Der Regisseur, der Frauen liebte: Francois Truffaut

Februar 20, 2012

Als Francois Truffaut überraschend am 21. Oktober 1984 starb, war er als Regisseur so bekannt, dass der Verleih mit dem „neuen Truffaut“ werben konnte und die Leute ins Kino gingen. Er war einer der großen französischen Regisseure, einer der Begründer der Nouvelle Vague, der seitdem konstant alle ein, selten zwei Jahre einen neuen Film inszenierte, der auch beim Publikum und den Kritikern ankam. Claude Chabrol drehte einen Krimi nach dem nächsten. Jean-Luc Godard, ein Freund aus den Anfangstagen der Nouvelle Vague, hatte sich damals vollkommen ins experimentelle Kino, mit einem sehr überschaubarem Publikum, zurückgezogen. Die anderen Begründer der Nouvelle Vague drehten auch eher für ein Nischen- oder Filmkunstpublikum; – falls ihre Filme überhaupt in den deutschen Kinos liefen.

Heute ist der am 6. Februar 1932 in Paris geborene Regisseur, abgesehen von seinem legendären Interviewbuch „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ und seiner Rolle als Wissenschaftler in Steven Spielbergs „Unheimliche Begegnung der dritten Art“, fast vergessen. Zu selten laufen seine Filme im Fernsehen (obwohl Arte jetzt einige seiner Filme zeigt) und zu chaotisch ist die Veröffentlichungspolitik seiner Filme auf DVD: einige Filme gibt es nicht auf DVD, andere sind bei verschiedenen Firmen erschienen und teils nicht mehr erhältlich. Arthaus veröffentlichte jetzt ungefähr die Hälfte seiner Spielfilme, die einen großen und ziemlich umfassenden Einblick in sein Schaffen ermöglichen, auf zwei, verschieden zusammengestellten Boxen. Die meisten Filme sind auch einzeln erhältlich.

Truffaut begann, zusammen mit Claude Chabrol, Jean-Luc Godard, Eric Rohmer und Jacques Rivette, als Filmkritiker bei der „Cahiers du Cinema“ und drehte drei Kurzfilme. Mit seinem Regiedebüt, dem autobiographisch gefärbten Drama „Sie küssten und sie schlugen ihn“, wurde er 1959 gleich bekannt. Jean-Pierre Léaud, der jugendliche Darsteller von Antoine Doinel, dem Helden des Films, wurde auch bekannt und in den folgenden Doinel-Filmen wurde die Biographie des Filmcharakters immer ununterscheidbarer von Truffauts Biographie und von Léauds Leben. Insofern war die Rolle für Léaud Segen und Fluch zugleich und auch heute, über dreißig Jahre nach dem letzten Doinel-Film, ist Léaud für Filmliebhaber immer noch Antoine Doinel.

Truffauts war ein Fan der amerikanische Kriminalromane, die in der Schwarzen Serie erschienen. Schon sein zweiter Spielfilm „Schießen Sie auf den Pianisten“ (1960) war eine David-Goodis-Verfilmung, die sich allerdings mehr an der Nouvelle Vague und ihrer Verspieltheit, als am US-amerikanischen Film Noir orientierte.

Mit seinem dritten Spielfilm, dem Klassiker „Jules und Jim“ (1961), inszenierte er dann seinen ersten Liebesfilm (wobei natürlich alle seine Filme Liebesfilme sind), ein anfangs leichtes Drama über zwei Männer, die eine unabhängige Frau lieben.

In den folgenden Jahren pendelte er, mit einigen Einzelwerken, wie dem Science-Fiction-Film „Fahrenheit 451“ (1966), und zutiefst persönlichen Werken, wie „Das grüne Zimmer“ (1978), zwischen weiteren Doinel-Filmen, Noirs und Liebesdramen. Sein letzter Film „Auf Liebe und Tod“ (1983) fasste, ungewollt, sein Schaffen zusammen. Es ist eine locker erzählte, in Schwarz-Weiß gedrehte Hommage an den Film Noir und eine Liebeserklärung an die Frauen. Vor allem natürlich an seine Partnerin, die Hauptdarstellerin Fanny Ardant.

In der Dokumentation „Godard trifft Truffaut“ werden seine Jahre bei der Filmzeitschrift „Cahiers du Cinema“, seine ersten Jahre als Regisseur, seine Freundschaft zu Jean-Luc Godard und der endgültige Bruch der Freundschaft nach Truffauts Film „Die amerikanische Nacht“ (1973), ein starbesetzter Spielfilm über die Dreharbeiten für einen Spielfilm. Doch schon davor hatten sich ihre Wege getrennt. Jean-Luc Godard wurde nach „1968“ in seinen Filmen zunehmend politischer und löste sich immer mehr von den Erzählkonventionen. Truffaut dagegen drehte unpolitische und persönliche Filme, wie die Antoine-Doinel-Filme „Geraubte Küsse“ (1968) und „Tisch und Bett“ (1970), die historischen Filme „Der Wolfsjunge“ (1969) und „Zwei Mädchen aus Wales und die Liebe zum Kontinent“ (1971) und die überdrehte Krimi-Farce „Ein schönes Mädchen wie ich“ (1972). Das war oft gar nicht so weit vom klassischen Hollywood-Starkino und dem von ihnen in den fünfziger Jahren attackiertem französischen Film entfernt.

Emmanuel Laurent verrät in seiner spielfilmlangen Doku „Godard trifft Truffaut“ wenig über die Freundschaft der beiden Regisseure, die wahrscheinlich auch gar nicht so tief war, wie der Filmtitel suggeriert, sondern einfach nur das Zusammentreffen von zwei Filmbegeisterten, die zuerst gemeinsam Artikel schrieben und später, als Teil der Nouvelle Vague, sich manchmal gegenseitig halfen und natürlich die Werke der anderen in den Himmel lobten. Diese Freundschaft bleibt in dem Film, auch weil er keine psychologischen Erklärungen gibt und es von Truffaut und Godard keine Statements dazu gibt, immer eher eine Behauptung. Aber man erfährt einiges über die Ursprünge der Nouvelle Vague und ihre ersten Filme.

In den kommenden Tagen werfen wir einen genaueren Blick auf seine Spielfilme.

Erwähnte DVDs

Godard trifft Truffaut – Deux de la Vague (Deux de la Vague, Frankreich 2009)

Regie: Emmanuel Laurent

Drehbuch: Antoine de Baecque

DVD

Arthaus/Studiocanal

Bild: 1,78:1

Ton: Französisch (Stereo Dolby Digital)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Kinotrailer, Kinoposter, Wendecover

Länge: 96 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Viele Filme von Francois Truffaut gibt es in diesen Boxen

Antoine-Doinel-Zyklus

Arthaus/Studiocanal

Bild: verschieden

Sprachen/Ton: Deutsch, Französisch (Mono DD)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial, das es meistens nicht auf den Einzel-DVDs gibt: Episodenfilm „Liebe mit zwanzig“ (Regie: Shintarô Ishihara, Marcel Ophüls, Renzo Rossellini und Andrzej Wajda, mit dem Doinel-Film „Antoine und Colette“), „Arbeit mit François Truffaut“ (1986, Regie: Rainer Gansera), Einführungen des Truffaut-Biografen Serge Toubiana, „Die Unverschämten“ 1957, Regie: Francois Truffaut, Kurzfilm), Probeaufnahmen von Jean-Pierre Léaud, Patrick Auffay und Richard Kanayan zu „Sie küssten und sie schlugen ihn“, Jean-Pierre Léaud bei der Cannes-Premiere von „Sie küssten und sie schlugen ihn“, Ausschnitt aus der Fernsehsendung „Cinéastes de notre temps: François Truffaut, dix ans, dix films“ (1970), Truffaut spricht über die ersten drei Teile des Zyklus, Ausschnitt aus der Fernsehsendung „Midi Magazine“ (1970), Aufnahmen von den Dreharbeiten zu „Tisch und Bett“, Ausschnitt aus der Fernsehsendung „Approches du cinéma: François Truffaut ou la Nouvelle Vague“ (1972), Ausschnitt aus der Fernsehsendung „Cinescope“ (1980), Ausschnitt aus der Fernsehsendung „Champ contrechamp“ (1981), Unterstützungsspot für Henri Langlois von François Truffaut und Jean-Luc Godard, Originaltrailer, 24-seitiges Booklet

Länge: 451 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Francois-Truffaut-Edition

enthält: Auf Liebe und Tod, Die Frau nebenan, Geraubte Küsse, Jules und Jim, Die letzte Metro, Liebe auf der Flucht, Schießen Sie auf den Pianisten, Ein schönes Mädchen wie ich, Sie küssten und sie schlugen ihn, Die süße Haut, Tisch und Bett, Zwei Mädchen aus Wales und die Liebe zum Kontinent

Arthaus/Studiocanal

Bild: verschieden

Sprachen/Ton: Deutsch, Französisch (Mono DD)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial (anscheinend identisch mit den Einzel-DVDs): Kurzfilme „Antoine und Colette“ und „Die Unverschämten“, Einführungen des Truffaut-Biografen Serge Toubiana, Probeaufnahmen der Jungdarsteller zu „Sie küssten und sie schlugen ihn“, Kameratest mit Marie Dubois und Charles Aznavour zu „Schießen Sie auf den Pianisten“, Unterstützungsspot für Henri Langlois von François Truffaut und Jean-Luc Godard zu „Geraubte Küsse“, Unveröffentlichte Szene zu „Die letzte Metro“, Trailer, Wendecover

Länge: 1211 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über Francois Truffaut (deutsch, englisch, französisch)

Arte über Francois Truffaut

Kriminalakte über Francois Truffaut


DVD-Kritik: Die unbekannte Noir-Perle „Der Mann mit der Narbe“

Februar 17, 2012

Der Mann mit der Narbe“ ist eine echte Entdeckung. Denn der unbekannte Noir hat eigentlich alles, was das Herz des Noir-Fans begehrt: eine düstere, kafkaeske Geschichte, eine noir-typisch expressionistische Kamera von John Alton und mit Paul Henreid („Casablanca“, „Geheimaktion Crossbow“, „Exorzist II“) und Joan Bennett („Die Frau im Fenster“/“Gefährliche Begegnung“, „Straße der Versuchung“, „Affäre Macomber“, „Wir sind keine Engel“) auch zwei bekannte Namen.

Henreid spielt John Muller, einen Ganoven, der sofort nachdem er aus der Haft entlassen wird, seinen nächsten Coup plant: einen Überfall auf ein Casino. Der Überfall geht schief und er muss, gejagt von dem äußerst rachsüchtigem Casino-Besitzer, flüchten. Muller taucht unter in das von ihm verhasste bürgerliche Leben, bis er zufällig erfährt, dass er, bis auf eine Narbe im Gesicht, wie der Zwillingsbruder von Dr. Bartok aussieht. Muller beschließt, zu Dr. Bartok zu werden.

Dieses Doppelgänger-Motiv und der anschließende Identitätstausch wird schön ausgearbeitet. Das geht sogar so weit, dass Niemand den Tod von Dr. Bartok bemerkt und alle sofort Muller als Bartok akzeptieren, obwohl sie, bis auf das Aussehen zwei gänzlich gegensätzlicher Charaktere sind.

Dass der Plan von Muller dann doch nicht aufgeht, ist natürlich auch Noir-typisch. Denn in einem Noir entgeht niemand seinem Schicksal. Egal, wie sehr er sich auch anstrengt.

Allerdings krankt „Der Mann mit der Narbe“ an einigen ziemlich großen Plotlöchern. Das eine hat mit dem Ende zu tun: denn Dr. Bartok hatte auch Probleme mit Verbrechern. Muller hätte das bei seinen Recherchen über Bartok eigentlich herausbekommen müssen. Auch dass Bartok verheiratet ist. So haben wir immerhin die witzige Szene, in der Muller seine Frau erkennen muss, obwohl er keine Ahnung hat, wie sie aussieht.

Das größte Loch im Plot ist allerdings die Narbe von Bartok: wir sollen glauben, dass Muller, der Bartok beobachtete, sich nicht merkte, auf welcher Wange die Narbe ist und er sich dann die falsche Wange aufschlitzt.

Das nimmt dem Film einiges von seiner Kraft. Aber das Erzähltempo stimmt, die Geschichte ist, auch für einen Noir, sehr düster und hoffnungslos und die Kamera von John Alton, der etliche Noirs drehte (zu seinen Filmen gehören: „Geheimagent T“, „Schritte in der Nacht“, „Tödliche Grenze“, „Der Richter bin ich“, „Geheimring 99“, „Elmer Gantry“, und, obwohl nicht genannt, „Der Gefangene von Alcatraz“), ist sehr einfallsreich. Es vergeht kaum eine Minute ohne eine ungewöhnliche Perspektive, eine interessante Szenenauflösung und ein expressionistisches Bild, das man sich am liebsten als Plakat an die Zimmerwand heften würde. Auf optischer Ebene ist „Der Mann mit der Narbe“ ein kleines Film-Noir-Lexikon.

Das macht, trotz Story-Schwächen, den „Mann mit der Narbe“ zu einer kleinen Noir-Perle, die in der schön ausgestatteten „Film Noir Collection“ (es gibt eine Bildergalerie und ein informatives Booklet) veröffentlicht wurde und eindeutig zu den besseren Filmen der in jeder Hinsicht überzeugenden Collection gehört.

Andere Meinungen

Kolportagehafter Krimi.“ (Lexikon des internationalen Films)

An extraordinarily bleak film. Alton’s touches of genius include camera tracks round a table of Muller and his cronies; the tension-filled casino hold-up, and the archetypically noir image of Muller silently awaiting his fate in his squalid hotel room, intermittently lit by a flashing neon sign.“ (Alexander Ballinger/Danny Graydon: The Rough Guide to Film Noir)

In the world of noir, fate plays a pivotal role, and that is never clearer than in the surprisingly good noir film The Scar (AKA Hollow Triumph).“ (Guy Savage, Noir of the Week)

„Quickly paced, the dense narrative and an almost documentary-like cinematography make Hollow Triumph although not a major, but certainly an unjustly overlooked, film noir. Best of all is the film’s Macbethian-ending, reminiscent of Quai des brumes (Marcel Carne, 1939).“ (Martin S., Film Talk)

Der Mann mit der Narbe (Hollow Triumph, USA 1948)

Regie: Steve Sekely
Drehbuch: Daniel Fuchs
LV: Murray Forbes: Hollow Tr
iumph, 1946

mit Paul Henreid, Joan Bennett, Eduard Franz, Leslie Brooks, John Qualen, Mabel Paige, Herbert Rudley, Charles Arnt, George Chandler, Jack Webb (der Erfinder von „Dragnet“/“Polizeibericht Los Angeles“)

alternativer Titel in England „The Scar“

DVD

Koch Media (Film Noir Collection 8)

Bild: 1.37:1 (4:3)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: 12-seitiges Booklet von Thomas Willmann, Bildergalerie

Länge: 80 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Der Mann mit der Narbe“

Turner Classic Movies über „Der Mann mit der Narbe“

Noir of the Week: Guy Savage über „Der Mann mit der Narbe“

Film Noir: Tony D’Ambra über „Der Mann mit der Narbe“

Film Talk über „Der Mann mit der Narbe“

Mordlust über „Der Mann mit der Narbe“

Internet Archive: der komplette Film (Public Domain; zur Bildqualität kann ich im Moment nichts sagen)


TV-Tipp für den 13. Februar: Geraubte Küsse

Februar 13, 2012

Arte, 22.10

Geraubte Küsse (F 1968, R.: Francois Truffaut)

Drehbuch: Francois Truffaut, Claude de Givray, Bernard Revon

Nachdem Antoine Doinel unehrenhaft aus der Armee entlassen wurde, umwirbt er seine Freundin Christine und versucht sich in verschiedenen Berufen. Er ist Portier, Detektiv, Schuhverkäufer und immer ein Träumer und Frauenliebhaber.

In seinem Debütfilm „Sie küssten und sie schlugen ihn“ erzählte Truffaut von den Jugendjahren Antoine Doinels. In „Antoine und Colette“ von seiner ersten Liebe. In „Geraubte Küsse“ von der Suche nach seiner ersten Frau. In „Tisch und Bett“ von seinen ersten Ehejahren. Und in „Liebe auf der Flucht“ von seiner Scheidung.

Alle Doinel-Filme leben von Jean-Pierre Léauds Darstellung, den wiederkehrenden Gaststars, die so die über zwei Jahrzehnte erzählte fiktiven Biographie glaubwürdig machten.

mit Jean-Pierre Léaud, Claude Jade, Michel Lonsdale, Delphine Seyring

Wiederholung: Freitag, 17. Februar, 14.45 Uhr

Hinweise

Wikipedia über Francois Truffaut (deutsch, englisch, französisch)

Arte über Francois Truffaut

Kriminalakte über Francois Truffaut

Bonushinweis

Bei Studiocanal/Arthaus erschien die DVD mit dem Antoine-Doinel-Kurzfilm „Antoine und Colette“ aus dem Jahr 1962. In dem Film, der zu dem Gruppenfilm „Liebe mit Zwanzig“ gehört (das war damals eine beliebte, künstlerisch meistens enttäuschende Idee, bei der mehrere Kurzfilme von bekannten Regisseuren zu einem Film zusammengefügt und dann als Kinofilm ausgewertet wurden), erzählt Truffaut von Antoine Doinels erster Liebe, die er 1979 in dem letzten Antoine-Doinel-Film „Liebe auf der Flucht“ wieder trifft.

Zu beiden Filmen gibt es kurze Einführungen von Truffaut-Biograf Serge Toubiana. Der Unterstützungsspot von Francois Truffaut und Jean-Luc Godard für Henri Langlois, den für viele Regisseure der Nouvelle Vague wichtigen Leiter der Cinémathèque, der während der Dreharbeiten für „Geraubte Küsse“ entlassen wurde, ist ebenfalls vorhanden.


DVD-Kritk: Bertolt Brecht und Fritz Lang machen Politik in „Auch Henker sterben“

Februar 8, 2012

Der Film war ein Erfolg. Wieviel er eingespielt hat, ist mir völlig unbekannt. Er ist später sehr oft im Fernsehen gelaufen. Ich halte ‚Hangman Also Die‘ für meinen wichtigsten anti-nationalsozialistischen Film.“ schrieb Fritz Lang 1971 an James K. Lyon.

In Deutschland ist „Auch Henker sterben“, so der deutsche Titel von „Hangman Also Die“, der Zusammenarbeit von Bertolt Brecht und Fritz Lang, fast unbekannt. Die deutsche Premiere erlebte der Film im April 1958 in der Originalfassung, einen Kinoverleih fand er nicht und ab 1974 wurde „Auch Henker sterben“, anscheinend in einer gekürzten Fassung, einige Male im Fernsehen gezeigt.

Jedenfalls sind die damals nicht synchronisierten Szenen jetzt, untertitelt, in der in der „filmedition suhrkamp“ erschienen vollständigen Fassung des Propagandafilms enthalten.

Der Film spielt im Juni 1942 und beginnt mit der Ermordung von Reinhard Heydrich, dem „Henker von Prag“ und Organisator der Judenvernichtung. Der Attentäter (Brian Donlevy), ein Mitglied der tschechischen Widerstandsbewegung, muss bei seiner Flucht improvisieren und er zieht damit Mascha Novotny (Anna Lee) und ihre Familie, bei der er mit einer erfundenen Geschichte Unterschlupf findet, mit ins Unglück. Ihr Vater, der angesehene Gelehrte Professor Stephan Novotny (Walter Brennan), durchschaut schnell die Lügen des Überraschungsgastes. Aber er schweigt.

Kurz darauf wird, obwohl die Familie Novotny nichts mit der Widerstandsbewegung zu tun hat, Professor Novotny verhaftet.

Denn die Nazis bauen ihr Terrorregime aus, verhaften wahllos Tschechen, diese leisten Widerstand, die Widerstandskämpfer versuchen dem staatlichen Zugriff zu entgehen, es gibt Verräter unter ihnen, der Attentäter fragt sich, ob er das Richtige getan hat und Mascha fordert ihn auf, sich zu stellen.

Auch Henker sterben“ gehört zu den Anti-Nazi-Propagandafilme; was seine schlechte Aufnahme in Deutschland und, weil Lang wirklich nicht besonders feinfühlig vorgeht, seinen Erfolg in den USA erklärt. Denn Lang „arbeitet von innen heraus. Er weiß, was er porträtiert, und er hat ein starkes Gefühl des Hasses. Deshalb gleitet dieser Film kaum ins Melodram ab, auch in Szenen, wo dies sehr leicht möglich wäre. Statt dessen entsteht ein Manifest des Hasses, wie das auch einige russische Filme auf ihre Weise geleistet haben. Aber Langs Hass verrät genauere Kenntnis des Gegenstandes.“ (New York Post, 16. April 1943)

Dieser Hass trägt dazu bei, dass alle Deutschen (die von deutschen Emigranten gespielt wurden) nur noch als Karikaturen durch den doch ernst gemeinten Film laufen und der Hauptplot, die Flucht des Attentäters, immer wieder ins Stocken gerät. Denn es muss auch, eher länglich, vom Schicksal der Inhaftierten und den internen Streitigkeiten der Widerstandsbewegung erzählt und das Hohelied auf den unbeugsamen Widerstandswillen der Bevölkerung gesungen werden.

Bertolt Brecht, Fritz Lang und John Wexley (dessen Anteil an der Geschichte wohl eher vernachlässigbar ist) hatten einfach zu viel zu sagen. Deshalb dauert der Film auch 130 Minuten. Das ist, auch gemessen an der damaligen Standardlänge von neunzig Minuten für einen Film, arg lang. Auch Fritz Langs andere Hollywood-Filme sind selten länger als hundert Minuten.

Und so gelungen „Auch Henker sterben“ als Propagandafilm ist, der die Amerikaner zum Kampf gegen Nazi-Deutschland mobilisieren soll, so gescheitert ist er als Film, der eine spannende Geschichte erzählt. Er ist mit über zwei Stunden einfach zu lang. Es gibt zu viele verzichtbare Subplots und Genrewechsel zwischen Mann-auf-der-Flucht-Thriller, Liebesgeschichte und Widerstandsdrama, mit zu viel Parodie. Denn heute – und wahrscheinlich auch schon damals – wirken die Nazis in „Auch Henker sterben“ wie Knallchargen. Auch die anderen Schauspieler haben einen unguten Hang zum Over-Acting, den es in diesem Ausmaß in den anderen damals von Fritz Lang inszenierten Filmen nicht gab. Und in vielen Szenen zitiert Fritz Lang sich arg plakativ selbst. Wer die Mabuse-Filme, „M“ und auch seine ersten US-Filme kennt, wird viele vertraute Motive, Bilder und Szenen, vor allem wenn der Mob agiert, wiederfinden. Entweder als direktes Zitat oder als konsequente Umkehrung einer früheren Szene.

Als Bonusmaterial gibt es ein sehr informatives und – wir reden von der „filmedition suhrkamp“ – angenehm textlastiges 44-seitiges Booklet, aus dem auch die hier verwendeten Zitate sind. Neben zeitgenössischen US-Filmkritiken (deutsche Rezensionen wurden leider nicht abgedruckt) gibt es Auszüge aus der FBI-Akte und dem Arbeitsjournal von Bertolt Brecht und Gesprächsausschnitte mit Fritz Lang und Hanns Eisler, der die Musik für „Auch Henker sterben“ schrieb.

Auch Henker sterben (Hangman also die, USA 1943)

Regie: Fritz Lang

Drehbuch: John Wexley (nach einer Geschichte von Bertolt Brecht und Fritz Lang)

mit Brian Donlevy, Walter Brennan, Anna Lee, Margaret Wycherly, Nana Bryant, Billy Roy, Gene Lockhart, Hans Heinrich von Twardkowsky, Alexander Granach, Reinhold Schünzel, Lionel Stander

DVD

filmedition suhrkamp/Absolut Medien

Bild: PAL, 4:3 (Schwarzweiß)

Ton: Deutsch, Englisch (Mono)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: 44-seitiges Booklet

Länge: 130 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

19,90 Euro (unverbindliche Preisempfehlung, aber weil sie ein halbes Buch ist…)

Hinweise

Wikipedia über „Auch Henker sterben“ (deutsch, englisch)

Turner Classic Movies über „Auch Henker sterben“

Wikipedia über Fritz Lang (deutsch, englisch)

Senses of Cinema: Dan Shaw über Fritz Lang

BFI über Fritz Lang

MovieMaker: Interview von 1972 mit Fritz Lang

Manhola Dargis: Making Hollywood Films Was Brutal, Even for Fritz Lang (New York Times, 21. Januar 2011)

Meine Besprechung von Fritz Langs „Du und ich“ (You and me, USA 1938)

Fritz Lang in der Kriminalakte


DVD-Kritik: Eine Wiederbegegnung mit dem „Geheimbund der Rose“

Februar 7, 2012

Als der „Geheimbund der Rose“ vor über zwanzig Jahren im Fernsehen lief, war ich mächtig begeistert von dem Zweiteiler. Über drei Stunden gab es Action im Geheimagentenmilieu, einen ausgewachsenen Vater-Sohn-Konflikt und Robert Mitchum als Rosenzüchter. Seitdem wollte ich den Film immer mal wieder sehen, aber im Fernsehen lief er seitdem nicht mehr. Doch jetzt veröffentlichte Koch Media den Film auf einer sehr sparsam ausgestattete Doppel-DVD. Es ist nur der Film in der deutschen und englischen Fassung drauf. Jedenfalls konnte ich meinen damaligen Eindruck überprüfen und, soviel kann schon verraten werden, die David-Morrell-Verfilmung Film von 1988 hat sich gut gehalten.

CIA-Vizechef John Elliot (Robert Mitchum) hat für besondere Aufgaben einige Spezialagenten, die nur seinen Befehlen gehorchen. Seine beiden besten Männer sind „Romulus“ und „Remus“. Waisenkinder, die sich schon im Waisenhaus verbrüderten, von Elliot adoptiert und zu Profikillern ausgebildet wurden. Chris ‚Remus‘ Kilmoonie (David Morse) hat dann irgendwann den Moralischen bekommen und sich sechs Jahre in ein Trappistenkloster zurückgezogen. Jetzt soll er in Bangkok einen KGB-Agenten umbringen. Er kann es nicht. Als er ihn in einem Abelard-Haus (Vor dem zweiten Weltkrieg haben die Geheimdienste den geheimen Abelard-Vertrag geschlossen, nach dem bestimmte Orte Schutzzonen für alle Agenten sind und sie so die Integrität der Dienste gegenüber der Politik aufrecht erhalten können), wieder trifft, bringt ein chinesischer Agent den KGB-Mann um. Remus kann flüchten. Aber alle glauben, dass er gegen den Abelard-Vertrag verstieß. Die Strafe für einen solchen Verstoß ist der Tod. Jeder Geheimagent jagt ihn.

Zur gleichen Zeit soll Saul ‚Romulus‘ Grisman (Peter Strauss) im Auftrag von Elliot ein Attentat verüben. Es gelingt, aber danach fragt Romulus sich, warum er fünf wichtige US-Wirtschaftsbosse publikumswirksam umbringen sollte. Als kurz darauf an einem, ihm von Elliot genannten, Treffpunkt ein Anschlag auf ihn verübt wird, weiß er, dass Elliot ihn umbringen will. Er weiß nur nicht, warum sein Vater, den er bewundert und bedingungslos gehorcht, ihn töten will.

Als Romulus und Remus sich treffen, beschließen sie, die Wahrheit herauszufinden.

Selbstverständlich ist „Geheimbund der Rose“ kein realistischer Blick in die Welt der Agenten. Die dürfte in der jüngsten John-le-Carré-Verfilmung „Dame, König, As, Spion“ akkurater porträtiert werden. Der Film ist ein unterhaltsames Action-Märchen über das Erwachsenwerden von zwei Brüdern, mit leicht zynischer, realpolitischer Grundierung. Denn dass die Geheimdienste gerne ihre eigenen Geschäfte machen und sich ungern von der Politik kontrollieren lassen, wurde jetzt – auf ungleich kleinerem Niveau – bei uns mit der Beobachtung der halben Linksfraktion im Bundestag und dem jahrelangen Nicht-Wahrnehmen einer rechten Terrorgruppe wieder offensichtlich. Ältere können sich gerne auch an länger zurückliegende Geheimdienstskandale, wie das „Celler Loch“, den Mordfall Ulrich Schmücker und die jahrelange Beobachtung des Bürgerrechtlers Rolf Gössner, erinnern.

Und Robert Mitchum als Rosen züchtenden Ziehvater, der skrupellos seine Söhne für seine Interessen ausnutzt und, als sie sich gegen ihn wenden, ihre Aktionen als intellektuelles Spiel auffasst, bei dem er als ihr Lehrer gespannt ihre Züge mitverfolgt und Gegenstrategien entwirft, ist natürlich mehr als die halbe Miete.

Den Rest besorgen die anderen Schauspieler, die guten Action-Szenen (wir reden von einer 80er-Jahre-TV-Produktion) und die ruhig, aber straff erzählte Geschichte.

Insgesamt ist „Geheimbund der Rose“ ein ziemlich gelungener NBC-Zweiteiler, der es schafft, als noch während des Kalten Kriegs entstandener Agentenfilm alle Kalter-Kriegs-Klischees zu vermeiden und die Geheimagenten als eine sich über allen Gesetzen stehende Kaste zeigt, die im Zweifelsfall das Gesetz selbst in die Hand nehmen.

Der „Geheimbund der Rose“ ist ein sehr unterhaltsamer TV-Film, der aufgrund seiner guten Schauspieler besser als vergleichbare B-Pictures ist und allemal einen Blick wert ist.

In Hollywood ist seit Jahren ein Remake des Bestseller-Romans von David Morrell, dem Erfinder von „Rambo“, im Gespräch.

Geheimbund der Rose (Brotherhood ot the Rose, USA 1988)

Regie: Marvin J. Chomsky

Drehbuch: Gy Waldron

LV: David Morrell: The Brotherhood of the Rose, 1984 (Der Geheimbund der Rose)

mit Peter Strauss, Robert Mitchum, David Morse, Connie Sellecca, James B. Sikking, M. Emmet Walsh, James Hong

DVD

Koch Media

Bild: 1.33:1 (4:3)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: –

Länge: 181 Minuten (2 DVD)

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Geheimbund der Rose“

Homepage von David Morell

Meine Besprechung von David Morrell „Level 9“ (Scavenger, 2007)

Meine Besprechung von David Morrells „Creepers“ (Creepers, 2005)

Meine Besprechung von David Morrells „Captain America: Der Auserwählte“ (Captain America: The Chosen, 2007/2008)

David Morrell in der Kriminalakte


DVD-Kritik: „Verdict Revised – Unschuldig verurteilt“, die zweite Runde

Februar 1, 2012

Inzwischen hat sich der Kurs von Universitätsprofessor Markus Haglund wohl soweit etabliert, dass er eine Mischung aus Forschungsprojekt und Pro-Bono-Anwaltskanzlei wurde. Jedenfalls suchen Haglund und seine Studenten Roger Andersson, Fia Jönsson, Belal Al-Mukthar und  Anna Sjöstedt, die inzwischen an ihrer Promotion arbeitet, immer noch nach Menschen, die wahrscheinlich unschuldig verurteilt im Gefängnis sitzen. Manchmal kommen die Fälle auch zu ihnen. Und dann versuchen sie den wahren Täter zu finden.
Die gut konstruierten Fälle der schwedischen Krimiserie „Verdict Revised – Unschuldig verurteilt“ (auch wenn für den krimierfahrenen Zuschauer der Täter oft ziemlich schnell offensichtlich ist) bieten einen ordentlichen Querschnitt durch die möglichen Delikte.
Meistens geht es natürlich um Mord, auch mal um fahrlässige Tötung, aber auch Vergewaltigung, Entführung, der Überfall auf ein Juweliergeschäft sind Straftaten mit denen Haglund und seine Studenten sich beschäftigen. Weil bereits von der Polizei ein Täter ermittelt und von einem Richter verurteilt wurde, scheiden die offensichtlichsten Spuren und Tatverdächtigen aus. Entsprechend überraschend entwickelt sich die Handlung, wenn in „Was ist los mit Markus?“ aus einem schnöden Überfall ein Familiendrama, oder in „Mutter hinter Gittern“ aus einer fahrlässigen Tötung wegen Tablettenmissbrauch ein ausgewachsenes Mordkomplott wird.
Auch in „Bücher und Mörder“ über eine ermordete Bestsellerautorin und „Der alte Mann und das Geld“ über einen ermordeten, vermögenden Geizhals und seinen spurlos verschwundenen Sohn, ist alles ganz anders, als es auf den ersten Blick scheint.
Gut, das ist für einen Krimi nichts außergewöhnliches, eher sogar eine Standardanforderung, aber hier sind den Machern von „Verdict Revised“ für eine 45-minütige Folge einige hübsche Plottwists gelungen.
Dagegen ist „In Todesangst“ erstaunlich schwach. Denn während der Geiselnahme verhalten sich alle doch etwas dumm. Der Geiselnehmer will nur mit Haglund reden. Die Geiseln, Roger, Fia, Belal und Tomas Thomén, der Institutsleiter und Punchingball von Haglund, verhalten sich, vor allem nachdem Fia angeschossen wird, merkwürdig passiv. Und die Polizei? Nun, sie belagert das Haus und der Einsatzleiter möchte es gerne auf die altmodische Art stürmen. Gut, dass Haglund am Ende auftaucht und in wenigen Sekunden die Situation entschärft. Das ist weder besonders glaubwürdig, noch spannend.
In der nächsten Folge „Der Tod macht Visite“ liegt Fia im Krankenhaus. Aber anstatt sich zu erholen, glaubt sie, dass ihre Zimmernachbarin ermordet wurde. Die Story ist zwar arg vorhersehbar, auch weil der Täter von Anfang an bekannt ist, aber dafür gibt es viel Krankenhaus-Atmosphäre und Fia und Roger kommen sich näher.
Im Gegensatz zur ersten Staffel, die gegen Ende zunehmend soapiger wurde, wird jetzt – zum Glück – fast vollkommen auf private Plots verzichtet und auch Haglund und seine Studenten sind meistens nicht persönlich in die Fälle involviert. Aber sie begeben sich mehrmals in Lebensgefahr. Mal wissentlich, mal unwissentlich.
Schade ist allerdings, dass Haglund in der zweiten Staffel von „Verdict Revised – Unschuldig verurteilt“ kaum noch auftaucht. Denn er ist, wundervoll garstig gespielt von Mikael Persbrandt (Kommissar Beck, In einer besseren Welt), der Grund, sich die Serie anzusehen. Aber in der zweiten, wieder aus zwölf Episoden bestehenden Staffel, schleicht er nur ab und zu durch sein Haus, bemüht sich möglichst stinkstiefelig zu sein und derangiert-betrunken auszusehen. Seine Rolle ist in fast allen Folgen so klein geraten, dass sie auch ohne Verluste wegfallen könnte.
Insgesamt ist „Verdict Revised – Unschuldig verurteilt“ eine grundsolide Serie, die sich, aufgrund ihrer Prämisse, etwas abseits der eingefahrenen Gleise bewegt und kurzweilig unterhält.
Nach dem momentanen Stand der Dinge endet die Serie mit diesen zwölf Fällen. Anscheinend waren die Kosten zu hoch und natürlich ist es schlecht, wenn der Hauptdarsteller die meiste Zeit durch Abwesenheit glänzt.

Verdict Revised – Unschuldig verurteilt: Staffel 2 (Oskyldigt dömd, Schweden 2009)
Erfinder: Johann Zollitsch
mit Mikael Persbrandt (Markus Haglund), Sofia Ledarp (Fia Jönsson), Helena af Sandeberg (Anna Sjöstedt), Francisco Sobrado (Belal Al-Mukthar), Leonard Terfelt (Roger Andersson), Marie Richardson (Ulrika Stiegler), Anja Lundkvist (Caroline Gustavsson), Magnus Mark (Tomas Thomén)

DVD
Edel:motion
Bild: Pal 16:9 (Widescreen)
Ton: Deutsch, Schwedisch (Dolby Digital 2.0 Stereo)
Untertitel: –
Bonusmaterial: –
Länge: 521 Minuten (4 DVDs)
FSK: ab 16 Jhare

Die Fallbesprechungen im zweiten „Verdict Revised“-Seminar
Lockvogel (Stora skuggan)
Regie: Daniel di Grado
Drehbuch: Thomas Borgström

Die Farbe des Todes (Alba Femina)
Regie: Daniel di Grado
Drehbuch: Thomas Borgström, Sara Heldt

Gefangen oder tot (Hotad Åklagare)
Regie: Daniel di Grado
Drehbuch: Thomas Borgström, Sara Heldt

Was ist los mit Markus (Nowak & Nowak)
Regie: Daniel di Grado
Drehbuch: Thomas Borgström, Sara Heldt

Mutter hinter Gittern (Goda grannar)
Regie: Niklas Ohlson
Drehbuch: Thomas Borgström, Sara Heldt

Bücher & Mörder (Stalkern)
Regie: Niklas Ohlson
Drehbuch: Thomas Borgström, Sara Heldt

Der Nigger (Kinnaberg)
Regie: Niklas Ohlson
Drehbuch: Thomas Borgström, Sara Heldt

In Todesangst (Gisslan)
Regie: Niklas Ohlson
Drehbuch: Sara Heldt

Der Tod macht Visite (Nattrond)
Regie: Richard Holm
Drehbuch: Thomas Borgström

Der alte Mann und das Geld (Pengafällan)
Regie: Richard Holm
Drehbuch: Thomas Borgström, Sara Heldt

Armes reiches Mädchen (Kidnapped)
Regie: Richard Holm
Drehbuch: Thomas Borgström, Sara Heldt

Mittsommertod (Okänt Vittne)
Regie: Richard Holm
Drehbuch: Thomas Borgström, Sara Heldt

Hinweise

Wikipedia über „Verdict Revised – Unschuldig verurteilt“ (deutsch, englisch, schwedisch)

ZDFneo über „Verdict Revised – Unschuldig verurteilt“

FAZ: Hannes Hintermeier über „Verdict Revised – Unschuldig verurteilt“ (18. Juli 2011)

Evolver: Marcel Feige über „Verdict Revised – Unschuldig verurteilt“ (30. Oktober 2011)

Meine Besprechung von „Verdict Revised – Unschuldig verurteilt: Staffel 1“


DVD-Kritik/Blu-ray-Kritik: Der immer noch frische Nouvelle-Vague-Klassiker „Außer Atem“

Januar 18, 2012

Dass Jean-Luc Godards Debütfilm „Außer Atem“ ein Klassiker ist, dürfte wohl kaum jemand bestreiten; ein Film der in jedem ernst zu nehmendem Filmkanon auftaucht und es auch in den inzwischen wohl weitgehend vergessenen Filmkanon der Bundeszentrale für politische Bildung von 2003 schaffte.
Dass „Außer Atem“ viele Regisseure beeinflusste, dürfte auch bekannt sein. In der Doku „Godard: Made in USA“ erzählen Robert Benton, Arthur Penn, William Friedkin, Peter Bogdanovich, Paul Schrader, Brian de Palma und James Gray, wie Godard sie beeinflusste.
Dass Jean-Paul Belmondo mit „Außer Atem“ seine Karriere begann, in der er, neben Alain Delon, einer der großen Stars des französischen Kinos der sechziger und siebziger Jahre wurde, ist ebenfalls bekannt. Auch dass das Spätwerk von Belmondo und Delon nicht mit ihrem Frühwerk mithalten kann.
Aber ist ein über fünfzig Jahre alter Film, der die Nouvelle Vague mitbegründete und der Nukleos für verschiedene Entwicklungen war, heute immer noch sehenswert? Ist das, was damals als Neuerung erkannt und bejubelt wurde, heute nicht hoffnungslos veraltet, naiv und anachronistisch?


Nun, „Außer Atem“ ist nichts davon. Der Film hat eine heute immer noch mitreisende Energie, die von der Experimentierfreude der Beteiligten, von den Kürzungen, die Godard machen musste, und den Darstellern, vor allem Jean-Paul Belmondo als Michel Poiccard und Jean Seberg als Patricia Franchini, kommt.
Michel ist ein Kleingangster, der ungefähr jedem zweiten Rock hinterhersteigt. Aber in die Amerikanerin Patricia hat er sich verliebt. Er weiß auch nicht warum. Aber er will unbedingt bei ihr bleiben. Die Sorbonne-Studentin, die auch als Journalistin arbeitet und die New York Herald Tribune verkauft, findet ihn wohl eher „interessant“.
Als er ein geklautes Auto von Marseille nach Paris fährt, wird er von einem Polizisten erwischt, tötet ihn (obwohl wir die Tat nie sehen) und taucht in Paris bei ihr unter. Während er auf das Geld von einem Freund wartet, verbringt er die Tage mit ihr. In einem kleinen Hotelzimmer und ständig miteinander redend. Sie geht zu einem Interview mit dem bekannten Autor Parvulesco (gespielt von Jean-Pierre Melville), erfährt, dass ihr Liebhaber von der Polizei gesucht wird, verrät ihn und Michel wird auf der Flucht erschossen.
Das ist nicht viel Story. Das meiste ist improvisiert. Was hier bedeutet, dass Godard die Texte erst kurz vor dem Dreh schrieb und den Schauspielern teils während des Drehs zuflüsterte. Die Vorbilder aus den USA sind deutlich zu erkennen. „Außer Atem“ ist die französische Variante eines Hollywood-Gangsterfilms, eines Noirs, die Geschichte einer unglücklichen Liebe von einem Mann zu einer Femme Fatale.
Es ist aber auch der Aufbruch zu einem neuen Kino, das bereits viele Merkmale von Jean-Luc Godards späteren Filmen hat, wie die endlos-ziellosen Dialoge, die zwischen Tiefsinn und Dadaismus pendeln, die regelbrechende Kamera und dem Verweigern von bekannten Genrekonventionen.
Gleichzeitig, in einer Mischung aus Improvisation beim Drehen, langen, ungeschnittenen Szenen, in denen die Kamera sich teils schwerelos durch den Raum bewegt, einem Vernachlässigen der Continuity (die ja darauf aufpasst, dass die Anschlüsse stimmen und Gläser nicht mal leer, mal voll sind) und einem kräftigen Kürzen der ersten Schnittfassung entstand dann diese nervöse Energie, die einfach über Anschlussfehler und damals in der Filmsprache verbotenen Jump Cuts hinwegsah.
Damals brachte „Außer Atem“, wie auch die anderen Filme der Nouvelle Vague, frischen Wind in das verstaubte Kino der Väter.
Heute; nun, heute wirkt „Außer Atem“ immer noch wie eine frische Brise, die zeigt, was möglich ist.

Das Bonusmaterial

Das reichhaltige Bonusmaterial der Blu-Cinemathek-Ausgabe ist exzellent. Es gibt eine knapp fünfminütige Einführung von Colin McCabe zum Film, die gut achtzigminütige SW-Dokumentation „Zimmer 12: Hotel de Suède“ (Frankreich, 1993) von Claude Ventura und Xavier Villetard, die kurz vor dem Abriss des Hotels, in dem die langen Gespräche zwischen Belmondo und Seberg stattfanden, sich leicht prätentiös auf Spurensuche begaben und viele Interviews mit damals am Film Beteiligten machten, die fünfzigminütige, filmhistorisch sehr spannende Doku „Godard: Made in USA“ (Frankreich, 2009) von Luc Lagier über Godards Besuche und Arbeit in den USA und, mit zahlreichen Interviews mit US-Regisseuren, über seinen Einfluss auf ihre Arbeit, und die knapp achtminütige leicht experimentelle Annäherung „Luc und wie er Jean-Luc sieht“ von Godard-Freund und -Kenner Luc Moullet für Arte Kurzschluss.
Dazu gibt es noch eine umfangreiche Bildergalerie, einige Filmplakate (Nostalgia rules!) und den Trailer, der auch ein kleines Kunstwerk und „sehr Godard“ ist.

Außer Atem (À bout de souffle, Frankreich 1960)
Regie: Jean-Luc Godard
Drehbuch: Jean-Luc Godard (nach einer Geschichte von Francois Truffaut)
Buch zum Film: Claude Francolin: À bout de souffle, 1960 (Außer Atem)
mit Jean-Paul Belmondo, Jean Seberg, Daniel Boulanger, Jean-Pierre Melville, Henri-Jacques Huet, Van Dode, Jean-Luc Godard, Roger Hanin

DVD
Studio Canal/Arthaus – Blu Cinemathek
Bild: 1,33:1 (1080/24p Full HD)
Ton: Deutsch, Französisch, Spanisch (Mono DTS-HD Master Audio)
Untertitel: – (obwohl „Deutsch, Englisch, Holländisch, Japanisch, Portugiesisch, Spanisch, Türkisch“ angekündigt sind)
Bonusmaterial: Filmpräsentation von Colin McCabe, Godard: Made in USA, Zimmer 12: Hotel de Suède, Luc und wie er Jean-Luc sieht, Fotogalerie, Trailer, Filmplakate
Länge: 90 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Arte zum Film (mit einem Interview mit Jean-Luc Godard)

Filmzentrale mit mehreren Besprechungen über „Außer Atem“: Behrens, Kreimeier, Richter

Senses of Cinema über Jean-Luc Godard

Die Zeit (Katja Nicodemus) redet mit Jean-Luc Godard: „Kino heißt streiten“

Jean-Luc Godard in der Kriminalakte


DVD-Kritik: „Trust“ – oder Von der Zerstörung einer normalen Familie

Januar 9, 2012

Nach der Inhaltsangabe und dem Trailer erwartete ich eine Action-haltige „Ein Mann sieht rot“-Variante mit Clive Owen als rot sehendem Papa. Immerhin hat er unter anderem in „Shoot ‚em up“ bewiesen, dass er Action kann und auch in „Duplicity“, „The International“, „Children of Men“, „Inside Man“, „Sin City“ und „Die Bourne Identität“ (vor allem seine Texte!) gefiel er mir.
Aber „Trust – Die Spur führt ins Netz“ ist kein Action-Thriller und für die „Ein Mann sieht rot“-Fraktion hat er auch nichts zu bieten. Es ist ein Drama in dem ein Pädophiler eine ganz gewöhnliche Mittelstandsfamilie, in der die liberalen Eltern eine vertrauensvolle Beziehung zu ihren Kindern haben, zerstört.
Dieser nähert sich der 14-jährigen Annie (Liana Liberato in ihrem Spielfilmdebüt) als Internet-Bekanntschaft. Sie chattet mit ihm. Er gibt ihr gute Hinweise und sie hält ihn für einen klugen Gleichaltrigen. Dann verrät er ihr, dass er bereits mit der Schule fertig ist und studiert. Sie akzeptiert das. Sie verabreden sich. Sie sieht schockiert, dass er auch das Studium schon lange hinter sich hat. Dass er ihr Vater sein könnte. Trotzdem, immerhin kennt sie ihn ja aus dem Netz, gehen sie auf ein Hotelzimmer und er kann sie zum Sex überreden, den er heimlich filmt.
Als ihre Eltern Will (Clive Owen) und Lynn (Catherine Keener) das herausfinden, gehen sie gleich zur Polizei. Ihre Tochter ist damit nicht einverstanden. Denn sie liebt Charlie (Chris Henry Coffey) und kann nichts böses in seinen Taten entdecken.
Ab jetzt zeigt Regisseur David Schwimmer, der vor allem durch seine langjährige Rolle in der TV-Serie „Friends“ bekannt ist, in bedrückenden Szenen und beeindruckend konsequent, wie der Missbrauch von Vertrauen eine Familie zerstört und wie die Eltern, vor allem der Vater, versuchen damit umzugehen, dass sie ihre Tochter nicht beschützen konnten.


Regisseur David Schwimmer, die treibende Kraft hinter dem Projekt, wurde für den Film durch seine jahrelange Arbeit für das Rape Treatment Center in Santa Monica, wo er viele Opfer, Therapeuten und Polizisten kennenlernte, inspiriert. Im Bonusmaterial erwähnt Schwimmer vor allem die ihn sehr beeindruckende Schilderung eines Vaters, dessen Tochter vergewaltigt wurde, und wie er versuchte damit umzugehen.
Clive Owen, selbst Vater von zwei Kindern, die ungefähr in Annies Alter sind, war, wie man im „Making of“ und den Interviews erfährt, sofort begeistert von dem Drehbuch, das ihm eher eine Nebenrolle gibt und, ohne zu predigen, die verschiedenen Facetten einer solchen Tat zeigt. Dazu gehört neben der Arbeit von Polizisten und Therapeuten, auch die Hilflosigkeit der Eltern und des Opfers.
Dank des guten Drehbuchs, der guten Schauspieler und der zurückhaltenden Regie zeigt „Trust – Die Spur führt ins Netz“ eindrucksvoll und nachhaltig, was ein Missbrauch für die Betroffenen bedeutet, wie hilflos sie sind und man hört die „Es war Liebe“-Bekundungen von älteren Männern mit Minderjährigen mit anderen Ohren.
Ich hatte WamBam-Action erwartet und etwas viel besseres bekommen: ein zum Nachdenken anregendes Drama.

Trust – Die Spur führt ins Netz (Trust, USA 2010)
Regie: David Schwimmer
Drehbuch: Andy Bellin, Robert Festinger
mit Clive Owen, Catherine Keener, Liana Liberato, Jason Clarke, Noah Emmerich, Viola Davis

DVD
Koch Media
Bild: 2,35:1 (16:9)
Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1; DTS), Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Making of (17 Minuten), Interviews (13 Minuten), Behind the Scenes (3 Minuten), Outtakes/Geschnittene Szenen (6 Minuten), Deutscher und englischer Trailer, Wendecover
Länge: 101 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Wikipedia über „Trust“ (deutsch, englisch)
Rotten Tomatoes über „Trust“
Collider Interview mit David Schwimmer über „Trust“ (30. März 2011)

BBC: Interview mit David Schwimmer über „Trust“ (8. Juli 2011)


Jack Ketchums „Beuterausch“ und Lucky McKees “The Woman“ oder Die dünne Firnis der Zivilisation

Dezember 28, 2011

Beuterausch“. Fans von Jack Ketchum ahnen schon beim Titel, dass er in seinem neuesten Roman wieder die Welt von „Beutezeit“ (Off Season, 1980) und „Beutegier“ (Offspring, 1991), in der es um einen in der Wildnis von Maine lebenden Kannibalenclan und dessen Begegnungen mit der Zivilisation geht, betritt und dass die Geschichte nichts für zartbesaitete Seelen ist. Immerhin hielt die Zeitschrift „Village Voice“ „Beutezeit“ für „violent pornography“ (das muss ich wohl nicht übersetzen, oder?), der Kultstatus folgte schnell und heute hat der Horrorroman Buch durchaus Klassikerstatus.

The Woman“ heißt die Verfilmung von „Beuterausch“. Wobei Verfilmung etwas ungenau in. Denn Jack Ketchum schrieb zusammen mit Regisseur Lucky McKee (von dem die grandiose Ketchum-Verfilmung „Red“ ist) das Drehbuch, das zeitgleich mit dem Roman entstand. Belesene Filmfans werden sich jetzt an Graham Greenes „Der dritte Mann“ erinnern, bei dem der Romanautor parallel zu seinem Drehbuch, um seine Charaktere besser kennenzulernen, eine Romanfassung schrieb.

Insofern unterscheidet sich die Geschichte von „Beuterausch“ und „The Woman“ nur in Nuancen. Beide Male wird erzählt, wie der Familienvater und Kleinstadtanwalt Chris Cleek auf einem Jagdausflug eine in der Wildnis lebende Frau entdeckt, sie gefangen nimmt, im Keller seines einsam gelegenen Hauses einsperrt und zivilisieren will. Seine Familie soll ihm dabei helfen. Widerspruch duldet der Hausherr bei seinem Vorhaben nicht.

Dank der Unterschiede zwischen Buch und Film gibt es dann doch einige sehr interessante Verschiebungen.

So erzählt Ketchum die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven; auch aus der Sicht der Gefangenen. In McKees Film muss Pollyanna McIntosh, die die Gefangene spielt, das alles mit ihrer Mimik und, weil sie die meiste Zeit des Films gefesselt in einem Keller ist, mit eingeschränkter Gestik erledigen. Bis auf einige gutturale Geräusche sagt sie nichts. Für den Hausherrn ist sie vor allem die bedrohliche Wilde, die nur an ihrem Überleben interessiert ist, und zivilisiert werden muss. Für die restliche Familie ist sie, wie für uns Zuschauer, in verschiedenen Abstufungen, die edle Wilde, auf die wir unsere Fantasien von einem freien Leben in der Natur projezieren können. Jedenfalls wenn wir die Bücher von Jack Ketchum nicht kennen und daher nicht wissen, dass sie sich auch von Menschenfleisch ernährt.

Im Film ist die Wandlung des Biedermanns und geachteten Anwalts Chris Cleek zum Monster erschreckender. Denn auch wenn er am Anfang vielleicht etwas merkwürdig wirkt, ist er doch der nette Nachbar, der der Wilden helfen will. Immerhin ist doch nichts dagegen einzuwenden, wenn man versucht, jemand zu zivilisieren. Die Lebensgeschichten von Kaspar Hauser und Victor de l’Aveyron (die Francois Truffaut in dem wundervollen Film „Der Wolfsjunge“ verfilmte) sind Beispiele dafür.

Nur dass Cleeks Familie immer etwas zu traurig und zu ängstlich durch das einsam gelegene Haus schleicht, könnte einem in der ersten Hälfte des Films zu Denken geben. Denn bis auf die kleinste Tochter ist kein Funken Lebensfreude in der Familie. Warum versteht man spätestens im Finale, wenn all die schmutzigen Geheimnisse der Cleek-Familie bekannt werden.

Gerade wie sehr die Verhältnisse der einzelnen Charaktere von Gewalt, sexuellem Verlangen und Angst bestimmt sind, wird im Buch von der ersten Seite an noch deutlicher als im Film. Denn in „The Woman“ geht es vor allem um Gewalt. In „Beuterausch“ um Gewalt und Sex in seinen verschiedenen Konnotationen und Formen. Damit wirkt der Roman noch düsterer als der Film.

Wenn am Ende, nachdem die Gefangene sich befreien kann, dann die dünne Schicht der Zivilisation endgültig aufbricht und die aufgestauten Gefühle sich in einem wahren Schlachtfest entladen, spritzt das Blut über die Leinwand, die Gedärme werden auf der Farm großflächig verteilt und die FSK-18-Freigabe wird verständlich. Bei der Premiere während des Sundance Filmfest sollen etliche Zuschauer und Kritiker den Saal verlassen haben bei dieser deftigen und kompromisslosen Zivilisationskritik.

Dabei ist „The Woman“ noch die entschärfte Version des Romans. Denn in einem Roman kann man Dinge schreiben, die man so nicht zeigen kann.

 

Das Bonusmaterial

 

Für einen kleinen Film ist das Bonusmaterial erfreulich umfangreich ausgefallen. Im Zentrum stehen dabei das „Making of“ und „Behind the Scenes“, die in einer kurzweiligen, fast halbstündigen Mischung aus Blick hinter die Kulissen der Produktion und informativen Statements der Beteiligten (wozu auch Jack Ketchum gehört) gefällt. Die „Entfallenen Szenen“ wurden wahrscheinlich nur herausgeschnitten, um den Film etwas kürzer zu machen. Denn keine dieser Szenen wäre im Film unangenehm aufgefallen.

Auch im Buch gibt es Bonusmaterial. Nämlich die Kurzgeschichte „Das Vieh“, die erzählt, was nach dem Ende von „The Woman“ geschieht.

Jack Ketchum/Lucky McKee: Beuterausch

(übersetzt von Marcel Häußler)

Heyne, 2012

288 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

The Woman

Dorchester Publishing, New York 2011

Verfilmung

The Woman (The Woman, USA 2011)

Regie: Lucky McKee

Drehbuch: Jack Ketchum, Lucky McKee

mit Pollyanna McIntosh, Sean Bridgers, Angela Bettis, Lauren Ashley Carter, Carlee Baker, Alexa Marcigliano, Zach Rand, Shyla Molhusen

DVD

Capelight

Bild: 1,78:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch, Englisch

Bonusmaterial: Making of, Behind the Scenes, Entfallene Szenen, Kinotrailer, Kurzfilm „Burro Boy“ von Zach Passero (produziert von Lucky McKee), Wendecover

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über „The Woman“

Rotten Tomatoes über „The Woman“

 Horror Pilot: Interview mit Lucky McKee zu „The Woman“

Horror Pilot: Interview mit Jack Ketchum zu „The Woman“

Dark Scribe Magazine: Interview mit Jack Ketchum (Teil 1, Teil 2, August 2008)

Homepage von Jack Ketchum

Meine Besprechung von „Red“ (DVD)

Meine Besprechung von „Jack Ketchum’s The Lost“ (DVD)

Kriminalakte: Interview mit Jack Ketchum

Meine Besprechung von Jack Ketchums „The Lost“ (The Lost, 2001)

Meine Besprechung von Jack Ketchums “Amokjagd” (Joyride, 1995)

Meine Besprechung von Jack Ketchums “Blutrot” (Red, 1995)

Meine Besprechung von Jack Ketchums “Beutegier” (Offspring, 1991)

Jack Ketchum in der Kriminalakte

Und hier gibt es die bemerkenswert gut dokumentierte Sundance-Kontroverse

 

 


DVD-Kurzkritik: Mex-Horror mit „Wir sind was wir sind“

Dezember 19, 2011

Ein Film, bei dem die für die Zuschauer große Überraschung im Film lange verschwiegen, aber in jeder Ankündigung verraten wird, hat ein Problem. Dabei ist das Problem nicht, dass, wie in „Wir sind was wir sind“, verraten wird, dass die im heutigen Mexiko City ärmlich lebende vierköpfige Familie, um die sich die Geschichte dreht, Menschenfleisch isst, sondern dass der Film neben dieser Idee keine andere Idee hat.

Denn mit diesem Wissen, fragt der aufmerksame Zuschauer sich beim Ansehen von „Wir sind was wir sind“ nicht mehr „Wie überlebt die Familie?“, sondern „Wie überlebt die Kannibalenfamilie?“. Aber bis es darauf eine Antwort gibt, wird endlos lange deren ärmliches Leben gezeigt, sich angeschwiegen und geheimnisvoll-bedeutungsschwanger von einem Ritual gemunkelt, für dessen ordnungsgemäßen Ablauf, nach dem Tod des Vaters, der älteste Sohn sorgen soll. Doch er hat nicht die Nerven dazu, unauffällig Menschenfleisch zu besorgen. Entsprechend hilflos sind seine ersten Versuche und wenn dann am Ende das schändliche Treiben der Familie auffliegt, wird das so krude zusammengepappt, dass man sich wirklich nicht fragen sollte, wie eine so dusselige Familie so lange unerkannt ihr verbrecherisches Tun verfolgen konnte und woher plötzlich alle in dem Viertel Lebenden davon wissen.

Ohne die Idee, die Familie zu einer Kannibalenfamilie zu machen, wäre „Wir sind was wir sind“ einfach nur ein zäher, deprimierender Film über den täglichen Überlebenskampf der Armen in einer südamerikanischen Großstadt. Mit der Idee, dass Menschen Menschen essen, um zu überleben, wird die Sozialkritik dann halt noch offensichtlicher als sie eh schon ist. Wobei das schon lange nicht mehr besonders originell ist. Denn in jedem zweiten Zombie-Film wird dem geneigten Publikum diese gesellschaftskritische Interpretation angeboten.

Aber weil in Jorge Michesl Graus Spielfilmdebüt die Familie das schon so lange macht, dass es zu einem Familienritual werden konnte, ist es vielleicht auch einfach nur deren ‚way of life‘, zu dem fressen und gefressen werden dazu gehört und die Opfer gerne noch eine Stufe tiefer auf der sozialen Leiter gesucht werden. Denn wer, so sagen sich die Kannibalen, vermisst schon eine Prostituierte?

Wir sind was wir sind (Somos lo que hay, Mexiko 2010)

Regie: Jorge Michel Grau

Drehbuch: Jorge Michel Grau

mit Francisco Barreiro, Alan Chávez, Paulina Gaitán, Carmen Beato, Jorge Zárate, Esteban Soberánes

DVD

Alamode

Bild: 2,35:1

Ton: Deutsch, Spanisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial (angekündigt): Kurzfilm „Mi Hermano“, Making of, Behind the Scenes, Trailer

Länge: 90 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Wir sind was wir sind“

Rotten Tomatoes über „Wir sind was wir sind“

Wikipedia über „Wir sind was wir sind“ (englisch, spanisch)

 


DVD-Kritik: „Nordlicht – Mörder ohne Reue“ oder Spannung ohne Reue

Dezember 16, 2011

Nachdem nördlich von Kopenhagen mehrere im Wald vergrabene Leichen entdeckt werden, glaubt die junge, impulsive Leiterin der Mordkommission, Katrine Ries Jensen (Laura Bach), dass sie einen Serienkiller jagt. Fachliche Hilfe erhofft sie sich von dem verheirateten Psychologen Thomas Schaeffer (Jakob Cedergren), der früher schon die Polizei beriet, deshalb bei Katrines Chef schlecht angesehen ist und der jetzt als Uni-Prof Studenten bespaßt. Sie finden schnell zusammen und Thomas Schaeffer darf als ständiger Berater bei den Ermittlungen dabei sein.

Wer jetzt auf eine dänische Variante von „Für alle Fälle Fitz“ (Cracker) hofft, wird mit „Nordlicht – Mörder ohne Reue“ wenig Freude haben. Dafür ist Thomas zu brav und die Polizisten, bis auf Katrine, zu austauschbar-unscheinbar. Entsprechend reibungslos funktioniert die polizeiliche Teamarbeit. Den Fans von „Hautnah – Die Methode Hill“ und selbstverständlich den Fans von US-Krimiserien, in denen der Krimi-Plot und das Erzähltempo hoch, die psychologische Tiefe eher gering ist, dürfte die Serie eher gefallen. Denn wenn in „Nordlicht – Mörder ohne Reue“ das Privatleben von Katrine und Thomas angesprochen wird, wenn sie sich in einen Mann verliebt, dann hat das, wie in „Der Wolf im Schafspelz“, auch etwas mit der Mörderjagd zu tun. Dass dabei die „Wer ist der Täter?“-Frage meistens zugunsten des Thriller-Plots beantwortet wird, tut der Spannung keinen Abbruch. Im Gegenteil. Denn wenn so gekonnt wie in „Nordlicht – Mörder ohne Reue“ an der Spannungsschraube gedreht wird, vergehen die jeweils knapp neunzig Minuten wie im Flug.

In den ersten sechs Fällen jagen Katrine und Thomas zwar normalerweise Serienmörder, aber die ausgelutschtesten Serienkillerklischees werden weitgehend vermieden. In „Das Glück der Familie“ bringt ein Mann seine Traumfamilien um, wenn sie sich gegen ihn stellen. Jetzt hat er eine neue Traumfamilie gefunden. In „Aufstand in Block B“ wird im Gefängnis ein Afrikaner ermordet. Kurz darauf geschieht ein zweiter Mord und wieder wurde das Opfer kunstvoll präpariert. Der einflussreiche Gefangene Hoeg (hübsch dämonisch gespielt von dem auch bei uns bekannten Ulrich Thomsen) bietet Thomas einen Handel an: Informationen über den Täter gegen Informationen über Thomas‘ Vergangenheit.

In „Bandenkrieg“ geht Thomas Undercover – und die Serie „Nordlicht“ wird vom Profiler-Krimi zum Cop-Thriller, in dem es um Loyalitäten und auch die Liebe von Vätern zu ihren Kindern geht. Denn der russische Gangsterboss Jacovski (Kim Bodnia) ist auch ein überaus liebevoller Vater – und Thomas fragt sich, wie wichtig ihm sein eigener Sohn ist.

In der sechsten und bislang letzten Episode „Schatten der Vergangenheit“ wird Thomas mit einem alten Fall konfrontiert: damals hatte er einen Kriegsveteranen psychologisch betreut. Jetzt ist dieser nach sechs Jahren aus der Haft entlassen worden und er setzt seine Gewaltfantasien in die Tat um. Außerdem glaubt er, dass Thomas ihn verraten habe.

Die Folge endet mit einem Knall – und weil „Nordlicht – Mörder ohne Reue“ in Dänemark so unglaublich erfolgreich war, arbeiten die Macher bereits an weiteren Folgen.

Es ist zu hoffen, dass sie dann das Niveau halten. Denn die sechs Folgen sind in erster Linie gutes Spannungshandwerk, das auf den ersten Blick nicht innovativ oder sozialkritisch (was für einen Skandinavien-Krimi allerdings schon eine halbe Sensation ist) ist. Auch die psychologischen Erklärungen für die Taten fallen denkbar knapp aus. Es ist einfach nur spannende, kurzweilige Unterhaltung und damit viel mehr, als die heimischen Sender bieten.

Nordlicht – Mörder ohne Reue (Den som dræber, Dänemark 2011)

Erfinder: Elsebeth Egholm, Stefan Jaworski

mit Laura Bach (Katrine Ries Jensen), Jakob Cedergren (Thomas Schaeffer), Lars Mikkelsen (Magnus Bisgaard), Lærke Winther Andersen (Mia Vogelsang), Frederik Meldal Nørgaard (Stig Molbeck), Iben Dorner (Benedicte Schaeffer)

DVD

Edel

Bild: 16:9

Ton: Deutsch, Dänisch (Dolby Digital 2.0 Stereo)

Untertitel: –

Bonusmaterial: –

Länge: 540 Minuten (sechs spielfilmlange Krimis auf sechs DVDs)

FSK: ab 16 Jahre

Die Fälle von Katrine Ries Jensen und Thomas Schaeffer

Machtspiele (Liget i skoven)

Regie: Birger Larsen

Drehbuch: Rikke De Fine Licht, Siv Rajendram Eliassen, Stefan Jaworski

Das Glück der Familie (Utopia)

Regie: Niels Nørløv

Drehbuch: Rikke De Fine Licht, Torleif Hoppe, Per Daumiller, Siv Rajendram Eliassen

Aufstand in Block B (Ondt blod)

Regie: Niels Nørløv

Drehbuch: Rikke De Fine Licht, Siv Rajendram Eliassen

Bandenkrieg (Øje for øje)

Regie: Kasper Barfoed

Drehbuch: Morten Dragsted, Siv Rajendram, Karina Dam

Der Wolf im Schafspelz (Dødens kabale)

Regie: Kasper Barfoed

Drehbuch: Morten Dragsted, Siv Rajendram Eliassen

Die Schatten der Vergangenheit (Fortidens skygge)

Regie: Birger Larsen

Drehbuch: Morten Dragsted, Siv Rajendram Eliassen

Hinweise

ZDF über „Nordlicht – Mörder ohne Reue“

Wikipedia über „Nordlicht – Mörder ohne Reue“ (deutsch, dänisch)


DVD-Kritik: „Hammett“, ein Film von Wim Wenders, produziert von Francis Ford Coppola, nach einem Roman von Joe Gores

Dezember 14, 2011

So ganz unrecht haben die nicht, die meinen, ‚Hammett‘ sei Wenders‘ bester Film. Er ist aber zugleich, und so war das erste Urteil nicht ganz falsch, auch sein unpersönlichster“, fasste der Fischer Film Almanach damals, nachdem der Film im Mai 1982 in Cannes und im Oktober 1982 in Hof gezeigt und im Januar 1983 im Kino anlief, salomonisch die Diskussion im deutschen Feuilleton zusammen.

In seinem US-Debüt erzählt Wim Wenders eine erfundene Geschichte mit und über Dashiell Hammett. Der Ex-Privatdetektiv Hammett will sein Geld als Schriftsteller verdienen. Da wird er von seinem Ex-Kollegen Jimmy Ryan um Hilfe bei der Suche nach einer chinesischen Prostituierten gebeten. Schnell befindet Hammett sich in einem mörderischen Komplott, bei dem sein Leben keinen Cent mehr wert ist und das sehr an seine Geschichten, die alle von seiner Arbeit als Privatdetektiv beeinflusst waren, erinnert.

Mit „Hammett“ war Wenders in Hollywood angelangt. Nach „Alice in den Städten“, „Falsche Bewegung“, „Im Lauf der Zeit“ und „Der amerikanische Freund“ war er einer der anerkannten und auch beim Publikum beliebten Regisseure des Neuen Deutschen Films. Er hatte auch immer nach Hollywood geschielt. Am deutlichsten in seiner Patricia-Highsmith-Verfilmung „Der amerikanische Freund“ mit Dennis Hopper und den „Hollywood“-Regisseuren Nicholas Ray und Samuel Fuller.

Als dann der Ruf aus Hollywood von Francis Ford Coppola, der sein mit den ersten beiden „Paten“-Filmen und mit „Apocalypse Now“ verdientes Geld in seiner Produktionsfirma und Studio American Zoetrope investierte, kam, konnte Wim Wenders nicht absagen.

Denn Coppola schien ein Geistesverwandter zu sein. American Zoetrope war seine Vision eines Künstlerkollektivs, das auch die neuesten Techniken ausprobiert und die visionären Filme macht, die in den Hollywood-Studios nicht produziert wurden.

Das Wenders‘ angebotene Projekt, die Verfilmung eines hochgelobten Krimis von Joe Gores über Dashiell Hammett, der geschickt Fakten mit Fiktion verwebt, schien für Wenders, der auch ein Fan von Hammett und der Schwarzen Serie ist, ein Traumprojekt zu sein. Obwohl ein Noir eine erzählerische Disziplin erfordert, die Wenders sonst nicht hat.

Die Produktion des Filmes für Francis Ford Coppolas Zoetrope Studios war für Wenders eine ernüchternde Erfahrung. Denn im Gegensatz zu seinem Status als Autorenfilmer, der das Drehbuch schrieb und den Endschnitt hatte, war er in Hollywood Teil einer Maschinerie. Es gab mehrere verschiedene Drehbücher. Joe Gores schrieb die erste Fassung. Krimi-Autor Ross Thomas schrieb die letzte Fassung. Es gab, anderthalb Jahre nach dem Ende der Dreharbeiten einen exzessiven Nachdreh. Der Film wurde nicht, wie Wenders es gerne getan hätte, wie die Filme der Schwarzen Serie, in Schwarzweiß, sondern in Farbe gedreht. Er musste mit einem fremden Team arbeiten. Es gab mit Coppola Auseinandersetzungen über die Konzeption des Films. Während Wenders an „Hammett“ arbeitete, drehte die Dokumentation „Nick’s Film – Lightning Over Water“ und „Der Stand der Dinge“, seine persönliche Verarbeitung der desillusionierenden Dreharbeiten für „Hammett“. Denn Wenders hatte sich seine Ankunft in Hollywood ganz anders vorgestellt.

Als „Hammett“ in Cannes seine Premiere erlebte, waren die deutschen Kritiker, die von den Problemen gehört hatten, enttäuscht. Denn „Hammett“ ist viel näher an den Filmen der Schwarzen Serie, dem „Malteser Falken“ und „Tote schlafen fest“, als an „Falsche Bewegung“ und „Im Lauf der Zeit“. Von dem feinfühligen Seelenforscher, dem Chronisten von an sich zweifelnden Männern war in dieser Hollywood-Produktion, die auch noch in Kulissen gedreht wurde (obwohl Wenders normalerweise vor Ort dreht und auch „Hammett“ vor Ort drehen wollte) nichts zu spüren. Das Roadmovie „Paris, Texas“ war dann sein Amerika-Film, der die Kritiker zu Jubelstürmen hinriss.

Auch heute, fast dreißig Jahre nach der Premiere, ist „Hammett“ immer noch ein Solitär in Wenders‘ Filmographie. Danach drehte er „Paris, Texas“, „Der Himmel über Berlin“, die Fortsetzung „In weiter Ferne, so nah!“, das überlange „Bis ans Ende der Welt“, das zwiespältige „Am Ende der Gewalt“, die überraschend gelungene Post-9/11-USA-Bestandsaufnahme „Land of Plenty“, einige Werke, die ich inzwischen aus meinem Gedächtnis gelöscht habe, und zahlreiche, auch kommerziell überaus erfolgreiche Dokumentarfilme, wie „The Buena Vista Social Club“ und „Pina – ein Tanzfilm in 3D“.

Doch in keinem dieser Filme verschwand der Autorenfilmer Wim Wenders so sehr hinter dem Handwerker, der dann doch wieder einige persönliche Themen in einen Genrefilm schmuggelte.

Denn selbstverständlich ist der Privatdetektiv auch ein Alter ego des Künstlers in einer für ihn undurchschaubaren Welt. Das Verhältnis von Wirklichkeit und Fiktion und die Frage nach der Integrität Hammetts als Detektiv und Autor sind auch Fragen, mit denen Wim Wenders sich in seinen Filmen immer wieder beschäftigte.

In dem Edgar-nominierten „Hammett“ wird diese Geschichte als deutliche, zitatreiche Hommage an die Schwarze Serie, die vor lauter Stilbewusstsein vielleicht etwas museal daherkommt, erzählt. Aber trotzdem ist „Hammett“ heute ein Neo-Noir-Klassiker, dessen Qualitäten im Blick zurück und nicht nach vorne liegen.

Die DVD-Ausgabe ist arg sparsam ausgefallen. Sogar auf den Trailer wurde verzichtet. Dabei hätten Coppola und Wenders bei „Hammett“ sicher einiges erzählen können.

Hammett (Hammett, USA 1982)

Regie: Wim Wenders

Drehbuch: Ross Thomas, Dennis O´Flaherty, Thomas Pope

LV: Joe Gores: Hammett, 1975 (Dashiell Hammetts letzter Fall, Hammett)

Mit Frederic Forrest, Peter Boyle, Marilu Henner, Roy Kinnear, Elisha Cook, R. G. Armstrong, Samuel Fuller, Silvia Sydney, Jack Nance, Ross Thomas (einer der Männer im Sitzungszimmer)

DVD

Arthaus/StudioCanal

Bild: 1,85:1 (anamorph)

Ton: Deutsch (Mono DD), Englisch (Stereo DD)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Wendecover

Länge: 94 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Vorlage

Joe Gores: Hammett

G. P. Putnam’s Sons, 1975

Deutsche Ausgaben

Dashiell Hammetts letzter Fall (Goldmann Verlag, 1978)

Hammett (Unionsverlag, 2007, überarbeite Übersetzung)

Hinweise

Wikipedia über „Hammett“ (deutsch, englisch)

Homepage von Wim Wenders

Wim Wenders in der Kriminalakte

Wikipedia über Joe Gores

Thrilling Detective über Joe Gores

Joe Gores: Why I write Mysteries

Meine Besprechung von Joe Gores’ „Hammett“ (Hammett, 1975)

Mein Nachruf auf Joe Gores

Joe Gores in der Kriminalakte (mit viel Stoff zu und über Dashiell Hammett)

Dashiell Hammett in der Kriminalakte

Bonus

Wim Wenders beim New York Film Festival 2011

Bei Indiewire schreibt Edward Davis Bericht darüber. Es wurde auch über „Hammett“ gesprochen.

 


DVD-Kritik: „Wer ist Hanna?“ fragen sich nur die Zuschauer

Dezember 8, 2011

Es gibt einiges, das für „Wer ist Hanna?“ spricht. Die Besetzung (Eric Bana, Cate Blanchett, Martin Wuttke), die stilisierten Bilder, die Musik der Chemical Brothers, die oft angenehm altmodisch inszenierten Action-Szenen.

Aber trotzdem funktioniert „Wer ist Hannah?“, der erste Action-Film von Regisseur Joe Wright („Stolz und Vorurteil“, „Abbitte“) nicht. Denn auch wenn der Film immer wieder und überdeutlich als Märchen inszeniert ist, spielt er doch allzu erkennbar in der Gegenwart und in einem, dank geschickter Location-Wahl und kunstvoll hergerichteter Drehorte, arg schmuddeligem Berlin, das wie die schicke Version von John Carpenters „Die Klapperschlange“-Manhattan aussieht.

Und wir sollen glauben, dass ein Mädchen, das fünfzehn Jahre mit ihrem Vater Erik Heller (Eric Bana) in der finnischen Einöde, fernab von allen technischen Errungenschaften der letzten hundert Jahre, aufwuchs und von ihm zu einer Super-Kämpferin ausgebildet wurde, sich irgendwann gegen die böse CIA behaupten kann. Als Bettlektüre gibt es – Vorsicht, Symbolik! – „Grimms Märchen“. Jetzt ist die Sechzehnjährige überzeugt, dass sie alt genug ist, um den Kampf gegen die Mörderin ihrer Mutter, die CIA-Agentin Marissa Wiegler (Cate Blanchett als die böse Hexe mit Betonfrisur und viel Schminke) aufzunehmen.

Mit einem alten Funkgerät sendet sie ein Signal aus und schon holt eine Hundertschaft schwer bewaffneter Männer sie ab und fliegt sie in die geheime, unterirdische US-Hochsicherheitsanlage Camp G in Nordafrika. Sie bringt die CIA-Agentin Wiegler um (dummerweise ist es die Falsche, aber das erfährt Hanna erst viel später) und kann flüchten. Sie macht sich auf den Weg nach Berlin. Dort will sie ihren Vater wieder treffen. Wiegler und ein von ihr beauftragter tuntiger Killer, samt seinen Helfern im Skinhead-Nazi-Look, sind ihr auf den Fersen.

Auf ihrer Reise lernt Hanna, das Mädchen aus der Wildnis, verdammt schnell sich in der Gegenwart und in der lauten Großstadt zu behaupten. Das ist allerdings arg unglaubwürdig und wenn dann irgendwann erklärt wird, warum Wiegler sie umbringen will, glaubt man, dass die Macher einfach die Prämisse der Science-Fiction-TV-Serie „Dark Angel“ geklaut und in die Vergangenheit verlegt haben. Immerhin wurde das supergeheime Projekt, zu dem Hanna gehörte, Mitte der Neunziger Jahre beendet. Aber letztendlich ist das nicht mehr als ein austauschbarer MacGuffin.

Die darum gebaute, bemühte Rachestory erfüllt ihre Funktion als handlungstreibendes Element leidlich, was auch daran liegt, dass sie im Mittelteil des Films weitgehend von einem soapigen Reiseabenteuer, verknüpft mit einigen Coming-of-Age-Episoden, verdrängt wird. Denn Hanna ist bei einer supernetten englischen Familie, samt pubertierender, altkluger Tochter untergekommen.

Dazu gibt es einen leichten Jason-Bourne-Touch, viele Berlin-Bilder (und einem exzessiven Dreh im Spreepark), etwas „Aeon Flux“-Optik (vor allem wenn Hanna aus Camp G ausbricht), eine satte Portion uralter Klischees über Deutschland, tuntige Killer und Skinhead-Nazis als Mordbuben, die von Regisseur Wright bierernst präsentiert werden, und fertig ist ein klischeetriefender Film, der mit seinen zahlreichen holzhammerartigen Anspielungen auf Märchen, der gelackten Optik und den hochkarätigen Schauspielern (Oscar-Preisträgerin Cate Blanchett in einem Action-Thriller mit Knarre und im Nahkampf. Wow!!) mehr sein will als ein unlogischer, zweitklassiger Action-Film.

Aber genau das ist „Wer ist Hanna?“ letztendlich: ein B-Picture.

 

Das Bonusmaterial

 

Das Bonusmaterial ist schlichtweg enttäuschend. Die „Anatomie einer Szene“ und die entfallenen Szenen hat man nach noch nicht einmal zehn Minuten (inclusive einer Pinkelpause) gesehen. Der Audiokommentar von Joe Wright ergeht sich hauptsächlich in einer Aufzählung der Drehorte. Viel mehr erfährt man eigentlich nicht.

Wer ist Hanna? (Hanna, USA/GB/D 2011)

Regie: Joe Wright

Drehbuch: Seth Lochhead, David Farr

Musik: The Chemical Brothers

mit Saoirse Ronan, Eric Bana, Vicky Kreips, Cate Blanchett, Tom Hollander, Olivia Williams, Jason Flemyng, Martin Wuttke

DVD

Sony Pictures

Bild: 2.40:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (5.1)

Untertitel: Englisch, Deutsch, Türkisch

Bonusmaterial: Audiokommentar von Regisseur Joe Wright (deutsch untertitelt), Alternatives Ende (1,5 Minuten), 3 Entfallene Szenen (3,5 Minuten), Anatomie einer Szene: Die Flucht aus Camp G (3 Minuten)

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Wikipedia über „Wer ist Hanna?“ (deutsch, englisch)

Film-Zeit über „Wer ist Hanna?“

Rotten Tomatoes über „Wer ist Hanna?“

The Telegraph redet mit Joe Wright über „Wer ist Hanna?“

NYMag interviewt Joe Wright

Vanity Fair tut’s auch

Und Collider hat noch eine Frage

 

 


DVD-Kritik: „The Walking Dead“ – die farbige und sich bewegende Version

Dezember 7, 2011

Zombies.

Seit George A. Romeros Klassiker „Die Nacht der lebenden Toten“ wissen wir, was Zombies sind und wie sie sich bewegen.

Irgendwann in den Achtzigern verschwanden sie von der Bildfläche und kehrten erst in den vergangenen Jahren zurück in die Popkultur. In Filmen. In Büchern. Und auch in Comics. Eine der erfolgreichsten Comicserien, die in einer von Zombies bevölkerten Welt spielen, ist Robert Kirkmans „The Walking Dead“. Seit 2003 erzählt er, wie ein Gruppe Überlebender, angeführt von dem Polizisten Rick Grimes, versucht, in dieser neuen Welt zu überleben. Im Gegensatz zu einem Zombiespielfilm, der nach zwei Stunden vorbei ist, geht die Geschichte von „The Walking Dead“ endlos weiter. Damit erinnert sie mehr an eine klassische Westerngeschichte, in der Siedler sich im Wilden Westen auf den Weg zu ihrem Paradies machen und dabei viele Gefahren überstehen müssen. Die Zombies sind das Äquivalent zu den Indianern, die regelmäßig abgeschlachtet werden. Aber die größten Gefahren für den Treck gehen von Konflikten innerhalb der Gruppe und von anderen Menschen aus. In dem Comic war es über viele Hefte der durchgeknallte Gouverneur von Woodbury.

In der Verfilmung ist es in der sechsten Episode, die auch gleichzeitig das furiose Ende der ersten Staffel ist, der Wissenschaftler Dr. Edwin Jenner (Noah Emmerich) im Zentrum für Seuchenkontrolle.

Bis dahin haben die Macher der ersten Zombie-TV-Serie Rick Grimes (Andrew Lincoln) und die anderen Überlebenden bereits durch viele Abenteuer geschickt, die sich, nachdem der Anfang sich kaum von der Vorlage unterscheidet, immer weiter von ihr wegbewegt. Autor Robert Kirkman ermunterte die Macher dazu und schrieb auch das Drehbuch für die vierte Episode. Er wollte, dass die „The Walking Dead“-Fans nicht nur die verfilmte Version der Comics, sondern neue Geschichten mit den vertrauten Charakteren sehen können und sie, wie in den Comics, nicht wissen, was geschieht und wer überlebt.

Trotz der neuen Geschichten bleibt die TV-Serie der Vorlage treu. Sowohl von der Stimmung, den Themen, den moralischen Fragen, als auch von der Härte. Denn wenn in der Serie Zombies getötet werden, wird das für eine TV-Serie überraschend kompromisslos gezeigt. Auch die Zombie-Masken erfreuen das Herz des Genre-Junkies. Das macht die FSK-18-Freigabe plausibel. Obwohl „The Walking Dead“ viel mehr als hirnloses Zombie-Töten ist.

 

Das Bonusmaterial

 

Das Herzstück des umfangreichen Bonusmaterials sind das jeweils halbstündige „Making of“ und „Inside ‚The Walking Dead’“, die beide einen guten Einblick in die Produktion der Serie und, besonders in „Inside ‚The Walking Dead’“, vertiefende Informationen zu den einzelnen Episoden geben. Die restlichen vierzig Minuten Bonusmaterial bestehen aus verschieden informativen Clips. Der Zusammenschnitt des Auftrittes der „Walking Dead“-Macher bei der Comic Con ist okay, aber auch ungeschnitten im Netz zu finden. Die „Zombie Make-Up-Tipps“ geben einen kleinen Einblick in die Arbeit der Maskenbildner. Das „Extra Footage“ wurde wohl weitgehend produziert, um vor dem Serienstart den Fans kleine Appetithappen, die auf die Serie neugierig machen, aber nicht zu viel verraten sollen, zu liefern.

In den USA wurde nach der ersten Staffel überraschend Frank Darabont, der kreative Kopf hinter der ersten Staffel gefeuert. Entsprechend skeptisch waren die Fans, als die ersten Folgen der zweiten Staffel gezeigt wurde. Aber Glen Mazzara („The Shield“) scheint die Qualität zu halten.

The Walking Dead – Die komplette erste Staffel (The Walking Dead – Season 1, USA 2010)

Erfinder: Frank Darabont

LV: Comicserie von Robert Kirkman

mit Andrew Lincoln (Rick Grimes), Jon Bernthal (Shane Walsh), Sarah Wayne Callies (Lori Grimes), Laurie Holden (Andrea), Jeffrey DeMunn (Dale Horvath), Steven Yeun (Glenn), Chandler Riggs (Carl Grimes), IronE Singleton (T-Dog), Norman Reedus (Daryl Dixon), Melissa Suzanne McBride (Carol Peletier), Michael Rooker (Merle Dixon)

DVD

EntertainmentOne

Bild: 1.78:1 (16:)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial (circa 100 Minuten): The Making of „The Walking Dead“, Inside „The Walking Dead“: Episoden 1 – 6, Sneak Preview mit Robert Kirkman, Behind the Scenes: Zombie Make-Up-Tipps, Diskussionsrunde der Produzenten

Extra Footage: Zombie School, Becycle Girl, Am Set mit Robert Kirkman, Am Set mit Steven Yeun, Einblicke in Dales Campingmobil, Am Set mit Andrew Lincoln

Länge: 282 Minuten (2 DVD)

FSK: ab 18 Jahre

Die erste „The Walking Dead“-Staffel

Gute alte Zeit (Days Gone Bye)

Regie: Frank Darabont

Drehbuch: Frank Darabont

Gefangene der Toten (Guts)

Regie: Michelle MacLaren

Drehbuch: Frank Darabont

Tag der Frösche (Tell it to the Frogs)

Regie: Gwyneth Horder-Payton

Drehbuch: Charles H. Eglee, Jack LoGiudice, Frank Darabont (nach einer Geschichte von

Charles H. Eglee und Jack LoGiudice)

Vatos (Vatos)

Regie: Johan Renck

Drehbuch: Robert Kirkman

Wildfire (Wildfire)

Regie: Ernest R. Dickerson

Drehbuch: Glen Mazzara

TS-19 (TS-19)

Regie: Guy Ferland

Drehbuch: Adam Fierro, Frank Darabont

Hinweise

Offizielle „The Walking Dead“-Seite

Wikipedia über „The Walking Dead“ (deutsch, englisch)

AMC-Blog zu „The Walking Dead“

„The Walking Dead“-Fanseite

„The Walking Dead“-Wiki

Spiegel Online: Interview mit Charlie Adlard (21. Oktober 2011)

Kriminalakte: Meine Gesamtbesprechung der ersten zehn „The Walking Dead“-Bände

 Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead 11: Jäger und Gejagte“ (The Walking Dead Vol. 11: Fear the hunters)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead 12: Schöne neue Welt“ (The Walking Dead Vol. 12: Life among them)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead 13: Kein Zurück“ (The Walking Dead Vol. 13: Too far gone, 2011)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead 14: In der Falle“ (The Walking Dead Vol. 14: No way out, 2011)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Tony Moore/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead – Die Cover, Volume 1“ (The Walking Dead: The Covers, Vol. 1, 2010)

Kriminalakte: das Comic-Con-Panel zur TV-Serie

„The Walking Dead“ in der Kriminalakte

 

 

 


DVD-Kritik: Nichts ist koscher in „Alles koscher!“

Dezember 6, 2011

Mahmud Nasir (Omid Djalili) ist Moslem. Kein besonders tiefgläubiger Moslem, sondern eher der in die englische Gesellschaft voll integrierte Feiertagsmoslem, der Fundamentalisten für ziemliche Idioten hält, das auch öffentlich sagt und seine Kontakte mit der Religion auf ein Minimum beschränkt.

Aber sein Sohn Rashid will Uzma heiraten. Sie ist die Tochter des pakistanischen Hasspredigers Arshad Al-Masri. Nasir muss daher wenigstens bei dem Besuch von Al-Masri ein vorbildlicher Moslem sein. Sonst wird Al-Masri niemals die Erlaubnis für die Heirat geben.

Nasir will alles tun, um den Heiratswunsch seines Sohnes zu erfüllen. Aber beim Ausräumen der Wohnung seiner kürzlich verstorbenen Mutter erfährt Nasir, dass er adoptiert wurde. Und es kommt noch schlimmer. Denn auf dem Amt findet er heraus, dass er ein Jude ist. Nasir ist schockiert. Er schlittert gleich in eine veritable Identitätskrise und will seinen im Sterben liegenden Vater kennen lernen. Dummerweise verlangt der Rabbi, glaubhafte Nachweise für Nasirs absolut nicht vorhandenes Judentum.

Nasir bittet seinen Nachbarn, den permanent schlecht gelaunten jüdischen Taxifahrer Lenny Goldberg (Richard Schiff), mit dem er gerade einen Kleinkrieg ausfechtet, um Hilfe. Goldberg führt ihn in das Judentum ein – und Nasir bringt sich, weil er jetzt zwischen zwei Religionen hin und her springt, in immer neue Schwierigkeiten, die den Machern der warmherzigen, zu sehr auf Versöhnung bedachten Culture-Clash-Komödie die Möglichkeit für ein Feuerwerk von Pointen geben. Dabei gibt es in jeder Szene oft mehrere verbale und visuelle Pointen, wenn sich zum Beispiel die Verwaltungsangestellte als querschnittgelähmt entpuppt oder immer wieder Frauen in Burkas durch das Bild laufen.

Das hat Tempo und Witz. Und der auf der Insel als Komiker bekannte Hauptdarsteller Omid Djalili gibt dem Affen ordentlich Zucker: wenn er sich durch sein Viertel flucht, vor dem Spiegel jüdische und muslimische Mimik ausprobiert, er auf einer Pro-Palästina-Demonstration vor den anderen Demonstranten zufällig seine Kippa enthüllt oder er sich mit seinem höchst rudimentärem Wissen über das Judentum auf einer Bar Mizwa integrieren und er auf der Bühne eine Geschichte improvisieren muss. Da wird „Alles koscher!“ immer wieder zu einer Einmannshow, bei der die anderen Schauspieler zu Statisten verblassen.

Und trotzdem wünschte ich mir am Ende mehr satirische Schärfe, eine Optik, die weniger an eine TV-Sitcom (die inzwischen ja auch sehr gut aussehen) erinnert und eine weniger episodische Erzählweise. So bleibt „Alles koscher!“ eine witzige Komödie mit einem konsensfähigem Aufruf zur Toleranz am Ende des Films.

Alles koscher! (The Infidel, GB 2010)

Regie: Josh Appignanesi

Drehbuch: David Baddiel

mit Omid Djalili, Richard Schiff, Archie Panjabi, Mina Anwar, Igal Naor, Amit Shah, Soraya Radford, Matt Lucas

DVD

Senator Home Entertainment

Bild: 1:1,78 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Interviews mit David Baddiel, Josh Appagnanesi und Omid Djalili (21 Minuten), Videotagebuch mit David Baddiel (22 Minuten), Original Fake Trailer, Trailer

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

(Blu-ray identisch)

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Alles koscher!“

Wikipedia über „Alles koscher!“ (deutsch, englisch)

The Jewish Chronicle: Interview mit David Baddiel

Simon O’Hare interviewt David Baddiel

The Guardian: Interview mit David Baddiel und Omid Djalili

Bonusmaterial


DVD-Kritik: Jetzt schlägt’s 13 für Inspector Barnaby

Dezember 5, 2011

Wenn in einem deutschen Krimi eine Leiche entdeckt wird, endet die Szene meistens mit einem hysterischen Schrei. Nicht so in Midsomer, einer kleinen englischen Bilderbuchgrafschaft mit einer Mordrate, die sogar den Polizeichef einer amerikanischen Großstadt vor Neid erblassen lassen würde. Wahrscheinlich regt sich deshalb in „Nass und Tod“ niemand sonderlich über die während der Regatta sprichwörtlich auftauchende Leiche des Ehrenvorsitzenden des Ruderclubs auf. Auch Joyce Barnaby und ihre Tochter Cully nehmen den Mordfall, der ihr gemeinsames Picknick, aber nicht den Wettbewerb, unterbricht gelassen hin. Denn, so Joyce, wenn sie mit ihrem Mann einen Ausflug macht, dann ist auch der nächste Mordfall nicht weit.

Ihr Mann ist DCI Tom Barnaby, bei uns bekannt als „Inspector Barnaby“, und John Nettles spielte ihn von 1997 bis Januar 2011 in 81 TV-Filmen, die seit einigen Jahren auch bei uns im TV laufen und anschließend auf DVD erscheinen. Weil das ZDF sich bei der Ausstrahlung absolut nicht um die Chronologie kümmert, sind auch in der dreizehnten „Inspector Barnaby“-DVD-Box vier, zwischen 2001 und 2008 entstandene, Fälle enthalten. Und auch weil die Fälle alle unabhängig voneinander sind, es keine folgenübergreifenden Plots gibt und die Charaktere sich nicht verändern, ist das nicht weiter schlimm. Außerdem unterscheiden sich die altmodisch erzählten, in einer Parallelwelt spielenden Fälle qualitativ kaum.

Nur „Wenn der Morgen graut“ ist ein ziemlich lahmer Fall über den seit dem Ersten Weltkrieg hingebungsvoll gepflegten Streit zwischen zwei Soldaten-Familien, ergänzt um eine Romeo-und-Julia-Liebesgeschichte. Weil aber die Feindschaft zwischen den beiden Familien zu übertrieben dargestellt ist und alle viel zu extrovertiert ihre Abneigung ausspielen, wird „Wenn der Morgen graut“ zu einer Screwball-Comedy ohne Witz. Außerdem ist die Mordrate für einen „Inspector Barnaby“-Krimi erstaunlich niedrig ausgefallen.

Deutlich besser sind die drei anderen in der DVD-Box enthaltenen Barnaby-Fälle.

In „Die Frucht des Bösen“ mordet ein Mörder mit einer Giftspritze scheinbar wahllos seine Opfer. Denn während es für die erste Tote, eine junge Frau, die als Miethai gehasst war und vor ihrem Tod anonyme Drohungen erhielt, genug Verdächtige gibt, fragt sich Inspector Barnaby bei den nächsten Toten, was das Motiv für die Taten ist.

In „Denn du bist Staub“ glaubt DCI Barnaby, dass Dr. James Kirkwood ermordet werden soll. Für den Mord an seinem Praxiskollegen, der in Kirkwoods Auto getötet wurde, gibt es kein Motiv. Für einen Mordanschlag gegen Kirkwood dagegen schon. Denn die erwachsenen Kinder von Kirkwoods Geliebter sind mit dem neuen Freund ihrer Mutter absolut nicht einverstanden. Und dass ihre Mutter sie enterben will, setzt der ganzen Affäre die Krone auf.

Die dreizehnte „Inspector Barnaby“-Box liefert das, was der „Midsomer Murders“-Fan verlangt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Und bei meiner Besprechung von „Volume 14“ mache ich mir Gedanken darüber, was für ein Gesellschaftsbild hinter der Serie steckt. Denn wohl nirgendwo sonst wird so beiläufig mit Mord umgegangen.

Inspector Barnaby – Volume 13 (Midsomer Murders)

LV: Charaktere von Caroline Graham

mit John Nettles (DCI Tom Barnaby), Jason Hughes (DS Ben Jones, Episode 1 und 4), Daniel Casey (Sergeant Gavin Troy, Episode 2), John Hopkins (Sergeant Dan Scott, Episode 3), Jane Wymark (Joyce Barnaby), Barry Jackson (Dr Bullard), Laura Howard (Cully Barnaby)

DVD

Edel

Bild: 16:9

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0 Stereo)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Interview mit Jane Wymark (7 Minuten)

Länge: 385 Minuten (4 spielfilmlange Fälle auf 4 DVDs)

FSK: ab 16 Jahre (wegen der Folge „Wenn der Morgen graut“; keine Ahnung was an der so schlimm ist)

Inspector Barnaby löst diese Mordfälle

Wenn der Morgen graut (Shot at Dawn, GB 2008; Staffel 11, Folge 1)

Regie: Richard Holthouse

Drehbuch: Michael Aitkens

mit Samantha Bond (die mal Miss Moneypenny in den Pierce-Brosnan-Bond-Filmen spielte), George Cole

Die Frucht des Bösen (Tainted Fruit, GB 2001, Staffel 4, Episode 6)

Regie: Peter Smith

Drehbuch: David Hoskins

Nass und tot (Dead in the Water, GB 2004, Staffel 8, Episode 2)

Regie: Renny Rye

Drehbuch: Douglas Watkinson

Denn du bist Staub (Death and Dust, GB 2007, Staffel 10, Episode 5)

Regie: Sarah Hellings

Drehbuch: Douglas Watkinson

Hinweise

ITV über Inspector Barnaby

ZDF über „Inspector Barnaby“

Wikipedia über „Inspector Barnaby“ (deutsch, englisch)

FAZ: Nina Belz trifft John Nettles (6. März 2011)

Krimi-Couch über Caroline Graham

Kaliber.38 über Caroline Graham

 Meine Besprechung von „Inspector Barnaby – Volume 12“


DVD-Kritik: Louis Malles „Fahrstuhl zum Schafott“

November 30, 2011

Es war einmal vor langer Zeit, als sich einige Filmfanatiker auf den Weg machten. Sie wollten nicht mehr nur in „Les Cahiers du Cinéma“ über Film schreiben, sondern Filme drehen. Filme, die mehr mit der Wirklichkeit zu tun hatten, als das, was damals im Kino lief.

Louis Malle, Jean-Luc Godard, Francois Truffaut und Claude Chabrol hießen die Jungs und ihre Debütfilme „Fahrstuhl zum Schafott“, „Außer Atem“, „Sie küssten und sie schlugen ihn“ und „Die Enttäuschten“ begründeten in den späten fünfziger Jahren die Nouvelle Vague, die nicht nur das französische Kino veränderte.

Heute, über fünfzig Jahre nach ihrer Premiere, sind ihre Filme immer noch erstaunlich frisch. (Kurzer Einschub: Besprechungen des jüngst bei StudioCanal erschienenen Werkes von Francois Truffaut und von „Außer Atem“, jetzt mit Tonnen an Bonusmaterial in der Blu Cinemathek erschienen, folgen demnächst.)

Diese Frische kommt einerseits natürlich von dem jugendlichen Drang, in dem ersten Film möglichst viel von den eigenen Wünschen, Themen und Obsessionen unterzubringen. Eine war das amerikanische Kino. Vor allem der Kriminalfilm. Der Film Noir. Allein schon, dass ein in Hollywood entstandenes Genre einen französische Namen hat, sagt wohl genug aus. Auch Malles Debütfilm „Fahrstuhl zum Schafott“ ist ein Noir.

Es kommt aber auch von der Wahl der Drehorte. So suchte Louis Malle für „Fahrstuhl zum Schafott“ vor allem Orte, die mehr an die USA (oder das Bild, das sie damals in Frankreich von den USA hatte) und die Moderne mit viel Beton, Stahl und Glas erinnerten. Die in einem Motel spielenden Szenen wurden, 200 Kilometer von Paris entfernt, am Ärmelkanal, in Le Touquet gedreht, weil es in ganz Frankreich nur dieses eine Motel, das im Film dann in der Nähe von Paris sein soll, gab. Die nächtlichen Autobahnen, die nächtlichen Pariser Straßen durch die Jeanne Moreau spaziert, begleitet von den improvisierten Klängen des Jazz-Ttompeters Miles Davis (der hier nicht von seinen Stammmusikern, sondern von Saxophonist Barney Wilen, Pianist René Urtreger, Bassist Pierre Michelot und Schlagzeuger Kenny Clarke begleitet wurde), die modernen Bürogebäude mit ihrem funktionalem Design, das alles war damals eher ein Blick in die Zukunft. So sagt Louis Malle in dem auf der DVD enthaltenem Interview, dass es damals in ganz Paris vielleicht fünf Bürogebäude mit so einem Fahrstuhl gab. Er zeigte in „Fahrstuhl zum Schafott“ ein Fantasie-Paris, das damals erst im Entstehen war.

Es wurde vor Ort, ohne zusätzliche Beleuchtung, auf den Straßen von Paris, gedreht. Es wurde alles vermieden, was an die typischen, aus anderen französischen Filmen bekannten Innenräume erinnerte – und Louis Malle und sein Kameramann Henri Decae (der Kameramann der Nouvelle Vague – und vieler französischer Filme) stilisierten ihre Bilder immer wieder. Besonders deutlich wird das in „Fahrstuhl zum Schafott“ wenn Lino Ventura Maurice Ronet verhört und wenn er, am Filmende, Jeanne Moreau als Anstifterin überführt.

Und die Regisseure der Nouvelle Vague sprachen vieles an, das damals in Filmen totgeschwiegen wurden. In „Fahrstuhl zum Schafott“ ist das jugendliche Lebensgefühl, der Indochina-Krieg und der Ehebruch (kurze Nebenbemerkung: Louis Malles nächster Film „Die Liebenden“ war wegen seiner aus damaliger Sicht verharmlosenden Sicht des Ehebruchs sogar ein veritabler Skandalfilm. Auch in „Fahrstuhl zum Schafott“ wurden für die damalige deutsche Kinoauswertung einige Stellen, die jetzt untertitelt im Film sind, geschnitten).

Die Geschichte für seinen Debütfilm hatte Louis Malle nicht, wie seine Kollegen Francois Truffaut und Jean-Luc Godard öfters, in einem amerikanischem Kriminalroman, sondern in Noel Calefs Kriminalroman „Ascenseur pour L’echaufad“ gefunden. Dennoch hätte die Geschichte von dem perfekten Mord genausogut in den USA spielen können.

Das Liebespaar Julien Tavernier (Maurice Ronet) und Florence Carala (Jeanne Moreau) will Taverniers Chef, den Waffenhändler Simon Carala (Jean Wall), umbringen. Tavernier tötet ihn nachdem die Angestellten bereits ins Wochenende gegangen sind. Als er zu seiner Geliebte gehen will, bemerkt er, dass er ein wichtiges Beweisstück vergessen hat. Er geht zurück in das Bürogebäude und, als er im Fahrstuhl nach oben fahren will, stellt der Pförtner den Strom ab.

Während Tavernier versucht, sich aus dem zwischen zwei Etagen stehen gebliebenem Fahrstuhl zu befreien, wartet Florence in einem Café auf ihn. Als sie sein Auto an ihr vorbeifahren sieht und die Beifahrerin erblickt, glaubt sie, dass er sie mit einer anderen Frau betrügt. Sie streift gedankenverloren durch das nächtliche Paris.

In Taverniers Auto saßen Véronique (Yori Bertin) und, am Steuer ihr Freund, der kriminellen Abenteuern nicht abgeneigte Louis (Georges Poujouly). Sie klauten den Wagen für eine Spritztour, auf der sie ein vermögendes deutsches Ehepaar kennenlernen und gemeinsam einen feuchtfröhlichen Abend verbringen. Als Louis das Auto des Deutschen klauen will, wird er von ihm erwischt. Im Affekt erschießt Louis den Deutschen.

Inspektor Chérier (Lino Ventura) glaubt, dass Tavernier den Deutschen ermordet hat. Denn Tavernier hat kein Alibi, sein Auto wurde am Tatort gesehen und seine Freundin, die glaubt, dass er sie betrügt, belastet ihn schwer.

Jedenfalls bis die Leiche von ihrem Mann, Simon Carala, entdeckt wird.

Louis Malle erzählt diese drei Geschichten, wenn man die Ermittlungen der Polizei hinzuzählt, vier Geschichten in knapp neunzig Minuten. Entsprechend dicht, assoziativ und oft schon hastig, fast wie ein Bebop-Stück, ist „Fahrstuhl zum Schafott“ erzählt. Da gibt es keine überflüssigen Bilder. Eher schon umgekehrt – und gerade das macht „Fahrstuhl zum Schafott“, abgesehen von seinem Rang als Filmklassiker, auch heute noch gut ansehbar.

Außerdem ist die Noir-Philosophie immer noch aktuell.

Fahrstuhl zum Schafott (Ascenseur pour l’echaufad, Frankreich 1958)

Regie: Louis Malle

Drehbuch: Roger Nimier, Louis Malle

LV: Noel Calef: Ascenseur pour l’echafaud, 1956 (Fahrstuhl zum Schafott)

Mit Jeanne Moreau, Maurice Ronet, Lino Ventura, Georges Poujouly, Yori Bertin, Jean Wall, Charles Denner, Jean-Claude Brialy (Gast in der Bar)

DVD

Arthaus (StudioCanal)/Kulturspiegel (Französisches Kino 9)

Bild: 1,66:1 (SW)

Ton: Deutsch, Französisch (Mono Dolby Digital)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Booklet mit exklusiven Texten zum Film, Interview mit Louis Malle „Parlons Cinéma“ (17 Minuten, untertitelt), US-Trailer
Länge: 88 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

(DVD ist auch erhältlich in der „Arthaus Collection Französisches Kino/Gesamtedition“)

Hinweise

Wikipedia über „Fahrstuhl zum Schafott“ (deutsch, englisch, französisch)

Film-Noir über „Fahrstuhl zum Schafott“

Roger Ebert über „Fahrstuhl zum Schafott“

Noir of the Week: Guy Savage über „Fahrstuhl zum Schafott“

Turner Classic Movies: Jay Carr über „Fahrstuhl zum Schafott“

Turner Classic Movies: Glenn Erickson über „Fahrstuhl zum Schafott“

Criterion: Terrence Rafferty über „Fahrstuhl zum Schafott“

Arte über „Fahrstuhl zum Schafott“

 


DVD-Kritik: Zurück in die Achtziger – mit „Street Hawk“

November 23, 2011

Damals, Mitte der achtziger Jahre, war die kurzlebige TV-Serie „Street Hawk“ eine weitere TV-Serie, die im Fahrwasser von „Das fliegende Auge“, „Airwolf“ und „Knight Rider“, in denen Helden mit Hightech-Autos und -Hubschraubern, immer mit einem ordentlichen Science-Fiction-Touch, das Verbrechen bekämpften. In „Street Hawk“ kämpfen ein Hightech-Motorrad, von dem es nur einen Prototyp gibt, ein Super-Fahrer und ein in der geheimgehaltenen Zentrale sitzender Tüftler, gegen das Verbrechen in Los Angeles. Bei uns wurde die Serie 1986/1987 von RTLplus gezeigt.

Heute ist „Street Hawk“ eine dieser Achtziger-Jahre-Serien, bei der bemerkenswert ist, dass nichts bemerkenswert ist. Denn ohne die dicke Nostalgiebrille und gesteigertes Fantum („Ich muss jeden Auftritt von George Clooney haben.“) ist „Street Hawk“ zum Vergessen.

Es gibt, immerhin, einige Auftritte von Gaststars, wie George Clooney (ganz am Anfang seiner Karriere), Dennis Franz (lange vor dem „NYPD Blue“-Ruhm), Bianca Jagger (einer der wenigen Filmauftritte der damals vor allem als Ex-Frau von Mick Jagger bekannten Schönheit, die einfach nur ihren Körper präsentieren musste), Sybil Danning (damals, hm, nun, der Sex- und B-Picture-Star), und bewährten Recken, wie Clu Gulager, Michael Horsley, Christopher Lloyd („Zurück in die Zukunft“) und Charles Napier, und eine durchaus prophetische Sicht künftiger Straßenkriminalitätsbekämpfung.

Denn „Street Hawk“ ist ein Motorrad, das mit einigen Schusswaffen und einem Laserstrahler ausgerüstet ist, das unglaublich schnell fahren kann (besonders wenn in der Zentrale der Düsenantrieb, der hier „Hyberthrust“ heißt, eingeschaltet wird), via Funk in ständigem Kontakt mit der Zentrale steht (gut, das war schon damals keine Utopie) und in Echtzeit superscharfe Bilder in sie überträgt. Dort können die Bilder in Sekundenschnelle, auch über verschiedene Datenbanken, analysiert werden. Das war damals noch reine Zukunftsmusik.

Und wenn Norman Tuttle, der Erfinder des Motorrads Street Hawk, bei einer langwierigen Recherche von Akten und Zeitungsartikeln entnervt fordert, dass alle Daten in den Computer eingegeben werden sollten, damit er sie sofort auf Gemeinsamkeiten durchsuchen kann, dann war das damals eine spinnerte Zukunftsvision. Heute machen wir genau das täglich mindestens einmal, wenn wir bei Google (oder einer anderen Suchmaschine) ein Wort eingeben oder uns, bei Amazon, via Data-Mining, Buchempfehlungen geben lassen. Auch dass Tuttles Zentrale über das Telefonnetz arbeitet und, wenn die Telefongesellschaft in „Goldraub“ an den Leitungen arbeitet, die Technik in der Zentrale und dem Motorrad nicht mehr einwandfrei funktioniert, ist für uns längst Alltag.

Dieser Norman Tuttle (Joe Regalbuto) ist der in den typischen Hollywood-Klischees verhaftete, von der Regierung bezahlte Wissenschaftler, der das Motorrad entwickelte und jetzt mit Jesse March (Rex Smith) als Fahrer des Motorrads seine Erfindung einem Test unterziehen will. Dieser Praxistest ist so geheim, dass niemand davon etwas erfahren darf. Auch Jesse March darf niemandem davon erzählen. Das sorgt für Konflikte, wenn er der Frau, die er gerade als Street Hawk gerettet hat, seine wahre Identität nicht verraten darf, und wenn er bei seiner Tagesarbeit bei der Polizei im Bereich Öffentlichkeitsarbeit, wo er nach einem Unfall hinversetzt wurde, sich immer wieder frei nehmen muss, um als Street Hawk das Verbrechen zu bekämpfen. Natürlich ist Jesse March das absolute Gegenteil von Tuttle: er ist ein Frauenschwarm, sportlich und für ihn ist die Maschine einfach nur ein tolles Motorrad. Für Tuttle ist sie der heilige Gral.

Die Fälle sind, auch nach dem damaligen TV-Standard betrachtet, mau und wirken oft, als ob man ein Drehbuch für eine 25-minütige Episode auf 45 Minuten gestreckt habe . Mal will ein Gangsterboss „Street Hawk“ umbringen und er engagiert dafür einen Fahrer (Georg Clooney), der ein alter Freund von Jesse March ist. Mal hilft Jesse March einer alten halbchinesischen Freundin und er muss sich entscheiden, ob er sie mit ihrem neuen Freund in den Osten gehen lässt (jaja, „Casablanca“). Mal hilft er einer sich auf der Flucht vor Gangstern befindenden Kronzeugin (Sybil Danning), mal soll ein reicher Erbe vor unbekannten Attentätern beschützt werden (immerhin hat in dieser Folge Dennis Franz einige großartige Auftritte), mal soll ein gestohlenes Pferd gefunden werden. Die Plots sind alle mit heißer Nadel gestrickt und dienen nur als Entschuldigung für die langen Action-Szenen, die sich, musikalisch unterlegt von „Tangerine Dream“ (damals eine vor allem im Ausland populäre deutsche Elektronik-Band), weitgehend in Fahrten auf Street Hawk erschöpfen.

Die DVD-Ausgabe ist wirklich nur den Die-Hard-Fans und den unverbesserlichen Nostalgikern zu empfehlen. Die Bildqualität ist erschreckend schlecht, auf Untertitel und Bonusmaterial wurde verzichtet. Dabei hätte es durchaus eine ausführliche „Street Hawk“-Doku (siehe unten) gegeben.

Street Hawk – Die komplette Serie (Street Hawk, USA 1985)

Erfinder: Bruce Lansbury, Robert Woltersdorff, Paul M. Belous

mit Rex Smith (Jesse March), Joe Regalbuto (Norman Tuttle), Richard Venture (Lt. Commander Leo Altobelli), Jeannie Wilson (Rachel Adams)

Musik: Tangerine Dream

DVD

Polyband

Bild: 4:3 (1,33:1)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital Mono 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Wendecover

Länge: 630 Minuten (4 DVDs)

FSK: ab 12 Jahre

Die Ausflüge von „Street Hawk“

Pilotfilm (Pilot)

Regie: Virgil W Vogel

Drehbuch: Robert Wolsterdorff, Paul M. Belous

mit James Avery, Christopher Lloyd

Der beste Freund (The second self)

Regie: Virgil W. Vogel

Drehbuch: Bruce Cervi, Nichoals Corea

mit George Clooney

Joe Cannon kommt (The Adjuster)

Regie: Virgil W. Vogel)

Drehbuch: Nicholas Corea

mit Michael Horsley

Die Kronzeugin (Vegas Run)

Regie: Virgil W. Vogel

Drehbuch: Deborah Davies)

mit Sibyl Danning, Gregory Itzin

Der Mord auf Video (Dog Eat Dog)

Regie: Daniel Haller

Drehbuch: Bruce Cervi, Nicholas Corea

mit James Whitmore jr., Lee Ving (u. a. Flashdance, Straßen in Flammen, Black Moon), Charles Lampkin (irgendwie kommt mir das Gesicht bekannt vor)

Brandstiftung (Fire on the Wing)

Regie: Virgil W. Vogel

Drehbuch: John Huff, L. Ford Neale

mit Clu Gulager

Alte Zeiten werden werden wach (Chinatown Memories)

Regie: Paul Stanley

Drehbuch: Deborah Davis, Hannah Shearer

mit Keye Luke

Der Doppelgänger (The unsinkable 453)

Regie: Kim Manners

Drehbuch: Paul M. Belous, Robert Wolterstorff

mit Bianca Jagger

Tödlicher Waffenschmuggel (Hot Target)

Regie: Harvey Laidman

Drehbuch: Deborah Davis, Sheldon Willens

mit Charles Napier

Schriftsteller leben gefährlich (Murder is a Novel Idea)

Regie: Harvey Laidman

Drehbuch: Karen Harris

Das arabische Vollblut (The Arabian)

Regie: Richard Compton

Drehbuch: Joseph Gunn

Das falsche Opfer (Female of the Species; auch bekannt als „The Assassin“)

Regie: Harvey Laidman

Drehbuch: Karen Harris

mit Tom Everett, Dennis Franz

Goldraub (Follow the Yellow Gold Road)

Regie: Daniel Haller

Drehbuch: Burton Armus

mit Harry Northup, Don Swayze (der jüngere, ihm verdammt ähnlich sehende Bruder von Patrick Swayze)

Hinweise

Wikipedia über „Street Hawk“ (deutsch, englisch)

Street Hawk“-Fanseite

Noch ’ne „Street Hawk“-Fanseite

Der „Street Hawk“-YouTube-Kanal

Bonusmaterial

Der Pilotfilm in voller Länge

Making of „Street Hawk“

 


DVD-Kritik: „The Assault“ verschenkt seinen Stoff

November 16, 2011

Was für ein Stoff!

Am Heiligabend 1994 kapern vier Mitglieder der Groupe Islamique Armé (GIA, Bewaffnete Islamische Gruppe) in Algier den Air France Flug 8969. Nach längeren Verhandlungen und nachdem die Terroristen mehrere Geisel erschossen haben, startet das Passagierflugzeug in Richtung Paris. In Marseille muss der Airbus am 26. Dezember zum Tanken landen. Die GIGN (Groupe d’Intervention de la Gendarmerie Nationale), der französische Pendant zur GSG 9, stürmt mit dreißig Mann die Maschine und kann in einem zwanzigminütigem Feuergefecht die Geiselnahme blutig beenden. Es gab 25 Verwundete. Die Terroristen wurden erschossen.

Später wurde gesagt, dass die Terroristen die Maschine in den Eiffelturm fliegen sollte.

Was für eine enttäuschende Umsetzung.

Das beginnt mit der modischen, aber meist einfach nur nervenden Wackelkamera. So auch in „The Assault“. Denn anstatt ein Gefühl von „dabei sein“ zu vermitteln, reißt sie einen immer wieder aus der Geschichte heraus. Das geht weiter mit der absolut bescheuerten Idee, den Film in einer so farbentsättigten, viel zu dunklen Version zu zeigen, dass er wie ein Schwarz-Weiß-Film wirkt. Der Regisseur dachte sich wohl, was bei „Schindlers Liste“, „The good German“ und „Sin City“ funktionierte, funktioniert auch bei mir. Aber „Schindlers Liste“ war ein historisches Drama, aus einer Zeit, als es kaum Farbfilme und Farbfotos gab und Steven Spielberg wollte so auch an unser Bild von dieser Zeit anknüpfen. Steven Soderbergh wollte in seinen Period Piece „The good German“ die späten vierziger Jahre und die damaligen Hollywood-Filme, die erkennbar in Kulissen gedreht wurden, wieder aufleben lassen. Ich sage nur „Casablanca“ und, obwohl in Wien gedreht, „Der dritte Mann“. Und in „Sin City“ wurde ein betont kunstvoller Comic von Frank Miller sehr werkgetreu von Robert Rodriguez und Frank Miller in ein anderes Medium übertragen und, zur allgemein Überraschung, funktionierte das Experiment.

In „The Assault“ fragt man sich dagegen nur, was das soll. Auch weil die wenigen Farbtupfer, im Gegensatz zu denen in „Schindlers Liste“ und „Sin City“, absolut beliebig sind.

Dazu kommt noch ein Drehbuch, das aus dem Stoff nichts macht. Ziemlich zusammenhanglos springt Regisseur Julien Leclerq zwischen den Terroristen im Flugzeug, dem französischen Krisenstab, der Spezialeinheit beim Training für irgendwelche anderen Einsätze und den besorgten Frauen der Polizisten. Der Film plätschert bis zur Erstürmung des Flugzeugs vor sich hin. Die vielen Charaktere bleiben weitgehend austauschbar und wenn dann am Filmende das Flugzeug gestürmt wird, dürfen wir einen unglaublich schlecht geplanten Einsatz eines Spezialkommandos und eine höchst dilettantisch inszenierte Action-Szene erleiden.

Gerade im Vergleich mit dem ähnlich gelagerten deutschen Film „Mogadischu“ von Roland Suso Richter über die Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ 1977 fallen die Defizite von „The Assault“, der seinen großartigen Stoff vollkommen verschenkt, noch deutlicher auf.

The Assault (L’Assaut, Frankreich 2010)

Regie: Julien Leclercq

Drehbuch: Simon Moutairou, Julien Leclercq

LV: Roland Môntins, in Zusammenarbeit mit Gilles Cauture: L’assaut, 2007

Mit Vincent Elbaz, Mélanie Bernier, Philippe Bas, Marie Guillard

DVD

Atlas Film

Bild: 1.85:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Französisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Trailer

Länge: 90 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

(Blu-ray identisch)

Hinweise

Französische Homepage zum Film

Wikipedia über „The Assault“ und über die Entführung (englisch, französisch)

 


DVD-Kritik: Al Pacino und „The Son of No One“

November 14, 2011

Es hat schon seine Gründe, wenn ein Film mit Al Pacino direkt auf DVD veröffentlicht wird. Ich meine, Al Pacino! Ich sage nur „Der Pate“, „Serpico“, „Hundstage“, „Scarface“, „Carlito’s Way“, „Heat“, „City Hall“, „Donnie Brasco“ und der „Insider“. In den letzten Jahren drehte er allerdings nur noch nicht sonderlich bemerkenswerte Filme, wie „Das schnelle Geld“ und „88 Minuten“. Okay vielleicht, aber wirklich nichts, was man sich unbedingt ansehen müsste.

Auch „The Son of No One“ ist, sehr höflich formuliert, nicht besonders bemerkenswert. Denn obwohl es, mal wieder, um Polizisten in New York, um Schuld und Sühne, Kameradschaft, Verpflichtungen und Ehre geht, setzt Dito Montiel („Fighting“) mit seiner unplausiblen Geschichte, der betont langsamen und, indem er die Geschichte parallel auf zwei Zeitebenen erzählt, pseudo-verkünstelten Erzählweise den Film in den Sand.

Jonathan ‚Milk‘ White (Channing Tatum) arbeitet als Polizist im New Yorker Stadtteil Queens. Dort, in einem der abgeranzten Wohnungsblocks der Quensbridge Houses verbrachte der Polizistensohn seine Kindheit und er ermordete 1986 zwei Menschen. Detective Charles Stanford (Al Pacino) vertuschte die Verbrechen an den beiden Junkies.

Sechzehn Jahre später, als die Post-9/11-Begeisterung für die tapferen Polizisten und Feuerwehrleute abflaut, beginnt die Journalistin Loren Bridges (Juliette Binoche) anonyme Anschuldigungen über die damals vertuschten Morde in einer Tageszeitung zu publizieren. White will herausfinden, wer die Briefe schreibt – und die Polizei will, wie damals, die Taten eines Polizistensohnes und jetzigen Kollegen decken.

Die Besetzung des Films ist schon verdammt namhaft. Ray Liotta, Katie Holmes, Juliette Binoche und Komiker Tracy Morgan (überzeugend in einer dramatischen Rolle) sind ja keine Unbekannten. Channing Tatum läuft zwar noch als Teenie-Schwarm, aber für die Aussichten an der Kasse ist das nicht schlecht. Al Pacino, dessen Name in der Werbung für den Film groß herausgestellt wird und damit die etwas älteren Filmfans ansprechen soll, ist eigentlich nur ein Gaststar mit noch nicht einmal einer Handvoll Szenen in einer Rolle, die auch von jedem anderen Schauspieler genausogut gespielt worden wäre.

Doch diese Vergeudung von Talent wäre nicht so schlimm, wenn der Film wenigstens halbwegs als Cop-Thriller funktionieren würde. Aber das tut er nicht. Die Story ist absolut unlogisch und wird so holprig erzählt, dass man bereits nach zehn Minuten (auch ohne den Trailer gesehen zu haben) weiß, wie das alles endet, aber Montiel macht aus den Ereignissen von 1986 ein großes Geheimnis. Als Drama über einen jungen Mann, der versucht mit seiner Schuld (Uh, warum soll uns ein Doppelmörder sympathisch sein?) zu leben, funktioniert „The Son of No One“ auch nicht.

 

Das Bonusmaterial

 

Als Bonusmaterial gibt es ein knapp fünfminütiges „Making of“, knapp zehn Minuten „Hinter den Kulissen“ und eine gute halben Stunde sich weitgehend in uninteressanten Lobhuddeleien ergehenden, nicht untertitelten Interviews. Das ist arg überschau- und vernachlässigbar. Wie der Film.

The Son of No One (The Son of No One, USA 2011)

Regie: Dito Montiel

Drehbuch: Dito Montiel

mit Channing Tatum, Al Pacino, Tracy Morgan, Katie Holmes, Ray Liotta, Juliette Binoche, James Ransome, Jake Cherry

DVD

Studio Canal

Bild: 2.35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Trailer, Making of, Hinter den Kulissen, Interviews mit Dito Montiel, Channing Tatum, Tracy Morgan, Katie Holmes, Ray Liotta, Juliette Binoche, James Ransone, Jake Cherry, Brian Gilbert, Produzent John Thompson und Produzentin Holly Wiersma, Wendecover

Länge: 90 Minuten

FSK: 16 Jahre

(Blu-ray identisch)

(Offizieller Erstverkaufstag ist der 17. November. Im Verleih ist der Film seit dem 25. Oktober)

Hinweise

Metacritic über „The Son of No One“

Rotten Tomatoes über „The Son of No One“

Wikipedia über „The Son of No One“