Nichts Neues im Dschungel

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Die Ausgangsidee von Scott Smiths zweitem Roman „Dickicht“ ist denkbar einfach. Die folgende Geschichte vielfach in zahllosen Varianten erprobt und das Ende mit kleinen Variationen absehbar. Die Variation besteht darin, wie viele der Charaktere die Geschichte überleben. Alles beginnt natürlich vollkommen harmlos: sechs etwa zwanzigjährige Touristen machen sich in Mexiko auf den Weg zu einer im Dschungel gelegenen Ausgrabungsstätte. Der Bruder des Deutschen Matthias ist dort mit seiner neuesten Freundin. Die Einheimischen verhalten sich abweisend. Das auf einem Hügel liegenden Lager der Archäologen ist verlassen. Und kurz darauf müssen die Touristen gegen ein unheimliches Wesen kämpfen, das sie töten will.

Das haben wir schon tausendmal gesehen und etwas seltener gelesen. Dennoch ist dieser Plot immer wieder gut für einen spannenden Abend. Der Autor muss seine Charaktere nur, möglichst spektakulär der Reihe nach umbringen und eine halbwegs plausible Erklärung für sein Schlachtfest finden. Bei einem Horrorfilm geht’s auch ohne. Dafür spritzt das Blut neunzig Minuten über die Leinwand. Wir ergötzen uns an der Dummheit der Opfer. Denn sie begeben sich regelmäßig freiwillig in Todesgefahr. Wir erinnern uns an die blutigsten Morde und die schrägsten Szenen. Ich denke da an die Szene, in der in „Tanz der Teufel“ der Wald eine der jungen Frauen vergewaltigt.

Und so sind wir wieder bei „Dickicht“. Denn auch hier ist der Mörder eine Pflanze. Damit hören aber auch schon die Gemeinsamkeiten zwischen den erwähnten Horrorfilmen und Scott Smiths dickem Roman auf. Denn während in einem der zahllosen Filme die Jugendlichen der Reihe nach über die gesamte Filmlänge von der Pflanze verspeist würden (wir hoffen auf gescheite Spezialeffekte) und die restliche Zeit verzweifelt versuchen würden, sich aus der misslichen Situation irgendwie zu befreien, passiert in „Dickicht“ nichts davon. Die beiden US-Pärchen Jeff und Amy und Eric und Stacy, ihre Urlaubsbekanntschaft Matthias und der Grieche Pablo warten einfach ziemlich passiv auf von außen eintreffende Hilfe. Bei Pablo ist das verständlich. Denn nachdem er sich schwer verletzte, liegt er von Schmerzen gepeinigt auf dem Hügel. Der Deutsche bleibt blasseste Staffage. Sogar der Butler in einem britischen Krimi ist ein tiefgründigerer Charakter. Jeff, Amy, Eric und Stacy sind einfach nur vier junge, vollkommen austauschbare Amerikaner, die bis auf minimale Unterschiede vollkommen gleich auf die Bedrohung reagieren. Nämlich passiv abwartend. Deshalb gibt es innerhalb der Gruppe auch keine erwähnenswerten Konflikte. Doch zwischen den Gefangenen müsste viel mehr geschehen, denn die Pflanze verhält sich über die gesamte Buchlänge von gut fünfhundert engbedruckten Seiten abwartend. Erst gegen Ende verspeist sie ihre Opfer in einem Rutsch und wir fragen uns, ob wir wirklich auf dieses Buch dreizehn Jahre gewartet haben. Denn soviel Zeit verging seit Scott Smiths später auch erfolgreich verfilmten, spannenden Kriminalroman „Ein einfacher Plan“ (A simple plan, 1993).

„Dickicht“ ist dagegen als Horrorroman nach einem gelungen Anfang einfach nur ein enttäuschender Langweiler mit blassen Charakteren, einer vorhersehbaren, ohne Überraschungen bis zum bitteren Ende abgespulten Geschichte und einer netten Schlusspointe. Für 480 Seiten ist das viel zu wenig.

Vielleicht ist der gerade abgedrehte Film besser. Scott Smith hat, wie schon bei „Ein einfacher Plan“, auch für „Dickicht“ das Drehbuch geschrieben. Carter Smith führte Regie. Jonathan Tucker, Jena Malone, Laura Ramsey, Shawn Ashmore, Joe Anderson und Dimitri Baveas übernahmen die Hauptrollen. Der Film soll am 24. April 2008 in Deutschland starten.

 

 

Scott Smith: Dickicht

(übersetzt von Christine Strüh)

Fischer Taschenbuch Verlag, 2007

480 Seiten

8,95 Euro

 

Originalausgabe:

The Ruins

Alfred A. Knopf, 2006

 

Informative US-Homepage zum Roman “The Ruins”:

http://www.randomhouse.com/kvpa/ruins/

Fischer Verlag zu “Dickicht”:

http://www.fischerverlage.de/buch/9783596176168

2 Responses to Nichts Neues im Dschungel

  1. […] LV: Scott Smith: The Ruins, 2006 (Dickicht) […]

  2. […] Scott Smith: The Ruins (19. Januar 2007, Yep, die Verfilmung des gleichnamigen Romans “The Ruins”/”Dickicht”) […]

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