Der kriminelle Buchherbst- Teil 10: Random Murders, Part Four

Oktober 26, 2009

btb Taschenbuch

November

John Burnside: Die Spur des Teufels (Taschenbuch-Ausgabe)

Maria Emerstam: Mord unter Freunden (Drei Freunde betreiben eine Agentur zum Lösen von Problemen. Als eine ältere Frau sie beauftragen will, ihren Mann umzubringen, lehnen sie ab. Kurz darauf ist der Mann tot und die Agenturbetreiber fragen sich, ob nicht vielleicht jemand von ihnen den Auftrag angenommen hat. – Ist, so der Verlag, etwas für die Noll- und Thiesler-Fangemeinde.)

Andrea Maria Schenkel: Tannöd (Movie-Tie-In – also neues Cover, alter Inhalt)

Dezember

Andrea Fazioli: Am Grund des Sees (Privatdetektiv Contini will herausfinden, wer seinen Vater vor zwanzig Jahren ermordete.)

Katharina Till: Sünde (Eine junge Kunsthistorikerin deckt ein jahrhundertealtes Rätsel auf.)

Januar

Inger Frimansson: Insel der nackten Frauen/Die Skrupellose (zwei Krimis in einem Band)

Anne B. Ragde: Einsiedlerkrebse (Taschenbuch-Ausgabe)

Frank Tallis: Kopflos (Psychoanalytiker und Detektiv Max Liebermann ermittelt)

Februar

Robert Hültner: Der Sommer der Gaukler (Taschenbuch-Ausgabe)

Leif GW Persson: Zweifel (Zwanzig Jahre nach dem Mord an Olof Palme versuchen Polizeichef Johansson und Kommissar Bäckström den Mörder zu finden.)

Helen Tursten: Die Tote im Keller (Taschenbuch-Ausgabe)

April

Inger Frimansson: Die Rattenfängerin („Ein Haus in der schwedischen Einöde, ein Keller voller Ratten – eine Frau, die nicht vergessen kann…“ – Hm, klingt nicht gerade nach Club Med.)

Helene Tursten: Der erste Verdacht/Feuertanz (Zwei Krimis mit Kriminalinspektorin Irene Huss in einem Band)

Hinweis

Der kriminelle Buchherbst – Teil 1: Ein Halleluja für Hollywood (Alexander Verlag, Belleville, Bertz + Fischer, Henschel)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 2: Zurück in die Provinz (Emons, Gmeiner)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 3: Regionale Küche, teils mit ausländischem Einschlag (Edition Nautilus, Grafit, Pendragon)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 4: Gemischte Küche, hauptsächlich aus fremden Gefilden (Edition Phantasia, Liebeskind, Rotbuch, Tropen, Unionsverlag)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 5: Nochmal gemischte Küche (Fischer Verlag)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 6: Hauptsächlich regional, aber mit südamerikanischem Einschlag (Edition Köln, Matthes & Seitz, Verbrecher Verlag)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 7: Random Murders, Part One (Blanvalet)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 8: Random Murders, Part Two (Goldmann Taschenbuch)

Der kriminelle Buchherbst- Teil 9: Random Murders, Part Three (Heyne Taschenbuch)


Erster Eindruck: Jochen Schmidt – Gangster, Opfer Detektive

Oktober 24, 2009

Schmidt - Gangster Opfer Detektive

Während meines Studiums hatte ich fast immer die rote Ullstein-Ausgabe von Jochen Schmidts „Gangster, Opfer, Detektive“ ausgeliehen. Im Buchhandel war sie damals nicht mehr zu bekommen und auch in Antiquariaten entdeckte ich kein Exemplar.

In den vergangenen Jahren war dann immer wieder eine Überarbeitung des Standardwerkes angekündigt worden.

Und jetzt ist es soweit.

Die „überarbeitete, aktualisierte und stark erweiterte Ausgabe“ liegt vor. Während die Ullstein-Ausgabe von 1989 ungefähr 700 Seiten hatte (normales Taschenbuchformat), hat die Neuausgabe bei KBV 1128 Seiten. Aber die Seitenzahl täuscht. Denn gleichzeitig ist die Neuausgabe in einem größeren Format gedruckt. Ich schätze mal, dass die Neuausgabe mindestens den doppelten Umfang hat.

Schmidt selbst schreibt in der Einleitung: „Von den 128 Kapiteln der Neuauflage sind nur etwa 40, also weniger als ein Drittel, gegenüber der Erstauflage unverändert, darunter allerdings auch die theoretischen Eingangskapitel des Buches, die deshalb nicht unbedingt auf dem neuesten Stand der Sekundärliteratur zum Krimi sind. Ein weiteres Drittel des Buches ist aktualisiert, also mehr oder weniger stark bearbeitet. Der Rest ist völlig neu.“

Das ist dann

  1. genug Lesestoff für einige lange Abende

  2. genug Leseanregungen für etliche weitere lange Abende

  3. genug Lesematerial, um sich an der Meinung des Autors zu reiben

Denn Jochen Schmidt formuliert immer noch pointiert seine Meinung, die öfters nicht dem Mainstream der Kritik folgt.

Schmidt konzentriert sich in „Gangster, Opfer, Detektive“ auf die Autoren und Werke, die in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland erhältlich waren. Das erklärt einige Lücken. Auch einige Autoren fehlen. Ad hoc sind mir Harlan Coben, Charlie Huston und Horst Eckert (dafür ist Frank Göhre ein Kapitel gewidmet) aufgefallen. Aber bei dem Umfang sind sie verzeihlich. Auch dass nicht alle Bibliographien auf dem neuesten Stand sind. Spontan ist mir das bei James Lee Burke (der letzte Robicheaux ist nicht „Last Car to Elysian Fields“), Norbert Horst, Andrea Maria Schenkel und David Peace (der im Namensverzeichnis fehlt) aufgefallen.

Weniger verzeihlich sind dagegen einige Tippfehler im Inhaltsverzeichnis (Im Text gibt es weitere.). Mir fielen sofort „Kinky Friedmant“ und „Garry Dishers Wyett“ auf. Das sollte unbedingt in der nächsten Auflage geändert werden. Ebenso sollte die derzeit sehr karge Bibliographie am Ende von „Gangster, Opfer, Detektive“ um aktuelle Werke und natürlich Internetadressen (die derzeit vollkommen fehlen) ergänzt werden. Denn hier könnte der erste Eindruck zu einem Nicht-Kauf führen.

Und das wäre ein schwerer Fehler.

Daher, nach einem flüchtigen Durchblättern, gibt es schon mal eine dicke Kaufempfehlung. Und wenn der Geldbeutel einen Kauf nicht zulässt, gibt es den weihnachtlichen Wunschzettel.

Jochen Schmidt: Gangster, Opfer, Detektive – Eine Typengeschichte des Kriminalromans

KBV Krimi, 2009

1128 Seiten

43,90 Euro


„100 Bullets“ beginnt mit dem Endspurt

Oktober 22, 2009

Azzarello - Risso - 100 Bullets 10

Mit einer einfachen Prämisse fing vor zehn Jahren die von Autor Brian Azzarello und Zeichner Eduardo Risso erfundene Noir-Serie „100 Bullets“ an: ein Mann kommt mit einem Koffer. In dem Koffer ist eine Pistole, hundert Kugeln die nicht zurück verfolgt werden können und der Beweis für die bislang ungesühnten Schandtaten eines Menschen gegenüber dem Empfänger des Koffers.

In den ersten Heften erzählten Azzarello und Risso noch voneinander unabhängige Geschichten, in denen das moralische Dilemma des Empfängers thematisiert wurde. Doch schon schnell tauchte eine zweite Geschichte auf. Denn der Bote, der sich Agent Graves nennt, hat eine eigene Agenda und er befindet sich mit einer seltsamen Organisation, die sich Trust nennt, im Kampf. Dieser Trust hat anscheinend versucht Graves und die von ihm angeführten Minutemen, so eine Art Special Forces ohne Regierungsauftrag, zu vernichten.

Diese Geschichte des Trust wurde in den folgenden Bänden immer wichtiger und jetzt, in dem zehnten Sammelband (der die Hefte 68 bis 75 enthält) der auf hundert Hefte angelegten Serie „100 Bullets“, nähert sich der Kampf zwischen Graves, den Minutemen und dem Trust (der am einfachsten als traditionell strukturierte Mafia beschrieben werden kann) langsam seinem Höhepunkt. Denn immer mehr Minutemen werden aus ihrem Schlaf geweckt.

Nachdem bereits in den vergangenen Heften die Geschichte immer verwickelter wurde, es immer mehr Verrat und Gegenverrat, manchmal auch Gegen-Gegenverrat, gab, frühere Nebencharaktere wichtiger wurden, Hauptcharaktere starben und so die Fronten zwischen den verschiedenen verfeindeten Parteien immer undurchsichtiger wurden, wird auch in „Dekadent“ nur wenig über die wahren Pläne der Hauptcharaktere enthüllt.

Gleichzeitig springen Brian Azzarello und Eduardo Risso auf den ersten Blick wild zwischen den verschiedenen Erzählsträngen, und zwischen Gegenwart und Vergangenheit, hin und her und liefern nur Bruchstücke, die erst im Kopf des Leser zu einer Geschichte werden und ohne die Kenntnis der vorherigen „100 Bullets“-Geschichten kaum noch verständlich sind.

Als davon unabhängige Geschichte (soweit zu diesem Zeitpunkt im „100 Bullets“-Kosmos noch davon gesprochen werden kann) gibt es in „Dekadent“ die Geschichte Brüder Rome. Der Ältere ist ein gehobener Laufbursche für eine Clevelander Unterweltgröße. Er versucht seinen jüngeren Bruder, der aus der Fleischerei des Gangster Fleisch stiehlt, zu beschützen. Eines Tages besucht Agent Graves ihn und die Dinge nehmen, nun, einen anderen tödlichen Verlauf.

Denn in dem Noir-Kosmos von Azzarello/Risso gibt es keine Hoffnung und keine einfache Flucht vor der Frage, was mit dem Geschenk von Agent Graves gemacht wird.

Schön, dass du der Typ Henkersmahlzeit bist.“.

(Brian Azzarello)

Brian Azzarello/Eduardo Risso: 100 Bullets – Dekadent (Band 10)

(übersetzt von Claudia Fliege)

Panini Comics/Vertigo 2009

196 Seiten

24,95 Euro

Originaltitel

100 Bullets: Decayed (Issue 68 – 75)

DC Comics 2006

enthält die Geschichten

Sleep, Walker (Halbschlaf, Haft 68 – 69)

A Wake (Leichenschmaus, Heft 70 – 74)

Amorality Play (Sein oder Nicht sein, Heft 75)

Hinweise

Wikipedia über „100 Bullets“ (deutsch, englisch)

Britische Fanseite zu „100 Bullets“

News A Rama: Interview mit Brian Azzarello (Oktober 2006)

UGO: Interview mit Brian Azzarello (circa 2006)

Comics Bulletin: Interview mit Brian Azzarello (circa 2006/2007)

EMF: Interview mit Marcello Frusin (29. Februar 2008)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “Jonny Double” (Jonny Double, 2002)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Marcello Frusins “Loveless 1 – Blutrache” (Loveless: A Kin’ of Homecoming, 2006)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Marcello Frusins „Loveless 2 – Begraben in Blackwater“ (Loveless: Thicker than Blackwater, 2007)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “100 Bullets 3 – Alle guten Dinge” (100 Bullets: Hang up on the Hang Low, 2001)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets 5 – Du sollst nicht töten“ (100 Bullets Vol. 5: The Counterfifth Detective, 2002)


Quarrys letzter und erster Auftrag

Oktober 21, 2009

Collins - Der letzte QuarryCollins - The first Quarry

Ich bin niemand, der an Schlaflosigkeit leidet. Man könnte meinen, vom Leuteumbringen würde man Albträume kriegen. Doch die Wahrheit ist: Typen in der Profikillerbranche geht das am Arsch vorbei.

Ich war da keine Ausnahme. Ich war nicht in den Ruhestand gegangen, weil mich das Gewissen plagte. Ich hatte mich zurückgezogen, weil ich genug Geld auf der hohen Kante hatte, um bequem leben zu können, ohne arbeiten zu müssen. Und eine Zeitlang lief es gut mit dem Ruhestand.

Max Allan Collins: Der letzte Quarry

Das erzählt uns der Berufskiller Quarry auf der ersten Seite von „Der letzte Quarry“. Der Krimi erschien vor wenigen Tagen auf Deutsch. In den USA erschien seitdem „The first Quarry“ und demnächst „Quarry in the middle“. Die seltsamen Titel sind eine kleine Spielerei von Max Allan Collins. In „Der letzte Quarry“ schildert er den letzten Einsatz des Berufskillers; in „The first Quarry“ seinen ersten und in „Quarry in the middle“ einen Auftrag, den er zwischen seinem ersten und letzten Mordauftrag erfüllte.

Dieser Quarry war, neben dem Profieinbrecher Nolan, einer der ersten Seriencharaktere von Max Allan Collins. In den Siebzigern schrieb er vier Quarry-Romane, in den Achtzigern einen weiteren und später auch einige Kurzgeschichten. Aus einer, „A Matter of Principal“, entwickelte sich dann, wie Collins in dem lesenswerten Nachwort zu „Der letzte Quarry“ schreibt, zuerst Jeffrey Goodmans Kurzfilm „A Matter of Principal“ und später auch Goodmans Spielfilm „The last Lullaby“ und der Roman „Der letzte Quarry“.

Quarry hat sich am Anfang von „Der letzte Quarry“ als Manager einer Ferienanlage schon zur Ruhe gesetzt. Aber jetzt im Winter hat er nichts zu tun, langweilt sich und sieht eines Nachts in einem Tankstellen-Supermarkt einen Killer, den er von früher kennt. Er verfolgt ihn, kann die entführte Tochter des Medienmoguls Jonah Green befreien und ist danach um 100.000 Dollar reicher. Einige Monate später bietet Green ihm eine Viertelmillion Dollar, wenn er die junge Kleinstadtbibliothekarin Janet Wright umbringt.

Quarry nimmt den Auftrag an. Noch während er sie ausspioniert, fragt er sich, warum er eine so offensichtlich harmlose und unbedeutende Person umbringen soll.

Die gleiche Frage stellte Quarry sich 1970 bei seinem ersten Auftrag. Er hat seinen Vietnameinsatz glücklich überlebt, den Liebhaber seiner Frau umgebracht und fragt sich, was er mit seinen Fähigkeiten machen soll. Da bietet der Broker ihm an, für ihn als freiberuflicher Killer zu arbeiten: „How would you like to make real money at home doing what you did for almost no money overseas?“

Quarry ist einverstanden. Sein erster Auftrag ist die Ermordung des Universitätsprofessors Byron und die Vernichtung eines Manuskripts. Quarry quartiert sich in der gegenüberliegenden Wohnung ein und, dank des ausufernden Liebesleben des Professors, wird der einfache Auftrag schnell zu einer ziemlich komplizierten und leichenhaltigen Sache.

The first Quarry“ beginnt zwar gemütlich. Denn zuerst rekrutiert der Broker seinen neuen Mann. In der Unistadt beschränkt Quarry sich anfangs auf das Observieren seines Zieles. Bis dann die ersten Konflikte auftauchen und der zukünftige Profikiller einerseits in die schon bestehenden Konflikte zwischen dem Professor und seinen Frauen verwickelt wird und er andererseits einige neue Entwicklungen anstößt, die später auf ihr tödlich-fatales Ende zusteuern, dauert es schon einige Lesezeit. Aber das schwarzhumorige Ende, in dem Quarry dem Broker zeigt, was er gelernt hat und wie er Probleme beseitigt, entschädigt vollkommen für den langsamen Beginn.

In „Der letzte Quarry“ kommt Max Allan Collins dagegen wesentlich schneller zu Sache.

Davon abgesehen ist „Der letzte Quarry“ wie „The first Quarry“ eine kurze, düstere Geschichte aus dem Leben eines Profikillers, die mit überraschenden Wendungen aufwartet.

Hinweis: Auf der Bouchercon sagte Max Allan Collins, dass er gerade seinen neuen Nate-Heller-Roman „Bye Bye Baby“ beendet hat. Dieses Mal muss Privatdetektiv Heller den Mord an Marilyn Monroe aufklären. In den USA erscheint der Roman wahrscheinlich in einem Jahr.

Max Allan Collins: Der letzte Quarry

(übersetzt von Maike Stein)

Rotbuch/Hard Case Crime 2009

192 Seiten

9,90 Euro

Originalausgabe

Max Allan Collins: The last Quarry

Hard Case Crime, 2006

Max Allan Collins: The first Quarry

Hard Case Crime, 2008

208 Seiten

6.99 US-$ (circa 6 Euro)

Verfilmung

The last Lullaby (USA 2008)

Regie: Jeffrey Goodman

Drehbuch: Peter Biegen, Max Allan Collins

LV: Max Allan Collins: The last Quarry, 2006

mit Tom Sizemore, Sasha Alexander, Sprague Grayden, Bill Smitrovich

Hinweise

Homepage von Max Allan Collins

Meine Besprechung von Max Allan Collins‘ „Two for the Money“ (2004)

Meine Besprechung von Max Allan Collins‘ „The last Quarry“ (2006)

Meine Besprechung von Max Allan Collins‘ „Bones – Die Knochenjägerin: Tief begraben“ (Bones: Buried deep, 2006)

Meine Besprechung von Max Allan Collins‘ „CSI – Crime Scene Investigation: Im Profil des Todes“ (CSI: Crime Scene Investigation – Snake Eyes, 2006)

Meine Besprechung von Max Allan Collins‘ „CSI: NY – Blutiger Mond (Bloody Murder, 2006)

Meine Besprechung von Max Allan Collins‘ „CSI – Das Dämonenhaus“ (Demon House, 2004)

Meine Besprechung von Max Allan Collins‘ „CSI: Crime Scene Investigation – Die Last der Beweise“ (CSI: Crime Scene Investigation – Body of Evidence, 2003)

Max Allan Collins in der Kriminalakte


Ein kurzes Gespräch mit Hejo Emons über die neue „Tatort“-Reihe

Oktober 14, 2009

Als ich das Emons-Herbstprogamm durchblätterte, entdeckte ich die Ankündigung für einige „Tatort“-Romane. Ich freute mich, nachdem es in den vergangenen Jahren zu ausgestrahlten „Tatorten“ keine Romane mehr gab, und ich durchaus ein Fan von Filmromanen bin, auf die Romanversionen einiger neuer „Tatorte“.
Als ich vor wenigen Tagen die Romane in den Händen hielt, war ich begeistert. Das Layout ist ansprechend. Nebeneinander liegend oder, später im Regal stehend, sehen die sechs Bücher schon wie eine richtig kleine Reihe aus. Das erste reinlesen verstärkte meinen positiven Eindruck.
Also griff ich zum Telefonhörer und unterhielt mich mit dem Verleger Hermann-Josef Emons (sein Verlag feiert dieses Jahr sein 25-jähriges Bestehen) über die neue Buchreihe.
Schüller - Die Blume des BösenWachlin - Blinder Glaube

Die ersten sechs Romane sind „Die Blumen des Bösen“ mit den Kommissaren Max Ballauf und Freddy Schenk, „Blinder Glaube“ mit den Kommissaren Till Ritter und Felix Stark, „Todesstrafe“ mit den Kommissaren Eva Saalfeld und Andreas Keppler, „Aus der Traum…“ mit den Kommissaren Franz Kappl und Stefan Deininger, „A gmahde Wiesn“ mit den Kommissaren Franz Leitmayr und Ivo Batic und „Strahlende Zukunft“ mit den Kommissaren Inga Lürsen und Nils Stedefreund. Das ist eine bunte Auswahl der aktuellen Ermittler, von denen einige schon etliche Ermittlerjahre auf dem Buckel haben; andere neu im „Tatort“-Dienst sind und für die Romanfassungen wurden auch die Einstandsfälle der Neulinge genommen. Die meisten Fälle waren allerdings hinsichtlich der Quote, der öffentlichen Aufmerksamkeit und gewonnener Preise keine besonderen „Tatorte“. Auch prominente Ermittler, wie Borowski, Lindholm, Odenthal, Dellwo/Sänger und Thiel/Boerne fehlen.
„Die Auswahl der ersten sechs Bücher erfolgte mit dem WDR“, so Hejo Emons. „Die Romane sollten den normalen Durchschnitt abbilden. Außerdem sollten die verschiedenen Regionen abgebildet werden.“ Damit folgt die Buchreihe dem aus dem Fernsehen seit fast vier Jahrzehnten vertrauten Konzept, nach dem die Fälle in verschiedenen deutschen Städten spielen. Bei einigen „Tatorten“ gab es auch Probleme mit den Rechten für die Drehbücher.
Der Name des Drehbuchautors (wobei eine breitere Öffentlichkeit wahrscheinlich nur Friedrich Ani, Fred Breinersdorfer und Mario Giordano [„Das Experiment“ – und weil ich jetzt seinen bekanntesten Roman ohne lange Nachzudenken nenne, halte ich ihn doch nicht für so bekannt]) war kein Kriterium für die Entscheidung. Obwohl, so Emons, Ani bei ihnen als Krimiautor angefangen und später mehrere „Tatorte“ geschrieben habe. Die Zusammenarbeit mit ihm war immer angenehm gewesen. „Bei Friedrich Ani hat der Name sicher eine Rolle gespielt“, so Emons.
Die Drehbuchautoren wurden gefragt, ob sie eine Romanversion ihres Drehbuch schreiben wollten. Teils wegen Zeitmangel, teils auch, weil sie sich nach mehreren Jahren nicht wieder mit der gleichen Geschichte beschäftigen wollten, sagten sie ab.
Dann wurden Autoren gefragt, die bereits bei Emons Bücher veröffentlicht hatten. Diese konnten für ihre Arbeit vor allem auf die Drehbücher und die Filme, die sich mehr oder weniger von den Drehbüchern unterscheiden, zurückgreifen. Allerdings mussten sie für die Romanfassung Teile hinzuerfinden und Lücken in der Filmstory schließen. In einem Film kann leichter über kleinere logische Löcher hinweggegangen werden. Es kann mit der Zeit, die für die Fahrt von einem zu einem anderen Ort nötig ist, geschummelt werden. Und nicht alle Film-Locations finden sich in der Realität wieder (Mir ist vor allem bei den Konstanzer Tatorten aufgefallen, dass da öfters Verfolgungsjagden in der Realität so nicht möglich sind.)

Ernst - Strahlende ZukunftConrath - Aus der Traum
Daher betont Emons während des Gesprächs auch mehrmals, dass die „Tatort“-Romane keine schnell geschriebenen „Romane zum Film“, die von den Autoren während der Dreharbeiten in einem Wettlauf gegen die Zeit geschrieben werden, sondern eigenständige Romane seien, die auch ohne die Filme bestehen könnten. Dennoch schrieben die Autoren ziemlich schnell. Sie lieferten die Manuskripte nach zwei bis drei Monaten ab. Insgesamt verging, wie Emons im Rückblick leicht erstaunt bemerkt, zwischen den ersten Gesprächen mit dem WDR (der Ansprechpartner für die Vermarktung war) und der Veröffentlichung nur ein Jahr.
Das ist, angesichts der langen Entscheidungswege im Fernsehen und weil es bis jetzt so eine Reihe noch nicht gab, sehr kurz. Denn frühere Veröffentlichungen von „Tatort“-Romanen, wie die Trimmel-Romane von Friedhelm Werremeier oder „Reifezeugnis“ von Herbert Lichtenfeld, erfolgten als Teil der bereits etablierten Krimireihen eines Verlages (oft rororo thriller). Manchmal erschien  zuerst der Roman, manchmal zuerst der Film, manchmal – vor allem bei Werremeier – beides fast gleichzeitig. In den Achtzigern gab es dann nur noch die Schimanski-Romane bei Heyne und vor elf Jahren einige atemberaubend schnell verramschte „Tatort“-Romane bei Weltbild, die ein Mix aus Neuauflagen und neuen Romanfassungen waren. In den vergangenen Jahren schrieb nur noch der enorm produktive Felix Huby Romane und Drehbücher mit seinem Kommissar Bienzle. Angesichts der vielen, auch renommierten Autoren, die in den vergangenen Jahrzehnten für die Serie Drehbücher schrieben, ist das eine erstaunlich karge Ausbeute.
Die ersten Reaktionen seien, so Emons, alle positiv. So wurde zum Münchner Oktoberfest-„Tatort“ „A gmahde Wiesn“ gesagt: „Wir wussten gar nicht, was für einen guten Film wir hatten.“

Wachlin - TodesstrafeSchüller - A gmahde Wiesn

Im Frühjahr 2010 erscheint bei Emons die zweite Ladung von „Tatort“-Romanen. Die Titel konnte Hejo Emons noch nicht verraten.
Aber es soll einen „Tatort“ aus Niedersachsen und einen aus Münster geben. Gerade die Romanfassung eines Münsteraner „Tatorts“ dürfte für den Autor eine harte Nuss sein. Als Comedy funktionieren die absurd-abstrusen Fälle prächtig. Für den Roman muss das komödiantische aus dem Film (wozu auch das Spiel von Jan Josef Liefers und Axel Prahl gehört) in das Buch übertragen werden und der Fall, der im Film noch nicht einmal die zweite Geige spielt, muss einem Minimum an Logik gehorchen.
Im Wesentlichen möchte Emons mit den künftigen „Tatort“-Romanen näher an den Ausstrahlungstermin heranrücken. Weitere Pläne hat er noch nicht. Erst will er wissen, wie die Leser auf die Romane reagieren.
Die Marktchancen hält er für ziemlich gut. „Der letzte Kölner-Tatort ‚Platt gemacht‘ hatte neuneinhalb Millionen Zuschauer. Wenn davon zehn Prozent, oder sogar nur ein Prozent, die Romane kaufen, bin ich froh.“
Dazu dürfte auch der Preis und das klassische Taschenbuchformat beitragen. Sie können bequem mitgenommen und in einem Rutsch gelesen werden.
Und, wenn wir einen Blick nach Amerika werfen, sehen wir, dass dort Movie-Tie-Ins regelmäßig auf Bestsellerlisten stehen.
Vielleicht steht demnächst ein „Tatort“-Krimi auf der Spiegel-Bestsellerliste.

Die ersten sechs „Tatort“-Romane
Martin Conrath: Aus der Traum (nach dem Tatort-Krimi von Fred und Léonie Breinersdorfer, mit Frank Kappl und Stefan Deininger)
Christoph Ernst: Strahlende Zukunft (nach dem Tatort-Krimi von Christian Jeltsch, mit Inga Lürsen und Nils Stedefreund)
Martin Schüller: Die Blume des Bösen (nach dem Tatort-Krimi von Thomas Stiller, mit Max Ballauf und Freddy Schenk)
Martin Schüller: A gmahde Wiesn (nach dem Tatort-Krimi von Friedrich Ani, mit Franz Leitmayr und Ivo Batic)
Oliver Wachlin: Blinder Glaube (nach dem Tatort-Krimi von Andreas Pflüger, mit Till Ritter und Felix Stark)
Oliver Wachlin: Todesstrafe (nach dem Tatort-Krimi von Mario Giordano und Andreas Schlüter, mit Eva Saalfeld und Andreas Keppler)
alle zwischen 160 und 176 Seiten
jeweils 8,95 Euro

Hinweise
Tatort-Seite des Emons-Verlages
ARD über den „Tatort“
Tatort-Fundus (alles was das Herz begehrt)

Tatort-Fans (noch spartanisch)

Fernsehserien über „Tatort“

Wikipedia über „Tatort“


Jack Tayler steigt ein

Oktober 13, 2009

Bruen - Jack Taylor fliegt rausBruen - Sanctuary

Wann hat ein Privatdetektiv ein Verbrechen aufgeklärt?

Noch nie!“

Ed McBain

Auf den ersten vier Seiten ist Jack Taylor noch ein Polizist mit einem Alkoholproblem und einem unbeherrschten Temperament. Dann haut er einem Finanzministerialdirigenten auf’s Maul und „Jack Taylor fliegt raus“. Danach arbeitetet er in Galway als billiger Privatdetektiv, säuft weiter und liest wie blöde. Deshalb vergehen in Ken Bruens erstem Jack-Taylor-Roman auch nur wenige Seiten ohne eine literarische Anspielung oder etwas Namedropping.

Zwischen dem Lesen und Trinken versucht Jack Taylor einen Fall zu lösen. Sarah Hendersons Mutter glaubt nicht an einen Selbstmord. Deshalb soll er soll herausfinden, wer ihre sechzehnjährige Tochter ermordete.

Im Angloamerikanischen Raum hatte Ken Bruen mit „Jack Taylor fliegt raus“ (The Guards) nach mehreren Krimis seinen Durchbruch. „The Guards“ erhielt 2004 den Shamus als bester Privatdetektivroman des Jahres und einige weitere Nominierungen. Seitdem erscheint Bruens Name regelmäßig auf den verschiedenen Nominierungs- und Preisträgerlisten der Krimiszene. Kollegen loben ihn und seine Werke. Die Filmrechte für mehrere Romane sind verkauft. Im Moment werden „London Boulevard“ und „Blitz“, beide hochkarätig besetzt, verfilmt.

Aber ins Deutsche wurden in den vergangenen elf Jahren seine Werke, abgesehen von den zusammen mit Jason Starr geschriebenen Hard-Case-Crime-Büchern, nicht mehr übersetzt. Auch die jetzige Veröffentlichung des bereits 2001 erschienen „The Guards“ ist keine deutsche, sondern eine schweizer Veröffentlichung. Aber dafür hat Harry Rowohlt das Buch übersetzt und wer das Original nicht kennt, kann mit der Übersetzung zufrieden sein.

(Das ist wahrscheinlich das Problem jeder Übersetzung. Wenn einem das Original gefällt, ist die Übersetzung immer nur zweite Wahl. Und Bruen hat einen rasant, lakonisch, schwarzhumorigen Stil, der nur schwer übersetzt werden kann.)

I limped down the road, ready to kill some bastard, adjusted my hearing aid, then turned it off. I’d heard enough for one day.

Hearing aid, limp, you’re wondering what kind of shape I was in?

Take a wild guess.

Ken Bruen, Sanctuary

In Irland erschienen nach „Jack Taylor fliegt raus“ sechs weitere Jack-Taylor-Romane, die am besten chronologisch gelesen werden. Einerseits bezieht Bruen sich immer wieder auf die vorherigen Taylor-Romane, andererseits – und das ist der wichtigere Grund – entwickelt sich Jack Taylor weiter. Er trägt seelische Wunden von den Fällen davon. Er muss sich für seine Taten verantworten. Er hat Schuldgefühle. Er versucht mit seinem Alkoholismus und auch seiner Drogensucht zurecht zu kommen. Er hat eine Beziehung, die in die Brüche geht. Und er wird langsam taub.

In „Sanctuary“, dem bislang letzten Taylor-Roman, erhält er einen von einem Benedictus unterschriebenen Brief, in dem der Unterzeichner die Morde an zwei Polizisten, einer Nonne, einem Richter und einem Kind ankündigt. Superintendent Clancy, Taylors Vertrauter und Intimfeind bei der Polizei, hält den Brief für einen Scherz.

Nach den ersten Morden, die auch eine Verkettung unglücklicher Zufälle sein können, beginnt Taylor mit der ihm eigenen Sturheit diesen Benedictus zu suchen. Dabei erfährt er, dass der Mörder ihm diesen und weitere Briefe schreibt, weil er Taylor für eine vergangene Tat bestrafen will.

Nachdem in einigen vorherigen Taylor-Romanen Taylors desolates Leben im Zentrum stand und der Krimiplot zur Nebensache wurde, konzentriert Ken Bruen sich in „Sanctuary“ wieder stärker auf den Krimiplot und im Gegensatz zu den vorherigen Taylor-Krimis gibt es dieses Mal fast kein literarisches Namedropping. Dafür werden viele Ereignisse aus den vorherigen Taylor-Romanen erwähnt und einiges erscheint jetzt in einem anderen Licht.

Sanctuary“ ist eine würdige Fortsetzung einer der derzeit aufregendsten Privatdetektivserien und „Jack Taylor fliegt raus“ ist ein spannender Einstieg in Bruens Welt.

Harry Rowohlt übersetzt gerade den zweiten Taylor-Roman „The Killing of the Tinkers“.

Ken Bruen: Jack Taylor fliegt raus

(übersetzt von Harry Rowohlt)

Atrium Verlag, 2009

304 Seiten

16 Euro

Originalausgabe

The Guards

Brandon, 2001

Ken Bruen: Sanctuary

Transworld Ireland, 2008

224 Seiten

7,99 Pfund (Transworld-Ireland-Taschenbuch-Ausgabe 2009, circa 10 Euro)

Die Jack-Taylor-Romane

1. Jack Taylor fliegt raus (The Guards, 2001)

2. The Killing of the Tinkers (2002)

3. The Magdalen Martyrs (2003)

4. The Dramatist (2004)

5. Priest (2006)

6. Cross (2007)

7. Sanctuary (2008)

Hinweise

Homepage von Ken Bruen

Thrilling Detective über Jack Taylor

Meine Besprechung der Jack-Taylor-Reihe

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Flop“ (Bust, 2006)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Crack“ (Slide, 2007)

Ken Bruen in der Kriminalakte


Der kriminelle Buchherbst – Teil 9: Random Murders, Part Three

Oktober 9, 2009

Heyne Taschenbuch

November

David Benioff: 25 Stunden (die Vorlage für den gleichnamigen Spike-Lee-Film mit Edward Norton)

C. J. Box: Todeszone (Wildhüter Joe Pickett soll im Yellowstone Park das perfekte Verbrechen aufklären.)

Meg Gardiner: Gefürchtet (ein Unbekannter hat die Identität von Evan Delaney gestohlen)

Susanne Graf: Der Bildermacher (Künstler Broski wird ermordet und die Kommissare Carmen Henning und Albert Schneider haben ihren ersten gemeinsamen Fall.)

Jan Guillou: Der Kreuzritter – Rückkehr (ist ein historischer Roman)

Kim Harrison: Blutnacht (Vampirjägerin Rachel Morgan schlägt wieder zu.)

Mary & Caroll Higgins Clark: Der Weihnachtsdieb (ein, ähem, Weihnachtskrimi)

Charlie Huston: Das Clean Team (der neue Roman des Schöpfers von Hank Thompson und Joe Pitt – und vielleicht auch der Beginn einer neuen Serie)

John Niven: Coma (der Autor von „Kill your Friends“ schlägt wieder bei Heyne Hardcore zu)

Anne Perry: Der Weihnachtsfluch (ihr neuer Weihnachtskrimi)

Dezember

Caleb Carr: Das Blut der Schande (Taschenbuch-Ausgabe seines Sherlock-Holmes-Krimis)

Claude Cueni: Gehet hin und tötet (Taschenbuch-Ausgabe)

William Gibson: Die Neuromancer-Trilogie (Wer’s noch nicht hat oder an gute Freunde verliehen hat.)

Tracy Gilpin: Schatten der Lüge (Privatdetektivin Dunai Marks ermittelt wieder in Kaptstadt. Dieses Mal soll sie zwei verschwundene Kinder finden.)

John Grisham: Berufung (Taschenbuch-Ausgabe)

Michael Katz Krefeld: Die Anatomie des Todes (ist noch ein Krimi aus Norwegen)

Jack Ketchum: Wahnsinn (Liddy hat einen gewalttätigen Sadisten geheiratet. Irgendwann beginnt sie sich zu wehren.)

Manfred H. Krämer: Der Kardinal von Auerbach (Taschenbuch-Ausgabe des zweiten Bergstraßen-Krimis)

Robert Ludlum/Philip Shelby: Der Cassandra-Plan (erster Thriller der Covert-One-Serie)

Jennifer Rardin: Ein Quantum Blut (heißt der dritte Auftritt von CIA-Agentin Jaz Parks. Ist wohl irgendwie „James Bond meets Dracula“)

Victoria Schlederer: Des Teufels Maskerade (Das Bureau für Okkulte Angelegenheiten ermittelt 1909 in Prag)

Christian Schoenborn: Operation Ismael (Islamistische Terroristen toben sich in Deutschland aus. Gut, dass Antiterror-Experte Deek Miller sie jagt. – Die Verfilmung heißt wohl „Gott will es“)

Charles Todd: Kalt wie Stein (Francesca Hatton will wissen, ob ihr Großvater ein Mörder war.)

Jan Costin Wagner (Hrsg.): 13 Morde hat das Jahr (Kurzkrimis von Robert Hültner, Karr & Wehner, Udo Wachtveitl, Robert Brack, dem Herausgeber und anderen)

Januar

Max Bronski: Sister Sox (Taschenbuch-Ausgabe eines Kommissar-Gossec-Krimis)

Mary Higgins Clark: Warte, bis du schläfst (Taschenbuch-Ausgabe)

Richard Laymon: Der Ripper (Laymons Roman über Jack the Ripper)

Nicholas Lessing: Und stehe auf von den Toten (Rom 1701: Ein Mädchen verschwindet. „Wunderdektiv“ Prospero sucht sie.)

James Mollison: Escobar – Der Drogenbaron (Heyne Hardcore, Sachbuch über Pablo Escobar mit über 350 bislang unveröffentlichten Fotos)

Marion Pauw: Blutige Asche (in Amsterdam: Ist Ray ein Mörder? Seine Anwältin glaubt das nicht.)

George D. Shuman: Blinde Angst (Sherry Moore kämpft gegen eine international operierende Menschenhändlerbande.)

Scott Sigler: Virulent (Zweiter Roman des Autors von „Infiziert“.)

Alexandra von Grote: Der letzte Walzer in Paris (Ein Fall für Kommisar LaBréa)

Februar

Massimo Carlotto: Die dunkle Unermesslichkeit des Todes (Taschenbuch-Ausgabe)

Alan Guthrie: Post Mortem (Taschenbuch-Ausgabe – Cover sieht verdammt gut aus.)

Robert Harris: Ghost (ist die Vorlage für den neuen Roman-Polanski-Film mit Pierce Brosnan und Ewan McGregor)

Henrike Heiland: Von wegen Traummann (Nö, kein Krimi, sondern ein humorvoller Roman über den Kampf der Geschlechter)

Matt Hilton: Der Knochensammler (ist ein grausamer Serienmörder. Joe Hunter jagt ihn.)

Simon Kernick: Todesangst (Du wachst in einem Alptraum auf…)

Jonathan Maberry: Patient Null („Die Nacht der lebenden Toten meets Michael Crichton“ verspricht der Verlag. Klingt gut.)

Alexander McCall Smith: Schottische Katzen kennen den Weg (Taschenbuch-Ausgabe eines Miss-Isabel-Krimis)

James McGee: Das Höllenschiff (Historischer Kriminalroman: London, während der napoleonischen Kriege: Sonderermittler Hawkwood jagt eine Verbrecherbande.)

Sergeij Minajew: Seelenkalt (Porträt eines moskauer Topmanagers, der mit Clubbing, Drogen, Alkohol und Sex der Sinnlosigkeit seines Lebens entkommen möchte.)

John Scalzi: Agent der Sterne (Science Fiction und Satire, denn der titelgebende Agent ist ein Hollywood-Agent und er soll den Menschen hässliche Aliens als künftige Mitwohner schmackhaft machen.)

Georg Schramm: Lassen Sie es mich so sagen… (Dombrowski deutet die Zeichen der Zeit, Taschenbuch-Ausgabe)

März

Colin Forbes: Todeskette (Taschenbuch-Ausgabe eines Thrillers mit Spezialagent Tweed)

John Leake: Der Mann aus dem Fegefeuer – Das Doppelleben des Serienkillers Jack Unterweger (Taschenbuch-Ausgabe)

Michael Morley: Viper (Taschenbuch-Ausgabe)

Kathy Reichs: Der Tod kommt wie gerufen (Taschenbuch-Ausgabe)

James Sallis: Deine Augen hat der Tod (Taschenbuch-Ausgabe)

Kevin Wignall: Die letzte Wahrheit (nominiert für den Edgar und Barry)

April

Scott Bakker: Neuropath (Medizinthriller)

Vince Flynn: Der Gegenschlag (Agent Mitch Rapp jagt wieder einmal Terroristen.)

Richard Laymon: Der Pfahl (ein Horrorautor entdeckt eine mumifizierte Leiche mit einem Holzpfahl im Herzen. Er beginnt herumzuexperiementieren.)

Duane Louis: Schnelle Beute (Swierzynskis Roman war für den Gumshoe Award nominiert)

Jeff Povey: Der Club der Serienkiller (ist natürlich eine schwarze Komödie für nette Menschen, die gerade auf Dexter-Entzug sind.)

Jon Ronson: Durch die Wand (Taschenbuch-Ausgabe einer satirischen Abrechnung mit geheimen US-Militärexperimenten.)

Detlef Tiegel: Achtung Abzocke! (Wie Callcenter mit unseren Daten Millionen verdienen – Bericht eines Insiders)

Hinweis

Der kriminelle Buchherbst – Teil 1: Ein Halleluja für Hollywood (Alexander Verlag, Belleville, Bertz + Fischer, Henschel)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 2: Zurück in die Provinz (Emons, Gmeiner)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 3: Regionale Küche, teils mit ausländischem Einschlag (Edition Nautilus, Grafit, Pendragon)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 4: Gemischte Küche, hauptsächlich aus fremden Gefilden (Edition Phantasia, Liebeskind, Rotbuch, Tropen, Unionsverlag)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 5: Nochmal gemischte Küche (Fischer Verlag)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 6: Hauptsächlich regional, aber mit südamerikanischem Einschlag (Edition Köln, Matthes & Seitz, Verbrecher Verlag)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 7: Random Murders, Part One (Blanvalet)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 8: Random Murders, Part Two (Goldmann Taschenbuch)


„Kalter Main“: Frau Ribas liest an der Spree

Oktober 7, 2009

Ribas - Kalter Main

Die Leiche wird bereits auf der ersten Seite gefunden und wenige Seiten später ist die Kommissarin – sie musste noch einen anderen Fall aufklären – am Tatort. Es schüttet. Der Main steigt. Die Kriminaltechniker müssen schnell die Spuren sichern.

Die Identität des Toten kann, dank einer Vermisstenanzeige, schnell geklärt werden. Es ist der vermögende, katholische, in der spanischen Gemeinde angesehene Marcelino Soto. Er wurde, wahrscheinlich im Sitzen oder von einem viel größere Menschen, hinterrücks erstochen und dann in den Fluss geworfen. Für Kommissarin Cornelia Weber-Tejedor und ihre beiden Kollegen sollten die Ermittlungen jetzt beginnen. Sie sollten versuchen herauszufinden, wo Soto in den Main geworfen wurde, was er in den Stunden vor seinem Tod gemacht hat und wer ein Motiv hatte, ihn zu ermorden.

Sollte.

Denn nach einem Einstieg, wie wir ihn täglich in einem amerikanischen Krimi sehen, geht es in Rosa Ribas „Kalter Main“ sehr tatortig weiter. Denn anstatt zielgerichteter Ermittlungen oder auch nur einem erkennbaren Fortschritt beim Ermitteln und Ausschließen von Tatverdächtigen, wird sich in den Lebensgeschichten verschiedener spanischer Gastarbeiter, vor allem ihrer ersten Jahre in Deutschland vor einem halben Jahrhundert und den über Generationen gepflegten Konflikten in und aus ihrem spanischen Heimatdorf, gewidmet. Das alles hat mit der Frage „Wer ist der Täter?“ nichts zu tun und bringt auch keine neueren Erkenntnisse als die Lektüre einer „Mach meinen Kumpel nicht an“-Broschüre der SPD oder der Gewerkschaft aus den Siebzigern.

Neben den Biographien verschiedener Gastarbeiter gibt es noch einige Scheinkonflikte im Team und kindische Neckereien der Polizisten untereinander, die vor allem an der Kompetenz und sittlichen Reife der Staatsdiener zweifeln lassen.

An der Kompetenz von Webers Chef kann auch gezweifelt werden. Denn gerade als Weber-Tejedor und ihr Team mit den Mordermittlungen begonnen haben, sollen sie auf seinen Befehl auch die verschwundene illegale ecuadorianische Putzfrau eines Bankiers zu suchen. Dieser Aufgabe widmen sie dann mehr Zeit als der Suche nach Sotos Mörder.

Dieser wird am Ende samt Motiv aus dem Hut gezaubert und gesteht auch sofort ganz brav seine Tat. Wahrscheinlich weil er als Katholik doch noch in den Himmel kommen will.

Kalter Main“ hätte ein interessanter Einblick in die für uns Deutschen fremde Welt der Einwanderer werden können. Es wurde aber nur die Blaupause für den nächsten langweiligen „Tatort“.

Rosa Ribas: Kalter Main

(übersetzt von Kirsten Brandt)

Suhrkamp, 2009

384 Seiten

9,95 Euro

Originalausgabe

Entre dos aguas

Ediciones Urano S. A., Barcelona, 2007

Hinweise

Homepage von Rosa Ribas

Am Freitag, den 9. Oktober, stellt Rosa Ribas um 20.00 Uhr in der Dorotheenstädtischen Buchhandlung (Turmstraße 5, Berlin-Mitte) ihren Roman „Kalter Main“ vor. Der Eintritt ist frei.


Neu im Kino/Filmkritik: Verblendung

Oktober 1, 2009

Seit gut vier Jahrzehnten erhält Henrik Vanger jedes Jahr zu seinem Geburtstag in einem austauschbaren, billigen Bilderahmen eine gepresste Blume. Das Geschenk erinnert ihn immer wieder an seine Lieblingsnichte Harriet Vanger. Sie verschwand am 22. September 1966 spurlos von der Insel, auf der das Anwesen der Vanger-Familie ist. Der inzwischen 82-jährige Firmenmogul Henrik Vanger glaubt, dass Harriet von einem Familienmitglied ermordet wurde.

Jetzt beauftragt er den Enthüllungsjournalisten Mikael Blomkvist mit Recherchen in diesem Fall. Blomkvist, der gerade wegen schlampiger Recherchen zu einer Haftstrafe verurteilt wurde, nimmt den Auftrag an. Aber seine Recherchen machen erst richtige Fortschritte, als er beginnt mit der Hackerin Lisbeth Salander zusammen zu arbeiten. Über eine in Harriet Vangers Tagebuch enthaltene verschlüsselte Liste kommen sie auf die Spur eines Serienkillers, der seit 1949 Frauen bestialisch ermordet und ein Mitglied der Familie Vanger ist.

Der Roman

Seit vier Jahren verkauft sich der gut siebenhundertseitige Roman von Stieg Larsson, zuerst in seiner Heimat, dann in Europa und inzwischen auch in den USA, wie geschnitten Brot und Kritiker feiern „Verblendung“ und die beiden Folgeromane „Verdammnis“ und „Vergebung“ ab. Larsson selbst hatte allerdings nichts von diesem Erfolg, weil er bereits vor der Publikation von „Verblendung“ überraschend starb und so aus der von ihm auf zehn Romane angelegten „Millennium“-Serie (so heißt die Zeitung für die Blomkvist arbeitet) mit dem Journalisten Mikael Blomkvist und seiner deutliche jüngeren Gehilfin Lisbeth Salander zur „Millennium“-Trilogie schrumpfte.

Dabei ist der Erfolg von „Verblendung“ rätselhaft. Der Roman liefert reichlich Anlass für Kritik. Larsson ist nämlich ein unglaublich weitschweifiger Erzähler, der anscheinend seine gesamten Notizen und Hintergrundgeschichten zu den Charakteren in den Roman einfügen musste.

So dauert es hundert Seiten, bis sich Henrik Vanger und Mikael Blomkvist zum ersten Mal begegnen und Vanger sein Anliegen vorbringt. Zur Tarnung soll Blomkvist die Geschichte der Familie Vanger aufschreiben. Das ermöglicht Larsson, ausführlich in vergangenen Jahrhunderten und vor allem den Verstrickungen der Vangers mit den Nazis herumzuwühlen. Für die Frage, wer Harriet Vanger ermordet hat, bringt das nichts. Auch bis Blomkvist und Salander sich zum ersten Mal begegnen, vergeht viel Lesezeit. Bis dahin haben wir so ungefähr alles über sie erfahren: wie sie ihren jetzigen Job bekommen hat, was ihr Chef von ihr hält, wie ihr Verhältnis zu ihrer Mutter ist, wie sie lebt, wie sie von der einen Pflegefamilie zur nächsten geschickt wurde, wie sie mit ihrem ersten richtigen Vormund zurecht kam und wie sie sich mit ihrem neuen Vormund (einem sexistischen Schwein) arrangiert. Das alles ist reines Hintergrundmaterial, das die Handlung nicht voranbringt, in der Häufung fast nichts über den Charakter Salander verrät und auch die spätere Handlung nicht beeinflusst. Andere Charaktere, wie der über viele Seiten eingeführte Chef von Salander und ihr neuer Vormund verschwinden irgendwann einfach aus der Geschichte.

Nachdem die Mordermittlungen ungefähr in der Buchmitte endlich an Dynamik gewinnen, sind sie schnell abgeschlossen. Auf Seite 511 ist der Mörder enttarnt und auf Seite 541 tot.

Die restlichen 150 Seiten füllt Larsson vor allem mit dem Kampf von Blomkvist gegen den Industriellen Hans-Erik Wennerström um seine Rehabilitierung. Das ist aber eine vollkommen andere Geschichte, die vor allem nach der Enttarnung eines Serienkillers, nur mäßig interessant ist.

Wenn „Verblendung“ kein Roman, sondern eine TV-Serie wie „Lost“, „Prison Break“ (vor allem in der ersten Staffel) oder „24“ wäre, würde ich sagen, dass die Autoren im Lauf der Staffel bemerkten, dass einige Charaktere die Geschichte doch nicht voranbringen und deshalb fallengelassen wurden und sie am Ende bemerkten, dass sie für die restlichen Folgen, weil sie in ihrer Dusseligkeit den Bösewicht umgebracht hatten, noch schnell eine neue Geschichte erfinden mussten.

Der Film

Für die Verfilmung machten die Drehbuchautoren Nikolaj Arcel und Rasmus Heisterberg dann die Arbeit, die Stieg Larsson hätte tun müssen. Sie entfernten etliche überflüssige Subplots (wie die Erstellung der Vanger-Familienchronik, den Kampf um das Überleben der Zeitschrift „Millennium“ und die Suche nach dem Maulwurf in der Redaktion), im Nichts endende Expositionen (wie die seitenlange Einführung von Salanders Chef, Salanders Biographie und wie ein alter Freund Blomkvist die ersten Informationen über Wennerströms krumme Geschäfte gibt) und einige unwichtige Charaktere.

Sie konzentrierten sich auf die Suche nach Harriet Vangers Mörder. Sie verdichteten. Sie dramatisierten. Zum Beispiel ist die erste Kontaktaufnahme von Blomkvist und Salander im Film anders als im Buch. Im Buch empfiehlt der Anwalt der Familie Vanger Blomkvist Lisbeth Salander als Rechercheurin. Im Film nimmt sie per E-Mail Kontakt zu Blomkvist auf und sagt ihm, was die kryptischen Buchstaben und Zahlen in Harriet Vangers Tagebuch bedeuten. So ist Salander im Film von Anfang an stärker als im Roman an einem erfolgreichen Abschluss der Recherche interessiert. Auch die Recherchen von Blomkvist verlaufen im Film etwas anders und glaubwürdiger als im Buch.

Arcel und Heisterberg erzählen konzentriert eine Geschichte, mit einigen Abschweifungen. Niels Arden Oplev inszenierte sie fast schon schmucklos-spartanisch. Denn es gibt keine kostspieligen Szenen. Er verzichtete auf modische Spielereien, wie die derzeit angesagte Wackelkamera und Sekundenschnitte. Er lässt sich Zeit, beobachtet seine, bei uns bis auf Peter Haber (Kommissar Beck), unbekannten Schauspieler und löst Szenen meisten klassisch in Schuss/Gegenschuss auf. Nur die an aktuelle US-Krimiserien erinnernden Montagen, bei den Recherchen von Blomkvist/Salander erinnern an aktuelle Trends.

Verblendung“ ist ein guter Krimi, der trotz seiner Länge von 150 Minuten kurzweilig unterhält. Im Kino wirkt er allerdings auch immer wie ein TV-Zweiteiler, der irrtümlich im Kino gezeigt wird. Denn der auch im Film ausführlich geschilderte Subplot von Lisbeth Salanders Kampf gegen ihren neuen Betreuer und der sehr lange Epilog gehorchen den Gesetzen eines TV-Zweiteilers. Im ersten Teil werden die beiden gleichberechtigten Protagonisten Blomkvist und Salander vorgestellt. Am Ende des ersten Teils begegnen sie sich erstmals (also nach ungefähr 75 Filmminuten) und im zweiten Teil jagen sie gemeinsam den Serienmörder.

Obwohl ich sonst nie Punkte vergebe, würde ich „Verblendung“ ohne zu zögern als Kinofilm 8/10 und als TV-Zweiteiler 10/10 Punkten geben. Dem Roman…deutlich weniger.

Die zweite Larsson-Verfilmung „Verdammnis“ ist für Februar 2010 angekündigt und „Vergebung“ ist für Sommer 2010 geplant. Michael Nyqvist und Noomi Rapace haben wieder die Hauptrolle. Aber die Drehbuchautoren und der Regisseur wechselten.

Verblendung (Män som hatar kvinnor, Schweden/Deutschland/Dänemark 2009)

Regie: Niels Arden Oplev

Drehbuch: Nikolaj Arcel, Rasmus Heisterberg

LV: Stieg Larsson: Män son hatar kvinnor, 2005 (Verblendung)

mit Michael Nyqvist (Mikael Blomkvist), Noomi Rapace (Lisbeth Salander), Lena Endre (Erika Berger), Peter Haber (Martin Vanger), Sven-Bertil Taube (Henrik Vanger), Peter Andersson (Nils Bjurman), Ingvar Hirdwall (Dirch Frode), Marika Lagercrantz (Cecilia Vanger), Björn Granath (Gustav Morell)

Larsson - Verblendung Movie-Tie-In

Stieg Larsson: Verblendung

(übersetzt von Wibke Kuhn)

Heyne, 2009 (Movie-Tie-In)

704 Seiten

9,95 Euro

Originalausgabe

Män son hatar kvinnor

Norsteds Förlag, Stockholm 2005

Deutsche Erstausgabe

Heyne, 2006

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Facebook-Seite zum Film

YouTube-Seite zum Film

Film-Zeit über „Verblendung“

Homepage von Stieg Larsson

Heyne über Stieg Larsson

Krimi-Couch über Stieg Larsson

Wikiepedia über Stieg Larsson (deutsch, englisch)


Edgar-Preisträger 2008: John Hart – Der dunkle Fluss

September 30, 2009

Hart - Der dunkle Fluss

Bereits John Harts Debüt „Der König der Lügen“ wurde in den USA mit Lob überschüttet und für zahlreiche renommierte Preise nominiert. Unter anderem für einen Edgar als „Bestes Debüt“. Sein zweiter Roman „Der dunkle Fluss“ erhielt dann, angesichts der starken Konkurrenz etwas rätselhaft, den Edgar als „Bester Roman“.

Denn als Kriminalroman funktioniert „Der dunkle Fluss“ kaum. Die Geschichte von dem des Mordes angeklagten und vor Gericht freigesprochenen Sohn Adam Chase, der nach Jahren in der Fremde in seine alte Heimat zurückkehrt, dort gleich in etliche Verbrechen, den dorfinternen Konflikt um den geplanten Bau eines Kraftwerks und alte Familiengeschichten verwickelt wird, ist nicht neu.

Das wäre nicht weiter schlimm, wenn John Hart dem Genrefan einige überraschende Wendungen präsentieren würde. Aber die Geschichte entwickelt sich sehr vorhersehbar. Denn selbstverständlich hält die Gemeinde ihn immer noch für den Mörder. Immerhin war seine Stiefmutter die Hauptzeugin der Anklage und er wurde von den Geschworenen nur mangels Beweisen freigesprochen. Weil mit seiner Ankunft die Verbrechensrate explosionsartig steigt, ist für die Einheimischen klar, dass er für diese Überfälle und Morde verantwortlich ist. Auch für den ermittelnden Polizisten ist er der Hauptverdächtige. Chase will seine Unschuld beweisen und beginnt auf eigene Faust den Mörder seines Jugendfreundes zu suchen.

Diese Mördersuche ist für John Hart allerdings nur der dürftige rote Faden, um sich ausführlich episch geschilderter Südstaatenatmosphäre und den Gefühlen seines Erzählers Chase zu widmen. Denn die Familie Chase, alter Südstaatenadel, erinnert dabei an das Personal eines Tennessee-Williams-Stücks. Entsprechend viel kann über sie erzäht werden.

Die Handlung bewegt sich dagegen höchstens im Schneckentempo voran zu der, angesichts der wenigen Verdächtigen, gar nicht so überraschenden Enttarnung des Mörders.

Als Kriminalroman ist „Der dunkle Fluss“ uninteressant und nicht Edgar-würdig.

Aber als Symptom für den Trend zu „literarischen Kriminalromanen“ ist er paradigmatisch. Es gibt eine Kriminalgeschichte, die ein Pulp-Autor mit mehr Wendungen auf 150 Seiten erzählt hätte. Zusätzlich gibt es ein Drama über eine reiche, dysfunktionale Familie und eine Coming-of-Age-Geschichte. Immerhin erfährt Chase erst jetzt, was in seiner ach so heilen Familie alles im Argen liegt.

Menschen, die sonst keine Krimis lesen dürfen sich freuen, dass die Familiengeschichte dank der Krimibeigabe spannender als gewohnt ist und ohne schmutzige Worte auskommt.

Krimifans dagegen können „Der dunkle Fluss“, trotz des Edgars, ignorieren. Sie verpassen nichts.

John Hart: Der dunkle Fluss

(übersetzt von Rainer Schmidt)

Bertelsmann, 2009

384 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

Down River

Thomas Dunne Books, 2007

Hinweise

Homepage von John Hart

Meine Besprechung von „Der König der Lügen“ (The King of Lies, 2006)


Brenner, back in action

September 28, 2009

Haas - Der Brenner und der liebe GottHaas - Brenner-Box

Der Herr Simon sitzt in einem Tankstellenshop und brütet vor seinem Kaffee. Still, introvertiert und lange. Als er schließlich zu seinem Auto zurückkehrt, ist sein Passagier, die zweijährige Helena, verschwunden und knappe 200 Seiten später hat es einige Tote gegeben und der Brenner einen weiteren Fall aufgeklärt.

Seinen siebten Fall.

Nach einer mehrjährigen Pause.

Die ersten sechs Brenner-Fälle erschienen innerhalb weniger Jahre zwischen 1996 und 2003. Am Ende von „Das ewige Leben“ ließ Wolf Haas sogar den Erzähler der Brenner-Romane sterben, weil er, so Haas in einem Interview, mit dem Brenner fertig war. Doch nach einer sechsjährigen Pause, in der er andere Romane veröffentlichte, hatte er wieder Lust auf seinen Privatdetektiv gehabt und schrieb „Der Brenner und der liebe Gott“.

Und die neue Geschichte, quasi die Ösi-Variante von „Transporter 2“, hat es in sich. Denn Brenner arbeitet inzwischen als Fahrer für die Familie Kressdorf. Sie ist eine Ärztin, die mit Abtreibungen ihr Geld verdient. Ihr Mann ein bekannter Bauunternehmer, der gerade ein großes Bauprojekt plant, in das – immerhin sind wir in einem Krimi – auch hochrangige (und entsprechend korrupte) Politiker involviert sind. Und der Eigentümer des Hauses, in dem die Abtreibungsklinik residiert, führt einen Kleinkrieg gegen die Ärztin. Denn er ist ein fanatischer Abtreibungsgegner.

Brenner hat also, nachdem er nach dem ersten Viertel des Buches von dem introvertierten Chauffeur Herr Simon wieder zu dem introvertierten Privatdetektiv Brenner wird, eine reichhaltige Auswahl an Verdächtigen. Weil er immer noch etwas langsam, aber sehr hartnäckig ist, gibt es am Ende mehrere Tote und einen handfesten Skandal, der mit österreichischer Lässigkeit unter den Teppich gekehrt wird.

Das klingt jetzt nach dem typischen Chaos der früheren Brenner-Romane, bei denen die Geschichte kaum nacherzählt werden kann. Denn diese war oft sehr dünn und sollte besser nicht zu genau auf Logik und Wahrscheinlichkeit überprüft werden. Wegen der Sprache und den Abschweifungen mit einem Hang zur Alltagsphilosophie waren die Romane dennoch eine gute Unterhaltung für einen langen Abend.

In „Der Brenner und der liebe Gott“ ist die Geschichte dagegen ein ziemlich geradliniger Privatdetektiv-Krimi, der in dem typischen Haas-Sound erzählt wird. Weil die Geschichte dieses Mal sogar nachvollziehbar und in sich schlüssig ist, ist der siebte Auftritt von Simon Brenner auch der bislang beste Brenner-Krimi von Wolf Haas.

Aber auch der beste Brenner-Roman ist nur halb so gut wie die Verfilmungen der Brenner-Romane „Komm, süßer Tod“, „Silentium!“ und „Der Knochenmann“ des Teams Murnberger/Hader/Haas mit dem grandiosen Josef Hader in der Hauptrolle.

Wolf Haas: Der Brenner und der liebe Gott

Hoffmann und Campe, 2009

224 Seiten

18,99 Euro

Wolf Haas: Die 6 Brenner-Romane (im Schuber)

Hoffman und Campe, 2006

48 Euro

Die Ermittlungen von Brenner

Auferstehung der Toten (Rowohlt, 1996)

Der Knochenmann (Rowohlt, 1997)

Komm, süßer Tod (Rowohlt, 1998)

Silentium! (Rowohlt, 1999)

Wie die Tiere (Rowohlt, 2001)

Das ewige Leben (Hoffmann und Campe, 2003)

Der Brenner und der liebe Gott (Hoffmann und Campe, 2009)

Die Verfilmungen

Komm, süßer Tod (Aus 2000)

Regie: Wolfgang Murnberger

Drehbuch: Wolfgang Murnberger, Wolf Haas, Josef Hader

mit Josef Hader, Simon Schwarz, Barbara Rudnik, Michael Schönborn, Bern Michael Lade, Nina Proll, Wolf Haas

Silentium! (Aus 2004)

Regie: Wolfgang Murnberger

Drehbuch: Wolfgang Murnberger, Wolf Haas, Josef Hader

mit Josef Hader, Simon Schwarz, Joachim Król, Maria Köstlinger, Udo Samel, Jürgen Tarrach, Rosie Alvarez, Johannes Silberschneider, Karl Fischer, Christoph Schlingensief, Herbert Fux, Wolf Haas

Der Knochenmann (Aus 2009)

Regie: Wolfgang Murnberger

Drehbuch: Wolfgang Murnberger, Wolf Haas, Josef Hader

mit Josef Hader, Simon Schwarz, Josef Bierbichler, Stipe Erceg, Birgit Minichmayr, Christoph Luser, Dokra Gryllus

Das ewige Leben (Aus 2011 – geplant)

Regie: Wolfgang Murnberger

Drehbuch: Wolfgang Murnberger, Wolf Haas, Josef Hader

Hinweise

Lexikon der deutschen Krimiautoren über Wolf Haas

Krimi-Couch über Wolf Haas

Wikipedia über Wolf Haas

Planet Interview: Interview mit Wolf Haas (zum Film „Silentium!“ und den Brenner-Romanen, 12. Februar 2005)

Vienna: Interview mit Wolf Haas (28. August 2009)

Kriminalakte über „Komm, süßer Tod“ und „Der Knochenmann“


Wer zur Hölle ist Ben Hecht?

September 25, 2009

Hecht - Von Chicago nach Hollywood

Ben Hecht dürfte nur den Menschen etwas sagen, die bei Spielfilmen auch auf die Namen der Macher achten. Denn Hecht schrieb die Drehbücher zu „Scarface“, „Angels over Broadway“ (auch Regie), „Berüchtigt/Weißes Gift“ (Notorious), „Ich kämpfe um dich“ (Spellbound), „Der Todeskuss“ (Kiss of Death) und „In einem anderen Land“ (A farewell to arms). Bei „Vom Winde verweht“ (Gone with the wind) arbeitete er ungenannt am Drehbuch mit (In „Von Chicago nach Hollywood“ schreibt er, dass er es innerhalb einer Woche schrieb. Aber wer kann schon einem professionellem Lügner blind vertrauen?). Für viele andere Hollywood-Filme, wie „Engelsgesicht“, „Der Fremde im Zug“, „Das Ding aus einer anderen Welt“, „Rope – Cocktail für eine Leiche“, „Der Fall Paradin“ und „Gilda“, machte er im Abspann nicht genannte Überarbeitungen des Drehbuchs. Er schrieb mehrere Theaterstücke, wie das mehrfach verfilmte Theaterstück „Extrablatt“ (The Front Page), und zahlreiche Erzählungen.

Bevor er in Hollywood sein Geld verdiente, arbeitete er in Chicago als Reporter. Er erzählt in dem speziell für Deutschland zusammengestellten Sammelband „Von Chicago nach Hollywood“, wie er Reporter wurde, wie er (oft am Rand der Legalität) Bilder für Artikel besorgte, wie er seine ersten spektakulären Geschichten frei erfand und dann doch zum seriösen Reporter wurde. Diese Erlebnisse verarbeitete er in „The Front Page“ und zahlreichen Gangsterdramen, wie dem Stummfilm „Underworld“ und dem Gangsterfilm-Klassiker „Scarface“. Nach seinen Jahren in Chicago war er kurz in New York und schrieb Theaterstücke und Kurzgeschichten. Da erreichte ihn, als er sich ohne einen Cent in seinem Zimmer verkrochen hat, ein Telegramm von Herman Mankiewicz: „Was hälst du davon, für dreihundert Dollar pro Woche für Paramount Pictures zu arbeiten? Alle Auslagen werden dir erstattet. Dreihundert Dollar sind aber noch gar nichts. Millionen kannst du hier scheffeln, und deine einzige Konkurrenz sind Idioten. Lass dir das nicht entgehen!“ Hecht packte seine Koffer und zog an die Westküste.

Im zweiten Teils des Buches gibt es ein kleines Panoptikum der in Hollywood versammelten Persönlichkeiten und das fast sechzigseitige Stück „Eine sündhafte Frau“.

Das ist der Titel eines Drehbuchs von Daisy Marcher. Ein mächtiger Hollywood-Produzent, der das Drehbuch nur zufällig liest (normalerweise liest er keine Drehbücher) will dieses „Meisterwerk“ verfilmen. Als Marchers Agent Orlando Higgins erfährt, dass sie ein neunjähriges Kind ist, beschließt Higgins allen diese Tatsache zu verschweigen und treibt so seine Provision auf astronomische Höhen. Denn ganz Hollywood ist verrückt nach Daisy Marcher.

Diese Burleske ist wahrscheinlich ein ausführliches Treatment für den von Ben Hecht inszenierte Film „Woman of Sin“, der Teil des Double-Features „Actor’s and Sin“ ist.

Gerade hier hätte Helga Herborth in ihrem Nachwort über die Herkunft der verschiedenen Texte und den Wahrheitsgehalt aufklären können. Aber sie beschränkt sich im Wesentlichen, um wenige biographische Information ergänzt, auf ein Nacherzählen der bereits gelesenen Texte.

Aber diese Texte von Ben Hecht sind ein wahres Lesevergnügen. Flott formuliert, pointiert, sarkastisch, ironisch und kein Jota veraltet erzählen sie Geschichten aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts.

Ben Hecht: Von Chicago nach Hollywood – Erinnerungen an den amerikanischen Traum

(ausgewählt, aus dem Englischen und mit einem Nachwort von Helga Herborth)

Berenberg, 2009

152 Seiten

19,00 Euro

Erstausgabe (wahrscheinlich, aber unbestätigt, weil das Impressum der Neuausgabe in diesem Punkt unklar ist)

Geschichten aus Chicago und Hollywood

Wolke Verlag, 1989

Hinweise

Wikipedia über Ben Hecht (deutsch, englisch)

Kirjasto über Ben Hecht


Ein Blick hinter die Kulissen der Gerichtsmedizin

September 23, 2009

Tsokos - Dem Tod auf der Spur

Michael Tsokos ist ein richtiger Spielverderber. Bereits auf den ersten Seiten seines Sachbuchs „Dem Tod auf der Spur“ verweist er all unser TV-erprobtes Wissen über Gerichtsmediziner in das Reich der Legenden.

Denn sie nehmen die Obduktion nicht mit Taschenlampen oder in dunklen Obduktionssälen vor, hören dabei keine laute Musik (je nach Alter: Punk, Rock oder Klassik, aber nie Volksmusik), sie lagern ihre Brötchen nicht bevorzugt neben entnommen Organen und sie sind keine spleenige Gesellen mit einem makaberen Humor, sondern sie sind ganz normale Menschen, die an ordentlich ausgeleuchteten Arbeitsplätzen arbeiten.

Auch ihre Fälle sind eher nicht CSI-spektakulär.

Die meisten der von Tsokos in „Dem Tod auf der Spur“ geschilderten zwölf Fälle, in die er als Gerichtsmediziner involviert war, sind, entsprechend der Häufigkeit der nicht-natürlichen Todesursachen, Suizide und tödlich verlaufende Unfälle. Zum Beispiel wenn jemand mit einer brennenden Zigarette einschläft oder betrunken durch die Winternacht stolpert.

Sie werden bei jedem Tod, der auf den ersten Blick kein alters- oder krankheitsbedingtes Ableben ist, gerufen. Dann müssen die Gerichtsmediziner herausfinden, wie der Tote gestorben ist. Tsokos schildert nüchtern, wie sie bei einer Obduktion die einzelnen Spuren zu einem Bild formen. Dabei gibt es auch bei scheinbar klaren Fällen, wie dem Tod der siebenjährigen Jessica, immer wieder Überraschungen. Als sie starb war sie schwer unterernährt. Die erste Vermutung war, dass sie verhungerte. Aber die Obduktion ergab, dass sie an ihrer letzten Mahlzeit starb.

Selbstverständlich schildert Michael Tsokos, der Leiter des Instituts für Gerichtsmedizin der Charité und des Landesinstituts für gerichtliche und soziale Medizin in Berlin, in seinem locker geschriebenen Buch auch einige Fälle, die CSI-würdig sind.

Da gibt es einen tödlich verlaufenden Jagdunfall, bei dem die Spuren zunächst in alle Richtungen deuten. Oder ein fahrendes Auto explodiert auf einer Landstraße. Auf dem Rücksitz ist ein Toter, aber von dem Fahrer fehlt jede Spur. Ein anderer Autofahrer wird, ebenfalls auf einer Landstraße, enthauptet in seinem Auto gefunden. Und es gibt auch eine Variation der Geschichte des Mannes, der vom Himmel fiel.

Neben den reinen Fällen beschreibt Tsokos auch, wie eine Obduktion vonstatten geht. Er liefert Hintergrundinformationen über die verschiedenen Todesarten. Er erzählt, eher knapp, wie die verschiedenen forensischen Wissenschaftler und die ermittelnden Polizisten zusammenarbeiten und was die moderne Wissenschaft zur Aufklärung von Verbrechen leisten kann.

Denn die Quantensprünge in der Wissenschaft in den letzten Jahrzehnten haben auch dazu beigetragen, dass es heute Serien wie „CSI“ gibt, in denen nicht mehr die Arbeit von Polizisten, sondern die von Wissenschaftlern im Mittelpunkt steht.

Und so schließt sich der Kreis: die Innovationen in der Wissenschaft führen zu populären TV-Serien, die wiederum das Interesse an Sachbüchern darüber befördern und so die Erkenntnisse aus der Wissenschaft auch einem Nicht-Fachpublikum zugänglich machen.

Michael Tsokos (unter Mitarbeit von Veit Etzold und Lothar Strüh): Dem Tod auf der Spur – Zwölf spektakuläre Fälle aus der Rechtsmedizin

Ullstein, 2009

240 Seiten

8,95 Euro

Hinweise

Berliner Zeitung: Interview mit Michael Tsokos (6./7. Juni 2009)

Seite des Instituts für Rechtsmedizin der Charité

Seide des Landesinstituts für gerichtliche und soziale Medizin, Berlin


Die Turner-Trilogie von James Sallis

September 18, 2009

Sallis - Dunkle SchuldSallis - What you have left

Das erste Mal begegnen wir Turner (wie Spenser und Parker: kein Vorname) auf der Veranda seiner einsam gelegenen Hütte irgendwo im Hinterland von Memphis. Ein Mann kommt zu ihn. Bis jetzt hat er noch nicht die Zeit für einen Besuch bei dem Zugezogenen Turner gehabt. Sie sitzen zusammen, trinken, schweigen. Richtige, gemütliche Südstaatenatmosphäre; – bis Turner seinen Besucher fragt: „Kann ich irgendetwas für Sie tun, Sheriff?“ Dieser antwortet; „Um die Wahrheit zu sagen, ich hatte irgendwie gehofft, Sie überreden zu können, mir zu helfen. Bei einem Mord.“

Denn der Erzähler Turner ist ein ehemaliger Polizist. Er war auch ein Sträfling und Psychotherapeut.

Alles, was ich wollte, war, in Ruhe gelassen zu werden, und ich hatte enorme Schritte unternommen, um genau das sicherzustellen. Selten hatte ich mich beim Herumstreunen weit von der Hütte entfernt, hatte mir die Lebensmittel monatlich liefern lassen. Das letzte, was ich wollte, war, noch einmal Teil einer Ermittlung zu sein, im Leben anderer Leute herumwühlen, in ihrem Schlamassel und Fehlverhalten, im Irrsinn anderer Menschen, anderer Seelen“, erzählt Turner uns am Anfang von „Dunkle Schuld“.

Dass dieser Wunsch seines Ich-Erzählers nicht funktioniert, zeigt James Sallis in seinen drei literarisch beeindruckenden Turner-Romanen „Dunkle Schuld“ (Cypress Grove), „Cripple Creek“ und „Salt River“. Von Roman zu Roman kehrt Turner immer mehr zurück in die Gesellschaft. Im ersten Band freundet er sich mit dem Sheriff Lonnie Bates und dem Personal der kleinen Polizeistation an und verliebt sich in die Anwältin Valerie ‚Val‘ Bjorn. Im zweiten Band „Cripple Creek“ arbeitet er als Sheriff, seine Tochter taucht auf, wird seine Vorgesetzte und Val wird am Ende des Buches erschossen.

In „Salt River“ versucht Turner trotz dieses Verlustes weiterzuleben. Denn: „Sometimes you just have to see how much music you can make with what you have left. (…) I’m not sure how much I have left either. (…) As for me, I think maybe I’ve seen a few too many people die, witnessed too much unbearable sadness that still had somehow to be borne. I remember Tracy Caulding up in Memphis telling me about a science fiction story where these immortals would every century or so swim across a pool that relieved them of their memories, then they could go on. I wanted to swim in that pool.“

Aber die Erinnerungen lassen Turner nicht los. In „Dunkle Schuld“ springt James Sallis dabei kapitelweise von den aktuellen Ermittlungen in die Vergangenheit von Turner. Aufgrund dieser Struktur, in der auf den ersten Blick der Moloch Großstadt dem heilen Landleben gebenübergestellt wird, liest sich „Dunkle Schuld“ weniger wie ein stringend geplotteter Roman, sondern eher wie eine Sammlung von thematisch miteinander verknüpften Kurzgeschichten.

In „Dunkle Schuld“ wurde ein Obdachloser ermordet. Turner und Sheriff Bates finden heraus, dass er die Post vom Bürgermeister geklaut hat und es gibt eine Spur in die Welt der obskuren Filme die mit dem Aufkommen des Fernsehens verschwand.

Sallis, der alt genug ist, um einige dieser Z-Movies noch in einigen Provinz- und Autokinos gesehen zu haben, formuliert in „Dunkle Schuld“ eine kleine Liebeserklärung an diese untergegangene Welt. Weil James Sallis selbst ein Musiker ist, formuliert er in „Dunkle Schuld“ eine zaghafte Liebeserklärung an die Bluegrass-Music. In „Cripple Creek“ und „Salt River“ wird für Turner die Musik immer wichtiger. Und natürlich gibt es zahlreiche literarische Anspielungen. Wenn zum Beispiel am Stadteingang auf einem Schild „Pop. 1280“ steht, dann ist das ein deutlicher Hinweis auf den gleichnamigen Roman von Jim Thompson, den Noir und die Pulps.

Neben der Rückkehr seines Helden vom Eremitenorden zurück in die Gemeinschaft (auch wenn diese Gemeinschaft nur ein kleines Kaff ist, aus dem die Jungen flüchten) lässt James Sallis die Genrekonventionen immer mehr hinter sich. Während Turner wissen möchte, wie er nach all dem Leid, das er gesehen und erlebt hat, noch als soziales Individuum leben kann, will Sallis herausfinden, wie sehr er die Genrekonventionen dehnen kann ohne sie zu brechen.

In „Cripple Creek“ wird bei einer normalen Verkehrskontrolle ein Mann mit 200.000 Dollar erwischt. Als er gewaltsam aus dem Landgefängnis befreit wird, muss Turner zurück nach Memphis, der Stadt, in der er Polizist war, gehen.

In „Salt River“ kehrt der Sohn des Sheriffs überraschend zurück und fährt mit seinem Auto in den Eingang der City Hall. Und Eldon Brown, der mit Val als Musiker durch das Land touren wollte, kehrt ebenso überraschend zurück. Er soll einen Mord begangen haben, an den er sich nicht erinnert. Turner versucht ihm zu helfen.

Dabei entfernen sich „Cripple Creek“ und „Salt River“ so weit vom Genre, dass viele die Bücher kaum noch als Krimis einsortieren werden. Denn nachdem schon in „Dunkle Schuld“ der Krimiplot nebensächlich war, ist er in „Cripple Creek“ und „Salt River“ eigentlich nicht mehr vorhanden. Es sind in erster Linie Porträts eines Charakters und seiner pessimistisch-desillusionierten Weltsicht. Diese wird von James Sallis in knappen Sätzen skizziert. Wie ein Musiker, der sich mit zunehmendem Alter, nur noch die wichtigen Noten spielt, verknappt James Sallis seine Geschichten immer mehr. Im Original hat „Cypress Groove“ 255 Seiten, „Cripple Creek“ 192 Seiten und „Salt River“ 146 Seiten.

James Sallis erzählte mir in einem Interview, dass er das Buch immer mehr verkürzt hatte und irgendwann befürchtete, dass am Ende nichts mehr übrig bliebe.

Zum Glück hat er vorher aufgehört.

James Sallis: Dunkle Schuld

(übersetzt von Jürgen Bürger)

Heyne, 2009

304 Seiten

8,95 Euro

Originalausgabe

James Sallis: Cypress Grove

Walker & Company, 2003

272 Seiten

James Sallis: Cripple Creek

Walker & Company, 2006

208 Seiten

James Sallis: Salt River

Walker & Company, 2007

160 Seiten

Gesamtausgabe der Turner-Trilogie (Cypress Grove, Cripple Creek, Salt River) 2009 als „What you have left“

Hinweise

Homepage von James Sallis

Thrilling Detective über Turner

Eindrücke vom Berlin-Besuch von James Sallis

Meine ‚Besprechung‘ von James Sallis‘ „Deine Augen hat der Tod“ (Death will have your eyes, 1997)

Meine Besprechung von James Sallis‘ „Driver“ (Drive, 2005)


Der kriminelle Buchherbst – Teil 8: Random Murders, Part Two

September 16, 2009

Goldmann

Oktober

Tom Bale: Amok (Debüt: In Sussex bringt sich ein Mann nach einem Amoklauf um. Eine Zeugin glaubt, einen zweiten Mann gesehen zu haben. Gemeinsam mit einem Journalisten sucht sie ihn.)

November

Truman Capote: Kaltblütig (Taschenbuch-Ausgabe der neuen „Kein & Aber“-Übersetzung)

Gianrico Carofiglio: Das Gesetz der Ehre (Taschenbuch-Ausgabe)

Patricia Cornwell: Totenbuch (Taschenbuch-Ausgabe eines Kay-Scarpetta-Krimis)

Deborah Crombie: Von fremder Hand/Der Rache kaltes Schwert (zwei Fälle für Superintendent Duncan Kincaid und Sergeant Gemma James)

Ruth Downie: Tod einer Sklavin (Medicus Russo ermittelt im Römische Reich; „SPQR meets CSI“ meint der Verlag)

Misha Glenny: McMafia – Die grenzenlose Welt des organisierten Verbrechens (Taschenbuch-Ausgabe des Sachbuchs aus dem Spiegel-Verlag)

Andrew Pyper: Die Stunde des Sandmanns (Journalist Patrick Rush sucht einen Serienkiller, der sich „Sandmann“ nennt. Einen ersten Hinweis auf seine Identität erhält er von einer Frau aus seinem Schreibkurs.)

Martin Cruz Smith: Stalins Geist (Taschenbuch-Ausgabe des sechsten Auftritts von Arkadi Renko)

Kim Wozencraft: Gehetzt (Zwei unschuldig im Knast sitzende Frauen flüchten aus dem Knast und die Verfolgungsjagd beginnt.)

Dezember

Stuart Archer Cohen: Der siebzehnte Engel (Taschenbuch-Ausgabe)

Janet Evanovich: Kalt erwischt (Taschenbuch-Ausgabe eines Stephanie-Plum-Krimis)

Nicci French: Bis zum bitteren Ende (Taschenbuch-Ausgabe)

Elizabeth George: Am Ende war die Tat (Taschenbuch-Ausgabe)

Caroline Graham: Ein böses Ende/Blutige Anfänger (Inspector Barnaby ermittelt)

John Twelve Hawks: Dark River – Das Duell der Traveler (Taschenbuch-Ausgabe des zweiten Traveler-Bandes)

Franco Limardi: Die dunkle Spur des Todes (Ein Ex-Soldat will bei einem Raubüberfall das große Geld machen. Aber der schöne Plan löst sich – siehe Titel – schnell in Luft auf. – Klingt nach einer Noir-Story für mich.)

Maria Masella: Wer sich ein Bildnis macht (In Genua sucht Commissario Mariani einen Serienmörder. Dabei scheint es eine Verbindung zu seiner Frau zu geben.)

Rainer Würth: Krötenwanderung (Kommissar Kolb sucht den Mörder des Leiters des Bauamtes.)

Januar

Brett Battles: Todesjagd (zweiter Auftritt des Cleaners Jonathan Quinn)

Sharon Bolton: Todesopfer (Taschenbuch-Ausgabe)

Colin Cotterill: Dr. Siri und seine Toten (Taschenbuch-Ausgabe)

Robert Ellis: Leichengift (Detective Lena Gamble soll den Mörder einer jungen, nicht identifizierten weiblichen Leiche finden. Die Medien verfolgen ihre Ermittlungen akribisch.)

Jonathan Kellerman: Jamey – Das Kind, das zuviel wusste/Exit (zwei Fälle für Alex Delaware)

Ian Rankin: Der Tod ist erst der Anfang (22 noch nicht übersetzte Kurzkrimis von Ian Rankin, acht mit Rebus)

John Sandford: Mordlust (Taschenbuch-Ausgabe)

Andreas Ulrich: Das Engelsgesicht (anscheinend eine Neuausgabe zum Kinostart der Verfilmung)

Lisa Unger: Der Fluch der Wahrheit (Taschenbuch-Ausgabe)

Februar

Jefferson Bass: Todesstarre (Ein Forensik-Thriller: Wer hat einen Physiker, der die Atombombe mitentwickelte, radioaktiv vergiftet? Bill Brockton ermittelt.)

Caroline Graham: Treu bis in den Tod/Ein sicheres Versteck (Inspector Barnaby fängt die bösen Buben)

Rainer Gross: Grafeneck (Neuausgabe eines beim Pendragon-Verlag erschienenen und mit dem Glauser ausgezeichneten Debüts)

James Patterson: Höllentrip (Catherine will während eines Segeltörns die gestörte Beziehung zu ihren drei Kindern wieder kitten. Als sie nach einem Unfall auf einer einsamen Insel stranden, müssen sie um ihr überleben kämpfen. Denn irgendjemand will, dass sie die Insel nicht wieder verlassen.)

Linus Reichlin: Die Sehnsucht der Atome (Taschenbuch-Ausgabe, Deutscher Krimi Preis 2009)

Tom Rob Smith: Kind 44 (Taschenbuch-Ausgabe des vielfach nominierten und ausgezeichneten Debüts.)

Andreas Winkelmann: Hänschen klein (heißt es nach „Tief im Wald und unter der Erde“. Eine Mutter will sich den Traum einer Familie erfüllen. Dummerweise ist der von ihr erwählte Anwalt Schneider von ihrem Anliegen überhaupt nicht begeistert.)

März

Harlan Coben: Keine zweite Chance/Kein böser Traum (zweimal Spannung von einem Meister)

Deborah Crombie: Alles wird gut (der zweite Fall von Superintendent Duncan Kincaid und Inspector Gemma James in aufwändiger Neuausstattung)

Thea Dorn: Mädchenmörder (Taschenbuch-Ausgabe)

Birgit Lautenbach/Johann Ebend: Engelstrompeten (der dritte Hiddensee-Krimi für die Inselpolizisten Kästner und Pieplow. Dieses Mal suchen sie den Mörder der alten Wanda.)

Chuck Palahniuk: Fratze (Deutsche Erstausgabe des Frühwerks von „Fight Club“-Palahniuk)

Ian Rankin: Ein Rest von Schuld (Taschenbuch-Ausgabe eines Rebus-Krimis)

Sarah Rayne: Todeskammer (Psychothriller: Georgina Grey wühlt in der Familiengeschichte herum. Gute sechshundert Seiten.)

Dan Waddell: Das Erbe des Blutes (Bei ihren aktuellen Mordermittlungen führt die Spur DCI Foster und Jenkins zurück in die Vergangenheit. Denn die Lösung hängt irgendwie mit dem Kensington Killer und seinen 1879 verübten Taten zusammen.)

April

Stefan Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex (Taschenbuch-Ausgabe der aktualisierten Ausgabe)

Rennie Airth: Orte der Finsternis (Surrey, Sommer 1932: ein Ex-Scotland-Yard-Inspector sucht den Mörder eines Mädchens. Er glaubt an einen Serienmörder.)

Maxime Chattam: Die Gaia-Hypothese (Thriller über geheimnisvolle Experimente auf abgelegenen Inseln, Laboren in den Pyrenäen und Serienkillern. Naja, Chattam hat 500 Seiten, um das alles miteinander zu verknüpfen.)

J. F. Englert: Kaltschnäuzig – Ein Fall für den Schnüffler (Wuff!)

Joy Fielding: Die Katze (Taschenbuch-Ausgabe)

Nicola Förg: Kuhhandel („Taschenbuch“-Ausgabe eines Emons-Krimis)

Jonathan Kellerman: Knochensplitter (ein Alex-Delaware-Krimi)

Michael Koglin: Bluttaufe (Thriller über einen Serienmörder, der in Norddeutschland Ted Bundy nachahmt.)

Peter Temple: Shooting Star (Taschenbuch-Ausgabe)

Hinweis

Der kriminelle Buchherbst – Teil 1: Ein Halleluja für Hollywood (Alexander Verlag, Belleville, Bertz + Fischer, Henschel)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 2: Zurück in die Provinz (Emons, Gmeiner)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 3: Regionale Küche, teils mit ausländischem Einschlag (Edition Nautilus, Grafit, Pendragon)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 4: Gemischte Küche, hauptsächlich aus fremden Gefilden (Edition Phantasia, Liebeskind, Rotbuch, Tropen, Unionsverlag)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 5: Nochmal gemischte Küche (Fischer Verlag)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 6: Hauptsächlich regional, aber mit südamerikanischem Einschlag (Edition Köln, Matthes & Seitz, Verbrecher Verlag)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 7: Random Murders, Part One (Blanvalet)


TV-Tipp für den 11. September: Mogadischu

September 10, 2009

SWR, 20.15

Mogadischu (D 2008, R.: Roland Suso Richter)

Drehbuch: Maurice Philip Remy

Buch zum Film: Timo Kortner: Mogadischu – Das Entführungsdrama der Landshut, 2008

Nach Heinrich Breloers hochgelobtem Zweiteiler „Todesspiel“ (auch schon über zehn Jahre alt) über den Deutschen Herbst 1977, diversen Dokumentationen (zum Beispiel letztes Jahr ein Zweiteiler) über die RAF, dem noch im Kino laufendem „Baader Meinhof Komplex“ mutet „Mogadischu“ etwas akademisch an. Denn die Fakten sind bekannt. Am 13. Oktober 1977 entführt ein palästinensisches Kommando die Lufthansa-Maschine Landshut. Nach einem mehrtägigen Irrflug landet das Flugzeug in Mogadischu und die GSG 9 beendet die Geiselnahme.

Neue Erkenntnisse, wie die Beteiligung des KGB an der Entführung und was Lufthansa-Pilot Jürgen Schumann machte, als er nach einer Notlandung in Aden zwanzig Minuten verschwand, ändern nichts an dem großen Bild.

Aber Autor Remy und Regisseur Richter verarbeiteten diese Geschichte jetzt zu einem die damaligen Ereignisse konzentriert nacherzählendem TV-Spielfilm, der auch im Kino überzeugt hätte. Einziger Kritikpunkt ist die derzeit angesagte Wackelkamera

Es ist ein ernsthafter Versuch der Annäherung (an die Wahrheit, A. d. V.). Wir bemühen uns, mit Verantwortung an ein Thema heranzugehen. Die Menschen, die das erlebt haben, sollen nicht davor sitzen und sagen: Was machen die denn da? Was erzählen die da?“ (Remy in der FAZ)

Das gleichnamige „Begleitbuch zum Film ‚Mogadischu’“ von Timo Kortner nimmt eine seltsame Zwischenstellung zwischen einem traditionellem Buch zum Film, also einer höchstens sparsam erweiterten Romanfassung des Drehbuchs, und einem Sachbuch über die Entführung ein. Denn Kortner führt relativ ausführlich in das gesellschaftliche Klima während der Schleyer-Entführung ein und er fügt immer wieder erklärende Passagen ein. Dabei gibt es im Buch und im Film eine Verschiebung der Perspektive von den Tätern zu den Opfern. Der Tatsachenroman „Mogadischu“ erzählt von Menschen in einer Ausnahmesituation und wie sie versuchen, diese zu überleben. Die Entführer bleiben dagegen, bis auf den durchgeknallten Captain Martyr Mahmud, blass. Und die Ideologie der Terroristen wird höchstens in einem Nebensatz gestreift; – was sie als Bösewichter noch bedrohlicher macht.

Kortners „Mogadischu“ ist ein packendes Drama, das auch eine gehörige Portion historisches Wissen vermittelt. Ein feines Buch.

Mit Nadja Uhl, Thomas Kretschmann, Christian Berkel, Said Tagmaqoui, Herbert Knaup, Simon Verhoeven, Jürgen Tarrach

Hinweise

ARD zum Film

FAZ: Interview mit Maurice Philip Remy über “Mogadischu” (24. November 2008)

FAZ (Michael Hahnfeld), Die Welt (Eckhard Fuhr), Spiegel Online (Christian Buß), Süddeutsche Zeitung (Christopher Keil), taz (René Martens), Die Zeit (Margit Gerste) über den Film „Mogadischu“

Kortner - Mogadischu

Das Buch zum Film

Timo Kortner: Mogadischu – Das Entführungsdrama der ‚Landshut’

Knaur, 2008

272 Seiten

9,95 Euro


Kurzkritik: Jack Ketchum „Beutegier“

September 7, 2009

Ketchum - Beutegier

Beutegier“ in drei wenigen Sätzen:

Beutegier“ ist die Fortsetzung von „Beutezeit“. Die Kannibalen sind zurück. Sie bringen in einem einsamen Landhaus in einer Mainacht in Maine mehrere Menschen um und verschleppen einige weitere. Sheriff George Peters, inzwischen pensioniert und passionierter Trinker, wird um Hilfe gebeten. Die Kannibalen werden wieder zu ihrer am Meer gelegene Höhle verfolgt.

Beutegier“ ist ein Remake von „Beutezeit“, bei dem die erfolgreichen Elemente des ersten Buches beibehalten wurden. Denn die Unterschiede sind gering. In „Beutegier“ erfahren wir mehr über die Kannibalen und wie sie zusammenleben. Einer der von den Kannibalen bedrohten Menschen ist ein soziopathischer Mörder. Das führt zu der durchaus interessanten Frage, wer schlimmer ist: die Kannibalen oder der Psychopath. Davon abgesehen ist das Blutzoll in der Frühlingsnacht, wie schon in Ketchums Debütroman „Beutezeit“, sehr hoch.

Aber im Gegensatz zu „Beutezeit“ tauchen in „Beutegier“ verdächtig viele Menschen, die nach menschlichem Ermessen tot sind, einige Seiten später wieder auf und beteiligen sich, wenn auch schwer verwundet, weiter an der Kannibalenjagd.

Also: spannend, blutig und schnell gelesen.

Aber insgesamt zu wenig neues aus der Welt der Kannibalen um vollkommen zu überzeugen.


Sunfilm will die gleichnamige Verfilmung Anfang 2010 auf DVD veröffentlichen. Und wenn der Film das Versprechen des aktuellen Trailers erfüllt, wäre das die vierte Ketchum-Verfilmung (von vier), mit der Ketchum sehr zufrieden sein kann.

Jack Ketchum: Beutegier

(übersetzt von Joannis Stefanidis)

Heyne, 2009

288 Seiten

8,95 Euro

Originalausgabe

Offspring

Overlook Connection Press, 1991

Verfilmung

Offspring (USA 2009)

Regie: Andrew van den Houten

Drehbuch: Jack Ketchum

mit Jessica Butler, Leigh Feldpausch, Stephen Grey, Amy Hargreaves, Art Hindle, Erick Kastel, Spencer List, Pollyanna McIntosh, Scott Mellema, Emma Elizabeth Messing, Andrew Elvis Miller, Will Miller, Preston Mulligan, Ed Nelson, Tommy Nelson, Taylor John Piedmonte, Ahna Tessler, Jana Veldheer, Rachel White

Hinweise

Homepage von Jack Ketchum

Homepage zur Verfilmung

Meine Besprechung von „Red“ (DVD)

Meine Besprechung von „Jack Ketchum’s The Lost“ (DVD)

Kriminalakte: Interview mit Jack Ketchum

Meine Besprechung von Jack Ketchums “Amokjagd” (Joyride, 1995)

Meine Besprechung von Jack Ketchums “Blutrot” (Red, 1995)


Der kriminelle Buchherbst – Teil 7: Random Murders, Part 1

September 2, 2009

Blanvalet

Oktober

Jeffery Deaver: Ein einfacher Mord (im Aktionspreis; Deaver veröffentlichte den Krimi ursprünglich als William Jefferies)

November

Steve Berry: Der Pandora-Effekt (Mystery-Thriller: Ex-Agent Cotton Malone sucht, um eine Gegenmittel gegen B-Waffen zu finden, das Grab von Alexander.)

Sandra Brown: Eisnacht (Taschenbuch-Ausgabe)

Jordan Dane: Assassin (Christian Delacorte soll auf Wunsch einer Mörderin seinen Vater, einen in Brasilien entführen Unterweltboss, befreien.)

Michael McBride: Reiter der Apokalypse (Auftakt einer Mystery-Trilogie)

Stephan M. Rother: Die letzte Offenbarung (Mystery-Thriller: Restaurator Amadeo Fanelli legt sich wegen den geheimen Aufzeichnungen des Apostels Johannes mit dem Vatikan an.)

Patrick Woodrow: Kalter Sog (Taschenbuch-Ausgabe. „Als hätte Clive Cussler das Drehbuch zu einem Alfred-Hitchcock-Film geschrieben.“ verspricht der Verlag)

Dezember

Dale Brown: Überschall (High-Tech-Thriller)

Robin Cook: Schock (Taschenbuch-Ausgabe eines Medizin-Thrillers)

Jeffery Deaver: Die Menschenleserin (Taschenbuch-Ausgabe)

Rob Grant/Doug Naylor: Roter Zwerg (ist SF, aber die Abteilung „Per Anhalter durch die Galaxis“ und basiert auf der BBC-Sitcom „Red Dwarf“)

Lucretia Grindle: Namenstag (Taschenbuch-Ausgabe eines in Florenz spielenden Psychothrillers)

Helena Reich: Engelsfall (Kommissar David Andel ermittelt in Prag)

Januar

Cindy Gerard: Wer den Tod begrüßt/Wer das Feuer sucht (Doppelband der unterhaltsamen Thriller mit der in Florida residierenden Bodguard-Agentur E. D. E. N..)

Laura Griffin: Der sanfte Kuss des Todes (Eine Phantomzeichnerin der Polizei muss gegen einen Serienkiller kämpfen.)

Martin Langfield: Maleficus (Mystery-Thriller: dieses Mal ist es Sir Isaac Newtons Formel für das Geheime Feuer, die eine Katastrophe verhindern kann.)

Chloe Palov: Die Saat des Feuers (Mystery-Thriller: Fundamentalistische Christen und Juden wollen, mit Hilfe der Bundeslade, die Ungläubigen aus dem Heiligen Land vertreiben. Nur zwei Menschen können sie aufhalten.)

Karin Slaughter: Verstummt (Taschenbuch-Ausgabe)

Vanda Symon: Der ungeschminkte Tod (Neuseeland-Thriller: Als die junge Polizistin Sam Shepard eine Zirkus überprüft, stößt sie auf die Spur zu einem Serienkiller. Der New Zealand Listener meint „Spannende Unterhaltung“.)

Februar

Clive Cussler/Dirk Cussler: Der Fluch des Khan (Taschenbuch-Ausgabe eines Dirk-Pitt-Thrillers)

Patrick Graham: Die Brut des Bösen (Eine FBI-Profilerin sucht ein elfjähriges Mädchen, das die letzte Hoffnung für die Menschheit gegen ein Virus ist.)

Colin Greenland: Sternendieb (Auftakt einer SF-Trilogie, die mit dem Arthur-C.-Clarke-Award und dem BSFA-Award ausgezeichnet wurde)

Mike Lawson: Hardliner (ist der dritte Thriller mit Joe DeMarco. Dieses Mal muss er einen Senator stoppen, der muslimische Attentate für seine Zwecke ausnutzen will.)

J. D. Robb: Das Herz des Mörders (Lieutenant Eve Dallas jagt einen Mörder, der Serienkiller kopiert.)

März

Katherine Howell: Ein grausames Versprechen (ein in Sydney spielender Lady-Thriller über einen Serienkiller, der eine Sanitäterin und eine Polizistin in Lebensgefahr bringt)

Tara Moss: Fetisch-Mörder/Freiwild (ein Doppelband mit einem Model als Ermittlerin)

James Rollins: Der Judas-Code (Taschenbuch-Ausgabe eines Sigma-Force-Thirllers)

Lisa Scott: Fatal (Ist der Adoptivsohn von Journalistin Ellen Gleeson vor der Adoption entführt worden? Oder hat er einen vermissten Zwillingsbruder? Gleeson recherchiert.)

April

Clive Cussler/Jack Du Brul: Seuchenschiff (Auf einem Kreuzfahrschiff entdeckt die Crew der „Oregon“ hunderte von Leichen. Sie wollen herausfinden, warum die Menschen sterben mussten und stoßen auf eine Verschwörung.)

Linda Fairstein: Tödliches Vermächtnis (Ein neuer Fall für Alex Cooper.)

Phillip Gwynne: Vor dem Regen (Der Krimi aus Australien ist das Krimidebüt eines preisgekrönten Jugendbuchautors.)

Iris Johansen: Riskante Träume (Daniel will die von Terroristen entführte Zilah befreien. Auf ihrer anschließenden Flucht kommen sie sich näher.)

James Patterson: Die 6. Geisel (Taschenbuch-Ausgabe des sechsten Auftritts von Lieutenant Lindsay Boxer und dem Women’s Murder Club)

Hinweis

Der kriminelle Buchherbst – Teil 1: Ein Halleluja für Hollywood (Alexander Verlag, Belleville, Bertz + Fischer, Henschel)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 2: Zurück in die Provinz (Emons, Gmeiner)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 3: Regionale Küche, teils mit ausländischem Einschlag (Edition Nautilus, Grafit, Pendragon)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 4: Gemischte Küche, hauptsächlich aus fremden Gefilden (Edition Phantasia, Liebeskind, Rotbuch, Tropen, Unionsverlag)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 5: Nochmal gemischte Küche (Fischer Verlag)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 6: Hauptsächlich regional, aber mit südamerikanischem Einschlag (Edition Köln, Matthes & Seitz, Verbrecher Verlag)


Mörderischer Ruhrpott – die True Crime Edition

August 26, 2009

Bohn - Ein Mord genügt

Weil das Buch schon etwas länger gelesen bei mir herumliegt und ich die für eine geplante Sammelbesprechung anderen Bücher immer noch nicht gelesen habe (Warum hat ein Tag nur 24 Stunden? Warum muss ich schlafen?), gibt es heute eine Kurzkritik von Nicolette Bohns „Ein Mord genügt“. Neben „Die Macht des Bösen – Wahre Kriminalfälle aus Österreich“ von Helga Schimmer war das im Frühjahr der Auftakt der neuen Reihe „emons: True Crime“ .

Bohn schildert in „Ein Mord genügt“ neun wahre Kriminalfälle aus dem Ruhrgebiet aus den Sechzigern und Siebzigern. Es sind eher kleine, alltägliche Fälle, die allerdings alle etwas über die damaligen moralischen Standards erzählen. Bei der Schilderung der Fälle steht meist der Weg zur Tat im Mittelpunkt. Sie versucht zu beantworten, wie ein Mensch zum Mörder wird. Und warum ein anderer Mensch das Opfer ist. Insofern orientiert sie sich an dem Forschungsprogramm der Viktimologie. Die Ermittlungen der Polizei interessieren sie dagegen weniger.

Schade ist allerdings, dass ihre Schilderungen normalerweise beim Urteilsspruch aufhören und sich wie eine Zusammenfassung der, von ihr auch zitierten, Gerichtsakten und einschlägiger Zeitungsartikel lesen. Denn gerade weil zwischen den Taten und der Veröffentlichung von „Ein Mord genügt“ so viel Zeit vergangen ist, wäre es interessant zu wissen, was die damals Beteiligten heute denken. Wie sie die Ereignisse verarbeitet haben und wie sie heute leben.

Ebenfalls schade ist, dass Bohn ihre Auswahl der Fälle nicht genauer begründet. Ich vermute, dass sie die Mordfälle danach ausgewählt hat, wie sehr sie gerade aufgrund der damaligen moralische Standards, wie dem Verschweigen von Homosexualität, Gewalt in der Familie und Borniertheit, geschehen konnten. Hier hätte die Chance bestanden, die Fälle viel stärker zu einem Sittengemälde des Ruhrgebiets in den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts auszubauen. So bleiben sie nur eine Sammlung von neun, etwas willkürlich zusammengestellten Kriminalfällen, die ohne große Änderungen auch vor dreißig Jahren hätte erscheinen können.

Also: kein Pflichtkauf, aber auch keine Zeitverschwendung und ein okayer Auftakt einer neuen Reihe.

Nicolette Bohn: Ein Mord genügt – Neun wahre Kriminalfälle aus den 60er und 70er Jahren

Emons, 2009

192 Seiten

9,90 Euro


Inglourious Basterds: Seeßlen, Tarantino und die Nazis

August 23, 2009

Seesslen - Quentin Tarantino gegen die Nazis

Die Hunderttausend-Euro-Frage ist: Soll ich zuerst Quentin Tarantinos neuen Film „Inglourious Basterds“ ansehen oder Georg Seeßlens Buch über den Film lesen? Denn auf sechzig Seiten erzählt der Filmhistoriker und Kritiker die Handlung, ergänzt um die wenigen Szenen, die im Drehbuch standen, es aber nicht in die Kinoversion geschafft haben, haarklein nach. Da gibt’s dann im Kino keine Überraschung mehr. Aber dafür kann jedes Bild, jeder Ton, jeder Name, jeder Fetzen Dialog (und davon gibt es hier mehr als Tarantino-üblich) in die Filmgeschichte einsortiert werden. Denn erstens ist Quentin Tarantino ein Filmfanatiker, der ebenso schamlos wie gekonnt seine Vorbilder zitiert, und zweitens ist Georg Seeßlen mindestens ein genauso großer Filmfanatiker, der ebenso schamlos sein Wissen ausbreitet und jede Anspielung erklärt. Manchmal tut er dabei des Guten zuviel. Wenn Seeßlen ausführt, dass der Name des Ortes Nadine wahrscheinlich nicht von Christoph Martin Wielands Erzählung, sondern von Robert Bentons eher unbekanntem Film inspiriert sei, ist fraglich, ob Tarantino überhaupt an eines der Werke dachte oder nur einen eingängigen Namen gesucht hat. Bei der in Nadine spielenden Kneipenszene, in der deutsche Soldaten, einige Basterds und ein deutscher Filmstar ein Ratespiel spielen, kann Seeßlen richtig loslegen und ein gutes Dutzend Namensreferenzen erklären. Filmische Anspielungen, deren zahlreichen Umkehrungen und Variationen innerhalb des Films erklärt er sowieso auf den 170 engbedruckten Buchseiten.

Seeßlen ordnet Tarantinos Film auch in die Geschichte des während der Nazidiktatur spielenden Kriegsfilms ein. Dabei sei für „Inglourious Basterds“ vor allem die Variante des „Dirty War Movies“, wie „Das dreckige Dutzend“, und dessen italienische Spielart wichtig. Immerhin ist Tarantinos Film ein Remake von Enzo G. Castellaris „The Inglorious Bastards“ und Tarantino ist seit Jahrzehnten ein Fan von dem Werk. Bei Seeßlen sind die „Dirty War Movies“ vor allem durch eine unklare Grenze zwischen Gut und Böse und der damit verbundenen Abwesenheit von eindeutigen Vorbildern gekennzeichnet. Bei den italienischen Kriegsfilmen (vulgo Italo-Trash) kommt dann noch eine deutliche Verwandtschaft zum Italo-Western (eigentlich wurden die gleichen Drehbücher mal als Western, mal als Kriegsfilm verfilmt) hinzu. Der gemeinsame Nenner all dieser in einem moralischen Niemandsland spielenden Filme ist die zynische Weltsicht. Auch in „Inglourious Basterds“ sind alle Protagonisten, ohne zu zögern, bereit für ihre Ziele Gewalt anzuwenden und zu morden.

Vor allem das erste Kapitel (Tarantino hat „Inglourious Basterds“ wie üblich in einzelne Kapitel aufgeteilt) ist ohne die Breitwand-Italo-Western von Sergio Leone nicht denkbar. In ihm taucht der Judenjäger Hans Landa auf einem einsamen Bauernhof auf. Er glaubt, dass dort Juden versteckt sind. In einem langen, unglaublich spannenden Gespräch findet er heraus, wo sie versteckt sind und er lässt sie töten. Nur Shosanna kann entkommen.

In seinem deutlich von Leone inspiriertem Ensemblefilm erzählt Tarantino mehrere Geschichten, die in einem Kino in Paris explosiv zusammenstoßen. Das sind die Basterds. Eine von Lt. Aldo Raine geführte Gruppe Juden, die in Frankreich Nazis skalpieren. Das ist die Jüdin Shosanna Dreyfus, die in Paris untergetaucht ist, ein Kino betreibt und jetzt, auf Wunsch des in sie verliebten Kriegshelden Fredrick Zoller, in einer großen Premiere mit Nazi-Prominenz einen wichtigen Kriegsfilm zeigen soll. Und natürlich ist es die Geschichte des gnadenlosen Judenjägers Col. Hans Landa, der bei der Premiere die Sicherheit garantieren soll. Dazu kommt noch, quasi als Subplot die Geschichte des Filmstars Bridget von Hammersmark, die als Agentin für die Briten arbeitet.

Inglourious Basterds“, führt Seeßlen aus, „ist eine Rachephantasie, die sich um die historische Realität nicht kümmert, weil für Tarantino sowieso schon immer das Kino die bessere Wirklichkeit war. Diese Unverschämtheit, die Geschichte einfach zu ignorieren, hat bislang noch kein Film gehabt. Das Kino rächt sich nicht nur an jenen Personen, die, bevor sie selber sterben mussten, der Welt viel Unheil und Tod brachten. Das Kino rächt sich an der ungerechten Wirklichkeit selber.

Dass dies einer der wenigen Filme ist, die nicht gleichsam die Geschichte des deutschen Faschismus weitererzählen, die nicht auf den Nazi-Todeskitsch hereinfallen, die sich rüpelhaft und mühelos über die Schwere des Mythos hinwegsetzen, liegt nicht zuletzt an seiner Erzählweise. ‚Inglourious Basterds‘ ist keine Heldenreise und kein Erziehungsroman.“

Sein Buch „Quentin Tarantino gegen die Nazis“ funktioniert prächtig als schnell geschriebenes Kompendium zum Film und als Interpretationshilfe. Sicher hätte man einiges straffen und gerade das letzte Kapitel „Mr. Tarantinos Kriegserklärung“ stringenter auf einen Punkt hin formulieren können. Aber dafür liefert Seeßlen in der ersten, umfassenden Einschätzung und Einordnung von Tarantinos neuestem Film ein Übermaß an Informationen und inspirierenden Gedanken.

Wer also zuerst Tarantinos Film gesehen hat, wird nach der Lektüre von Seeßlens Buch wieder ins Kino gehen wollen. Allein schon, um die vielen in „Quentin Tarantino gegen die Nazis“ erwähnten Bezüge und Querverweise zu überprüfen.

Wenn möglich sollte spätestens dann die Originalfassung mit dem bunten (natürlich untertitelten) Sprachgemisch aus Deutsch, Englisch, Französisch und etwas Italienisch genossen werden. Denn nur dann kann der sehr unterhaltsame, episodische 150-minütige Mix aus Italo-Western und Nazi-Kriegsfilmen, garniert mit unzähligen filmischen Anspielungen, guten Mono- und Dialogen und einem grandiosen Ensemble, seine volle Wirkung entfalten.

Georg Seeßlen: Quentin Tarantino gegen die Nazis – Alles über „Inglourious Basterds“

(Kleine Schriften zum Film: 1)

Bertz + Fischer, 2009

176 Seiten

9,90 Euro

Der Film

Inglourious Basterds (Inglourious Basterds, USA/D 2009)

Regie: Quentin Tarantino

(Regie „Nation’s Pride“: Eli Roth)

Drehbuch: Quentin Tarantino

(deutsche Dialoge: Tom Tykwer; französische Dialoge: Nicholas Richard)

mit Brad Pitt, Mélanie Laurent, Eli Roth, Christoph Waltz, Michael Fassbender, Diane Kruger, Daniel Brühl, Til Schweiger, Gedeon Burkhard, Jacky Ido, B. J. Novak, Omar Doom, August Diehl, Sylvester Groth, Martin Wuttke, Mike Myers, Julie Dreyfus, Mike Myers, Rod Taylor, Sönke Möhring, Ken Duken, Christian Berkel, Ludger Pistor, Jana Pallaske, Bo Svenson, Enzo G. Castellari (als er selbst), Samuel L. Jackson (Erzähler in der Originalversion)

Ein älterer Trailer mit der Rede von Lt. Aldo Raine (war glaube ich der erste Trailer)


Ein neuer Trailer, der viel vom Ende verrät (und einen anderen Film verspricht)


Und nun die Rede von Lt. Raine im Original

Oder so?

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Inglourious Basterds“

Collider: Interviews zum Film mit Christoph Waltz, Eli Roth, Samm Levine, B. J. Novak, Diane Kruger und Melanie Laurent

YouTube: Cannes-Pressekonferenz „Inglourious Basterds“ (Teil 1, Teil 2)

The Quentin Tarantino Archives (Fanseite)

Everthing Tarantino (dito)

Q-Tarantino.de (noch eine Fanseite)