DVD-Kritik: John Frankenheimers Evan-Hunter-Verfilmung „Die jungen Wilden“

Juli 29, 2011

Als John Frankenheimer 1960 „Die jungen Wilden“ drehte, wollte er vor allem zeigen, dass er als Live-Television-Director auch einen Spielfilm drehen konnte. Und zwar, wie auch die anderen Live-Television-Regisseure, die damals in Hollywood ihre zweite Karriere begannen (unter anderem Arthur Penn, Sidney Lumet, Norman Jewison und George Roy Hill), mit einem Film, der auch etwas zu sagen hatte. Also kein Musical, keine launige Komödie, sondern ein Drama, das etwas über die Gesellschaft aussagt und dies mit einer liberalen Position verknüpft. Da bot sich ein Film über die Jugendkriminalität und die Bandenkriminalität an.

In „Die jungen Wilden“ erstechen in Spanish Harlem drei italienische Jugendliche (sie sind 15, 16 und 17 Jahre alt) tagsüber auf offener Straße einen blinden puerto-ricanischen, fünfzehnjährigen Jungen. Staatsanwalt Hank Bell (Burt Lancaster), der aus dem gleichen Viertel wie die Mörder kommt, will ein Exempel statuieren. Er war früher sogar mit der Mutter von dem jüngsten Täter liiert. Ihm gelang dann der Weg aus dem Ghetto. Er glaubt, dass die Menschen sich für ihre Taten verantworten müssen und er weiß, dass diese Jugendlichen und ihre Bewunderer nur eine Sprache verstehen. Auch wenn es bedeutet, dass sie dafür auf den elektrischen Stuhl müssen.

Sein Vorgesetzter, District Attorney Daniel Cole, der für das Amt des Gouverneurs kandidiert, unterstützt ihn bei dieser harten Linie.

Aber als Bell sich mit den Hintergründen der Tat beschäftigt, entdeckt er, dass das Opfer nicht so harmlos war, wie man auf den ersten Blick vermutet, und die Täter nicht die blutgierigen Bestien sind, als die sie anfangs erschienen.

Frankenheimer drehte den Film hauptsächlich vor Ort. Wegen der hohen Kosten für zwei Crews war ein gesamter Dreh in New York nicht möglich, aber die Innenausstattung wurde detailgetreu in Hollywood nachgebaut und so fühlt sich der Film von der ersten bis zur letzten Minute authentisch, in vielen Momenten fast schon wie ein Dokumentarfilm an.

Der Mord bietet Frankenheimer die Gelegenheit, sich mit den damals entstehenden Straßengangs, die sich an den unterschiedlichen Ethnien orientierten, dem alltäglichem Rassismus, der Politik, der zwiespältigen Rolle der Presse und den sozialen und psychologischen Hintergründen der Tat und was sie für die von ihr Betroffenen bedeutet, zu beschäftigen und so auch ein Sittenbild der damaligen Gesellschaft zu zeigen. Dabei gibt es etliche Szenen, die für das damalige Publikum sicher verstörend waren: die drastisch gezeigte Gewalt, die Herrschaft der Straßengangs über das Viertel, die Rede der Mutter gegenüber Cole und Bell während der Beerdigung und das Geständnis eines Mädchens vor Gericht,, dass sie als Prostituierte das Geld für die Familie verdient. Filmisch gibt es auch immer wieder beeindruckende Szenen: wenn Frankenheimer in den ersten Filmminuten die drei Jugendlichen zu ihrer Tat verfolgt, die Tat teilweise in einer Sonnenbrille gezeigt wird (was auch eine Hommage an Alfred Hitchcocks „Der Fremde im Zug“ ist), die immer wieder in extremer Untersicht aufgenommenen Schauspieler und natürlich deren überzeugendes Spiel. Nicht nur bei den Profis, sondern auch bei den jungen Schauspielern und den Laien. Das alles zeigt, dass John Frankenheimer bei seinem zweiten Spielfilm genau wusste, was er tat.

Die jungen Wilden“ war ein bei den Kritikern und in dem städtischen Publikum, das in dem Film, der auf einem wahren Fall basierte, ihnen vertraute Probleme erkannte, ein Erfolg. Mit Burt Lancaster, der damals ein großer Star war und auch einen Regisseur feuern konnte, drehte John Frankenheimer direkt danach „Der Gefangene von Alcatraz“ (Birdman of Alcatraz) und später „Sieben Tage im Mai“ (Seven Days in May), „Der Zug“ (The Train) und „Die den Hals riskieren“ (The Gypsy Moths).

Frankenheimers Karriere in den folgenden über vierzig Jahren war wechselhaft. So drehte er Flops, wie das gruselige „D. N. A. – Experiment des Wahnsinns“ (The Island of Dr. Moreau), bei dem er die Regie von Richard Stanley übernahm. Aber auch etliche Klassiker, wie „Botschafter der Angst“ (The Manchurian Candidate), „Grand Prix“, „French Connection II“, „Schwarzer Sonntag“ (Black Sunday), „52 Pick-Up“ und „Ronin“.

Auch „Die jungen Wilden“ gehört in diese Reihe.

 

Andere Meinungen

 

In der Milieuzeichnung glaubhaft und kompromisslos, in der Charakterisierung der Figuren jedoch zu vordergründig.“ (Lexikon des internationalen Films)

 

It is a tribute to his skill that this narrative, so overcrowded on paper, never seems, on film contrived and complacent in its social concerns. It is not easy to keep all the threads running evenly throughout this broad tapestry of poverty, violence and despair, but the director has managed this so skilfully, and not at all episodically, that events and characters seem consistently believable.“ (Gerald Pratley: The Films of Frankenheimer, 1998)

 

Ein exzellentes Drama um Jugendkriminalität.“ (TV Spielfilm: Das große Filmlexikon, 2006)

Die jungen Wilden (The Young Savages, USA 1960)

Regie: John Frankenheimer

Drehbuch: Edward Anhalt, J. P. Miller

LV: Evan Hunter: A matter of conviction, 1959 (später auch “The Young Savages”, deutscher Titel “Harlem Fieber”)

Mit Burt Lancaster, Dina Merrill, Shelley Winters, Edward Andrews, Vivian Nathan, Larry Gates, Telly Savalas (in seinem Spielfilmdebüt und dann, lange vor “Kojak”, schon gleich als Kriminalpolizist)

DVD

Euro Video

Bild: 16:9 (1.77:1)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: –

Bonusmaterial: –

Länge: 98 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Wikipedia über “Die jungen Wilden”

Turner Classic Movies: Jeff Stafford über “The Young Savages”

Cahiers de Cinema über „The Young Savages“

Rays Kinofilmklassiker über „Die jungen Wilden“

The Museum of Broadcast Communications über John Frankenheimer

Homepage von Ed McBain

Meine Besprechung des von Ed McBain herausgegebenen Buches „Die hohe Kunst des Mordens“ (Transgressions, 2006)

Meine Besprechung von Ed McBains “Die Gosse und das Grab” (The Gutter and the Grave, 2005, Erstausgabe: Curt Cannon: I’m Cannon – For Hire, 1958)


DVD-Kritik: Die fantastische BBC-Serie „Ashes to Ashes – Zurück in die 80er“

Juli 27, 2011

In der grandiosen BBC-Serie „Life on Mars“ landete der Polizist Sam Tyler (John Simm) nach einem Autounfall im Koma und erwachte 1973 in Manchester.

In dem noch besseren „Life on Mars“-Spin-off „Ashes to Ashes“ wird die Polizistin Alex Drake (Keeley Hawes) im heutigen London angeschossen und erwacht im Juli 1981 in London. Dort trifft sie auf die aus „Life on Mars“ bekannten Polizisten DCI Gene Hunt (Philip Glenister) und seine beiden Untergebenen Ray Carling (Dean Andrews) und Chris Skelton (Marshall Lancaster).

Alex Drake weiß sofort, auch weil sie sich als Polizeipsychologin mit dem Fall Sam Tyler beschäftigte, wo sie ist: im Koma und in Tylers Welt. Sie weiß, dass sie jetzt den Kampf gegen ihr Koma aufnehmen muss. Sie will wieder aufwachen. Dafür muss sie, so sagt sie sich, in ihrer Fantasie ein großes Rätsel lösen und alles, was sie wahrnimmt, sind Hinweise auf die Lösung. Das Rätsel ist die Ermordung ihrer Eltern mit einer Autobombe 1981. Wenn es ihr gelingt, den Anschlag zu verhindern, kann sie zurückkehren in die Gegenwart, ihr altes Leben und zu ihrer Tochter.

Ashes to Ashes“ ist, wie gesagt, das Spin-off zu der erfolgreichen BBC-Serie „Life on Mars“. Aber, weil die Macher in dem Spin-off die Fantasiewelt komplexer und geschlossener gestalten, ist „Ashes to Ashes“ wesentlich besser als das dagegen doch etwas einfach gestrickte Original. Denn die Serienerfinder Matthew Graham und Ashley Pharoah setzen jetzt die in „Life on Mars“ bereits angelegte Welt wesentlich konsequenter um. „Life on Mars“ war, trotz der ziemlich durchgeknallten Idee, doch nur eine 70er-Jahre-Krimiserie mit einigen Irritationen. „Ashes to Ashes“ gibt sich vollkommen der Fantasiewelt der Protagonistin Alex Drake hin.

Denn weil Alex Drake weiß, dass das alles ihre Wahrnehmung ist, unterhält sie sich mit den anderen Charakteren, vor allem DCI Hunt und ihrer Mutter, auch ziemlich freimütig darüber – und diese finden nichts besonderes dabei. Im normalen Leben hätte man Drake dagegen schon nach dem ersten Gespräch in eine geschlossene Anstalt verwiesen.

Und, weil es ihre Fantasie ist, ist „Ashes to Ashes“ die Über-80s-Krimiserie, mit allen Klischees, die man aus diesen Serien kennt. Nur noch übertriebener: das gegensätzliche Buddy-Cop-Team, die dummen Kollegen, die als Treffpunkt fungierende Pizzeria, der Rassismus, die Homophobie, der Sexismus (wobei Alex Drake auch immer betont sexy, um nicht ’nuttig‘ zu sagen, herumläuft und die Fälle oft im Prostituiertenmilieu spielen oder es mindestens einen Hinweis auf das Milieu gibt [Was sagt uns das über Alex Drake und die 80er-Jahre-Krimiserien?]) und die fast schon allgegenwärtige Gewalt. Denn es vergeht kaum ein Verhör oder eine Festnahme, ohne dass der Verdächtige meistens grundlos geschlagen wird.

Weil „Ashes to Ashes“ 1981 spielt, sind die Siebziger auch noch präsent. Was vor allem aus TV-Seriensicht heißt: „The Sweeney“ (in England kennt die Serie jedes Kind, bei uns höchstens Insider; aber auch bei den „Füchsen“, so der deutsche Titel, artete eine Festnahme oft in eine veritable Schlägerei aus) und „Die Profis“. Die 80er waren dann „Miami Vice“ und die dort herrschende Betonung des Stils.

Stilvoll ist auch „Ashes to Ashes“. Die Sets sind einerseits als Fantasie von Alex Drake überstilisiert (so hat die Decke des Polizeireviers ein Schachbrettmuster), andererseits wurden die Wohn- und Bekleidungsmoden der frühen achtziger Jahre rekreiert und künstlich so überhöht, dass sogar „Miami Vice“ wie der schmuddelige Halbbruder von „Ashes to Ashes“ aussieht.

Dazu gibt es unzählige zeitgenössische Songs, die die Ereignisse und Gefühle der einzelnen Charaktere punktgenau kommentieren. Sie bilden den Soundtrack für die Zeit – und für die Gefühle von Alex Drake. Dieses Stilelement wurde in „Life on Mars“ kaum verwandt. Denn erst mit „Miami Vice“ wurden zeitgenössische Hits und Songs, die extra für die Serie geschrieben wurden (und dann zu Hits wurden), in einer TV-Serie populär. „Ashes to Ashes“ bedient sich bei den damaligen britischen Hits.

Und alle spielen einen kleinen Tick neben der Spur. Wie in einem Traum. Da ist es auch egal, dass Gene Hunts Audi Quattro 1981 noch gar nicht in England erhältlich war.

Ashes to Ashes – Zurück in die 80er: Staffel 1“ ist eine in jeder Beziehung fantastische Krimiserie.

 

Die DVD

 

Bei uns wurde die von der BBC gekürzte internationale Version von „Ashes to Ashes – Zurück in die Zukunft: Staffel 1“ veröffentlicht. Das ist schade. Denn gerade in der englischen Sprachfassung kann man, dank Gene Hunt, sein Reservoir an Beleidigungen und Slangausdrücken gut erweitern.

Das Bonusmaterial bewegt sich im gewöhnlichen Rahmen. Das Making-of „Life after Mars“ ist informativ, vor allem wenn die Autoren und Produzenten reden, aber besteht insgesamt weitgehend aus den üblichen Lobhuddeleien. Die „Set Tour“ ist dagegen sehr informativ, weil die Production-Designerin Stevie Herbert erklärt, wie die Sets entstanden und warum sie sie so und nicht anders baute. In der „Car Explosion“ wird gezeigt, wie die Autoexplosion, in der die Eltern von Alex Drake sterben, entstand. Die „Outtakes“ (vor allem vom Dreh in der Schwulendisco [Yep, stellen Sie sich vor: Gene Hunt und seine beiden sehr heterosexuellen Kollegen ermitteln undercover in einer Schwulendisco]) und die „Deleted Scenes“ sind nette Beigaben.

Ashes to Ashes – Zurück in die 80er: Staffel 1 (Ashes to Ashes, GB 2008)

Regie: Johnny Campbell (Episode 1, 2, 7, 8), Billie Eltringham (Episode 3, 5), Catherine Morshead (Episode 4, 6),

Drehbuch: Matthew Graham (Episode 1, 7), Ashley Pharoah (Episode 2, 8), Julie Rutherford (Episode 3), Mark Greig (Episode 4, 5), Mick Ford (Episode 6)

Idee: Matthew Graham, Ashley Pharoah

mit Keeley Hawes (Alex Drake), Philip Glenister (Gene Hunt), Dean Andrews (Ray Carling), Marshall Lancaster (Chris Skelton), Montserrat Lombard (Shaz Granger), Joseph Long (Luigi), Geff Francis (Viv James), Grace Vance (Molly Drake), Amelia Bullmore (Caroline Price)

DVD

Polyband

Bild: 16:9 (1,78:1)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial (mit deutschen Untertiteln, 60 Minuten): Set Tour, Car Explosion, Life after Mars, Deleted Scenes, Outtakes

Länge: 400 Minuten (8 x 50 Minuten auf 3 DVDs)

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

BBC über „Ashes to Ashes“

BBC Germany über „Ashes to Ashes“

Fox Channel (Deutschland) über „Ashes to Ashes“

Wikipedia über „Ashes to Ashes“ (deutsch, englisch)

Und jetzt: Bühne frei für David Bowie und „Ashes to Ashes“

 


DVD-Kritik: George Gently, der Unbestechliche, ermittelt weiter

Juli 25, 2011

 

Nach dem Erfolg der ersten Staffel von „George Gently – Der Unbestechliche“ zögerte die BBC nicht lange und bestellte weitere, jeweils 90-minütige Filme, die inzwischen anscheinend alle nur noch auf dem von Alan Hunter erfundenem Charakter basieren. Aber am bewährten Rezept wurde nichts geändert: immer noch ermitteln Chief Inspector George Gently und sein deutlich jüngerer Kollege Detective Sergeant John Bacchus in Northumberland in den Sechzigern (die ersten vier neuen Fälle spielen 1964, die bislang letzten beiden Fälle 1966) und die gut ausgedachten Fälle stehen im Mittelpunkt der Filme. Das Privatleben kommt, zum Glück, kaum vor, und, wenn doch, hängt es auf nachvollziehbare Weise mit dem Fall zusammen.

In den Fällen, immerhin waren die Sechziger eine Zeit der großen Veränderungen, werden diese gesellschaftlichen Brüche und Umbrüche thematisiert. Einerseits fällt auf, wie viel sich in den vergangenen gut fünfzig Jahren, vor allem, auch weil sie in den sechs „George Gently“-Fällen immer wieder angesprochen wird, in der Sexualmoral, geändert hat. Andererseits fällt immer wieder auf, wie viel doch gleich geblieben ist.

Das liegt natürlich an den guten Drehbüchern von Peter Flannery, Mick Ford und Jimmy Gardner, die sich im Rahmen der Whodunit-Struktur auf genau diese Brüche stürzen.

In „Vergeltung“, dem schwächsten „George Gently“-Fall bislang, geht es um sexuellen Missbrauch in einem Kinderheim. Denn während in den anderen Filmen die Ermittlungen, das Zeitkolorit, die damaligen Konventionen und gesellschaftlichen Veränderungen (die sich teilweise nur zart andeuten) gut miteinander verbunden sind, finden die Macher bei „Vergeltung“ nie die richtige Mischung. Alles wirkt unkonzentriert und hastig. Dazu passt auch, dass George Gently suspendiert wird.

Tödliche Mission“ hat dann wieder das gewohnte Niveau. In dem Fall wird die Animierdame eines Nachtclubs ermordet auf einem Kirchenaltar gefunden. Gentlys Ermittlungen führen zu einer religiös-fanatischen Abtreibungsgegnerin, die mit Verbündeten Mahnwachen vor dem Nachtclub abhält, und ihrem Ehemann, der eine Beziehung zu der Toten hatte.

In „Böses Blut“ will George Gently herausfinden, wie ein Koffer voller abgelaufener Ausweise aus der Verwaltung verschwinden konnte. Bei seinen Ermittlungen, die nachdem eine Angestellte der Verwaltung, die die Mutter eines dunkelhäutigen Babys war, ermordet wird, zu Mordermittlungen werden, gerät Gently auch zwischen die Fronten von Rockern und, teils illegal in England lebenden, Arabern. Der alltägliche Rassismus bildet den Hintergrund für „Böses Blut“.

In „Giftige Lügen“ ist der vermeintliche Selbstmord des Vorstehers einer Mühle und ein in der Mühle ausgeraubter Safe der Beginn für eine Geschichte, in der es um Politik (sie spielt kurz vor den britischen Unterhauswahlen und der Mühlenbesitzer kandidiert), das Verhältnis von Gewerkschaften zu Arbeitgebern und, wieder einmal die damalige Sexualmoral geht.

Dass es bereits früher Gewalt gegen und durch Kinder gab, erfahren wir in „Die Saat des Bösen“. Dabei beginnt der Fall ganz alltäglich: eine Frau, die einen zweifelhaften Ruf hat, wird ermordet. Ihr Exmann gesteht die Tat. Als einige Monate später ein Kind vermisst wird, trifft George Gently wieder auf die Familie der Ermordeten.

Und in „Liebe und Verrat“ wird ein linksorientierter Akademiker nach einer Demonstration gegen die Stationierung eines Atom-U-Bootes ermordet. Gently und Bacchus müssen an der Uni zwischen radikalpazifistischen Studenten, sexueller Befreiung (unter Männern und Frauen, aber nicht unter Männern) und den Uni-Regeln, vor dem Hintergrund des Kalten Krieges, ermitteln.

Im Gegensatz zu den ersten drei Gently-Fällen, in denen eher ein Blick in die Vergangenheit herrschte, geht es in den sechs neuen Gently-Fällen immer wieder darum, wie gesellschaftliche Veränderungen sich auch im beschaulichen Northumberland niederschlagen und in den kommenden Jahren gesellschaftliche Konflikte auslösen und auch die Gesellschaft verändern werden. In den Fällen wird immer wieder die Keimzelle dieser Entwicklungen, und wogegen sie sich richteten, gezeigt. So sind die Fälle auch ein Seismograph für die damaligen Brüche in der Gesellschaft und die künftigen Veränderungen.

Die zweite und dritte Staffel von „George Gently – Der Unbestechliche“ bieten wieder spannende und lehrreiche Unterhaltung, bei der auch beeindruckt, wie viel Mühe sich bei der Ausstattung und Kameraarbeit gegeben wurde. Denn wenn man nicht wüsste, dass die Filme erst jetzt entstanden sind, könnte man sie auch für sehr gelungene Krimis aus den Sechzigern halten.

Und, das ist die erfreuliche Nachricht für alle Gently-Fans: George Gently und John Bacchus ermitteln weiter. Die BBC zeigt noch in diesem Jahr zwei neue „George Gently“-Filme und für nächstes Jahr sind bereits zwei weitere Filme bestellt.

 

Die DVD-Ausgabe

 

Wie üblich sind die Extras bei Edel überschaubar. Es gibt nämlich keine. Auch auf Untertitel wurde verzichtet. Und die Verteilung der Folgen unterscheidet sich von der Ausstrahlung. In England wurden „Vergeltung“, „Tödliche Mission“, „Böses Blut“ und „Giftige Lügen“ als zweite Staffel 2009 und „Die Saat des Bösen“ und „Liebe und Verrat“ als dritte Staffel 2010 ausgestrahlt. Bei uns wurden die sechs Fälle gleichmäßig auf zwei DVD-Boxen à drei Filme verteilt.

Auf den englischen DVDs (wobei die beiden Filme der dritte Staffel erst Ende Juli in England erscheinen) sind dagegen einige, wohl eher textlastigen, Infos dabei. Das klingt für Bonusmaterial-Junkies auch nach Graubrot.

George Gently – Der Unbestechliche (GB 2009/2010)

Idee: Peter Flannery

LV: basierend auf dem Charakter von Alan Hunter

mit Martin Shaw (George Gently), Lee Ingleby (John Bacchus), Simon Hubbard (PC Taylor), Mal Whyte (Chief Constable Lilley), Melanie Clark Pullen (Lisa Bacchus)

DVD

George Gently – Der Unbestechliche: Staffel 2

Edel

Bild: 16:9

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0 Stereo)

Untertitel: –

Bonusmaterial: –

Länge: 270 Minuten (3 DVDs à 90 Minuten)

FSK: ab 12 Jahre

George Gently – Der Unbestechliche: Staffel 3

Edel

Bild: 16:9

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0 Stereo)

Untertitel: –

Bonusmaterial: –

Länge: 267 Minuten (3 DVDs à 89 Minuten)

FSK: ab 12 Jahre

Die neuen Fälle von George Gently

Vergeltung (Gently with the Innocents, GB 2009)

Regie: Daniel O’Hara

Drehbuch: Peter Flannery

LV: Alan Hunter: Gently with the Innocents, 1970 (im Vorspann steht „nach einem Roman“, aber, nach dem Klappentext, hat die Buchstory nichts mit der Filmgeschichte zu tun)

Tödliche Mission (Gently in the Night, GB 2009)

Regie: Daniel O’Hara

Drehbuch: Peter Flannery

Böses Blut (Gently in the Blood, GB 2009)

Regie: Ciarán Donnelly

Drehbuch: Peter Flannery

Giftige Lügen (Gently through the Mill, GB 2009)

Regie: Ciarán Donnelly

Drehbuch: Mick Ford

LV: Alan Hunter: Gently through the Mill, 1958 (nur Titelgleichheit; Buch wird im Vorspann nicht erwähnt)

Die Saat des Bösen (Gently evil, GB 2010)

Regie: Daniel O’Hara

Drehbuch: Peter Flannery

Liebe und Verrat (Peace and Love, GB 2010)

Regie: Daniel O’Hara

Drehbuch: Jimmy Gardner

Hinweise

Fantastic Fiction: Bibliographie Alan Hunter

BBC über George Gently (Pressematerial zu „George Gently“)

ZDF über George Gently

Telegraph: Interview mit Martin Shaw und Lee Ingleby zu „George Gently“ (5. Juli 2008)

Wikipedia über „George Gently – Der Unbestechliche“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von „George Gently – Der Unbestechliche“ (Staffel 1)

 


DVD-Kritik: Sam Peckinpahs Krieg: „Steiner – Das eiserne Kreuz“

Juli 19, 2011

Was es bedeutet als Soldat an der Front zu stehen, zeigt Sam Peckinpah in seinem Hohelied auf den einfachen Soldaten „Steiner – Das eiserne Kreuz“, das damals einer der größten Kinohits der siebziger Jahre war. Dabei waren anscheinend schon die Dreharbeiten des 15 Millionen D-Mark teuren Films in Jugoslawien der reinste Krieg und standen finanziell immer wieder auf der Kippe. Denn Wolf C. Hartwig, der mit seiner Produktionsgesellschaft Rapid für die „Schulmädchen-Report“-Filme verantwortlich war, wollte jetzt einen ernsten Film mit Hollywood-Beteiligung produzieren. Die Verfilmung von Willi Heinrichs Debütroman „Das geduldige Fleisch“ über den deutschen Soldaten Steiner und seine Erlebnisse an der Ostfront während des Rückzugs, sollte, wie später die Produktionen von Bernd Eichinger, ein deutscher Kriegsfilm für den Weltmarkt werden. Für die Bestsellerverfilmung wurden die Stars James Coburn, James Mason, David Warner und Maximilian Schell für die Hauptrollen und eine Riege bekannter deutscher Schauspieler, wie Vadim Glowna, Klaus Löwitsch, Arthur Brauss und Burkhardt Driest, verpflichtet. Die Regie sollte Sam Peckinpah übernehmen – und wahrscheinlich erhielt man damals noch nicht so viele Informationen aus Hollywood. Denn Sam Peckinpah verwandelte die Dreharbeiten in Jugoslawien, wenig überraschend für alle, die ihn kannten, in ein Schlachtfeld. Vor und hinter der Kamera. In dem Bonusmaterial der jetzt veröffentlichten, restaurierten und erstmals ungekürzten Veröffentlichung des Films gibt es dazu zahlreiche Geschichten der damals Beteiligten. Sie erzählen auch, wie Hartwig (der nicht interviewt wurde) sich immer wieder Geld besorgte und kurz vor dem Ruin stand. Er versprach auch Unmengen an Statisten und Material und lieferte dann nicht. So musste ein Großangriff mit drei Panzern gedreht werden. Und Sam Peckinpah inszenierte den Film, den er im Kopf hatte.

Dabei hatte er bei „Steiner – Das eiserne Kreuz“ sogar den Endschnitt und das Ergebnis ist ein auch heute noch überwältigender Kriegsfilm. Die Geschichte, der Kampf zwischen Feldwebel Steiner (James Coburn) und Hauptmann Stransky (Maximilian Schell), ist dabei nur die dramaturgische Klammer für einen illusionslosen Blick auf das Soldatenleben, ein komplexes Beziehungsgeflecht zwischen den einzelnen Charakteren und ihrer widerstreitenden Weltanschauungen.

Die Offiziere organisieren den Rückzug und sehen das Kriegsende und die Niederlage nur als Vorbereitung für den nächsten Krieg an. Neu an der Front ist Stransky. Er hat sich an die Ostfront versetzen gelassen, um dort das Eiserne Kreuz zu erhalten. Für den preußischen Adligen wäre das Eiserne Kreuz die Krönung seiner militärischen Laufbahn und bei seiner Familie und Freunden die endgültige Auszeichnung. Für Steiner ist die Auszeichnung dagegen nur noch ein Stück Blech – und er hat keine Lust seine Männer für die Ambitionen eines Endsieg-gläubigen Feiglings sterben zu lassen.

Diese Geschichte packt Peckinpah in Bilder und Szenen, die im Gedächtnis bleiben. Bei den Kampfszenen, die oft im Nebel oder Rauch stattfinden, ist es die Art, wie er die Zeitlupe verwendet und die ihn sehr deutlich von den vielen glücklosen Nachahmern unterscheidet. Bei den intimen Szenen ist es das Spiel der Schauspieler, ihre Dialoge, ihre Gesten und, wie in den Kampfszenen, der Schnitt.

Gleichzeitig unterläuft Peckinpah von der ersten bis zur letzten Sekunde, obwohl er auf den ersten Blick die Erwartungen eines Kriegsfilms erfüllt, die Konventionen des Kriegsfilms.

 

Die „Special Edition“ auf Blu-ray

 

Digital restauriert, uncut und mit gut zwei Stunden Bonusmaterial. Da bekommt der Peckinpah-Fan schon bei der Ankündigung feuchte Augen. Denn die bisherigen deutschen Ausgaben von „Steiner – Das eiserne Kreuz“ waren gekürzt, enthielten nur die deutsche Tonfassung und kein nennenswertes Bonusmaterial.

Das Bonusmaterial für die „Special Edition“ wurde von Peckinpah-Fan Mike Siegel, der auch die wunderschöne Doppel-DVD „Passion & Poetry – The Ballad of Sam Peckinpah“ (Kaufbefehl!) veröffentlichte, erstellt. Dabei griff er auf Interviews, die er für „Passion & Poetry“ führte (und dort nur in Ausschnitten veröffentlichte), und seine eigene umfangreiche Peckinpah-Sammlung zurück. Das Kernstück ist dabei die 45-minütige Doku „Leidenschaft & Poesie: Sam Peckinpahs Krieg“. Dazu gibt es weitere Ausschnitte aus dem Interview mit Vadim Glowna und viel historisches Material, wie O-Töne der Stars, einige geschnitte Szenen (wozu auch eine Szene mit James Coburn und Senta Berger gehört) und Werbespots, die Sam Peckinpah mit James Coburn in Japan drehte.

Da fehlt nur noch die 48-minütige Super-8-Fassung für das Heimkino. Aber das dürfte, obwohl manche Super-8-Fassungen eine gute Kurzfassung des Films sind, der einzige Wermutstropfen sein.

Insgesamt ist das jetzt die definitive Ausgabe von Sam Peckipahs Kriegsfilmklassiker „Steiner – Das eiserne Kreuz“.

Hinweise zur Blu-ray- und DVD-Veröffentlichung: In der Erstauflage ist in der deutschen Tonspur zwischen Minute 41 und 47 der Ton asynchron zum Bild. Weil in den Minuten gekämpft wird, ist es nicht so schlimm (vor allem wer sich die Originalfassung ansieht), aber Kinowelt tauscht die Blu-rays auch um (einfach Mail an info[@]kinowelt.de bzw. fehlerhafte Blu-ray mit Zustelladresse an Kinowelt schicken).

In der für Mitte Juli angekündigten korrigierten Auflage ist der Fehler behoben.

Am 8. September 2011 erscheint der Kriegsfilmklassiker auf DVD.

Steiner – Das eiserne Kreuz (Cross of Iron, D/GB 1977)

Regie: Sam Peckinpah

Drehbuch: Julius J. Epstein, Walter Kelley, James Hamilton

LV: Willi Heinrich: Das geduldige Fleisch, 1955

mit James Coburn, Maximilian Schell, James Mason, David Warner, Klaus Löwitsch, Vadim Glowna, Fred Stillkrauth, Roger Fritz, Dieter Schidor, Durkhard Driet, Michale Nowka, Senta Berger, Arthur Braus, Véronique Vendell, Mikael Slavco Stimac

Blu-ray (Special Edition)

Kinowelt

Bild: 1,85:1 1080/24p Full HD

Ton: Deutsch Mono (DTS-HD Master Audio), Englisch (Mono LPCM)

Untertitel:Deutsch, Englisch

Bonusmaterial: Leidenschaft und Poesie: Sam Peckinpahs Krieg, On Location (Interviews mit Sam Peckinpah, James Coburn, David Mason, Maximilian Schell, David Warner), Krüger küsst Kern, Briefe von Vadim & Sam, Vadim & Sam: Vater & Sohn, Schnittreste, Steiner in Japan, Mikes Homemovies: Steiner trifft Kiesel wieder, Trailer Deutschland, TV-Spot USA, Trailer USA/England

Länge: 133 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Steiner – Das eiserne Kreuz“ (deutsch, englisch)

DVD Beaver: Bildvergleich der verschiedenen Veröffentlichungen des Films

Homepage von Willi Heinrich

Meine Besprechung von Mike Siegels „Passion & Poetry: The Ballad of Sam Peckinpah“

Meine Besprechung von Sam Peckinpahs „Gefährten des Todes“

Sam Peckinpah in der Kriminalakte

 

 


DVD-Kritik: Sam Fullers Noir „Der nackte Kuss“

Juli 15, 2011

Sam Fullers für wenig Geld gedrehter und damals wegen seines In-your-face-Stils sicher schockierender Film „Der nackte Kuss“ ist eine irritierende, teils packende, teils langweilende, letztendlich nicht überzeugende Mischung aus Noir, Melodrama der Douglas-Sirk-Schule und Klippschuldidaktik, die gerade wegen ihrer Machart einlädt, die Geschichte und einzelne Szenen in die verschiedensten psychologischen, psychoanalytischen, sozialen und politischen Richtungen zu interpretieren – und so mehr in dem Film zu sehen, als wirklich vorhanden ist. Denn die ziemlich absurde Story plätschert eher vor sich hin, als dass sie von Sam Fuller, der auch das Drehbuch schrieb und den Film produzierte, zielstrebig in eine Richtung getrieben wird.

Das erste Mal begegnen wir Kelly (Constance Towers), als sie wütend einen betrunkenen Mann zusammenschlägt und sich von ihm die ihr zustehenden 75 Dollar nimmt. Das nächste Mal, zwei Jahre später, taucht sie in einer lauschigen All-American-Kleinstadt auf, springt mit dem Stadtpolizisten ins Bett, beschließt nach einem Blick in den Spiegel ihr Leben zu ändern, nimmt sich in einer Pension ein Zimmer und nimmt einen Job als Krankenschwester für verstümmelte Kinder an. Sie ist schnell allseits beliebt, trifft sogar den Finanzier der örtlichen orthopädischen Klinik, einen jungen, gut aussehenden Millionär, Junggesellen und Nachfahren des Stadtgründers, der sich auch sofort in sie verliebt und sie trotz ihrer Vergangenheit als Prostituierte (hm, das hieß damals wohl noch Freudenmädchen und heute Sex-Arbeiterin) heiraten will.

Die Hochzeit platzt, als Kelly entdeckt, dass ihr Zukünftiger ein Pädophiler ist und ihr einreden will, dass sie beide Ausgestoßene aus der Gesellschaft und daher füreinander bestimmt seien. Sie erschlägt ihn und muss sich im letzten Drittel des Films gegen eine Armada zweifelhafter Belastungszeugen wehren.

Ernst nehmen kann man die Geschichte dieses B-Picture nicht. Dafür ist sie zu sehr schlechte Kolportage. Sam Fuller badet zu sehr im Klischee der Hure mit dem goldenen Herzen und kinderliebenden Übermutter. Sie ist eine Über-Doris-Day. Nur um Kelly dann Sekunden später in typischer Tough-Guy-Manier agieren zu lassen. Die Schauspieler spielen oft zu theatralisch. Die Dialoge sind oft gruselig. Einzelne Szenen dauern viel zu lange, andere sind erkennbar Füllmaterial um die Laufzeit zu strecken. Die Gewalt, die Verstümmelungen der Kinder und der Sex, vulgo nackte Haut und Bilder aus dem Bordell, sind zu sehr auf den Effekt beim damaligem vergnügungssüchtigem Publikum hin inszeniert. So schlägt in den ersten Minuten eine wütende Frau endlos auf einen Mann ein – und die Kamera übernimmt die Perspektive des Mannes, was dazu führt, dass die Furie uns, die nichtsahnenden Zuschauer, schlägt. In diesem Moment wird ein Ton vorgegeben, der nicht zu den späteren teils süßlichen, teils dokumentarischen Szenen passt.

Der nackte Kuss“ wäre ein krudes, nicht besonders interessantes B-Movie, wie es tausend andere gibt, wenn Sam Fuller nicht von Anfang an die Kleinstadt als bigotte Vorhölle zeigen würde. Da springt ein anständiger und geachteter Polizist sofort mit Kelly ins Bett. Da gibt es ein gut funktionierenden, von einer Frau geleitetes Bordell, in dem auch die ehrbaren Bürger verkehren und die Aussage der Puffmutter hat bei der Polizei mehr Gewicht als die Aussage der zugezogenen, auf ihrer Arbeit äußerst beliebten, großherzigen und kinderliebenden Kelly. Es gibt ein Krankenhaus für verstümmelte Kinder und Sam Fuller, der im zweiten Weltkrieg Soldat war und seine Kriegserfahrungen in dem Spielfilm „The Big Red One“ verarbeitete, zeigt exzessiv, nach dem Koreakrieg und kurz vor dem Beginn der offenen US-Intervention in Vietnam, ihre künstlichen Gelenke und wie sie sich mühsam mit ihnen bewegen. Der Zukünftige, ein gutaussehender Junggeselle und Frauenschwarm, ist ein Pädophiler; was Kelly nach dem ersten Kuss wusste. Denn es war ein ’nackter Kuss‘, was, so erklärt sie uns, das Kennzeichen eines Perversen sei. Und er will eine ehemalige Prostituierte heiraten.

Heute fällt in diesen Momenten vor allem auf, wie hanebüchen vieles in dem Film ist. Aber 1964 liefen „Das war der wilde Westen“, „Alexis Zorbas“, „My Fair Lady“ (mt Audrey Hepburn), „Mary Poppins“ (mit Julie Andrews), „Cleopatra“ (mit Elizabeth Taylor), „Schick mir keine Blumen“ (mit Doris Day), und „Marnie“ (mit Tippi Hedren) im Kino. Dagegen ist „Der nackte Kuss“ aus einer vollkommen anderen Welt.

Insofern ist „Der nackte Kuss“ als wütender Blick hinter die saubere Fassade des Kleinstadt-Amerikas und der dort herrschenden Doppelmoral interessant. Denn Sam Fuller greift in „Der nackte Kuss“ die gesellschaftlichen Konventionen ständig an, demaskiert und unterläuft sie. Als psychologische Zeitdiagnose ist der Noir höchst aufschlussreich. Denn, es ist eine Binsenweisheit, dass man aus den kleinen, schnell gedrehten Werken, den B-Pictures in denen die Macher, solange sie einen billig produzierten Film, der sein Geld einspielen würde, ablieferten, ihre Botschaft kompromisslos formulieren konnten, mehr über die wahren Verhältnisse in einem Land lernen kann, als aus den hochbudgetierten Filmen.

Aber ein guter Film ist „Der nackte Kuss“ nicht. Ein bizarrer, ein irritierender, ein teils langweilender, teils beunruhigender und polarisierender Film ist „Der nackte Kuss“ schon, der jetzt in der „Arthaus Retrospektive“ als sparsam ausgestatte DVD mit gutem Bild und Ton erschien.

 

Andere Stimmen

 

The one who maintained the highest noir profile in the 1960s was Sam Fuller with a trio of startingly brash movies – ‚Underworld USA‘ (1961), ‚Shock Corridor‘ (1963) and ‚The Naked Kiss‘ (1964). All three were forthright attacks on bourgeois hypocrisy and suburban values and the closest in feel to the noirs of the classic era. In Fuller’s uncompromising vision, the cynicism, pessimism and dark existentialism of film noir were far from dead.“ (Alexander Ballinger/Danny Graydon: The Rough Guide to Film Noir, 2007)

 

Weitgehend einfühlsamer und zurückhaltender Kriminalfilm mit melodramatischen Akzenten. Hervorragend: das sensible Spiel der Hauptdarstellerin.“ (Lexikon des internationalen Films)

 

Fuller demontiert in diesem Film, der von vielen Kritikern als sein bösartigstes und beunruhigendstes Werk angesehen wird, so ziemlich alle Ideale, die den Amerikanern hoch und heilig sind.“ (TV Spielfilm: Das große Filmlexikon, 2006)

 

Die deutsche Premiere war am 30. September 1982 im WDR.

Der nackte Kuss (The naked kiss, USA 1964)

Regie: Sam Fuller

Drehbuch: Sam Fuller

mit Constance Towers, Anthony Eisley, Michael Dante, Virginia Grey, Patsy Kelly, Marie Devereux

DVD

Arthaus/Kinowelt

Bild: 1,33:1 (4:3 Vollbild)

Ton: Deutsch, Englisch (Mono Dolby Digital)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Trailer, Wendecover

Länge: 87 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Der nackte Kuss“

Der Film Noir über „Der nackte Kuss“

Film-Rezensionen über „Der nackte Kuss“

Turner Classic Movies: Sean Axmaker über „Der nackte Kuss“

The Last Drive In: Monstergirl über „Der nackte Kuss“ (Teil 1, Teil 2, Teil 3)

Criterion: Michael Dare über „Der nackte Kuss“

You Tube: der gesamte Film in bescheidener Bildqualität


DVD-Kritik: Paul Newman ist „Der Etappenheld“

Juli 13, 2011

Als Paul Newman 1968 „Der Etappenheld“ drehte, war er bereits ein Star. Trotzdem floppte der Film an der Kinokasse und heute ist er fast unbekannt. Nicht zu unrecht. Denn „Der Etappenheld“ ist eine äußerst milde Satire auf das Militär und eine eher lasche Kriegskomödie; – wobei man auch argumentieren könnte, dass die Macher keine Komödie machen wollten, sondern einen ernsten Film, der auf einer absurden Prämisse basiert, drehten und es dabei einige komische Momente gibt.

Denn zufällig nehmen die Italiener während des Zweiten Weltkriegs in Tunesien fünf Alliierten-Generäle fest und bringen sie, als Kriegsgefangene, nach Italien in ein Schloss, das ihr Nobelgefängnis sein soll. Ihr Bewacher ist Colonello Enrico Ferrucci, der vorher fast neun Jahre Hauptgeschäftsführer des Ritz Excelsior in Genua war und seine hohen Gäste gerne ordentlich beherbergt. Die Generäle beginnen selbstverständlich sofort ihren Ausbruch zu planen, aber weil sie alle den gleichen militärischen Rang haben, wissen sie nicht, wer sie anführen soll und die Idee, den Ausbruch per Abstimmung zu planen, scheitert, weil die Mehrheit immer gegen den gerade vorgestellten Plan ist.

Währenddessen startet General Homer Prentiss in London eine Rettungsaktion. Er holt sich Private Harry Frigg (Paul Newman). Der steht, weil er ständig Ärger mit seinen inkompetenten Vorgesetzten hat und jede Haftstrafe durch unbotmäßiges Verhalten und Fluchtversuche ins Unendliche verlängert, auf der militärischen Futterleiter ganz unten. Aber als Serienausbrecher ist er der ideale Kandidat, um für die inhaftierten Generäle einen Ausbruch zu organisieren. Er wird, weil die Generäle nur die Befehle eines höherrangigen Militärs akzeptieren werden, zum Major General befördert und nach Italien geschickt.

Routinier Jack Smight, der davor mit Paul Newman den Privatdetektivkrimi „Ein Fall für Harper“ gedreht hatte, und Peter Stone, der davor bereits die Drehbücher für „Charade“ und „Arabeske“ geschrieben hatte (später schrieb er die Drehbücher für „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3“ und „Die Schlemmerorgie“), machen erstaunlich wenig aus der vielversprechenden Prämisse. Stattdessen plätschert die Geschichte bis kurz vor Schluss so vor sich hin. Immerhin fühlen sich die Gefangenen gar nicht so unwohl in dem Luxusgefängnis. Die in das Gartenhaus ausquartierte Gräfin Francesca De Montefiore (die Schönheitskönigin Sylva Koscina wurde garantiert nicht wegen ihrer schauspielerischen Fähigkeiten engagiert) hat sich mit den Umständen gut arrangiert, ist am Tisch immer noch die Gastgeberin und sie verliebt sich auch in Harry Frigg, dem sie einige Lehrstunden im Benehmen der Bessergestellten verpasst. Der Gefängniswärter ist ein äußerst zuvorkommender und um das leibliche Wohl seiner Gäste sehr besorgter Gastgeber. Und die Wachen haben in den ersten Wochen auch keine Munition für ihre Gewehre.

Es ist irgendwie schon alles ziemlich paradiesisch in dem Luxusgefängnis, bis die Nazis auftauchen. Werner Peters gibt die Cartoon-Version des kriegslüstern-menschenverachtenden Offiziers, der sie auch gleich in ein anderes, gut bewachtes und gesichertes Gefängnis verfrachtet. Jetzt, auch weil der Film fast um ist, ist Harry Friggs Ausbrechertalent gefragt.

Der Etappenheld“ ist ein Film für eine verregneten Sonntagnachmittag. Nichts großartiges, auch nichts was länger im Gedächtnis bleibt oder besonders aufregend ist, aber, angereichert mit einigen hübschen Szenen und Dialogen, durchaus kurzweilig unterhält.

Der Etappenheld (The secret war of Harry Frigg, USA 1968)

Regie: Jack Smight

Drehbuch: Peter Stone, Frank Tarloff (nach einer Geschichte von Frank Tarloff)

mit Paul Newman, Sylva Koscina, Andrew Duggan, Tom Bosley, John Williams, Charles Gray, Vito Scotti, Jacques Roux, Werner Peters, James Gregory, Norman Fell, Buck Henry

DVD

Koch-Media

Bild: 2.35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Bildergalerie, Originaltrailer

Länge: 105 Minuten

FSK: ab 12 Jahre.

Hinweise

Wikipedia über „Der Etappenheld“ (deutsch, englisch)

Turner Classic Movies über „Der Etappenheld“

Movieposters: einige Filmplakate

Kriminalakte: Mein Nachruf auf Paul Newman

Paul Newman in der Kriminalakte


DVD-Kritik: Alfred Hitchcocks Screwball-Comedy „Mr. und Mrs. Smith“

Juli 12, 2011

Bereits als Stummfilm-Regisseur fand Alfred Hitchcock sein Genre: den Spannungsfilm. Die Auftragsarbeiten, die er während dieser Jahre drehte sind, wie viele Stummfilme, verschollen oder nur für die fanatischen Hitchcock-Fans von Interesse. Schließlich will der devote Fan jeden Film des Meisters gesehen haben.

Später drehte Hitchcock, bis auf wenige Ausnahmen, wie „Riff-Piraten“ (Jamaica Inn; sein letzter englischer Film) und „Sklavin des Herzens“ (Under Capricorn), nur noch Thriller. Meistens war er von der Idee bis zur Premiere in die Produktion involviert und spätestens seitdem er 1955 im TV zehn Jahre Gastgeber der erfolgreichen und langlebigen Reihe „Alfred Hitchcock präsentiert“ (später „Alfred Hitchcock zeigt“) war, kannte jedes Kind den dicklichen englischen Gentleman mit dem schwarzen Humor, der immer korrekt gekleidet war und sich nicht scheute Witze über sich und die Geldgeber zu machen.

Mr. und Mrs. Smith“ ist da im Hitchcockschen Ouevre eine Ausnahme. Als er den Film drehte, war er auch in den USA nach „Rebecca“ und „Mord“ (Foreign Correspondent) bereits ein bekannter Name, und er übernahm die Regie nur als Gefallen an Hauptdarstellerin Carole Lombard, mit der er befreundet war.

Ich habe mich mehr oder weniger an das Drehbuch von Norman Krasna gehalten. Da ich die Art von Leuten nicht verstand, die in dem Film gezeigt wurden, habe ich die Szenen fotografiert, wie sie geschrieben waren“, sagt Hitchcock in dem legendären Gespräch mit Francois Truffaut in dem ihm eigenen Understatement über den immer noch fast unbekannten Film, der in Deutschland erstmals am 27. August 1970 im ARD gezeigt wurde. Denn für Hichtcock-Fans hat der Film als Nebenwerk nichts Hitchcock-typisches zu bieten. Es gab auch nichts, was Hitchcock erkennbar an dem Film gereizt hatte. So wollte er in „Das Rettungsboot“ (Lifeboat) die ganze Geschichte in einem Rettungsboot spielen lassen. In „Fenster zum Hof“ (Rear Window) ist der Held an seinen Rollstuhl gefesselt und er verbringt seine Zeit, indem er die Menschen im Hinterhof studiert. In „Cocktail für eine Leiche“ (Rope) spielt die Geschichte in Echtzeit und es wurde ohne einen erkennbaren Schnitt gedreht.

Aber in „Mr. und Mrs. Smith“ gibt es solche Herausforderungen nicht. Denn der Film ist eine waschechte Screwball-Comedy, die vor allem die Erfordernisse des Genres mit einer handelsüblich dünnen Geschichte bedient.

Nach einem Ehestreit erfährt Mr. Smith, dass er, weil er seine überaus temperamentvolle Frau auf dem falschen Standesamt heiratete, überhaupt nicht verheiratet ist. Er freut sich auf einen Abend in wilder Ehe. Sie dagegen erwartet einen Heiratsantrag und nachdem dieser nicht kommt, wirft sie ihren Mann aus der gemeinsamen Wohnung. Er setzt jetzt Himmel und Hölle in Bewegung, um sie wieder zu erobern. Sie beginnt dagegen eine Affäre mit seinem Sozietätspartner Jeff Custer, einem rechten Langweiler vor dem Herrn. Und wir können uns an den Fingern einer abgehakten Hand abzählen, wie die Geschichte nach einigen Wortgefechten und tief fliegenden Gegenständen ausgeht.

Und das hat Hitchcock schön auf den Punkt hin inszeniert. Immerhin hat er, auch wenn er von Screwball-Comedy keine Ahnung hat, viel Humor und ein gutes Timing. Für das Drehbuch kann er dieses Mal nichts. Allein schon die Einführung der beiden von finanziellen Problemen unbelasteten Hauptcharaktere ist ein Kabinettsstück: immer wenn Ann und David Smith sich streiten, sperren sie sich in ihrem Schlafzimmer ein und verlassen den Raum erst, wenn sie sich wieder vertragen. Das kann, wie ihr Personal und Smiths Kanzlei aus leidvoller Erfahrung wissen, Tage dauern. Der Rekord liegt bei acht Tagen. In dem Zimmer schleichen sie wie Katz und Maus umeinander herum und versuchen sich möglichst gut zu ignorieren. Was gar nicht so einfach ist. Oder das Abendessen bei „Mama Lucy“, das unter dem neuen Besitzer zu einem heruntergekommenem Imbiss, in dem die Katzen reihenweise an dem Essen sterben, verkommen ist. Aber die beiden Smiths benehmen sich, als ob sie in einem Nobelrestaurant wären. Oder der erste gemeinsame Abend von Ann Smith und Jeff Custer. Zuerst muss sie in einem Tanzlokal David beobachten, der sich anscheinend glänzend mit anderen Frauen vergnügt. Dann müssen Ann und Jeff stundenlang, im Regen in einer Gondel ausharren. Zum krönenden Abschluss gibt sie Jeff einen Schnaps zum Aufwärmen und Jeff, der noch nie Alkohol getrunken hat, ist ganz schnell stockbesoffen.

Oder wenn David am Filmende einen letzten Versuch unternimmt, sie wieder zurückzugewinnen und er sich in einer einsam gelegenen Skihütte neben Ann und Jeff einquartiert. Er spielt ihnen vor, dass er todkrank, im Delirium und kurz vor dem Erfrieren ist. Sie spielt ihm vor, dass Jeff sich zu einem stürmischem Liebhaber entwickelt hat. Dieses Versteckspiel gehorcht, wie der gesamte Film, keiner rationalen Logik mehr, sondern nur noch der emotionalen Logik eines Liebesfilms und es ist, auch wenn der Film eher zum Schmunzeln als zum Lachen animiert, immer auf die Pointe hin inszeniert.

Natürlich ist „Mr. und Mrs. Smith“ vor allem viel heiße Luft. Aber der Film macht auf eine richtig altmodische Art Spaß; – ganz im Gegensatz zu dem gleichnamigen Film von 2005 mit Angelina Jolie und Brad Pitt, der außer dem Titel nichts mit Hitchcocks Film zu tun hat.

Mr. und Mrs. Smith (Mr. and Mrs. Smith, USA 1941)

Regie: Alfred Hitchcock

Drehbuch: Norman Krasna

mit Carole Lombard, Robert Montgomery, Gene Raymond, Jack Carson, Philip Merivale

DVD

Arthaus/Kinowelt

Bild: 1,33:1 (4:3 Vollbild)

Ton: Deutsch, Englisch (Mono DD)

Untertitel: Deutsch

Extras: Wendecover

Länge: 90 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Mr. und Mrs. Smith (deutsch, englisch)

Hitchcockwiki über „Mr. und Mrs. Smith“

Turner Classic Movies über „Mr. und Mrs. Smith“

Hitchcock and Me über „Mr. und Mrs. Smith“

Sex in a Submarine über „Mr. und Mrs. Smith“

Wikipedia über Alfred Hitchcock (deutsch, englisch)

Senses of Cinema (Ken Mogg) über Alfred Hitchcock

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2

Meine Besprechung von Thily Wydras “Alfred Hitchcock”

Alfred Hitchcock in der Kriminalakte

 


DVD-Kritik: Der Routine-Western „Die schwarze Maske“

Juli 10, 2011

Für George Sherman, der in Hollywood zwischen 1937 und 1978 über 120 Filme drehte und dessen bekannteste Filme wohl das Errol-Flynn-Piratenabenteuer „Gegen alle Flaggen“ und der John-Wayne-Western „Big Jake“ sind, war „Die schwarze Maske“ damals sicher nur ein weiterer Routine-Western und die gesamte Crew bot auch nicht mehr als Routine bei einer ziemlich lieblos zusammengeklaubten Geschichte über einen Banditen, der eine schwarze Maske trägt, und die Postkutschen von Wells Fargo ausraubt. Die Überfälle sind nur der Teil eines größeren Plans. Als die Sängerin Lola Montez, die sich während eines Überfalls in den honorigen Banditen verliebt, nach Sacramento kommt und zwei alte Freunde des Banditen, der inzwischen eine Tarnexistenz als Rancher Charles E. Boles hat, auftauchen und Wells Fargo das Kopfgeld in astronomische Höhen geschraubt hat, wird es für Boles brenzlig. Aber er will noch einen letzten Überfall machen.

Die schwarze Maske“ ist von der ersten bis zur letzten Minute ein B-Western, in dem es die typischen Zutaten (inclusive einer Musical-Einlage [ach, wie habe ich als Jugendlicher diese die Handlung störenden Gesänge meist schlechter Lieder gehasst]) in altbekannter Mischung gibt. Bemerkenswert sind da nur, dass sogar Boles als Protagonist und Held der Geschichte aus rein pekuniären Motiven die Überfälle begeht (was wir eher aus dem Italo-Western kennen), dass er keinen wirklichen Gegner und auch kein wirkliches Motiv für seine Taten hat (was die Story ungemein schwächt), und dass „Die schwarze Maske“ in Farbe gedreht wurde. Denn 1948 waren Farbfilme noch nicht die Regel. Sogar Filme mit Stars, wie die zeitgleich entstandenen Klassiker „Bis zum letzten Mann“, „Gangster in Key Largo“, „Der Schatz der Sierra Madre“ und „Kennwort 777“, wurden in Schwarz-Weiß gedreht.

Aber Sherman nutzt die Möglichkeiten des Farbfilms, außer ansatzweise bei der Gesangseinlage, nicht.

Mit dem echten „Black Bart“ hat der Film eigentlich nichts zu tun. So lebte Charles E. Boles bei seiner Verhaftung in San Francisco in einer Pension, er wurde zu sechs Jahren verurteilt und kam nach vier Jahren frei. Im Film ist sein Ende, nun, etwas dramatischer.

Die schwarze Maske (Black Bart, USA 1948)

Regie: George Sherman

Drehbuch: Luci Ward, Jack Natteford, William Bowers (nach einer Geschichte von Luci Ward und Jack Natteford)

mit Yvonne De Carlo, Dan Duryea, Jeffrey Lynn, John McIntire, Percy Kilbride

DVD

Koch Media

Bild: 1.37:1 (4:3)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Bildergalerie

Länge: 77 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Die schwarze Maske“

Turner Classic Movies über „Die schwarze Maske“

New York Times: Besprechung des Films vom 4. März 1948

Wilder Westen über Black Bart

Umfangreiche Seite über Black Bart


DVD-Kritik: Die „Herrin der toten Stadt“ zeigt sich kampfeslustig

Juli 8, 2011

Es ist eine Binsenweisheit, dass die meisten Western keine wahren Geschichten aus dem Wilden Westen, sondern Märchen erzählen. Auch der 1867 in Arizona spielende Western „Herrin der toten Stadt“ von William A. Wellman scheint mit der Wirklichkeit nicht allzu viel zu tun zu haben.

Stretch (Gregory Peck) und seine Gang überfallen eine Bank. Auf ihrer Flucht müssen sie die Wüste durchqueren. So schütteln sie zwar ihre Verfolger ab, aber sie scheinen auch in den sicheren Tod zu stolpern. Es gelingt ihnen, die Wüste zu durchqueren und auf der anderen Seite stoßen sie auf eine Stadt. „Yellow Sky“. Eine Geisterstadt. Sie glauben schon, dass alles umsonst war, als eine Frau (Anne Baxter) auftaucht und ihnen sagt, wo eine Wasserquelle ist. Mike, wie Constance Mae genannt wird, lebt zusammen mit ihrem Opa in einem Haus.

Die Verbrecher fragen sich, warum zwei Menschen in einer Geisterstadt ausharren. Schnell kommen sie zu dem Schluss, dass die beiden Goldschürfer sind und irgendwo ein Vermögen gebunkert haben müssen. Sie wollen das Gold.

Hm, eine verlassene Goldgräberstadt, in der zwei Menschen immer noch Gold schürfen? Das klingt jetzt nicht gerade nach einer glaubwürdigen Prämisse, aber hier sind alle mit soviel Energie und Schwung bei der Arbeit, dass man sich nicht länger mit dem sehr konstruiertem Setting beschäftigt, sondern ganz einfach genießt, wie die Bösewichter als eine fast gleichberechtigte Zweckgemeinschaft eingeführt werden, wie Mike und ihr nur scheinbar trotteliger Großvater (der wie eine Vorlage für die schwer einzuschätzenden, aber zu allen Untaten fähigen Hinterwäldler aus modernen Horror- und, seltener, Kriminalfilmen wirkt) die Verbrecherbande im Schach halten, wie die verfallene Stadt und die Landschaft (es wurde im Death Valley Nationalpark gedreht) eine eigene Rolle übernehmen und wie zügig die Geschichte mit einigen überraschenden Schlenkern bis zum doch arg unglaubwürdigem Ende erzählt wird. Denn damals war in Hollywood ein Happy End Vorschrift und wurde, wie in einem Gangsterfilm mit dem Tod des Gangsters oder der fantastischen und deshalb entsprechend unglaubwürdigen Bekehrung des Trinkers in Billy Wilders „Das verlorene Wochenende“ (toller Film!) brav exekutiert.

Lamar Trottis Drehbuch erhielt damals den WGA-Preis der Writers Guild of America als bester Western. John Fords John-Wayne-Western „Der Teufelshauptmann“ war ebenfalls nominiert und im Schatten von so bekannten Filmen wie „Der Teufelshauptmann“ steht der sehenswerte und prominent besetzte Western „Herrin der toten Stadt“ heute immer noch.

 

Die DVD

 

Auf der DVD gibt es als Bonusmaterial den Trailer, drei umfangreiche Slideshows und, untertitelt, das halbstündige, auf dem Film basierende Hörspiel mit Gregory Peck, das einige Monate nach dem Kinostart, am 15. Juli 1949, im „Screen Director’s Playhouse“ gesendet wurde. Das sind die feinen Ergänzungen für einen schon ziemlich alten SW-Film (nebenbei bemerkt: tolles Bild), der in der uneingeschränkt lobenswerten „Western Legenden“-Reihe von Koch Media erschien. Denn im TV lief die „Herrin der toten Stadt“ schon seit Ewigkeiten nicht mehr.

Herrin der toten Stadt (Yellow Sky, USA 1948)

Regie: William A. Wellman

Drehbuch: Lamar Trotti (nach einer Geschichte von W. R. Burnett)

mit Gregory Peck, Richard Widmark, Anne Baxter, James Barton, Henry Morgan, Robert Arthur, John Russell, Charles Kemper

auch bekannt als „Nevada“

DVD

Koch Media (Western Legenden No. 7)

Bild: 1.37:1 (4:3)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: Englisch

Bonusmaterial: Englischer Trailer, Originalhörspiel „Yellow Sky“ (mit deutschen Untertiteln), Bildergalerie mit seltenem Werbematerial (Fotos, Hinter den Kulissen, Poster & Werbung)

Länge: 94 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Herrin der toten Stadt“ (deutsch, englisch)

Turner Classic Movies über „Herrin der toten Stadt“

Wikipedia über W. R. Burnett (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über W. R. Burnett

Mordlust über W. R. Burnett

DetNovel über W. R. Burnett

FilmNoirNet über W. R. Burnett

 


DVD-Kritik: Krudes Zeug aus Frankreich: „Die Meute“

Juli 6, 2011

Horror aus Frankreich hat inzwischen unter Horrorfans einen guten Namen. Immerhin kamen in den vergangenen Jahren einige interessante, aber auch ziemlich harte Filme aus unserem Nachbarland.

Auch „Die Meute“, der Eröffnungsfilm des letztjährigen Fantasy Filmfests, scheint sich auf den ersten Blick in die Reihe der neueren Franco-Horrrorfilme einzureihen. Das Cover sieht nach „Saw“ aus, die dort stehenden Worte „Gefangen – Gemästet – Geschlachtet“ und auch die Ab-18-Jahre-Freigabe (wobei für den Verkauf die Schere angesetzt wurde) lassen ein Schlachtfest für den abgehärteten Magen erwarten.

Aber „Die Meute“ ist dann gar nicht so explizit blutig. Unappetitlich schon und nicht besonders gelungen.

Die Story (eine junge Frau nimmt einen Anhalter mit; an einer einsam gelegenen Raststätte verschwindet dieser; sie sucht ihn; sie gerät in die Fänge einer „Kannibalen“-Familie; sie versucht zu fliehen undsoweiter) folgt brav den Genrekonventionen. Die Charaktere verhalten sich ebenfalls genrekonform; – was immer wieder bedeutet „absolut bescheuert“.

Allerdings ist die Story so übel und sinnfrei zusammengeklaubt, dass sie vorne und hinten nicht stimmt.

Dafür verwendet Regisseur und Drehbuchautor Franck Richard in seinem Debüt viel Zeit für die gelungene Optik: das versiffte Gasthaus, der schmutzige Stall und das einsame Haus auf dem Hügel mit dem daneben stehendem Galgen. Da scheint die Zeit spätestens 1945 stehen geblieben zu sein. Und bei all dem Schmutz sieht man auch immer, dass die Ausstatter sich bemühten, den Dreck ästhetisch, wie in einem Werbefilm, aussehen zu lassen.

Deshalb ist „Die Meute“ als Talentprobe, Visitenkarte und „Präsentationsmappe“ für künftige Filme von Franck Richard sicher geeignet. Nur ein guter Horrorfilm ist das mit 75 Minuten (ohne den Abspann) angenehm kurze Werk nicht.

Die Meute (La Meute, Frankreich/Belgien 2010)

Regie: Franck Richard

Drehbuch: Franck Richard

mit Emilie Dequenne, Yolande Moreau, Eric Godon, Philippe Nahon, Benjamin Biolay, Brice Fournier

DVD

Sunfilm

Bild: 16.9 (1:1,85)

Ton: Deutsch (DTS, DD 5.1), Französisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial (angekündigt): Making of, Trailer

Länge: 81 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

(Blu-ray identisch)

Hinweis

Six-Shooter: Interview mit Franck Richard



DVD-Kritik: Johnny Depps Regiedebüt „The Brave“

Juli 1, 2011

 

Als Johnny Depp, der 1997 nach „Arizona Dream“, „Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa“, „Ed Wood“, „Don Juan de Marco“ (ebenfalls mit Marlon Brando), „Dead Man“ und „Donnie Brasco“ bereits ein Publikumsliebling war, in Cannes sein Regiedebüt „The Brave“ zeigte, waren die Kritiker maßlos enttäuscht und entsprechend vernichtend fielen ihre Kritiken aus. Depp verzichtete in den USA auf eine Veröffentlichung (bis jetzt ist der Film dort anscheinend weder im Kino gelaufen noch auf DVD veröffentlicht oder im TV gezeigt worden) und auch bei uns erschien der Film nur auf Video (und damals war „Video“ noch ein anderes Wort für „Mist“).

Aber manchmal ändert sich mit der Zeit die Perzeption eines Werkes. Außerdem enthält „The Brave“ einen der letzten Auftritte von Marlon Brando. Allerdings ist dieser für den Film wichtige Auftritt arg kurz geraten (es handelt sich um eine längere Szene am Anfang und einen sekundenlangen Auftritt am Ende des Films) und er ist wieder einer der Auftritte, in denen Brando primadonnenhaft um sich selbst kreist. Er hatte vielleicht seinen Spaß, aber niemand anderes findet es witzig.

Brando spielt McCarthy, einen geheimnisvollen Mann, der Raphael (Johnny Depp) 50.000 Dollar dafür anbietet, dass er sich in einer Woche vor laufender Kamera ermorden lässt. Raphael ist als kleinkrimineller Indianer ganz unten angelangt. Zusammen mit seiner Frau und seinen Kindern lebt er, mit anderen Indianern, in einem Wohnwagen auf einer Müllkippe. Er hat keinen Job und auch keine Aussicht auf ein besseres Leben. Aber mit dem Geld kann er seiner Familie die Chance auf ein besseres Leben eröffnen. Raphael nimmt das Geld und in den folgenden sieben Tagen verabschiedet er sich von seiner Familie, ohne ihr zu sagen, was er vorhat.

Und was jetzt eine große Liebeserklärung an des Leben werden könnte, versackt zwischen einem Übermaß an Ambition und einem Mangel an Stilsicherheit. Denn Depp will in seinem Debüt alles: es will ein sozialkritisches Independent-Drama und eine schonungslose Bestandsaufnahme des Lebens der Indianer im heutigen Amerika sein. Deshalb leben die Indianer auf einer Müllkippe, die nach einem Direktimport aus Schwarzafrika aussieht und mit etwas „Mad Max“-Endzeitromantik aufgepeppt wurde. Er beschwört Fellinis Gaukler-Filme herauf. Er lässt sich von Emir Kusturica, mit dem Depp kurz davor „Arizona Dream“ drehte, inspirieren. Aus Müll wird ein Jahrmarkt mit allem Pipapo erschaffen. Es war sicher auch eine zynische Anklage gegen den Kapitalismus beabsichtigt. Immerhin spielt Raphael für Geld in einem Snuff-Film mit. Die Szenen mit den Bösewichtern erinnern mal an eine schlechte Monty-Python-Parodie, mal an den hilflosen Versuch etwas American Gothic in der Wüste zu kreieren, und sie passen damit überhaupt nicht in den restlichen, eher melancholischen Film. Und Johnny Depp ist hier als Hauptdarsteller, Drehbuchautor und Regisseur eindeutig überfordert. Er schleicht mit versteinerter Miene durchs Bild und man glaubt nie, dass er Raphel ist.

The Brave“ ist ein ambitionierter Film; – und damit kein guter Film.

The Brave (The Brave, USA 1996)

Regie: Johnny Depp

Drehbuch: Paul McCudden, Johnny Depp, D. P. Depp

LV: Gregory McDonald: The Brave, 1991

Musik: Iggy Pop

mit Johnny Depp, Marshall Bell, Elpidia Carrillo, Frederic Forrest, Clarence Williams III, Luis Guzmán, Floyd ‚Red Crow‘ Westerman, Marlon Brando, Iggy Pop (Cameo)

DVD

Concorde

Bild: 1,85:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Entlisch (DD 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: –

Länge: 118 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „The Brave“ (deutsch, englisch)

 

Homepage von Gregory Mcdonald

Mein Nachruf auf Gregory Mcdonald

Bonusmaterial

 


DVD-Kritik: Takashi Miike goes Samurai mit „13 Assassins“

Juni 29, 2011

Wahrscheinlich haben sogar beinharte Takashi-Miike-Fans nicht alle seine Filme gesehen. Denn der ultraproduktive Regisseur drehte in den vergangenen zwanzig Jahren 85 Filme. Dabei ist, so die IMDB, ein Film in der Postproduktion und zwei werden gerade gedreht. Und, auch wenn es, wenigstens bei seinen bekanntesten Filmen, wie „Dead or Alive“ oder „Ichi, der Killer“, eine spürbare Lust nach ultrabrutaler, grotesk übersteigerter Comicgewalt gibt, hat er mit ruhigen Filmen, wie „Audition“, auch andere Seiten gezeigt. Sowieso hat er sich nie auf ein Genre festgelegt. Wobei wir vor allem seine Kriminal- und Horrrorfilme kennen. Immerhin liefen einige sogar im Kino und etliche wurden auf DVD veröffentlicht.

Auch sein halbwegs neuester Film „13 Assassins“ erlebt bei uns nur eine DVD-Premiere; was schade ist, weil der japanische Kinohit bildgewaltig eine Samurai-Geschichte erzählt, die, wie es so schön heißt, auf wahren Ereignissen beruht.

1844 wird der Samurai Shinzaeman vom Ältestenrat beauftragt Lord Naritsugu, den Halbbruder des Shogun und Anwärter auf einen Sitz im Rat, zu ermorden. Das ist, weil Lord Naritsugu als Verwandter des Shogun zu den Unberührbaren gehört, eine ungeheuerliche Intrige, aber Lord Naritsugu ist ein durchgeknallter Psychopath, dem es Spaß macht, Menschen zu demütigen, foltern und zu ermorden und der, wenn er an der Macht ist, aus reiner Lust am Kampf das Land in einen Krieg stürzen wird.

Shinzaeman sammelt eine kleine Gruppe von Samurais um sich und in einem Hinterhalt fordern sie, die titelgebenden „13 Assassins“ (auf deutsch „13 Attentäter“), Lord Naritsugu und seine Armee zum Kampf heraus.

13 Assassins“ ist ein sich am klassischen Abenteuerfilm orientierendes Samurai-Abenteuer. Entsprechend klar unterscheiden sich die Guten und die Bösen. Lord Naritsugu kann es in Punkto Bosheit mit jedem James-Bond- oder Hollywood-Bösewicht aufnehmen. Die Samurai sind tapfer bis über die Selbstaufgabe hinaus. Sonst würden sie auch nicht bei dieser Selbstmordmission mitmachen. Es gibt den klassischen Comic Relief, der als Witzbold immer das letzte Wort hat.

Vor allem bei dem fast fünfzigminütigem Schlusskampf gibt es heftige, gut choreographierte Schwertkämpfe und das alles wird von Takashi Miike angenehm unblutig (jedenfalls im Vergleich zu einigen seiner anderen Werke) inszeniert. „13 Assassins“ ist zwar kein Film für die ganze Familie, aber die halbe Familie darf schon zusehen und sich an Filme wie Akira Kurosawas „Die sieben Samurai“ (ohne je dessen philosophische Tiefe zu erreichen) erinnern. Außerdem, was das Retro-Feeling unterstützt, hat Miike „13 Assassins“ auch klassisch inszeniert. Da gibt es kein modisches Geruckel, keine Wackelkamera und keine Zehntelsekundenschnitte. Stattdessen Panoramaaufnahmen von der Landschaft und dem Dorf, in dem der Kampf stattfindet, und ruhige Einstellungen bei den Gesprächen im Rat und wenn Shinzaeman die Samurais rekrutiert.

Takashi Miike passt halt seinen Stil dem Genre und der Geschichte an. Und „13 Assassins“ ist eben klassisches Abenteuerkino mit einem überlebensgroßem Bösewicht, einer Armee ihm treu ergebener Untertanen und ebenso überlebensgroßen tapferen Kämpfern für die gerechte Sache. Das ist ziemlich unterhaltsam, aber auch arg vorhersehbar.

Oh, „13 Assassins“ ist auch ein Remake von einem Samurai-Film von 1961, der jetzt auch auf DVD veröffentlicht wurde.

Auf der sehr dürftig ausgestatteten DVD sind die „Internationale Fassung“ und einige Trailer.

13 Assassins (Jûsan-nin no shikaku, Japan 2010)

Regie: Takashi Miike

Drehbuch: Daisuke Tengan (nach einem Drehbuch von Kaneo Ikegami)

mit Kôji Yakusho, Takayuki Yamada, Yûsuke Iseya, Gorô Inagaki, Masachika Ichimura, Mikijiro Hira, Hiroki Matsukata, Ikki Sawamura, Arata Furuta, Tsuyoshi Ihara

DVD

Ascot-Elite

Bild: 2.35:1 (16:9)

Ton: Deutsch (DTS 5.1, Dolby Digital 5.1), Japanisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Originaltrailer, Deutscher Trailer, Promotrailer, Wendecover (Die angekündigten „Deleted Scenes“ habe ich nicht gefunden.)

Länge: 120 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Japanische Homepage zum Film (englische Version)

Amerikanische Homepage zum Film

Facebook-Seite zum Film

Wikipedia über „13 Assassins“

Schnittberichte: Vergleich Internationale – Japanische Fassung


DVD-Kritik: Der grandiose Director’s Cut von „Carlos – Der Schakal“

Juni 29, 2011

Von Olivier Assayas Biopic „Carlos – Der Schakal“ war ich vor etwas über einem halben Jahr begeistert. Ich kannte zwar nur die dreistündige Kinoversion und nicht die fast doppelt solange TV-Version, aber ich sah mir den Film zweimal an.

Entsprechend neugierig war ich jetzt auch auf die 330-minütige TV-Version, aus der Assayas die kürzere Kinoversion destillierte. Es waren, wie bei Wolfgang Petersens Kriegsfilm „Das Boot“ von Anfang an, mehrere Versionen geplant. Insofern ist dieser „Director’s Cut“ auch kein normaler „Director’s Cut“ sondern ein eigenständiges, aus drei Teilen bestehendes Werk.

Im ersten Teil zeichnen Assayas, der auch das Drehbuch schrieb und sein Co-Autor Dan Franck den Aufstieg von Ilich Ramirez Sánchez zum bekannten Terroristen Carlos (grandios verkörpert von Édgar Ramirez in der Rolle seines Lebens; jedenfalls bis jetzt) nach. Er beginnt mit dem Einstieg von Carlos in die „Volksfront für die Befreiung Palästinas“ (PFLP) und endet kurz vor dem Beginn seiner bekanntesten Aktion: der Geiselnahme der OPEC-Minister in Wien.

Im zweiten Teil wird dann, wie im Kinofilm, diese Geiselnahme und die anschließende Flucht im Flugzeug detailliert über fast eine Stunde nachgezeichnet. Danach ist Carlos auf dem Höhepunkt seines Ruhms, er hat Ärger mit Wadi Haddad (dem Anführer der PFLP) und Carlos versucht, nachdem Haddad ihn aus seiner Gruppe verstößt, eine eigene Gruppe zu gründen. Der zweite Teil endet mit Haddads Tod und der ersten Begegnung von Carlos und Magdalena Kopp.

Im dritten Teil steht dann die Liebe zwischen Carlos und Magdalena im Mittelpunkt. Gleichzeitig versucht er weiterhin seine Gruppe aufzubauen und er wird zunehmend zu einem Spielball der Geheimdienste.

Dieser dritte Teil war mir in der Kinoversion zu hektisch und ohne roten Faden. Schon damals vermutete ich, dass Assayas hier viel geschnitten hatte. So war es auch. Es gibt zwar im ersten Teil noch weitere Aktionen, wie die Geiselnahme der Japanischen Roten Armee in Den Haag und die beiden, eher komödiantischen und, zum Glück, missglückten Panzerfaust-Anschläge auf El-Al-Maschinen auf dem Pariser Flughafen Orly. Aber diese Unterschiede fallen kaum ins Gewicht. Ebenso die wenigen Ergänzungen im zweiten Teil. Im dritten und längsten Teil des Biopics gibt es dann viele neue Szenen und damit einen neuen und viel besseren dritten Teil, der jetzt genau die Kohärenz hat, die dem Abstieg von Carlos in der Kinoversion fehlte.

Deshalb sollte jeder, der bislang nur die Kinoversion kennt, sich unbedingt den viel besseren Director’s Cut ansehen.

Und wer die lange Version kennt, kann dann auf die gekürzte Version verzichten. Ihr fehlt dann doch der Reichtum der langen, mit dem Golden Globe als beste Miniserie ausgezeichneten Version.

Carlos – Der Schakal (Carlos, Frankreich/Deutschland 2010)

Regie: Olivier Assayas

Drehbuch: Olivier Assayas, Dan Franck

mit Édgar Ramírez, Nora von Waldstätten, Alexander Scheer, Christoph Bach, Julia Hummer, Aljoscha Stadelmann, Jule Böwe, Ahmat Kaabour, Udo Samel

DVD

Warner Home Video

Bild: 16:9 (1:2,35)

Ton: Deutsch, Originalfassung (Französisch, Spanisch, Englisch, Arabisch)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Interviews mit Édgar Ramirez (auf deutsch), Nora von Waldstätten, Christoph Bach, Alexander Scheer, Olivier Assayas (auf englisch), zwei Kinotrailer, zwei TV-Spots

Länge: 330 Minuten (Director’s Cut), 180 Minuten (Kinofassung)
FSK: ab 16 Jahre

(Blu-ray identisch)

Die Kinofassung kann auch als Single-Disc-Edition gekauft werden. Aber das wäre Geldverschwendung.

Hinweise

Französische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Carlos“

Wikipedia über Illich Ramirez Sánchez (Carlos) (deutsch, englisch)

The Crime Library: Patrick Bellamy über Carlos

Meine Besprechung der Kinofassung von „Carlos – Der Schakal“

Nachtrag 21. Juli 2011: Schnittberichte: Vergleich Kinofassung – Director’s Cut


DVD-Kritik: Der brutale Western „Das Wiegenlied vom Totschlag“

Juni 27, 2011

Als „härtester Western der Geschichte“ ging Ralph Nelsons „Das Wiegenlied vom Totschlag“ in die Filmgeschichte ein. Damals konnte und sollte das Massaker am Filmende nur als Allegorie auf das Wüten der amerikanischen Soldaten in Vietnam gesehen werden und, ebenfalls konform zum Zeitgeist, als Abrechnung mit der amerikanischen Geschichte, ihrem Umgang mit den Ureinwohnern und auch, wenn auch in geringerem Umfang, als Verklärung des Lebens der Indianer als edle, friedliebende Wilde in der freien, schönen Natur (Sehen Sie sich nur die ersten Minuten an: während Buffy Sainte-Marie „Soldier Blue“ singt, gibt es atmosphärische Landschaftsbilder und, mit dem Ende des Songs, das Bild von einer Horde verdreckter, müder und schwitzender Soldaten, die ohne Uniform Filmschurken wären).

Heute sind die Vietnam-Referenzen weniger deutlich, aber dafür können wir an Afghanistan denken.

Außerdem fällt aus heutiger Sicht die Umkehrung der traditionellen Geschlechterrollen auf. Candice Bergen („Boston Legal“ für die Jüngeren; die Älteren kennen sie ja noch von früher) spielt Cresta Lee, eine New Yorkerin, die zwei Jahre Gefangene der Cheyenne und auch die Frau des Häuptlings Gefleckter Wolf war, und jetzt wieder zu den Weißen (und ihrem neuen Mann, einem Soldaten) zurückkehren will. Bei einem Überfall auf einen Geldtransporter der US-Army überleben nur sie und Honus Gant (Peter Strauss in seinem zweiten Film und seiner ersten Hauptrolle), ein wahres Greenhorn vor dem Herrn und überheblicher Hasenfuß, der selbstverständlich alles besser weiß, aber in der Wildnis keinen halben Tag überleben würde. Lee kennt sich dagegen in der Wildnis aus und sie übernimmt ohne zu zögern die Initiative. Gant stolpert dagegen von einem Ungeschick ins nächste und er ist extrem schüchtern und verklemmt.

Der gesamte Mittelteil des Films schildert dann die beschwerliche Reise von Cresta Lee und Honus Gant durch die Wildnis zum Lager der Soldaten und wie die beiden sich auf dem Marsch durch die Wildnis näherkommen und – Überraschung! – auch ineinander verlieben.

Das erzählt der TV-Routinier Nelson in seinem bekanntestem Film energisch, ohne Durchhänger und mit einer ordentlichen Portion Humor, der manchmal etwas von einer Screwball-Comedy hat.

Diese vergnügliche Liebesgeschichte hängt aber dramaturgisch in der Luft, weil sie mit dem Massaker am Anfang wenig und dem am Ende nichts zu tun hat. In ihr geht es halt nicht um das Verhältnis von Weißen zu Indianern, sondern von Frauen zu Männern und um die Beziehung von einem Greenhorn zu einer Person, die den Wilden Westen wie ihre Westentasche kennt und das Greenhorn durch die Wildnis schleppen muss. Dass sie außerdem eine Frau ist, steigert nur – zu unserem Vergnügen – die Minderwertigkeitskomplexe des Greenhorns.

In den letzten zwanzig Minuten des Western zeigt Nelson dann seine Version des historisch verbürgten Massakers am Sand Creek, Colorado. Am 29. November 1864 schlachtete eine 700 Mann starke Einheit der US-Kavallerie über 500 Indianer, mehr als die Hälfte Frauen und Kinder, und skalpierte über 100 Männer, die sich vor dem Kampf ergeben hatten, bestialisch ab. Die Bilder von Soldaten, die Frauen vergewaltigen und erschießen, Kinder erschießen, Arme abhacken, Wehrlose köpfen, aufschlitzen, erschießen, pfählen und zum Ausbluten aufhängen, beunruhigen immer noch. Nicht weil sie so drastisch sind. Da haben moderne Horrorfilme mehr zu bieten. Es ist die in den Bildern spürbare Wut, Empörung und Hilflosigkeit über das barbarische Verhalten der Soldaten die wehrlose, friedfertige Menschen töten und die Beiläufigkeit, in der es gezeigt wird. Fast als habe ein Reporter einfach mit seiner Kamera draufgehalten und die besten Bilder ausgewählt. In diesen Minuten ist „Das Wiegenlied vom Totschlag“ gar nicht so weit von damals zeitgenössischen Horrorfilmen, wie „Die Nacht der lebenden Toten“ und „The Texas Chainsaw Massacre“, die ebenfalls Allegorien auf den Vietnam-Krieg sind, Jedes Bild fragt, warum wir die Weißen für die Guten halten sollen.

Allerdings werden die Indianer erst am Ende des Films als hilflose Unschuldslämmer gezeigt. Am Anfang, wenn sie aus heiterem Himmel den gut geschützten Geldtransport überfallen und alle Soldaten töten und skalpieren, sind sie die Bösewichter und man kann die Empörung von Gant über das Ermorden seiner Kompanie verstehen. Dass die Indianer den Transport, wie ihm Cresta Lee erklärt, nur überfallen haben, um sich Geld für Waffen zu besorgen und sie das Skalpieren vom weißen Mann gelernt haben, ist in diesem Moment nur die Behauptung einer Frau, die aus der Sicht von Gant, viel zu lange unter Indianern lebte und eine Verräterin ist. Dennoch sind die Indianer jetzt als Bösewichter eingeführt, gegen die Lee und Gant sich auf ihrem Fußmarsch durch die Wildnis verteidigen müssen.

Und ohne das Massaker am Ende, das wie angeklebt wirkt, um dem Film eine sofort erkennbare gesellschaftspolitische Relevanz zu verschaffen, wäre „Das Wiegenlied vom Totschlag“ nur ein weiterer 08/15-Western. Vergnüglich, unterhaltsam, aber nicht weiter aufregend und wahrscheinlich schon lange ebenso vergessen wie die anderen Filme von Ralph Nelson.

Insofern ist „Das Wiegenlied vom Totschlag“ sehenswert als historisches Dokument, wegen des drastischen Massakers (das, obwohl die Soldaten in Wirklichkeit viel schlimmer gewütet haben sollen, allerdings einen stark spekulativen Charakter hat und sicher haben die Macher beim Dreh auch die Kinokasse im Blick gehabt) und der schön erzählten Liebesgeschichte. Aber „Das Wiegenlied vom Totschlag“ ist kein Klassiker. Dafür klaffen die formale Gestaltung, die erzählte Geschichte, der implizit formulierte Anspruch eine Anklage gegen die US-Regierung zu sein und die Durchführung zu weit auseinander.

Das Wiegenlied vom Totschlag (Soldier Blue, USA 1970)

Regie: Ralph Nelson

Drehbuch: John Gay

LV: Theodore V. Olson: Arrow in the Sun, 1969 (nach dem Filmstart auch als „Soldier Blue“ veröffentlicht)

mit Candice Bergen, Peter Strauss, Jorge Rivero, John Anderson, Donald Pleseance, Dana Elcar

Blu-ray

Kinowelt

Bild: 2,35:1 (1080/24p Full HD)

Ton: Deutsch, Englisch, Italienisch, Spanisch (Mono DTS-HD MA)

Untertitel: Deutsch, Dänisch, Finnisch, Italienisch, Norwegisch, Schwedisch, Spanisch

Bonusmaterial: Wendecover

Länge: 115 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Das Wiegenlied vom Totschlag“ (deutsch, englisch)

Cinema Retro über „Das Wiegenlied vom Totschlag“

Ikonen über „Das Wiegenlied vom Totschlag“

Nothing is written mag „Das Wiegenlied vom Totschlag“ überhaupt nicht

DVD Talk: Paul Mavis über „Das Wiegenlied vom Totschlag“

Bonus (das bekanntere Plakat/DVD-Cover)


DVD-Kritik: David Lynch auf der „Lost Highway“

Juni 24, 2011

 

Im Rückblick war „Lost Highway“ der letzte große Film von David Lynch. Danach drehte er das für ihn absolut untypische Drama „The Straight Story“ (ein schöner Film, aber wirklich nicht das, was wir bei David Lynch erwarten), das als TV-Serie geplante, dann als Kinofilm realisierte „Mulholland Drive“ (was man beim Sehen auch bemerkte; außerdem kopierte Lynch schamlos die Struktur von „Lost Highway“), viele Kurzfilme, das als Spielfilm unansehbare „Inland Empire“ (als Kurzfilm-Compilation oder Kunstinstallation vielleicht okay, aber drei Stunden im Kino?) und, auch hier in Berlin, seltsame Auftritte.

Aber ist „Lost Highway“ vierzehn Jahre nach seiner Deutschlandpremiere, die am 10. April 1997 war, heute noch so faszinierend wie damals?

Machen wir den Test mit der neuen DVD-Ausgabe des Films, für die der Film auch geremastered wurde. Bild und Ton sind deutlich besser. Man sieht mehr Details, das Bild ist heller und die Farben sind auch natürlicher. Während man bei der alten DVD bei den Nachtaufnahmen fast nichts erkannte, sieht man bei der neuen DVD die Details sehr deutlich.

Das Bonusmaterial der neuen Ausgabe ist zwar etwas umfangreicher als bei der alten Veröffentlichung von Universum Film, aber immer noch kärglich. Damals gab es vier Interviewschnipsel mit Lynch und den Hauptdarstellern. Heute gibt es mehrere Ausschnitte aus dem Interview mit Lynch, die sich auf knappe fünf Minuten summieren. Dafür fehlen die anderen Interviews. Es gibt zehn Minuten Aufnahmen von den Dreharbeiten. Und den Trailer. Das war’s. Mehr wird nicht geboten.

Und jetzt zum Film, dessen Geschichte nicht wirklich nacherzählbar ist.

Nachdem David Lynch 1990 Barry Giffords Noir „Wild at heart“ verfilmte, schrieben sie für „Lost Highway“ gemeinsam das Drehbuch. In ihm geht es um einen eifersüchtigen Jazz-Musiker Fred Madison (Bill Pullman). Er und seine Frau Renee (Patricia Arquette) erhalten seltsame Briefe mit Videocassetten, auf denen Bilder von ihrem Haus aufgenommen wurden. Dieser unbekannte Beobachter bricht auch bei ihnen ein, filmt sie und schickt ihnen anschließend die Aufnahme. Die beiden Polizisten finden keine Spuren eines Einbruchs.

Nach dem Tod seiner Frau wird Madison zum Tode verurteilt. Immerhin existiert eine Videoaufnahme auf der man sieht, wie er sie im Schlafzimmer tötet. In der Todeszelle verwandelt er sich in einen anderen Mann. Aus Fred Madison wird Pete Dayton (Balthazar Getty). Die Polizei lässt Pete Dayton frei. Der junge Automechaniker kommt mit seinem Leben nach dieser seltsamen Erfahrung (denn auch für ihn ist unerklärlich, wie er in die Todeszelle kam) nicht mehr klar. Er verliebt sich in Alice Wakefield (Patricia Arquette), die Geliebte des Gangsters und Pornofilmproduzenten Mr. Eddy aka Dick Laurent (Robert Loggia). Aber in den ersten Minuten des Films sagte eine unbekannte Stimme Madison an der Sprechanlage seines Hauses, dass Dick Laurent tot sei. Und es gibt noch viel mehr Fragen, die sich im Lauf des Films stellen, ohne dass David Lynch und Barry Gifford sie im Film auch nur halbwegs beantworten. Denn egal welche Erklärung man sich zurechtbastelt, keine funktioniert wirklich. Wobei die Erklärung, dass Madison sich im Gefängnis in eine Fantasiewelt als junger Automechaniker flüchtet, trotz aller Fragen, noch die befriedigendste ist.

Aber Lynch und Gifford sind auch überhaupt nicht an einer stringenten, logischen Geschichte, in der am Ende alle wichtigen Fragen beantwortet sind, interessiert. In „Lost Highway“ folgen sie der Logik des Alptraums, aber ohne den absurden Humor von „Twin Peaks“ (der von David Lynch vorher inszenierten und produzierten TV-Serie). Auch ein geheimnisvoller Mann (Robert Blake in seiner bislang letzten Rolle), der dem Zwerg aus „Twin Peaks“ verdächtig gleicht, ist dabei und er bringt etwas von der irrealen „Twin Peaks“-Atmosphäre in den Film, in dem es nichts zu lachen gibt.

Denn „Lost Highway“ ist ernst, düster, fatalistisch und die Charaktere (vor allem der Protagonist Fred Madison) sind in ihren eigenen seelischen Gefängnissen gefangen. Entsprechend zäh, auch weil in etlichen Szenen nichts geschieht, ist „Lost Highway“ immer wieder. Gleichzeitig gibt es viele beeindruckende Szenen. Die erste Begegnung von Alice Wakefield, die in Mr. Eddys Auto sitzt, und Pete Dayton ansieht, während Lou Reeds „This magic moment“ erklingt. Wer da nicht an die Schwarze Serie denkt, muss noch einige Stunden in seine Filmbildung investieren. Oder Mr. Eddys Ausraster am Mulholland Drive oder die Begegnungen von Madison und dem geheimnisvollem Mann. Oder wenn Dayton während eines Einbruchs (der mit einem Mord enden soll) entdeckt, dass seine Freundin Alice Wakefield in einem Porno mitspielte und dazu die Teutonen-Rocker Rammstein „Heirate mich“ skandieren.

Sowieso ist der Soundtrack fantastisch. Denn David Lynch beauftragte damit, neben seinem Hauskomponisten Angelo Badalamenti, „Nine Inch Nails“-Mastermind Trent Reznor, der damals mit „The downward spiral“ und seinem Soundtrack für Oliver Stones „Natural Born Killers“ everybody’s darling war. Auch für „Lost Highway“ stellte er eine gelungene Mischung aus bekannten Songs von ihm und anderen Musikern (allein schon die geniale Idee, den Film mit David Bowies „I’m deranged“ und den Bildern einer nächtlichen Autobahnfahrt zu beginnen, stimmt sofort auf die kommenden beiden Stunden ein) und neuen Stücken zusammen. Ohne die Musik, die die Bilder kongenial ergänzt und kommentiert, wäre „Lost Highway“ nur halb so gut.

Diese Mischung war damals sehr beeindruckend und sorgte für etliche Diskussionen. Heute wirkt einiges arg gekünstelt. Dennoch ist „Lost Highway“ immer noch ein faszinierender zwischen Hysterie und Langeweile pendelnder Alptraum. Ziemlich „deranged“ eben.

Lost Highway (Lost Highway, USA 1997)

Regie: David Lynch

Drehbuch: David Lynch, Barry Gifford

mit Bill Pullman, Patricia Arquette, Robert Blake, Balthazar Getty, Robert Loggia, Gary Busey, Michael Massee, Lucy Butler

DVD

Concorde Home Entertainment

Bild: 2,35:1 (16:9)

Ton: Deutsch(DD 5.1, DTS), Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Making-of (in Wirklichkeit ein „Behind the Scenes“), Interview mit David Lynch, Kinotrailer

Länge: 135 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

(BluRay und DVD-Box [mit „Mulholland Drive“ und „Inland Empire“] identisch)

Hinweise

Homepage von Barry Gifford

Homepage von David Lynch

Deutsche David-Lynch-Seite

Wikipedia über „Lost Highway“ (deutsch, englisch)

Drehbuch „Lost Highway“ von David Lynch und Barry Gifford

Charlie Rose unterhält sich mit David Lynch (12. Januar 2000; – und damit vor allem über „The Straight Story“)

 


DVD-Kritik: Die werktreue Jim-Thompson-Verfilmung „The Killer inside me“

Juni 21, 2011

Wie sehr hatte ich mich auf diesen Film gefreut. Michael Winterbottom, produktiver Kritikerliebling und eloquenter Springer zwischen allen Stilen und Genres, verfilmt nach einem Drehbuch von John Curran den Noir-Klassiker „The Killer inside me“ von Jim Thompson, der in USA inzwischen fast gottgleichen Status genießt. Die Besetzung mit Casey Affleck, Jessica Alba und Kate Hudson stimmt auch hoffnungsvoll. Und das sind nur die Hauptrollen. Simon Baker, Elias Koteas, Ned Beatty und Bill Pullman übernahmen wichtige Nebenrollen.

Dann auf der Berlinale 2010 waren die Kritiker nicht begeistert von dem Film. Zu gewalttätig. Zu frauenverachtend, schrieben sie. Vor allem die Szene, in der Casey Affleck Jessica Alba minutenlang verprügelt, wurde genannt.

An der Kinokasse war auch nichts zu holen. Denn der Protagonist, der psychopathische Kleinstadtpolizist Lou Ford, ist ein direkter Vorgänger von Jeff Lindsays Seriencharakter Dexter Morgan (und der erfolgreichen TV-Serie „Dexter“), aber während Dexter als Serienmörder nur andere Serienmörder tötet und letztendlich zu den Guten gehört, ist Lou Ford der Bösewicht.

Auf dem Fantasy Filmfest 2010 sah ich mir den Film an und verließ mit gemischten Gefühlen das Kino. Die Retro-Titelsequenz gefiel mir sehr gut. Die ersten Minuten auch, aber dann fand ich den Gang der Handlung etwas schleppend. Die Prügelszene fand ich nicht so schlimm (Hm, vielleicht schon zu viele brutale Filme gesehen) und den Film insgesamt auch nicht so gewalttätig und frauenverachtend, wie die Kritiker nach der Uraufführung gesagt hatten. Aber wirklich gepackt hatte der Film mich nicht. Nicht schlecht, aber nicht so gut, wie ich erwartet hatte.

Dass Winterbottoms Version besser als die erste Verfilmung des Romans, 1975 von Burt Kennedy mit Stacy Keach als Lou Ford, ist, ist keine besondere Leistung. Denn Kennedy verlegte die Geschichte in die Gegenwart und es entstand ein durchschnittlicher und schnell vergessener Krimi, der manchmal im Nachtprogramm als Lückenfüller gezeigt wird.

Ganz im Gegensatz zu Jim Thompsons Roman. Als der Roman „Der Mörder in mir“ (The Killer inside me) 1952 erschien, war die Idee, dass ein höflicher, gut erzogener, hilfsbereiter Kleinstadtpolizist ein psychopathischer Mörder ist, schockierend. Denn damals waren Polizisten die Guten. Thompson ließ 1957 mit „Gefährliche Stadt“ (Wild Town) eine zweite Geschichte mit Lou Ford folgen, die natürlich nicht mehr die Überraschung von „Der Mörder in mir“ bot.

Aber vielleicht war ich auf dem Fantasy Filmfest einfach nicht in „Killer“-Stimmung gewesen.

Auch beim zweiten Ansehen gefiel mir die Retro-Titelsequenz, passend unterlegt mit dem hübsch harmlosen Song „Fever“, gesungen von Little Willie John, und die Geschwindigkeit mit der Michael Winterbottom in den ersten Minuten die Hauptpersonen, den Kleinstadtpolizisten Lou Ford (Casey Affleck) und die Prostituierte Joyce Lakeland (Jessica Alba), den Handlungsort, das texanische Ölkaff Central City, und die Zeit, die ach so heilen, wirtschaftlich prosperierenden fünfziger Jahre, etabliert.

Aber ziemlich schnell, vor allem nachdem Lou Ford sie und Elmer Conway (Jay R. Ferguson), den Sohn des örtlichen Ölmagnaten, umgebracht hat, zerfasert die Geschichte. Lou muss plötzlich an mehreren Fronten kämpfen. Dabei ist unklar, von welcher Front die größte Gefahr ausgeht. Ist es von Joe Rothman (Elias Koteas), einem Gewerkschaftler, der einen Verdacht hat, oder von Howard Hendricks (Simon Baker), einem Polizisten, der den Doppelmord aufklären soll, oder von Chester Conway (Ned Beatty), dem Vater des Ermordeten und als Ölmagnat der heimliche Herrscher der Stadt? Nur von Lous Freundin Amy Stanton (Kate Hudson), die hoffnungslos in ihn verliebt ist und lammfromm alles duldet, geht keine Gefahr aus. Sowieso ist das Frauenbild aus heutiger Sicht hoffnungslos veraltet und, wenn es nicht in ein historisches Umfeld gekleidet wäre, frauenfeindlich bis frauenverachtend. Und steht so in der Vorlage, die die Macher nur bebildern. Denn anstatt den Geist des Buches in den Film zu übertragen, folgen sie einfach blind Thompsons Roman, ohne darauf zu achten, dass einiges, was in einem Roman und in einer Ich-Erzählung gut funktioniert, in einem Film nicht mehr funktioniert.

Dazu gehören die vielen Gegner von Lou, die in ihrer Häufung dann doch nicht mehr so bedrohlich sind und sie teilweise einfach aus der Geschichte verschwinden und dass einige von Fords Problemen sich quasi nebenbei und außerhalb der Leinwand erledigen. Hier hätte etwas weniger Respekt von Drehbuchautor Curran und Regisseur Winterbottom vor der Vorlage gut getan.

Trotzdem hat mir der Film beim zweiten Ansehen, auch wenn ich mir keine 1-zu-1-Umsetzung der Geschichte, sondern des Geistes der Vorlage gewünscht hätte, besser gefallen. Bertrand Tavernier gelang das mit seiner hundsgemeinen Jim-Thompson-Verfilmung „Der Saustall“. Michael Winterbottoms Film ist dagegen in vielen Momenten bewundernswert und gut gelungen. Ausstattung, Musik und Kamera schaffen es, die fünfziger Jahre wieder auferstehen zu lassen. Die Schauspieler sind gut. Wobei Casey Affleck als harrmloser Bösewicht, wie schon in dem allseits abgefeierten Western „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ (den ich sterbenslangweilig fand), die perfekte Besetzung ist.

Das Bonusmaterial ist eine Frechheit. Es wird nur eine halbe Stunde mit Impressionen von den Dreharbeiten angeboten. Dabei hätte es Material gegeben. Zum Beispiel den Bericht von den Dreharbeiten oder die Berlinale-Pressekonferenz.

The Killer inside me (The Killer inside me, USA 2010)

Regie: Michael Winterbottom

Drehbuch: John Curran

mit Casey Affleck, Jessica Alba, Kate Hudson, Bill Pullman, Simon Baker, Elias Koteas, Ned Beatty, Tom Bower

BluRay

Universum Film

Bild: 2,25:1 (1080p/24)

Ton: Deutsch, Englisch (DTS-HD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Behind the Scenes, Wendecover

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

(DVD identisch)

Vorlage

Jim Thompson: The Killer inside me

Gold Medal, 1952

Deutsche Erstausgabe

Der Mörder in mir

Ullstein, 1982

(derzeit bei Diogenes erhältlich)

Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über „The Killer inside me“ (deutsch, englisch)

Berlinale: Roter Teppich und Pressekonferenz zu „The Killer inside me“

Kriminalakte über „The Killer inside me“


Mordlust über Jim Thompson

Crimetime über Jim Thompson

Wikipedia über Jim Thompson (Englisch)

Kirjasto über Jim Thompson

Popsubculture über Jim Thompson

 Kriminalakte über Jim Thompson


DVD-Kritik: Gregory Peck ist „Der gefährlichste Mann der Welt“

Juni 20, 2011

Damals, 1968, als J. Lee Thompsons Jay-Richard-Kennedy-Verfilmung „Der gefährlichste Mann der Welt“, nach einem Drehbuch von „Asphalt-Dschungel“-Autor Ben Maddow, in den Kinos gezeigt wurde, war die Sache mit dem Sender im Kopf noch Science Fiction. Heute; – nun, heute lassen sich Discobesucher einen RFID-Chip in den Arm schießen, damit sie ohne Warten in die Disco gehen können und die Rechnung sofort von ihrem Konto abgebucht werden kann, und fast jeder hat ein Handy/iPhone/Smartphone dabei, das vorzüglich als Peilsender funktioniert und – hey, letztendlich sind die Geräte immer noch Telefone – man belauscht werden kann.

Lauschen konnte in „Der gefährlichste Mann der Welt“ auch Lieutenant General Shelby (Arthur Hill). Er schickt Dr. John Hathaway (Gregory Peck), ein mit dem Nobelpreis ausgezeichneter Biochemiker, nach China. Dort soll der Wissenschaftler von Professor Soong Li (Keye Luke), der für ihn ein Lehrer war, die Formel, mit der auch in unwirtlichen Gebieten Nahrung angebaut werden kann, bekommen. Zu seinem Schutz bekommt Hathaway eine Kombination aus Peilsender und Wanze implantiert. Außerdem, aber das verrät Shelby ihm nicht, ist das Implantat eine Bombe. Denn unter keinen Umständen soll Hathaway den kommunistischen Chinesen in die Hände fallen. Aber als Hathaway mit dem Mann, der ein kleines rotes Buch schrieb und der Herrscher Chinas ist (Na, haben Sie erraten wer es ist?), eine Partie Tischtennis spielt und mit ihm über die Freiheit der Forschung philosophiert, fragen sich Shelby und ein Kollege im Abhörzentrum im ländlichen England, ob sie nicht jetzt die Bombe zünden sollen.

Sie tun’s nicht und Hathaway trifft nach einer langen Reise in Soong Li, der in einem einsame gelegenem, gut bewachtem Labor forscht. Jetzt muss Hathaway nur noch an die Formel kommen (schwierig) und verschwinden (noch schwieriger).

Der gefährlichste Mann der Welt“ ist professionell erzählter, aber mäßig spannender und sich viel zu ernst nehmender Sixties Spy Stuff mit einigen interessanten Aspekten. Denn die Geschichte wird arg gradlinig und, was bei Spannungsroutinier J. Lee Thompson überrascht, im Mittelteil sogar langatmig erzählt. Anstatt in diesen Minuten die Geschichte energisch voranzutreiben, gibt es Impressionen aus dem kommunistischen China, Tischtennis und philosophische Diskussionen mit dem großen Vorsitzenden (immerhin wird er nicht als kompletter Blödkopf porträtiert, aber selbstverständlich gewinnt der aufrechte Westler den Diskurs) und Gelehrtenblabla. Außerdem ist Hathaway erst gegen Ende, nachdem er die Formel bekommen hat und vor den Chinesen flüchten muss, in Lebensgefahr. Dann kann J. Lee Thompson, der bereits in „Ein Köder für die Bestie“ und „Die Kanonen von Navarone“ erfolgreich mit Gregory Peck zusammen arbeitete, mit glänzend inszenierter Action glänzen.

Die Idee mit der Bombe im Kopf ist heute erschreckend aktuell, der damit verbundene sehr zynische Blick auf das Spionagegewerbe (deutlich näher bei John le Carré als bei Ian Fleming), das Ende (wenn es zu einer Kooperation mit den Russen, die damals in Spionagefilmen die Standard-Bösewichter waren, kommt), die zahlreichen Außenaufnahmen (es wurde auch in Taiwan gedreht) und der Blick in ein totalitäres Land, in dem jeder jeden bespitzelt (sogar die Tochter von Soong Li spitzelt, als überzeugte Kommunistin, ihren Vater aus) und die spannend inszenierten Actionszenen bieten genug Gründe für einen Blick auf dieses solide Genrewerk.

Als Bonusmaterial gibt es die gelungen zusammengekürzte 16-mm-Fassung des Films, eine umfangreiche Bildergalerie, einige entfallene Szenen und einen informativen Audiokommentar von Filmkritiker Lee Pfeiffer und Journalist Eddie Friedfield, die bereits die Audiokommentare der Derek-Flint-Filme bestritten. Das ist für einen so alten und heute ziemlich unbekannten Film ein rundum gelungenes, umfangreiches Paket.

Einige andere Meinungen

Britischer Propagandafilm (…) Ein nur leidlich spannender Agentenfilm ohne wirkliche Überraschungen.“ (Lexikon des internationalen Films)

Die Produktion will die veränderte politische Großwetterlage (Pakt mit den Russen gegen die Chinesen) zur Aufrechterhaltung der ‚gelben Gefahr‘ ausnutzen, wirkt aber besonders in der groben Darstellung innerchinesischer Verhältnisse lächerliche und politisch instinktlos.“ (Horst Schäfer/Wolfgang Schwarzer: Von ‚Che‘ bis ‚Z‘ – Polit-Thriller im Kino, 1991)

Peck spielt in diesem schwachen Spionage-Thriller, der seine zentrale Handlung aus Hitchcock ‚Der zerrissene Vorhang‘ (Torn Curtain, 1966) entliehen hat, den Nobelpreisträger, der nach China reist (…) Seine technischen Spielzeuge (…) sind Leihgaben von James Bond. Leider verzichtet Thompson auf die mögliche moralische Dimension der Handlung und gibt Bond-ähnlichen Heldentaten den Vorzug.“ (Paul Hardy, Hrsg.: Die Science Fiction Filmenzyklopädie, 1998)

Der gefährlichste Mann der Welt (The Chairman, GB 1968)

Regie: J. Lee Thompson

Drehbuch: Ben Maddow

LV: Jay Richard Kennedy: The Chairman, 1969 (auch „The most dangerous man in the world“; weil der Film in England unter diesem Titel gezeigt wurde; bei uns hieß das Buch dann „Schach dem Vorsitzenden“)

Musik: Jerry Goldsmith

mit Gregory Peck, Conrad Yama, Anne Heywood, Arthur Hill, Alan Dobie, Eric Young, Keye Luke

DVD

Koch Media

Bild: 2.35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch, Italienisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: Englisch, Italienisch

Bonusmaterial: Originaltrailer, Audiokommentar, Alternative Szenen, Miniversion des Films inkl. geschnittener Szenen, Bildergalerie

Länge: 95 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Der gefährlichste Mann der Welt“

Turner Classic Movies über „Der gefährlichste Mann der Welt“


DVD-Kritik: Von der Hand an der Wiege zum „Mother’s Day“

Juni 17, 2011

Offiziell ist „Mother’s Day“ von Darren Lynn Bousman (Saw II, III, IV) ein Remake von Charles Kaufmans Troma-Film „Muttertag“, der in Deutschland auf dem Index steht, und einen gewissen Kultstatus genießt. Aber Scott Milams Drehbuch hat mit Kaufmans Film nichts mehr zu tun.

Der neue Film erzählt, wie die drei kriminellen Koffin-Brüder, von denen einer schwer verletzt ist, in einem Vorstadthaus mehrere Geisel nehmen. Sie haben geglaubt, dass das Haus noch immer ihrer Mutter Natalie Koffin gehört. Aber es wurde bereits vor zwei Monaten von einem Großstadtpaar gekauft, das an diesem Abend im Keller Dannys Geburtstag feiern will. Die Koffin-Brüder rufen verzweifelt und hoffnungslos überfordert von der Situation, über ihre Schwester, ihre Mutter zu Hilfe. Sie ist das Gehirn der Familie und, hinter ihrer höflichen Fassade, verbirgt sich ein Monster, das gnadenlos ihre Ziele durchsetzt. Besonders nachdem sie erfährt, dass ihr Sohn Ike in den vergangenen Monaten Geld, das sie bei Überfällen erbeuteten, an diese Adresse schickte. Die neuen Besitzer, Danny und Beth Sohapi leugnen, dass sie das Geld bekommen haben. Aber eine Mutter erkennt, wenn sie belogen wird und Lügen werden, wie einige andere Sachen, im Hause Koffin nicht geduldet.

Mother’s Day“ ist ein kleiner, effektiver Schocker mit einigen blutigen Sequenzen und einer höchst banalen Moral. Denn die Macher gehen davon aus, dass wir uns gegenseitig sofort an die Gurgel gehen, wenn wir nur mit einer Waffe bedroht werden. Dieser Zivilisationsverfall geht immer arg schnell und alle Geisel machen, auch wenn einige kurz zögern, mit. Das ist psychologisch dann doch ziemlich banal.

Entsprechend eindimensional sind die Charaktere geraten. Die Brüder sind böse. Die Geisel hilflos, egoistisch und gewaltbereit. Jedenfalls gegeneinander. Alle verhalten sich immer wieder arg bescheuert. So darf, um nur ein Beispiel zu nennen, der schwerverletzte, im Sterben liegende Bruder ständig mit seiner Pistole herumfuchteln, was immerhin zur spannenden Frage führt „Wann erschießt er wen zufällig mit seiner Waffe?“, und – hach, sind wir heute wieder pervers – eine Geisel soll mit ihm Sex haben. Als gäbe es nichts wichtigeres zu tun.

Außerdem haben die Koffin-Brüder einfach zu viele Geiseln genommen. Hier verwechseln Debütant Milam und Regisseur Bousman Masse mit Klasse. Denn keiner der acht ungefähr gleichaltrigen Erwachsenen hat individuelle Charakterzüge und uns ist daher letztendlich egal, wer überlebt oder ermordet oder gefoltert wird.

Diese Szenen hat Bousman nach der „Saw“-Schule mit einer ordentlichen Portion Splatter und Gore (irgendwie muss ja die FSK-18 gerechtfertigt werden), hysterischen Schreien und lauter Musik inszeniert. Sowieso gönnt Bousman den Zuschauern keine Atempausen und, wie ein schlechter DJ, nur einen Takt. Alles ist bei ihm immer etwas zu hektisch, zu hysterisch, zu sehr auf Schocks und zu wenig auf Psychologie und, manchmal vorhandene, Suspense bedacht.

Mother’s Day“ wäre daher nur ein durchaus spannender, aber durchschnittlicher Thriller; – wenn da nicht die titelgebende Mutter wäre.

Sie ist ein echter Charakter und dank Rebecca De Mornay, die fast zwanzig Jahr nach der „Hand an der Wiege“ wieder den Bösewicht spielt; ein Monster, das Hannibal Lector zu einem Schulbub degradiert. Wenn sie, ausgesucht höflich und etwas zu bieder gekleidet, wie die nette Mutter von nebenan, die am Wochenende immer Kuchen für die halbe Straße backt, ihren Kindern, die hoffnungslos unter ihrer Fuchtel stehen, Befehle erteilt, wenn sie die Geisel nach dem verschwundenen Geld fragt und ihnen die Regeln erklärt, läuft einem ein kalter Schauer über den Rücken. Da muss sie gar nicht mehr zu einer Waffe greifen.

Dank Rebecca De Mornay (Wo war Sie nur die letzten Jahre?) ist „Mother’s Day“ ein atemberaubender Thriller. Jedenfalls wenn sie auf der Leinwand ist. Und sie hat ziemlich viele Szenen.

Mother’s Day – Mutter ist wieder da (Mother’s Day, USA 2010)

Regie: Darren Lynn Bousman

Drehbuch: Scott Milam (nach dem Drehbuch „Mother’s Day“ von Charles Kaufman und Warren Leight)

mit Rebecca De Mornay, Jaime King, Shawn Ashmore, Briana Evigan, Patrick Flueger, Warren Kole, Deborah Ann Woll, Frank Grillo, Matt O’Leary, Jessie Rusu, Lyriq Bent, Lisa Marcos, Tony Nappo, Kandyse McClure

DVD

Kinowelt

Bild: 2,40:1 (anamorph)

Ton: Deutsch (Dolby Surround, Dolby Digital 5.1 DD), Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Trailer (deutsch, englisch), Wendecover

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über „Mother’s Day – Mutter ist wieder da“

Homepage von Darren Lynn Bousman

Und hier der Trailer zum Original

 


DVD-Kritik: „Der Fall Rohwedder“ ist immer noch ungelöst

Juni 7, 2011

Am 1. April 1991 wurde der Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder in seinem Haus in Düsseldorf erschossen. Der Täter konnte flüchten. Später wurden auf einem Handtuch, das am Tatort gefunden wurde, Haare von Wolfgang Grams gefunden. Weil das RAF-Mitlglied am 27. Juni 1993 auf dem Bahnhof in Bad Kleinen starb, kann er nichts mehr dazu sagen und die Bundesanwaltschaft nennt ihn auch nicht als Täter.

In der 45-minütigen Doku „Der Fall Rohwedder“ legen sich die Macher Anne Kauth und Bernd Reufels ziemlich eindeutig auf die Täterschaft des toten RAFlers fest, seine Schießkünste werden mit dem Training in der DDR bei der Stasi (die freudig alles unterstützte, was dem Klassenfeind schadete und am Ende der DDR flugs die erreichbaren Akten vernichtete, weshalb gerade die jüngste Vergangenheit im Schredder landete) und das konspirative und sehr professionelle Vorgehen der dritten und auch heute noch unbekanntesten RAF-Generation wird mit Nachhilfestunden bei der Stasi erklärt.

Andere Erklärungen verfolgen Kauth und Reufels nicht weiter. Das gilt vor allem für die populäre Verschwörungstheorie „Das RAF-Phantom“ (Knaur Verlag, Dezember 1992) von Gerhard Wisnewski, Wolfgang Landgraeber und Ekkehard Sieker, nach der es die dritte Generation der RAF nicht gab, sondern der Staat oder die Wirtschaft die Anschläge auf Rohwedder und den Deutsche-Bank-Vorsitzenden Alfred Herrhausen verübte. Im Bonusmaterial lehnt Alexander Straßner diese Verschwörungstheorie als haltlos ab.

Insgesamt folgt die Doku, was auch an der Auswahl der Interviewpartner, wie Lothar de Maiziere, Wolfgang Schäuble, Theo Waigel und Ex-BKA-Chef Hans-Ludwig Zachert, liegen kann, stark der offiziellen Geschichtsschreibung. Deshalb liegt der Wert der Doku nicht im Enthüllen bislang unbekannter Fakten und Vermutungen, sondern im akribischen Nachzeichnen des Mordes und des damaligen gesellschaftlichen Klimas. Denn obwohl das alles erst vor zwanzig Jahren geschah, wirkt es heute (und nicht nur wegen der Kleider, Frisuren und Möbel) sehr fern.

Es wird nur am Rand auf die Ironie eingegangen, dass die RAF gerade mit diesen Anschlägen letztendlich das Geschäft des Gegners besorgte. Denn während Rohwedder und Herrhausen Kapitalisten mit einem sozialen Gewissen waren, waren ihre Nachfolger kaltschnäuzige Kapitalisten, die genau das taten, was die RAF verhindern wollte. Mit diesen Anschlägen bugsierte sie sich noch weiter (oder endgültig) ins politische Abseits. Am 20. April 1998 löste die RAF sich auf.

Das Bonusmaterial der DVD besteht aus zwei Interviews: eines mit Prof. Dr. Wolfgang Seibel über die Einheit und die Treuhand; eines, das auch teilweise in der Doku „Der Fall Rohwedder“ verwandt wurde, mit Dr. Alexander Straßner über die RAF. Da hätte man sich noch weitere Ausschnitte aus den anderen, für die grundsolide TV-Dokumentation verwandten Interviews gewünscht.

Der Fall Rohwedder (D 2010)

Regie: Anne Kauth, Bernd Reufels

Drehbuch: Anne Kauth, Bernd Reufels

DVD

Polyband (Arte Edition)

Bild: 16:9 (1,78:1)

Ton: Deutsch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Interviews mit Dr. Alexander Straßner und Prof. Dr. Wolfgang Seibel (45 Minuten)

Länge: 47 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage von Bernd Reufels

Homepage von Looks Film (produzierte „Der Fall Rohwedder“)

ZDF über die Doku

Wikipedia über Detlev Karsten Rohwedder


DVD-Kritik: Auch die dritte Staffel der Polizeiserie „Flashpoint – Das Spezialkommando“ überzeugt

Juni 4, 2011

 

Schon in der ersten Minute der dritten Staffel der kanadischen Polizeiserie „Flashpoint – Das Spezialkommando“, wenn das Team sich zwischen Tür und Angel über einige Urlaubsfotos von Lewis Young frotzelt und dann zu einem Einsatz gerufen wird, stellt sich das wohlige Gefühl ein, dass man in den Händen von Profis ist. Das gilt für die Macher der Serie und auch für das Team, das zu einer Baustelle fährt, auf der gleich eine Bombe explodieren soll. Bevor die ersten drei Minuten der Episode „Eine falsche Bewegung“ vorbei sind ist die Bombe explodiert und die Stratetic Response Unit (SRU) der Polizei von Toronto sichert den ersten Tatort.

Die Folge endet, dramaturgisch gut vorbereitet, mit einem Schock und in „Trauer und Schmerz“ darf die SRU eine neue Kollegin begrüßen.

Bis auf diesen Neuzugang ändert sich auch in der dritten „Flashpoint“-Staffel nichts am bewährten Team, der Konzentration auf den aktuellen Einsatz und dem straffen Plotting der realistischen Geschichten. Über die einzelnen Teammitglieder erfahren wir auch dieses Mal fast nichts und das ist, angesichts der vielen anderen Serien mit langweilig-austauschbaren Privatgeschichten, auch gut so.

Trotzdem wird es immer wieder persönlich. Meistens wenn einzelne Mitglieder der Spezialeinheit einen Geiselnehmer zur Aufgabe bewegen wollen und dabei auch etwas aus ihrem Leben erzählen. Wirklich persönlich wird es in „Der Beschützer“ für Gregory Parker. Er wurde entführt und soll gegenüber einer jungen Frau, die er vor Jahren, nach einem Schusswechsel bei dem ihre Mutter starb, in Obhut nahm, den Mord an ihrer Mutter gestehen. Die SRU versucht ihren Chef zu retten und fragt sich, was damals wirklich geschah. Denn die Akte ist verschlossen.

In „Trauer und Schmerz“ verschwindet eine junge Kellnerin spurlos. Anscheinend wurde sie von einem Gast entführt, der noch mit dem Verlust seiner Tochter kämpfen muss.

In „Sorgerecht“ dreht ein Anwalt durch, weil er glaubt, dass seine Frau nach der Scheidung mit den Kindern, die ihm zugesprochen wurden, über die Grenze abhauen will.

In „Auf Sendung“ will ein preisgekrönter Radiomoderator von einem aufstrebenden Politiker erfahren, was in einer Nacht vor zehn Jahren geschah, als der Politiker in einen Autounfall verwickelt war, bei dem sein Freund starb.

In „Die Farm“ scheint der Chef einer abgelegenen Farm, in der Drogenabhängige therapiert werden, einen Massenselbstmord zu planen.

In „Der Aufstand“ muss die SRU einen Gefangenenaufstand, der das Ablenkungsmanöver für einen Ausbruch ist, bekämpfen. Außerdem sind zwei Frauen, die zu einer Anhörung im Gefängnis waren, in den Händen der Insassen.

In „Der Samariter“ und „Hinter feindlichen Linien“ sind die Folgen von sozialen und baulichen Veränderungen in einer Großstadt der Hintergrund für die Einsätze der SRU.

In „Der Samariter“ dreht ein Bewohner eines heruntergekommenen Viertels, der sich in der Vergangenheit in Nachbarschaftsprojekten gegen die Drogenhändler engagierte, durch. Er beginnt die Drogenhändler auf eigene Faust zu jagen. Die SRU sucht ihn und steht vor der Frage, ob sie wirklich Drogenhändler schützen sollen.

In „Hinter feindlichen Linien“ hat sich ein Scharfschütze irgendwo in den Rängen der historischen Sportarena Godwin Coliseum (in Wirklichkeit das seit fast zehn Jahren geschlossene Maple Leaf Gardens), die abgerissen werden soll, verborgen. Sam Braddock, der ebenfalls in Afghanistan war, findet eine Verbindung zu dem Sniper.

 

 

Wie in den ersten beiden Staffeln der in Kanada und den USA enorm erfolgreichen Polizeiserie „Flashpoint – Das Spezialkommando“ geht es in den einzelnen Einsätzen der SRU nicht um die Aufklärung von Verbrechen (obwohl das manchmal auch geschieht), sondern um das Verhindern von Verbrechen und das Entschärfen von brenzligen Situationen, ohne dass jemand stirbt. Deshalb müssen die Polizisten mit dem Täter reden und in den besten Folgen der Serie versteht man die Motive des Täters sehr gut. Oft ist man am Ende der Folge auf der Seite des Täters, der nur die falschen Mittel wählte, um an sein Ziel zu gelangen. Das geschieht ziemlich oft in den neun neuen Folgen.

Flashpoint – Das Spezialkommando: Staffel 3 (Kanada, 2009)

Erfinder: Mark Ellis, Stephanie Morgenstern

mit Hugh Dillon (Ed Lane), Enrico Colantoni (Sgt. Gregory Parker), Amy Jo Johnson (Julianna ‘Jules’ Callaghan), David Paetkau (Sam Braddock), Sergio Di Zio (Mike Scarlatti), Michael Cram (Kevin ‘Wordy’ Wordsworth), Mark Taylor (Lewis Young), Olunike Adeliyi (Leah Kerns)

DVD

Koch Media

Bild: 1.78:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: –

Länge: 365 Minuten (9 Episoden auf 3 DVDs)

FSK: ab 16 Jahre

Die Einsätze der SRU

Eine falsche Bewegung (One wrong move, Canada 2009)

Regie: David Frazee

Drehbuch: Mark Ellis, Stephanie Morgenstern, James Hurst

Trauer und Schmerz (Never let you down)

Regie: Ken Girotti

Drehbuch: James Hurst, Shelley Scarrow

Der Aufstand (Just a man)

Regie: Holly Dale

Drehbuch: Riley Adams

Sorgerecht (Custody)

Regie: Paul A. Kaufman

Drehbuch: R.B. Carney

Auf Sendung (Coming to you live)

Regie: Charles Binamé

Drehbuch: Ian Weir

Die Farm (The Farm)

Regie: Érik Canuel

Drehbuch: Melissa R. Byer, Treena Hancock (nach einer Geschichte von Ian Weir)

Der Beschützer (You think you know someone)

Regie: David Frazee

Drehbuch: Adam Barken

Der Samariter (The good citizen)

Regie: Tim Southam

Drehbuch: Peter Mitchell

Hinter feindlichen Linien (Behind the blue line)

Regie: David Frazee

Drehbuch: Mark Ellis, Stephanie Morgenstern

Hinweise

CTV über die Serie

CBS über die Serie

RTL II über die Serie

Wikipedia über „Flashpoint“ (deutsch, englisch) und die ETF

Polizei von Toronto über die ETF

Running with my eyes closed: Interview mit Stephanie Morgenstern und Mark Ellis (Oktober 2008, Teil 1, Teil 2)

Complications Ensue: Interview mit Stephanie Morgenstern und Mark Ellis (21. Juli 2009)

Meine Besprechung von „Flashpoint – Das Spezialkommando: Staffel 1“

Meine Besprechung von „Flashpoint – Das Spezialkommando: Staffel 2“