Spannender Gerichtskrimi aus Deutschland

Juli 19, 2007

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„Die deutsche Antwort auf John Grisham“ sagt der Verlag ganz unbescheiden. Das weckt bei mir, weil ich kein Grisham-Fan bin, kein besonderes Interesse. Der Autor ist auch noch Richter. Haben wir nicht schon aus Amiland genug schreibende Juristen? Muss jetzt auch noch ein Deutscher dicke Gerichtsthriller schreiben? Aber dann wird mir „Zug um Zug“ von Andreas Hoppert wärmstens empfohlen, das Buch wird aus dem Stapel gezogen und die ersten Seiten sind gelungen.

Kurz vor Feierabend taucht bei Marc Hagen ein neuer Klient auf. Hasso von Neuendorff heißt er und nach Hagens Ansicht ist er ein Arschloch. Aber er kann ihn, den Juristen mit entzogener Lizenz, und seine Chefin, die Alkoholikerin Dr. Irene von Kleist, bezahlen. Also verteidigen sie von Neuendorff entsprechend seinen Wünschen gegen den berechtigten Vorwurf der Wilderei. Von Neuendorff kommt mit einer Geldstrafe davon und ist sehr zufrieden mit den Beiden, obwohl von Kleist nicht zur Verhandlung erschien und Hagen ihn über eine Ausnahmegenehmigung vertreten musste.

Kurz darauf wird von Neuendorff verhaftet. Er soll seine Freundin Barbara Beck erschossen haben. Er beauftragt von Kleist und Hagen mit seiner Verteidigung. Die Anklage ist überzeugend, aber Hagen findet Zeugen, die ihren Klienten entlasten.

Soweit, so vertraut. Aber „Zug um Zug“ ist nicht „Ein Fall für zwei“. Höchstens bei den ersten Fällen von Anwalt Renz und seinem Detektiv Matula waren die Klienten ähnlich zwiespältig. Doch das war vor über zwanzig Jahren.

Denn von Neuendorff sagte vor der Mordanklage zu Hagen: „Wenn jeder weiß, was geschehen ist, aber man dem Täter trotzdem nichts anhaben kann. Das ist es, was ich unter einem perfekten Mord verstehe.“ Er ist Großmeister im Schach – was ihn dazu befähigt, weit vorausschauende Pläne zu machen -, Hoppert gab seiner Geschichte den Titel „Zug um Zug“, strukturierte die Geschichte in vier, Schachspielern geläufige, Teile – Vorbereitung, Eröffnung, Mittelspiel und Endspiel – und erklärte die einzelnen Phasen des Spiels mit Zitaten aus „Meyers Schachlexikon“.

Außerdem lässt die Wahl des in Mordklagen vollkommen unerfahrenen, anwaltlichen Katastrophenduo von Kleist/Hagen beim Leser alle Alarmglocken schrillen und kaum an der Schuld von Neuendorffs zweifeln.

Doch dann findet Hopperts Held Hagen immer wieder genügend Beweise für die Unschuld ihres Klienten und es erscheint auch für uns denkbar, dass von Neuendorff hereingelegt wurde. Schließlich gibt irgendjemand der Polizei immer wieder anonyme Hinweise, die von Neuendorff schwer belasten und die Anklage nimmt diese Beweise ohne eine weitere Prüfung gerne in ihre Beweisführung auf. Dieser Tippgeber könnte der Mörder sein.

Während Andreas Hoppert noch die be- und entlastenden Indizien und Aussagen für von Neuendorffs Schuld präsentiert, jagt er uns durch die Feinheiten des deutschen Rechts und der Rechtssprechung. Dieser, etwa die Hälfte des Romans einnehmende Teil, ist spannend erzählt und steht den aus US-amerikanischen Thrillern bekannten Gerichtsverfahren und Tricks in Nichts nach.

Erst auf den letzten Seiten, dem schachtechnisch gesprochen „Endspiel“ verlässt Hoppert der Mut. Denn hier führt er, wenn wir im Spielduktus bleiben, einen neuen Spieler ein und er wechselt das Brett. Das ist aber nur ein kleiner Schönheitsfehler bei einem ansonsten gelungenen Gerichtsthriller.

Insofern ist der Vergleich mit John Grisham nicht vollkommen falsch. Für mich ist Andreas Hoppert eine der Entdeckungen des Jahres.

 

Andreas Hoppert: Zug um Zug

Grafit, 2006

352 Seiten

9, 95 Euro

 

Weitere Informationen:

Grafit-Verlag: Interview mit Andreas Hoppert zu „Zug um Zug“: http://intra.grafit.de/archive/upload/buecher_interview_45000176.pdf


Keine Geheimnisse, trotzdem spannend

Juli 17, 2007

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„Was ist Spannung?“, fragte dpr vor einigen Tagen in die Runde. Ich schrieb, Larry Beinhart zitierend, Spannung sei „die Ankündigung – oder Drohung, Verlockung oder Andeutung -, dass etwas geschehen wird.“

Ein gelungenes Beispiel für Beinharts These liefert H. R. F. Keating mit „Inspector Ghote reist 1. Klasse“. Dieser Kriminalroman hat keine Toten, keine wilden Verfolgungsjagden (naja, einmal muss Inspector Ghote einem Zug nachlaufen), keine Action und auch kein Rätsel. Denn das Ende ist von der ersten Zeile an offensichtlich.

Und trotzdem ist diese fast vierzig Jahre alte Geschichte spannend. Das liegt an der genial einfachen Konstruktion der Geschichte.

Inspector Ghote soll in Kalkutta den verhafteten Schwindler Battacharya abholen. Ghote beschließt mit dem Zug von Bombay nach Kalkutta zu fahren. Die Times of India bringt eine kleine Meldung mit einem Bild von Ghote. Ganz in der Nähe von Ghotes Büro liest der Schwindler Battacharya – in Kalkutta wurde der falsche Mann verhaftet – die Meldung und er beschließt, incognito mit Inspector Ghote zu reisen. Er verkleidet sich und setzt sich neben den nichts ahnenden Inspector Ghote.

Die gesamte Hinfahrt wird von der Frage beherrscht, wie (dass Ghote Battacharya enttarnt ist klar) er den Schwindler enttarnt.

Am Ende der Fahrt verhaftet Ghote Battacharya. In diesem Moment sind wir genau in der Mitte der des Romans. In der zweiten Hälfte schildert Keating die Rückfahrt. Jetzt will Battacharya flüchten. Außerdem soll Ghote ihn zu einem Geständnis bewegen.

Am Ende der Fahrt kann Ghote den Schwindler seinen Kollegen übergeben.

Das ist die auf knapp 200 Seiten erzählte Geschichte.

Auch das Ende – immerhin hat niemand ernsthaft geglaubt, dass Ghote den Bösen entwischen oder sich von ihm korrumpieren lässt – ist absolut nicht überraschend, aber befriedigend.

Warum ist das so?

Keating, einer der Großen der britischen Kriminalliteratur und langjähriger Krimikritiker der „Times“, beherrscht die Grundlagen. Gleich auf der ersten Seite verspricht er uns ein Duell zwischen einem kleinen, unauffälligen Inspector, der Stolz darüber ist, dass sein Bild in der Zeitung erschien, und einem begnadeten, aber überheblichen Schwindler. Es ist ein Kampf zwischen David und Goliath, der für Ghote noch aussichtsloser ist, weil Battacharya ihn einfach nur düpieren will. Ghote hat eigentlich keine Chance zu gewinnen.

Als Leser verfolgen wir die erste Runde des Duells. In ihm muss Ghote Battacharya enttarnen. Weil er ein guter Beobachter ist, gelingt es ihm. Auf der Rückfahrt muss er eine Flucht verhindern. Auch hier hat Battacharya wieder ein vollkommen anderes, ebenso genau definiertes Ziel. Er will flüchten. Dabei ist er, im Gegensatz zu dem unbeholfenen, gewöhnlichen Ghote, ein welterfahrener Charmeur. Die Mitreisenden lassen sich gerne von ihm blenden. Außerdem behauptet Battacharya, dass er Verbündete habe, die ihm helfen würden. Kurz: Ghote ist bei dieser langen Zugfahrt vollkommen auf sich allein gestellt.

Als Leser wollen wir jetzt wissen, wie Ghote die Flucht von Battacharya verhindert.

Dabei können wir nur auf eines Vertrauen: H. R. F. Keating als Lokführer wird uns sicher zum Ziel bringen.

Und das ist das Geheimnis von Spannung: Am Anfang verspricht uns der Autor ein spannendes Abenteuer. Wir folgen ihm. Und am Ende bringt er uns wieder sicher zurück. Er löst das anfangs gegebene Versprechen auf eine abenteuerliche Zugfahrt ein.

 

 

H. R. F. Keating: Inspector Ghote reist 1. Klasse

(übersetzt von Mechtild Sandberg-Ciletti)

Unionsverlag, 2007

192 Seiten

9,90 Euro

 

 

Originalausgabe:

Inspector Ghote goes by train

Collins, London, 1971

 

 

Deutsche Erstausgabe:

Inspector Ghote reist 1. Klasse

Rowohlt, 1975

 

 

Die Übersetzung wurde für die aktuelle Ausgabe überarbeitet und ergänzt.

 

 

Weitere Informationen:

Unionsverlag über Keating:

http://unionsverlag.ch/info/person.asp?pers_id=1750

Krimi-Couch über Keating:

http://www.krimi-couch.de/krimis/h-r-f-keating.html

Wikipedia (englisch) über Keating:

http://en.wikipedia.org/wiki/H._R._F._Keating

H. R. F. Keating empfiehlt 100 Kriminalromane: http://www.classiccrimefiction.com/keating100.htm

Das Zitat von Larry Beinhart ist aus seinem empfehlenswerten Buch „Crime – Kriminalromane und Thriller schreiben“ (How to write a Mystery, 1996)


Die kriminelle Herbst-Winter-Kollektion – Teil 5

Juli 11, 2007

Wieder mit zwei großen Verlagen: Droemer Knaur und Heyne. Wie üblich sind die besonders wichtigen Veröffentlichungen und die Bücher, auf die ich mich besonders freue, fett hervorgehoben. Der Unterschied? Nun, Michael Connelly ist wichtig, aber, weil ich das Buch bereits kenne, kann ich mich nicht mehr darauf freuen.

 

 

 

Knaur – Die Taschenbücher

Oktober

Nicole Jamet/Marie-Anne Le Pezennec: Dolmen – …vergessen sollst du nie (Taschenbuch-Ausgabe)

November

Simon Brett: Der Tote im Hotel

Tim Green: Tödliches Kalkül (Rachethriller)

Scott McBain: Das Judasgift (Erstausgabe eines Thrillers über eine die katholische Kirche bedrohende Verschwörung)

Julie Parsons: Zähl die dunklen Stunden nur

Dezember

Thomas H. Cook: Das Gift des Zweifels (Red Leaves, 2005; Erstausgabe des Anthony-, Dagger- und Edgar-nominierten Werkes)

Vena Cork: Galerie der Angst

Michael Cox: In der Mitte der Nacht – Ein Geständnis

Katy Gardner: Das bleiche Herz

Levi Henriksen: Bleich wie der Schnee (ausgezeichnet mit dem norwegischen Buchhändlerpreis 2004)

Douglas Preston/Lincoln Child: Dark Secret – Mörderische Jagd (Taschenbuch-Ausgabe)

Januar

Giles Blunt: Kalter Mond (Taschenbuch-Ausgabe)

Ravi Shankar Etteth: Fluch der weißen Witwe

John Katzenbach: Das Rätsel (Deutsche Erstausgabe von „State of Mind“, 1997)

Februar

Dianne Emley: Tiefe Stiche (Michael Connelly und Tess Gerritsen blurben)

Lisa Jackson: Deathkiss – Süß schmeckt die Rache

Sabine Konrbichler: Gefährliche Täuschung

Val McDermid: Das Moor des Vergessens (Taschenbuch-Ausgabe)

März

Reginald Hill: Welch langen Weg die Toten gehen (Taschenbuch-Ausgabe des 21. Dalziel & Pascoe-Abenteuers)

Jean Lemieux: Todeslied

Laura Levine: Für die Schuhe würd’ ich morden (Ist wohl eher eine Komödie mit einer Leiche für die Leserinnen von Janet Evanovich. Die Leser von Janet Evanovich fragen sich von welcher Janet Evanovich. Der Krimiautorin? Der Komödienautorin?)

Henri Loevenbruck: Das Kopernikus-Syndrom

David Morrell: Level 9 (Scavenger, 2007; irgendwie die Fortsetzung von „Creepers“)

Joseph Telushkin/Allen Estrin: Nichts bleibt ungesühnt

April

Roderick Anscombe: Hinterhältig

Jörg Kastner: Teufelszahl

Ben Kinman: Todesfluch (Pseudonym von Chandler McGrew)

Michael Koryta: Tödliche Rechnung (Sorrow’s Anthem, 2006; Zweiter Pritchard-Perry-Roman)

Karen Rose: Heiß glüht mein Hass

 

Droemer Knaur – im festen Einband

22. August

Michael Böckler: Tödlicher Tartufo – ein kulinaricher Fall für Hippolyt Hermanus (Wer denkt sich diese Namen aus?)

Katy Gardner: Der treue Feind (Hidden)

Steve Mosby: Der Fifty-fifty-Killer (The 50/50 Killer)

Douglas Preston/Lincoln Child: Maniac – Fluch der Vergangenheit (The Book of the Dead, Ein neuer Fall für Special Agent Pendergast)

21. September

Gay Longworth: Am Anfang war die Täuschung (Wicked Peace)

12. Oktober

Kinky Friedman: Das Weihnachtsschwein (The Christmas Pig; Kinky geht fremd.)

2. Januar

Sebastian Fitzek: Das Kind (War ein zehnjähriger Junge in einem früheren Leben ein Serienkiller? Und wird er wieder morden? – Egal was man von der Prämisse hält; immerhin wiederholt sich Fitzek nicht.)

 

 

Heyne – Taschenbuch

Oktober

Stephen King: Dead Zone

Stephen King: Cujo

Stephen King: Feuerkind (Zum Sechzigsten gibt es einen neuen Umschlag für diese Kingschen Frühwerke)

Stephen King: Der dunkle Turm (Graphic Novel; in der limitierten Auflage mit einem Poster)

Robert Ludlum: Das Bourne Ultimatim (zum Filmstart gibt es dieses Ludlum-Werk als Movie-Tie-In)

November

Vince Flynn: Der Feind

Brent Ghelfi: Russisches Abendmahl (Thriller in der Heyne Hardcore-Reihe)

John Grisham: Das Fest (Kein Krimi, sondern eine Weihnachtsgeschichte)

Kim Harrison: Blutspiel

Dean Koontz: Irsinn

Irene Rodrian: Ein letztes Lächeln

Sabine Thiesler: Hexenkind

Dezember

Andrew Britton: Der Attentäter

Tom Clancy/Steve Pieczenik: Tom Clancy’s Netforce: Attentat

Colin Forbes: Skelett

Jonathan Nasaw: Der Kuss der Schlange

John Saul: Stalker

Januar

C. J. Box: Stumme Zeugen (mit zahlreichen Preisen ausgezeichneter Thriller)

Mary Higgins Clark: Weil deine Augen ihn nicht sehen

Virginia Doyle: Der Fluch der schönen Insel

Marc Kayser: Trias (ein von Thomas Roth [ARD], Dominik Graf und Claudia Roth geblurbter Titel. Wir sind gespannt.)

William Landay: Jagdrevier

Richard Laymond: Das Treffen (Thriller in der Hardcore-Reihe)

Ludwig Lugmeier: Der Mann, der aus dem Fenster sprang (Bio eines Verbrechers)

Romain Sardou: Kein Entrinnen

Februar

Gilbert Adair: Mord auf ffolkes Manor

Andras: Schatten (Erotikthriller in der Hardcore-Reihe)

Alex Berenson: Kurier des Todes (The faithfull spy, 2006; erhielt 2007 den Debüt-Edgar und soll mit Keanu Reeves verfilmt werden)

James Church: Inspektor O

Tom Franklin: Die Gefürchteten (Hell at the Breech, 2003)

John Grisham: Der Gefangene

James McGee: Der Totensammler (Historischer Kriminalroman: London, beginnendes 19. Jahrhundert)

Scott Turow: So wahr mir Gott helfe

Udo Ulfkotte: Der Krieg im Dunkeln (Sachbuch über die wahre Macht der Geheimdienste)

März

Michael Connelly: Vergessene Stimmen (Taschenbuch-Ausgabe von „The Closers“)

Michael Crichton: Airframe

Michael Crichton: Endstation (Und wann erscheinen seine als John Lange geschriebenen Frühwerke wieder auf Deutsch?)

Robert Harris: Imperium

Mari Jungstedt: An einem einsamen Ort (Die TV-Serie gibt es bereits im Oktober im ZDF)

Giulio Leoni: Das Mosaik des Todes (Historischer Kriminalroman: Floren im Jahre 1300)

Gayle Lynds: Spymaster

John Niven: Kill your Friends (Im Musikgeschäft spielender Thriller, der in der Hardcore-Reihe erscheint)

Rob Palmer: Gejagt

Karen Robards: Und niemand hört ihr Rufen

Peter Straub: Haus der blinden Fenster

Charles Todd: Schwarze Spiegel

April

Martina Cole: Die Schwester

Corine Hartman: Schöner als der Tod

Stephen King: Love

Dean Koontz: Frankenstein – Der Schatten (Und nochmal Horror; dieses Mal der Abschluss der Frankenstein-Trilogie)

Robert Ludlum: Die Ambler Warnung

Anne Perry: Die Tote von Buckingham Palace

Akif Pirincci: Der eine ist stumm, der andere ein Blinder

Akif Pirincci: Der Rumpf

George D. Shuman: 18 Sekunden

 

 

Heyne – im festen Einband

August

Michael Morley: Spider (Spider)

Colin Forbes: Komplott (Blood Storm – Spezialagent Tweed tritt gegen britische Politiker, die aus Merry Good England einen Polizeistaat machen wollen, an. Kann Tweed nicht auch einen Abstecher nach Berlin machen?)

Stephen King/Richard Bachman: Qual (Blaze, 2007; Veröffentlichung eines bislang unveröffentlichten, um 1973 geschriebenen Manuskriptes, das King als Richard Bachman veröffentlichen wollte)

September

Mary Higgins Clark: Und hinter dir die Finsternis(I heard that Song before)

Oktober

Robert Harris: Ghost (Ghost)

Jacques Berndorf: Bruderdienst (BND-Agent Karl Müller schlägt wieder zu und Jacques Berndorf durfte die heiligen Hallen des BND betreten.)

Januar 2008

Robert Ludlum: Die Bancroft Strategie (The Bancroft Strategy, 2006)

 

 

 

Was bisher vorgestellt wurde:

Die kriminelle Herbst-Winter-Kollektion – Teil 4

mit Assoverlag, Conzett bei Oesch, Daedalus Verlag, Gollenstein Verlag, Panini, Pendragon, Unionsverlag

Die kriminelle Herbst-Winter-Kollektion – Teil 3

mit Alexander Verlag, Liebeskind, Pulp Master, Shayol, VGS/Egmont

Die kriminelle Herbst-Winter-Kollektion – Teil 2

mit Edition Nautilus, Emons, Gmeiner, Grafit

Die kriminelle Herbst-Winter-Kollektion – Teil 1

mit Blanvalet, Goldmann Taschenbuch


Die kriminelle Herbst-Winter-Kollektion – Teil 4

Juli 10, 2007

Bleiben wir bei den kleinen Verlagen, die teilweise nur einen Krimi veröffentlichen. Wie immer sind die Werke, auf die ich mich besonders freue, dick hervorgehoben.

Assoverlag

Ursula Sternberg: Variationen der Wahrheit oder: von Liebe, Käse und anderen Dingen (Das zweite Buch von Sternberg ist ein ‚rasanter Gourmet-Krimi’ [Verlagsprosa]. Ein EU-Kommissar wird ermordet. Eine Käsehändlerin und ein Polizist ermitteln.)

 

Conzett bei Oesch

September

Kaspar Wolfensberger: Liebeskrank – Interview mit List (Vor seinem Tod gibt der Chefarzt einer psychiatrischen Klinik ein Interview.)

 

Daedalus Verlag

Christina Bacher/Harald Justin (Hrsg.): Jazz in Crime – Kalender für Kriminalliteratur (eine etwas eklektische Zusammenstellung über – unter anderem – Bill Moody, Charles Mingus, das Billie Holiday-Lied „Strange Fruit“ und „Verbrechen und Jazz im Film“ schreiben unter anderem Ulrich Kriest, Thomas Wörtche und sicher auch Harald ‚Jazzthetik’ Justin)

 

Gollenstein Verlag

Walter Wolter: Ein Lied vom Tod (Die Inhaltsangabe verwirrt. Privatdetektiv Bruno Schmidt ist der Leibwächter einer Konzernerbin. Gleichzeitig geht im Saarland ein Mörder um, der vor der Tat den Opfern das „Lied vom Tod“ vorspielt. Und Schmidt erhält von einer todkranken Diva eine außergewöhnliche Lebensperspektive)

 

Panini

Ist in erster Linie ein Comic-Verlag. Die Marvel-Helden, die Simpsons und viele weitere in der Szene geschätzte Comics, wie die Werke von Frank Miller, erscheinen bei Panini in der deutschen Übersetzung.

Für Krimifans hat der Verlag demnächst im Angebot:

Gerade erschienen:

Brad Meltzer: Justice League of America I: Aus der Asche (der Thriller-Autor erfindet Geschichten für eine DC-Comicserie.)

18. Juli

Collins/Rodriguez/Wood: CSI: Das Dämonenhaus

22. August

Neil Gaimans Niemandsland (neuer Comic des Multitalents)

23. August:

M. Fraction/A. Olivetti: Punisher War Journal 1 (enthält die Marvel-Bücher „Punisher War Journal 1-4“)

 

Pendragon

Juli

Frank Göhre: St. Pauli Nacht (Frank Göhre ist wieder zurück. Anscheinend hat er seinen Episodenroman „St. Pauli Nacht“ für diese Ausgabe überarbeitet. Der Verlag legt eine DVD mit dem gleichnamigen Spielfilm und weiteren Informationen bei. Also noch ein Grund, sich diese – nach meiner Zählung – dritte Ausgabe von „St. Pauli Nacht“ anzuschaffen.)

Robert B. Parker: Der stille Schüler (School Days, 2005; Der neue Spenser.)

Roland Voggenauer: Blut und Wasser (Staudacher klärt einen über hundert Jahre zurückliegenden Mord auf.)

August

Colin Higgins: Harold und Maude (Okay, kein Krimi, aber Kult und endlich wieder auf Deutsch erhältlich)

September

Mechthild Borrmann: Morgen ist der Tag nach gestern (Ein ehrbarer Mann mit schmutziger Weste wird umgebracht. Die Polizei ermittelt.)

Erwin Grosche: Der falsche Priester (Ein Privatdetektiv, der sich als Priester tarnt, klärt eine Mordserie auf. Hm.)

Cem Melou: Toxische Killer (Ist wohl ein S-F-Thriller über die bösen Machenschaften eines Lebensmittelherstellers, der über Leichen geht.)

Andy Strässle: Die Wodka-Verschwörung (Roberta soll für ihren Chef herausfinden, ob er wirklich der Vater ist. Sie recherchiert in einer Befruchtungsklinik, die etwas verbergen will.)

 

Unionsverlag

Metro-Herausgeber Thomas Wörtche verlässt nach jahrelanger Aufbauarbeit den Verlag. Deshalb ist das Herbstprogramm das letzte von ihm vollständig betreute Programm.

Juli

Jean-Claude Izzo: Leben macht müde (Vivre fatigue, 1998 – ein weiterer Nicht-Krimi von Izzo)

Bill Moody: Bird lives! (Bird lives!, 1999 – die Taschenbuchausgabe)

Manfred Wieninger: Der Engel der letzten Stunde (die Erstausgabe erschien 2005 bei Haymon – Privatdetektiv Marek Miert sucht ein verschwundenes Mädchen und hat Ärger mit einem durchgeknallten Oberleutnant)

August

Bruno Morchio: Kalter Wind in Genua (Bacci Pagano – Una storia da carruggi, 2004 – Kann Privatdetektiv Bacci Pagano das Attentat auf den Ministerpräsidenten verhindern? Als Vorbilder nennt Morchio Vázquez Montalbán, Izzo und Chandler. Keine schlechte Wahl.)

Gabriel Trujillo Munoz: Erinnerung an die Toten (Puesta en excena, 2002; La memoria de los muertos, 2005 – zwei weitere Abenteuer mit dem Menschenrechtsanwalt Morgado. Der erste Band „Tijuana Blues“ gefiel mir sehr gut.)

September

Patrik Boman: Peabody ghet in die Knie (Peabody met un genou en terre, 2000 – Erstausgabe erschein 2006 bei Zebu – Zweiter Peabody-Krimi: Er sucht den Mörder einer unbekannte, im Trog des frommen Färbermeisters gefundenen Leiche.)

Joe Gores: Hammett (Hammett, 1975 – Endlich erscheint der bekannteste Roman von Joe Gores wieder. Er verwickelt Dashiell Hammett in einen fiktiven Kriminalfall. Wim Wenders verfilmte das Buch.)


„Coronado“: Schwacher Lehane-Sammelband

Juli 8, 2007

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Während Dennis Lehane an seinem neuesten Opus – einer dicken Chronik über zwei Familien im 19. Jahrhundert – arbeitet, veröffentlicht er für die ganz hungrigen Fans eine Sammlung von fünf Kurzgeschichten und einem Theaterstück. „Coronado“ ist allerdings nur für die Fans, die wirklich alles von ihm haben wollen. Alle anderen sollten zu einem der Romane von Lehane greifen.

Das Theaterstück ist ein langweiliges Desaster und auch die Kurzgeschichten können kaum überzeugen. Sie sind fast immer erstaunlich spannungslos erzählte Beschreibungen eines Zustandes oder Stilübungen, die besser im Schreibtisch des Autors verschwunden wären. „Runter nach Corpus“ beschreibt, wie einige Jugendliche einem Footballkameraden einen Denkzettel verpassen wollen und stattdessen das Haus seiner Eltern verwüsten. In der Kafka-Variation „Intensivstation“ flüchtet ein Mann vor unbekannten Verfolgern in ein Krankenhaus. In „Pilze“ gerät eine junge Frau in einen Kampf zwischen Verbrechern. In „Schluss mit den Hunden“ sucht sich ein Mann, nachdem er alle streunenden Hunde erschossen hat, neue Ziele. In „Bis zu Gwen“ will ein Vater von seinem Sohn die Beute aus einem Überfall haben. „Coronado: Ein Stück in zwei Akten“ erweitert diese Geschichte auf mehrere Generationen.

Das klingt jetzt interessanter, als es ist. Denn die meisten Geschichten haben kein richtiges Ende. „Intensivstation“ hört einfach auf. Das neunseitige „Pilze“ kann kaum Geschichte genannt werden. „Runter nach Corpus“ hat ein seltsam-offenes Ende. Nur „Schluss mit den Hunden“ und „Bis zu Gwen“ funktionieren als eigenständige Geschichten.

Doch „Bis zu Gwen“ springt auch wieder so willkürlich zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her, dass weniger die Geschichte atemlos verfolgt, als langsam im Kopf des Lesenden zusammengesetzt wird. Auch die den Hauptcharakter/Leser direkt ansprechende Stimme des Erzählers und die – bis auf „Schluss mit den Hunden“ – Wahl des Präsens als Erzählzeit sind schwer erträglich. Es ist einfach schwierig im Präsens elegant zu formulieren und fast jeder Satz von Lehane bestätigt diese Binsenweisheit: „Spät am nächsten Morgen wirst du von deinem Vater geweckt, er erzählt dir, er hätte Mandy nach Hause gefahren, ihr hättet einiges zu erledigen, Leute zu treffen.“

Auch bei den Dialogen lässt Dennis Lehane jedes Gespür vermissen. Das wird besonders offensichtlich bei seinem Theaterstück „Coronado: Ein Stück in zwei Akten“:

„Und, wie war sie?“

„Ich hab sie nach Hause geschickt.“

„Vorher oder nachher?“

„Mittendrin.“

„Wie kann man eine Nutte mittendrin wegschicken?“

„Sie hat sich ständig beim Blasen unterbrochen, um sich über die Vorzüge von Michael Bays Filmen auszulassen.“

„Wer ist das denn?“

Schauspieler, die solchen Sätzen irgendeine tiefere Bedeutung geben müssen, sind zu bedauern. Beim Lesen – auch mit der Anweisung im Hinterkopf, dass die Szenen zu verschiedenen Zeiten spielen – erschließt sich erst im zweiten Akt, was Lehane mit den verschiedenen Szenen beabsichtigt und wie sie miteinander verknüpft sind. Denn die Idee, dass ein bestimmtes Verhalten über mehrere Generationen durch Vererbung und Umfeld weitergegeben wird, ist gut. Aber in „Coronado“ wird sie ganz schlecht präsentiert. Ed Gorman hat dies wesentlich besser und prägnanter in seiner Kurzgeschichte „En Famille“ illustriert.

In „Coronado“ überzeugt nur die bereits acht Jahre alte Geschichte „Schluss mit den Hunden“. Lehane erzählt, wie in dem Kaff Eden in den frühen Siebzigern der Bürgermeister will, dass alle streunenden Hunde erschossen werden. Blue erledigt die Aufgabe. Denn: „Für die Aufgabe brauchte man lediglich jemanden, der gerne auf einem Baum hockte und auf Sachen schoss. Verdammt, Blue war in seinem Element.“ Aber nachdem es keine Hunde mehr gibt, will er weiter töten. Sein Jugendfreund, der Vietnamveteran Elgin Bern, steht vor einer schweren Entscheidung.

 

Dennis Lehane: Coronado

(übersetzt von Andrea Fischer)

Ullstein, 2007

224 Seiten

7,95 Euro

 

Originalausgabe:

Coronado

Harper Collins, 2006

240 Seiten

 

Enthält:

Schluss mit den Hunden (Running Out of Dog, Erstveröffentlichung in Otto Penzler: Murder and Obsession, 1999)

Intensivstation (ICU, Erstveröffentlichung in Beloit Fiction Journal, Frühling 2004, Vol. 17)

Runter nach Corpus (Gone down to Corpus, Erstveröffentlichung in Otto Penzler: The mighty Johns, New Millenium Press, 2002)

Pilze (Mushrooms)

Bis zu Gwen (Until Gwen, Erstveröffentlichung in John Harvey: Men from Boys, Arrow Books, 2003, US-Veröffentlichtung: The Atlantic, Juni 2004)

Coronado: Ein Stück in zwei Akten (Coronado: A Play in two Acts)

 

Homepage von Dennis Lehane: http://www.dennislehanebooks.com/

 

Hinweis:

Die Geschichte “En Famille” von Ed Gorman ist abgedruckt in dem von Lawrence Block herausgegebenen Sammelband “Die Meister lassen morden” (Master’s Choice: Mystery Stories by Today’s Top Writers and the Masters Who Inspired Them, Berkeley Publishing Group, 1999, deutsch bei Goldmann).

Wenn Sie das Buch in einem Antiquariat sehe, kaufen Sie es. Es lohnt sich.

Im Original kann Gormans Geschichte unter anderem im Ellery Queen’s Mystery Magazin Nr. 658 (Juni 1996), The Collected Ed Gorman Volume 1 – Out there in the Darkness, oder verschiedenen E-Paper-Portalen gelesen werden.


Biographie eines Mafia-Killers aus dem Ruhrpott

Juli 6, 2007

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Mafia ist etwas, das es in Italien, USA und auch Russland gibt. Aber nicht in Deutschland. Diesen Eindruck muss man nach dem Genuss der deutschen Presse und von deutschen Krimis, inzwischen wieder gewinnen.

Aber auf dem Cover des von Andreas Ulrich geschriebenen Sachbuchs „Das Engelsgesicht“ steht „Die Geschichte eines Mafia-Killers aus Deutschland“. Damit räumt der Spiegel-Reporter gleich mit zwei Vorurteilen auf: nämlich dass es in Deutschland keine Organisierte Kriminalität gibt und dass es in Deutschland keine Killer gibt. Am Ende der Biographie von Giorgio Basile können wir uns dann doch etwas beruhigt zurücklehnen. Immerhin beging Giorgio Basile seine meisten Taten in Italien. Aber nicht alle.

Giorgio Basiles kriminelle Karriere begann in Deutschland. Er wurde am 28. Juni 1960 in Corigliano Calabro geboren. Als Achtjähriger kommt er nach Mühlheim an der Ruhr. Seine Mutter jobbt, er hat drei Geschwister und sein Vater kümmert sich nicht um die Familie. Basile ist nicht dumm, aber in der Schule versagt er komplett. Er ist ein typischer Kleinkrimineller mit großen Plänen. Doch im Gegensatz zu anderen Kleinkriminellen ist Basile intelligent genug, um sie umzusetzen. Und der Liebhaber seiner Mutter, der Verbrecher Antonio Giovagnone De Cicco, hilft ihm. Basile betreibt eine Pizzeria und später erfolgreich die Diskothek „Flair“ in Mühlheim.

Am 7. Januar 1986 wird er wegen Beteiligung an der Ermordung des Duisburger Disco-Besitzers und –Vermieters Rudolph Möhlenbeck zu neun Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Im Knast organisiert Basile den Drogenhandel. Doch er fällt nicht auf und wird wegen guter Führung vorzeitig entlassen. Im September 1991 wird er aus Deutschland abgeschoben. Das hindert ihn aber nicht daran, mit falschen Pässen, immer wieder nach Deutschland zu Reisen. Mit dem Wegfall der Grenzkontrollen wurde das sogar noch leichter.

In seiner kalabrischen Heimat steigt er im dortigen ’Ndrangheta-Clan auf. Auch hier nützt ihm sein Instinkt für lohnende Geschäfte. Er erschließt mit dem Drogenhandel und dem Reinvestieren von Schutzgeldern neue Geschäftsfelder. Er wird, weil er den Ehrenkodex der ’Ndrangheta achtet, aber immer wieder sieht, dass sich die ’Ndrangheta-Mitglieder nicht daran halten, kein Mitglied der ’Ndrangheta. Aber die Bosse verdanken ihm einen großen Teil ihres Reichtums und deshalb steigt er immer weiter auf. Er ist, im Duktus der ’Ndrangheta, eine sehr vertraute, aber keine getaufte Person.

Kurz vor seiner Verhaftung am 2. Mai 1998 in Kempten im Allgäu bringt er seinen Freund Domenico Sanfilippo in Holland um. Dieser Mord nagt an seinem Gewissen. Außerdem weiß er, dass sein Leben als Verbrecher vorbei ist. Die deutsche und die italienische Justiz bereiten Anklagen gegen ihn vor. In Deutschland müsste er auch die restliche Strafe an dem Möhlenbeck-Mord verbüßen. Basile redet und sorgt so für die Verurteilung vieler Verbrecher. Seitdem lebt er unter falschem Namen.

Weil Andreas Ulrich sich in der Biographie „Das Engelsgesicht – Die Geschichte eines Mafia-Killers aus Deutschland“ ausschließlich auf Basile konzentriert, erscheint er öfters als die einzige menschliche und vernünftige Seele unter lauter Unmenschen. Seine Morde werden eher en passant erwähnt und seine kriminellen Aktivitäten haben oft den Schein von Dummer-Junge-Streich. Wenn er mit einigen Freunden Einbrüche verüben will, die dann wegen der schlechten Planung scheitern, ist das eher amüsant. So kommt am Ende des Buches die Anklageschrift, nach der Basile zeitweise der einzige Geldbeschaffer des Carelli-Clans war und er der deutschen Polizei dreißig Morde gesteht, doch ziemlich schockieren.

Außerdem wird nie wirklich deutlich, wie sehr die verschiedenen Verbrecherclans und –organisationen zusammenarbeiten und welche Dimension ihre Arbeit auch in Deutschland hat. Diese Infiltration der Gesellschaft wird von Ulrich am Ende, wenn er kurz von der Gerichtsverhandlung berichtet, erwähnt. Das ist der Preis, den Ulrich für seine auf eine Person fokussierte und sich vor allem auf Aussagen dieser Person stützende Biographie zahlen muss.

Trotzdem ist „Das Engelsgesicht“ ein empfehlenswertes Buch. Denn es zeigt, dass es auch in Deutschland das Organisierte Verbrechen gibt und es sich oft erschreckend wenig von dem unterscheidet, was aus den USA und Italien bekannt ist. Denken Sie nur an „Goodfellas“, die Biographie des Mafia-Aussteigers Henry Hill, oder „Donnie Brasco“, die Dokumentation des jahrelangen Undercover-Einsatzes von Joseph D. Pistone gegen den Bonanno-Clan. Nur der Glamour, den amerikanische Gangster um sich verbreiten, der fehlt bei dem ‚Engelsgesicht’ Giorgio Basile.

Andreas Ulrich: Das Engelsgesicht – Die Geschichte eines Mafia-Killers aus Deutschland

Spiegel Buchverlag/Goldmann, 2007

320 Seiten

9, 95 Euro

Die Erstausgabe erschien 2005 in der Deutsche Verlags-Anstalt.


Guter Stoff, schlecht verarbeitet

Juni 28, 2007

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Es gibt sicher tausend Möglichkeiten, aus einem Stoff eine spannende Geschichte zu machen. Gute, weniger gute und schlechte. In Guido Seyerles Romandebüt „Schweinekrieg“ ist der Stoff das Schwäbisch-Hällische Landschwein und wie es einigen Landwirten in den vergangenen beiden Jahrzehnten gelang, aus einer aussterbenden Rasse eine Marke zu machen. Diese Etablierung in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ging nicht ohne Konflikte ab.

Das ist der reale Hintergrund und auch der Stoff den Guido Seyerle zu einem Roman verarbeitete. Allerdings ist es kein gelungener Roman. Gründe gibt es dafür viele. Der wichtigsten ist die Wahl der Hauptperson. „Schweinekrieg“ wird ausschließlich aus der Sicht des freiberuflichen Lokaljournalisten Chris Schranz erzählt. Er beobachtet mit Sympathie, wie der nach einem mehrjährigen Auslandsaufenthalt 1984 zurückgekehrte Landwirt Heinrich Bauer das vom Aussterben bedrohte Schwäbisch-Hällische Landschwein als Marke etablieren will. Bauer versucht die anderen Schweinezüchter zu überzeugen, ihre Zucht umzustellen. Er engagiert sich bei den Grünen. Er gründet eine Erzeugergemeinschaft und er organisiert einen Stand auf der Grünen Woche in Berlin. Der Stand wird ein voller Erfolg. Später kann Bauer mit einem der größten europäischen Lebensmittelkonzerne, Feinkost Küfer, einen lukrativen Vertrag für die Gesundheitslinie „ich darf“ abschließen.

Gleichzeitig versucht die Schweinemafia (so nennen die Züchter das Kartell der Abnehmer, die die Preise immer weiter nach unten drücken), personifiziert durch die Schweinezentrale und ihren Chef Falko Dombrowski, Bauer zu behindern. Während sich diese Aktionen der Schweinezentrale innerhalb der marktwirtschaftlichen Spielregeln bewegen, tritt bei mehreren Schweinen auf verschiedenen Höfen die Aujetzki-Krankheit auf, zwei Reifen werden mit einem aus der DDR stammenden Messer zerstochen, eine Inkassofirma versucht von Bauer nicht vorhandene Schulden einzutreiben und Lukas Ritzer wird ermordet.

Das ist eigentlich mehr als genug Handlung für ein spannendes Buch. Aber Chris Schranz tut genau das, was ein Journalist tun soll: er hält sich aus allem heraus, beobachtet und berichtet darüber.

Doch der erste, einige behaupten der einzige, Grundsatz für eine spannende Geschichte lautet: Die Hauptperson will ein bestimmtes Ziel mit allen Mitteln erreichen.

Der zweite dehnt diesen Satz auf die anderen Charaktere aus: Jeder will in jeder Szene etwas erreichen. Auch wenn es nur ein Glas Wasser ist.

Aber Schranz will nichts erreichen. Dagegen will Heinrich Bauer etwas erreichen. Er nimmt den Kampf eines Davids gegen Goliath auf und gewinnt. Das wäre eine tolle Geschichte gewesen. Auch die Geschichte der Menschen, die mit allen Mitteln verhindern wollen, dass Bauer erfolgreich ist, wäre spannend zu lesen gewesen. Oder die Geschichte von Bauers Frau, die an dem Ehrgeiz ihres Mannes zerbricht. Oder die der Polizisten, die den Mörder von Ritzer suchen.

Doch Seyerle wählte mit Chris Schranz den schwächsten von allen möglichen Hauptcharakteren aus.

Gleichzeitig war Seyerle der Kampf der kleinen Schweinezüchter gegen die Schweinezentrale zu wenig. Er pfropfte diesem Kampf einen dünnen und, wenn er nicht der Wirklichkeit entspricht, abstrus-unglaubwürdigen Krimiplot auf. Denn irgendjemand will anscheinend mit allen Mitteln verhindern, dass Bauer und seine Mitstreiter erfolgreich sind. Jedenfalls ist beim Lesen unklar, ob die Anschläge gegen die Schweinezüchter wirklich die geplanten Taten eines einzelnen Täters sind. Am Ende (und damit gebe ich den Lesern, die das Buch nach diesem Verriss doch noch kaufen, die Spannung, die in der Geschichte nicht vorhanden ist) wird der hinter allem steckende Bösewicht verhaftet und es gibt eine Erklärung für die vielen aus Osteuropa, hauptsächlich der DDR, kommenden Menschen. Denn diese Ostler arbeiten zusammen.

 

Guido Seyerle: Schweinekrieg

Gmeiner Verlag, 2007

288 Seiten

9,90 Euro

 

Homepage von Guido Seyerle: http://www.reise-schriftsteller.de/

 

„Schweinekrieg“ vermischt Fakten mit Fiktion. Auf der Seite der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall (BESH) gibt es einige Fakten:

http://www.besh.de/html/startseite.html


Kurzes vom „Tatort Deutsche Weinstraße“

Juni 25, 2007

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Neunzehn Kurzgeschichten sind in dem mehr oder weniger offiziellen Begleitband zur diesjährigen Criminale. „Tatort Deutsche Weinstraße“ heißt das von Angela Eßer herausgegebene Buch. Die Autoren sind teils bekannter, teils weniger bekannt. Die Qualität der Geschichten ist unterschiedlich und jeder wird seine eigene Lieblingsgeschichte finden. Gut ist es, wenn man als Leser kein eingefleischter Krimifan ist. Denn in dieser bestenfalls durchwachsenen Sammlung haben sich die Autoren in stiller Eintracht darauf verständigt, schwarzhumorige Schnurren abzuliefern, die sich in erster Linie an Nicht-Krimifans richten, die bei einem Glas Wein nett unterhalten werden wollen.

Wirklich überzeugend ist nur die zweiseitige Geschichte (genauso genommen eine Druckseite) „Ohne Kohle in der Südpfalz“ von Wolfgang Burger. Setting, Aufbau der Spannung, überraschende Pointe. Chapeau.

Aber die anderen? Nun, die beiden Gaunerkomödien „Oleg, die Navis und ich“ von Niklaus Schmied und „Des Kanzlers Kreditkarte“ von Jürgen Ehlers sind ebenfalls gut. Beide Male versucht ein Verbrecher seinen Schnitt zu machen. Auch Peter Dells „Familienbande“ mit seinem Privatdetektiv Philipp Sturm ist als traditionelle PI-Story okay.

Doch die anderen Geschichten sind entweder Ideen ohne eine Pointe oder letztendlich sehr ähnliche Geschichten mit einer ebenfalls sehr ähnlichen Pointe. So sind die von den gar nicht so alten Autoren erfundenen Charaktere oft ältere oder früh vergreiste Menschen. Sie sind Rentner, Witwer, auf Kur oder haben zwanzig Jahre nach der Schule die Gelegenheit sich zu rächen (Yeah, liebe Schulkameraden, die Zeit der Rache nähert sich!). Oft werden sie als verschrobene Einzelgänger gezeichnet, die sich selbst im Weg stehen. Das führt zu dem nächsten Problem: Kein Mensch sieht in den Spiegel und sagt ‚Ich bin ein komischer Kauz.’. Nein. Jeder sieht in den Spiegel und sagt ‚Ich bin ein grundvernünftiger Mensch.’. Entsprechend unklar sind sie gezeichnet. Oft sind ihre Handlungen schlichtweg unglaubwürdig. Verstärkt wird dies in vielen Geschichten durch die Sprache. So haben wir eloquente Ich-Erzähler, die allerdings, das zeigen ihre Aktionen und die Reaktionen ihrer Mitmenschen, Trottel sind.

Weil dann in der Geschichte der Aufbau von Spannung, also dem Schüren einer Erwartung und der Auflösung, nicht funktioniert, ist das Ende im negativen Sinn überraschend. Es interessiert nicht. Es ergibt sich nicht aus den vorherigen Handlungen. Es ist, eine andere Erklärung fällt mir nicht ein, der Tropfen der das Fass zum Überlaufen brachte und dann zu einer plötzlichen Aktion führt. Halt ein Schock. Doch Geschichten ohne Suspense (Denken Sie an Hitchcock!) sind langweilig.

Angela Eßer (Hrsg.): Tatort Deutsche Weinstraße

Grafit, 2007

240 Seiten

9,50 Euro

Enthält folgende Kurzgeschichten:

Wolfgang Burger: Ohne Kohle in der Südpfalz

Peter Dell: Familienbande

Klaus Dewes: Herxi II

Jürgen Ehlers: Des Kanzlers Kreditkarte

Angela Eßer: Schweigen in Schweigen

Kathrin Heinrichs: Paradiesisch tot

Carsten Sebastian Henn: Tod in der Mandelblüte

Andreas Izquierdo: In Schleusen

Ralf Kramp: Der Nachtmahr von Neustadt

Tatjana Kruse: Killer-Kerwe in Klingenmünster

Paul Lascaux: Die Eselei auf der Madenburg

Richard Lifka: Es war einmal in Wachenheim

Sandra Lüpkes: Gehörnt in Lambrecht

Udo Marquardt: Ciconia Ciconia

Olaf Paust: Der richtige Mann

Niklaus Schmied: Oleg, die Navis und ich

Jürgen Siegmann: Das Lama von Bockenheim

Ingeborg Struckmeyer: Letzte Kur?

Sabine Thomas: Löwenherz-Serenade

Die Criminale: http://www.die-criminale.de/

Tatort Deutsche Weinstraße: http://tatort-deutscheweinstrasse.de/

Meine Besprechung von Wolfgang Burgers „Ausgelöscht“:

http://www.alligatorpapiere.de/spurensuche-zwanzigneun.html


Erst unappetitliches, dann langweiliges „Shanghai Dinner“

Juni 25, 2007

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Viele halten Nury Vittachis vierten Wong-Roman „Shanghai Dinner – Der Fengshui-Detektiv rettet die Welt“ für eine spannende Krimikomödie mit gelungenen Seitenhieben auf die internationale Politik. Ich halte „Shanghai Dinner“ für ein quälend langatmiges Buch mit einem dünnen Plot und nur wenigen mäßig witzigen Betrachtungen über das Leben und kulturelle Unterschiede, die mich an Heinz Erhardt erinnern.

Dabei ist der Anfang genial. Fengshui-Detektiv C. F. Wong eröffnet in der boomenden Stadt Shanghai ein neues Büro. Doch bereits am ersten Tag, in der ersten Zeile, bricht das Unheil über ihn herein. Das Gebäude neben seinem frisch bezogenen Büro wird abgerissen und er kann die Abrissarbeiten nur solange aufhalten, bis sie die noch nicht ausgepackten Kisten wieder aus seinem Büro gebracht haben.

Danach wird’s zäh. Wong geht zu einem exquisiten Dinner, bei dem Tiere lebendig gekocht und gegessen werden. Für Wong ist das okay. Aber nicht für den radikalen Veganer Vega. Er nimmt die erlauchte Gästeschar als Geisel und zahlt gleiches mit gleichem heim.

Während wir noch darüber rätseln, was Vega mit dieser unappetitlichen, von Vittachi in epischer Breite geschilderten Aktion erreichen will (Müssen wir wirklich über mehrere Seiten lesen, wie Menschen gekocht und frittiert werden?), erfahren wir, dass Vega am nächsten Tag einen Anschlag auf den Präsidenten der Vereinigten Staaten plant. Wong kann mit seiner veganen Assistentin Joyce McQuinnie flüchten. Sie versuchen die Sicherheitsbeamten des Präsidenten von dem Anschlag zu überzeugen. Nachdem Secret Service-Mann Dooley in dem Elefanten, der an der Bühne der Regierungshäupter vorbeigehen soll, das Ticken einer Bombe hört, ist er überzeugt. Doch jetzt müssen Wong und seine veganen Mitstreiterinnen erschreckt feststellen, dass Thomas Dooley den Elefanten umbringen will, weil für andere Maßnahmen keine Zeit mehr bleibt. Wong entführt den Elefanten.

Tja, und dann laufen Wong, seine Assistentin Joyce und die Veterinärin Lu Linyao, verfolgt von den Sicherheitsleuten, fast über die gesamte zweite Hälfte des Buches mit dem trägen Elefanten durch die abendliche Rush-Hour von Shanghai. Ihnen bleibt nur noch eine knappe Stunde, bis die Bombe explodiert.

Während dieser eher statischen Verfolgungsjagd bleibt genügend Zeit über den Sinn und Unsinn von Wongs Aktion zu sinnieren.

Denn Wong hat objektiv das Dümmste gemacht, was ein Mensch tun kann. Anstatt, wie es auch die Tierärztin vor der Entführung versuchte, die Sicherheitsleute zu überzeugen, die Bombe aus dem Elefant zu entfernen oder ihn mit einem Hubschrauber an einen entlegenen Platz zu fliegen, flüchtet Wong mit ihm. Dabei will er einmal den Elefanten auf einem menschenleeren Platz explodieren lassen, ein anderes Mal, weil es ihm als Fengshui-Meister verboten ist, Tiere zu töten, das Leben des Elefanten retten. Doch so kann es ihm nicht gelingen.

Nury Vittachi: Shanghai Dinner – Der Fengshui-Detektiv rettet die Welt

(übersetzt von Ursula Ballin)

Unionsverlag, 2007

320 Seiten

19,90 Euro

Originalausgabe:

The Shanghai Union of Industrial Mystics

Allen & Unwin, Crows Nest, Australien, 2006

336 Seiten

Der Unionsverlag über Nury Vittachi:

http://www.unionsverlag.com/info/person.asp?pers_id=1720


Dreimal Verbrechen für Zwischendurch

Juni 19, 2007

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„Kaliber .64“ nennt sich die von Volker Albers in der Edition Nautilus herausgegebene Reihe. „Kaliber“ weil’s um Verbrechen geht. „64“ weil keine Geschichte länger als 64 Seiten ist. Natürlich sind nicht alle Geschichten genau gleich lang. Denn mit dem Layout wird schon etwas geschummelt.

Neben der Länge bietet die „Kaliber .64“-Reihe für Autoren eine weitere Herausforderung: sie müssen eine Geschichte erzählen, die in diesem Format funktioniert. Das ist einfacher gesagt („64 Seiten schreiben? Kein Problem.“) als getan. Zuletzt stellten sich Gunter Gerlach, Susanne Mischke und Gabriele Wolff dieser Herausforderung.

Gabriele Wolff verirrte sich in ihrem langatmigen Psychothriller „Im Dickicht“ hoffnungslos in dem titelgebenden Gestrüpp. Kerstin Schroth zog mit ihrem Mann Bernd und ihrem Sohn Michael aus der Großstadt in die brandenburgische Provinz. Er reist als Architekt um den Globus. Sie verbringt ihre Zeit als Hausfrau mit dem Warten auf ihn, dem Beobachten ihrer Pflanzen und der Angst vor den Nachbarn, die sie beobachten und auf jeden Fehltritt der Zugezogenen achten. Dieses an sich schon seltsam-bedrückende Leben gerät vollends aus den Fugen, als auf ihrer Türschwelle ein Brief liegt, in der eine Nebenbuhlerin sie auffordert, Bernd zu verlassen. Erschreckender als der Inhalt ist für Kerstin, dass offensichtlich sie den Brief geschrieben hat.

„Im Dickicht“ ist der gar nicht so schlechte Titel für eine ziemlich misslungene Geschichte. Das beginnt mit der eigenwilligen Entscheidung, die Geschichte aus zwei Perspektiven zu erzählen, die sich gegenseitig behindert. Einerseits erzählt Wolff aus Kerstins Perspektive in der dritten Person Präteritum, wie Kerstin den Kontakt zur Wirklichkeit verliert und glaubt, dass sich alle gegen sie verschworen haben. In der ersten Person Präsens erzählt Wolff aus der Sicht eines Polizisten, wie dieser immer mehr begreift, dass Kerstin verrückt wird.

Weil beide Perspektiven sich konträr gegenüberstehen, einerseits die einer langsam verrückt werdenden Frau, andererseits die eines objektiven, mäßig-interessierten Beobachters, wird ziemlich schnell offensichtlich, dass hier wahrscheinlich versucht wurde zu zeigen, wie eine Frau sich in eine Wahnwelt hineinsteigert.

Das Ende ist in jedem Fall dann nur noch verwirrend. Oder in den Worten des Polizisten: „Gott, dieses Gespräch werde ich niemals auf die Reihe kriegen fürs Protokoll. (…) Ich bin nicht zu gebrauchen. Das hier ist nicht mein Fall.“

Während „Im Dickicht“ trotz der Kürze zu lang ist, ist es bei Susanne Mischkes „Sau tot“ genau umgekehrt. Denn „Sau tot“ ist ein Whodunit, der keine Zeit für die vielen Tatverdächtigen hat. So ist man mehr damit beschäftigt, die einzelnen Namen zu sortieren, als den Ermittlungen zu folgen. Entsprechend blass bleiben die Verdächtigen.

Nach einer Dorfhochzeit, bei der ein gutes Dutzend Personen vorgestellt werden, ist Jan Lemke, der stinkreiche Sohn, Dorf-Gigolo und Vorsitzende eines Clubs von Junggesellen, tot. Er wurde mit einer Mistgabel erstochen. Kommissar Lars Seehafer hat zahlreiche Verdächtige: die Hochzeitsgäste, die spurlos verschwundene Braut, die örtliche Biobäuerin Kati Lenzen und ihre vom Krieg verwirrte Großmutter. Immerhin ärgerte der Ermordete die Bäuerin immer wieder und er war in der Nacht vor der Hochzeit für den Tot ihres Lieblingsschweines Hermine verantwortlich.

Die Ermittlungen folgen dem üblichen Frage-Antwort-Spiel. Außerdem gibt es immer wieder Beweise, die in die eine, oder die andere Richtung deuten, bis Kommissar Seehafer dann auf Seite 57 einen Geistesblitz hat und den Täter kennt.

Während „Im Dickicht“ in Teilen im Präsens geschrieben wurde, wurde „Sau tot“ vollständig im Präsens geschrieben. Das scheint, Gunter Gerlach tut’s in „Engel in Esslingen“ ebenfalls, eine neue Mode bei deutschen Autoren zu werden. Doch, wie die Geschichten von Wolff und Mischke, zeigen, ist es schwer im Präsens glaubwürdig eine spannende Geschichte zu erzählen. Es ist ein oft nicht sinnvoller Bruch mit den Lesegewohnheiten. Vieles wirkt gekünstelt und klingt einfach unnatürlich. Nicht umsonst werden die meisten Geschichten in der Vergangenheitsform erzählt.

Gunter Gerlachs „Engel in Esslingen“ ist, wie gesagt, ebenfalls im Präsens geschrieben. Aber hier ist das Ergebnis eine stimmige Gaunerkomödie, in der Ich-Erzähler Valerian und sein Kumpel Ebbe zwei Typen sind, die einfach keine fünf Sekunden in die Zukunft denken können. Das zeigen schon die ersten Zeilen: „Ebbe beugt sich zum Bahnsteig herab. (…) Er kommt wieder hoch, zeigt mir die Münze. ‚Fünf Cent. Immerhin.’“

Die beiden Ex-Knackis und, wie wir später erfahren, gerade gefeuerten Geldeintreiber fahren mit dem Zug nach Esslingen zu ihrem Kumpel Rolf. Der hat nämlich den Plan für ein ganz großes Ding. Bereits auf der Zugfahrt werden sie von einem falschen Schaffner bestohlen und Ebbe wird von einer Frau mit einer Lockenfrisur wie eine Mütze mit einer Gabel in die Hand gestochen. Es ging um eine Wurst. Kaum angekommen entdecken Valerian und Ebbe den Dieb, aber bevor sie etwas unternehmen können, schreit die Frau mit der Lockenfrisur, sie hätten sie bestohlen.

Die beiden Ex-Knackis suchen das Weite. Doch damit hat ihre Pechsträhne gerade begonnen. In Rolfs Wohnung entdecken sie seine Leiche und ihr Plan von dem großen Geld scheint sich in Luft aufzulösen. Aber so leicht geben die Beiden nicht auf.

„Engel in Esslingen“ ist eine schwarzhumorige Gaunerkomödie mit absurden Wendungen und einer Handvoll Charaktere, die nicht gerade Geistesgrößen sind und absolut keinen Respekt vor fremdem Eigentum haben. Das ist die Art von Geschichten, die im kurzen „Kaliber .64“-Format ausgezeichnet funktionieren. Gleichzeitig macht „Engel in Esslingen“ Lust auf die anderen Werke von Gunter Gerlach. Und auch das ist eines der Ziele der Reihe: für wenig Geld einen Autor vorstellen.

 

Gabriele Wolff: Im Dickicht

Edition Nautilus, Kaliber .64, 2007

64 Seiten

4,90 Euro

Homepage der Autorin: http://www.gabrielewolff.de/

 

Susanne Mischke: Sau tot

Edition Nautilus, Kaliber .64, 2007

64 Seiten

4,90 Euro

Homepage der Autorin: http://www.susannemischke.de/

 

Gunter Gerlach: Engel in Esslingen

Edition Nautilus, Kaliber .64, 2007

64 Seiten

4,90 Euro

Homepage des Autors: http://www.gunter-gerlach.de/

 

Meine Besprechung der Kaliber .64-Bücher „Horst Eckert: Der Absprung“ (Top), „Frank Göhre: Der letzte Freier“ (Top) und „Regula Venske: Mord im Lustspielhaus“ (Flop):

http://www.alligatorpapiere.de/spurensuche-zwanzigneun.html


Unterhaltsam vermitteltes Management-Wissen

Juni 18, 2007

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Sie wollen einen spannenden Kriminalroman lesen? Sie wollen nicht wissen, wie die Geschichte endet? Nun, dann ist „Turnaround“ von Fritjof Karnani nichts für Sie. Denn der Krimiplot ist, höflich formuliert, eine magere Verkaufshilfe. Dass Latika Bachmann die Geschichte überlebt und zur mächtigsten Frau Deutschlands aufsteigt verrät bereits der Prolog. Und dieser Aufstieg verläuft, was bei 260 Druckseiten auch nicht sonderlich überrascht, erstaunlich geradlinig.

Im Mittelpunkt von „Turnaround“ steht eine achtundzwanzigjährige Schönheit mit viel Hirn, die mit einigen Freunden einen maroden Fahrradhersteller saniert. Sie erhält diesen Job, nachdem sie bei der weltweit agierenden Unternehmensberatung DAI ohne einen ersichtlichen Grund herausgeworfen wurde und sich anschließend bei einer Präsentation gegen DAI durchsetzt. Innerhalb von vier Monaten soll sie die marode Firma 2Rad4Fun auf ein zukunftsträchtiges Gleis setzen. Sie will die Kernkompetenz des Unternehmens bewahren und damit den besten Kinderwagen der Welt herstellen.

Diese Erfolgsgeschichte wird von Fritjof Karnani geradlinig bis zur erfolgreichen Präsentation auf einer Messe geschildert. Die Messe beginnt auf Seite 145 und alle lieben den Kinderwagen, die dazugehörige Kollektion und das Puppentheater von Latikas Freund. Krimirelevantes ist bis dahin kaum geschehen. Aber das störte bei dieser herzigen Disney-tauglichen Erfolgsgeschichte (Manager sagen ‚success story’.) auch nicht.

Leider klebte Karnani dieser märchenhaften Geschichte einen vermeintlich verkaufsträchtigen Krimiplot an. Dieser beginnt so halbwegs, als sich Latikas Vater Krishna und dessen Freund Steffen Engler (auf Seite 114 wird er irrtümlich Ebert genannt) auf Seite 117 entschließen, den Grund für Latikas Entlassung bei DAI herauszufinden und es ihrem ehemaligen Chef Frank Hochheim heimzuzahlen. Auf Seite 158 stirbt Krishna Bachmann durch eine Autobombe. Eine gute Methode, um sich die ungeteilte Aufmerksamkeit der Polizei zu sichern. Auf Seite 193 wird Steffen Engler erschossen. Latika hat natürlich sofort die DAI in Verdacht, beschafft sich schnell die nötigen Beweise und kann die Täter samt Hintermännern überführen. Das geht noch einfacher als die Umstrukturierung des Fahrradherstellers, weil „Turnaround“ nur 260 Seiten hat und auch nach den Morden gemenschelt und Businesschinesisch ausgetauscht wird.

Diese Dialoge sind natürlich diese klugscheißerischen Dialoge, die wir so ähnlich jede Woche bei „CSI“ hören können. Da erzählen sich Menschen Dinge, die sie, aber nicht der Normalsterbliche, genau wissen. So muss der 2Rad4Fun-Geschäftsführer bei der Präsentation auf Seite 54 doch tatsächlich fragen, was ein Breakeven-Point sei. Als Teil eines Versuchs, auf unterhaltsame Weise etwas Wissen über Management zu vermitteln, sind sie, wie die CSI-Dialoge, akzeptabel.

„Turnaround“ ist halt eine märchenhafte Aufsteigergeschichte, bei der alle Charaktere auf ihre reine Funktion für die Ökonomie reduziert sind. Also genau das richtige für den Management-Nachwuchs.

 

Fritjof Karnani: Turnaround

Gmeiner Verlag, 2007

288 Seiten

9,90 Euro

 

Homepage des Verlages: http://www.gmeiner-verlag.de/


Die kriminelle Herbst-Winter-Kollektion – Teil 3

Juni 13, 2007

Im dritten Teil bleiben wir bis auf eine Ausnahme bei den kleineren Verlagen. In den vergangenen Jahren erfreuten sie uns Krimifans mit Neuentdeckungen, überfälligen Neuauflagen (oft wurde dafür die Übersetzung bearbeitet) und verlegten wieder einige zu Unrecht vom deutschen Buchmarkt verbannte Autoren.

Fettgedruckt sind die Bücher, auf die ich mich besonders freue.

Alexander Verlag

Der Berliner Verlag ist vor allem für seine Theater- und Filmbücher bekannt. Aber mit der Jörg Fauser-Werkausgabe, Charles Willeford, Ross Thomas und Martin Compart ist auch einiges für Krimifans dabei. Im Herbst wird ein weiteres Buch von Ross Thomas wiederveröffentlicht und die Fauser-Werkausgabe abgeschlossen.

August

Jörg Fauser: Die Tournee – Romanfragment (erste Veröffentlichung seines letzten Manuskriptes)

September:

Ross Thomas: Kälter als der Kalte Krieg (The Cold War Swap, 1966; Das mit dem Edgar-Allen-Poe-Preis ausgezeichnete Debüt von Ross Thomas erschien bereits unter dem Titel „Der Ein-Weg-Mensch“. Die alte Übersetzung wurde für die Neuausgabe bearbeitet.)

Oktober

Jörg Fauser: Der Strand der Städte – Gesammelte journalistische Arbeiten (1959-1987)

Über Jörg Fauser habe ich hier, über Ross Thomas hier geschrieben.

Liebeskind

Klein, edel, fein. In den vergangenen Jahren gab’s David Peace und Pete Dexter. Diesen Herbst werden bereits im August folgende krimiaffinene Titel ausgeliefert:

Bruno Preisendörfer: Die Vergeltung („Ein literarischer Thriller über Schuld und tödliche Rache“ sagt der Verlag.)

James Sallis: Driver (Drive, 2005; Dank der kurzlebigen Dumont Noir-Reihe kam James Sallis auf den deutschen Markt. Jetzt hat Sallis endlich eine neue Heimat gefunden.)

Nick Tosches: Muddy Waters isst selten Fisch – Artikel, Reportagen, Interviews (Wenn aus Reportagen Literatur wird.)

Pulp Master

Der Berliner Verlag mit den schönen Covers von 4000 und diesen guten Autoren: Joe R. Lansdale, Derek Raymond, Garry Disher (die Wyatt-Gangsterserie), Charles Willeford, Buddy Giovinazzo undsoweiter.

Für Spätsommer/Herbst ist die Veröffentlichung von

Rick DeMarinis: Kaputt in El Paso (Sky full of sand, 2003)

geplant. In dem Noir-Thriller glaubt Uriah Walkinghorse, dass er seinen persönlichen Tiefpunkt bereits erreicht hat, als er in einem SM-Studio als maskierter Henker anheuert. Ist natürlich ein Irrtum.

Shayol

Noch ein Verlag aus Berlin. Zuerst publizierte er Science-Fiction. Unter anderem die Neuausgabe der Werke von Rainer Erler. Vergangenes Jahr startete er die Reihe „Funny Crimes“.

Als fünfter Band ist für August/September „Rumble Tumble“ (Rumble Tumble, 1998) von Joe R. Lansdale geplant. Es ist ein weiteres Hap Collins-Leonard Pine-Abenteuer.

Im Januar soll „Everybody dies“ (1998) von Lawrence Block erscheinen. Damit würde nach einer jahrelangen Pause die Matthew Scudder-Serie endlich auch in Deutschland fortgesetzt.

Zwei Bücher, die Sie sich vormerken sollten. Die Gründe? Nun hier, hier, hier und deswegen.

VGS/Egmont

Die Ausnahme ist vor allem für seine Filmbücher und „Die Chronik der Unsterblichen“ von Wolfgang Hohlbein bekannt. Aber das ist Fantasy.

Für die CSI-Fans gibt es im Oktober/November Nachschub:

Max Allan Collins: CSI – In Extremis

Stuart M. Kaminsky: CSI:NY – Sintflut (Deluge, 2007)

Donn Cortez: CSI: Miami – Mörderisches Fest

Auf die neuen Werke von Max Allan Collins und Stuart M. Kaminsky freue ich mich schon. Den CSI-Roman „Im Profil des Todes“ von Max Allan Collins habe ich hier, die ersten beiden CSI:NY-Romane „Der Tote ohne Gesicht“ und „Blutige Spur“ von Stuart M. Kaminsky habe ich hier gelobt. Von Donn Cortez lasse ich mich überraschen.


Auf der „Königsallee“ ins Verderben

Juni 13, 2007

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(Vorbemerkung: Ich wollte nur eine kurze Kritik schreiben, in der steht, dass „Königsallee“ von Horst Eckert ein gutes Buch ist und ich ihm viele begeisterte Leser wünsche. Das gelang mir nicht.)

Seine ersten Romane waren düstere Polizeithriller in der Tradition von James Ellroy. Dafür erhielt Horst Eckert mehrere Krimipreise. In den vergangenen Jahren öffnete er seinen korrupten Polizeikosmos immer mehr der nicht minder korrupten großen Politik. Sein neuester Roman „Königsallee“ setzt diesen Weg konsequent und gelungen fort.

Bereits vor dem Erscheinen wies die Boulevardzeitung „Express“ auf Ähnlichkeiten zwischen Eckerts Roman und der Düsseldorfer Politikprominenz hin. Nun, für mich als Berliner sind natürlich die Ähnlichkeiten zwischen Eckerts Roman und der hiesigen Politikprominenz frappierend. Immerhin lebte Eckert lange in Berlin. Aber vielleicht sehen Münchner und Hamburger ihre korrupten Politiker porträtiert und freuen sich, dass es in Leipzig viel schlimmer ist.

Denn das Ausnutzen von Macht, Beziehungen und politischen Ämtern zum Schaden der Gemeinschaft ist nichts Düsseldorf-spezifisches. Dieser Klüngel gibt der Polizei die Richtlinien für Ermittlungen vor. So wird Kommissar Jan Reuter bei seinen Ermittlungen gegen die Organisierte Kriminalität immer wieder von oben ausgebremst.

In „Königsallee“ nimmt die Düsseldorfer Stadtpolitik einen großen Raum ein. Denn osteuropäische Verbrecher wollen sich in Düsseldorf einkaufen. Oberbürgermeister Dagobert Kroll findet den Gedanken, das Geld des Ölmilliardärs Vitali Karpow für den Bau seines gefährdeten Lieblingsprojektes anzunehmen ganz okay. Auch wenn die Quellen mehr als dubios sind.

Zur gleichen Zeit will Kommissar Jan Reuter von der Abteilung KK 22 (Bekämpfung der Organisierten Kriminalität) immer noch die Diebe des Max Beckmann-Gemäldes „Die Nacht“ finden. Er glaubt den Täter zu kennen. Aber er hat keine Beweise gegen den Koksbaron Manfred Böhr. Als das Gemälde mit der Hilfe von Jans Bruder, dem Anwalt Edgar Reuter, und gegen die Zahlung eines Lösegeldes wieder auftaucht, glaubt Jan Reuter, dass sein Bruder mit den Verbrechern zusammenarbeitet. Sein Verdacht verstärkt sich, als Edgar zusammengeschlagen wird und er im Krankenhaus nur einen polizeibekannten russischen Namen sagt.

Gleichzeitig hofft Jan Reuter über seinen Informanten Robert Marthau an weitere Informationen heranzukommen. Doch dieser wird bei einem nächtlichen Rauschgiftgeschäft ermordet. Die einzige Zeugin des Mordes ist die Tochter von Konrad Andermatt, bekannt als „Richter Gnadenlos“ am Düsseldorfer Landgericht und wahrscheinlich der zukünftige Innenminister. Sie durchlebt gerade ihre wilde Phase in der Halb- und Unterwelt der Landeshauptstadt und schwebt jetzt in Lebensgefahr.

Auch in Eckerts neuntem Roman treten wieder viele aus den früheren Romanen bekannte Charaktere, wie Benedikt Engel, Ela Bach und Alex Vogel, auf. Wie immer hat Horst Eckert eine neue Hauptfigur. Bekannt sind auch die Themen wie Korruption innerhalb der Polizei, die Schwierigkeiten der einzelnen Charaktere, die Grenze zwischen Recht und Unrecht nicht zu überschreiten und der genaue Einblick in die Strukturen und Arbeit der Polizei mit all ihren bürokratischen Hindernissen. Neu ist die schonungslose Analyse einer Kaste von Politikern, die sich den Staat zur Beute gemacht haben und der immer mehr verschwimmenden Grenze zwischen Politik und Organisierter Kriminalität, zwischen legalem und illegalem Geld.

In „Königsallee“ beschreibt Eckert treffend und ohne scheinheilige moralische Empörung das korrumptive Geflecht zwischen Politik, Wirtschaft, Justiz und Polizei. Alle schweigen und helfen mit, die Wahrheit zu vertuschen, weil sie letztendlich gut daran verdienen. Es ist der Teil der deutschen Realität, der viel zu selten zutreffend in deutschen Kriminalromanen beschrieben wird. Ad hoc fällt mir nur der Hamburger Frank Göhre mit seiner Kiez-Trilogie und dem vergangenes Jahr erschienenen Nachschlag „Zappas letzter Hit“ ein.

Gegen so ein Geflecht von Abhängigkeiten und Verbrechen ist ein einzelner Ermittler, wie Jan Reuter, solange er nicht den richtigen Zipfel zu fassen kriegt, machtlos. Deshalb ermittelt er gleichzeitig in mehreren Fällen und Horst Eckert erzählt souverän gleichzeitig aus verschiedenen Perspektiven mehrere Geschichten.

„Königsallee“ ist ein gelungener Politthriller, weil Horst Eckert in ihm die Geschichten hinter den Schlagzeilen in eine packende Erzählung überführt. Mit seinem neuesten Buch bestätigte er wieder einmal seinen Ruf als einer von Deutschlands besten Kriminalromanautoren.

(Nachbemerkung: Ich sage nicht bester, weil es mir schwer fällt Autoren wie Sportler in eine auf eine messbare Leistung basierende Rangfolge zu setzen.)

 

Horst Eckert: Königsallee

Grafit 2007

416 Seiten

18,90 Euro

 

Homepage des Autors: www.horsteckert.de

 

Meine Besprechung von „Der Absprung“: http://www.alligatorpapiere.de/spurensuche-zwanzigneun.html

Meine Besprechung von „617 Grad Celsius“: http://www.alligatorpapiere.de/spurensuchesechs-eckert-kemmer.html


Zehn Autoren – Ein Buch – Tausend Seiten

Juni 12, 2007

Zu dem von Ed McBain herausgegebenen Sammelband „Die hohe Kunst des Mordens“

Die Idee war einfach und hatte ein nostalgisches Flair. Der Erfinder des 87. Polizeireviers, Ed Mc Bain, begann seine Karriere als Schriftsteller in den Fünfzigern. Damals wurde er, wie viele seiner Kollegen, nach der Zahl der Worte entlohnt und die Geschichten, auch Kurzroman oder Novelette genannt, hatten um die 10.000 Worte. Halt eine Geschichte, die länger als eine Kurzgeschichte ist, aber an einem Abend gelesen werden kann. Ed McBain schrieb mehrere Kollegen an und bat sie um eine Geschichte, die zwischen 10.000 und 40.000 Worten (für die Übersetzung erhöhte sich die Zahl der Worte auf 20.000 bis 60.000) hat. Zehn schrieben eine brandneue Geschichte für „Die hohe Kunst des Mordens“. Das ist der ziemlich falsche deutsche Titel für die im Original 2005 erschienene Sammlung „Transgressions“. Mein Wörterbuch übersetzt es mit „Überschreitung“, „Übertretung (Gesetze etc.)“, „Vergehen/Missetat“ und jede der drei Bedeutungen trifft den Inhalt der Geschichten besser als der deutsche Titel. Denn nicht in jeder Geschichte geschieht ein Mord. Manchmal geschieht zwar ein Mord, aber die Tat ist dann der Kollateralschaden, um etwas anderes zu verbergen. Und dann gibt es noch die Geschichten, in denen es überhaupt keine Leiche gibt.

Die zehn Geschichten sind zwischen 40 (Stephen King) und 160 Seiten (John Farris und Jeffery Deaver) lang. Geschrieben wurden sie von Lawrence Block, Jeffery Deaver, John Farris, Stephen King, Ed McBain, Sharyn McCrumb, Walter Mosley, Joyce Carol Oates, Anne Perry und Donald E. Westlake. Und, was bei diesen Namen offensichtlich ist, der Wälzer ist jeden einzelnen Cent wert.

Um Geld und nicht um Mord geht es bereits in der ersten Geschichte. Sie handelt von der hohen Kunst des Stehlens und Betrügens. Denn „Die Geldmacher“ von Donald E. Westlake ist eine weitere Dortmunder-Geschichte. Vor Jahren hatte Westlake von einem Verbrecher gehört, der Tonnen portugiesischer Scheine fälschte, weil er das Land aufkaufen wollte. Er wurde geschnappt. Als Westlake von McBain gefragt wurde, ob er eine 20.000-Wort-Geschichte schreiben wollte, verarbeitete er diese Geschichte in einer weiteren Dortmunder-Geschichte. Der resozialisierte Kirby Querk schlägt John Dortmunder und seinem Freund Andy Kelp das perfekte Verbrechen vor: Sie sollen in eine einsam gelegene Druckerei, die die Geldscheine für einen südamerikanischen Staat herstellt, einbrechen, Geld drucken und unerkannt verschwinden. Weil Querk in der Druckerei arbeitet, kann er die Papierbestände und das Zählwerk der Druckmaschine manipulieren. Dortmunder und Kelp sind einverstanden. Natürlich geht der Plan von dem einfachen Verbrechen grandios in die Hose.

Die Gaunerkomödie „Die Geldmacher“ ist ein willkommenes Wiedersehen mit Dortmunder und seinen Freunden. Leider wurden die letzten Dortmunder-Romane nicht mehr ins Deutsche übersetzt.

„Der Leichenräuber“ von Sharyn McCrumb spielt im neunzehnten Jahrhundert. Sie erzählt in dem betulichen Erzählduktus der damaligen Zeit die wahre Lebensgeschichte des Leichenräubers Grandison Harris. Er lebt als Sklave um 1850 bei einer Südstaatlerin. Als sie stirbt wird er 1852 für 700 Dollar nach Augusta, Georgia verkauft. Im Institut von Dr. George Newton übernimmt er in der Medizinischen Hochschule zuerst die verschiedensten Aufgaben, bis er zum Leichenräuber wird. Denn damals durften Mediziner keine Obduktionen vornehmen. Aber um mehr über den Verlauf verschiedener Krankheiten zu erfahren und um die angehenden Mediziner zu unterrichten, benötigten sie frische Leichen. Harris besorgt sie ihnen aus der Leichenhalle und vom Friedhof. Er starb 1911 im hohen Alter von über neunzig Jahren. McCrumbs Geschichte endet kurz vor seinem Tod.

„Der Leichenräuber“ ist eine eindrückliche Geschichte von Forscherdrang und dem Leben eines Afroamerikaners im neunzehnten Jahrhundert.

In „Das Maismädchen: Eine Liebesgeschichte“ von Joyce Carol Oates wird ein 16-jähriges, in einer Vorstadt von New York lebendes Mädchen von einer Gruppe Jugendlicher entführt. Die aus Mädchen bestehende Gruppe der Entführer hängt einem obskuren Glauben an das Maismädchen und dessen Opferung an. Oates springt in der vorhersehbaren Geschichte ziemlich unglücklich zwischen der verzweifelten Mutter und den Entführern und zwischen Realität und Traum hin und her.

Auch Walter Mosleys „Archibald Lawless: Freier Anarchist“ kann nicht vollständig überzeugen. Der Journalistik-Student Felix Orlean braucht Geld und nimmt eine Stelle als Schreiber bei Archibald Lawless an. Lawless ist ein merkwürdiger Arbeitgeber, der zu den seltsamsten Zeiten in seinem Büro ist, sich Freier Anarchist nennt, aber auch ein Verbrecher sein könnte und Orlean scheinbar sinnlose Recherche-Aufträge gibt. Orlean weiß nie, was sein Arbeitgeber vorhat und auf welcher Seite des Gesetzes er steht.

„Archibald Lawless: Freier Anarchist“ knüpft natürlich an die Pulp-Tradition an, in der gesetzlose Helden für Gerechtigkeit sorgen und, vor allem, auf jeder Seite etwas passiert. Nur bei Mosley wird dies hier etwas unglücklich mit anarchistischen Botschaften verknüpft, die im Verlauf der Geschichte immer mehr der Deckmantel für schnöde kapitalistische Interessen zu sein scheinen. Aber „Archibald Lawless: Freier Anarchist“ ist, obwohl es bis heute noch keine Folgegeschichte gibt, offensichtlich als der Beginn einer Serie konzipiert. Und als Pulp-Serie kann ich mir das Gespann Lawless/Orlean gut vorstellen.

„Geiseln“ von Anne Perry ist ein kleines Kunstwerk. Auf knapp achtzig Seiten erzählt sie von einer Geiselnahme, entwirft das Soziogramm einer letztendlich zerrütteten Familie und der Emanzipation einer Frau von ihrem Mann. Bridget und Connor O’Malley sind seit 24 Jahren verheiratet. Connor ist ein Hardliner der Protestanten und Zielscheibe der IRA. Auch seine Frau Bridget und ihre Tochter Roisin sollen sich seinen Prinzipien beugen. Jetzt können Bridget und Connor ein gemeinsames Wochenende abseits der Politik in einem einsamen Strandhaus verbringen. Doch schon kurz nach ihrer Ankunft werden sie als Geiseln genommen.

Die im heutigen Irland spielende Geschichte kann auch leicht als eine Allegorie auf die US-amerikanische Außenpolitik nach dem 11. September verstanden werden. Denn Connor O’Malley manövriert sich mit seiner unversöhnlichen Haltung genau in die Schwierigkeiten hinein, in die sich die USA auch hineinmanövrierten.

Die mit vierzig Seiten kürzeste Geschichte des Buches „Nachgelassene Dinge“, von Stephen King, beschäftigt sich explizit mit den Folgen von 9/11 für die Überlebenden. Scott Staley war am 11. September nicht an seinem Arbeitsplatz im World Trade Center. Er überlebte die Katastrophe und zog sich in seine Wohnung zurück. Jetzt tauchen in seiner Wohnung Gegenstände von seinen verstorbenen Kollegen, die sie an ihrem Arbeitsplatz hatten, auf.

Stephen Kings „Nachgelassene Dinge“ ist natürlich kein Krimi. Es ist eine Erzählung über den Umgang mit dem Tod. King meint, es sei wichtig die Erinnerung an die Toten wach zu halten und für die Toten bedeutsame Gegenstände, wie Sonnebrillen, Lucite-Würfel und Furzkissen, helfen uns dabei.

Auch Lawrence Block beschäftigt sich in der Keller-Geschichte „Kellers Umstellung“ mit den Nachwirkungen von 9/11. Denn der Profikiller Keller versucht mit der Wirklichkeit in den USA nach dem Anschlag klarzukommen. Dabei fragt er sich auch, ob er weiterarbeiten soll. Wie Keller dann mit seiner Sinnkrise umgeht, verrät viel über Lawrence Block, der hier wahrscheinlich ohne große Veränderungen, seine eigenen Gedanken über 9/11 niederschrieb. Das erste Mal beschäftigte Block sich in „Small Town“ mit den Auswirkungen des Anschlags auf seine Heimatstadt und die in ihr lebenden Menschen. In „Kellers Umstellung“ stellt er sich die Frage, ob er nach so einem Anschlag einfach so weiterleben kann wie bisher. Keller gibt die amerikanisch-pragmatische Antwort und erschießt sein nächstes Opfer. Und Block schreibt ein weiteres Buch.

„Einfach nur Hass“ ist ein geradliniger Polizeiroman mit den Detektiven des 87. Polizeireviers und die erste Geschichte, die dem deutschen Titel halbwegs gerecht wird. Mit dieser langlebigen Serie begründete Ed McBain den modernen Polizeiroman. In Isola (eigentlich New York) werden mehrere Taxifahrer ermordet. Auf der Windschutzscheibe des Wagens befindet sich immer ein Davidstern. Carella und seine Kollegen glauben, dass der Mörder ein fanatischer Moslem ist.

„Einfach nur Hass“ ist eine dieser sauber geplotteten, gut erzählten Geschichten, die gleichzeitig unterhalten und informieren. Denn Ed McBain streut etliche Informationen über die verschiedenen Religionen, besonders natürlich den Islam, und die Wirkung von religiösem Hass ein. Das ist von der ersten bis zur letzten Zeile spannende und gute Unterhaltungsliteratur.

Das gilt auch für die beiden mit jeweils 160 Seiten längsten Geschichten.

„Die Modelle des Malers“ von John Farris ist ein düsterer Psychothriller. John Ransome ist ein weltbekannter Maler. Immer im Abstand von mehreren Jahren verkauft er einige wenige Bilder von seinem neuesten Modell. Die Kunstwelt feiert ihn für seine lebensechten Zeichnungen. Für die junge Künstlerin Echo Halloran ist das Angebot das neueste, gutbezahlte Modell von John Ransome zu werden der erste Schritt zu einer eigenständigen Karriere als Malerin. Sie begibt sich mit Ransome auf eine monatelange Klausur. Zur gleichen Zeit versucht ihr Freund Peter O’Neill, ein New Yorker Polizist, herauszufinden, was mit den früheren Modellen von John Ransome geschah.

„Auf ewig“ von Jeffery Deaver könnte, wie Mosley „Archibald Lawless“-Geschichte, der Start einer neuen Serie sein. Denn sein Held, Detective Talbot Simms vom Dezernat Wirtschaftskriminalität/Statistischer Dienst, ist mit Leib und Seele Mathematiker. Er glaubt, dass man mit Zahlen und Statistiken die Welt erklären kann. Deshalb wird er auch sofort hellhörig, als in Westbrook, New York, zwei reiche, ältere Ehepaare sich selbst umbringen. Denn seine Statistiken sagen ihm, dass das nicht sein kann. Ein Doppelselbstmord ginge noch als statistischer Ausreiser durch. Aber zwei ist mindestens einer zu viel. Talbot Simms, der bis dahin nur brav die Statistiken erstellte, initiiert seine ersten Ermittlungen.

„Die hohe Kunst des Mordens“ ist das literarische Äquivalent zu einer großen Probierpackung einer Nobelkonfiserie. Oder wie Ed McBain in der Einleitung schreibt: „Die zehn Kurzromane sind so unterschiedlich wie die Männer und Frauen, die sie sich ausgedacht haben, doch sie alle zeigen dieselbe leidenschaftliche Hingabe und dasselbe schriftstellerische Können. Noch mehr als das, man hat das Gefühl, dass die Autoren etwas Neues, Unerwartetes ausprobieren und bereit sind, ihre eigene Überraschung mit uns zu teilen.“

 

Ed McBain (Hrsg.): Die hohe Kunst des Mordens

Goldmann, 2006

1056 Seiten

13 Euro

 

Enthält:

Lawrence Block: Kellers Umstellung (Keller’s adjustment, übersetzt von Stefan Lux)

Jeffery Deaver: Auf ewig (Forever, übersetzt von Hans-Peter Kraft)

John Farris: Die Modelle des Malers (The Ransome women, übersetzt von Peter Beyer)

Stephen King: Nachgelassene Dinge (The things they left behind, übersetzt von Wulf Bergner)

Ed McBain: Einfach nur Hass (Merely hate, übersetzt von Marie-Luise Bezzenberger)

Sharyn McCrumb: Der Leichenräuber (The resurrection man, übersetzt von Peter Beyer)

Walter Mosley: Archibald Lawless: Freier Anarchist (Archibald Lawless, Anarchist at large: Walking the line, übersetzt von Rainer Schmidt)

Joyce Carol Oates: Das Maismädchen: Eine Liebesgeschichte (The corn maiden: A love story, übersetzt von Silvia Morawetz)

Anne Perry: Geiseln (Hostages, übersetzt von Peter Pfaffinger)

Donald E. Westlake: Die Geldmacher (Walking around money, übersetzt von Stefan Lux)

 

Originalausgabe:

Ed McBain (Hrsg.): Transgressions

Forge, 2005

784 Seiten

 

Für die Taschenbuchausgabe wurden die Geschichten auf vier Bücher verteilt (was lesefreundlicher, aber nicht billiger ist):

Transgressions Vol. 1: Lawrence Block, Jeffery Deaver

Transgressions Vol. 2: John Farris, Stephen King

Transgressions Vol. 3: Ed McBain, Walter Mosley, Donald E. Westlake

Transgressions Vol. 4: Sharyn McCrumb, Joyce Carol Oates, Anne Perry

 

 

Weitere Informationen zu den Autoren:

Homepage von Lawrence Block: http://www.lawrenceblock.com/index_flash.htm

Lawrence Block in der Spurensuche:

Besprechung von „Telling Lies for Fun and Profit“ und „Spider, spin me a web: http://www.alligatorpapiere.de/spurensuche-dreissig-zwei.html

Besprechung von „All the Flowers are dying“ (ein Matthew Scudder-Roman): http://www.alligatorpapiere.de/spurensuchefuenf-block.html

Das von mir herausgegebene Werk „Lawrence Block – Werkschau eines New Yorker Autors“: http://www.nordpark-verlag.de/krimikritikfuenf.html

 

Homepage von Jeffery Deaver: http://www.jefferydeaver.com/

 

Homepage von John Farris: http://home.earthlink.net/~blackleatherrequired/home.html

 

Homepage von Stephen King: http://www.stephenking.com/

 

Homepage von Ed McBain: http://www.edmcbain.com/

 

Homepage von Sharyn McCrumb: http://www.sharynmccrumb.com/index.html

 

Homepage von Walter Mosley: http://www.hachettebookgroupusa.com/features/waltermosley/index.html

 

Homepage von Joyce Carol Oates:-

 

Homepage von Anne Perry: http://www.anneperry.net/

 

Homepage von Donald E. Westlake: http://www.donaldwestlake.com/

Donald E. Westlake unter seinem Pseudonym Richard Stark in der Spurensuche:

Besprechung von „Ask the Parrot“: http://www.alligatorpapiere.de/spurensuche-dreissig-sechs.html

Vorstellung der Parker-Serie: http://www.alligatorpapiere.de/spurensuche-dreissig.html


Die kriminelle Herbst-Winter Kollektion – Teil 2

Juni 9, 2007

„Wir können nur deutsch.“ sagen diese kleinen Verlage. Grafit war der erste Verlag, der sich erfolgreich auf deutsche Krimiautoren spezialisierte und uns Lesern Jacques Berndorf, Jürgen Kehrer und, später, Horst Eckert brachte. Mit historischen Kriminalromanen und Übersetzungen, vor allem aus den Niederlande und Skandinavien erweiterte der Verlag, neuerdings auch im festen Einband, unseren kriminellen Horizont. Gmeiner und Emons halten dagegen deutschen Autoren die Treue. Die Edition Nautilus setzt diesen Herbst auf bewährtes.

Fettgedruckt sind die besonders viel versprechenden Titel.

Edition Nautilus

Bekannt ist die Edition Nautilus, der „kleine, feine Anarchisten-Verlag“ (Stern), vor allem für seine politischen Bücher, wie „Notes from Nowhere: wir sind überall – weltweit. unwiderstehlich. antikapitalistisch“ oder „Rebellisches Barcelona“ (ein Reiseführer durch das Barcelona der Rebellen, Hausbesetzer, Immigranten, Streikenden und Revolutionäre, erscheint Ende August) oder Inge Vietts Autobiographie „Nie war ich furchtloser“ oder Karl-Heinz Dellwos Interviewbiographie „Das Projektil sind wir“ (erscheint Ende August). Mit „Tannöd“ hatte der Verlag dann einen vollkommen unerwarteten Verkaufshit.

Ende August erscheinen:

Andrea Maria Schenkel: Kalteis (Die Startauflage des Nachfolgers von „Tannöd“ beträgt 50.000 Exemplaren. In ihrem zweiten Buch schreibt Schenkel über Morde an jungen Frauen in und um München in den späten Dreißigern. Stilistisch benutzt sie die gleiche Technik wie in ihrem Debüt: aus Vernehmungsprotokollen, Zeugenaussagen und Vermisstenanzeigen erschließt sich der Hergang der Morde. Mit 160 Seiten ist „Kalteis“ ein gutes Stück länger als „Tannöd“.)

Carlo Schäfer: Kinder und Wölfe (Kaliber .64 – Pfarrer und Alkoholiker Schmutz wird in ein kleines Winzerdorf versetzt. Da wird ein kleiner Junge tot aufgefunden.)

Edith Kneifl: Der Tod ist eine Wienerin (Kaliber .64 – Wie werde ich meinen Mann auch ohne Scheidung los? Eine Internetseite bietet Hilfe.)

Robert Hültner: Ende der Ermittlungen (Kaliber .64 – In den Zwanzigern sucht Kommissar Grohm den Mörder eines Gelegenheitsarbeiters. Das dürfte ein weiterer Treffer des Inspektor Kajetan-Erfinders sein.)

Hinweis:

Für die lesefaulen Kaliber .64-Fans veröffentlicht Hörbuch Hamburg im Herbst unter dem Motto „Krimi to go!“ sechs Kaliber .64-Geschichten.

Emons

Für Fans von Regionalkrimis ist der Kölner Verlag eine gute Adresse. Kein anderer Verlag wirbt so offensiv auf dem Cover mit dem Handlungsort. Aber auch Verächter von Regionalkrimis kennen Emons als Heimat von Frank Schätzing.

August:

Stefan Blankertz: 2068 (Köln Krimi aus dem titelgebenden Jahr – China hat die Macht übernommen und entmündigte Alte kämpfen gegen den Terror des gesundheitlich korrekten Verhaltens. Als ihre Leitfigur unter mysteriösen Umständen stirbt, beginnt seine junge Freundin seine Mörder zu suchen.)

September:

Rolf Bönnen: Der große Tanz (Krimi aus dem Mittelalter)

Hannes Nygaard: Küstenfilz (Hinterm Deich Krimi – Kriminalrat Lüders will herausfinden, wer Briefbomben bei Lokalpolitikern explodieren und Staatssekretäre verschwinden lässt und für weitere Verbrechen verantwortlich ist.)

Oliver Pautsch: Tödliche Stille (Itter Krimi – Kommissarin Hanna Broder will wissen, wer den älteren Chef einer Klavierbauerdynastie umbrachte. Die Spur führt in die Vergangenheit. Vor einem halben Jahrhundert geschah bei dem damaligen Hochwasser etwas und dafür rächt sich heute jemand. Der Krimfan fragt sich hier natürlich: Warum so lange warten?)

Ralf H. Dorweiler: Ein Teufel zu viel (Der badische Krimi – Auf dem Marktplatz wird eine Leiche gefunden. Kommissar Schlageter hält den Testdieb Rainer Maria Schlaier für den Mörder. Also muss Schlaier zusammen mit seinem Bassett Dr. Watson den wirklichen Täter suchen. Wuff.)

Rita Hampp: Mord im Grandhotel (Der badische Krimi – In ihrem dritten Fall ermittelt Hampps bewährtes Team in einem nur scheinbar natürlichem Todesfall. Marie-Luise Campenhausens Lieblingsneffe ertrank in einem Luxusschwimmbad. Meine Besprechung von ihrem Debüt „Die Leiche im Paradies“ finden Sie hier.)

Marlene Bach: Kurpfälzer Intrige (Der badische Krimi – Eine Frau wird ermordet. Eine Kommissarin ermittelt.)

Manfred Megerle: Seehaie (Bodensee Krimi – Zwei als Selbstmord getarnte Morde bringen Kommissar Wolf auf die Spur von skrupellosen Geschäftemachen.)

Roswitha Wildgans: Concerto Fatale (Oberbayern Krimi – Hobbyermittlerin Maja Kuckuck sucht den Mörder von mehreren Mitgliedern eines Chores. Denn die Polizei hält die mysteriösen für natürliche Todesfälle.)

Oktober:

Heidi Rehn: Tod im englischen Garten (Historischer Krimi aus dem Bayern Ludwig II.)

Thomas Hesse/Renate Wirth: Die Wölfin (Niederrhein Krimi – Eine Ärztin stirbt. Kommissarin Kraft blickt hinter die heile Fassade der Arztfamilie. Der Verlag sagt: „Eine rasante Geschichte mit unerwarteten Entwicklungen und der unverzichtbaren Portion Humor.“)

Edgar Noske: Im Dunkel der Eifel (Eifel Krimi – Der Bruder des Oppositionsführers im Landtag wird ermordet. Kommissar Lemberg ermittelt im beschaulichen Monschau.)

Meinrad Braun: Fürchten lernen (Pfalz Krimi – Jack, the Ripper in Bad Dürkheim? Das wissen wir nicht. Aber der Mörder verwandelt den Wurstmarkt in ein Tollhaus. Gut, dass Pschychiater Sailer eine geträumte Spur in den Wald verfolgen kann.)

Martina Fiess: Tanz mit dem Tod (Stuttgart Krimi – Bea Pelzer soll für eine Partnervermittlung eine Werbekampagne lancieren. Die Partnervermittlung gerät schnell in den Fokus polizeilicher Mordermittlungen und ihr Ex-Freund ist der Hauptverdächtige. Als Pelzters beste Freundin spurlos verschwindet beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Hmhm.)

Nicola Förg: Nachtpfade (Oberbayern Krimi – Eine Frau, die gern nächtliche Spaziergänge unternimmt, wird ermordet. Kommissar Gerhard Weinzirl und Evi Straßgütl ermitteln.)

November:

Brigitte Glaser: Eisbombe (Köln Krimi – Zwei Mordfälle, die nichts miteinander zu tun haben, veranlassen Spitzenköchin Katharina Schweitzer ihr Tranchiermesser wieder in Angelegenheiten zu stecken, die sie nichts angehen.)

Gmeiner

Mit 22 Krimis, darunter drei historischen Krimis, bringt der auf Krimis spezialisierte Verlag aus dem Süddeutschen genug Lesefutter für die lauen Sommerabende und die kühlen Herbstabende. Denn das Herbstprogramm wird, bis auf zwei Ausnahmen, bereits im Juli veröffentlicht.

Juni

Matthias P. Gibert: Nervenflattern (Der Krimi zur Documenta 12)

Juli:

Norbert Klugmann: Die Tochter des Salzhändlers (Lübeck, 1599/1600: eine Hebamme kämpft um ihren Ruf)

Uwe Klausner: Die Pforten der Hölle (Taubertal, 1416: ein Inquisitor soll in einem Kloster einer satanischen Bruderschaft auf die Schlich kommen. Gleichzeitig muss er einige Morde aufklären. Klingt irgendwie nach „Der Name der Rose“)

Frank Kurella: Das Pergament des Todes (Neuss, 1284: ein Taschendieb sucht den Mörder seiner Freundes)

Matthias Hoffmann/Grit Bode-Hoffmann: Infantizio (Böse Menschen planen in Deutschland eine Umsturz. Kann ein Ex-Polizist das Schlimmste verhindern?)

Sabine Kronenberg: Weinrache (Privatdetektivin Norma Tann sucht einen Mörder und ihren spurlos verschwundenen Noch-Ehemann.)

Friederike Schmöe: Januskopf (In Königsberg gibt es drei Tote und Katinka Palfy versucht die Unschuld ihres Klienten zu beweisen. Ihre einzige Spur ist E. T. A. Hoffmanns „Die Elixiere des Teufels“)

Manfred Köhler: Tiefpunkt (Nelli Prenz hat den „Schreckensgletscher“ überlebt. Aber jetzt muss sie wieder zurück.)

Gina Schulze: Sintflut (Zwei Frauen wollen Artefakte, die die Geschichte der Sintflut erzählen, an die Vereinten Nationen übergeben. Logisch, dass einige Bösewichte von dieser Idee nichts halten. Ist ein Debüt. Könnte ein guter Abenteuerroman sein.)

Marcus Imbsweiler: Bergfriedhof (Noch ein Debüt. Ein Detektiv auf der Suche nach einer verschwundenen Leiche.)

Bernd Leix: Waldstadt (Ein Serienmörder geht in Karlsruhe um. Aber Kommissar Lindt ist ihm auf der Spur.)

Manfred Bomm: Schattennetz (Kommissar Häberles siebter Fall: ein Ossi stirbt in Geislingen.)

Klaus Erfmeyer: Todeserklärung (Anwalt Knobel soll einen verschwundenen Millionenerben suchen. Erfmeyers Debüt „Karrieresprung“ war für den Glauser nominiert.)

Ingrid Schmits: Mordsdeal (Ein Vertreter stirbt und Trödelmarkthändlerin Mia Magaloff ermittelt wieder. „Ein humorvoller Kriminalroman mit typisch niederrheinischen Charakteren.“ sagt der Verlag.)

Monika Detering: Puppenmann (Eine 65-jährige Frau verschwindet spurlos. Kommissar Weinbrenner fragt sich, ob ihr Muttersöhnchen sie umbrachte.)

Sandra Dünschede: Nordmord (Die Fortsetzung von ihrem Erstling „Deichgrab“.)

A. Thadewaldt/C. Bauer: Blutblume (Kommissar Frithjof Arndt sucht in einer skurrilen Kleingartenkolonie einen Mörder. Soll etwas für die Fans von Inspector Barnaby sein.)

Anke Clausen: Ostseegrab (Debüt: eine Klatschreporterin stolpert während ihres Fehmarn-Urlaubs über eine Leiche und glaubt, im Gegensatz zur doofen Polizei, an einen Mord.)

Pierre Emme: Tortenkomplott (In Wien wird ein Liebespaar auf offener Straße erschossen und die Tochter von Polizeiberater Palinski verschwindet spurlos.)

Hans-Peter Vertacnik: Abfangjäger („Ein knallharter Politthriller aus Österreich.“ meint der Verlag. Es geht um den Kauf neuer Jets für das Bundesheer und mächtigen Kreisen die für ihre Ziele über Leichen gehen.)

B. Grieshaber/S. Kopitzki (Hrsg.): Tod am Bodensee (Kurzgeschichten von unter anderem Uta-Maria Heim, Arnold Stadler, Martin Walser, Peter Zeindler. Wir sind gespannt.)

September:

Bernd Franzinger: Jammerhalde (Kommissar Tannenbergs siebter Einsatz: er sucht einen Serienmörder. Sein sechster Fall „Bombenstimmung“ gefiel mir nicht, erlebte aber bereits seine zweite Auflage)

Und bei Radioropa Hörbuch können viele Gmeiner-Krimis auch gehört werden.

Grafit

Der Krimiverlag aus Dortmund ist vor allem bekannt als Verlag von Jacques Berndorf, Jürgen Kehrer, Horst Eckert, seit längerem für niederländische Krimis und neuerdings auch für skandinavische Krimis, die nicht unbedingt die hunderttausendste Mankell-Kopie sind. Ich sage nur Rönkä.

Bereits am 13. Juni erscheint das neue Buch von Horst Eckert. „Königsallee“ heißt das Hardcover und es ist wieder einmal ein spannender Polizeithriller. Eine ausführliche Besprechung gibt es demnächst.

Juli:

Pentti Kirstilä: Klirrender Frost (Ein Fall für Lauri Hanhivaara)

Christoph Güsken: Dr. Jekyll und Mr Voss (Ist ein Schulkamerad von Voss ein Mörder?)

Michael Herzig: Saubere Wäsche (Ein Krimidebüt aus Zürich)

September:

Frank Bresching: Das verlorene Leben (Psychothriller über vergangene Sünden)

Andreas Hoppert: Menschenraub (Ein neuer Marc Hagen-Roman)

Felix Thijssen: Finstere Wasser (Der Standalone erhielt 2006 den Belgischen Krimipreis. Meine Besprechung von „Rebecca“ finden Sie hier.)

Oktober:

Thomas Hoeps/Jac. Toes: Nach allen Regeln der Kunst (Ein Kunstmörder hinterlässt in den europäischen Museen Leichen.)

Petra Würth/Jürgen Kehrer: Todeszauber – Wilsberg trifft Pia Petry (Zweites Zusammentreffen der Ermittler. Dieses Mal ist ihr Gegner eine geheimnisvolle Loge von Zauberern.)

Jan Zweyer: Franzosenliebchen (Historischer Krimi aus dem Jahre 1923. – Meine Besprechung von „Als der Himmel verschwand“ finden Sie hier.)


Die kriminelle Herbst-Winter-Kollektion – Teil 1

Juni 7, 2007

Langsam trudeln die Herbstprogramme der Verlage ein und verkünden für uns Krimifans einige frohe Botschaften. So darf sich die saarländische Fanbasis von Harlan Coben freuen, aber auch die James Pattersonianer werden verwöhnt. Diese Arbeit teilen sich Goldmann Taschenbuch und Blanvalet geschwisterlich. Blanvalet bietet außerdem viele Ladythriller (Eine verliebte Frau in Gefahr.), viele Mystery-Thriller (Hey, für etwas muss Dan Brown gut sein!) und viele Agententhriller (Irgendjemand muss die Welt ja retten.) an. Goldmann Taschenbuch setzt dagegen auf Harlan Coben, viele Krimiautorinnen und einige jüngst eingeführte Namen wie Peter Temple.

Hier nun ein Überblick über die Herbstprogramme von Blanvalet und Goldmann Taschenbuch. Die besonders interessanten Werke sind fett hervorgehoben.

Blanvalet

November:

Jeffery Deaver: Das Teufelsspiel (Taschenbuch-Ausgabe des neuen Lincoln Rhyme-Thrillers.Für das von Ed McBain herausgegebenen Buch „Die hohe Kunst des Mordens“ schrieb Deaver eine fantastische Geschichte.)

J. D. Robb: Das Lächeln des Killers (Ein Fall für Lieutenant Eve Dallas)

F. Paul Wilson: Das Höllenwrack (Handyman Jack ist wieder im Einsatz)

James Rollins: Der Genesis-Plan

Martin Langfield: Dämonium (Ach, ein Mystery-Thriller)

Susan Andersen: Gefährliche Liebe

Dezember:

Andreas Wilhelm: Projekt Babylon

Tony Park: Ein einsamer Tod (African Sky, 2007; sein dritter Roman spielt 1943 in Rhodesien)

Januar:

Julia Navarro: Die Bibel-Verschwörung (ist bei dem Titel selbstverständlich ein Mystery Thriller)

Tami Hoag: Tödlich ist die Nacht (Taschenbuch-Ausgabe)

Louise Penny: Denn alle tragen Schuld (erhielt einen Dagger)

Steve Berry: Alpha et Omega (Ex-Geheimagent kämpft gegen eine uralte Bruderschaft…)

Angela Savage: Nachtmahr (Australischer crime noir – hm. Jedenfalls erschien „Behind the night bazar“ bei Peter Temples Verlag The Text Publishing Company und das Buch erhielt den Victorian Premier’s Literary Award für das beste nicht-veröffentlichte Manuskript. Es könnte also eine der Entdeckungen des Herbstes sein.)

Joanna Chmielewska: Mord ist Trumpf (in Warschau spielende Krimikomödie)

Februar:

Sandra Brown: Rage – Zorn (Taschenbuch-Ausgabe)

Robin Cook: Die Operation

Lee Child: Die Abschussliste (The Enemy, 2004; Jack Reachers Vergangenheit in Berlin wird hier enthüllt, Taschenbuch-Ausgabe)

März:

James Patterson: Blood (Ein neuer Fall für Alex Cross als Taschenbuch-Premiere)

Clive Cussler/Jack du Brul: Todesfracht (Taschenbuch-Premiere)

Suzanne Brockmann: Zu wild! (Mitten in einem Jahrhundertsturm wird ein Serienkiller gejagt.)

Kathryn Fox: Warte bis es dunkel wird (Ein neuer Fall für die Pathologin Dr. Anya Crichton)

April:

Tess Gerritsen: Scheintot (Taschenbuch-Ausgabe)

Linda Howard: Im Schutz der Nacht

Will Saeger: Painkiller (Ein CIA-Agent stolpert während seines Karibikurlaubs in eine Verschwörung, die die Welt zu vernichten droht.)

Commander James Barrington: Operation Overkill (Tja, Englands Antwort auf Tom Clancy.)

Katherine Howell: Herztod (Ein Sidney-Krimi für die Fans von Kathryn Fox und Tess Gerritsen.)

Derek Meister: Knochenwald (Ein 1392 in Bayern spielender Krimi.)

 

Ein Hinweis für die zahlreichen James Patterson-Fans:

Im Juni erscheint als Hardcover „Die 5. Plage“. Aus diesem Anlass veröffentlicht Blanvalet im Juni „Der 1. Mord“, „Die 2. Chance“ und „Der 3. Grad“ wieder. Im November gibt’s dann bei Blanvalet „Die 4. Frau“. Natürlich in einer einheitlichen Coverlinie.

 

Goldmann Taschenbuch

August:

Jonathan Kellerman: Blutgier (Ein Alex-Delaware-Roman in deutscher Erstveröffentlichung)

September:

Martha Grimes: Auferstanden von den Toten (Taschenbuch-Ausgabe)

Oktober:

Jonathan Kellerman: Der Pathologe (Limitierte Sonderausgabe zur Buchmesse)

Joy Fielding: Flieh, wenn du kannst (Noch eine Sonderausgabe. Dieses Mal zur ZDF-Verfilmung)

Janet Evanovich: Gib Gummi, Baby! (Ist wohl mehr Geschlechterkampf als Krimi. Aber humorvoll und in Deutscher Erstausgabe.)

November:

Minette Walters: Des Teufels Werk (Taschenbuch-Ausgabe)

Sarah Rayne: Fluch der Finsternis (Mystery-Thriller)

Matt Bondurant: Die ägyptische Inschrift (Mystery-Thriller. Dieses Mal mit toten Ägyptern und lebendigen Geheimbünden.)

Michael Robotham: Amnesie (Taschenbuch-Ausgabe des hochgelobten Thrillers. War auch auf der KrimiWelt-Bestenliste)

Paola Barbato: Die Pathologin (Ein Serienmörder mordet in Mailand…)

Elisabeth Herrmann: Das Kindermädchen (Krimi des Monats; war auch für den Glauser nominiert und erscheint jetzt in der Taschenbuchausgabe)

Michael Crichton: Nippon Connection (Rising Sun, 1991; Neuausgabe des als “Die Wiege der Sonne” verfilmten, umstrittenen Thrillers. Anscheinend war das Buch längere nicht lieferbar.)

Jonas Moström: Herzversagen (Werbespruch: „Ein wahnsinniger Serienmörder verlangt Kommissar Johan Axberg alles ab.“)

Harlan Coben: Kein Sterbenswort/Kein Lebenszeichen (Doppelband zum Sparpreis. Ist also für Coben-Novizen die ideale Einstiegsdroge. Mein Coben-Portät gibt es hier.)

Dezember:

Ake Smedberg: Vom selben Blut (Noch ein Skandinavier.)

Martha Grimes: Inspector Jury gerät unter Verdacht (The old Contemptibles, 1991; Neuauflage des früher bei Rowohlt erhältlichen Buches)

Peter Temple: Vergessene Schuld (Bad Debts, 1996; Peter Temples Debüt, sein erster Jack Irish-Roman, sein erster Ned Kelly-Preis und sicher einer der Kritikerlieblinge in den letzten Wochen des Jahres.)

Michael Dibdin: Sterben auf italienisch (End Games, 2007; Elftes und wahrscheinlich letztes Aurelio-Zen-Buch. Denn der 1947 geborene Michael Dibdin verstarb überraschend am 30. März 2007.)

John Sandford: Kaltes Fieber (Ein Lucas Davenport-Roman, der zuerst bei Page & Turner erschien)

Januar:

James Patterson: Im Affekt (Deutsche Erstveröffentlichung)

Veronika Rusch: Das Gesetz der Wölfe („Für alle Leser von Anne Chaplet und Norbert Horst.“ meint der Verlag. Ich dachte bisher, dass Chaplet und Horst zwei grundverschiedene Leserschaften bedienen.)

Ruth Rendell: Der Duft des Bösen (The Rottweiler, 2003; Taschenbuchausgabe)

Carl Hiaasen: Der Reinfall (Skinny dip, 2004; Endlich ist auch diese Groteske als Taschenbuch erhältlich. Meine Besprechung gibt’s hier.)

Lin Anderrson: Im Namen des Blutes (Dritter Roman mit der Gerichtsmedizinerin Rhona MacLeod)

Thomas O’Callaghan: Der Knochendieb (Und wieder geht ein Serienmörder um.)

Patricia Cornwell: Body Farm (The Body Farm, 1994; Der fünfte Kay Scarpetta-Roman erschien bei Dromer als „Das geheime ABC der Toten“)

Deborah Crombie: Das verlorene Gedicht/Böses Erwachen (Zwei Romane in einem Band)

Februar:

Harlan Coben: Das Grab im Wald (The Woods, 2007; Sein neuestes Werk)

Ian Rankin: Die Kassandra Verschwörung (Ursprünglich wurde das Buch unter dem Pseudonym Jack Harvey verlegt. Hier in deutscher Erstausgabe.)

Batya Gur: Und Feuer fiel vom Himmel (Taschenbuch-Ausgabe)

Anne Chaplet: Sauberer Abgang (Taschenbuch-Ausgabe)

Daniel Scholten: Die falsche Tote (Zweiter Roman mit Kommissar Cederström)

Maxime Chattam: Die Teufelsformel (In dem Thriller kämpft eine Frau gegen eine weltumspannende Verschwörung.)

März:

Janet Evanovich & Charlotte Hughes: Jeder Kuss ein Treffer (Eine romantische Komödie von der Stephanie Plum-Erfinderin)

Jefferson Bass: Anatomie der Schuld (Forensiker-Krimi)

Asa Nilsonne: Wofür es sich zu sterben lohnt

Andrew Taylor: Der Ruf des Henkers

Christine Kerdellant/Eric Meyer: Die Versailles Verschwörung (Eine Frau kämpft gegen eine weltumspannende Verschwörung. Aber anders als in „Die Teufelsformel“.)

Martha Grimes: Wenn die Mausefalle schließt/Der Zug fährt ab (Zwei kurze Krimis in einem Buch.)

Jonathan Kellerman: Post Mortem (Erstausgabe eines Alex Delaware-Krimis)

April:

Charlotte Link: Die letzte Spur

Christine Grän: Feuer bitte (Anna Marx ermittelt wieder)

Stuart MacBride: Der erste Tropfen Blut (Broken Skin, Bloodshot, 2007; Dritter Logan McRae-Krimi, der hoffentlich an den ersten Band anknüpft. Die Besprechung der ersten beiden McRae-Krimis gibt es hier.)

Nicci French: Der Feind in deiner Nähe (Taschenbuchpremiere)

Tom Egeland: Tabu (Ein Thriller aus Skandinavien. Ja, das gibt’s wirklich.)

Krystyna Kuhn: Die Signatur des Mörders (Erstens der Krimi zum Kafka-Jahr. Zweitens noch ein Serienkiller-Krimi.)

Franz Kafka: Die Verwandlung

Franz Kafka: Ein Hungerkünstler (Wahrscheinlich ist das Original die bessere Wahl)

David Hosp: Pakt des Schweigens (The Betrayed, 2006; Sein zweiter Roman. Die Besprechung seines Debüts „Die Tote im Wasser“ finden Sie hier.)

Sam Mills: Eine schöne Art zu sterben (Nach einem Busunglück verschlägt es zwei Brüder in ein einsames Herrenhaus. Der eine will den anderen umbringen. Das kann jetzt unglaublich spannend oder unglaublich langweilig sein.)

 

Im zweiten Teil gibt es dann einen Überblick über die kleinen Verlage mit ihren deutschen Autoren und den teils langersehnten Perlen aus Übersee. Ich sage nur Lawrence Block, Joe R. Lansdale, Robert B. Parker und James Sallis.


„Der Seher“ wird blind in Friedrich Anis „Wer lebt, stirbt“

Juni 5, 2007

Stellen Sie sich vor, Sie sehen eine Shakespeare-Aufführung. Aber nicht mit einem hochkarätigen Ensemble, sondern mit einer Grundschulklasse. Es ist zwar alles da, aber letztendlich ist es schlecht. Genau dieses Gefühl stellt sich bei Friedrich Anis neuestem Werk „Er lebt, stirbt“ ein. Es gibt einen Mordfall, eine Entführung, mehrere Verdächtige, dunkle Geschäfte in der Politik, ein Vater-Sohn-Ermittlergespann, problematische Familienverhältnisse, schockierende Entwicklungen und am Ende wird der Täter überführt. Es ist also alles da, was zu einem guten Krimi gehört. Die Länge von 224 Seiten ist angenehm kurz. Und dass „Wer lebt, stirbt“ der Auftakt zur sechsteiligen „Der Seher“-Reihe ist, ist ebenfalls ein positives Signal. Immerhin eroberte Friedrich Ani mit seiner Süden-Reihe im Sturm die Herzen der Krimifans.

Aber beim Auftakt der Seher-Reihe stimmt nichts. Denn dafür sind die beiden Fälle viel zu dünn, zu oft bestimmen Zufälle den Gang der Ermittlungen, vieles wirkt sehr unrealistisch und die Charaktere bleiben blass. Hauptfigur der Serie ist Jonas Vogel, der von Kollegen „Der Seher“ genannt wird und im Laufe des Buches erblindet. Nicht langsam, sondern weil er von einem Bagger überrollt wird. Ein dummer Unfall, der nichts mit dem Fall zu tun hat. Dabei wird Vogels Sehnerv durchtrennt und er ist blind. Sonst ist ihm nichts passiert. Keine Knochenbrüche. Keine Quetschungen. Nichts. Was bei der Lage der Sehnerven ein ziemliches Wunder ist.

Trotz des Unfalls beschließt Jonas Vogel weiter in der Mordkommission zu arbeiten. Damit endet „Wer lebt, stirbt“.

Der Roman beginnt mit einem Mord. Wachmann Falk Sieger wird erstochen in seiner Wohnung gefunden. In Verdacht gerät sein Kollege Jens Schulte. Schulte wird von dem Promianwalt und Stadtrat Hilmar Opitz vertreten. Opitz will Bürgermeister von München werden. Doch mehr als seine politischen Ambitionen beschäftigt ihn im Moment die Entführung seiner Sekretärin und Geliebten. Die Entführer fordern von ihm eine halbe Million Euro Lösegeld. Auf den ersten, zweiten und auch dritten Blick haben der Mord und die Entführung nichts miteinander zu tun. Aber Kommissar Jonas Vogel weiß von der ersten Sekunde an, dass beide Fälle miteinander zusammenhängen. Er und sein Sohn Max stoßen bei ihren Ermittlungen auf zahlreiche Ungereimtheiten und auf ein von Opitz betriebenes Obdachlosenheim.

Dieses Heim ist wahrscheinlich Anis idiotischste Idee. Auch wenn es solche Käfige, in denen Obdachlose übernachten, ihr Eigentum einsperren und sich etwas Privatsphäre schaffen können, in Hongkong gibt. Dort ist der Wohnraum aber, auch für Gutverdienende. denkbar knapp. In München geht diese Idee, trotz der dortigen hohen Mieten, vollkommen an jeder Realität vorbei. Aber es kommt noch besser. Opitz betreibt diese Unterkunft nicht irgendwo in Münchens kriminalitätsbelasteten Sozialvierteln, sondern mitten in einem Nobelviertel. Weil der Hausmeister darauf achtet, dass die Obdachlosen sich benehmen, fällt auch keinem der Oberen Zehntausend, die vorher einen Kindergarten in ihrer Nachbarschaft verhinderten, das Obdachlosenheim auf. Als Berliner kann ich mir das nur so erklären, dass der Münchner Penner sich weder äußerlich noch von seinem Verhalten von einem Vorstandsvorsitzenden unterscheidet.

Trotzdem hat Opitz genug politischen Weitblick, das Haus geheim zu betreiben, weil auch in München niemals ein Politiker Bürgermeister wird, der Menschen in Käfigen unterbringt. Warum der noble Herr Opitz dann dieses Projekt durchzieht, obwohl es seine Ambitionen vernichten kann, das weiß nur das Hirn des Dichters.

Bei einer Serie sind natürlich die Hauptcharaktere, ihre Interaktionen und besonderen Fähigkeiten letztendlich wichtiger als der Fall. Doch in „Wer lebt, stirbt“ bleiben sie blass. Das fällt besonders bei Jonas Vogel auf. Denn wenn ein Autor einen Charakter mit einem körperlichen Defekt entwirft, muss dieser auch für die Geschichte eine besondere Bedeutung haben. Letztendlich muss Jonas Vogel den Fall aufklären können weil er blind ist. Er muss etwas sehen können, was kein Sehender sehen kann. In „Wer lebt, stirbt“ hat Vogel die Idee, dass der Mörder am Todestag zum Ort der Tat, was hier das Grab des Toten ist, zurückkehrt. Diese Idee ist nicht sonderlich brillant und jeder könnte sie haben oder auch einfach mal ausprobieren. Jedenfalls, der Mörder tut’s und beichtet Vogel ohne zu zögern seine Taten.

Das ist die unbefriedigende Auflösung eines unbefriedigenden Buches.

Friedrich Ani: Wer lebt, stirbt

dtv, 2007

224 Seiten

7,95 Euro

Homepage des Autors: http://www.friedrich-ani.de/ (eigentlich die Seite von dtv zur Seher-Serie)