin Dawn Navarro kümmern. Die ist, als Femme Fatale, gar nicht so brav wie ihr Göttergatte meint und springt auch gleich mit Foley ins Bett und macht ihm das wenig überraschende Angebot, mit der Kohle von Rey abzuhauen. Foley zögert. Immerhin gibt es doch so etwas wie Ganovenehre.

Außerdem wird er von dem FBI-Agenten Lou Adams beobachtet. Der will den Serienbankräuber jetzt endgültig in den Knast bringen. Aber er ist, im Vergleich zu den anderen Leonard-Polizisten einfach nur ein rechthaberischer, geltungssüchtiger Winzling, der gottseidank ziemlich schnell zu einem Teil der vernachlässigbaren Kulisse wird.

Die einzige Überraschung bei diesem Liebesdreieck ist, dass Foley sich mit Dawn Navarro als Hellseher versucht und er sich gleich in seine erste Kundin, die Hollywood-Schauspielerin Danialle Karmanos, verliebt. Die verfällt dem supersympathischen Bankräuber ebenfalls sofort und so plätschert „Road Dogs“ auf sein ziemlich vorhersehbares Ende hin.

Wer jetzt glaubt, dass „Road Dogs“ ein Fehltritt war, wird durch „Djibouti“ eines besseren belehrt. Denn sein neuester Roman liest sich wie eine ganz schlechte Elmore-Leonard-Parodie.

Die erste Hälfte ist fast unlesbar, weil Leonard auf die bescheuerte Idee verfiel, die Dokumentarfilmerin Dara Barr und ihren Freund Xavier LeBo in einem Hotelzimmer einzusperren. Dort sichten sie die von ihnen in den vergangenen Wochen gemachten Aufnahmen für eine Reportage über die derzeitige Piraterie am Golf von Aden und dem Horn von Afrika. Dabei reden sie über die Ereignisse, die sie sich gerade ansehen und ob sie das Material als Dokumentarfilm schneiden oder als Filmidee an Hollywood verkaufen sollen. Das kann mit viel Wohlwollen als Meditation über die Realität in den Medien und über die Prinzipien des filmischen Erzählens gelesen werden.

In der zweiten Hälfte ist ein zum Islamismus und Terrorismus konvertierten Amerikaner, der jeden, der seinen echten Namen kennt, umbringt, und außerdem ein Attentat plant, die die Geschichte bestimmende Kraft. Diese Jagd nach einem Serienmörder sorgt dann für etwas Krimispannung, ohne das Buch zu retten. Denn die zweite Hälfte hat mit der ersten eigentlich nichts zu tun und der Terrorist ist wahrscheinlich der langweiligste Leonard-Charakter. Das mag auch daran liegen, dass Elmore Leonard kein Interesse an einer Serienkillerjagd oder einer Post-9/11-Terroristenjagd hatte. Denn seine Krimis sind mehr oder weniger gut getarnte Western, in denen Gangster und Polizisten gegeneinander antreten und es oft, für einen Hardboiled-Kriminalroman, erstaunlich wenige Leichen gibt.

Elmore Leonard: Road Dogs

(übersetzt von Conny Lösch und Kirsten Riesselmann)

Eichborn, 2011

304 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

Road Dogs

William Morrow, 2009

Elmore Leonard: Djibouti

William Morrow, 2010

288 Seiten

19 Euro (bei Amazon)

Hinweise

Homepage von Elmore Leonard

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Up in Honey’s Room“ (2007)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Gangsterbraut“ (The hot Kid, 2005)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Callgirls“ (Mr. Paradise, 2004)

Mein Porträt „Man nennt ihn Dutch – Elmore Leonard zum Achtzigsten“ erschien im „Krimijahrbuch 2006“

Meine Besprechung der Elmore-Leonard-Verfilmung „Sie nannten ihn Stick“ (Stick, USA 1983)

Meine Besprechung der Elmore-Leonard-Verfilmung „Killshot“ (Killshot, USA 2008)

Elmore Leonard in der Kriminalakte

Eichborn: Karsten Kredel, Programmleiter Literatur bei Eichborn, über „Road Dogs“

Frankfurter Rundschau: Interview mit Elmore Leonard (5. Dezember 2010)


„Unknown Identity“: Vor dem Film war der Roman

März 21, 2011

Als der renommierte Biogenetiker Martin Harris in Paris an seiner Wohnungstür klingelt, öffnet ein fremder Mann die Tür und seine Frau Liz sagt, dass sie ihn nicht kenne.

Harris, der nach einem Autounfall einige Tage im Koma lag, glaubt zuerst an einen schlechten Scherz. Aber nachdem sogar die Polizei überzeugt ist, dass sein Nebenbuhler der echte Martin Harris ist und er einen psychischen Knacks habe, will er herausfinden, wer ihm sein Leben stehlen will. Seine einzige Verbündete ist Muriel, die Taxifahrerin, die ihm nach dem Unfall das Leben rettete.

Unknown Identity“ ist, wie das Buchcover und der deutsche Titel verraten, die pünktlich zum Filmstart übersetzte Romanvorlage von Didier van Cauwelaert, die für den Film kräftig geändert wurde.

Doch bleiben wir zunächst bei van Cauwelaerts kleinem Pulp-Thriller. Denn die Prämisse, dass ein Held ohne Gedächtnis herausfinden will, wer er ist und er dabei einer Verschwörung auf die Spur kommt, ist immer gut für einige spannende Stunden. Auch van Cauwelaerts mit etwas über zweihundert Seiten angenehm kurzem Krimi gelingt das. Gerade am Anfang gibt es einige grandiose Szenen, in denen Martin Harris seine Identität beweisen will. Bei der Polizei führt das zu einer ziemlich absurden Aufnahme seiner Anzeige. Oder, etwas später, sein Besuch bei seinem Kollegen Paul de Kermeur. Dort versucht er de Kermeur und Muriel von seiner Identität zu überzeugen. Als der falsche Martin Harris hinzukommt, entspinnt sich ein Rededuell in dem sie in Harris‘ Fachgebiet und seiner Familiengeschichte brillieren. Denn der echte und der falsche Martin Harris wissen alles über das Leben und die Arbeit von Martin Harris.

Im letzten Drittel, wenn Harris an seinem Verstand zu zweifeln beginnt, weitere Erinnerungen zurückkehren und ein von ihm angeheuerter Detektiv ihm überraschende Fakten aus seiner Vergangenheit präsentiert, verliert die Geschichte etwas an Schwung; – auch weil Harris keinen Schritt näher an die ziemlich unvermittelt präsentierte Lösung des Rätsel kommt und van Cauwelaert einige wichtige Fragen des Komplotts nur sehr rudimentär beantwortet.

Außerdem spielt „Unknown Identity“, obwohl der Krimi in Frankreich erst vor acht Jahren erschien, in einer anderen Zeit. Heute ist es einfach undenkbar, dass im Internet keine Bilder eines bekannten Botanikers zu finden sind und dass so einfach ein Doppelgänger die Stelle eines anderen einnehmen kann. Immerhin geht es nicht um einen profanen Identitätsdiebstahl (bei dem nur die elektronische Identität geklaut wird), sondern darum, dass die Bösewichter innerhalb weniger Tage ein ganzes Leben, bei dem es auch ziemlich viele öffentliche Auftritte auf Konferenzen und Tagungen gab, vollständig auslöschen.

Denn dass niemand den Unterschied zwischen dem echten und dem falschen Martin Harris sieht und dass niemand hinter die wahre Identität von Martin Harris kommt, ist für das Komplott absolut wichtig.


Für die Verfilmung wurde die Handlung, dank der hiesigen Filmförderung, von Paris nach Berlin verlegt, die Prämisse, einige Charaktere und die Erklärung für Martin Harris‘ Amnesie übernommen. Allerdings ist das Ende im Film wesentlich explosiver und der gesamte Film mit zahlreichen Morden, Schlägereien und Verfolgungsjagden zu Fuß und im Auto viel actionlastiger. Das ist zwar nicht besonders logisch und glaubwürdig (eigentlich sogar noch unglaubwürdiger als der Roman), aber ziemlich unterhaltsam. Und die Berlin-Bilder, inclusive einem Zusammenstoß mit einer Tram und einer Explosion im Hotel Adlon, erfreuen natürlich das lokalpatriotische Herz.

Didier van Cauwelaert: Unknown Identity

(übersetzt von Olaf Matthias Roth)

Aufbaut Taschenbuch, 2011

224 Seiten

9,95 Euro

Originalausgabe

Hors de moi

Editions Albin Miche, Paris 2003

Verfilmung

Unknown Identity (Unknown, Japan/Kanada/USA/Deutschland 2010)

Regie: Jaume Collet-Serra

Drehbuch: Oliver Butcher, Stephen Cornwell

LV: Didier von Cauwelaert: Hors de moi, 2003 (Unknown Identity)

mit Liam Neeson, Diane Kruger, January Jones, Aidan Quinn, Bruno Ganz, Sebastian Koch, Frank Langella, Stipe Erceg

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Unknown Identity“

Homepage von Didier von Cauwelaert


Wiglaf Droste, die Sprache und die Wirklichkeit

März 18, 2011

In einem Rutsch sollte man die in „Im Sparadies der Friseure“ gesammelten über vierzig Kolumnen von Wiglaf Droste nicht lesen. Dann sind sie zwar auch noch witzig und oft erhellend, aber auch etwas ermüdend. Wenn sie dagegen in kleinen Häppchen genossen werden, verschönern sie den Tag und bieten amüsante Einsichten in den deutschen Alltag und unsere Muttersprache.

Denn, so Droste: „Sprache ist nicht nur Mittel zum Zweck der Kommunikation – sie ist eine Möglichkeit, die Welt zu erlernen, sie sich zu eigen zu machen, nicht in einem rohen, barbarischen Akt der Unterwerfung und Untertanenmachung, sondern langsam, behutsam, staunend, hingebungsvoll. Sprache wohnt die Chance inne, die Welt spielerisch zu begreifen, ohne sie dumpf zu begrapschen.“

Aber: „Die Deutschen bedürfen nicht der englischen Sprache oder der Anglizismen, um sich falsch, inhaltsarm oder idiotisch auszudrücken; es ist ihnen dazu jede Sprache recht, von der sie nichts verstehen. Meistens ist das die deutsche, sie nehmen aber auch jede andere, die sie kriegen können, und lassen sich dabei nicht stören.“

Und er hat eine reichhaltige Auswahl an treffenden Beispielen gefunden. In vielen Texten beschäftigt Wiglaf Droste sich mit dem uns alltäglich umgebendem Sprachmüll. Das sind die Namen von Friseurgeschäften, „Public Viewing“ (was, so Droste, in den USA eigentlich Leichenschau bedeutet; – da soll noch einer sagen, dass Lesen nicht bildet), der Sucht nach Superlativen für alles und jedes und viele, viele weitere Beispiele aus der Wirtschaft, bei schreibenden Kollegen und natürlich in der um Vertrauen werbenden Politik. Auch das „Unwort des Jahres“ und die es verleihende Gesellschaft ist Wiglaf Droste einige wohlgesetzte Worte wert.

Eingefleischte Droste-Fans werden etliche der in „Im Sparadies der Friseure“ gesammelten Kolumnen bereits aus dem Bayerischen Rundfunk, MDR Figaro, „jungle World“ und den Zeitschriften „Das Magazin“ und „Häuptling Eigener Herd“ kennen. Die Gelegenheits-Droste-Fans dürfen sich dagegen freuen, dass sie nicht ständig in Kiosken und im ÖR-Rundfunk nach Droste-Texte suchen müssen.

Wiglaf Droste: Im Sparadies der Friseure – Eine kleine Sprachkritik

Goldmann, 2010

160 Seiten

7,95 Euro

Erstausgabe

Edition Tiamat, 2009

Hinweise

Tourmanagement von Wiglaf Droste

Homepage von „Häuptling Eigener Herd“

Homepage von MDR Figaro

Wikipedia über Wiglaf Droste

Bonusmaterial (nicht im Buch enthalten)

Beginnen wir mit einem klassischen Wiglaf-Droste-Text

Auch gut


Harlan Coben und das lauschige Vorstadtleben mit pubertierenden Kindern

März 17, 2011

Wahrscheinlich muss man Amerikaner sein oder die dortige Kultur und Psychosen gut kennen, um die Geschichte von Harlan Cobens neuem Roman „In seinen Händen“ wirklich genießen zu können. Denn im Mittelpunkt des Thrillers steht, wieder einmal, das Vorstadtleben und die Mühen und Sorgen von liebevollen Eltern und ihren heranwachsenden Kindern, die einerseits Alkohol trinken wollen, andererseits dies vor dem Gesetz noch nicht dürfen. Denn in den USA darf man zwar mit 16 Jahren ein Auto fahren, aber erst mit 21 Jahren Alkohol trinken. Eine Regel, die bei uns immer wieder für Kopfschütteln sorgt.

Eine andere große Sorge amerikanischer Eltern und ihrer Kinder ist, dass sie auf die richtige Universität kommen. „Richtig“ bedeutet vor allem eine Elite-Universität. Jede Universität hat ein Auswahlverfahren und, neben den Noten, spielen auch bestimmte Quoten (wie dass eine bestimmte Zahl Afroamerikaner oder sozial Schwacher aufgenommen werden sollen) und das Verhalten der Bewerber eine Rolle. Da kann einem schon eine Strafe wegen Alkoholkonsum die Traumuni vermasseln.

In Deutschland sind die Unterschiede zwischen den Universitäten nicht so groß und es gibt keine großartigen Auswahlverfahren.

Und dann gibt es in den USA noch eine gewaltige, teils schon hysterische Jagd auf Pädophile und Sexualstraftäter. Das dafür wichtigste Gesetz ist „Megan’s Law“. Danach können die Namen von Sexualstraftätern, die sich an Minderjährigen vergangen haben, veröffentlicht werden. Das gilt auch, wenn der Geschlechtsverkehr einvernehmlich war und der Altersunterschied zwischen beiden nur einige Monate beträgt. Minderjährig ist Minderjährig.

All diese Regeln und Konventionen sind für uns eher fremd, aber sie bestimmen noch mehr als in den vorherigen Thrillern des vierfachen Vaters Harlan Coben seinen neuesten Roman „In seinen Händen“, der mit der Bloßstellung des pädophilen, enorm beliebten und engagierten Sozialarbeiters Dan Mercer durch die TV-Journalistin Wendy Tynes beginnt.

Während der Gerichtsverhandlung beginnt sie an Mercers Schuld zu zweifeln. Denn außer einigen Bildern in seiner Wohnung und vier Jugendlichen hat sich keines seiner Opfer gemeldet. Aber normalerweise ist ein Pädophiler ein Serientäter mit vielen Opfern. Außerdem steht seine Ex-Frau zu ihm. Kurz nachdem die Klage vom Gericht abgewiesen wird, ruft Mercer bei der Journalistin an. Er will sich mit ihr Treffen und sagt, dass nichts so sei, wie es aussehe.

Sie willigt ein und während des Treffens wird Mercer vor ihren Augen erschossen. Sie glaubt, dass Ex-U.-S.-Marshal Ed Grayson, dessen Sohn zu Mercers Opfern gehört, der Täter ist. Aber es gibt keine Beweise gegen Grayson und eigentlich will ihn auch niemand anklagen.

Als dann in Mercers Hotelzimmer das iPhone der vor einigen Monaten verschwundenen siebzehnjährigen Musterschülerin Haley McWaid gefunden wird, scheint der Fall klar.

Nur Wendy Tynes zweifelt weiter. Vor allem, als sie entdeckt, dass in letzter Zeit mit halbseidenen Anschuldigungen das Leben von Mercers Studentenfreunde zerstört wurde. Sie fragt sich, ob sich jemand an ihnen für irgendetwas, das sie während des Studiums taten, rächen will.

Dieser Hauptplot entwickelt sich allerdings arg zäh und verschwindet immer wieder unter verschiedenen Nebengeschichten, die die Hauptgeschichte nicht wirklich voranbringen, aber dafür das Vorstadtleben ausmalen. Außerdem geschehen einige Plotwendungen arg plötzlich und das Verhalten einiger Charaktere ist arg rätselhaft. So hat Wendy keinen Grund, Mercers Collegefreunden zu vertrauen. Vor allem nachdem sie annehmen muss, dass sie in der Vergangenheit irgendetwas ausgefressen haben, das sie ihr nicht verraten wollen. Trotzdem suchen sie gemeinsam den Täter.

Und wenn dann am Ende der Haupttäter der taffen Reporterin freiwillig seine Taten gesteht, zeigt sich, dass Coben ein gewaltiges Problem mit dem Ende hatte. Auch die anderen Verbrecher gestehen freiwillig ihre Taten. Aber warum sollte jemand freiwillig ein Verbrechen gestehen?

Außerdem deutet Harlan Coben dieses Mal schon sehr früh und sehr deutlich die Lösung an. Das ist vor allem deshalb erstaunlich, weil er in seinen anderen Thrillern am Ende immer einige absolut überraschende, aber schlüssige Twists bot.

In seinen Händen“ ist, nach dem enttäuschendem Myron-Bolitar-Pulp „Von meinem Blut“ (denn Terrorismus und weltumspannende Verschwörungen gehören nicht in die Welt eines Sportagenten), wieder ein flott geschriebenes, letztendlich aber enttäuschendes Werk von Harlan Coben. Vielleicht sollte er mal – persönliche Betroffenheit hin, persönliche Betroffenheit her – die Sorgen der Eltern über die Schulabschlüsse ihrer Kinder und die Wunschuniversität links liegen lassen und einen ordentlichen Thriller schreiben.

Sein neuestes Buch „Live Wire“, dem zehnten Myron-Bolitar-Roman, der die Tage in den USA erscheint, könnte ein solches Buch sein.

Harlan Coben: In seinen Händen

(übersetzt von Gunnar Kwisinski)

Page & Turner, 2011

448 Seiten

14,99 Euro

Originalausgabe

Caught

Dutton, 2010

Lesereise (naja, eher Stippvisite)

Freitag, 18. März, 20.00 Uhr, Köln, MS RheinEnerngie/Literaturschiff (im Rahmen der lit.cologne)

Samstag, 19. März, 20.30 Uhr, München, Hugendubel Fünf Höfe (im Rahmen des Krimifestival München)

Hinweise

Homepage von Harlan Coben

Mein Gespräch mit Harlan Coben über Myron Bolitar und seine Arbeit

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Kein böser Traum“ (Just one look, 2004)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Kein Friede den Toten“ (The Innocent, 2005)

Meine Besprechung von Harlan Coben „Der Insider“ (Fade away, 1996)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Das Grab im Wald“ (The Woods, 2007)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Sie sehen dich“ (Hold tight, 2008)

Meine Kurzbesprechung der Harlan-Coben-Verfilmung „Kein Sterbenswort“ (F 2006)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Von meinem Blut“ (Long Lost, 2009)

Bonusmaterial

Ein ausführliches Interview mit Harlan Coben

 


Robert B. Parker, Spenser und ein „Trügerisches Bild“

März 16, 2011

Zuerst die schlechte Nachricht: Hawk hat in „Trügerisches Bild“, dem neuesten Spenser-Krimi von Robert B. Parker, keinen Auftritt.

Aber sonst verläuft alles in den gewohnten Bahnen. Auf den ersten Seiten übernimmt der in Boston arbeitende Privatdetektiv Spenser einen neuen Auftrag. Er soll seinen Auftraggeber, Dr. Ashton Prince, zu einer Geldübergabe begleiten. Im Hammond Museum wurde das Gemälde „Dame mit einem Finken“ des im siebzehnten Jahrhundert lebenden Malers Frans Harmenszoon gestohlen und jetzt verlangen die Erpresser Lösegeld für das Bild.

Nachdem Prince den Erpressern das Geld gegeben hat, wird er von einer Bombe zerfetzt. Spenser fühlt sich, weil sein Auftraggeber vor seinen Augen umgebracht wurde, in seiner Berufsehre gekränkt. Er sucht also auf eigene Faust und pro bono den Täter.

Er beginnt in Princes Vergangenheit herumzustochern. Noch bevor er eine erste handfeste Spur hat, wird ein hinterhältiger Anschlag auf ihn verübt. Diese Anschläge bestimmten dann den Rhythmus der Geschichte. Denn Spenser versteckt sich nicht, sondern präsentiert sich ohne Bodyguards den Attentätern, in der Hoffnung über sie an die Bilderdiebe zu gelangen (Total genialer Plan!).

Später entdeckt er eine Verbindung zur seltsamen Herzberg-Stiftung, die Nazi-Beutekunst sucht, etwas mit dem Harmenszoon-Gemälde und Princes Vergangenheit zu tun hat und wahrscheinlich hinter dem Diebstahl und den Anschlägen auf Spenser steckt.

Robert B. Parker starb am 18. Januar 2010 an seinem Schreibtisch und „Trügerisches Bild“ ist eines der letzten Werke des enorm produktiven Schriftstellers. In den siebziger Jahren leitete er mit seinen Spenser-Romanen eine Renaissance des Privatdetektivromans ein. In den folgenden Jahren beeinflusste er zahlreiche jüngere Autoren und viele Elemente des modernen Privatdetektivromans gehen auf ihn zurück. Am bekanntesten dürfte dabei der skrupellose Freund des Helden sein. Für Spenser ist das seit Ewigkeiten Hawk.

In den vergangenen Jahren, nachdem es in den späten Achtzigern und Neunzigern einige sehr schwache Spenser-Romane gab, fand Parker halbwegs zu seiner alten Form zurück. Denn viel zu oft scheint er einfach drauf los zu schreiben und sein Seitenlimit (immer noch um die zweihundert Seiten) mit vielen kurzen Kapiteln („Trügerisches Bild“ besteht aus 67 Kapiteln) und Dialogen zu füllen. Diese lakonischen Dialoge und der unprätentiöse Schreibstil von Robert B. Parker sorgen dann immer wieder für einen vergnüglichen Abend.

Zuletzt die gute Nachricht: „Trügerisches Bild“ ist nicht der letzte Spenser-Roman. In den USA ist für September „Sixkill“, der, wenn man den Young-Spenser-Roman „Chasing the bear“ mitzählt, vierzigste Spenser-Roman angekündigt.

Und das dürfte dann der endgültig letzte Spenser-Roman sein.

Robert B. Parker: Trügerisches Bild
(übersetzt von Frank Böhmert)

Pendragon, 2011

216 Seiten

9,95 Euro

Originalausgabe

Painted Ladies

G. P. Putnam’s Sons, New York 2010

Hinweise

Homepage von Robert B. Parker

Mein Porträt der Spenser-Serie und von Robert B. Parker

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Die blonde Witwe“ (Widow’s walk, 2002)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Alte Wunden” (Back Story, 2003)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der stille Schüler“ (School Days, 2005)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der gute Terrorist“ (Now & Then, 2007)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Hundert Dollar Baby” (Hundred Dollar Baby, 2006)

Mein Nachruf auf Robert B. Parker

Robert B. Parker in der Kriminalakte

Bonus

 


Die lügenden Politiker und ihre Lügen

März 9, 2011

Lassen wir mal den marktschreierischen Titel „Die verlogene Politik – Macht um jeden Preis“ links liegen. Denn taz-Autor Pascal Beucker und Financial-Times-Deutschland-Autorin Anja Krüger schreiben in ihrem Sachbuch in elf Kapiteln wie sich die öffentlichen Reden der Politiker in Talkshows und im Parlament von ihrem Tun und von den Fakten unterscheiden.

Das zeigt sich in der Parteienfinanzierung und den teilweise erstaunlich schnellen Berufswechseln von Politikern in hohe Positionen in Unternehmen (Zyniker würden von Bestechlichkeit sprechen, aber nach dem deutschen Recht ist es für Politiker fast unmöglich, bestechlich zu sein). Einige Politiker können sogar während des Abgeordnetenmandats etliche weitere Vollzeitjobs erledigen. Diese Doppelzüngigkeit zeigt sich auch bei der Förderung von Frauen in den Parteien und der Wirtschaft. Denn auch wenn inzwischen in allen Parteien mehr Frauen in den oberen Rängen sitzen, sind sie, außer bei den Grünen (die heute allerdings auch keine reine Frauenlisten mehr aufstellen würden) in der Minderheit. Das Schlusslicht ist die FDP mit 22,6 Prozent Frauenanteil bei den Mitgliedern.

In anderen Kapiteln nehmen sich Beucker und Krüger die heftig umstrittenen Politikfelder der vergangenen Jahre vor: Gesundheit, Bildung, Arbeitsmarkt, Renten, Steuern, Integration und militärische Auslandseinsätze. Immer haben die Politiker gesagt, dass sie die Systeme retten und zukunftsfähig machen wollen, dass sie den Armen helfen wollen und dass sie die Ungleichheit zwischen Arm und Reich verringern wollten.

Das waren die Sonntagsreden.

Die Wirklichkeit sieht anders aus.

Doch das dürfte niemand, der in den vergangenen Jahren die Medien aufmerksam verfolgte, überraschen. Aber man vergisst vieles so schnell.

Allerdings bleiben die beiden Journalisten in den Kapiteln, die unabhängig voneinander gelesen werden können, bei der Analyse (vulgo dem Sammeln von Fakten) stehen. Sie verzichten auf Vorschläge, wie „die verlogene Politik“ geändert werden kann.

Deshalb liegt Wert des Buches nur in der Gesamtschau und der sauberen Recherche, die immer einen Schlag nach links hat. Denn die Reformen der letzten Jahre werden durchgehend kritisch beurteilt. „Die verlogene Politik“ kann, auch dank der vielen Unterkapitel, als schnelles Nachschlagewerk, Einstieg in vertiefende Lektüre und Argumentationshilfe für den Stammtisch fungieren.

Pascal Beucker/Anja Krüger: Die verlogene Politik – Macht um jeden Preis

Knaur, 2010

304 Seiten

8,99 Euro

Hinweise

Homepage von Pascal Beucker

Stadtrevue: Interview mit Pascal Beucker und Anja Krüger