Eine Liebeserklärung an Astrid Paprotta

August 23, 2007

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Regelmäßige Watching the Detectives-Leser wissen, dass Blogger Dieter Paul Rudolph ein Fan der Romane von Astrid Paprotta ist. Für ihn gehört sie „zum erlauchten Kreis der literarischen MagierInnen, die uns die ewige Suppe des Krimis mit den Elixieren der literarischen Landschaftsgärtnerei würzen“. Jetzt hat er mit „Die Zeichen der Vier – Astrid Paprotta und ihre Ina-Henkel-Kriminalromane“ das erste Buch über sie geschrieben.

Paprotta eroberte mit dem aus den Romanen „Mimikry“ (1999), „Sternentaucher“ (2002), „Die ungeschminkte Wahrheit“ (2004) und „Die Höhle der Löwin“ (2005) bestehenden Ina-Henkel-Zyklus die Herzen der Kritiker und etlicher Krimifans. Sie erhielt den Deutschen Krimipreis und den Glauser.

Dieter Paul Rudolph liest die vier Henkel-Romane in seiner werkimmanenten Interpretation in erster Linie als einen großen Entwicklungsroman, in dem aus der Heldin eine gute Polizistin wird. Neben dieser romanübergreifenden Entwicklungsgeschichte sind die einzelnen Romane wie Spiegelkabinette mit verschiedenen Spiegelungen aufgebaut. „Wir haben Ina Henkels Weg durch die Fiktion als einen Emanzipationsprozess erlebt, der sie durch die Spiegelkabinette der subjektiven Wirklichkeiten führte.“

Ein Interview mit Astrid Paprotta und eine umfangreiche, von Thomas Przybilka gewohnt zuverlässig erstellten, Bibliographie schließen „Die Zeichen der Vier“ ab.

Rudolphs schmales Buch richtet sich vor allem an Paprotta-Fans, die noch tiefer in die Welt der Ina-Henkel-Romane eintauchen wollen.

 

 

Dieter Paul Rudolph: Die Zeichen der Vier – Astrid Paprotta und ihre Ina-Henkel-Kriminalromane

Nordpark – Krimikritik, 2007

88 Seiten

12 Euro

 

Nordpark Verlag zum Buch:

http://www.nordpark-verlag.de/krimikritikacht.html

Blog „Watching the Detectives“ von Dieter Paul Rudolph:

http://www.hinternet.de/weblog/watching_the_detectives/

Homepage von Astrid Paprotta:

http://www.astrid-paprotta.de/main.html


Kein Thriller, sondern eine Satire

August 23, 2007

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Nein, ein Thriller, wie auf dem Cover steht, ist Robert Littells „Zufallscode“ nicht. Es ist, trotz des vielversprechenden Klappentextes,  auch keine schweißtreibende Jagd nach einem Serienmörder oder ein Geheimagenten-Roman, obwohl in „Zufallscode“ ein Zufallsmörder gut zwei Dutzend Menschen umbringt und Geheimagenten verschiedener Staaten und Mafiosi Lemuel Falk anwerben wollen. Dieser, ein russischer Chaostheoretiker auf der Flucht vor dem irdischen Chaos und Erfinder eines nicht zu knackenden Codes, ist die fast perfekte Verkörperung eines weltfremden Gelehrten. In seiner russischen Heimat war er ein geachteter Forscher und stellte, aus Gewohnheit, jedes Jahr einen Ausreiseantrag. So prüfte er, wie chaotisch die Zustände in der Sowjetunion sind. Sein Antrag wurde jedes Jahr abgelehnt und Falk wartete ein weiteres Jahr. Jetzt, kurz nach dem Fall der Mauer wird sein Antrag bewilligt und Falk befürchtet, dass das Chaos in der UdSSR viel schlimmer ist als er annahm. Er nimmt also eine Gastprofessur am Institut für fortgeschrittene interdisziplinäre Chaosforschung in der Nähe von New York an und landet im amerikanischen Chaos.

Während seiner ersten Nacht in den USA hört Lemuel Falk im Radio, dass ein Serienmörder scheinbar wahllos Menschen umbringt. Für den Chaosforscher ist offensichtlich, dass diese Morde nur scheinbar zufällig sind. Denn, so Falk: „Es gibt eine Gesetzmäßigkeit, die darauf wartet, entdeckt zu werden. Zufälligkeit in reiner Form gibt es leider nicht. Zumindest hat noch nie jemand ein Beispiel vorweisen können. Ich muss es wissen. Ich habe überall danach gesucht.“ Dafür hat er sogar die Zahl Pi auf drei Milliarden dreihundertdreißig Millionen Nachkommastellen ausgerechnet.

Doch bevor er sich auf die Jagd nach dem Zufallsmörder begibt, muss Falk sich erst in seiner neuen Heimat arrangieren. Das ist nicht so einfach und bietet Littell die Gelegenheit, die verschiedenen Mentalitäten gekonnt aufeinanderprallen zu lassen. Denn Falk versteht die meisten Redewendungen nicht, obwohl er Englisch mit der Ausbildungsvorschrift der Royal Canadian Air Force lernte und mit Raymond Chandler und dem Playboy aufpolierte. Er versteht nicht, warum er sich schuldig bekennen muss wenn er unschuldig ist. Er trifft auf zahlreiche, aus seiner sowjetischen Sicht seltsame Menschen und, das ist kein große Überraschung, die Liebe seines Lebens. Die Studentin Rain Morgan betreibt einen Friseursalon, bestiehlt mit der Erlaubnis des Geschäftsführers den EZ-Mart und verkauft Drogen. Mit ihr erlebt der Gelehrte auch seine sexuelle Befreiung.  

Robert Littells Roman „Zufallscode“ ist natürlich kein Thriller, sondern die mit vielen ironischen Spitzen erzählte Geschichte eines Mannes, der in die Fremde aufbricht und sein Glück findet. Diese Entwicklungsgeschichte erzählt Robert Littell gekonnt aus drei verschiedenen Perspektiven mit drei mühelos zu unterscheidenden Stimmen. Er erzählt in der Dritten Person und in der Ersten Person aus der Sicht von Falk und Rain.

 

Robert Littell: Zufallscode

(übersetzt von Rudolf Hermstein)

Knaur, 2007

368 Seiten

7,95 Euro

 

Originalausgabe:

The Visiting Professor

Faber and Faber Limited, London, 1993

 

Deutsche Erstausgabe:

Der Gastprofessor

Goldmann, 1995 (gebundene Ausgabe)

Goldmann, 1999 (Taschenbuch)

 

Meine Besprechung von Robert Littells „Die kalte Legende“ (Legends, 2005):

http://www.alligatorpapiere.de/spurensuche-zwanzigsechs-Agenten-Ex-Polizisten.html

 

Knaur über „Zufallscode“:

http://www.knaur.de/sixcms/detail.php?template=buchdetail&six_isbn=3-426-63206-3

 


Nichts Neues im Dschungel

August 22, 2007

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Die Ausgangsidee von Scott Smiths zweitem Roman „Dickicht“ ist denkbar einfach. Die folgende Geschichte vielfach in zahllosen Varianten erprobt und das Ende mit kleinen Variationen absehbar. Die Variation besteht darin, wie viele der Charaktere die Geschichte überleben. Alles beginnt natürlich vollkommen harmlos: sechs etwa zwanzigjährige Touristen machen sich in Mexiko auf den Weg zu einer im Dschungel gelegenen Ausgrabungsstätte. Der Bruder des Deutschen Matthias ist dort mit seiner neuesten Freundin. Die Einheimischen verhalten sich abweisend. Das auf einem Hügel liegenden Lager der Archäologen ist verlassen. Und kurz darauf müssen die Touristen gegen ein unheimliches Wesen kämpfen, das sie töten will.

Das haben wir schon tausendmal gesehen und etwas seltener gelesen. Dennoch ist dieser Plot immer wieder gut für einen spannenden Abend. Der Autor muss seine Charaktere nur, möglichst spektakulär der Reihe nach umbringen und eine halbwegs plausible Erklärung für sein Schlachtfest finden. Bei einem Horrorfilm geht’s auch ohne. Dafür spritzt das Blut neunzig Minuten über die Leinwand. Wir ergötzen uns an der Dummheit der Opfer. Denn sie begeben sich regelmäßig freiwillig in Todesgefahr. Wir erinnern uns an die blutigsten Morde und die schrägsten Szenen. Ich denke da an die Szene, in der in „Tanz der Teufel“ der Wald eine der jungen Frauen vergewaltigt.

Und so sind wir wieder bei „Dickicht“. Denn auch hier ist der Mörder eine Pflanze. Damit hören aber auch schon die Gemeinsamkeiten zwischen den erwähnten Horrorfilmen und Scott Smiths dickem Roman auf. Denn während in einem der zahllosen Filme die Jugendlichen der Reihe nach über die gesamte Filmlänge von der Pflanze verspeist würden (wir hoffen auf gescheite Spezialeffekte) und die restliche Zeit verzweifelt versuchen würden, sich aus der misslichen Situation irgendwie zu befreien, passiert in „Dickicht“ nichts davon. Die beiden US-Pärchen Jeff und Amy und Eric und Stacy, ihre Urlaubsbekanntschaft Matthias und der Grieche Pablo warten einfach ziemlich passiv auf von außen eintreffende Hilfe. Bei Pablo ist das verständlich. Denn nachdem er sich schwer verletzte, liegt er von Schmerzen gepeinigt auf dem Hügel. Der Deutsche bleibt blasseste Staffage. Sogar der Butler in einem britischen Krimi ist ein tiefgründigerer Charakter. Jeff, Amy, Eric und Stacy sind einfach nur vier junge, vollkommen austauschbare Amerikaner, die bis auf minimale Unterschiede vollkommen gleich auf die Bedrohung reagieren. Nämlich passiv abwartend. Deshalb gibt es innerhalb der Gruppe auch keine erwähnenswerten Konflikte. Doch zwischen den Gefangenen müsste viel mehr geschehen, denn die Pflanze verhält sich über die gesamte Buchlänge von gut fünfhundert engbedruckten Seiten abwartend. Erst gegen Ende verspeist sie ihre Opfer in einem Rutsch und wir fragen uns, ob wir wirklich auf dieses Buch dreizehn Jahre gewartet haben. Denn soviel Zeit verging seit Scott Smiths später auch erfolgreich verfilmten, spannenden Kriminalroman „Ein einfacher Plan“ (A simple plan, 1993).

„Dickicht“ ist dagegen als Horrorroman nach einem gelungen Anfang einfach nur ein enttäuschender Langweiler mit blassen Charakteren, einer vorhersehbaren, ohne Überraschungen bis zum bitteren Ende abgespulten Geschichte und einer netten Schlusspointe. Für 480 Seiten ist das viel zu wenig.

Vielleicht ist der gerade abgedrehte Film besser. Scott Smith hat, wie schon bei „Ein einfacher Plan“, auch für „Dickicht“ das Drehbuch geschrieben. Carter Smith führte Regie. Jonathan Tucker, Jena Malone, Laura Ramsey, Shawn Ashmore, Joe Anderson und Dimitri Baveas übernahmen die Hauptrollen. Der Film soll am 24. April 2008 in Deutschland starten.

 

 

Scott Smith: Dickicht

(übersetzt von Christine Strüh)

Fischer Taschenbuch Verlag, 2007

480 Seiten

8,95 Euro

 

Originalausgabe:

The Ruins

Alfred A. Knopf, 2006

 

Informative US-Homepage zum Roman “The Ruins”:

http://www.randomhouse.com/kvpa/ruins/

Fischer Verlag zu “Dickicht”:

http://www.fischerverlage.de/buch/9783596176168


Blogger on the run

August 6, 2007

Die kommenden Tage bin ich unterwegs und weiß deshalb nicht, wie viel Zeit ich zum Bloggen habe.

Deshalb gibt es bereits jetzt den ultimativen TV-Tipp:

Am kommenden Sonntag, den 12. August, zeigt Kabel 1, nach 23.00 Uhr die erste Staffel der derzeit besten Polizeiserie:

Kabel 1, 23.20

The Shield – Gesetz der Gewalt (USA 2002, Erfinder: Shawn Ryan)

Wenn die Quote stimmt, wird Kabel 1 nach der ersten Staffel auch die bislang noch nicht im deutschen Fernsehen gelaufenen Folgen zeigen.

Mein „The Shield“-Fantum habe ich bereits öfters bekundet:

Zum Ende der ersten Staffel im Fernsehen (und der Absetzung der Serie)

Zur DVD „The Shield – Die komplette erste Staffel“

Zur DVD „The Shield – Die komplette dritte Staffel“

Bereits eine Stunde früher startet „Las Vegas“. Nachdem Pro 7 vergangenes Jahr die Ausstrahlung nach wenigen Folgen abbrach, erhält das Glam-Drama mit James Caan bei Kabel 1 eine zweite Chance.

Bevor ich meinen Schreibtisch in dem bekannt-kreativen Chaos zurücklasse, gibt es einen kurzen Überblick über einige zuletzt gelesene Krimis, die ich auch demnächst ausführlicher besprechen will:

Robert Brack: Schneewittchens Sarg (Edition Nautilus) – Der dritte Krimi mit PI Lenina Rabe ist ein spannender Krimi über die 68er in ihren Wohnprojekten damals und heute. Brack ist ein sträflich unterschätzter Autor.

Martin Compart: Der Sodom-Kontrakt (Alexander-Verlag) – Kritikerpapst Martin Compart schreibt einen Noir-Thriller, wie wir ihn sonst nur aus Amiland kennen. Ross Thomas, Jean-Pierre Manchette und die üblichen Verdächtigen grüßen respektvoll.

G. M. Ford: Rotes Fieber (Goldmann)

G. M. Ford: Die Geisel (Goldmann) – Zwei spannende Thriller mit dem Journalisten und True Crime-Bestsellerautor Frank Corso. Ford legt weiterhin seine Finger in schmerzende Wunden: in „Rotes Fieber“ (2004 veröffentlicht) ist es die US-amerikanische Politik gegen den Terrorismus; in „Die Geisel“ ist es die Privatisierung des Strafvollzugs. Demnächst wird’s eine „Spurensuche“ über G. M. Ford und seine sechsteiligen Corso-Serie geben.

Frank Göhre: St. Pauli Nacht (Pendragon) – Die stark überarbeitete Fassung seiner in einer Nacht spielenden Sammlung von Kurzgeschichten gewinnt durch die Überarbeitung. Bei dieser limitierten Auflage sind auch die gleichnamige Verfilmung und der nicht mehr erhältliche Kurzroman „Rentner in Rot“ enthalten. Für den Preis ein wahres Schnäppchen.

John Rickards: Die Stadt der toten Seelen (Goldmann) – Der zweite Krimi mit PI Alex Rourke ist letztendlich eine enttäuschende, im leseunfreundlichen Präsens geschriebene Geschichte, die definitiv kein Thriller ist.

Dieter Paul Rudolph: Die Zeichen der Vier – Astrid Paprotta und ihre Ina-Henkel-Romane (Nordpark) – Eine werkimmanente Interpretation der vier Henkel-Romane von einem Fan für andere Fans. Ein Interview und eine Bibliographie runden das Werk ab.

 

P. S.: Ich habe die Kommentarfunktion für die nächsten Tage ausgestellt.


Unverzichtbar für Autoren

Juli 27, 2007

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Der wirkliche Wert des von Gerhild Tieger und Manfred Plinker herausgegebenen  „Deutsches Jahrbuch für Autoren Autorinnen 2007/2008“ liegt nicht den zahlreichen Artikeln, sondern in den Adressen. Die beiden Herausgeber und sicher eine große Zahl helfender Hände im Hintergrund haben umfangreiche Adresslisten zusammengestellt. Verlage, Zeitungen, Literaturhäuser, Aus- und Weiterbildungsinstitutionen, die verschiedensten Förderungen und Literaturpreise; das alles und noch mehr ist übersichtlich unter verschiedenen Rubriken alphabetisch sortiert mit Ansprechpartnern und kurzen Profilen der Institutionen aufgeführt. Diese Seiten ersparen Autoren die stundenlange Suche im Internet.

Dagegen wirken die 52 Artikel etwas eklektisch zusammengestellt. Auch hier wird die gesamte Buchbranche abgesteckt, es werden Schwerpunkte gebildet, aber oft hat man auch den Eindruck, dass hier einfach genommen wurde, was gerade im zwischen informativ und unterhaltend im Angebot war. Von Daniel Kehlmann und Arno Geiger gibt es Reden, von Sibylle Berg Betrachtungen über die Menschen, die Briefe an Autoren schreiben, Klaus Modick erzählt unterhaltsam-selbstironisch von seinem Werdegang als Schriftsteller, es gibt ein eigenes Kapitel zur Lyrik, Lektoren erzählen von ihrer Arbeit, Franz Josef Görtz erzählt, wie es dazu kam, dass die FAZ 1984 „Das Parfüm“ abdruckte, Tilmann P. Gangloff berichtet von dem Kampf deutscher Drehbuchautoren gegen „Knebelverträge“, Julie Myerson schreibt über Kritiker und Autoren, ein Essay von John Updike über den „Untergang des Buchhandels – und des Schriftstellers“ und dann gibt es im umfangreichen Kapitel „Genres“ mehrere Texte über Kriminalromane.

Diese fünfzig Seiten verdienen in der „Kriminalakte“ natürlich einen genaueren Blick. Tobias Gohlis schreibt über deutsche Krimis. Stephan Harbort über den Modus operandi von Serienmördern. Reinhard Jahn gibt Tipps zum Schreiben von Krimis. Anna Taube schreibt über Krimi im Kinderbuch. 

Kriminalhauptkommissar Harborts Text ist eine kurze quasi-wissenschaftliche Abhandlung, in denen er Serienmörder typisiert. Darüber hat er bereits erfolgreich mehrere Sachbücher geschrieben. Entsprechend informativ sind die vierzehn Seiten, die aber als Hintergrundinformation eigentlich nichts in einem „Jahrbuch für Autoren“ zu suchen haben.

Reinhard Jahn beantwortet in „Kriminalromane schreiben“ häufig gestellte Fragen. Der Titel ist letztendlich falsch. Denn im Zentrum stehen nicht Kriminalromane, sondern Kriminalgeschichten für Zeitungen und Zeitschriften. Jahns Antworten treffen natürlich auf alle Manuskripte, die Zeitungen angeboten werden, zu.

In die Tiefen und Untiefen des Kinderbuches dringt Kinderbuchlektorin Anna Taube mit ihrem sehr informativen „Krimi im Kinderbuch“ vor. Sie erklärt die Unterschiede zwischen Krimis für Kinder, Jugendliche und Erwachsene und stellt einige erfolgreiche Reihen, wie die „Fünf Freunde“, „Die drei???“ und „TKKG“, pointiert vor.

Tobias Gohlis beginnt „Deutsche Krimis“ gleich mit der zutreffenden Bemerkung (er sagt Polemik) „Der durchschnittliche deutsche Krimiautor ist als Schriftsteller Amateur und fest davon überzeugt, das Krimischreiben sei so einfach wie für Japaner das Verfassen von Haikus.“ ehe er auf die guten deutschen Krimiautoren hinweist. Es sind, wenig überraschend, Merle Kröger, Oliver Bottini, Thomas Kastura, Friedrich Ani und die Altmeister Frank Göhre, D. B. Blettenberg, Robert Brack (seine als Virginia Doyle geschriebenen Romane) und Robert Hültner. Damit wendet sich „Deutsche Krimis“ vor allem an Menschen, die in den vergangenen Jahren krimiabstinent waren.

Aber, wer kauft das „Deutsche Jahrbuch für Autoren Autorinnen 2007/2008“ schon wegen der Texte? Es wird wegen der Adressen gekauft.

 

Gerhild Tieger/Manfred Plinke (Hrsg.): Deutsches Jahrbuch für Autoren Autorinnen 2007/2008

Autorenhaus Verlag, 2007

1056 Seiten

29,90 Euro

 

Homepage des Verlages (mit Inhaltsverzeichnis):

http://www.autorenhaus-verlag.de/das-branchenhandbuch.phtml

 


Florida-Crime à la Hiaasen

Juli 26, 2007

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Im Rückblick ist die vor acht Jahren erschienene Satire „Krumme Hunde“ (Sick Puppy) der letzte wirklich gnadenlose satirische Kriminalroman von Carl Hiaasen. Danach schrieb er, neben zwei erfolgreichen Jugendbüchern, einen in der ersten Person erzählten Thriller („Letztes Vermächtnis“), garnierte die Satire mit einem Schuss Altersmilde („Der Reinfall“) oder brachte niemanden mehr um („Sumpfblüten“).

„Krumme Hunde“ beginnt harmlos, bevor die Geschichte ihren brüllend komischen Hiaasen-typischen fatal-destruktiven Verlauf nimmt. Der beste Lobbyist Floridas Palmer Stoat wirft aus seinem Range Rover in die Wildnis Floridas die Verpackungen seines Fastfood-Essens. Keine große Sache. Macht schließlich jeder. Dummerweise wird er dieses Mal von Twilly Spree beobachtet. Twilly ist ein Weltverbesserer, der seine Mitmenschen mit handfesten Demonstrationen überzeugen will. So sprengte er die Bank seines Onkels, weil die Bank einer Baufirma vierzehn Millionen Dollar für Bauarbeiten im Amazonasbecken lieh, in die Luft und musste – erfolglos – an einem Kursus zur Aggressionsbewältigung teilnehmen. Denn Twilly kann seine Wut immer noch nicht beherrschen. Er befördert eine Ladung Müll in Stoats BMW Cabrio. Damit könnte die Sache beendet sein, wenn Stoat nicht wenige Tage später wieder Müll aus seinem Wagenfenster werfen würde. Denn Stoat hat erstens keine Ahnung, wer warum seinen BMW zerstörte, und ist zweitens damit beschäftigt, die Umwidmung der idyllischen Insel Toad Island in ein luxuriöses Golfressort voranzubringen. Für das Shearwater-Island-Projekt (natürlich wird Toad Island [Kröteninsel] zuerst umbenannt) müssen seltene Tierarten verschwinden, Politiker geschmiert und Investoren beruhigt werden.

Auch als Twillys Demonstrationen immer persönlicher werden, hat Stoat keine Ahnung, wer ihn warum bedroht. Ihm fällt nur ein, dass es mit seinem neuesten Projekt zusammenhängen könnte.

Stoats von der Ehe und ihrem arroganten Ehemann gelangweilte Frau Desie verliebt sich natürlich prompt in den sympathischen Twilly, der zuerst ihren Hund Boodle und später sie entführt, und erzählt ihm, dass Stoat letztendlich die treibende Kraft bei der geplanten Zerstörung des Paradieses Toad Island ist. Twilly fordert Stoat auf, das Projekt zu stoppen. Sonst werde er seinen Hund und seine Frau nie wieder sehen.

Stoat kann diese Forderung, die letztendlich das Ende seiner Karriere als Lobbyist bedeuten könnte, unter keinen Umständen akzeptieren. Twilly soll, wie die anderen Probleme bei der Erschließung der Insel, aus dem Weg geschafft werden. Weil Geld bei dem vermögenden Überzeugungstäter Twilly Spree nicht fruchten wird, erpressen Stoat und der Gouverneur von Florida den früheren, in den Sümpfen untergetauchten Gouverneur Clinton ‚Skink’ Tyree. Er soll ihnen helfen, den Irren Twilly Spree aus dem Weg zu schaffen.

Hiaasen-Fans kennen Skink und wissen, dass spätestens jetzt für die Bösen die Straße ins Verderben ein mehrspuriger Highway ohne Geschwindigkeitsbegrenzungen ist.

„Krumme Hunde“ ist Carl Hiaasens gnadenlose Abrechnung mit korrupten Politikern und, wieder einmal, eine furiose Anklage gegen die Zerstörung der traumhaften Landschafts Floridas für kommerzielle Interessen. Alle Probleme können mit der richtigen Menge Geld, – mal legal, mal illegal verbucht -, gerichtet werden, bis mit Twilly Spree ein Idealist auf der Bildfläche erscheint und den korrupten Frieden stört. Das erschreckende bei „Krumme Hunde“, wie auch bei den anderen in Florida spielenden witzig-grotesken Kriminalromanen von Hiaasen, ist, dass die auf den ersten Blick unglaublichsten Ereignisse wahr sind.

Doch was kann man schon von einem Bundesstaat erwarten, in dem Präsidentschaften gekauft werden und Journalisten als Haustiere Alligatore haben?

 

Carl Hiaasen: Krumme Hunde

(übersetzt von Michael Kubiak)

Goldmann, 2007 (2. Auflage)

512 Seiten

8,95 Euro

 

Deutsche Erstausgabe: Goldmann, 2002

 

Originalausgabe

Sick Puppy

Alfred A. Knopf, New York, 1999

Homepage von Carl Hiaasen: http://www.carlhiaasen.com/

 

Bücher von Carl Hiaasen

Romane

Powder Burn, 1981 (mit William D. Montalbano)

Trap Line, 1982 (mit William D. Montalbano)

A Death In China, 1984 (mit William D. Montalbano) (Der Tod in China)

Tourist Season, 1986 (Miami Terror)

Double Whammy, 1987 (Dicke Fische, Miami Morde)

Skin Tight, 1989 (Unter die Haut)

Native Tongue, 1991 (Große Tiere)

Strip Tease, 1993 (Striptease, Nachtclub)

Stormy Weather, 1995 (Stürmische Zeiten)

Naked Came the Manatee, 1996 (mit Brian Antoni, Dave Barry, Edna Buchanan, Tananarive Due, James W Hall, Vicki Hendricks, Elmore Leonard, Paul Levine, Evelyn W Mayerson and Edna Standiford – Serial Novel for The Miami Herald’s Tropic Magazine)

Lucky You, 1997 (Die Glücksfee)

Sick Puppy, 1999 (Krumme Hunde)

Basket Case, 2002 (Letztes Vermächtnis)

Skinny Dip, 2004 (Der Reinfall, Dagger-Nominierung für bester Roman)

Nature Girl, 2006 (Sumpfblüten)

 

Kinderbücher

Hoot, 2002 (Eulen)

Flush, 2005 (Fette Fische)

 

Sachbücher

Team Rodent: How Disney Devours the World, 1998

Kick Ass: Selected Columns of Carl Hiaasen, 1999

Paradise Screwed: Selected Columns of Carl Hiaasen, 2001

 

Verfilmungen

Striptease (Striptease, USA 1996, Regie/Drehbuch: Andrew Bergman)

Eulen – Kleine Freunde in großer Gefahr! (Hoot, USA 2006, Regie/Drehbuch: Wil Shriner)


Spenser in der Schule

Juli 24, 2007

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Mit „Der stille Schüler“ von Robert B. Parker legt der Pendragon-Verlag seinen zweiten Spenser-Roman vor. Das klingt jetzt etwas umständlich, aber Robert B. Parker ist ein enorm produktiver Autor. Neben den jährlich erscheinenden Spenser-Romanen (2005 waren es sogar zwei) schreibt er fast ähnlich regelmäßig neue Jesse-Stone- und Sunny-Randall-Kriminalromane und zuletzt auch mehrere Einzelwerke. Die Plots sind oft locker gestrickt, aber immer gut geschrieben. Denn mit wenigen Sätzen charakterisiert er Personen und Orte. In „Der stille Schüler“ fragt sich Spenser, warum ein Schüler Amok läuft.

Ich betrat den ersten Klassenraum. Die Wände waren aus Gipskarton und wie der Flur gestrichen. Es gab eine Tafel, Fenster, Stühle mit Schreiblehne. Einen Lehrertisch vorn mit einem Stehpult darauf. Kreide auf der Ablage unten an der Tafel. Eine große, runde elektrische Uhr an der Wand über der Tür. Es hatte die Atmosphäre einer Verwahrzelle.

Ich konnte das Erstickende spüren, die Eingeschränktheit, die tödliche Langeweile, das schwerfällige Ticken der Uhr, während sie sich durch den Tag mahlte. Ich konnte mich daran erinnern, wie ich durch Fenster wie dieses zur Welt der Lebenden hinausgeschaut hatte. Zu Leuten, die sich tatsächlich frei bewegen durften.“

Dass Schule die Hölle ist, ist nach diesen Worten klar. Aber der 17-jährige Jared Clark wird von allen als stiller, unauffälliger und zurückhaltender Schüler beschrieben. Er soll zusammen mit Wendell Grant fünf Schüler und zwei Lehrer erschossen haben. Grant ergab sich und verpfiff Jared Clark an die Polizei. Clark gestand später die Tat. Damit ist der Fall offiziell geschlossen.

Doch nicht für Lily Ellsworth. Sie glaubt nicht, dass ihr Enkel Jared Clark die Morde begangen hat. Sie beauftragt Spenser, Clarks Unschuld zu beweisen. Spenser hält Clark, wie alle anderen, für schuldig. Doch ihm fällt bei seinen Ermittlungen sofort auf, dass alle, sogar Clarks Eltern, die beiden Amokläufer möglichst schnell und für immer wegsperren wollen. In der Dowling Privatschule befiehlt der Schulpräsident seinen Lehrern und den Schülern nicht mit Spenser zu reden. Der Polizeichef will ihn möglichst sofort aus der Stadt werfen und Clark hat einen vollkommen unerfahrenen Verteidiger.

Spensers Neugier ist jetzt geweckt. Im Gegensatz zu allen anderen will er herausfinden, warum ein stiller Schüler Amok läuft. Seine Suche nach der Wahrheit führt ihn durch alle Facetten des Lebens und der Teenage-Angst von Jugendlichen in den Vorstädten. Seit Spensers Schultagen ist allerdings der Druck sich anzupassen und gute Noten zu haben enorm gestiegen. Denn sie entscheiden heute über die Aufnahme am richtigen College und damit über das weitere Leben. Harlan Coben hat in seinem letzten Myron Bolitar-Roman „Ein verhängnisvolles Versprechen“ (Promise Me, 2006) ebenfalls diesen Leistungsdruck thematisiert. In US-amerikanischen Städten ist – im Gegensatz zu Deutschland mit der zentralen Studienplatzvergabe und der freien Wahl des Studienortes – die Frage, welche Universität einen annimmt, das den Sommer beherrschende Gespräch. Dies und zahlreiche andere Probleme des Erwachsenwerdens, wie Drogen, Sex und Zugehörigkeit zu Gruppen, thematisiert Robert B. Parker mit leichter Hand und ohne jemals zu moralisieren in witzigen Dialogen.

„Wie lautet unser Grundsatz für Klugscheißer hier?“

„Null Toleranz. Außer für mich.“

Mit „Der stille Schüler“ setzt Robert B. Parker seine Serie um den schlagfertigen und selbstironischen Bostoner Privatdetektiv Spenser gelungen fort, – auch wenn von Spensers Freunden nur Rita Fiore mitspielt. Susan Silverman ist auf einem Kongress und Hawk verdient Geld. Pearl versucht sich erfolglos als Wachhund und die vollbusigen Frauen geizen nicht mit eindeutigen Angeboten an Spenser.

Das gleiche wie immer. Susan ist unterwegs, und ich dachte, ich könnte für sie einspringen.“

„Du solltest dringend an deinen Hemmungen arbeiten.“

„Und sie in den Griff kriegen?“

„Nein. Überhaupt erst mal welche entwickeln.“

 

Robert B. Parker: Der stille Schüler – Ein Auftrag für Spenser

(übersetzt von Frank Böhmert)

Pendragon, 2007

216 Seiten

9,90 Euro

 

Originalausgabe:

School Days

G. P. Putnam’s Sons, New York, 2005

 

Homepage von Robert B. Parker

Pendragon-Homepage zu Robert B. Parker

Mein Porträt von Robert B. Parker und der Spenser-Serie in der Spurensuche

Mein Porträt von Harlan Coben und der Myron-Bolitar-Serie in der Spurensuche


Unterhaltsame Schatzsuche

Juli 23, 2007

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Als erstes sollten Sie die Verlagsprosa von „Packender Verschwörungsthriller um den meistgesuchten Schatz der Welt“ nicht sonderlich ernst nehmen. Ebenso sollten Sie das Titelbild einfach nur als eine bestimmte, mit dem Buch nicht zusammenhängende Verteilung von Farbe, betrachten. Denn Peter Wührmanns Debüt „Silberfieber“ ist eine unterhaltsame Abenteuergeschichte über eine Schatzsuche, aber kein Verschwörungsthriller, und der sich angeblich auf Wavy Island, einer Insel vor der kanadischen Küste, befindende Schatz ist sicher nicht der meistgesuchte Schatz der Welt. Ich denke da an das Bernsteinzimmer, den heiligen Gral und die Schatzkammern untergegangener Schiffe wie der Lutine, Sussex oder Flor de la Mar. Um nur einige zu nennen.

Für den sich in der Schlussphase seines Geographiestudiums befindenden Frank Schönbeck beginnt alles mit einem maskierten Mann, der sich Einstein nennt und ihn in seiner Wohnung zusammenschlägt. Einstein möchte von Schönbeck eine alte Landkarte haben. Schönbeck sagt, er habe sie wieder Professor Pfleiderer gegeben. Einstein verschwindet und am nächsten Tag ist Pfleiderer mit einem Ziegelstein erschlagen worden.

Schönbeck fliegt nach London zu seinem Studienfreund Peter Adams. Denn er hat die Karte. Gemeinsam versuchen sie herauszufinden, warum jemand bereit ist für eine auf den ersten Blick vollkommen wertlose Karte zu morden. Neben dem für Jungs immer interessanten Räuber-und-Gendarm-Spiel, hat auch Adams bereits Kontakt mit den Bösen gehabt. Seine neueste, geheimnisvolle Freundin sagte ihm, er solle sie Marie Curie nennen. Als Adams sie am nächsten Tag zusammen mit einem großen Mann, der Einstein sein könnte, beobachtet, ist er überzeugt, dass er und Schönbeck in Lebensgefahr schweben. Sie flüchten vor Einstein, Curie und einer deutschen Polizistin.

Ihr einziger Verbündeter ist Professor Kenneth McCully. Durch ihn erfahren sie von Wavy Island und dem sich angeblich auf der Insel befindenden Silberschatz der spanischen Flotte. Gleichzeitig unterstützt er sie finanziell und begibt sich mit ihnen auf Weltreise.

Entsprechend den Genrekonventionen treffen sich alle zum Showdown auf Wavy Island.

„Silberfieber“ ist, wie gesagt, ein unterhaltsamer Abenteuerroman für einen lauen Sommerabend. Peter Wührmann will in seinem Debütroman unterhalten und dabei noch einige Informationen vermitteln. Beides gelingt ihm. In einem Nachwort sagt Wührmann, welche Quellen er für das Leben Einsteins, der Titanic und der Schatzsuche auf Wavy Island, die in Wirklichkeit Oak Island heißt, benutzt hat.

Dass die Bösen sich sehr verräterische Namen verpassen und mit ihren Aktionen mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen, als vernünftig ist, gehört in einem gewissen Rahmen zu den Genrekonventionen. Denn wenn die Bösen sich wirklich vernünftig verhielten, gäbe es kein Buch. Trotzdem macht die Dummheit der Bösen es den Guten hier zu leicht.

Noch leichter macht Wührmann es für sein Trio Schönbeck-Adams-McCully, weil er ihnen keine nennenswerten Steine in den Weg legt und sie auch nie in Lebensgefahr, halt das Brot und die Butter eines zünftigen Abenteuerromans, bringt. Deshalb unterhält „Silberfieber“ gut, ohne jemals wirklich spannend zu werden oder in Tiefen vorzustoßen, die den Roman für Jugendliche bedenklich machen würden. Wäre „Silberfieber“ ein Film, würde er wahrscheinlich ab 12 Jahren, vielleicht sogar ab 6 Jahren freigegeben.

 

 

Peter Wührmann: Silberfieber

Goldmann, 2007

352 Seiten

7,95 Euro

 

Weitere Informationen: http://www.silberfieber.de/


Spannender Gerichtskrimi aus Deutschland

Juli 19, 2007

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„Die deutsche Antwort auf John Grisham“ sagt der Verlag ganz unbescheiden. Das weckt bei mir, weil ich kein Grisham-Fan bin, kein besonderes Interesse. Der Autor ist auch noch Richter. Haben wir nicht schon aus Amiland genug schreibende Juristen? Muss jetzt auch noch ein Deutscher dicke Gerichtsthriller schreiben? Aber dann wird mir „Zug um Zug“ von Andreas Hoppert wärmstens empfohlen, das Buch wird aus dem Stapel gezogen und die ersten Seiten sind gelungen.

Kurz vor Feierabend taucht bei Marc Hagen ein neuer Klient auf. Hasso von Neuendorff heißt er und nach Hagens Ansicht ist er ein Arschloch. Aber er kann ihn, den Juristen mit entzogener Lizenz, und seine Chefin, die Alkoholikerin Dr. Irene von Kleist, bezahlen. Also verteidigen sie von Neuendorff entsprechend seinen Wünschen gegen den berechtigten Vorwurf der Wilderei. Von Neuendorff kommt mit einer Geldstrafe davon und ist sehr zufrieden mit den Beiden, obwohl von Kleist nicht zur Verhandlung erschien und Hagen ihn über eine Ausnahmegenehmigung vertreten musste.

Kurz darauf wird von Neuendorff verhaftet. Er soll seine Freundin Barbara Beck erschossen haben. Er beauftragt von Kleist und Hagen mit seiner Verteidigung. Die Anklage ist überzeugend, aber Hagen findet Zeugen, die ihren Klienten entlasten.

Soweit, so vertraut. Aber „Zug um Zug“ ist nicht „Ein Fall für zwei“. Höchstens bei den ersten Fällen von Anwalt Renz und seinem Detektiv Matula waren die Klienten ähnlich zwiespältig. Doch das war vor über zwanzig Jahren.

Denn von Neuendorff sagte vor der Mordanklage zu Hagen: „Wenn jeder weiß, was geschehen ist, aber man dem Täter trotzdem nichts anhaben kann. Das ist es, was ich unter einem perfekten Mord verstehe.“ Er ist Großmeister im Schach – was ihn dazu befähigt, weit vorausschauende Pläne zu machen -, Hoppert gab seiner Geschichte den Titel „Zug um Zug“, strukturierte die Geschichte in vier, Schachspielern geläufige, Teile – Vorbereitung, Eröffnung, Mittelspiel und Endspiel – und erklärte die einzelnen Phasen des Spiels mit Zitaten aus „Meyers Schachlexikon“.

Außerdem lässt die Wahl des in Mordklagen vollkommen unerfahrenen, anwaltlichen Katastrophenduo von Kleist/Hagen beim Leser alle Alarmglocken schrillen und kaum an der Schuld von Neuendorffs zweifeln.

Doch dann findet Hopperts Held Hagen immer wieder genügend Beweise für die Unschuld ihres Klienten und es erscheint auch für uns denkbar, dass von Neuendorff hereingelegt wurde. Schließlich gibt irgendjemand der Polizei immer wieder anonyme Hinweise, die von Neuendorff schwer belasten und die Anklage nimmt diese Beweise ohne eine weitere Prüfung gerne in ihre Beweisführung auf. Dieser Tippgeber könnte der Mörder sein.

Während Andreas Hoppert noch die be- und entlastenden Indizien und Aussagen für von Neuendorffs Schuld präsentiert, jagt er uns durch die Feinheiten des deutschen Rechts und der Rechtssprechung. Dieser, etwa die Hälfte des Romans einnehmende Teil, ist spannend erzählt und steht den aus US-amerikanischen Thrillern bekannten Gerichtsverfahren und Tricks in Nichts nach.

Erst auf den letzten Seiten, dem schachtechnisch gesprochen „Endspiel“ verlässt Hoppert der Mut. Denn hier führt er, wenn wir im Spielduktus bleiben, einen neuen Spieler ein und er wechselt das Brett. Das ist aber nur ein kleiner Schönheitsfehler bei einem ansonsten gelungenen Gerichtsthriller.

Insofern ist der Vergleich mit John Grisham nicht vollkommen falsch. Für mich ist Andreas Hoppert eine der Entdeckungen des Jahres.

 

Andreas Hoppert: Zug um Zug

Grafit, 2006

352 Seiten

9, 95 Euro

 

Weitere Informationen:

Grafit-Verlag: Interview mit Andreas Hoppert zu „Zug um Zug“: http://intra.grafit.de/archive/upload/buecher_interview_45000176.pdf


Keine Geheimnisse, trotzdem spannend

Juli 17, 2007

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„Was ist Spannung?“, fragte dpr vor einigen Tagen in die Runde. Ich schrieb, Larry Beinhart zitierend, Spannung sei „die Ankündigung – oder Drohung, Verlockung oder Andeutung -, dass etwas geschehen wird.“

Ein gelungenes Beispiel für Beinharts These liefert H. R. F. Keating mit „Inspector Ghote reist 1. Klasse“. Dieser Kriminalroman hat keine Toten, keine wilden Verfolgungsjagden (naja, einmal muss Inspector Ghote einem Zug nachlaufen), keine Action und auch kein Rätsel. Denn das Ende ist von der ersten Zeile an offensichtlich.

Und trotzdem ist diese fast vierzig Jahre alte Geschichte spannend. Das liegt an der genial einfachen Konstruktion der Geschichte.

Inspector Ghote soll in Kalkutta den verhafteten Schwindler Battacharya abholen. Ghote beschließt mit dem Zug von Bombay nach Kalkutta zu fahren. Die Times of India bringt eine kleine Meldung mit einem Bild von Ghote. Ganz in der Nähe von Ghotes Büro liest der Schwindler Battacharya – in Kalkutta wurde der falsche Mann verhaftet – die Meldung und er beschließt, incognito mit Inspector Ghote zu reisen. Er verkleidet sich und setzt sich neben den nichts ahnenden Inspector Ghote.

Die gesamte Hinfahrt wird von der Frage beherrscht, wie (dass Ghote Battacharya enttarnt ist klar) er den Schwindler enttarnt.

Am Ende der Fahrt verhaftet Ghote Battacharya. In diesem Moment sind wir genau in der Mitte der des Romans. In der zweiten Hälfte schildert Keating die Rückfahrt. Jetzt will Battacharya flüchten. Außerdem soll Ghote ihn zu einem Geständnis bewegen.

Am Ende der Fahrt kann Ghote den Schwindler seinen Kollegen übergeben.

Das ist die auf knapp 200 Seiten erzählte Geschichte.

Auch das Ende – immerhin hat niemand ernsthaft geglaubt, dass Ghote den Bösen entwischen oder sich von ihm korrumpieren lässt – ist absolut nicht überraschend, aber befriedigend.

Warum ist das so?

Keating, einer der Großen der britischen Kriminalliteratur und langjähriger Krimikritiker der „Times“, beherrscht die Grundlagen. Gleich auf der ersten Seite verspricht er uns ein Duell zwischen einem kleinen, unauffälligen Inspector, der Stolz darüber ist, dass sein Bild in der Zeitung erschien, und einem begnadeten, aber überheblichen Schwindler. Es ist ein Kampf zwischen David und Goliath, der für Ghote noch aussichtsloser ist, weil Battacharya ihn einfach nur düpieren will. Ghote hat eigentlich keine Chance zu gewinnen.

Als Leser verfolgen wir die erste Runde des Duells. In ihm muss Ghote Battacharya enttarnen. Weil er ein guter Beobachter ist, gelingt es ihm. Auf der Rückfahrt muss er eine Flucht verhindern. Auch hier hat Battacharya wieder ein vollkommen anderes, ebenso genau definiertes Ziel. Er will flüchten. Dabei ist er, im Gegensatz zu dem unbeholfenen, gewöhnlichen Ghote, ein welterfahrener Charmeur. Die Mitreisenden lassen sich gerne von ihm blenden. Außerdem behauptet Battacharya, dass er Verbündete habe, die ihm helfen würden. Kurz: Ghote ist bei dieser langen Zugfahrt vollkommen auf sich allein gestellt.

Als Leser wollen wir jetzt wissen, wie Ghote die Flucht von Battacharya verhindert.

Dabei können wir nur auf eines Vertrauen: H. R. F. Keating als Lokführer wird uns sicher zum Ziel bringen.

Und das ist das Geheimnis von Spannung: Am Anfang verspricht uns der Autor ein spannendes Abenteuer. Wir folgen ihm. Und am Ende bringt er uns wieder sicher zurück. Er löst das anfangs gegebene Versprechen auf eine abenteuerliche Zugfahrt ein.

 

 

H. R. F. Keating: Inspector Ghote reist 1. Klasse

(übersetzt von Mechtild Sandberg-Ciletti)

Unionsverlag, 2007

192 Seiten

9,90 Euro

 

 

Originalausgabe:

Inspector Ghote goes by train

Collins, London, 1971

 

 

Deutsche Erstausgabe:

Inspector Ghote reist 1. Klasse

Rowohlt, 1975

 

 

Die Übersetzung wurde für die aktuelle Ausgabe überarbeitet und ergänzt.

 

 

Weitere Informationen:

Unionsverlag über Keating:

http://unionsverlag.ch/info/person.asp?pers_id=1750

Krimi-Couch über Keating:

http://www.krimi-couch.de/krimis/h-r-f-keating.html

Wikipedia (englisch) über Keating:

http://en.wikipedia.org/wiki/H._R._F._Keating

H. R. F. Keating empfiehlt 100 Kriminalromane: http://www.classiccrimefiction.com/keating100.htm

Das Zitat von Larry Beinhart ist aus seinem empfehlenswerten Buch „Crime – Kriminalromane und Thriller schreiben“ (How to write a Mystery, 1996)


Die kriminelle Herbst-Winter-Kollektion – Teil 5

Juli 11, 2007

Wieder mit zwei großen Verlagen: Droemer Knaur und Heyne. Wie üblich sind die besonders wichtigen Veröffentlichungen und die Bücher, auf die ich mich besonders freue, fett hervorgehoben. Der Unterschied? Nun, Michael Connelly ist wichtig, aber, weil ich das Buch bereits kenne, kann ich mich nicht mehr darauf freuen.

 

 

 

Knaur – Die Taschenbücher

Oktober

Nicole Jamet/Marie-Anne Le Pezennec: Dolmen – …vergessen sollst du nie (Taschenbuch-Ausgabe)

November

Simon Brett: Der Tote im Hotel

Tim Green: Tödliches Kalkül (Rachethriller)

Scott McBain: Das Judasgift (Erstausgabe eines Thrillers über eine die katholische Kirche bedrohende Verschwörung)

Julie Parsons: Zähl die dunklen Stunden nur

Dezember

Thomas H. Cook: Das Gift des Zweifels (Red Leaves, 2005; Erstausgabe des Anthony-, Dagger- und Edgar-nominierten Werkes)

Vena Cork: Galerie der Angst

Michael Cox: In der Mitte der Nacht – Ein Geständnis

Katy Gardner: Das bleiche Herz

Levi Henriksen: Bleich wie der Schnee (ausgezeichnet mit dem norwegischen Buchhändlerpreis 2004)

Douglas Preston/Lincoln Child: Dark Secret – Mörderische Jagd (Taschenbuch-Ausgabe)

Januar

Giles Blunt: Kalter Mond (Taschenbuch-Ausgabe)

Ravi Shankar Etteth: Fluch der weißen Witwe

John Katzenbach: Das Rätsel (Deutsche Erstausgabe von „State of Mind“, 1997)

Februar

Dianne Emley: Tiefe Stiche (Michael Connelly und Tess Gerritsen blurben)

Lisa Jackson: Deathkiss – Süß schmeckt die Rache

Sabine Konrbichler: Gefährliche Täuschung

Val McDermid: Das Moor des Vergessens (Taschenbuch-Ausgabe)

März

Reginald Hill: Welch langen Weg die Toten gehen (Taschenbuch-Ausgabe des 21. Dalziel & Pascoe-Abenteuers)

Jean Lemieux: Todeslied

Laura Levine: Für die Schuhe würd’ ich morden (Ist wohl eher eine Komödie mit einer Leiche für die Leserinnen von Janet Evanovich. Die Leser von Janet Evanovich fragen sich von welcher Janet Evanovich. Der Krimiautorin? Der Komödienautorin?)

Henri Loevenbruck: Das Kopernikus-Syndrom

David Morrell: Level 9 (Scavenger, 2007; irgendwie die Fortsetzung von „Creepers“)

Joseph Telushkin/Allen Estrin: Nichts bleibt ungesühnt

April

Roderick Anscombe: Hinterhältig

Jörg Kastner: Teufelszahl

Ben Kinman: Todesfluch (Pseudonym von Chandler McGrew)

Michael Koryta: Tödliche Rechnung (Sorrow’s Anthem, 2006; Zweiter Pritchard-Perry-Roman)

Karen Rose: Heiß glüht mein Hass

 

Droemer Knaur – im festen Einband

22. August

Michael Böckler: Tödlicher Tartufo – ein kulinaricher Fall für Hippolyt Hermanus (Wer denkt sich diese Namen aus?)

Katy Gardner: Der treue Feind (Hidden)

Steve Mosby: Der Fifty-fifty-Killer (The 50/50 Killer)

Douglas Preston/Lincoln Child: Maniac – Fluch der Vergangenheit (The Book of the Dead, Ein neuer Fall für Special Agent Pendergast)

21. September

Gay Longworth: Am Anfang war die Täuschung (Wicked Peace)

12. Oktober

Kinky Friedman: Das Weihnachtsschwein (The Christmas Pig; Kinky geht fremd.)

2. Januar

Sebastian Fitzek: Das Kind (War ein zehnjähriger Junge in einem früheren Leben ein Serienkiller? Und wird er wieder morden? – Egal was man von der Prämisse hält; immerhin wiederholt sich Fitzek nicht.)

 

 

Heyne – Taschenbuch

Oktober

Stephen King: Dead Zone

Stephen King: Cujo

Stephen King: Feuerkind (Zum Sechzigsten gibt es einen neuen Umschlag für diese Kingschen Frühwerke)

Stephen King: Der dunkle Turm (Graphic Novel; in der limitierten Auflage mit einem Poster)

Robert Ludlum: Das Bourne Ultimatim (zum Filmstart gibt es dieses Ludlum-Werk als Movie-Tie-In)

November

Vince Flynn: Der Feind

Brent Ghelfi: Russisches Abendmahl (Thriller in der Heyne Hardcore-Reihe)

John Grisham: Das Fest (Kein Krimi, sondern eine Weihnachtsgeschichte)

Kim Harrison: Blutspiel

Dean Koontz: Irsinn

Irene Rodrian: Ein letztes Lächeln

Sabine Thiesler: Hexenkind

Dezember

Andrew Britton: Der Attentäter

Tom Clancy/Steve Pieczenik: Tom Clancy’s Netforce: Attentat

Colin Forbes: Skelett

Jonathan Nasaw: Der Kuss der Schlange

John Saul: Stalker

Januar

C. J. Box: Stumme Zeugen (mit zahlreichen Preisen ausgezeichneter Thriller)

Mary Higgins Clark: Weil deine Augen ihn nicht sehen

Virginia Doyle: Der Fluch der schönen Insel

Marc Kayser: Trias (ein von Thomas Roth [ARD], Dominik Graf und Claudia Roth geblurbter Titel. Wir sind gespannt.)

William Landay: Jagdrevier

Richard Laymond: Das Treffen (Thriller in der Hardcore-Reihe)

Ludwig Lugmeier: Der Mann, der aus dem Fenster sprang (Bio eines Verbrechers)

Romain Sardou: Kein Entrinnen

Februar

Gilbert Adair: Mord auf ffolkes Manor

Andras: Schatten (Erotikthriller in der Hardcore-Reihe)

Alex Berenson: Kurier des Todes (The faithfull spy, 2006; erhielt 2007 den Debüt-Edgar und soll mit Keanu Reeves verfilmt werden)

James Church: Inspektor O

Tom Franklin: Die Gefürchteten (Hell at the Breech, 2003)

John Grisham: Der Gefangene

James McGee: Der Totensammler (Historischer Kriminalroman: London, beginnendes 19. Jahrhundert)

Scott Turow: So wahr mir Gott helfe

Udo Ulfkotte: Der Krieg im Dunkeln (Sachbuch über die wahre Macht der Geheimdienste)

März

Michael Connelly: Vergessene Stimmen (Taschenbuch-Ausgabe von „The Closers“)

Michael Crichton: Airframe

Michael Crichton: Endstation (Und wann erscheinen seine als John Lange geschriebenen Frühwerke wieder auf Deutsch?)

Robert Harris: Imperium

Mari Jungstedt: An einem einsamen Ort (Die TV-Serie gibt es bereits im Oktober im ZDF)

Giulio Leoni: Das Mosaik des Todes (Historischer Kriminalroman: Floren im Jahre 1300)

Gayle Lynds: Spymaster

John Niven: Kill your Friends (Im Musikgeschäft spielender Thriller, der in der Hardcore-Reihe erscheint)

Rob Palmer: Gejagt

Karen Robards: Und niemand hört ihr Rufen

Peter Straub: Haus der blinden Fenster

Charles Todd: Schwarze Spiegel

April

Martina Cole: Die Schwester

Corine Hartman: Schöner als der Tod

Stephen King: Love

Dean Koontz: Frankenstein – Der Schatten (Und nochmal Horror; dieses Mal der Abschluss der Frankenstein-Trilogie)

Robert Ludlum: Die Ambler Warnung

Anne Perry: Die Tote von Buckingham Palace

Akif Pirincci: Der eine ist stumm, der andere ein Blinder

Akif Pirincci: Der Rumpf

George D. Shuman: 18 Sekunden

 

 

Heyne – im festen Einband

August

Michael Morley: Spider (Spider)

Colin Forbes: Komplott (Blood Storm – Spezialagent Tweed tritt gegen britische Politiker, die aus Merry Good England einen Polizeistaat machen wollen, an. Kann Tweed nicht auch einen Abstecher nach Berlin machen?)

Stephen King/Richard Bachman: Qual (Blaze, 2007; Veröffentlichung eines bislang unveröffentlichten, um 1973 geschriebenen Manuskriptes, das King als Richard Bachman veröffentlichen wollte)

September

Mary Higgins Clark: Und hinter dir die Finsternis(I heard that Song before)

Oktober

Robert Harris: Ghost (Ghost)

Jacques Berndorf: Bruderdienst (BND-Agent Karl Müller schlägt wieder zu und Jacques Berndorf durfte die heiligen Hallen des BND betreten.)

Januar 2008

Robert Ludlum: Die Bancroft Strategie (The Bancroft Strategy, 2006)

 

 

 

Was bisher vorgestellt wurde:

Die kriminelle Herbst-Winter-Kollektion – Teil 4

mit Assoverlag, Conzett bei Oesch, Daedalus Verlag, Gollenstein Verlag, Panini, Pendragon, Unionsverlag

Die kriminelle Herbst-Winter-Kollektion – Teil 3

mit Alexander Verlag, Liebeskind, Pulp Master, Shayol, VGS/Egmont

Die kriminelle Herbst-Winter-Kollektion – Teil 2

mit Edition Nautilus, Emons, Gmeiner, Grafit

Die kriminelle Herbst-Winter-Kollektion – Teil 1

mit Blanvalet, Goldmann Taschenbuch


Die kriminelle Herbst-Winter-Kollektion – Teil 4

Juli 10, 2007

Bleiben wir bei den kleinen Verlagen, die teilweise nur einen Krimi veröffentlichen. Wie immer sind die Werke, auf die ich mich besonders freue, dick hervorgehoben.

Assoverlag

Ursula Sternberg: Variationen der Wahrheit oder: von Liebe, Käse und anderen Dingen (Das zweite Buch von Sternberg ist ein ‚rasanter Gourmet-Krimi’ [Verlagsprosa]. Ein EU-Kommissar wird ermordet. Eine Käsehändlerin und ein Polizist ermitteln.)

 

Conzett bei Oesch

September

Kaspar Wolfensberger: Liebeskrank – Interview mit List (Vor seinem Tod gibt der Chefarzt einer psychiatrischen Klinik ein Interview.)

 

Daedalus Verlag

Christina Bacher/Harald Justin (Hrsg.): Jazz in Crime – Kalender für Kriminalliteratur (eine etwas eklektische Zusammenstellung über – unter anderem – Bill Moody, Charles Mingus, das Billie Holiday-Lied „Strange Fruit“ und „Verbrechen und Jazz im Film“ schreiben unter anderem Ulrich Kriest, Thomas Wörtche und sicher auch Harald ‚Jazzthetik’ Justin)

 

Gollenstein Verlag

Walter Wolter: Ein Lied vom Tod (Die Inhaltsangabe verwirrt. Privatdetektiv Bruno Schmidt ist der Leibwächter einer Konzernerbin. Gleichzeitig geht im Saarland ein Mörder um, der vor der Tat den Opfern das „Lied vom Tod“ vorspielt. Und Schmidt erhält von einer todkranken Diva eine außergewöhnliche Lebensperspektive)

 

Panini

Ist in erster Linie ein Comic-Verlag. Die Marvel-Helden, die Simpsons und viele weitere in der Szene geschätzte Comics, wie die Werke von Frank Miller, erscheinen bei Panini in der deutschen Übersetzung.

Für Krimifans hat der Verlag demnächst im Angebot:

Gerade erschienen:

Brad Meltzer: Justice League of America I: Aus der Asche (der Thriller-Autor erfindet Geschichten für eine DC-Comicserie.)

18. Juli

Collins/Rodriguez/Wood: CSI: Das Dämonenhaus

22. August

Neil Gaimans Niemandsland (neuer Comic des Multitalents)

23. August:

M. Fraction/A. Olivetti: Punisher War Journal 1 (enthält die Marvel-Bücher „Punisher War Journal 1-4“)

 

Pendragon

Juli

Frank Göhre: St. Pauli Nacht (Frank Göhre ist wieder zurück. Anscheinend hat er seinen Episodenroman „St. Pauli Nacht“ für diese Ausgabe überarbeitet. Der Verlag legt eine DVD mit dem gleichnamigen Spielfilm und weiteren Informationen bei. Also noch ein Grund, sich diese – nach meiner Zählung – dritte Ausgabe von „St. Pauli Nacht“ anzuschaffen.)

Robert B. Parker: Der stille Schüler (School Days, 2005; Der neue Spenser.)

Roland Voggenauer: Blut und Wasser (Staudacher klärt einen über hundert Jahre zurückliegenden Mord auf.)

August

Colin Higgins: Harold und Maude (Okay, kein Krimi, aber Kult und endlich wieder auf Deutsch erhältlich)

September

Mechthild Borrmann: Morgen ist der Tag nach gestern (Ein ehrbarer Mann mit schmutziger Weste wird umgebracht. Die Polizei ermittelt.)

Erwin Grosche: Der falsche Priester (Ein Privatdetektiv, der sich als Priester tarnt, klärt eine Mordserie auf. Hm.)

Cem Melou: Toxische Killer (Ist wohl ein S-F-Thriller über die bösen Machenschaften eines Lebensmittelherstellers, der über Leichen geht.)

Andy Strässle: Die Wodka-Verschwörung (Roberta soll für ihren Chef herausfinden, ob er wirklich der Vater ist. Sie recherchiert in einer Befruchtungsklinik, die etwas verbergen will.)

 

Unionsverlag

Metro-Herausgeber Thomas Wörtche verlässt nach jahrelanger Aufbauarbeit den Verlag. Deshalb ist das Herbstprogramm das letzte von ihm vollständig betreute Programm.

Juli

Jean-Claude Izzo: Leben macht müde (Vivre fatigue, 1998 – ein weiterer Nicht-Krimi von Izzo)

Bill Moody: Bird lives! (Bird lives!, 1999 – die Taschenbuchausgabe)

Manfred Wieninger: Der Engel der letzten Stunde (die Erstausgabe erschien 2005 bei Haymon – Privatdetektiv Marek Miert sucht ein verschwundenes Mädchen und hat Ärger mit einem durchgeknallten Oberleutnant)

August

Bruno Morchio: Kalter Wind in Genua (Bacci Pagano – Una storia da carruggi, 2004 – Kann Privatdetektiv Bacci Pagano das Attentat auf den Ministerpräsidenten verhindern? Als Vorbilder nennt Morchio Vázquez Montalbán, Izzo und Chandler. Keine schlechte Wahl.)

Gabriel Trujillo Munoz: Erinnerung an die Toten (Puesta en excena, 2002; La memoria de los muertos, 2005 – zwei weitere Abenteuer mit dem Menschenrechtsanwalt Morgado. Der erste Band „Tijuana Blues“ gefiel mir sehr gut.)

September

Patrik Boman: Peabody ghet in die Knie (Peabody met un genou en terre, 2000 – Erstausgabe erschein 2006 bei Zebu – Zweiter Peabody-Krimi: Er sucht den Mörder einer unbekannte, im Trog des frommen Färbermeisters gefundenen Leiche.)

Joe Gores: Hammett (Hammett, 1975 – Endlich erscheint der bekannteste Roman von Joe Gores wieder. Er verwickelt Dashiell Hammett in einen fiktiven Kriminalfall. Wim Wenders verfilmte das Buch.)


„Coronado“: Schwacher Lehane-Sammelband

Juli 8, 2007

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Während Dennis Lehane an seinem neuesten Opus – einer dicken Chronik über zwei Familien im 19. Jahrhundert – arbeitet, veröffentlicht er für die ganz hungrigen Fans eine Sammlung von fünf Kurzgeschichten und einem Theaterstück. „Coronado“ ist allerdings nur für die Fans, die wirklich alles von ihm haben wollen. Alle anderen sollten zu einem der Romane von Lehane greifen.

Das Theaterstück ist ein langweiliges Desaster und auch die Kurzgeschichten können kaum überzeugen. Sie sind fast immer erstaunlich spannungslos erzählte Beschreibungen eines Zustandes oder Stilübungen, die besser im Schreibtisch des Autors verschwunden wären. „Runter nach Corpus“ beschreibt, wie einige Jugendliche einem Footballkameraden einen Denkzettel verpassen wollen und stattdessen das Haus seiner Eltern verwüsten. In der Kafka-Variation „Intensivstation“ flüchtet ein Mann vor unbekannten Verfolgern in ein Krankenhaus. In „Pilze“ gerät eine junge Frau in einen Kampf zwischen Verbrechern. In „Schluss mit den Hunden“ sucht sich ein Mann, nachdem er alle streunenden Hunde erschossen hat, neue Ziele. In „Bis zu Gwen“ will ein Vater von seinem Sohn die Beute aus einem Überfall haben. „Coronado: Ein Stück in zwei Akten“ erweitert diese Geschichte auf mehrere Generationen.

Das klingt jetzt interessanter, als es ist. Denn die meisten Geschichten haben kein richtiges Ende. „Intensivstation“ hört einfach auf. Das neunseitige „Pilze“ kann kaum Geschichte genannt werden. „Runter nach Corpus“ hat ein seltsam-offenes Ende. Nur „Schluss mit den Hunden“ und „Bis zu Gwen“ funktionieren als eigenständige Geschichten.

Doch „Bis zu Gwen“ springt auch wieder so willkürlich zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her, dass weniger die Geschichte atemlos verfolgt, als langsam im Kopf des Lesenden zusammengesetzt wird. Auch die den Hauptcharakter/Leser direkt ansprechende Stimme des Erzählers und die – bis auf „Schluss mit den Hunden“ – Wahl des Präsens als Erzählzeit sind schwer erträglich. Es ist einfach schwierig im Präsens elegant zu formulieren und fast jeder Satz von Lehane bestätigt diese Binsenweisheit: „Spät am nächsten Morgen wirst du von deinem Vater geweckt, er erzählt dir, er hätte Mandy nach Hause gefahren, ihr hättet einiges zu erledigen, Leute zu treffen.“

Auch bei den Dialogen lässt Dennis Lehane jedes Gespür vermissen. Das wird besonders offensichtlich bei seinem Theaterstück „Coronado: Ein Stück in zwei Akten“:

„Und, wie war sie?“

„Ich hab sie nach Hause geschickt.“

„Vorher oder nachher?“

„Mittendrin.“

„Wie kann man eine Nutte mittendrin wegschicken?“

„Sie hat sich ständig beim Blasen unterbrochen, um sich über die Vorzüge von Michael Bays Filmen auszulassen.“

„Wer ist das denn?“

Schauspieler, die solchen Sätzen irgendeine tiefere Bedeutung geben müssen, sind zu bedauern. Beim Lesen – auch mit der Anweisung im Hinterkopf, dass die Szenen zu verschiedenen Zeiten spielen – erschließt sich erst im zweiten Akt, was Lehane mit den verschiedenen Szenen beabsichtigt und wie sie miteinander verknüpft sind. Denn die Idee, dass ein bestimmtes Verhalten über mehrere Generationen durch Vererbung und Umfeld weitergegeben wird, ist gut. Aber in „Coronado“ wird sie ganz schlecht präsentiert. Ed Gorman hat dies wesentlich besser und prägnanter in seiner Kurzgeschichte „En Famille“ illustriert.

In „Coronado“ überzeugt nur die bereits acht Jahre alte Geschichte „Schluss mit den Hunden“. Lehane erzählt, wie in dem Kaff Eden in den frühen Siebzigern der Bürgermeister will, dass alle streunenden Hunde erschossen werden. Blue erledigt die Aufgabe. Denn: „Für die Aufgabe brauchte man lediglich jemanden, der gerne auf einem Baum hockte und auf Sachen schoss. Verdammt, Blue war in seinem Element.“ Aber nachdem es keine Hunde mehr gibt, will er weiter töten. Sein Jugendfreund, der Vietnamveteran Elgin Bern, steht vor einer schweren Entscheidung.

 

Dennis Lehane: Coronado

(übersetzt von Andrea Fischer)

Ullstein, 2007

224 Seiten

7,95 Euro

 

Originalausgabe:

Coronado

Harper Collins, 2006

240 Seiten

 

Enthält:

Schluss mit den Hunden (Running Out of Dog, Erstveröffentlichung in Otto Penzler: Murder and Obsession, 1999)

Intensivstation (ICU, Erstveröffentlichung in Beloit Fiction Journal, Frühling 2004, Vol. 17)

Runter nach Corpus (Gone down to Corpus, Erstveröffentlichung in Otto Penzler: The mighty Johns, New Millenium Press, 2002)

Pilze (Mushrooms)

Bis zu Gwen (Until Gwen, Erstveröffentlichung in John Harvey: Men from Boys, Arrow Books, 2003, US-Veröffentlichtung: The Atlantic, Juni 2004)

Coronado: Ein Stück in zwei Akten (Coronado: A Play in two Acts)

 

Homepage von Dennis Lehane: http://www.dennislehanebooks.com/

 

Hinweis:

Die Geschichte “En Famille” von Ed Gorman ist abgedruckt in dem von Lawrence Block herausgegebenen Sammelband “Die Meister lassen morden” (Master’s Choice: Mystery Stories by Today’s Top Writers and the Masters Who Inspired Them, Berkeley Publishing Group, 1999, deutsch bei Goldmann).

Wenn Sie das Buch in einem Antiquariat sehe, kaufen Sie es. Es lohnt sich.

Im Original kann Gormans Geschichte unter anderem im Ellery Queen’s Mystery Magazin Nr. 658 (Juni 1996), The Collected Ed Gorman Volume 1 – Out there in the Darkness, oder verschiedenen E-Paper-Portalen gelesen werden.


Biographie eines Mafia-Killers aus dem Ruhrpott

Juli 6, 2007

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Mafia ist etwas, das es in Italien, USA und auch Russland gibt. Aber nicht in Deutschland. Diesen Eindruck muss man nach dem Genuss der deutschen Presse und von deutschen Krimis, inzwischen wieder gewinnen.

Aber auf dem Cover des von Andreas Ulrich geschriebenen Sachbuchs „Das Engelsgesicht“ steht „Die Geschichte eines Mafia-Killers aus Deutschland“. Damit räumt der Spiegel-Reporter gleich mit zwei Vorurteilen auf: nämlich dass es in Deutschland keine Organisierte Kriminalität gibt und dass es in Deutschland keine Killer gibt. Am Ende der Biographie von Giorgio Basile können wir uns dann doch etwas beruhigt zurücklehnen. Immerhin beging Giorgio Basile seine meisten Taten in Italien. Aber nicht alle.

Giorgio Basiles kriminelle Karriere begann in Deutschland. Er wurde am 28. Juni 1960 in Corigliano Calabro geboren. Als Achtjähriger kommt er nach Mühlheim an der Ruhr. Seine Mutter jobbt, er hat drei Geschwister und sein Vater kümmert sich nicht um die Familie. Basile ist nicht dumm, aber in der Schule versagt er komplett. Er ist ein typischer Kleinkrimineller mit großen Plänen. Doch im Gegensatz zu anderen Kleinkriminellen ist Basile intelligent genug, um sie umzusetzen. Und der Liebhaber seiner Mutter, der Verbrecher Antonio Giovagnone De Cicco, hilft ihm. Basile betreibt eine Pizzeria und später erfolgreich die Diskothek „Flair“ in Mühlheim.

Am 7. Januar 1986 wird er wegen Beteiligung an der Ermordung des Duisburger Disco-Besitzers und –Vermieters Rudolph Möhlenbeck zu neun Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Im Knast organisiert Basile den Drogenhandel. Doch er fällt nicht auf und wird wegen guter Führung vorzeitig entlassen. Im September 1991 wird er aus Deutschland abgeschoben. Das hindert ihn aber nicht daran, mit falschen Pässen, immer wieder nach Deutschland zu Reisen. Mit dem Wegfall der Grenzkontrollen wurde das sogar noch leichter.

In seiner kalabrischen Heimat steigt er im dortigen ’Ndrangheta-Clan auf. Auch hier nützt ihm sein Instinkt für lohnende Geschäfte. Er erschließt mit dem Drogenhandel und dem Reinvestieren von Schutzgeldern neue Geschäftsfelder. Er wird, weil er den Ehrenkodex der ’Ndrangheta achtet, aber immer wieder sieht, dass sich die ’Ndrangheta-Mitglieder nicht daran halten, kein Mitglied der ’Ndrangheta. Aber die Bosse verdanken ihm einen großen Teil ihres Reichtums und deshalb steigt er immer weiter auf. Er ist, im Duktus der ’Ndrangheta, eine sehr vertraute, aber keine getaufte Person.

Kurz vor seiner Verhaftung am 2. Mai 1998 in Kempten im Allgäu bringt er seinen Freund Domenico Sanfilippo in Holland um. Dieser Mord nagt an seinem Gewissen. Außerdem weiß er, dass sein Leben als Verbrecher vorbei ist. Die deutsche und die italienische Justiz bereiten Anklagen gegen ihn vor. In Deutschland müsste er auch die restliche Strafe an dem Möhlenbeck-Mord verbüßen. Basile redet und sorgt so für die Verurteilung vieler Verbrecher. Seitdem lebt er unter falschem Namen.

Weil Andreas Ulrich sich in der Biographie „Das Engelsgesicht – Die Geschichte eines Mafia-Killers aus Deutschland“ ausschließlich auf Basile konzentriert, erscheint er öfters als die einzige menschliche und vernünftige Seele unter lauter Unmenschen. Seine Morde werden eher en passant erwähnt und seine kriminellen Aktivitäten haben oft den Schein von Dummer-Junge-Streich. Wenn er mit einigen Freunden Einbrüche verüben will, die dann wegen der schlechten Planung scheitern, ist das eher amüsant. So kommt am Ende des Buches die Anklageschrift, nach der Basile zeitweise der einzige Geldbeschaffer des Carelli-Clans war und er der deutschen Polizei dreißig Morde gesteht, doch ziemlich schockieren.

Außerdem wird nie wirklich deutlich, wie sehr die verschiedenen Verbrecherclans und –organisationen zusammenarbeiten und welche Dimension ihre Arbeit auch in Deutschland hat. Diese Infiltration der Gesellschaft wird von Ulrich am Ende, wenn er kurz von der Gerichtsverhandlung berichtet, erwähnt. Das ist der Preis, den Ulrich für seine auf eine Person fokussierte und sich vor allem auf Aussagen dieser Person stützende Biographie zahlen muss.

Trotzdem ist „Das Engelsgesicht“ ein empfehlenswertes Buch. Denn es zeigt, dass es auch in Deutschland das Organisierte Verbrechen gibt und es sich oft erschreckend wenig von dem unterscheidet, was aus den USA und Italien bekannt ist. Denken Sie nur an „Goodfellas“, die Biographie des Mafia-Aussteigers Henry Hill, oder „Donnie Brasco“, die Dokumentation des jahrelangen Undercover-Einsatzes von Joseph D. Pistone gegen den Bonanno-Clan. Nur der Glamour, den amerikanische Gangster um sich verbreiten, der fehlt bei dem ‚Engelsgesicht’ Giorgio Basile.

Andreas Ulrich: Das Engelsgesicht – Die Geschichte eines Mafia-Killers aus Deutschland

Spiegel Buchverlag/Goldmann, 2007

320 Seiten

9, 95 Euro

Die Erstausgabe erschien 2005 in der Deutsche Verlags-Anstalt.


Guter Stoff, schlecht verarbeitet

Juni 28, 2007

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Es gibt sicher tausend Möglichkeiten, aus einem Stoff eine spannende Geschichte zu machen. Gute, weniger gute und schlechte. In Guido Seyerles Romandebüt „Schweinekrieg“ ist der Stoff das Schwäbisch-Hällische Landschwein und wie es einigen Landwirten in den vergangenen beiden Jahrzehnten gelang, aus einer aussterbenden Rasse eine Marke zu machen. Diese Etablierung in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ging nicht ohne Konflikte ab.

Das ist der reale Hintergrund und auch der Stoff den Guido Seyerle zu einem Roman verarbeitete. Allerdings ist es kein gelungener Roman. Gründe gibt es dafür viele. Der wichtigsten ist die Wahl der Hauptperson. „Schweinekrieg“ wird ausschließlich aus der Sicht des freiberuflichen Lokaljournalisten Chris Schranz erzählt. Er beobachtet mit Sympathie, wie der nach einem mehrjährigen Auslandsaufenthalt 1984 zurückgekehrte Landwirt Heinrich Bauer das vom Aussterben bedrohte Schwäbisch-Hällische Landschwein als Marke etablieren will. Bauer versucht die anderen Schweinezüchter zu überzeugen, ihre Zucht umzustellen. Er engagiert sich bei den Grünen. Er gründet eine Erzeugergemeinschaft und er organisiert einen Stand auf der Grünen Woche in Berlin. Der Stand wird ein voller Erfolg. Später kann Bauer mit einem der größten europäischen Lebensmittelkonzerne, Feinkost Küfer, einen lukrativen Vertrag für die Gesundheitslinie „ich darf“ abschließen.

Gleichzeitig versucht die Schweinemafia (so nennen die Züchter das Kartell der Abnehmer, die die Preise immer weiter nach unten drücken), personifiziert durch die Schweinezentrale und ihren Chef Falko Dombrowski, Bauer zu behindern. Während sich diese Aktionen der Schweinezentrale innerhalb der marktwirtschaftlichen Spielregeln bewegen, tritt bei mehreren Schweinen auf verschiedenen Höfen die Aujetzki-Krankheit auf, zwei Reifen werden mit einem aus der DDR stammenden Messer zerstochen, eine Inkassofirma versucht von Bauer nicht vorhandene Schulden einzutreiben und Lukas Ritzer wird ermordet.

Das ist eigentlich mehr als genug Handlung für ein spannendes Buch. Aber Chris Schranz tut genau das, was ein Journalist tun soll: er hält sich aus allem heraus, beobachtet und berichtet darüber.

Doch der erste, einige behaupten der einzige, Grundsatz für eine spannende Geschichte lautet: Die Hauptperson will ein bestimmtes Ziel mit allen Mitteln erreichen.

Der zweite dehnt diesen Satz auf die anderen Charaktere aus: Jeder will in jeder Szene etwas erreichen. Auch wenn es nur ein Glas Wasser ist.

Aber Schranz will nichts erreichen. Dagegen will Heinrich Bauer etwas erreichen. Er nimmt den Kampf eines Davids gegen Goliath auf und gewinnt. Das wäre eine tolle Geschichte gewesen. Auch die Geschichte der Menschen, die mit allen Mitteln verhindern wollen, dass Bauer erfolgreich ist, wäre spannend zu lesen gewesen. Oder die Geschichte von Bauers Frau, die an dem Ehrgeiz ihres Mannes zerbricht. Oder die der Polizisten, die den Mörder von Ritzer suchen.

Doch Seyerle wählte mit Chris Schranz den schwächsten von allen möglichen Hauptcharakteren aus.

Gleichzeitig war Seyerle der Kampf der kleinen Schweinezüchter gegen die Schweinezentrale zu wenig. Er pfropfte diesem Kampf einen dünnen und, wenn er nicht der Wirklichkeit entspricht, abstrus-unglaubwürdigen Krimiplot auf. Denn irgendjemand will anscheinend mit allen Mitteln verhindern, dass Bauer und seine Mitstreiter erfolgreich sind. Jedenfalls ist beim Lesen unklar, ob die Anschläge gegen die Schweinezüchter wirklich die geplanten Taten eines einzelnen Täters sind. Am Ende (und damit gebe ich den Lesern, die das Buch nach diesem Verriss doch noch kaufen, die Spannung, die in der Geschichte nicht vorhanden ist) wird der hinter allem steckende Bösewicht verhaftet und es gibt eine Erklärung für die vielen aus Osteuropa, hauptsächlich der DDR, kommenden Menschen. Denn diese Ostler arbeiten zusammen.

 

Guido Seyerle: Schweinekrieg

Gmeiner Verlag, 2007

288 Seiten

9,90 Euro

 

Homepage von Guido Seyerle: http://www.reise-schriftsteller.de/

 

„Schweinekrieg“ vermischt Fakten mit Fiktion. Auf der Seite der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall (BESH) gibt es einige Fakten:

http://www.besh.de/html/startseite.html


Kurzes vom „Tatort Deutsche Weinstraße“

Juni 25, 2007

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Neunzehn Kurzgeschichten sind in dem mehr oder weniger offiziellen Begleitband zur diesjährigen Criminale. „Tatort Deutsche Weinstraße“ heißt das von Angela Eßer herausgegebene Buch. Die Autoren sind teils bekannter, teils weniger bekannt. Die Qualität der Geschichten ist unterschiedlich und jeder wird seine eigene Lieblingsgeschichte finden. Gut ist es, wenn man als Leser kein eingefleischter Krimifan ist. Denn in dieser bestenfalls durchwachsenen Sammlung haben sich die Autoren in stiller Eintracht darauf verständigt, schwarzhumorige Schnurren abzuliefern, die sich in erster Linie an Nicht-Krimifans richten, die bei einem Glas Wein nett unterhalten werden wollen.

Wirklich überzeugend ist nur die zweiseitige Geschichte (genauso genommen eine Druckseite) „Ohne Kohle in der Südpfalz“ von Wolfgang Burger. Setting, Aufbau der Spannung, überraschende Pointe. Chapeau.

Aber die anderen? Nun, die beiden Gaunerkomödien „Oleg, die Navis und ich“ von Niklaus Schmied und „Des Kanzlers Kreditkarte“ von Jürgen Ehlers sind ebenfalls gut. Beide Male versucht ein Verbrecher seinen Schnitt zu machen. Auch Peter Dells „Familienbande“ mit seinem Privatdetektiv Philipp Sturm ist als traditionelle PI-Story okay.

Doch die anderen Geschichten sind entweder Ideen ohne eine Pointe oder letztendlich sehr ähnliche Geschichten mit einer ebenfalls sehr ähnlichen Pointe. So sind die von den gar nicht so alten Autoren erfundenen Charaktere oft ältere oder früh vergreiste Menschen. Sie sind Rentner, Witwer, auf Kur oder haben zwanzig Jahre nach der Schule die Gelegenheit sich zu rächen (Yeah, liebe Schulkameraden, die Zeit der Rache nähert sich!). Oft werden sie als verschrobene Einzelgänger gezeichnet, die sich selbst im Weg stehen. Das führt zu dem nächsten Problem: Kein Mensch sieht in den Spiegel und sagt ‚Ich bin ein komischer Kauz.’. Nein. Jeder sieht in den Spiegel und sagt ‚Ich bin ein grundvernünftiger Mensch.’. Entsprechend unklar sind sie gezeichnet. Oft sind ihre Handlungen schlichtweg unglaubwürdig. Verstärkt wird dies in vielen Geschichten durch die Sprache. So haben wir eloquente Ich-Erzähler, die allerdings, das zeigen ihre Aktionen und die Reaktionen ihrer Mitmenschen, Trottel sind.

Weil dann in der Geschichte der Aufbau von Spannung, also dem Schüren einer Erwartung und der Auflösung, nicht funktioniert, ist das Ende im negativen Sinn überraschend. Es interessiert nicht. Es ergibt sich nicht aus den vorherigen Handlungen. Es ist, eine andere Erklärung fällt mir nicht ein, der Tropfen der das Fass zum Überlaufen brachte und dann zu einer plötzlichen Aktion führt. Halt ein Schock. Doch Geschichten ohne Suspense (Denken Sie an Hitchcock!) sind langweilig.

Angela Eßer (Hrsg.): Tatort Deutsche Weinstraße

Grafit, 2007

240 Seiten

9,50 Euro

Enthält folgende Kurzgeschichten:

Wolfgang Burger: Ohne Kohle in der Südpfalz

Peter Dell: Familienbande

Klaus Dewes: Herxi II

Jürgen Ehlers: Des Kanzlers Kreditkarte

Angela Eßer: Schweigen in Schweigen

Kathrin Heinrichs: Paradiesisch tot

Carsten Sebastian Henn: Tod in der Mandelblüte

Andreas Izquierdo: In Schleusen

Ralf Kramp: Der Nachtmahr von Neustadt

Tatjana Kruse: Killer-Kerwe in Klingenmünster

Paul Lascaux: Die Eselei auf der Madenburg

Richard Lifka: Es war einmal in Wachenheim

Sandra Lüpkes: Gehörnt in Lambrecht

Udo Marquardt: Ciconia Ciconia

Olaf Paust: Der richtige Mann

Niklaus Schmied: Oleg, die Navis und ich

Jürgen Siegmann: Das Lama von Bockenheim

Ingeborg Struckmeyer: Letzte Kur?

Sabine Thomas: Löwenherz-Serenade

Die Criminale: http://www.die-criminale.de/

Tatort Deutsche Weinstraße: http://tatort-deutscheweinstrasse.de/

Meine Besprechung von Wolfgang Burgers „Ausgelöscht“:

http://www.alligatorpapiere.de/spurensuche-zwanzigneun.html


Erst unappetitliches, dann langweiliges „Shanghai Dinner“

Juni 25, 2007

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Viele halten Nury Vittachis vierten Wong-Roman „Shanghai Dinner – Der Fengshui-Detektiv rettet die Welt“ für eine spannende Krimikomödie mit gelungenen Seitenhieben auf die internationale Politik. Ich halte „Shanghai Dinner“ für ein quälend langatmiges Buch mit einem dünnen Plot und nur wenigen mäßig witzigen Betrachtungen über das Leben und kulturelle Unterschiede, die mich an Heinz Erhardt erinnern.

Dabei ist der Anfang genial. Fengshui-Detektiv C. F. Wong eröffnet in der boomenden Stadt Shanghai ein neues Büro. Doch bereits am ersten Tag, in der ersten Zeile, bricht das Unheil über ihn herein. Das Gebäude neben seinem frisch bezogenen Büro wird abgerissen und er kann die Abrissarbeiten nur solange aufhalten, bis sie die noch nicht ausgepackten Kisten wieder aus seinem Büro gebracht haben.

Danach wird’s zäh. Wong geht zu einem exquisiten Dinner, bei dem Tiere lebendig gekocht und gegessen werden. Für Wong ist das okay. Aber nicht für den radikalen Veganer Vega. Er nimmt die erlauchte Gästeschar als Geisel und zahlt gleiches mit gleichem heim.

Während wir noch darüber rätseln, was Vega mit dieser unappetitlichen, von Vittachi in epischer Breite geschilderten Aktion erreichen will (Müssen wir wirklich über mehrere Seiten lesen, wie Menschen gekocht und frittiert werden?), erfahren wir, dass Vega am nächsten Tag einen Anschlag auf den Präsidenten der Vereinigten Staaten plant. Wong kann mit seiner veganen Assistentin Joyce McQuinnie flüchten. Sie versuchen die Sicherheitsbeamten des Präsidenten von dem Anschlag zu überzeugen. Nachdem Secret Service-Mann Dooley in dem Elefanten, der an der Bühne der Regierungshäupter vorbeigehen soll, das Ticken einer Bombe hört, ist er überzeugt. Doch jetzt müssen Wong und seine veganen Mitstreiterinnen erschreckt feststellen, dass Thomas Dooley den Elefanten umbringen will, weil für andere Maßnahmen keine Zeit mehr bleibt. Wong entführt den Elefanten.

Tja, und dann laufen Wong, seine Assistentin Joyce und die Veterinärin Lu Linyao, verfolgt von den Sicherheitsleuten, fast über die gesamte zweite Hälfte des Buches mit dem trägen Elefanten durch die abendliche Rush-Hour von Shanghai. Ihnen bleibt nur noch eine knappe Stunde, bis die Bombe explodiert.

Während dieser eher statischen Verfolgungsjagd bleibt genügend Zeit über den Sinn und Unsinn von Wongs Aktion zu sinnieren.

Denn Wong hat objektiv das Dümmste gemacht, was ein Mensch tun kann. Anstatt, wie es auch die Tierärztin vor der Entführung versuchte, die Sicherheitsleute zu überzeugen, die Bombe aus dem Elefant zu entfernen oder ihn mit einem Hubschrauber an einen entlegenen Platz zu fliegen, flüchtet Wong mit ihm. Dabei will er einmal den Elefanten auf einem menschenleeren Platz explodieren lassen, ein anderes Mal, weil es ihm als Fengshui-Meister verboten ist, Tiere zu töten, das Leben des Elefanten retten. Doch so kann es ihm nicht gelingen.

Nury Vittachi: Shanghai Dinner – Der Fengshui-Detektiv rettet die Welt

(übersetzt von Ursula Ballin)

Unionsverlag, 2007

320 Seiten

19,90 Euro

Originalausgabe:

The Shanghai Union of Industrial Mystics

Allen & Unwin, Crows Nest, Australien, 2006

336 Seiten

Der Unionsverlag über Nury Vittachi:

http://www.unionsverlag.com/info/person.asp?pers_id=1720


Dreimal Verbrechen für Zwischendurch

Juni 19, 2007

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„Kaliber .64“ nennt sich die von Volker Albers in der Edition Nautilus herausgegebene Reihe. „Kaliber“ weil’s um Verbrechen geht. „64“ weil keine Geschichte länger als 64 Seiten ist. Natürlich sind nicht alle Geschichten genau gleich lang. Denn mit dem Layout wird schon etwas geschummelt.

Neben der Länge bietet die „Kaliber .64“-Reihe für Autoren eine weitere Herausforderung: sie müssen eine Geschichte erzählen, die in diesem Format funktioniert. Das ist einfacher gesagt („64 Seiten schreiben? Kein Problem.“) als getan. Zuletzt stellten sich Gunter Gerlach, Susanne Mischke und Gabriele Wolff dieser Herausforderung.

Gabriele Wolff verirrte sich in ihrem langatmigen Psychothriller „Im Dickicht“ hoffnungslos in dem titelgebenden Gestrüpp. Kerstin Schroth zog mit ihrem Mann Bernd und ihrem Sohn Michael aus der Großstadt in die brandenburgische Provinz. Er reist als Architekt um den Globus. Sie verbringt ihre Zeit als Hausfrau mit dem Warten auf ihn, dem Beobachten ihrer Pflanzen und der Angst vor den Nachbarn, die sie beobachten und auf jeden Fehltritt der Zugezogenen achten. Dieses an sich schon seltsam-bedrückende Leben gerät vollends aus den Fugen, als auf ihrer Türschwelle ein Brief liegt, in der eine Nebenbuhlerin sie auffordert, Bernd zu verlassen. Erschreckender als der Inhalt ist für Kerstin, dass offensichtlich sie den Brief geschrieben hat.

„Im Dickicht“ ist der gar nicht so schlechte Titel für eine ziemlich misslungene Geschichte. Das beginnt mit der eigenwilligen Entscheidung, die Geschichte aus zwei Perspektiven zu erzählen, die sich gegenseitig behindert. Einerseits erzählt Wolff aus Kerstins Perspektive in der dritten Person Präteritum, wie Kerstin den Kontakt zur Wirklichkeit verliert und glaubt, dass sich alle gegen sie verschworen haben. In der ersten Person Präsens erzählt Wolff aus der Sicht eines Polizisten, wie dieser immer mehr begreift, dass Kerstin verrückt wird.

Weil beide Perspektiven sich konträr gegenüberstehen, einerseits die einer langsam verrückt werdenden Frau, andererseits die eines objektiven, mäßig-interessierten Beobachters, wird ziemlich schnell offensichtlich, dass hier wahrscheinlich versucht wurde zu zeigen, wie eine Frau sich in eine Wahnwelt hineinsteigert.

Das Ende ist in jedem Fall dann nur noch verwirrend. Oder in den Worten des Polizisten: „Gott, dieses Gespräch werde ich niemals auf die Reihe kriegen fürs Protokoll. (…) Ich bin nicht zu gebrauchen. Das hier ist nicht mein Fall.“

Während „Im Dickicht“ trotz der Kürze zu lang ist, ist es bei Susanne Mischkes „Sau tot“ genau umgekehrt. Denn „Sau tot“ ist ein Whodunit, der keine Zeit für die vielen Tatverdächtigen hat. So ist man mehr damit beschäftigt, die einzelnen Namen zu sortieren, als den Ermittlungen zu folgen. Entsprechend blass bleiben die Verdächtigen.

Nach einer Dorfhochzeit, bei der ein gutes Dutzend Personen vorgestellt werden, ist Jan Lemke, der stinkreiche Sohn, Dorf-Gigolo und Vorsitzende eines Clubs von Junggesellen, tot. Er wurde mit einer Mistgabel erstochen. Kommissar Lars Seehafer hat zahlreiche Verdächtige: die Hochzeitsgäste, die spurlos verschwundene Braut, die örtliche Biobäuerin Kati Lenzen und ihre vom Krieg verwirrte Großmutter. Immerhin ärgerte der Ermordete die Bäuerin immer wieder und er war in der Nacht vor der Hochzeit für den Tot ihres Lieblingsschweines Hermine verantwortlich.

Die Ermittlungen folgen dem üblichen Frage-Antwort-Spiel. Außerdem gibt es immer wieder Beweise, die in die eine, oder die andere Richtung deuten, bis Kommissar Seehafer dann auf Seite 57 einen Geistesblitz hat und den Täter kennt.

Während „Im Dickicht“ in Teilen im Präsens geschrieben wurde, wurde „Sau tot“ vollständig im Präsens geschrieben. Das scheint, Gunter Gerlach tut’s in „Engel in Esslingen“ ebenfalls, eine neue Mode bei deutschen Autoren zu werden. Doch, wie die Geschichten von Wolff und Mischke, zeigen, ist es schwer im Präsens glaubwürdig eine spannende Geschichte zu erzählen. Es ist ein oft nicht sinnvoller Bruch mit den Lesegewohnheiten. Vieles wirkt gekünstelt und klingt einfach unnatürlich. Nicht umsonst werden die meisten Geschichten in der Vergangenheitsform erzählt.

Gunter Gerlachs „Engel in Esslingen“ ist, wie gesagt, ebenfalls im Präsens geschrieben. Aber hier ist das Ergebnis eine stimmige Gaunerkomödie, in der Ich-Erzähler Valerian und sein Kumpel Ebbe zwei Typen sind, die einfach keine fünf Sekunden in die Zukunft denken können. Das zeigen schon die ersten Zeilen: „Ebbe beugt sich zum Bahnsteig herab. (…) Er kommt wieder hoch, zeigt mir die Münze. ‚Fünf Cent. Immerhin.’“

Die beiden Ex-Knackis und, wie wir später erfahren, gerade gefeuerten Geldeintreiber fahren mit dem Zug nach Esslingen zu ihrem Kumpel Rolf. Der hat nämlich den Plan für ein ganz großes Ding. Bereits auf der Zugfahrt werden sie von einem falschen Schaffner bestohlen und Ebbe wird von einer Frau mit einer Lockenfrisur wie eine Mütze mit einer Gabel in die Hand gestochen. Es ging um eine Wurst. Kaum angekommen entdecken Valerian und Ebbe den Dieb, aber bevor sie etwas unternehmen können, schreit die Frau mit der Lockenfrisur, sie hätten sie bestohlen.

Die beiden Ex-Knackis suchen das Weite. Doch damit hat ihre Pechsträhne gerade begonnen. In Rolfs Wohnung entdecken sie seine Leiche und ihr Plan von dem großen Geld scheint sich in Luft aufzulösen. Aber so leicht geben die Beiden nicht auf.

„Engel in Esslingen“ ist eine schwarzhumorige Gaunerkomödie mit absurden Wendungen und einer Handvoll Charaktere, die nicht gerade Geistesgrößen sind und absolut keinen Respekt vor fremdem Eigentum haben. Das ist die Art von Geschichten, die im kurzen „Kaliber .64“-Format ausgezeichnet funktionieren. Gleichzeitig macht „Engel in Esslingen“ Lust auf die anderen Werke von Gunter Gerlach. Und auch das ist eines der Ziele der Reihe: für wenig Geld einen Autor vorstellen.

 

Gabriele Wolff: Im Dickicht

Edition Nautilus, Kaliber .64, 2007

64 Seiten

4,90 Euro

Homepage der Autorin: http://www.gabrielewolff.de/

 

Susanne Mischke: Sau tot

Edition Nautilus, Kaliber .64, 2007

64 Seiten

4,90 Euro

Homepage der Autorin: http://www.susannemischke.de/

 

Gunter Gerlach: Engel in Esslingen

Edition Nautilus, Kaliber .64, 2007

64 Seiten

4,90 Euro

Homepage des Autors: http://www.gunter-gerlach.de/

 

Meine Besprechung der Kaliber .64-Bücher „Horst Eckert: Der Absprung“ (Top), „Frank Göhre: Der letzte Freier“ (Top) und „Regula Venske: Mord im Lustspielhaus“ (Flop):

http://www.alligatorpapiere.de/spurensuche-zwanzigneun.html


Unterhaltsam vermitteltes Management-Wissen

Juni 18, 2007

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Sie wollen einen spannenden Kriminalroman lesen? Sie wollen nicht wissen, wie die Geschichte endet? Nun, dann ist „Turnaround“ von Fritjof Karnani nichts für Sie. Denn der Krimiplot ist, höflich formuliert, eine magere Verkaufshilfe. Dass Latika Bachmann die Geschichte überlebt und zur mächtigsten Frau Deutschlands aufsteigt verrät bereits der Prolog. Und dieser Aufstieg verläuft, was bei 260 Druckseiten auch nicht sonderlich überrascht, erstaunlich geradlinig.

Im Mittelpunkt von „Turnaround“ steht eine achtundzwanzigjährige Schönheit mit viel Hirn, die mit einigen Freunden einen maroden Fahrradhersteller saniert. Sie erhält diesen Job, nachdem sie bei der weltweit agierenden Unternehmensberatung DAI ohne einen ersichtlichen Grund herausgeworfen wurde und sich anschließend bei einer Präsentation gegen DAI durchsetzt. Innerhalb von vier Monaten soll sie die marode Firma 2Rad4Fun auf ein zukunftsträchtiges Gleis setzen. Sie will die Kernkompetenz des Unternehmens bewahren und damit den besten Kinderwagen der Welt herstellen.

Diese Erfolgsgeschichte wird von Fritjof Karnani geradlinig bis zur erfolgreichen Präsentation auf einer Messe geschildert. Die Messe beginnt auf Seite 145 und alle lieben den Kinderwagen, die dazugehörige Kollektion und das Puppentheater von Latikas Freund. Krimirelevantes ist bis dahin kaum geschehen. Aber das störte bei dieser herzigen Disney-tauglichen Erfolgsgeschichte (Manager sagen ‚success story’.) auch nicht.

Leider klebte Karnani dieser märchenhaften Geschichte einen vermeintlich verkaufsträchtigen Krimiplot an. Dieser beginnt so halbwegs, als sich Latikas Vater Krishna und dessen Freund Steffen Engler (auf Seite 114 wird er irrtümlich Ebert genannt) auf Seite 117 entschließen, den Grund für Latikas Entlassung bei DAI herauszufinden und es ihrem ehemaligen Chef Frank Hochheim heimzuzahlen. Auf Seite 158 stirbt Krishna Bachmann durch eine Autobombe. Eine gute Methode, um sich die ungeteilte Aufmerksamkeit der Polizei zu sichern. Auf Seite 193 wird Steffen Engler erschossen. Latika hat natürlich sofort die DAI in Verdacht, beschafft sich schnell die nötigen Beweise und kann die Täter samt Hintermännern überführen. Das geht noch einfacher als die Umstrukturierung des Fahrradherstellers, weil „Turnaround“ nur 260 Seiten hat und auch nach den Morden gemenschelt und Businesschinesisch ausgetauscht wird.

Diese Dialoge sind natürlich diese klugscheißerischen Dialoge, die wir so ähnlich jede Woche bei „CSI“ hören können. Da erzählen sich Menschen Dinge, die sie, aber nicht der Normalsterbliche, genau wissen. So muss der 2Rad4Fun-Geschäftsführer bei der Präsentation auf Seite 54 doch tatsächlich fragen, was ein Breakeven-Point sei. Als Teil eines Versuchs, auf unterhaltsame Weise etwas Wissen über Management zu vermitteln, sind sie, wie die CSI-Dialoge, akzeptabel.

„Turnaround“ ist halt eine märchenhafte Aufsteigergeschichte, bei der alle Charaktere auf ihre reine Funktion für die Ökonomie reduziert sind. Also genau das richtige für den Management-Nachwuchs.

 

Fritjof Karnani: Turnaround

Gmeiner Verlag, 2007

288 Seiten

9,90 Euro

 

Homepage des Verlages: http://www.gmeiner-verlag.de/


Die kriminelle Herbst-Winter-Kollektion – Teil 3

Juni 13, 2007

Im dritten Teil bleiben wir bis auf eine Ausnahme bei den kleineren Verlagen. In den vergangenen Jahren erfreuten sie uns Krimifans mit Neuentdeckungen, überfälligen Neuauflagen (oft wurde dafür die Übersetzung bearbeitet) und verlegten wieder einige zu Unrecht vom deutschen Buchmarkt verbannte Autoren.

Fettgedruckt sind die Bücher, auf die ich mich besonders freue.

Alexander Verlag

Der Berliner Verlag ist vor allem für seine Theater- und Filmbücher bekannt. Aber mit der Jörg Fauser-Werkausgabe, Charles Willeford, Ross Thomas und Martin Compart ist auch einiges für Krimifans dabei. Im Herbst wird ein weiteres Buch von Ross Thomas wiederveröffentlicht und die Fauser-Werkausgabe abgeschlossen.

August

Jörg Fauser: Die Tournee – Romanfragment (erste Veröffentlichung seines letzten Manuskriptes)

September:

Ross Thomas: Kälter als der Kalte Krieg (The Cold War Swap, 1966; Das mit dem Edgar-Allen-Poe-Preis ausgezeichnete Debüt von Ross Thomas erschien bereits unter dem Titel „Der Ein-Weg-Mensch“. Die alte Übersetzung wurde für die Neuausgabe bearbeitet.)

Oktober

Jörg Fauser: Der Strand der Städte – Gesammelte journalistische Arbeiten (1959-1987)

Über Jörg Fauser habe ich hier, über Ross Thomas hier geschrieben.

Liebeskind

Klein, edel, fein. In den vergangenen Jahren gab’s David Peace und Pete Dexter. Diesen Herbst werden bereits im August folgende krimiaffinene Titel ausgeliefert:

Bruno Preisendörfer: Die Vergeltung („Ein literarischer Thriller über Schuld und tödliche Rache“ sagt der Verlag.)

James Sallis: Driver (Drive, 2005; Dank der kurzlebigen Dumont Noir-Reihe kam James Sallis auf den deutschen Markt. Jetzt hat Sallis endlich eine neue Heimat gefunden.)

Nick Tosches: Muddy Waters isst selten Fisch – Artikel, Reportagen, Interviews (Wenn aus Reportagen Literatur wird.)

Pulp Master

Der Berliner Verlag mit den schönen Covers von 4000 und diesen guten Autoren: Joe R. Lansdale, Derek Raymond, Garry Disher (die Wyatt-Gangsterserie), Charles Willeford, Buddy Giovinazzo undsoweiter.

Für Spätsommer/Herbst ist die Veröffentlichung von

Rick DeMarinis: Kaputt in El Paso (Sky full of sand, 2003)

geplant. In dem Noir-Thriller glaubt Uriah Walkinghorse, dass er seinen persönlichen Tiefpunkt bereits erreicht hat, als er in einem SM-Studio als maskierter Henker anheuert. Ist natürlich ein Irrtum.

Shayol

Noch ein Verlag aus Berlin. Zuerst publizierte er Science-Fiction. Unter anderem die Neuausgabe der Werke von Rainer Erler. Vergangenes Jahr startete er die Reihe „Funny Crimes“.

Als fünfter Band ist für August/September „Rumble Tumble“ (Rumble Tumble, 1998) von Joe R. Lansdale geplant. Es ist ein weiteres Hap Collins-Leonard Pine-Abenteuer.

Im Januar soll „Everybody dies“ (1998) von Lawrence Block erscheinen. Damit würde nach einer jahrelangen Pause die Matthew Scudder-Serie endlich auch in Deutschland fortgesetzt.

Zwei Bücher, die Sie sich vormerken sollten. Die Gründe? Nun hier, hier, hier und deswegen.

VGS/Egmont

Die Ausnahme ist vor allem für seine Filmbücher und „Die Chronik der Unsterblichen“ von Wolfgang Hohlbein bekannt. Aber das ist Fantasy.

Für die CSI-Fans gibt es im Oktober/November Nachschub:

Max Allan Collins: CSI – In Extremis

Stuart M. Kaminsky: CSI:NY – Sintflut (Deluge, 2007)

Donn Cortez: CSI: Miami – Mörderisches Fest

Auf die neuen Werke von Max Allan Collins und Stuart M. Kaminsky freue ich mich schon. Den CSI-Roman „Im Profil des Todes“ von Max Allan Collins habe ich hier, die ersten beiden CSI:NY-Romane „Der Tote ohne Gesicht“ und „Blutige Spur“ von Stuart M. Kaminsky habe ich hier gelobt. Von Donn Cortez lasse ich mich überraschen.