Mörderischer Herbst I – Pendragon, Edition Nautilus, Unionsverlag

Juli 3, 2008

Was bringt der Herbst? Natürlich krimitechnisch betrachtet. Den Aufschlag – weil sie den Herbst bereits im Hochsommer beginnen lassen – machen drei Verlage, die auch Kriminalromane veröffentlichen und dabei oft ein glückliches Händchen haben:

Pendragon

Oder: der Verlag, der viele zu Unrecht vergessene Autoren wieder verlegt, teils mit neuen Büchern, teils in Überarbeitungen und teils in Neuauflagen . Ich sage nur Robert B. Parker (In Amerika ein Bestsellerautor), Ernest Tidyman („Shaft“), D. B. Blettenberg (Hey, wann kommt der neue Roman?), Fred Breinersdorfer (dito: Wo bleibt der neue Roman?), Frank Göhre (Schon „Mo“ gelesen?), Roger Graf und Wolfgang Schweiger. Sam Jaun stößt jetzt dazu.

Juni

Pieke Biermann: Der Asphalt unter Berlin (Kriminalreportagen aus der Metropole)

Sam Jaun: Die Brandnacht (Endlich wieder erhältlich!)

Roland Voggenauer: Übersee (Die Bachlers haben eine dunkle Vergangenheit und das Ehepaar Staudacher wird sie aufdecken.)

Juli

Rainer Gross: Weiße Nächte (Sein mit dem Glauser ausgezeichnetes Debüt „Grafeneck“ war die Überraschung des letzten Jahres. Kann er mit dem Folgewerk die Erwartungen befriedigen?)

Michael Koglin: Der du bist dem Vater gleich (Der Obdachlose Omen, die Journalistin Juli und der Ex-Standesbeamte Harley suchen den Mörder einer Pferdepflegerin. Hm, ist wohl mehr Comedy als Krimi.)

August

Sabine Ernst: Kaltes Nest (Debüt: Ein Unbekannter überfällt Frauen. Die Polizei steht vor einem Rätsel.)

Roger Graf: Der Mann am Gartenzaun (Zweiter Fall für Damian Stauffer von der Kripo Zürich: in einer stillgelegten Fabrik wird ein Skelett entdeckt.)

Heinrich-Stefan Noelke: Das Kind im Glas (Bentsen fühlt sich für den Pechvogel Nesto verantwortlich. Als Nesto einen Unternehmer entführt, muss Bentsen etwas tun.)

Robert B. Parker: Der gute Terrorist – Ein Auftrag für Spenser (Nach „Kopfpreis für neun Mörder“ [The Judas Goat, 1978] muss Spenser sich wieder mit Terroristen herumschlagen.)

September

Jutta Motz: Späte Seilschaften (Nach dem Ende des Kalten Krieges stehen ein Oxford-Professor und ein Stasi-Mann unter Mordverdacht. Nur gemeinsam können sie ihre Unschuld beweisen. „Ein tiefgründiger Plot vor dem Hintergrund der neueren deutschen Geschichte“, sagt der Verlag.)

Roger Strub: Hand angelegt (Nach den Tod einer Studentin stößt die Polizei auf erotische Chatrooms und ungeklärte Morde in verschiedenen europäischen Ländern.)

Edition Nautilus

Oder, seit dem Überraschungserfolg „Tannöd“, der Andrea-Maria-Schenkel-Verlag

30. Juni

Robert Brack: Und das Meer gab seine Toten wieder (ist bereits erschienen; spielt in den Dreißigern und liegt auf meinem „unbedingt zu lesen“-Stapel. Denn sein vorheriger Krimi „Schneewittchens Sarg“ gefiel mir sehr gut. Doch jetzt habe ich mir endlich den schon lange überfälligen neuen Harlan-Coben-Roman „Das Grab im Wald“ geschnappt.)

27. August

Kaliber .64

Marita und Jürgen Alberts: Tod in der Quizshow (Ein Filmproduzent bringt vor laufender Kamera einen Quizmoderator um. Der Sender will allerdings, bevor der Mord publik wird, die noch nicht ausgestrahlten Folgen senden. – Das klingt ziemlich durchgeknallt.)

Wolfgang Schorlau: Ein perfekter Mord (Ein Krimiautor soll den perfekten Mord erfinden. Als dieser in die Tat umgesetzt wird, hat der Autor ein Problem.)

Manfred Wieninger: Die Rückseite des Mondes („Eine bösartige Geschichte aus der österreichischen Provinz“, schreibt der Verlag über diese Geschichte ohne Wieningers Serienhelden Marek Miert.)

Unionsverlag

Bekannte Namen bestimmen das Herbst-Programm:

25. Juli

Hannelore Cayre: Das Meisterstück (zweiter Auftritt von Lumpenadvokat Leibowitz: einer seiner Stammkunden ist angeklagt, einen aufsehenerregenden Kunstraub begangen zu haben. Leibowitz schnüffelt ein wenig herum und befindet sich in einer Raubkunst-Affäre wieder.)

Friedrich Glauser: Das erzählerische Werk in vier Bänden (nun, die vier einzeln erhältlichen Bücher in einer Kassette)

Bruno Morchio: Wölfe in Genua (In seinem zweiten Fall soll Privatdetektiv Bacci Pagano im Auftrag der Versicherung den Tod eines Rentners aufklären. Denn der mit einer jungen, bildhübschen Frau Verheiratete schloss kurz vor seinem Tod eine millionenschwere Lebensversicherung ab.)

Leonardo Padura: Der Nebel von gestern (Mario Conde verliebt sich in das Bild einer auf rätselhafte Weise verstorbenen Bolero-Sängerin aus den Fünfzigern. Er will mehr herausfinden.)

Nury Vittachi: Shanghai Dinner (Taschenbuch-Ausgabe)

Fett kursiv: auf diese Bücher freue ich mich besonders.


Erfreuliche Rückkehr

Juni 30, 2008

Nach einer vierjährigen Pause darf Celil Okers in Istanbul lebender Privatdetektiv Remzi Ünal endlich seinen vierten Fall auf Deutsch aufklären. In „Schnee am Bosporus“ deckte Remzi Ünal Drogengeschäfte an der Uni auf. In „Foul am Bosporus“ geriet er zwischen zwei Textilmanager, die jeweils ihren Fußballclub auch mit illegalen Mitteln zum Sieg führen wollten. In „Letzter Akt am Bosporus“ suchte er den Mörder einer jungen Schauspielerin in Szene-Milieu von Off-Theatern. Danach fiel der Vorhang.

Am Anfang von „Dunkle Geschäfte am Bosporus“ hat Remzi Ünal sich zurückgezogen. Er hat einfach keine Lust mehr, sich in das Leben von anderen Menschen einzumischen. Da wird er von Muazzez Güler, der Chefin einer Computerfirma, aufgesucht. Sie beauftragt ihn mit dem Eintreiben von Schulden bei Sinan Bozacioglu.

Als Ünal am Abend in ihrem Geschäft sein Geld abholen will, ist seine Auftraggeberin tot. Erwürgt mit einem Kabel. Ünal kann mit dem ihm zustehenden Geld unerkannt den Tatort verlassen.

Kurz darauf wird er zu einem Gespräch mit dem Mann der Verstorbenen, dem einflussreichen Lokalpolitiker Kadir Güler, gebeten. Er fordert Ünal auf, ihm Bozagioglu zu bringen, damit er sich an ihm für den Tod seiner Frau rächen kann. Sonst werde er Ünal der Polizei als Täter übergeben. Notgedrungen erklärt Ünal sich bereit Bozagioglu zu suchen. Ünal hofft so, das Schlimmste zu verhindern und den wirklichen Täter zu überführen.

Ex-Pilot Remzi Ünal wandelt als allein-lebender Privatdetektiv gelungen in den Spuren seiner US-amerikanischen Vorbilder. Aber Celil Oker hat ihm einige Hobbys (vor allem das Fliegen in einem Flugsimulator) und Freunde (die in „Dunkle Geschäfte am Bosporus“ nicht auftauchen) zur Seite gestellt. Und die Geschichten spielen nicht im Los Angeles des vorigen Jahrhunderts, sondern im heutigen Istanbul (obwohl der kulturelle Hintergrund in den vorherigen Remzi-Ünal-Romanen präsenter war). Doch der Hang des Privatdetektivs, sich in das Leben von anderen Menschen einzumischen, ein loses Mundwerk zu haben und sich mit Anderen zu schlagen (öfters als in den vorherigen Remzi-Ünal-Krimis) ist universell. Ebenso die Neigung des Privatdetektivs, sich auf die Seite der Schwachen zu stellen.

„Es gibt ein Zitat von Raymond Chandler, das genau beschreibt, was ich seit Jahren versuche: ‚Der Detektivroman ist eine Tragödie mit Happy End.’ Ich will gar nicht über diese Definition hinaus. (…) Also, lasst mich meinen Spaß mit dem Ende aller meiner Bücher haben, die genau so happy ausgehen, wie Chandler das gemeint hat. Und ich weiß, dass ernsthafte Leser von Detektivromanen das genauso sehen und erwarten…“ (Celil Oker)

„Dunkle Geschäfte am Bosporus“ ist ein kurzweiliger Privatdetektivkrimi, der sich hinter den US-amerikanischen Vorbildern nicht verstecken muss. Celil Oker hat es wieder einmal geschafft.

Celil Oker: Dunkle Geschäfte am Bosporus

(übersetzt von Nevfel Cumart)

Unionsverlag, 2008

256 Seiten

9,90 Euro

Originalausgabe

Son Ceset

Dogan Kitapcilik, Istanbul 2004

Die Werke von Celil Oker

Schnee am Bosporus (Ciplak Ceset, 1999)

Foul am Bosporus (Kramponlu Ceset, 1999)

Bin Lotluk Ceset, 2000

Letzter Akt am Bosporus (Rol Calan Ceset, 2001)

Dunkle Geschäfte am Bosporus (Son Ceset, 2004)

Bir Sapka, Bir Tabanca, 2005

Hinweise

Unionsverlag über Celil Oker

Alligatorpapiere: Befragung von Celil Oker (2008 )


Sechzehn Treffer von Jeffery Deaver

Juni 26, 2008

“Kurzgeschichten sind wie die Kugeln eines Heckenschützen. Schnell und vernichtend“, schreibt Jeffery Deaver im Vorwort zu seiner zweiten Kurzgeschichtensammlung „Gezinkt“. In ihr sind fünfzehn bereits an verschiedenen Orten veröffentlichte und eine neue Geschichte mit Lincoln Rhyme abgedruckt. Jede dieser Geschichten ist – um in der Metapher zu bleiben – ein tödlicher Schuss. Fast alle Schüsse treffen dabei voll ins Schwarze. Denn egal ob die Geschichte im viktorianischen England (mit einem Gastauftritt von Sherlock Holmes), im heutigen Italien oder in den USA in der Großstadt oder auf dem Land spielt, hat jede Geschichte eine überraschende Pointe. Die Guten entpuppen sich als Böse – und umgekehrt. Und einige Charaktere sind schlauer, als es auf den ersten Blick scheint. Oh, und, niemand (besonders nicht den Guten) kann in den sechzehn grandiosen Geschichten von Jeffery Deaver vertraut werden.

In „Der Voyeur“ – zum Beispiel – verliebt sich in Des Moines der vierundvierzigjährige Rodney Pullmann in die schöne, jüngere Nachbarin Tammy Hudson. Er überlegt, wie er sie ansprechen kann. Da entdeckt er einen anderen Mann, der sie heimlich beobachtet. Rodney beschließt sie anzusprechen, indem er vor ihren Augen den Voyeur vertreibt. Doch sein Plan geht schief, denn die Nachbarin ist nicht so unschuldig, wie Rodney glaubte, der Voyeur ist nicht an ihren sexuellen Reizen interessiert und Rodney sitzt am Ende im Knast. Denn Tammy ist einer der erfolgreichsten und am schwersten zu fassenden Drogenhändler Südkaliforniens und der Voyeur war ein Polizist, der von der flüchtigen Tammy – dank Rodneys Intervention – erschossen wurde. Die einzige Chance für Rodney ist, eine Anklage wegen Stalking zu akzeptieren. Deswegen war er bereits in Iowa zu einer Haftstrafe verurteilt worden.

Die anderen fünfzehn Geschichten, über die hier nichts verraten werden soll, um die Spannung nicht zu nehmen, enden mit ähnlich überraschenden Wendungen. Jeffery Deaver beweist in „Gezinkt“ sechzehn Mal, dass er nicht nur ein Meister der großen sondern auch der kleinen Form ist.

Jeffery Deaver: Gezinkt

(übersetzt von Fred Kinzel)

Blanvalet 2008

544 Seiten

8,95 Euro

Originalausgabe

More Twisted

Simon & Schuster, 2006

„Gezinkt“ enthält diese Kurzgeschichten

– Kapitel und Vers (Chapter and Verse – in Robert J. Randisi [Hrsg.]: Greatest Hits: Original Stories of Hitmen, and Hired Guns, and Private Eyes, 2005)

– Der Pendler (The Commuter – in Alfred Hitchcock Mystery Magazine, April 1998 )

– Der westfälische Ring (The Westphalian Ring – in

Ellery Queen’s Mystery Magazine, September/Oktober 2004

Ed Gorman/Martin H. Greenberg [Hrsg.]: The Adventure of the Missing, 2005)

– Überwachung (Surveillance – in

Ellery Queen’s Mystery Magazine, August 2002

Ed Gorman/Martin H. Greenberg [Hrsg.]: The World’s Finest Mystery and Crime Stories: Fourth annual collection. The best mystery stories of 2002, 2003)

– Das schwarze Schaf (Born Bad –

in Otto Penzler [Hrsg.]: Dangerous Women: A short story collection with tales about dangerous women, 2005

in Ed Gorman [Hrsg.]: The Deadly Bride and 21 of the Year’s Finest – Crime and Mystery Stories, Vol. 2, 2006

in Scott Turow/Otto Penzler [Hrsg.]: The Best American Mystery Stories 2006, 2006)

– Die Vernehmung (Interrogation – in

Alfred Hitchcock’s Mystery Magazine, April 1996

Cynthia Manson [Hrsg.]: Law and Order: Good cops, bad cops, savvy detectives, and tricky attorneys, 1997)

– Angst (Afraid – in The Jeffery Deaver Newsletter vom 23. November 2005)

– Der Freispruch (Double Jeopardy – in Ellery Queen’s Mystery Magazine,

September/Oktober 1997)

– Das Mädchen im Stollen (Tunnel Girl – in Ellery Queen’s Mystery Magazine, Dezember 2005)

– Die Locard’sche Regel (Locard’s Principle (an original Lincoln Rhyme story))

– Kalte Rache (A Dish Served Cold – in Amazon Shorts [Downloadbar bei Amazon.com])

– Der Nachahmungstäter (Copycat – in

Ellery Queen’s Mystery Magazine, Juni 2003

Tony Hillerman/Rosemary Herbert [Hrsg.]: A New Omnibus of Crime, 2005)

– Der Voyeur (The Voyeur – in Ellery Queen’s Mystery Magazine, Januar 2005)

– Die Pokerlektion (The Poker Lesson – in John Harvey [Hrsg.]: Men from Boys: A collection with men writing about what it is to be a man, 2003)

– Siebenundreißig Grad (Ninety-eight Point Six – in Jeffery Deaver [Hrsg.]: A Hot and Sultry Night for Crime: When temperatures rise, tempers flare in this anthology, 2003)

– Immer einen Besuch wert (A Nice Place to Visit – in Lawrence Block [Hrsg.]: Manhattan Noir, 2006)

Hinweise

Homepage von Jeffery Deaver

Deutsche Homepage von Jeffery Deaver

Meine Besprechung von “Die Menschenleserin” (The sleeping doll, 2007)

Meine Besprechung von „Auf ewig“ (Forever, in Ed McBain [Hrsg.]: Die hohe Kunst des Mordens [Transgressions, 2005])


Frank Corsos Ende?

Juni 25, 2008

Der sechste Frank-Corso-Thriller „Die Spur des Blutes“ von G. M. Ford endet mit einem Cliffhanger, der – weil es bis jetzt noch keinen weiteren Corso-Roman gibt – auch das Ende einer guten Serie sein könnte. Damit würde G. M. Ford immerhin den Ratschlag befolgen, aufzuhören, wenn es am schönsten ist. Denn natürlich gibt es in „Die Spur des Blutes“ auch all die Elemente, die die vorherigen Corso-Romane zu einem spannenden Leseerlebnis für die Fans harter, abwechslungsreicher Thriller mit einer gesellschaftskritischen Komponente machten. Denn im Gegensatz zu den letztendlich doch sehr formelhaften Jack-Reacher-Romanen von Lee Child mit ihrer klaren Moral, führt G. M. Ford seine Leser immer wieder in die grauen Zwischenräume zwischen Gut und Böse und er legt den Finger auf die Wunden der US-amerikanischen Gesellschaft.

In „Die Spur des Blutes“ schickt Corsos neuer Verleger seinen True-Crime-Bestsellerautor nach Pennsylvania. Dort geschah vor einem Jahr in Edgewater ein ungewöhnlicher Bankraub. Nathan Marino betrat mit einem Sprengstoffhalsband die Bank und forderte Geld. Als er die Bank verließ, war die Polizei bereits da. Während sie auf das Bombenentschärfungskommando warteten, explodierte die Bombe. Jetzt soll Corso ein Buch darüber schreiben. Corso ist von diesem Auftrag nicht begeistert. Und über den von seinem Verleger entfachten Medienwirbel ist er extrem stinkig. Aber nachdem mehrere Anschläge auf ihn verübt werden, ist seine Neugierde geweckt. Zu seinem Schutz und als Hilfe bei den Recherchen schickt ihm sein Verleger die Kriegsreporterin Chris Andriatta.

Während Corso mit ihr den Kleinstadtsumpf aufwühlt, geschehen nach dem gleichen Muster an der Westküste weitere Banküberfälle. Da bittet ihn das FBI ziemlich rabiat, ihnen mit seinem Wissen bei den Ermittlungen zu helfen. Denn bereits in der Vergangenheit wusste Frank Corso mehr als die Polizei.

Der Ausgangspunkt für „Die Spur des Blutes“ ist ein wahrer Kriminalfall. Am 23. August 2003 überfiel Pizzafahrer Brian Douglas Wells in Erie, Pennsylvania, eine Bank. Als er von der Polizei geschnappt wurde, sagte er, drei Männer hätten ihn gezwungen eine Halsbombe zu tragen und sie ihn, wenn er nicht kooperiere, umbringen würden. Wie in Fords Roman explodierte auch in der Wirklichkeit die Bombe bevor das Bombenentschärfungskommando ankam. Im Gegensatz zum Roman hält die Polizei Wells inzwischen für einen Mittäter.

Ausgehend von diesem Fall entwirft G. M. Ford einen spannenden Thriller mit gewohnt pointierten Dialogen und überraschenden Wendungen. Fast nebenbei wird in „Die Spur des Blutes“ der Umgang des Staates mit Kriegsveteranen thematisiert.

In den USA erschien im Februar sein erster Standalone „The nameless night“. Und G. M. Fords sechs Leo-Waterman-Privatdetektivromane sind auch noch nicht übersetzt.

G. M. Ford: Die Spur des Blutes

(übersetzt von Leo Strohm)

Goldmann, 2008

320 Seiten

7,95 Euro

Originaltitel

Blown Away

William Morrow, 2006

Die Recherchen von Frank Corso

Erbarmungslos (Fury, 2001)

Killerinstinkt (Black River, 2002)

Die Spur des Bösen (A blind eye, 2003)

Rotes Fieber (Red Tide, 2004)

Die Geisel (No man’s land, 2005)

Die Spur des Blutes (Blown away, 2006)

Hnweise

January Magazine: Interview mit G. M. Ford (1999)

Books’n’Bytes: Interview mit G. M. Ford (2003)

Wikipedia über Brian Douglas Wells und die wahren Hintergründe

Post-Gazette über den Fall (3. September 2003)


Elders dritter Streich

Juni 23, 2008

Mit „Schlaf nicht zu lange“ beendet John Harvey gelungen seine Frank-Elder-Trilogie. Ex-Detective Frank Elder genießt immer noch das einsame Leben in Cornwall, als ihn seine Ex-Frau Joanna anruft. Sie bittet ihn Claire Meecham, die spurlos verschwundene Schwester einer ihrer Freundinnen, zu suchen. Elder, der die Gelegenheit wahrnimmt seine Tochter Katherine wieder zu sehen, beginnt sich umzuhören. Schnell entdeckt er, dass Claire Meecham nur äußerlich eine ältliche Jungfer war. In ihrer Wohnung findet er Sexspielzeug. Im Geheimen traf sie sich mit Männern, die sie über das Internet kennen gelernt hatte. Doch er findet nicht heraus, warum sie verschwunden ist.

Kurz darauf taucht sie wieder auf. Sie liegt tot in ihrem Bett. Als Elder die sorgfältig hergerichtete Leiche sieht, erinnert er sich an seinen ersten Mordfall in Nottinghamshire. 1997 war Irene Fowlers Leiche ähnlich arrangiert worden. Der Mörder wurde nie gefasst. Zusammen mit seiner alten Partnerin Maureen Prior beginnt er zu ermitteln.

In England ist John Harvey als Erfinder von Charlie Resnick, der auch in den „Schlaf nicht zu lange“ einen kurzen Auftritt hat, bekannt und bei Kollegen, Kritikern und Lesern sehr beliebt. Sein erster Elder-Roman „Schrei nicht so laut“ erhielt den Silver Dagger. Einige meinten, er hätte den Hauptpreis verdient gehabt. 2007 erhielt er den Cartier Diamand Dagger für sein Lebenswerk. Und seit anderthalb Jahren wird Harvey, nach einer jahrelangen Übersetzungspause, und bei einem neuen Verlag, auch von den deutschen Lesern angenommen.

Denn John Harvey ist ein angenehm altmodischer Geschichtenerzähler. Bei ihm wimmelt es nicht von durchgeknallten Serienkillern, problembelastet-trübsinnigen, alkoholsüchtigen Ermittlern, länglichen sozialpolitischen Statements und seitenfüllenden privaten Erzählsträngen, die mit der Haupthandlung nichts zu tun haben. Natürlich erzählt John Harvey auch von Frank Elders problematischer Beziehung zu seiner Frau und seiner Tochter, die in „Schrei nicht so laut“ entführt wurde und in „Schau nicht zurück“ mit dem Gesetz in Konflikt geriet. Doch diese Geschichte gerät nie in Konflikt mit den Mordermittlungen.

Den letztendlich banalen Mordfall mit einer überschaubaren Zahl von Verdächtigen und einem Verdächtigen, der sehr schnell zum Hauptverdächtigen avanciert, präsentiert John Harvey mit der Souveränität eines großen Erzählers. Während Elder mit Zeugen und Verdächtigen spricht und langsam den Täter einkreist, wird in kurzen Kapiteln aus der Jugend des Mörders erzählt. So wird auch der Mörder neben Elder, seinen Freunden und den Opfern zu einem dreidimensionalen Charakter.

„Schlaf nicht zu lange“ ist ein Kriminalroman, der von Menschen, ihren Problemen und Hoffnungen handelt. Alltag eben.

John Harvey: Schlaf nicht zu lange

(übersetzt von Sophie Kreutzfeld)

dtv, 2008

432 Seiten

8,95 Euro

Originalausgabe

Darkness & Light

William Heinemann, London 2006

Die Ermittlungen von Frank Elder

Schrei nicht so laut (Flesh & Blood, 2004)

Schau nicht zurück (Ash & Bone, 2005)

Schalf nicht zu lange (Darkness & Light, 2006)

Hinweise

Homepage von John Harvey

dtv: Interview mit John Harvey

Guardian: Interview mit John Harvey (29. Dezember 2007)

Krimi-Couch über John Harvey

Meine Besprechung von “Schau nicht zurück”


Fünf Fragen an Alfred Hellmann

Juni 19, 2008

Nach einer mehrjährigen Pause als Krimiautor (in der Zwischenzeit schrieb Alfred Hellmann Kabarettprogramme und das Sachbuch „Disziplin für Faule“, übersetzte Bücher und organisierte in Berlin die feine Veranstaltungsreihe „Cinema Royal“, bei der vier Drehbuchautoren sich, wie „Das Literarische Quartett“, über neue und alte Filme fetzten) veröffentlichte er vor wenigen Wochen seinen zweiten Kriminalroman. „Vor den Hymnen“ erhielt, nicht nur von mir, euphorische Kritiken.

Für die Kriminalakte beantwortet er fünf Fragen:

1) Jede Geschichte beginnt mit einer Idee. Was war die Ausgangsidee für „Vor den Hymnen“?

Ich hörte, dass Firmen mittlerweile auch bei uns diskrete Versicherungen gegen Produkterpressungen abschließen können, was bis dahin nur in Großbritannien und den USA möglich war. Die Versicherer arbeiten eng mit privaten Sicherheitsfirmen und Spezial-Detekteien zusammen, was, wie aktuell der Fall Telekom und andere belegen, nicht immer unproblematisch ist.

Zugleich wurde damals gegen Mitglieder eines Spezialeinsatzkommandos (SEK) der Kölner Polizei ermittelt, wegen fahrlässiger Tötung, Körperverletzung, versuchter Strafvereitelung im Amt, Betrug, Diebstahl und Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz. – Beides zusammen ergab den Treibsatz.

2) Kannst du uns etwas über das Schreiben von „Vor den Hymnen“ erzählen?

Es folgten erste Übungskapitel mit der Herausbildung der Protagonisten, einem gebürtigen Rheinländer und einer Ostdeutschen, innerhalb einer Berliner Mordkommission.

Parallel dazu führte ich Interviews mit Managern und Polizisten, darunter Mitgliedern von Spezialeinheiten, die natürlich darauf hinwiesen, dass ein paar schwarze Schafe noch keine Herde machen.

Früher schrieb ich nachts, heute schreibe ich früh am Morgen, ziemlich diszipliniert. (Ich gebe ja auch Workshops zum Thema Disziplin & Kreativität.)

3) Du bist auch Satiriker und Drehbuchautor. Inwiefern glaubst du, dass das deinen Roman beeinflusst hat?

Den Satiriker – oder Kabarettisten – musste ich im Zaum halten. Spannung und Komik passen nur bedingt zusammen. Ich habe versucht eine funktionierende Mischung zu finden.

Meine Lektorin, Dr. Marion Heister, hat zum Beispiel die frühe Variante einer zentralen Nebenfigur kritisiert: Katharina Syltenfuß, die zu diesem Zeitpunkt noch Sieglinde von Syltenfuß hieß und Kaufhauserpressung als harmloses Hobby für südseesüchtige Witwen betrieb. Der Lektorin erschien sie in der alten Fassung zu parodistisch, und sie befürchtete, dass der relative Unernst dieser Figur das restliche Buch ‚infizieren‘ könnte. Das fand ich, nach einer angemessenen Phase des Beleidigtseins, überzeugend. Also habe ich sie entschärft und ihr ein wenig Melancholie mitgegeben. Viele Leser, und noch mehr Leserinnen, mögen sie sehr.

Meine Arbeit als Drehbuchautor schlägt sich am deutlichsten in der Wahl der Erzählperspektiven nieder, vielleicht auch in der relativen Kürze der Kapitel. Spät rein in die Szene, früh raus, so lautete die Regel, die ich aber auch ein paar Mal verletzt habe.

4) Was dürfen wir demnächst von dir erwarten?

Einerseits arbeite ich an einem neuen Krimi, andererseits habe ich, gewissermaßen zu Erholung, eine Theaterkomödie („HoPP!“) geschrieben, die ich zurzeit Verlagen anbiete. Im Hintergrund schreibe ich an einem ,großen‘ Roman, der sich aber nur langsam entwickelt. Außerdem arbeite ich gelegentlich als freier Texter.

5) Welche fünf Bücher empfiehlst du für den Strandkorb?

1.. John Sandford, die Lucas-Davenport-Reihe – die für mich aktuell besten Thriller: spannend, realitätsnah und frei von narzisstisch-depressivem Gejammer.

2.. Janwillem van de Wetering – die frühen Krimis, auch die Bücher über seine Aufenthalte in buddhistischen Klöstern.

3.. Albert Camus „Der Fremde“. Vorzugsweise bei großer Hitze zu lesen.

4.. Anne Michaels „Fluchtstücke“. Hervorragend geschrieben, mit wunderschönem Sprachklang. Ich kenne Leute, die beim Lesen geweint haben.

5.. Lion Feuchtwanger „Goya oder Der arge Weg der Erkenntnis“. Leidenschaft, Liebe, Künstlertum – mit Worten gemalt.

Alfred Hellmann: Vor den Hymnen

Emons, 2008

240 Seiten

9,90 Euro


Besprechung „Todsichere Geschäfte“ online

Juni 13, 2008

Heute erschien in der Berliner Literaturkritik meine Besprechung von Michael Schomers Sachbuch „Todsichere Geschäfte – Wie Bestatter, Behörden und Versicherungen Hinterbliebene ausnehmen“ (Econ, 2007). Mir hat das informative Buch gut gefallen.


Peitsche, Degen, Kamm – und ein Kristallkopf

Juni 8, 2008

Fast zeitgleich mit James Bond kehrte ein zweiter Held der Popkultur, nachdem in Hollywood jahrelang Drehbücher geschrieben, verworfen, neu geschrieben und Harrison Ford sagte, wenn der Film nicht bald gedreht würde, wäre er zu alt, zurück. Nach „Jäger des verlorenen Schatzes“, „Indiana Jones und der Tempel des Todes“ und „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ feierte „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ in Cannes Weltpremiere und kurz darauf startete der Film in den Kinos. Die Kritiken waren solala bis gut und das Einspielergebnis der ersten Wochen ist, wenig überraschend, überzeugend.

Neben dem Film rollte auch die bei Blockbustern fast normale Merchandising-Welle (besonders wenn der Film aus dem Hause George Lucas stammt) mit DVDs, CDs und Büchern los. Den Auftrag für das Buch zum Film erhielt der bekannte Thriller-Autor James Rollins.

Der Film…

Bevor ich mir „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ ansah, beging ich im Nachhinein einen großen Fehler. Ich sah mir wieder die ersten drei Indiana-Jones-Filme an. Ich war wieder begeistert von den Filmen. Die Story ist zwar immer nur eine Abfolge von Cliffhangern und Verfolgungsjagden (Indiana Jones gibt vor allem als Gejagter ein prächtiges Bild ab). Dieses Mal fiel mir bei den drei ersten Indiana-Jones-Filmen vor allem auf, wie genau und liebevoll das Team Lucas/Spielberg in ihren Hommagen die Welt der Serials rekonstruierte. Überrascht war ich teilweise, besonders bei „Jäger des verlorenen Schatzes“, von der Brutalität der Filme.

Entsprechend erwartungsvoll ging ich ins Kino – und erlitt einen vollgequasselten Actionfilm mit einem lahmen Mittelteil und nervigem Außerirdischengedöns.

Denn der neue Indiana-Jones-Film spielt 1957 (Was war 1957? Aliens, Aliens, Aliens, Atomtests in der Wüste, Rock’n’Roll, und Außerirdische.). Außerdem haben die Russen die Nazis in der Wirklichkeit und im Film als Bösewichte abgelöst. Aber auch sie wollen historische Artefakte mit denen sie die Welt beherrschen können haben. Ihr neuestes Ziel ist eine Gruppe von dreizehn Kristallschädeln, die, so sagt eine Legende, wenn sie zusammengebracht werden, überirdische Macht verleihen. Eine andere Legende sagt, dass vor Jahrhunderten ein Kristallschädel aus Akator, auch bekannt als El Dorado, gestohlen wurde und die Person, die den Schädel in den dortigen Tempel zurückbringt, die Kontrolle über seine Kräfte erhält.

Dr. Irina Spalko sucht für die Russen diese Kristallschädel. Sie hat bereits Indys alten Freund, Professor „Ox“ Oxley, der sein Leben der Suche nach Akator gewidmet und kürzlich einen Schädel gefunden hat, entführt und aus einem Militärlager in der Wüste von Nevada einen Kristallschädel entwendet. Zusammen mit Oxs Adoptivsohn Mutt Williams macht Indiana Jones sich auf den Weg in den südamerikanischen Dschungel.

Das klingt jetzt nach genug Story für einen Indiana-Jones-Film, der vor allem unterhaltsames Popcorn-Kino mit viel Action und flotten Sprüchen ist.

Doch schon der Anfang des Films ist lahm. Vor der ersten Action wird – im Gegensatz zu den anderen Filmen – minutenlang gequasselt. Auch später werden wir bis zum Gehtnichtmehr mit archäologischem Wissen gefüttert. In den ersten Indiana-Jones-Filmen erzählte das Team Lucas/Spielberg in diesen Szenen oft noch eine zweite Geschichte. Denken Sie nur an das vergiftete Essen im ersten Indiana-Jones-Film. Während Jones und ein Freund Archäologengespräche führten, essen sie. Wir wissen, dass die Früchte vergiftet sind und hoffen, dass Indiana Jones keine davon isst. Oder das Dinner in „Indiana Jones und der Tempel des Todes“. Während Indy mit den Gastgebern über irgendwelche untergegangenen Kulte redet, werden verschiedene Köstlichkeiten (Schlangen, Affenhirn, undsoweiter) aufgetischt. Sängerin Willie Scott arbeitet sich von einem Schreikrampf über den nächsten bis zur finalen Ohnmacht vor. Im Kino war von den Dialogen kein Wort mehr zu verstehen – und niemanden hat’s gestört.

Aber jetzt muss bei dem Gerede zugehört werden. Denn dieses Mal haben Lucas/Spielberg und ihr Drehbuchautor David Koepp in diesen Momenten Indiana Jones bevorzugt mit einer zweiten Person in einen Raum gesetzt. Das ist dann mehr TV als Kino.

Wenn dann irgendwann gekämpft wird, ist es teils schnell vorbei (Friedhof), oder die Computereffekte sind deutlich zu sehen (Urwald).

Die Witze sind, im Gegensatz zu den ersten drei Filmen, dialoglastig – und Indys jugendlicher Begleiter Mutt Williams hat die besseren Szenen. Während Indiana Jones nur einige halbgare Einzeiler zwischen „Fahr zur Hölle, Genosse“, „Halbtags“ und „Oh, das hat nichts Gutes zu bedeuten“ murmelt, hat Mutt Williams mehr gute Sprüche, etliche Actionszenen und einen echten Lacher, wenn ihm Dr. Spalko ihr Schwert an die Kehle hält, er sie um eine Sekunde bittet, sich die Haare kämmt und dann sagt: „Okay, jetzt können Sie weitermachen.“

Doch in den früheren Filmen gab es unter anderem den Schuss auf den Schwertkämpfer, die Flucht vor der Armada von Schwertkämpfern und den ein-Schuss-drei-Tote-Moment. Im Neuen ist kein ähnlich überraschender Moment enthalten.

Tiefpunkt der Peinlichkeiten ist die Szene, in der Indiana Jones und Marion Ravenhurst in einer Trockensandgrube versinken. Mutt holt eine riesige Erdnatter aus dem Dschungel und will die beiden mit der Schlange als Seil aus der Grube ziehen. Indiana Jones kann die Schlange (inzwischen scheint seine Abneigung gegen Schlangen einer schieren Panik vor Schlangen gewichen zu sein) erst anfassen, nachdem Mutt und Marion die Schlange „Seil“ nennen.

Wirklich gelungen ist in „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ nur die Ausstattung. Wurde in den ersten drei Filmen die Welt der Dreißiger und der Serials wiederbelebt, sind es jetzt die Fünfziger. Aber wer geht schon wegen der Ausstattung in einen Film?

… und das Buch zum Film

Als der bekannte Thrillerautor James Rollins gefragt wurde, ob er das Buch zum Film schreiben möchte, war dieses Desaster noch nicht abzusehen. Denn das Buch sollte zeitgleich mit dem Film veröffentlicht werden. Die meisten Buch-zum-Film-Autoren arbeiten deshalb mit einem Drehbuch, das nicht unbedingt eins-zu-eins verfilmt wird. Wenn sie Glück haben, erhalten sie auch weitere Informationen. James Rollins schreibt auf seiner Webseite, er habe zuerst sogar zum Lesen des Drehbuchs zu den Lucasfilm Studios fahren müssen. Später erhielt er, von seinem PC aus, Zugang zu exklusivem Material und die Erlaubnis, Szenen zu schreiben, die nicht im Film enthalten sind. Doch, und da endet die Freiheit jedes Buch-zum-Film-Autors, die Hauptgeschichte muss der des Films folgen.

Deshalb kann James Rollins nicht die Geschichte von „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ vorgeworfen werden. Ihm gelingt sogar das Kunststück, aus einem schlechten Film ein besseres Buch zu machen. Er verbindet die einzelnen Szenen des Films schlüssiger. Die peinlichsten Szenen des Films dampft er auf das nötigste ein. So lässt er in der eben erwähnten Szene mit der Schlange das Umbenennen der „Schlange“ in „Seil“ fallen. Rollins schreibt nur:

Marion und Mutt schrien ihn im Chor an: „JONES!“

Mutt sah, wie sich das Gesicht des Mannes vor Widerwillen verzerrte. Dann aber streckte Jones die Hand nach der braunen Erdnatter aus, schloss die Augen und wandte sein Gesicht ab.

Ähnlich ökonomisch geht Rollins vor, wenn Mutt sich später wie Tarzan durch den Dschungel schwingt:

Mutt packte eine nahe Ranke und zog einmal fest daran, um zu testen, ob sie sein Gewicht hielt. Zufrieden klemmte er sich das Schwert zwischen die Zähne, klammerte sich an der Ranke fest und stieß sich von dem Ast ab.

Er schwang hinter den Affen her durch die Luft, passte sich ihrem Tempo und Rhythmus an, bewegte sich von Ranke zu Ranke, folgte ihrem Weg.

Auch der Kristallschädel, der im Film immer brüllt „Ich bin ein Außerirdischer“, ist im Buch einfach nur ein Schädel, dem mythische Kräfte zugeschrieben werden. Allein schon diese kleinen Veränderungen machen die Geschichte glaubwürdiger.

Daneben verrät James Rollins auch mehr über die Gedanken und Gefühle der einzelnen Charaktere und erfüllt so die Comiccharaktere mit einem tieferen Leben, ohne sie zu sehr zu psychologisieren. Immerhin ist „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ ein Abenteuerthriller. Eine weitere kluge Entscheidung von James Rollins war, größere Teile seines Romas aus der Perspektive von Mutt Williams zu erzählen. Er übernimmt, wie Dr. Watson in den Sherlock-Holmes-Geschichten, die Rolle des den Helden letztendlich atemlos bewundernden Begleiters.

Wenn Sie also überlegen, wofür Sie ihre neun Euro ausgeben wollen, kaufen Sie das Buch – und danach vielleicht ein weiteres Buch von James Rollins.

James Rollins: Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels

(übersetzt von Andreas Kasprzak)

Blanvalet, 2008

384 Seiten

8,95 Euro

Originalausgabe

Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull

Del Rey/The Ballantine Publishing Group, 2008

Film

Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels (Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull, USA 2008 )

Regie: Steven Spielberg

Drehbuch: David Koepp (nach einer Geschichte von George Lucas und Jeff Nathanson, basierend auf einem Charakter von George Lucas und Philip Kaufman)

Mit Harrison Ford (Indiana Jones), Cate Blanchett (Irina Spalko), Karen Allen (Marion Ravenwood), Shia LaBeouf (Mutt Williams), Ray Winstone (‚Mac‘ George McHale), John Hurt (Professor ‚Ox‘ Oxley), Jim Broadbent (Dean Charles Stanforth), Igor Jijikine (Dovchenko)

Hinweise

Homepage von James Rollins

Amerikanische Homepage von Indiana Jones

Deutsche Homepage von Indiana Jones


Spurensuche über Krimireihen online

Juni 4, 2008

Alligator-Alfreds Tatendrang ist nicht zu bändigen. Kaum hat er sich die neue Spurensuche geschnappt, stellt er sie auch schon online. Der Titel „Mordmäßige Krimireihen“ gibt bereits einen deutlichen Hinweis auf den Inhalt. Denn dieses Mal bespreche ich die neuen Bücher aus den Häusern Edition Nautilus, Edition Köln, Hard Case Crime (dem deutschen Ableger) und Funny Crimes. Die Autoren und Titel sind, in der Reihenfolge ihres Auftretens:

Friedrich Ani: Der verschwundene Gast

Bernhard Jaumann: Geiers Mahlzeit

Roman Rausch: Meet the Monster

Egon Eis: Duell im Dunkel

Hansjörg Martin: Kein Schnaps für Tamara

Friedhelm Werremeier: Taxi nach Leipzig

-ky: Einer von uns beiden

Allan Guthrie: Abschied ohne Küsse (Kiss her goodbye)

Ken Bruen & Jason Starr: Flop (Bust)

Lawrence Block: Abzocker (Grifter’s Game; früher: Mona; Sweet Slow Death)

Lawrence Block: Verluste (Everybody dies)


James Bonds nicht so glorreiche Rückkehr

Juni 3, 2008

Der Pressebohei um das neue James-Bond-Buch war groß. Immerhin ging es ganz schnöde um die Wiederbelebung von James Bond als Romangestalt. Denn der letzte Bond-Roman „The man with the red tattoo“ verkaufte sich 2002 nicht gut. Also wurde die Zusammenarbeit mit Raymond Benson beendet und nach einer mehrjährigen Pause auf dem Erwachsenenbuchmarkt, ein neuer Autor gesucht. Schon die Suche war von dem aus den Filmen bekannten Spiel aus Geheimhaltung und Spekulationen begleitet worden. Dann stand fest: Sebastian Faulks schreibt den neuen Roman. Die hastige Suche im Internet ergab: kein Krimiautor, sondern ein Literat. Nach Raymond Benson und John Gardner war das etwas Neues. Allerdings war auch der erste Bond-Roman nach Ian Flemings Tod von einem Literaten geschrieben worden. Kingsley Amis hieß der in England bekannte Autor, der dafür das kaum kaschierte Pseudonym Robert Markham verwandte.

Nun also Sebastian Faulks.

Dann begann der zweite Teil des Spiels. Über die Geschichte war vorher nichts zu erfahren und auch der Klappentext von „Der Tod ist nur der Anfang“ (ein weiterer der schön nichtssagenden Bond-Titel) passt auf fast jeden Bond-Roman: Der Geheimagent ihrer Majestät kämpft gegen einen gefährlichen Unterweltboss, der das Königreich angreifen will und eine schöne Frau ist auch dabei.

Weil Ian Fleming am 28. Mai seinen hundertsten Geburtstag feierte, wurde die weltweite Veröffentlichung des Buches von Flemings Erben und dem Verlag auf diesen werbeträchtigen Tag gelegt und weltweit schrieben die Medien kostenlos über die Vorstellung des neuen Bond-Romans in London mit Schlauchboot, bewaffneten Elitesoldaten, gesichertem Koffer, Covergirl Tuuli Shipster (ein fast Bondwürdiger Name) und Autor Sebastian Faulks. Bis dahin lief das Spiel mit den Erwartungen reibungslos.

Jetzt muss Faulks Geschichte sich der kritischen Öffentlichkeit stellen und es geht nur noch um eine Frage:

Wie geglückt ist das Buch?

Die kurze Antwort ist: Solala mit einer deutlichen Tendenz zum Negativen.

Die lange ist: „Der Tod ist nur der Anfang“ spielt knapp zwei Jahre nach dem letzten von Ian Fleming geschriebenen und 1965 posthum veröffentlichten Roman „The man with the golden gun“ (007 James Bond und der Mann mit dem goldenen Colt/007 James und der goldene Colt) (Als ich das maue Buch vor Ewigkeiten las, dachte ich, ich hätte einen noch nicht bearbeiteten Entwurf in der Hand.). Diese Rückkehr in die sechziger Jahre verleiht dem Werk ein nostalgisches Flair vom blühenden Jet-Set-Leben und den zaghaft angedeuteten beginnenden gesellschaftlichen Umbrüchen. Gleichzeitig gibt diese Rückkehr in die Sechziger, nachdem die Romane von Gardner und Benson in der Gegenwart spielten, und das bewusste Anknüpfen an Fleming den Bezugsrahmen für eine Kritik vor. Mit „Der Tod ist nur der Anfang“ sollte nicht, wie bei dem letzten Bond-Film „Casino Royale“ mit einem neuen Darsteller die Serie in ein neues Jahrzehnt überführt werden. Stattdessen sollte die einst glorreiche Vergangenheit wiederbelebt werden. Und Faulks knüpfte, wie er sagt, bewusst an Flemings Stil an.

M hat James Bond einen dreimonatigen Urlaub, in dem er sich überlegen soll, ob er weiter 00-Agent sein will, verordnet. In Venedig trifft er die schöne Larissa Rossi (Anfang dreißig, kurzes schwarzes Haar, weit auseinanderliegende braune Augen, wunderschöner Mund, lange, geschmeidige, wohlgeformte und elegante Beine). Bevor Bond mit ihr im Bett landet – wobei er das auf den nächsten Tag verlegen will (was uns Bond-Fans ernsthaft an der weiteren Diensttauglichkeit des Doppelnullagenten zweifeln lässt) –, wird er von M zurückgerufen. Er beauftragt Bond, sich an die Fersen von Dr. Julius Gorner zu heften. Der unglaublich reiche Mann ist ein weltweit operierender Rauschgifthändler, der seine Ware legal und illegal verkauft. Sein besonderes Kennzeichen ist eine Affenhand; eine genetische Missbildung. Bond soll herausfinden, wie der Mann tickt und was an den Gerüchten, dass Gorner etwas Großes plane, dran sei. Meistens sei er in Paris.

James Bond fliegt dorthin und trifft in seinem Hotelzimmer wieder auf Larissa, die in Wirklichkeit Scarlett Papava heißt und Investmentbankerin ist. Sie erzählt ihm eine herzzerreißende Geschichte von ihrer Schwester Poppy, die von Gorner als Sklavin festgehalten wird. Bond beschließt das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Am nächsten Tag trifft er Gorner zu einem Tennisspiel.

Dieses Spiel, natürlich garniert mit einem steigenden Wetteinsatz, ist Bond-klassisch die erste Konfrontation zwischen dem Geheimagent ihrer Majestät und dem zu besiegenden Feind der westlichen Hemisphäre.

Das nächste Treffen ist in Persien, dem heutigen Iran, – und in diesem Moment ist der angenehme Teil von „Der Tod ist nur der Anfang“ vorbei. Bis dahin war es eine liebevolle Wiederbelebung von James Bond, garniert mit Erwähnungen von Ereignissen aus den früheren Büchern, etwas Jet-Set, Essen, Trinken, schönen Frauen, Gesprächen mit Miss Moneypenny und M, einigen Hinweisen auf die sechziger Jahre und einem als Spiel getarntem Duell zwischen James Bond und dem Bösewicht des Buches. In Persien fällt Faulks Geschichte wie ein falsch zubereitetes Soufflé zusammen zu einer x-beliebigen, ironiefreien Agentengeschichte mit länglichen Reisebeschreibungen, lahmen Actionszenen, wenig Sex, einem vergurkten Verhindern der Pläne des Bösewichts und, Tage später, seinem Tod.

Das ist für einen Bond-Roman eindeutig zu wenig; – auch wenn ich als Vorbereitung für „Der Tod ist nur der Anfang“ die alten Bond-Romane von Ian Fleming nicht gelesen habe. Und, verglichen mit anderen in den Sechzigern spielenden Agententhriller, – ich denke an die Romane von Peter O’Donnell (Modesty Blaise), Lawrence Block (Evan Tanner) und Ross Thomas -, ist „Der Tod ist nur der Anfang“ erschreckend altmodisch. Kein Funken Ironie würzt das Werk. Nichts ist von den Swinging Sixties zu spüren. Nichts vom Aufbegehren gegen die Konventionen. James Bond stampft in seinem neuesten Abenteuer nur stoisch durch vertrautes Gelände.

Sebastian Faulks (schreibt als Ian Fleming): Der Tod ist nur der Anfang

(übersetzt von Jürgen Bürger)

Heyne, 2008

352 Seiten

12,95 Euro

Originaltitel

Devil may care

Penguin 007/The Penguin Group, 2008

Hinweise

Homepage von Ian Fleming (genaugenommen von seinen Erben)

Kriminalakte über Ian Fleming und die Buchpremiere

Homepage von Sebastian Faulks

Contemporary Writers über Sebastian Faulks

Sebastian Faulks zum Buch

Times Online: Interview mit Sebastian Faulks

Stern: Interview mit Sebastian Faulks


Besprechung „Endstation Kabul“ online

Mai 29, 2008

In der Berliner Literaturkritik erschien meine Besprechung von Achim Wohlgethans „Endstation Kabul – Als deutscher Soldat in Afghanistan“. Wie die Überschrift „Endstation Langeweile“ verrät, hält sich meine Begeisterung für dieses Buch in sehr überschaubaren Grenzen.


Gut, aber zu lang

Mai 23, 2008

Neben der überaus erfolgreichen Lincoln Rhyme/Amelia Sachs-Reihe will Jeffery Deaver mit Kathryn Dance eine weitere Reihe etablieren. Dance trat bereits in dem Rhyme/Sachs-Roman „Der gehetzte Uhrmacher“ (The cold moon, 2006) auf und in „Die Menschenleserin“ haben Rhyme/Sachs einen kurzen telefonischen Auftritt.

Aber im Mittelpunkt steht Kathryn Dance vom California Bureau of Investigation. Die alleinerziehende Mutter (ihr Mann starb bei einem Unfall) ist Verhörspezialistin. Aus den Reaktionen der Verhörten folgert sie, welche Aussagen stimmen und welche nicht.

Jetzt soll sie im Bezirksgericht von Salinas Daniel Pell verhören. Pell wurde vor acht Jahren verurteilt. „Charlie Mansons Sohn“, so nannte ihn die Anklage, hatte mit seinen Jüngern eine Familie ermordet. Vor kurzem tauchten Beweise auf, die ihn mit einem weiteren Mord in Verbindung bringen. Dance soll herausfinden, ob Pell auch diesen Mord begangen hat. Schnell bringt sie Pell in Rage und er bricht das Verhör ab. Im Büro des leitenden Staatsanwalts von Monterey County bemerkt Dance, dass die Beweise gefälscht waren, damit Pell aus dem Hochsicherheitsgefängnis zu einem Verhör in das schlechter gesicherte Bezirksgefängnis gebracht wurde. Als Dance die anderen Polizisten über den geplanten Ausbruch informieren will, ist es bereits zu spät. Eine Bombe explodiert und Pell kann in dem anschließenden Chaos ausbrechen. Dabei bringt er drei Menschen um und verletzt einen weiteren Polizisten schwer. Sie sind nicht die letzten Opfer auf seiner Flucht.

Doch in Kathryn Dance hat Pell einen ebenbürtigen Gegner gefunden. Bereits am ersten Tag seiner Flucht kann er ihr, zusammen mit der in ihn verliebten Fluchthelferin, mehrmals nur knapp entkommen.

Im Folgenden bietet Jeffery Deaver einige Action-Szenen, viel Suspense und etliche Szenen, in denen die Verhörspezialistin Dance mit ihren Fähigkeiten brillieren kann, indem sie mit den ehemaligen weiblichen Opfern von Pell redet. Und natürlich sind die Hintergründe für Pells Ausbruch Deaver-typisch komplizierter als sie auf den ersten Blick scheinen.

Aber gerade im direkten Vergleich mit den in „Gezinkt“ (More twisted, 2006 – Besprechung folgt) versammelten Kurzgeschichten enttäuscht „Die Menschenleserin“. Während die Kurzgeschichten ohne große Erklärungen auf eine Schlusspointe zusteuern, verbringt Deaver in „Die Menschenleserin“ viel zu viel Zeit mit überflüssigen Erklärungen. So erklärt er auf fünf Zeilen, was „Waco“ ist. Bei über fünfhundert Seiten sind fünf Zeilen zwar nicht viel, aber jeder Amerikaner kennt Waco. Jedes Verhör von Dance wird mit langen Erklärungen über die verschiedenen kinesischen Signale verlängert. Vieles davon ist einfach überflüssig, wie diese Ausführungen: „Das Verb ‚glauben’ ist für Verhörspezialisten von großer Bedeutung, denn es zählt zu den charakteristischen Formulierungen für eine Verleugnung – wie ‚ich kann mich nicht erinnern’ oder ‚vermutlich nicht’. Seine Bedeutung: Ich winde mich, sage aber nicht einfach nein. Dance schloss daraus, dass das Paar die Kinder problemlos im Griff hatte.“

Bei diesen länglichen Erklärungen, die sich wie ein Copy&Paste aus einem Lehrbuch lesen, und dem Ende in mehreren Häppchen drängt sich der Eindruck auf, dass Deaver eine bestimmte Menge von Seiten schreiben wollte. Gerade gegen Ende, wenn die Flucht von Daniel Pell endet, ist der Roman noch lange nicht zu Ende. Stattdessen serviert Deaver noch einige Plottwists, die ohne große Mühe wirkungsvoller mit dem Ende von Pells Flucht aufgedeckt worden wären.

Deshalb ist „Die Menschenleserin“ nur ein weiterer zu lang geratener Thriller, der gekürzt zu einem besseren Buch geworden wäre.

Jeffery Deaver: Die Menschenleserin

(übersetzt von Thomas Haufschild)

Blanvalet, 2008

544 Seiten

19,95 Euro

Originaltitel

The sleeping doll

Simon & Schuster, Inc., New York, 2007

Hinweise
Homepage von Jeffery Deaver

Blanvalet Homepage über Jeffery Deaver

Amazon.com: Interview mit Jeffery Deaver zu “The sleeping doll”

Meine Besprechung von “Auf ewig” (Forever, 2005)


Sprache: gut, Plot: ungenügend

Mai 22, 2008

In seinem zweiten Kriminalroman hat Matti Rönkä seinen Ich-Erzähler Viktor Kärppä endgültig die Seiten wechseln gelassen. Bereits in „Der Grenzgänger“ funktionierte Kärppä nur leidlich als Vorbild für angehende Privatdetektive. Das lag nicht an seinem schlechten Einkommen (kein literarischer Privatdetektiv zählt zu den Großverdienern), seinen Kontakten zur Polizei und zu Verbrechern (irgendwie muss er ja an seine Informationen herankommen), seiner Vergangenheit (besonders beliebt sind ehemalige Staatsdiener; inzwischen haben sich auch einige Vorbestrafte zu dem illustren Kreis der Privatdetektive gesellt), seinem Single-Dasein (Privatdetektive haben Sex, vielleicht sogar eine feste Beziehung, aber sie sind nicht verheiratet), sondern an seiner – nun ja – laxen Arbeitsauffassung. In „Der Grenzgänger“ ermittelte er ziemlich halbherzig und machte nebenbei Geschäfte mit der Organisierten Kriminalität. In Helsinki hilft ihm bei letzterem seine Herkunft als Russe und ehemaliger Elitesoldat mit den dazugehörigen Verbindungen zum Geheimdienst.

In „Bruderland“ verdient Viktor Kärppä sein Geld als Subunternehmer für verschiedene Baufirmen. Selbstverständlich beschäftigt er Schwarzarbeiter. Außerdem handelt er mal mehr, mal weniger legal mit Gütern und versorgt die finnische Skinationalmannschaft mit illegalen Aufputschmitteln. Dieser Geschäftsbereich ist wegen polizeilicher Ermittlungen derzeit nicht aktiv. Sein Detektivbüro hat er für dieses, in dem angenehm schmalen Roman breit erzählte, diversifizierte Unternehmertum aufgegeben.

Jetzt fordert ihn sein Polizeifreund Korhonen auf, herauszufinden, wer ein Superheroin, das bereits viele Jugendliche umbrachte, verkauft. Die Spur führt in die ehemalige Sowjetunion und Kärppä hat immer noch ausgezeichnete Kontakte in den Osten zum Geheimdienst und zur Russenmafia – wobei einige seiner Freunde mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion einfach die Seiten gewechselt haben.

Wer jetzt allerdings, wie in „Der Grenzgänger“, einen fetzigen Privatdetektivkrimi der Hardboiled-Schule erwartet, wird in Matti Rönkäs zweitem Roman nur halbherzig bedient. Schon in „Der Grenzgänger“ war die Entwicklung des Krimiplots nicht überragend. Aber immerhin gab es am Ende einige hübsche Überraschungen. In „Bruderland“ kann davon keine Rede mehr sein. Kärppä ermittelt in „Bruderland“ noch weniger als in „Der Grenzgänger“. Bis er im letzten Viertel des Romans „Bruderland“ eine Reise nach Russland unternimmt, ermittelt er nicht und es gibt auch keine erkennbaren Hinweise auf die Rauschgiftschmuggler. Kurz: die Geschichte bewegt sich nicht voran. Dafür erzählt Kärppä viel – und unterhaltsam – von seinen halbseidenen Geschäften und liest die Mails seiner gerade in den USA studierenden Freundin.

Doch auch als Kärppä gegen Ende nach St. Peterburg fährt, sucht er dort nicht nach den Rauschgifthändlern, sondern verdient als Geldeintreiber für die dortige Russenmafia Geld, während der Bandenchef für ihn herausfindet, wer hinter den Rauschgiftlieferungen steckt. Zurück in Helsinki gibt es dann eine überflüssige Action-Szene, ein, zwei Überraschungen und das war’s.

Wenn Matti Rönkä nicht in einem so angenehm lakonischen Tonfall erzählen würde, wäre „Bruderland“ ein Fall für die Mülltonne. Denn der zusammengehauene Krimiplot erreicht kaum die Qualität eines C-Picture.

Matti Rönkä: Bruderland

(übersetzt von Gabriele Schrey-Vasara)

Grafit, 2008

224 Seiten

17,90 Euro

Originaltitel

Hyvä veli, paha veli

Gummerus Kustannus Oy, Helsinki/Finnland, 2003

Hinweis

Meine Besprechung von „Der Grenzgänger“


„Die Söhne Abraham“ online

Mai 20, 2008

Die Berliner Literaturkritik hat heute meine Besprechung von Robert Littells neuestem Roman „Die Söhne Abrahams“ (Vicious Circle, 2006) veröffentlicht. Nach „Die kalte Legende“ und „Zufallscode“ war ich von seinem neuesten Werk etwas enttäuscht.

Ein, schon etwas älteres, aber lesenswertes Interview gibt es im January Magazine. Ein Neues über „Die Söhne Abrahams“ und seinen Sohn Jonathan in der Welt.


Alte Sünden und eine alte Leidenschaft

Mai 19, 2008

„MO – Der Lebensroman des Friedrich Glauser“ und „An einem heißen Sommertag“ heißen die empfehlenswerten Frühlingsbücher von Frank Göhre. „MO“ ist ein neues Werk; „An einem heißen Sommertag“ versammelt die bereits veröffentlichten, lange nicht mehr erhältlichen Romane „Letzte Station vor Einbruch der Dunkelheit“ und „Schnelles Geld“ und zwei Kurzgeschichten; eine davon neu.

Alte Sünden…

„Schnelles Geld“ erschien erstmals 1979 und war Göhres erster Kriminalroman. Dabei ist die Krimigeschichte nur die notdürftige Klammer für die autobiographisch (?) beeinflussten Erlebnisse einiger Mittzwanziger. Hans ‚Charly’ Kunkelfuß, Mitte zwanzig, arbeitet, wie Göhre, nach einer Buchhändlerlehre als Bibliothekar. Charly (und hier enden die Parallelen) beobachtet einen Mord, macht eine Aussage bei der Polizei und trifft sich, fast als ob nichts geschehen wäre, weiter mit seinen Freunden und Freundinnen, die zumindest teilweise Kontakt zur Halb- und Unterwelt haben. Charly ist mit seiner Arbeit, seinem Chef und dem Angebot, sich an einem korrumptiven Netzwerk zu beteiligen, zunehmend unzufrieden. Mit Mitte zwanzig fühlt er sich bereits saturiert. Nach einem Streit kündigt er und geht auf das Angebot, Autos zu verschieben, ein. Allerdings wurden er und seine Freunde schon lange von der Polizei, verkörpert durch den aus den St.-Pauli-Romanen bekannten Kommissar Jan Broszinski, beobachtet. Broszinski verhaftet sie und bietet Charly einen Deal an. Wenn er gesteht, könne er mit einer geringeren Strafe davonkommen. Da begreift Charly: „Sie wussten alles und verstanden nichts. Zufällige Begegnungen wuchsen sich im Kopf eines Beamten zu einem Fall aus, Akte Hans Kunkelfuß, ein raffiniert geplanter Coup. Wie dumm Broszinski war. Wie dumm und gefährlich.“

In diesem Moment – auf den letzten Seiten – wird „Schnelles Geld“ zu einem bedrückenden Bild für die staatliche Paranoia. Bis dahin erzählt Göhre nur die eher längliche Geschichte (jedenfalls solange man, auch angestachelt durch den Klappentext, auf einen sich ordentlich entwickelnden Krimiplot wartete) eines jungen, sexuell und beruflich frustrierten, sich ziellos treibenden Mannes, der – je nach Sichtweise – in einer verlängerten Teenager-Depression oder einer vorgezogenen Midlife-Crisis steckt.

„Letzte Station vor Einbruch der Dunkelheit“ ist ein Ausflug in die deutsche Vergangenheit. In den Fünfzigern muss Kommissar Peter Gottschalks seinen ersten Mordfall aufklären. Der junge Polizist lebt noch bei seinen vermögenden Eltern.

An einem See wurde die vergewaltigte und erwürgte sechzehnjährige Monika Honczek gefunden. Sie war der Schwarm mehrerer Jugendlicher. Allerdings war zur Tatzeit auch ein ehemaliger Fremdenlegionär in der Gegend. Im Gegensatz zur Bevölkerung glaubt Gottschalk nicht, dass Josef Kälin der Mörder ist. Eher schon ein Jugendlicher. Entweder der dickliche Lutz, der die Sommerferien als Aushilfe an der Tankstelle seiner allein lebenden Tante verbringen muss, oder der vermögende Mädchenschwarm Olaf.

Mit wenigen Worten zeichnet Göhre ein Bild der Fünfziger und der damaligen kleinbürgerlichen Bigotterie, in der eine allein stehende, junge, gut aussehende Tankstellenbesitzerin misstrauisch beäugt wird und Beziehungen, vor allem wenn sie auf gemeinsamen Kriegserlebnissen und Geld beruhen, alles regeln sollen. Die Gefühle, vor allem natürlich der Geschlechtstrieb, werden mühsam im Zaun gehalten. Und die Landbevölkerung weiß von Anfang an, dass Monikas Mörder ein Auswärtiger sein muss. Um diese falsche Harmonie zu zerstören, braucht Göhre keine 120 Seiten.

Die beiden Kurzgeschichten „Verrückte Schritte“ und „Keine Chance“ runden „An einem heißen Sommertag“ ab, ohne ihm etwas Wesentliches hinzuzufügen. Während die Erstveröffentlichung „Verrückte Schritte“, die von Brozinskis Versetzung nach Soltau erzählt, missglückt ist, ist „Keine Chance“ ein direkter Prolog zu Göhres St.-Pauli-Romanen. Jan Broszinski jagt bereits den Kiezpaten Werner ‚Emma’ Stobbe und Jörg Fedder wird bald zu seinem Team dazu stoßen. Da beginnt er einem seiner bei Stobbe eingeschleusten Spitzel zu misstrauen.

Die in „An einem heißen Sommertag“ veröffentlichten Geschichten erzählen, wenn sie chronologisch in die richtige Reihenfolge gebracht werden von „Letzte Station vor Einbruch der Dunkelheit“ über „Schnelles Geld“ und „Verrückte Schritte“ hin zu „Keine Chance“ Teile aus dem Leben der Kommissare Gottschalk und Broszinski, bevor sie in „Der Schrei des Schmetterlings“ (und damit in der St.-Pauli-Reihe) den Kampf gegen den Kiezpaten Stobbe aufnahmen.

…und eine alte Leidenschaft

Mit „MO – Der Lebensroman des Friedrich Glauser“ kehrt Frank Göhre wieder einmal zu seinem Idol Friedrich Glauser zurück. In den Achtzigern gab er im Schweizer Verlag Die Arche, versehen mit kundigen Vorworten, die Romane von Friedrich Glauser heraus. 1988 veröffentlichte er, ebenfalls dort, das Porträt „Zeitgenosse Glauser“. In „MO“ nähert er sich dem Schweizer Schriftsteller auf literarischem Weg und zeichnet das bedrückende Bild eines zutiefst zerrissenen Menschen. Friedrich Glauser wurde am 4. Februar 1896 geboren und starb am 8. Dezember 1938. In seinem kurzen Leben stand er zeitlebens unter der Fuchtel seines diktatorischen Vaters, hatte als Erwachsener einen Vormund, war viele Jahre immer wieder – teilweise freiwillig – in der Psychiatrie und in Kliniken, doch kein Entzug hielt nachhaltig, versuchte sich öfters selbst umzubringen, ging zur Fremdenlegion, ließ sich von verschiedenen Frauen aushalten, hatte mit den Wachtmeister-Studer-Romane den Durchbruch und war morphiumsüchtig. „Mo“ nannte er die Droge. Ab seinem 22. Lebensjahr war Glauser bei der Polizei als morphiumsüchtig registriert und wurde als „gemeingefährlicher Geisteskranker“ geführt.

Wenn diese verkrachte Existenz nicht gleichzeitig ein begnadeter Literat gewesen wäre, würde ihn heute niemand mehr kennen. Aber Glausers Werk ist auch heute noch in mehreren Werkausgaben erhältlich. Er ist der bekannteste eidgenössische Krimiautor und war der Namensgeber für den gleichnamigen Preis der deutschen Krimiautorenvereinigung „Das Syndikat“. Jetzt gibt es einen äußerst gelungenen Roman über „die große Figur des Schweizer Krimis“ (Paul Ott)

Frank Göhre verarbeitet sein in den vergangenen Jahrzehnten gesammeltes Wissen in „MO – Der Lebensroman des Friedrich Glauser“ zu einer atemberaubenden zwischen 1917 und 1938 spielenden Montage aus verschiedenen Perspektiven und Episoden, die ein eindrückliches Bild eines zerrissenen Charakters zeichnen. Für Göhre sind die biographischen Stationen der Ausgangspunkt für eine Studie über den Menschen Glauser, der während seines gesamten kurzen Lebens ein Getriebener und Suchender war. Gleichzeitig wollte er auch immer von seinem Vater anerkannt zu werden. Doch dieser wollte einen anderen Sohn. Einen, der nicht rauschgiftsüchtig ist. Einen, der sich nicht von Frauen aushalten lässt. Einen, der sich nicht in Künstlerzirkeln herumtreibt. Diese Zerrissenheit des Menschen Glauser spiegelt Frank Göhre in der sich collagenhaft zusammensetzenden Biographie, die gerade wegen ihres scheinbar unfertigen Charakters Friedrich Glauser als Menschen begreifbar macht, kongenial.

Frank Göhre: MO – Der Lebensroman des Friedrich Glauser

Pendragon, 2008

240 Seiten

19,90 Euro

Frank Göhre: An einem heißen Sommertag

Pendragon, 2008

320 Seiten

9,90 Euro

Enthält

Letzte Station vor Einbruch der Dunkelheit

(Erstausgabe Reinbek, 1990)

Schnelles Geld

(Erstausgabe der überarbeiteten und ergänzten Neuausgabe Reinbek, 1992)

Verrückte Schritte

(Erstveröffentlichung)

Keine Chance

(Erstausgabe Stuttgart, 1997 – andere Quellen sagen 1987)

Verfilmung

Schnelles Geld – Der lange Schatten des Morgens (Deutschland 1981)

Regie: Raimund Koplin, Renate Stegmüller,

Drehbuch: Raimund Koplin, Renate Stegmüller

Schnitt: Thorsten Näter

Musik: Alfred Harth

mit Karl Ghirardelli, Agnes Dünneisen, Willy Thomczyk

„Im Ruhrgebiet angesiedelter Kriminalfilm, der die genreüblichen Elemente mit dem Thema der orientierungslosen Jugend und ihrer Fluchtversuche aus der Wirklichkeit verbindet. In manchen Szenen bemerkenswert dicht und pointiert erzählt, wird der Film zunehmend komplizierter und büßt an Spannung ein.“ (Lexikon des internationalen Films) über dieses vergessene Werk.

Hinweise

Homepage von Frank Göhre

Meine Besprechung von „St. Pauli Nacht“

Meine Besprechung von „Zappas letzter Hit“

Meine Besprechung von „Der letzte Freier“

Krimiblog: Interview mit Frank Göhre


Schweiger ist zurück

Mai 16, 2008

Nach D. B. Blettenberg, Fred Breinersdorfer, Frank Göhre und Roger Graf (der vor allem für die auch als Buch erschienenen Hörspielserie „Die haarsträubenden Fälle des Philip Maloney“ bekannt ist) hat Pendragon-Macher Günther Butkus einen weiteren deutschsprachigen Krimiautor ausgegraben, der in den achtziger und neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts bei den großen Verlagen veröffentlichte, von Kritikern gelobt, vom Publikum gelesen wurde und mit dem Einstellen der Krimireihen von der Bildfläche verschwand. Nach fast zehn Jahren kehrt Wolfgang Schweiger mit dem durchwachsenen „Der höchste Preis“ zurück. Denn die ersten Zeilen versprechen eine Geschichte, die bereits im zweiten Kapitel zugunsten eines gängigen Rätselkrimis aufgegeben wird.

Schott setzte sich, legte „Traunsteiner Tagblatt“, Gauloises und Feuerzeug auf den Tisch vor sich und winkte der Bedienung. Während er auf seinen Cappuccino wartete, blätterte er die Zeitung durch und sah nach, was die alte Heimat so an Nachrichten zu bieten hatte. Viel Dramatisches war nicht dabei: Eine Schlägerei in Traunreut, ein Unfall auf der B 304, eine Bergrettung am Watzmann, Vereinsaktivitäten, Dorffeste und auf der Kulturseite ein Bericht von den Salzburger Festspielen. Schöne, heile Welt. Schott nahm seinen Cappuccino in Empfang, zahlte und steckte sich eine Zigarette an. Dann lehnte er sich zurück und wartete darauf, dass sich der Mann blicken ließ, den der demnächst töten würde.

Mit diesen wenigen Zeilen schafft Schweiger ein plastisches Bild des Handlungsortes und er stellt zwei wichtige Charaktere für die folgende Geschichte vor. Allerdings konzentriert Schweiger sich ab dem zweiten Kapitel auf Kommissar Gruber. Er sucht seit Jahren erfolglos nach drei spurlos verschwundenen Mädchen. Das letzte verschwand erst vor kurzem.

Da wird Finanzmakler Gerhard Hauser vor seiner Garage angeschossen und von seiner Frau entdeckt. Gruber beginnt den Schützen zu suchen und stößt schnell auf Walter Schott. Doch Schott behauptet, obwohl er ein Motiv hätte, es nicht getan zu haben. Hauser hatte Schotts minderjährige Schwester vor Jahrzehnten vergewaltigt. Die todkranke Ex-Prostituierte und Ex-Frau von Hauser, Monika Hochstätter, erzählte ihm das und er beschloss den Vergewaltiger zu töten.

Während Gruber den Täter sucht, beginnt er, wie es sich für Mittfünfziger gehört, mit seinen lange nicht mehr gesehenen Schulfreunden Schott und Hauser in Erinnerungen zu schwelgen. Denn die drei Männer kennen sich von früher.

Schweiger, der für „Soko 5113“ und „Der Fahnder“ (noch mit dem einzig wahren Fahnder-Darsteller Klaus Wennemann) Drehbücher und auch das in seinen Urteilen geschmacksichere Filmbuch „Der Polizeifilm“ schrieb, beachtet die Lektionen aus den von ihm bewunderten Romanen und Filmen. Denn vor seinem ersten Roman versuchte er sich als Drehbuchautor für „deutsche Gegenstücke zu den schwarzen Krimis der Franzosen“ (Schweiger in „Der Polizeifilm“). Deshalb gibt es in seinem neuesten Kriminalroman schnelle Szenewechsel („Der höchste Preis“ hat 49 Kapitel), prägnante Beschreibungen von Orten und viele Dialoge.

Allerdings pendelt „Der höchste Preis“ für einen rundum gelungenen Krimi zu unentschlossen zwischen den verschiedenen Genres und entscheidet sich nach dem Baukastenprinzip für einen Whodunit mit einem läppischen Rätselplot, etwas Rachegeschichte, etwas perverser Serienkillergeschichte (denn dass zwei der drei verschwundenen Mädchen tot sind, ist offensichtlich) und etwas verklärender Erinnerung an 1968 (Jimi Hendrix und die erste große Liebe).

So ist Schweigers Rückkehr in die Krimiszene nur die nette Lektüre für einen lauschigen Sommerabend und das Versprechen auf den nächsten, besseren Roman.

Wolfgang Schweiger: Der höchste Preis

Pendragon, 2008

256 Seiten

9,90 Euro

Hinweise

Homepage von Wolfgang Schweiger

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Wolfgang Schweiger

Rosenheimer Nachrichten: Interview mit Wolfgang Schweiger (26. November 2006)


Eine nicht legale Methode gegen Produkterpresser

Mai 9, 2008

Auf den ersten Seiten von Alfred Hellmanns „Vor den Hymnen“ scheint ein SEK-Team einen Mann verhaften zu wollen. Sie umstellt die Grunewald-Villa und wartet auf den Befehl zum Zugriff. Der Mann entdeckt allerdings die Polizisten und trifft Vorbereitungen für seinen Selbstmord. Da kommt sein Sohn überraschend zurück. Er sucht sein Handy, trinkt aus einer vergifteten Johannisbeersaftflasche, beginnt nach Luft zu schnappen. Sein Vater versucht ihn zu retten, läuft vor die Tür, will die Polizisten um Hilfe bitten. Die Polizisten erschießen ihn.

Anschließend verschwindet das SEK-Team spurlos.

Die beiden Kriminalpolizisten Viktor Land und Irina Heinrichs stehen ratlos vor der Leiche des achtundsechzigjährigen Firmeninhabers und Kaufhauserpressers Leonard Gantas. Es gibt kein Motiv. Es gibt keine Beweise für den Einsatz eines SEK-Teams. Aber um die Villa herum werden Hinweise auf den Einsatz eines militärisch geschulten Einsatzteams gefunden.

Kurz darauf wird Günter Ternhard in ein Krankenhaus eingeliefert. In seiner Hand explodierte in einem Lebensmittelgeschäft ein von ihm präpariertes Tetra-Pak. Bei seiner Verhaftung spricht er von einem SEK-Team. Später, im Krankenhaus, leugnet er das.

Während Land und Heinrichs noch im Dunkeln tappen, enthüllt Hellmann das Motiv für den Mord und auch den Drahtzieher. Johann Widera ist einer der Direktoren der Sontexa-Versicherung. Er ist zuständig für die Schadensregulierung bei Produkterpressungen. In den vergangenen Jahren nahmen die Kaufhauserpressungen rapide zu. Also beauftragte er einen ihm unbekannten Mann, der sich am Telefon Mike nennt, einigen der notorischen Kaufhauserpresser einen Denkzettel zu verpassen. Bei Gantas geriet die Sache außer Kontrolle. Jetzt will Widera die Sache abblasen. Aber Mike denkt nicht daran.

„Vor den Hymnen“ ist, zehn Jahre nach Alfred Hellmanns Debüt „Zeuss“, ein spannender Thriller mit einem überraschenden Schlusstwist. Bis dahin bewegt sich die in Berlin spielende Geschichte abwechslungsreich zwischen den Ermittlungen der beiden Kommissare Land und Heinrichs, dem Versicherungsdirektor Widera, der verzweifelt versucht seine Karriere zu retten, indem er das von ihm losgeschickte Kommando zum Aufhören bewegen will, und der Kaufhauserpresserin Katharina Syltenfuss, die nur an ihre nächste Tat denkt, hin und her. Syltenfuss ist, wie der auf den ersten Seiten des Romans ermordete Gantas, eine sich im Rentenalter befindende Person, die mit finanziellen Problemen zu kämpfen hat. Während Gantas an sein mittelständisches Herrenbekleidungsgeschäft und seine Angestellten denkt, denkt sie vor allem an ihren Jaguar und den, nach einer grandiosen Fehlinvestition auf dem Aktienmarkt, nur noch mühsam aufrecht erhaltenen schönen Schein.

Dass am Ende die Sympathien bei ihr und nicht bei Widera liegen, spricht für Hellmanns großes Talent mit wenigen Worten einen Charakter lebendig werden zu lassen. Er reflektiert ohne moralinsaueres Gerede und ohne die aus skandinavischen Krimis bekannte Sehnsucht zurück zur heilen Welt des Volkshauses die Ängste eines vom Abstieg bedrohten Mittelstandes und die individuellen Strategien verschiedener Charaktere für ihr eigenes Überleben. Auch wenn keine dieser Strategien – das gehört aber zum Genre – sich an die Buchstaben des Gesetzes hält und Hellmann am Ende nicht alle Bösen bestraft.

„Vor den Hymnen“ ist ein flotter Großstadtkrimi mit einer erschreckend plausiblen Prämisse. In Deutschland gibt es, je nach Schätzung, jedes Jahr zwischen fünfzig und vierhundert Produkterpressungen. Zwar raten Sicherheitsfirmen und Polizei zu einer Zusammenarbeit mit der Polizei, die meisten Erpresser führen ihre Tat nicht vollständig aus und, wenn es dann doch zur Übergabe des Lösegeldes kommt, werden sie meistens geschnappt. Aber: Warum sollte nicht eine Versicherung nach einem besonders effizienten Ausweg suchen? Und warum sollten nicht einige gut ausgebildete Elitekämpfer nach einer zusätzlichen Einnahmequelle suchen?

Alfred Hellmann: Vor den Hymnen

Emons, 2008

240 Seiten

9,90 Euro


Jack Reacher auf der Jagd

Mai 7, 2008

Jack Reacher ist zurück – und durch ein Versehen des Verlages sogar gleich mit drei Abenteuern. „Sniper“ heißt das neueste Werk von Lee Child. „Die Abschussliste“ und „Tödliche Absicht“ die beiden älteren, als Taschenbuch erschienenen, Thriller.

Der Brite Lee Child eroberte 1997 gleich mit dem ersten Jack-Reacher-Roman „Größenwahn“ im Sturm die Herzen der Leser. Seitdem schrieb er jedes Jahr ein weiteres, etwa fünfhundertseitiges Werk mit seiner modernen Version von Shane. Denn genau wie der mythologische Westernheld kommt Reacher in eine Stadt, wird unschuldig in einen riesigen Schlamassel verwickelt, sorgt skrupellos für Recht und Ordnung und verschwindet nach getaner Arbeit. Allerdings sucht Jack Reacher in „Sniper“, „Die Abschussliste“ und „Tödliche Absicht“ aus verschiedenen Gründen den Ärger.

In „Sniper“ erschießt ein Heckenschütze an einem Freitagnachmittag in einer Kleinstadt in Indiana fünf Menschen. Die Spur der Indizien führt die Polizei sofort zu dem ehemaligen Militärscharfschützen James Barr. Bei einem Verhör sagt er nur zwei Sätze: „Sie haben den Falschen.“ und „Lassen Sie Jack Reacher herkommen.“

In diesem Moment hat sich Jack Reacher bereits auf den Weg gemacht. Aber nicht, um Barr aus dem Gefängnis zu befreien, sondern um sich zu überzeugen, dass Barr dieses Mal für seine Tat büßen wird. Denn 1991 erschoss Barr in Kuwait-Stadt vier Menschen und Reacher, der damals noch Militärpolizist war, musste ihn aus übergeordneten Gründen laufen lassen. Als er sich Barrs zweiten Mehrfachmord als Heckenschütze ansieht, stellt er fest, dass die Beweise wasserdicht sind und eine Verurteilung kein Problem sein wird. In diesem Moment fragt Reacher sich, ob die Beweise nicht zu gut sind und ob Barr der wirkliche Schütze ist. Als Reacher mit seinen eigenen Ermittlungen für die Verteidigung beginnt, stößt er auf Ungereimtheiten.

Der neunte Jack-Reacher-Roman „Sniper“ zeigt Lee Child auf der Höhe seines Könnens. Aus einem einfachen, hinterhältigen Anschlag entwickelt er ein böses, von langer Hand geplantes Komplott, das letztendlich nur mit Gewalt gelöst werden kann. Und nachdem Jack Reacher die Bösen besiegt hat, verschwindet er, wie ein Geist, wieder von der Bildfläche.

Wegen eines Versehens der Druckerei wurde in einem Teil der Erstauflage der kürzlich erschienenen Taschenbuchausgabe von „Die Abschussliste“ der Text des älteren Reacher-Abenteuers „Tödliche Absicht“ abgedruckt. Der Unterschied kann einfach festgestellt werden. „Tödliche Absicht“ beginnt mit den Worten: „Sie erfuhren im Juli von ihm und blieben den gesamten August über zornig. Im September versuchten sie ihn zu ermorden. Aber das war viel zu früh.“ „Die Abschussliste“ beginnt so: „So schlimm wie ein Herzanfall, vielleicht waren das Ken Kramers letzte Gedanken – wie eine abschließende Panikexplosion in seinem Gehirn, als er zu atmen aufhörte und im Abgrund versank. Er verhielt sich auf jede nur denkbare Weise falsch, das wusste er.“

Also, liebe Sammler, der Fehldruck könnte später noch ziemlich wertvoll werden.

Doch jetzt zum Inhalt. „Die Abschussliste“ ist ein Ausflug in Jack Reachers Vergangenheit als Soldat. Silvester 1989/1990 schiebt er mitten im Nirgendwo in Fort Bird Wache. Da wird in einem billigen Motel General Ken Kramer gefunden. Er hatte offensichtlich beim Sex einen Herzanfall. Aber Kramers Aktenkoffer mit geheimen Unterlagen ist verschwunden. Er war auf dem Weg zu einer Tagung. Wenige Stunden später wird Kramers Frau in ihrem Haus von einem Einbrecher ermordet. Reacher glaubt nicht an einen Zufall. Und er glaubt, dass in Kramers Aktentasche etwas Wichtiges ist. Außerdem will er wissen, warum ein General einen riesigen Umweg fährt, um mit einer Prostituierten ins Bett zu steigen.

Bei dem Ausflug in Jack Reachers Vergangenheit wechselte Lee Child wieder einmal die Erzählperspektive von der dritten Person zur ersten Person, ohne dass sich dadurch viel ändert. Jack Reacher ist immer der reine Tatmensch. Wenn er denkt, dann tut er das entweder im Gespräch mit einer seiner Verbündeten oder außerhalb der Geschichte. Lee Childs Sprache beschränkt sich auf das funktionale Beschreiben der Handlung. Da ist kein Platz für Sentimentalitäten.

Das zeigt sich besonders deutlich, als Jack Reacher und sein Bruder Joe in „Die Abschussliste“ nach Paris fliegen und dort schockiert erfahren müssen, dass ihre Mutter unheilbar an Krebs erkrankt ist und in wenigen Tagen sterben wird. Während andere Autoren dieser Privatgeschichte viel Platz gegeben hätten, erledigt Lee Child das auf die Reacher-typische Art.

Allerdings ist ein jüngerer, in militärische Strukturen eingebundener Reacher nicht der aus den anderen Romanen bekannte, die Anonymität schätzende, unter dem staatlichen Radar lebende Jack Reacher. Daran ändern auch Joe Reachers Hinweise auf die geänderten Zeiten, seine Fragen nach den weiteren Plänen von Jack Reacher im Militär und Jack Reachers abwehrender Haltung dazu nichts. Reacher scheint sich beim Aufklären der Morde und dem Aufdecken des damit zusammenhängenden Komplottes sogar mit besonderer Lust mit seinem neuem Vorgesetzten anzulegen. Doch, im Gegensatz zu dem späteren Privatmann, kann ein Militärpolizist bei seinen Ermittlungen auch immer mit der geballten Macht seines Amtes gegen Verdächtige vorgehen.

Der schwächste Roman in diesem Dreierpack ist „Tödliche Absicht“. Die ehemalige Freundin von Jack Reachers inzwischen verstorbenem Bruder, M. E. Froelich, arbeitet beim Secret Service. Sie soll den designierten Vizepräsidenten Armstrong beschützen. Gegen ihn häuften sich in den vergangenen Monaten die Morddrohungen. Sie bittet Reacher ihr zu helfen.

Im Folgenden entwickelt sich eine längliche Attentatsgeschichte. Denn der Gegner und sein Motiv bleiben bis zum Schluss im Dunkeln. Reacher versucht den Vizepräsidenten zu beschützen und den Attentäter zu finden. Dabei fragt er sich, ob der Attentäter ein Insider ist, Helfer beim Secret Service hat, Froelich das eigentliche Opfer ist oder doch der unbescholtene Vizepräsident und ob der Attentäter eher der Typ Edward Fox in „Der Schakal“ oder John Malkovich in „In the Line of Fire“ ist. Denn wenn der Täter unerkannt fliehen will, wird er sich anders benehmen, als wenn ihm sein Überleben egal ist. Ausführlich schildert Lee Child die Ermittlungen von Reacher, wie Froelich versucht den Vizepräsidenten zu schützen und wie sie einige Anschläge verhindern.

Allerdings – und das ist die große Crux von „Tödliche Absicht“ – ist es einfach unglaubwürdig, dass die Attentäter ihr Opfer mehrfach vorwarnen und so ihre eh schon schwierige Aufgabe noch schwieriger machen.

Lee Child: Sniper

(übersetzt von Wulf Bergner)

Blanvalet, 2008

480 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

One Shot

Bantam Press, 2005

Lee Child: Die Abschussliste

(übersetzt von Wulf Bergner)

Blanvalet, 2008

480 Seiten

7,95 Euro

Deutsche Erstausgabe (Gebundene Ausgabe)

Blanvalet, 2006

Originalausgabe

The Enemy

Bantam Press, 2004

Lee Child: Tödliche Absicht

(übersetzt von Wulf Bergner)

Blanvalet, 2005

480 Seiten

8,95 Euro

Deutsche Erstausgabe (Gebundene Ausgabe)

Blanvalet, 2003

Originalausgabe

Without Fail

Bantam Press, 2002

Jack-Reacher-Reihe

1 – Größenwahn (Killing Floor, 1997)

2 – Ausgeliefert (Die Trying, 1998 )

3 – Sein wahres Gesicht (Tripwire, 1999)

4 – Zeit der Rache (The Visitor, 2000)

5 – In letzter Sekunde (Echo Burning, 2001)

6 – Tödliche Absicht (Without Fail, 2002)

7 – Der Janusmann (Persuader, 2003)

8 – Die Abschussliste (The Enemy, 2004)

9 – Sniper (One Shot, 2005)

10 – The Hard Way, 2006

11 – Bad Luck and Trouble, 2007

12 – Nothing To Lose, 2008 (erscheint im Juni)

Hinweise

Homepage von Lee Child

Blanvalet über Lee Child


In den USA hochgelobtes Debüt

April 30, 2008

Cornelia Reads “Schneeweißchen und Rosentot war, jeweils in der Sparte „Bestes Debüt“, für den Edgar, Gumshoe, Macavity, Barry, Audie (ein Hörbuchpreis), Romantic Times Book Club Critics Choice und Northern California Book Award for Fiction nominiert. Aber sie erhielt keinen der Preise und das hatte selbstverständlich einen Grund.

Madeline Dare lebt 1988 mit ihrem Mann Dean in Syracuse und schreibt für den „Syracuse Weekly“ für die bunten Seiten. Bei einem Mittagessen bei Deans Eltern zeigt ihr ihr Schwiegervater Cal die Erkennungsmarke eines Soldaten. Cal hat sie auf dem Feld gefunden, auf dem 1969 Harvey Johnston zwei Mädchen mit durchgeschnittener Kehle entdeckt hatte. Zuletzt waren sie mit zwei Soldaten auf dem Jahrmarkt gesehen worden. Cal meint, das sei doch eine Story für sie.

Madeline muss dagegen noch den Namen auf der Erkennungsmarke verarbeiten. Lapthorne Townsend. Ihr Lieblingscousin.

Natürlich glaubt sie nicht an seine Schuld und beginnt mit ziemlich amateurhaften Ermittlungen. Denn sie ist alles andere als eine investigative Journalistin. Trotzdem weisen die ersten Recherchen auf Lapthorne hin. Harvey Johnston erzählt ihr, er habe damals einen dunkelhaarigen Mann mit Bürstenschnitt am Tatort gesehen. Auf der New York State Fair trifft sie Archie Sembles. Er hatte damals Scherenschnitte von den toten Mädchen und den Soldaten gemacht. Als sie ihm gegenüber die Polizei erwähnt, gerät er in Panik, redet von einem „Struvel Peter“ und wirft sie aus seinem Wohnwagenatelier.

Erst am nächsten Tag, nach einer erfolglosen Suche nach Peter Struvel im Telefonbuch, fällt ihr ein, dass sie den Namen als Struwwelpeter kennt und damals Jack Schneider die Ermittlungen leitete. Hat er die Mädchen umgebracht?

Im Mittelpunkt von „Schneeweißchen und Rosentot“ steht nicht der Rätselkrimiplot, sondern die Erzählerin Dare, ihre Familie und ihr Leben zwischen Job, Ehe, eigener und angeheirateter Familie und ihrer unstetig-sexgierigen Freundin Ellis Clark. Davon erzählt sie in einem schnoddrig-ironischen Tonfall. Die beiden Familien, ihre steinreiche, dysfunktionale Ostküstensippe mit einer bewegten Vergangenheit und seine arme, aber nette Arbeiter- und Bauernfamilie, bieten dafür auch reichlich Stoff.

Dagegen schleppt sich der Krimiplot ohne große Überraschungen unglaublich zäh dahin. Immer wieder verzögert Madeline die Ermittlungen, weil investigative Recherchen nicht ihr Ding sind. Tagelang lässt sie diese Recherche links liegen. Sie spricht nur, falls überhaupt, höchst unwillig mit Zeugen und Verdächtigen. Und die Lösung ist von Anfang an so offensichtlich, dass ich es bis zum Schluss nicht glauben wollte.

Cornelia Read hat die vielen Nominierungen erhalten, weil ihre Erzählerin eine nette Stimme hat. Sie hat keinen Preis erhalten, weil der Krimiplot sich nach der Anfangsprämisse sehr langsam und sehr vorhersehbar entwickelt.

„Schneeweißchen und Rosentot“ ist als Mainstream- und Frauenliteratur sicher nicht ohne Verdienste, aber als Kriminalroman ist es ein ziemlicher Langweiler.

Cornelia Read: Schneeweißchen und Rosentot

(übersetzt von Sophie Zeitz)

dtv, 2008

432 Seiten

14,90 Euro

Originalausgabe

A field of darkness

Warner Books, 2006

Hinweise

Homepage von Cornelia Read

Cornelia Read bloggt bei Naked Authors


Nix mit Suspense

April 24, 2008

Eine Sammlung von Kurzkrimis beginnt mit einem Konzept. In „Greatest Hits“ handeln alle Geschichten von Profikillern. In „Dangerous Women“ geht es um gefährliche Frauen. In „Murderers’ Row“ um Baseball. In „Murder and all that Jazz“ um Jazz. In „Mystery Street“ um eine Straße und einen Privatdetektiv als Helden. In „Schöne Leich’ in Wien“ spielen alle Geschichten in Wien. In „Tod am Bodensee“ am Bodensee. Ein solches Konzept führt bei den Autoren zu einer gesunden Mischung aus Disziplin (sie müssen eine Kriminalgeschichte zu einem bestimmten Thema oder Ort schreiben) und Freiheit (innerhalb dieses Rahmens ist alles möglich). Gleichzeitig ist das so entstehende Buch nicht einfach nur eine Sammlung von mehreren Kurzgeschichten, sondern etwas besonders.

Bei der von Christiane Geldmacher herausgegebenen Kurzgeschichtensammlung „Hell’s Bells“ wurde auf ein solches Konzept verzichtet und im Klappentext wird als Kaufargument nur noch hilflos der kleinste gemeinsame Nenner für eine Geschichte bemüht: nämlich „Spannung“. Gerade dieser Aspekt sollte für eine Kriminalgeschichte noch selbstverständlicher sein als für jede andere Geschichte.

Allerdings sind die meisten Geschichten in „Hell’s Bells“ nicht sonderlich spannend. Spannung ist die Ankündigung, dass etwas geschehen wird. Wir Leser sind in das Geschehen involviert. Wir wollen wissen, wie die Geschichte endet. Wir hoffen dabei auf ein bestimmtes Ende.

Alfred Hitchcock bemühte, wenn er erklären musste, was Spannung ist, oft die Karten spielenden Männer. Während sie seelenruhig spielen, wissen wir, dass der Verbrecher unter dem Tisch eine Bombe angebracht hat und wann sie explodiert. Im Folgenden hoffen wir, dass diese Männer entweder die Bombe entdecken oder möglichst schnell den Raum verlassen. Das ist Suspense. Auch jede Folge von „Alfred Hitchcock präsentiert“ (Alfred Hitchcock presents) demonstriert dieses Prinzip. Beispielsweise „Bang! You’re Dead“. Ein als Cowboy verkleideter Junge schiebt eine Kugel in einen Revolver. Dann zieht er durch den Vorort und schießt auf Gegenstände und Menschen. Bei jedem Schuss hoffen wir, dass die Kugel in der Trommel bleibt. Vor jedem Schuss hoffen wir, dass ein Erwachsener ihm endlich den Revolver abnimmt. Nach jedem Schuss hoffen wir, dass der Junge mit diesem Spiel aufhört.

Genau diese Spannung – immerhin wird im Klappentext auch explizit auf Patricia Highsmith und „Suspense“ hingewiesen – fehlt den in „Hell’s Bells“ versammelten Geschichten. Die meisten plätschern, oft psychologisch unglaubwürdig, bis zum Ende vor sich hin. Norbert Horst, Jürgen Albertsen und Carlo Schäfer lassen einen eher ratlos zurück. Einige, wie Henrike Heilands Theaterstück, Arthur Gordon Wolf und Sebastian Spengler, sind einfach missglückt.

In diesem Umfeld wird Dieter Paul Rudolph mit seinem etwas länglichen Schulaufsatz „All-inclusive oder Wie ich meine großen Ferien verbracht habe“ zum Höhepunkt. Doch Schulaufsätze sind nicht spannend.

Christiane Geldmacher (Hrsg.): Hell’s Bells

Poetenladen, 2008

176 Seiten

13 Euro

Enthält

Sebastian Spengler: Der Wald reicht bis ans Haus

Norbert Horst: Nah

Dieter Paul Rudolph: All-inclusive oder Wie ich meine großen Ferien verbracht habe

Henrike Heiland: Der unglückliche Herr Dr. von und zu Wittenstein

Arthur Gordon Wolf: Jack is Back

Sabine Ludwigs: Beutezug

Susanne Schubarsky: Schwarze Erinnerungen

Sabine Thomas: Angel in the Night

Carlo Schäfer: Uranus Schnitz und das Michelangelo Quadrat

Jürgen Albertsen: Ein Platz bei ihr am Grab

Michael Theurillat: Plan B

Elke Schröder: Eine runde Sache

Sabina Altermatt: Bergwärts

Michael Hüttenberger: Dorfmusik

Christiane Geldmacher: Ach, du bist das