DVD-Kritik: „Go Fast“ mit den Cops

Mai 12, 2010

Nach dem Trailer und – vor allem – dem prominent platzierten Hinweis, dass „Go Fast“ von den Produzenten von „Transporter 1 – 3“ ist und der „High-Speed-Thriller“ als „’The Fast and the Furious‘ trifft auf ‚Transporter’“ beworben wird, erwartete ich einen knackigen französischen Actionthriller, der absolut unlogisch ist und in keiner Sekunde das Hirn beansprucht. Also: richtig dämlich-krachendes Jungskino für Bier und Chips.

Auch als der Film mit den Worten „Dieser Film beruht auf wahren Ereignissen“ begann, erwartete ich immer noch eine zünftige Actionplotte. Denn wir wissen ja alle, wie flexibel die Filmleute mit „wahren Ereignissen“ umgehen. Dafür müssen wir gar nicht an die wahre Geschichte von Robin Hood, Pocahontas und dem Schusswechsel am OK Corral denken. Auch die wahre Geschichte von „Bonnie & Clyde“ wurde für den Film etwas bearbeitet und dass die aktuellen Kinofilme „Green Zone“ und „Männer, die auf Ziegen starren“ auf Sachbüchern basieren, hat auf die Filmstory keinen nennenswerten Einfluss.

Aber schon nach einigen Minuten merkte ich, dass die Franzosen das mit der „wahren Geschichte“ ernst meinen. Denn nach einem verwirrenden Auftakt (irgendwelche komplizierten Fahrmanöver an einer Kreuzung, bei der Juwelendiebe von der Polizei beobachtet werden) zeigt Olivier Van Hoofstadt ausführlich die alltägliche und auch frustrierende Polizeiarbeit.

Ein Team von Polizisten mietet sich in einer Sozialsiedlung in einer leerstehenden Wohnung ein und beobachtet die dortigen Dealer. Nachdem sie die nötigen Beweise haben, wollen sie verschwinden. Aber die Drogenhändler haben sie entdeckt, bringen sie um und vernichten die Beweise.

Undercover-Cop Marek, der während des Einsatzes Innendienst schieben musste, möchte selbstverständlich seine Kollegen rächen. Aber diese Rachestory wird bestenfalls halbherzig weiterverfolgt. Denn Marek wird an eine andere Einheit für einen gefährlichen Untercover-Einsatz ausgeliehen. Er soll mit seiner alten Identität als Juwelendieb eine Drogenbande infiltrieren. Sie nehmen ihn als Fahrer auf und zusammen mit Marek verfolgen wir den Weg der Drogen von ihrem Anbau in Marokko über Spanien nach Frankreich. Die Lieferungen werden, daher kommt auch der Titel „Go Fast“, abgewickelt, indem die Ware möglichst schnell über die Autobahn befördert wird. So soll eine Verfolgung, Überwachung und Zugriff der Polizei verhindert werden.

Aber die Polizei ist den Schmugglern auf den Fersen. Mareks Fahrt wird von einer länderübergreifend gut zusammenarbeitenden Polizei, die in dem Film auch einen exzellenten Zugriff auf moderne Technik (GPS, Videokameras, Satellitenüberwachung; – halt alles das, was die Polizei hat und es in einem deutschen Krimi nicht gibt), beobachtet.

Bei der Raserei über die Autobahn gibt es einige schöne Aufnahmen aus den fahrenden Autos, aber es ist keine Verfolgungsjagd. Es wird einfach nur schnell Auto gefahren. Es gibt auch einige kurze Schusswechsel und einige, ebenfalls eher kurze Action-Szenen.

Denn das Hauptaugenmerk der „Go Fast“-Macher liegt auf dem Nachzeichnen des Wegs der Drogen. In diesen Momenten ist „Go Fast“ näher bei „Der Mohn ist auch eine Blume“ (allerdings nicht so didaktisch), „French Connection“ (ebenfalls basierend auf einem wahren Fall) oder „Miami Vice“ (aber nicht so stilisiert und ohne die nervige Liebesgeschichte). Überhaupt ist „Go Fast“ beeindruckend geschlechtsneutral. Beim Schmuggeln fährt zwar eine Frau als Kundschafterin vor, aber eine sexuelle Spannung oder Liebesgeschichte zwischen ihr und Marek gibt es nicht. Ihre Rolle könnte genausogut von einem Mann gespielt werden.

Auch die anderen Charakter sind als Polizisten und Verbrecher, die ihre Arbeit tun, rein funktional charakterisiert. Mehr müssen wir nicht über sie wissen – und mehr erfahren wir auch nicht über sie.

Go Fast“, das auf den Erinnerungen des Polizisten Jean-Marc Souvira basiert, der dem Publikum einen Einblick in seine Arbeit geben wollte, steht in der Tradition der semidokumentarischen französischen Kriminalfilmen, die einen ungeschönten Einblick in die alltägliche Polizeiarbeit geben, wie Bob Swains „La Balance – Der Verrat“ und Bertrand Taverniers „Auf offener Straße“ (L.627). Aber diese Filme kennt heute, auch weil sie selten im Fernsehen laufen und nicht auf DVD erschienen sind, kaum noch jemand.

Als Bonusmaterial gibt es einige geschnittene Szenen, ein fast einstündiges Making-of, das eine durchaus informative Mischung aus Hintergrundinformationen (es gibt zahlreiche Statements von Polizisten und einem ehemaligem Go-Fast-Fahrer), Drehbericht und B-Roll-Aufnahme ist, und einen Audiokommentar von Regisseur Oliver Van Hoofstadt und Autor Emmanuel Prévost. Die beiden erzählen viel über die Dreharbeiten, fast nichts über die Entwicklung der Geschichte und, bis auf einige Nebensätze, nichts über den wahren Kern der Geschichte. Aber gerade über das Verhältnis von Realität und Fiktion hätte ich gerne mehr erfahren.

Go Fast (Go Fast, Frankreich 2008)

Regie: Olivier Van Hoofstadt

Drehbuch: Bibi Naceri, Jean-Marc Souvira, Emmanuel Prévost

Darsteller: Roschdy Zem, Oliver Gourmet, Jean-Michel Fête, Jocelyn Lagarrigue, Julie Durand

DVD

Koch Media

Bild: 2.35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Französisch (Dolby Digital 5.1; DTS-HD Master Audio 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Audiokommentar von Olivier Van Hoofstadt und Emmanuel Prévost, Making of (ca. 55 Minuten), Geschnittene Szenen (ca. 6 Minuten), Trailer (deutsch, französisch), Wendecover

Länge: ca. 86 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweis

Homepage zum Film


DVD-Kritik: Über den Hongkong-Action-Film „Beast Stalker“

Mai 3, 2010

Sergeant Tong hat sich ganz dem Beruf verschrieben und trotz seiner jungen Jahre leitet er schon eine Einsatzgruppe. Wenn bei einem Einsatz etwas schief geht, putzt er die dafür verantwortlichen Kollegen gnadenlos herunter. Auch wenn es die eigene Verwandtschaft ist. Selbstverständlich nimmt so ein 150-prozentiger sich den Unfall bei seinem letzten Einsatz besonders zu Herzen: Bei der Verhaftung eines gesuchten Mafiosi erschoss er unwissentlich die Tochter einer Staatsanwältin.

Als die Vertrauten des Mafiosi die andere Tochter der Staatsanwältin entführen und von ihr fordern, einen prozessentscheidenden Beweis zu manipulieren, sieht Tong seine Chance auf moralische Rehabilitation gekommen. Er will das Mädchen finden.

Dante Lams „Beast Stalker“ ist ein straffer Hongkong-Thriller, der neben den atemberaubenden Action-Szenen auch dem zunächst emotionslosem Entführer viel Zeit widmet. So wird aus einem Verbrecher mit der Zeit ein Mensch mit alltäglichen Problemen und Sorgen. Er pflegt seine vollständig gelähmte Frau, kämpft gegen sein Erblinden an und erledigt seinen Job professionell und ohne überflüssige Gewalt. Er unterscheidet sich letztendlich gar nicht so sehr von Tong.

Die Schlusspointe lädt dann sogar zum Nachdenken über das Verhältnis von Zufall und Schicksal ein. Sie verleiht einem Thriller, der auch vorzüglich ohne diese Pointe funktioniert, eine zusätzliche Dimension. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Beast Stalker (Ching yan, Internationaler Titel: The Beast Stalker, Hongkong 2008)

Regie: Dante Lam

Drehbuch: Wai Lun Ng (aka Jack Ng), Dante Lam

Mit Nicholas Tse, Nick Cheung, Zhang Jingchu, Kai Chi Liu

DVD

Koch Media

Bild: 2.35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Kantonesisch (DTS, Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial (angekündigt für Special Edition): Audiokommentar von Regisseur Dante Lam, Autor Jack Ng und Produktionsdesigner Yau Wai-Ming, Originaltrailer, Teaser, Making of, Behind the Scenes, Geschnittene Szenen

Länge: 105 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Beast Stalker“

Film-Zeit über „Beast Stalker“

AsianMediaWiki über „Beast Stalker“

Love HK-Film: Besprechung von „Beast Stalker“

The Hollywood Reporter über „Beast Stalker“

Kino-Zeit: Besprechung von „Beast Stalker“

Asian Film Web über „Beast Stalker“

Manifest über „Beast Stalker“


DVD-Kritik: David Peaces „Red Riding Trilogy“

April 23, 2010

To the North – where we do what we want!

(Auf den Norden – wo wir machen, was wir wollen!)

Das faszinierendste an dem aus den Krimis „1974“, „1977“, „1980“ und „1983“ bestehendem Red-Riding-Quartett von David Peace ist die Sprache. Es ist eine Sprache, die zu einer Hörbuchfassung einlädt, und die in direkter Opposition zu einer Verfilmung, die sich auf den Plot und die Bilder konzentriert, steht. Aber der werbefinanzierte Sender Chanel 4 hat es trotzdem gewagt und es entstand, nach den Drehbüchern von Tony Grisoni (Angst und Schrecken in Las Vegas, In this World, Tideland), eine überzeugende und eigenständige Interpretation der Romane „1974“, „1980“ und „1983“.

In „1974“ versucht der junge, ehrgeizige Journalist Edward Dunford (Andrew Garfield) herauszufinden, was in Yorkshire mit drei verschwundenen Mädchen geschah.

In „1980“ soll Peter Hunter (Paddy Considine) die Ermittlungen seiner Kollegen im Fall des Yorkshire-Rippers überprüfen.

In „1983“ soll der Anwalt John Piggott (Mark Addy) den unschuldig verurteilten, psychisch kranken Kindermörder Michael Myshkin (Daniel Mays) frei bekommen. Gleichzeitig hadert der Polizist Maurice Jobson (David Morrissey) mit seinem Gewissen. Denn er ist tief in die schmutzigen Geschäfte und verbrecherischen Ermittlungsmethoden der Yorkshire-Polizei verwickelt. Und wieder ist ein Mädchen verschwunden.

Anhand der Geschichten dieser Männer, von denen nur – neben einigen Nebencharakteren – der Polizist Maurice Jobson in allen drei Filmen auftritt, wird Yorkshire als eine Gegend porträtiert, in der die Polizei, Verbrecher und die geistlichen und weltlichen Honoratioren wie Könige herrschen und sich nur an ihre eigenen Gesetze halten. Sie tun alles, damit keine Fremden, wie Dunford und Hunter, ihre Kreise stören. Aber auch Jobson und Pigott verfangen sich in dem Netz.

Umgesetzt wurden die Geschichten von Julian Jarrold, James Marsh und Anand Tucker in ruhigen, fast schon träumerischen Bildern, die wie ein Alptraum einen Sog entwickeln und mit wenigen Aufnahmen und Accessoires ein stimmiges Porträt der Jahre 1974, 1980 und 1983 heraufbeschwören.

1974“ orientiert sich dabei vor allem am traditionellen Noir und den Paranoia-Thrillern der Siebziger, in denen Journalisten (öfters) und Detektive (seltener) eine Verschwörung aufdeckten und und den Abspann oft nicht überlebten.

1980“ ist dagegen, vor allem weil die Ermittlungen von Detective Peter Hunter und die Streitigkeiten innerhalb der Polizei im Mittelpunkt stehen, ein Polizeifilm. Selbstverständlich mit einer satten Portion Noir.

1983“ beginnt wie ein klassischer italienischer Mafiafilm und wird schnell zu einer sehr düsteren und bedrückenden Fantasie, die durch das ständige Wechseln zwischen den verschiedenen Erzählsträngen und zwischen Gegenwart und Vergangenheit zu einer Allegorie auf die Zeitlosigkeit von Macht wird. Über die Jahre werden verschiedene Menschen von der Polizei mit den immergleichen Worten und Ritualen gefoltert. Die Hintergründe der Ereignisse aus den vorherigen Filmen „1974“ und „1980“ werden enthüllt. Drehbuchautor Tony Grisoni und Regisseur Anand Tucker springen, wie schon David Peace in seinem Roman, bruchlos zwischen den verschiedenen Ebenen hin und her. Die „1974“ in einen schon korrupten Boden gelegte Saat geht in „1983“ endgültig auf.

Am Ende des Noir ist das Kind gerettet und viel näher an ein konventionelles Happy End kommt der düstere Kosmos von David Peace und seinem genauem Adapteur Tony Grisoni nicht.

Die aus drei kinotauglichen Filmen bestehende „Red Riding Trilogy“ zeigt wieder einmal, auf welch hohem Standard das englische Fernsehen Geschichten erzählt. Es sind Filme für ein denkendes Publikum, das das Einschalten des Fernseher nicht als eine bedingungslose Aufforderung zum Abschalten des Gehirns verstehe.

Die Filme sind, wie die Romane von David Peace, nicht jedermanns Sache. Denn obwohl die Männer in den Verfilmungen positiver als in den Büchern gezeichnet werden, ist Yorkshire für die Männer und Frauen eine Vorhölle, aus der sie lebend nicht entkommen können. Die klaustrophisch-meditativen Interpretationen der Romane sind in jeder Hinsicht exzellent.

Das kann von dem spärlichen Bonusmaterial nicht behauptet werden. Es gibt einige geschnittene Szenen und kurze, großzügig auf „1980“ und „1983“ verteilte, weitgehend überflüssige Making-of-Interviewschnipsel. Interessant sind nur die Bemerkungen von Drehbuchautor Tony Grisoni und Regisseur Julian Jarrold.

Red Riding Trilogy (GB 2009)

Regie: Julian Jarrold, James Marsh, Anand Tucker

Drehbuch: Tony Grisoni

LV: David Peace: 1974, 1980, 1983

mit Andrew Garfield (Eddie Dunford), Paddy Considine (Peter Hunter), David Morrissey (Maurice Jobson), Mark Addy (John Piggott), Sean Bean (John Dawson), Jim Carter (Harold Angus), Warren Clarke (Bill Molloy), Anthony Flanagan (Barry Gannon), Rebecca Hall (Paula Garland), Sean Harris (Bob Craven), Gerard Kearns (Leonard Cole), Eddie Marsan (Jack Whitehead), Peter Mullan (Martin Laws), Maxine Peake (Helen Marshall)

Robert Sheehan (BJ), Daniel Mays (Michael Myshkin)

DVD

Kinowelt

Bild: 1,85:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial:

DVD 1: Interview mit Julian Jarrold, Trailer, Geschnittene Szenen

DVD 2: Making of 1980, Trailer, Geschnittene Szenen

DVD 3: Hinter den Kulissen, Trailer, Geschnittene Szenen

Laufzeit: 102 Minuten (1974), 93 Minuten (1980), 100 Minuten (1983)

FSK: ab 16 Jahre

Die Red-Riding-Trilogie

1974 (Red Riding: In the Year of Our Lord 1974, GB 2009)

Regie: Julian Jarrold

Drehbuch: Tony Grisoni

LV: David Peace: Nineteen Seventy-Four, 1999 (1974)

1980 (Red Riding: In the Year of Our Lord 1980, GB 2009)

Regie: James Marsh

Drehbuch: Tony Grisoni

LV: David Peace: Nineteen Eighty, 2001 (1980)

1983 (Red Reding: In the Year of Our Lord 1983, GB 2009)

Regie: Anand Tucker

Drehbuch: Tony Grisoni

LV: David Peacy: Nineteen Eighty-Three, 2002 (1983)

Hinweise

Channel 4 über die „Red Riding Trilogy“

Wikipedia über die „Red Riding Trilogy“ (deutsch, englisch)

Times Online/The Sunday Times: Benji Wilson über die „Red Riding Trilogy“ (22. Februar 2009)

Independent: Gerard Gilbert über die „Red Riding Trilogy“ (4. März 2009)

Meine Besprechung von David Peaces „1974“ (Nineteen Seventy-Four, 1999)

Meine Besprechung von David Peaces „1977“ (Nineteen Seventy-Seven, 2000)

Meine Besprechung von David Peaces „1980“ (Nineteen Eighty, 2001)

Meine Besprechung von David Peaces „1983“ (Nineteen Eighty-Three, 2002)

Meine Besprechung von David Peaces „Tokio im Jahr Null“ (Tokyo Year Zero, 2007)

Kriminalakte über David Peace



DVD-Kritik: Die „Spooks“ sind da

April 21, 2010

Die britische Antwort auf ’24’“ ist die gern benutzte Kurzbeschreibung der BBC-Serie „Spooks – Im Visier des MI5“. Das ist in vielen Punkten Quatsch. Denn „Spooks“ ist kein zeitgemäßes Update von „Die Profis“, um eine englische Serie zu nennen, sondern eher ein dramatisierter Einblick in die Arbeit eines Geheimdienstes und wie sich die Arbeit auf das Psyche auswirkt. Natürlich gibt es auch Action, aber im Vergleich zu „Die Profis“ (für die älteren Semester) oder „24“ (für die Jüngeren) fällt der Actionanteil eher gering aus, es gibt wenige Außendrehs und die MI5-Agenten wirken alle etwas unnahbar. Denn sie sind alle professionelle Lügner. Sie belügen ihre Vorgesetzten, ihre Kollegen und ihre Partner. Außerdem sind sie jederzeit ersetzbar oder können, wie das Ende der zweiten Folge „Gefährliche Idee“ zeigt und das Staffelende vermuten lässt, sterben. In „Spooks“ gibt es nicht, wie in „24“ einen Jack Bauer, der garantiert bis zur letzten Folge der Staffel überlebt. Das ist im ersten Moment, weil man sich nicht bedingungslos mit einem Charakter identifiziert, ein Nachteil. Ebenso können Nebencharaktere aus den ersten Episoden später wichtiger werden und es ist anfangs unklar, – jedenfalls für die erste Staffel – wer der wichtigste Mann im Team ist. Aber nach einigen Folgen und wenn man sich auf die Welt der „Spooks“ einlässt, ist das ein Vorteil. Denn die erzählerischen Möglichkeiten sind viel größer.

So wird von gefährlichen Undercover-Einsätzen gegen Rechtsradikale („Gefährliche Idee“), dem Kampf gegen radikale Abtreibungsgegner („Heilige Rache“), Geiselnahmen von Terroristen in einer Botschaft („Späte Rache“), der Frage, ob ein legendärer Agent während eines Undercover-Einsatzes gegen Globalisierungsgegner die Seiten wechselte („Verzweifelungstat“), den kompromittierenden Memoiren eines ehemaligen Staatsmannes („Die Memoiren“) und dem Kampf gegen islamistische Terroristen, die in England ein Atomkraftwerk zerstören wollen („Dreht Harry durch?“) erzählt.

Neben diesen Einsätzen, die teilweise noch komplizierter werden, weil MI5-Agenten undercover zu den Geiseln gehören, die Informationen von einer irischen Terrorgruppe kommen, es sich um ein Ablenkungsmanöver handelt oder handeln könnte und natürlich niemandem vertraut werden kann (in diesem Punkt gleicht „Spooks“ „24“), gibt es auch einige fortlaufende Geschichten. Die wichtigste ist dabei die auf einer Lüge aufgebaute Liebesgeschichte zwischen dem Agenten Tom Quinn (Matthew Macfadyen) und der alleinerziehenden Restaurantbesitzerin Ellie Simm (Esther Hall). Denn sie glaubt, dass er ein biederer, für den Staat arbeitender Informatiker ist. Auch die hochrangige MI5-Agentin Tessa Phillips (Jenny Agutter), die auf den ersten Blick wie eine graue Maus wirkt, wird zunehmend wichtiger und sie hat es faustdick hinter den Ohren.

In zwei Folgen spielt Hugh Laurie (seit 2004 „Dr. House“; – aber das wisst ihr ja alle) den überheblich-blasierten MI6-Mann Jools Siviter, der als Auslandsgeheimdienstler auf den MI5 als Kindergartenveranstaltung nur mit Verachtung herabschaut und so auch etwas Humor in die Serie bringt.

Das informative Bonusmaterial fällt mit neunzig Minuten für eine britische Serie ungewohnt üppig aus. Es wird viel über die Produktion und die Hintergründe der Serie gesprochen. Es wird verraten, warum „Spooks“ keine Credits hat. Dass bei dem Bonusmaterial ebenfalls auf das Einblenden von Name und Beruf der redenden Autoren, Cutter, Produzenten und Regisseure verzichtet wurde, übertreibt die Idee mit der Anonymität dann doch etwas. Die Hauptdarsteller erzählen etwas über ihre Anfänge und, manchmal, auch über ihre Rolle. Und es gibt, als überflüssigster und, mit zehn Minuten, kürzester Teil des Bonusmaterials, einige geschnittene Szenen.

Die „Spooks“ sind nicht so catchy wie die Gauner aus „Hustle“ (einer weiteren Kudos-Serie), sondern eher unauffällig-bieder. Halt wie echte Spione, die ihren le Carré gelesen haben und manchmal gerne James Bond wären, aber wissen, dass das Eskapismus ist.

Polyband veröffentlichte die „Internationale Fassung“. Diese Version wird bereits in England hergestellt, indem pro Folge etwa zehn Minuten herausgeschnitten werden. Insofern: ja, gekürzt, aber vom Hersteller.

Spooks – Im Visier des MI5 – Staffel 1 (Spooks, GB 2002)

mit Matthew Macfadyen (Tom Quinn), Keely Hawes (Zoe Reynolds), Peter Firth (Harry Pearce), David Oyelowo (Danny Hunter), Jenny Agutter (Tessa Phillips), Lisa Faulkner (Helen Flynn), Hugh Laurie (Jools Siviter), Esther Hall (Ellie Simm)

Gaststars: Lisa Eichhorn, Anthony Head, David Calder, Lorcan Cranitch

DVD

Polyband

Bild: 16:9 (1,78:1)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: – (außer dem Bonusmaterial)

Bonusmaterial: Spooks (Idee und Ursprung, Das Format, Kein Abspann, Die Credits für Episode 1 – 6, Die Terror-Frage, Das Casting), Cast (Matthew Macfadyen, Keely Hawes, Peter Firth, David Oyelowo, Jenny Agutter, Hugh Laurie als Jools Siviter [Interwies mit den Schauspielern über ihre Anfänge und ihre Rolle; über Hugh Laurie und seine Rolle äußern sich andere), Crew (Die Produzenten, Der Autor [Wolstencroft], Der Regisseur [Nalluri], Der Cutter), Deleted Scenes, Wendecover

Laufzeit: 300 Minuten (6 x 50 Minuten), 90 Minuten Bonusmaterial

FSK: ab 16 Jahre

Die ersten sechs Einsätze der „Spooks“

Heilige Rache (Thou shalt not kill)

Regie: Bharat Nalluri

Drehbuch: David Wolstencroft

Gefährliche Idee (Looking after our own)

Regie: Bharat Nalluri

Drehbuch: David Wolstencroft

Späte Rache (One last dance)

Regie: Rob Bailey

Drehbuch: Simon Mirren

Verzweifelungstat (Traitor’s Gate)

Regie: Rob Bailey

Drehbuch: Howard Brenton

Die Memoiren (The Rose Bed Memoir)

Regie: Andy Wilson

Drehbuch: Howard Brenton

Dreht Harry durch? (Mean, dirty, nasty; US-Titel: Lesser of two Evils)

Regie: Andy Wilson

Drehbuch: David Wolstencroft, Howard Brenton

Hinweise

BBC über „Spooks“ (deutsch, englisch)

Kudos über „Spooks“

ZDFneo über „Spooks“

Wikipedia über „Spooks“ (deutsch, englisch)

BFI über „Spooks“

21CTV: The Writing of Spooks (7. Juli 2009)

DVD Verdict über „Spooks – Staffel 1“ (in den USA bekannt als „MI-5“)

Meine Besprechung von David Wolstencrofts „Die Spezialisten“ (Good News, Bad News, 2004)


DVD-Kritik: Sam Peckinpahs Debüt „Gefährten des Todes“

April 13, 2010

Das erste was bei der jetzt erschienen DVD-Veröffentlichung von Sam Peckinpahs Debütspielfilm „Gefährten des Todes“ auffällt, ist die Bildqualität. Denn bislang gab es nur Kopien im falschen Format und einer, sehr höflich formuliert, sehr bescheidenen Bildqualität. Nach dem Remaster sind die Farben meistens noch etwas blass, aber die Details sind gut zu erkennen und die Bildkompositionen sind – was bisher ebenfalls nicht zu erkennen war – gelungen.

Als zweites fällt auf, dass der Film sich ziemlich gut gehalten hat. Das liegt daran, dass er das in Peckinpahs Ouevre immer wieder auftauchende, zeitlose Thema von Schuld und Sühne behandelt und die Frau in dem Film kein verhuschtes Hascherls ist. Maureen O’Hara ist als Sandra-Bullock-Typ des netten Mädchens von nebenan ziemlich sexy und sie zeigt auch, für damalige Verhältnisse, viel nackte Haut.

Immerhin reden wir hier von 1960. Das war die Zeit, als Frauen, die über Dreißig waren, wie Großmütter aussahen; als in „Der unsichtbare Dritte“ (North by Northwest) die nur sieben Jahre ältere Jessie Royce Landis die Mutter von Cary Grant spielte und Doris Day die Frau mit dem größten Sex-Appeal; — Hm, wahrscheinlich waren deshalb damals in den USA europäische Filme so beliebt.

Jedenfalls spielt Maureen O’Hara in „Gefährten des Todes“ die Hure mit dem goldenen Herz.

Nachdem Yellowleg (Brian Keith) in einem Schusswechsel irrtümlich ihren Sohn erschießt, will Kit Tilden ihr Kind neben seinem Vater beerdigen. Dummerweise liegt das Grab im Apachengebiet in der Geisterstadt Siringo. Sie macht sich alleine auf den Weg. Yellowleg, der von Schuldgefühlen geplagt ist, begleitet sie, gegen ihren Wunsch, mit seinen beiden Gefährten, den Verbrechern Billy (Steve Cochran) und Turk (Chill Wills). Auf der Reise nach Siringo gibt es den erwartbaren Ärger zwischen ihnen, mit den Apachen und der Natur.

Yellowleg hat nicht nur Schuldgefühle wegen dem Jungen. Er ist auch ein von Rachsucht getriebener Mann. Er verfolgte Turk ein halbes Jahrzehnt, weil dieser ihn damals skalpierte. Turk kann sich nicht daran erinnern und Yellowleg zögert seine Rache hinaus. Denn, so fragt er in einer Szene Kit, was bleibe ihm, wenn er den Sinn seines Lebens umbringe.

Und Turk, ein ziemlich unsympathischer Feigling, ist, wie spätere Szenen in „Gefährten des Todes“ zeigen, selbst ein von den Dämonen der Vergangenheit getriebener Mann.

Da ist Billy die psychologisch langweiligste Figur. Er ist einfach ein junger Berufsverbrecher.

Peckinpah-Fans entdecken in „Gefährten des Todes“ leicht viele Elemente, die auch in seinen späteren Filmen auftauchen. Aber, so Mike Siegel zutreffend in dem Audiokommentar, es gebe nur eine bestimmte Menge an Situationen und Themen und die meisten dieser Elemente stünden bereits in A. S. Fleischmans Roman und Drehbuch.

Der ausschließlich vor Ort in Old Tucson, Arizona, gedrehte „Gefährten des Todes“ ist von seinem Budget und der Drehzeit ein TV-Film fürs Kino. Gerade weil er einen ziemlich realistischen Blick auf den Wilden Westen wirft und zeitlose Themen, wie Schuld und Sühne ohne einfache Lösungen verhandelt, ist er auch heute noch einen Blick wert. Es ist einer der ersten Spätwestern und damit ein Western, der sich an ein erwachsenes Publikum richtet.

Die Action-Szenen sind dagegen TV-Niveau und sie zeigen noch nichts von Sam Peckinpahs späterem Ruf als Action-Regisseur.

Als Bonusmaterial gibt es eine umfangreiche, interessante Bildergalerie, ein Booklet, ein halbstündiges Featurette und einen Audiokommentar von Peckinpah-Fan Mike Siegel. In dem informativem Featurette verarbeitet er viel bereits aus der absolut sehenswerten Doppel-DVD „Passion & Poetry: The Ballad of Sam Peckinpah“ bekanntes Material. Der Audiokommentar ist dagegen eher enttäuschend, weil Siegel sich nicht wiederholen wollte und die Menge an Informationen über einen fast fünfzig Jahre alten Western einfach begrenzt ist.

Gefährten des Todes ist kein Meisterwerk, aber in der remasterden Version durchaus einen Blick wert.

Gefährten des Todes (The Deadly Companions, USA 1961)

Regie: Sam Peckinpah

Drehbuch: Albert Sidney Fleischman

LV: A. S. Fleischman: Yellowleg, 1960 (später „The Deadly Companions“)

mit Maureen O’Hara, Brian Keith, Steve Cochran, Chill Wills, Strother Martin, Will Wright, Jim O’Hara, Billy Vaughn

DVD

Koch-Media

Bild: 2.25:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Booklet, Audiokommentar und Featurette von Mike Siegel, Bildergalerie

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Bonusinformation

Eine gekürzte Fassung des Films lief 1965 als „Trigger Happy“ in den amerikanischen Kinos.

Hinweise

Wikipedia über „Gefährten des Todes“

Homepage von Sid Fleischman

New York Times: Nachruf auf Sid Fleischman (24. März 2010)

Western Boot Hill: Nachruf auf Albert Sidney Fleischman

Meine Besprechung der DVD „Passion & Poetry: The Ballad of Sam Peckinpah“

Sam Peckinpah in der Kriminalakte


DVD-Kritik: „Las Bandidas“ schlagen zu

April 1, 2010

Jean-Luc Godard sagte: „Um einen Film zu machen genügen eine Waffe und ein Mädchen.“

Las Bandidas“ hat vier gutaussehende, vornehmlich knapp begleitete Frauen und ein ganzes Arsenal von Waffen.

Damit erfüllt „Las Bandidas“ Godards Minimaldefin ition für einen Film locker.

Aber ein guter Film ist es nicht geworden.

Denn nach dem Versprechen von Cover und Trailer folgen einfach nur zwei Stunden Langeweile.

Woran liegt das?

Nun, mal wieder an grundlegenden Plotproblemen.

Denn auch wenn die einzelnen Charaktere ein Ziel haben (die mexikanischen Gangster wollen mit den Koreanern ein Drogengeschäft abwickeln; die spanischen Einbrecherinnen wollen sie ausrauben), müssen wir Zuschauer erstens wissen, was sie erreichen wollen, und zweitens, wie sie es erreichen wollen. Erst dann können wir mitfiebern.

Aber in „Las Bandidas“ bohren die Frauen sich nur durch irgendwelche Gemäuer, schrauben an Fahrrädern herum, kriechen im roten Abendkleid durch Fenster und klettern irgendwelche Mauern hoch (Jaja, sieht lecker aus.) und machen dann irgendetwas furchtbar kompliziertes (was wahrscheinlich auch einfacher ginge), um an eine im Safe des Gangster liegende Festplatte zu kommen. Keine Ahnung, warum sie die externe Festplatte klauen und das Geld im Safe lassen. Keine Ahnung, warum sie dann die Festplatte gegen einen ziemlich geringen Geldbetrag zurückgeben und dann etwas noch viel komplizierteres anstellen, um an eine riesige Tasche voller Geld zu kommen.

Das bietet – Habe ich schon erwähnt, dass die Einbrecher vier heiße Weiber sind? – natürlich einiges für das Auge des männlichen Betrachters. Aber solange dem Zuschauer nicht gesagt wird, wie Ana, Aurora, Gloria und Paloma an die Kohle rankommen wollen, langweilen die ziemlich irrwitzigen Aktionen der Frauen. Zum Beispiel: Warum müssen sie eine Laser-Schusswaffe bauen, diese dann in dem Fahrrad verstecken und kurz vor ihrem Einsatz mühevoll zusammenbauen? Warum – und wo – buddeln sie ein Loch in den Boden und tarnen es anschließend fein säuberlich? Sowieso ist unklar, wie sie in die Zentrale des Gangsterbosses einbrechen und anschließend flüchten wollen.

Irgendwann zertrümmert der Gangsterboss, der wahrlich keine Zierde für uns Männer ist, einer der Einbrecherinnen die Hand. In den nächsten Szenen scheint ihre Hand geheilt zu sein. Später ist sie wieder dick verbunden und sie eignet sich gut als Schlagwaffe. Die kaputte Hand scheint außer einer kleinen körperlichen Unbequemlichkeit den Einbruchsplan der Frauen überhaupt nicht zu beeinflussen. Bei einem besseren Drehbuch wäre in diesem Moment der ursprüngliche Einbruchsplan ein Fall für die Geschichtsbücher.

Auch die anderen Taten der drei Einbrecherinnen (Ana liegt nach einem Unfall im Koma) und der Gangster wirken zufällig und haben meist keine Konsequenzen für die weitere Geschichte. Subplots werden plötzlich fallengelassen. Über weite Strecken wirkt „Las Bandidas“ wie der lieblose Zusammenschnitt aus einigen möglicherweise interessanten Filmen.

Außerdem erfahren wir niemals, warum die Frauen die Einbrüche verüben. Diese Nicht-Psychologie führt auch dazu, dass die Vier bis zum Ende austauschbar bleiben – Gutgut, die eine ist etwas älter und hat hellere Haare als die beiden Schwarzhaarigen. – und uns herzlich egal sind. Sie scheinen sogar die gleichen Einbruchsfähigkeiten zu haben. In einem klassischen Heist-Movie, wozu „Las Bandidas“ gehören möchte, hat jeder Gauner seine feste Rolle und seine für das gelingen des Unternehmens wichtigen Aufgaben.

Am meisten psychologische Tiefe in diesem Desaster hat noch der Killer Gabriel. Er hat keine Probleme damit, Männer umzubringen. Aber Frauen – immerhin hat sein Vater seine Mutter erschlagen – bringt er nicht um. Als sein Boss und Freund beginnt, die Frauen schlecht zu behandeln, zerbricht auch diese Freundschaft.

Autor und Regisseur Augustín Díaz Yanes konnte sich allerdings nicht entscheiden, ob er die Geschichte von Gabriel und seinem Gewissenskonflikt oder von den vier Frauen und ihren Einbrüchen bei den Gangstern erzählen wollte. Also entschloss er sich, weder die eine noch die andere Geschichte zu erzählen, sondern uns einfach nur mit Bildern von heißen Frauen, grenzdebilen, blowjobgeilen Gangstern, schmutzigen mexikanischen Straßen und austauschbaren Zimmern zu bedienen.

Denn Yanes scheint sich vor allem, in der Hoffnung, dass die konfuse Geschichte dann nicht weiter auffällt, darüber Gedanken gemacht zu haben, wie er die Frauen apart ins Bild setzt und das ganze relativ jugendfrei mit Sex und Gewalt garniert. Das ist ihm gelungen.

Aber ein guter Gangsterfilm ist so nicht entstanden.

Las Bandidas – Kann Rache schön sein! (Solo Quiero Caminar, Spanien/Mexiko 2009)

Regie: Agustín Díaz Yanes

Drehbuch: Agustín Díaz Yanes

mit Victoria Abril, Diego Luna, Ariadna Gil, Pilar López de Ayala, Elena Anaya, José María Yazpik

DVD

Sunfilm

Bild: 16:9 (1:2,35)

Ton: Deutsch, Spanisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Interviews mit dem Regisseur, Making of, Trailer

Länge: 122 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Anmerkung

Der Film lief als „Just Walking“ auf der Berlinale 2009 und dem Fantasy Filmfest 2009.

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Las Bandidas“


DVD-Kritik: „Two Lovers“ – James Grays vierter Streich

März 27, 2010

Ein Liebesfilm in der Kriminalakte?

Ich könnte jetzt einen langen Vortrag beginnen, dass Krimis eigentlich Liebesgeschichten sind undsoweiterundsofort.

Oder ich sage einfach nur: JAMES GRAY.

Genau, der James Gray, der bis jetzt drei fantastische Gangsterfilme, die er mit präzisen Sozialstudien und Familiengeschichten verband, drehte. „Little Odessa“, „The Yards“ und „Helden der Nacht“ hießen die in New York, vornehmlich Brighton Beach/Brooklyn, spielenden Filme, für die er auch immer das Drehbuch schrieb und immer wieder eine erkleckliche Zahl bekannter Schauspieler engagieren konnte.

Auch sein neuester Film „Two Lovers“ fügt sich nahtlos in sein bisheriges Werk ein und zeigt, wieder einmal, dass er zu den am meisten unterschätzten Geschichtenerzählern gehört. Wieder spielt sein Lieblingsschauspieler Joaquin Phoenix mit und wieder zeigt Phoenix in seinem bislang letztem Film eine beeindruckende Leistung als Leonard Kraditor, der nach einem psychischen Zusammenbruch seit vier Monaten wieder bei seinen Eltern lebt und versucht sein Leben auf die Reihe zu bekommen. Seine Eltern (Isabella Rossellini, Moni Monoshov) wollen ihn mit Sandra Cohen (Vinessa Shaw) verkuppeln. Sandra hat sich, nachdem sie ihn in der Kleiderreinigung seiner Eltern gesehen hatte, in ihn verliebt. Sie ist die Tochter eines Geschäftskonkurrenten und auch ihre Eltern stünden einer Ehe wohlwollend gegenüber.

Aber Leonard verliebt sich in den blonden Engel Michelle Rausch (Gwyneth Paltrow). Sie ist die Geliebte des reichen, verheirateten Ronald Blatt (Elias Koteas) und hat absolut kein sexuelles Interesse an Leonard. Für sie ist er nur der nette Nachbar von nebenan.

Gray konzentriert sich in seiner von Fjodor Dostojewskis Kurzgeschichte „Weiße Nächte“ inspirierten, hübsch doppeldeutig betitelten Geschichte (das ist einer der raren Fälle, in denen der Originaltitel besser als eine wörtliche Übersetzung ist) auf den einsamen Leonard und seine Entscheidung zwischen zwei Frauen und Lebensstilen.

Two Lovers“ ist wie Grays vorherige Filme hochkarätig besetztes Schauspielerkino ohne einen falschen Ton. Weder im Spiel, noch in der Kameraführung, dem Schnitt, der Ausstattung oder der Musikauswahl. Und keines dieser Elemente drängt in den Vordergrund. Sie alle dienen der Geschichte. Wieder einmal ist Grays Blick für die Details bemerkenswert. Teilweise fallen sie beim ersten Sehen nicht auf, aber alle zusammen machen die Geschichte glaubwürdig. Es sind Kleinigkeiten, wie die Fotowand in der Wohnung der Kraditors, Leonards Jugendzimmer, die kleinen Gesten und Blicke, die in Sekundenbruchteilen alles erklären und Entscheidungen, wie Joaquin Phoenix während eines Geständnisses mit dem Rücken zur Kamera spielen zu lassen, auf einen Schnitt zu verzichten, das Licht in einer besonderen Art zu setzen und eine – teilweise unsichtbare – Zeitlupe einzusetzen.

Und dennoch ist James Gray immer noch viel zu unbekannt. Teils weil seine Filme keinen großen Kinostart erhielten, teils weil sie – wie „The Yards“ nach einer Pleite des deutschen Verleihs – nie in die Kinos kamen. Aber auch weil seine Filme auf modischen Schnickschnack verzichten und sich auf die derzeit unhippe Tradition des klassischen Erzählkinos und des europäischen Kinos, zwischen Frederico Fellini und Krzysztof Kieslowski, beziehen.

Sein Erzähltempo ist für heutige Sehgewohnheiten ungewöhnlich langsam, aber immer entwickelt er bereits mit den ersten Bildern einen fatalistischen Sog, bei dem auf überraschende Plottwists und überraschende Enden verzichtet wird. Seine Charaktere scheinen äußeren Umständen und ihrem Schicksal ausgeliefert zu sein. Auch Leonards Schicksal ist von Anfang an vorherbestimmt, das Ende ist bittersüß und, je nach persönlicher Sicht, ist es ein gutes oder ein schlechtes Ende. Aber in jedem Fall ist es ein befriedigendes Ende.

Als Bonusmaterial gibt es lediglich drei geschnittene Szenen, die bis auf eine, die ich vielleicht drin gelassen hätte (sie zeigt Leonard mit seinen Eltern in der Reinigung), zu recht weggefallen sind, und einen sehr hörenswerten Audiokommentar von James Gray. Er erzählt von seinen Vorbildern im europäischen Kino, seinen ästhetischen Vorstellungen, den Dreharbeiten, welche Absichten er bei bestimmten Szenen hatte und wie die Schauspieler ihn mit ihren Improvisationen immer wieder überraschten.

Two Lovers (Two Lovers, USA 2008)

Regie: James Gray

Drehbuch: James Gray, Rick Menello

mit Joaquin Phoenix, Gwyneth Paltrow, Vinessa Shaw, Moni Moshonov, Isabella Rossellini, Elias Koteas

DVD

Senator

Bild: 2,35:1 (anamorph 16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Audiokommentar, Deleted Scenes, Trailer

Laufzeit: 106 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die bisherigen Erkundungen New Yorks von James Gray

Little Odessa (Little Odessa, USA 1994)

Drehbuch: James Gray

mit Tim Roth, Moira Kelly, Edwad Furlong, Vanessa Redgrave, Maximilian Schell, Paul Guilfoyle

The Yards – Im Hinterhof der Macht (The Yards, USA 2000)

Drehbuch: James Gray, Matt Reeves

mit Mark Wahlberg, Joaquin Phoenix, Charlize Theron, James Caan, Faye Dunaway, Ellen Burstyn, Tony Musante, Victor Argo, Tomas Milian

Helden der Nacht (We own the Night, USA 2007)

Drehbuch: James Gray

mit Joaquin Phoenix, Mark Wahlberg, Eva Mendes, Robert Duvall, Danny Hoch, Alex Veadov, Oleg Taktarov, Moni Monoshov, Tony Musante

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Wikipedia über „Two Lovers“ (deutsch, englisch)

IFC: Interview mit James Gray über „Two Lovers“

Spout Blog: Interview mit James Gray über „Two Lovers“

Coming Soon: Interview mit James Gray über „Two Lovers“

Collider: Interview mit James Gray über „Two Lovers“

IndieWire: Interview mit James Gray über „Two Lovers“


No Stunts, No Jokes – und trotzdem mit Jackie Chan

März 26, 2010

Dass ich noch nichts über Jackie Chans „Stadt der Gewalt“ geschrieben habe, liegt nicht an dem Film, sondern nur an meiner schlechten Planung. Denn anstatt sofort die Kritik zu schreiben, hab ich’s auf die lange Bank geschoben. Dabei hat mir sein neuer Film, der ihn in einer ungewohnten Rolle zeigt, gut gefallen.

Chan spielt Tietou, eine armen chinesischen Arbeiter, der in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts illegal nach Japan einreist, um seine Freundin Xiu Xiu zu suchen. Als illegaler Flüchtling versucht er mit schlechtbezahlten Jobs und kleinen Gaunereien in Tokios Vergnügungsviertel Shinjuku halbwegs ehrlich über die Runden zu kommen.

In einem Lokal, in dem er jobbt, sieht er Xiu Xiu in Begleitung des aufstrebenden Yakuza-Bosses Toshinari Eguchi. Sie ist, wie er später erfährt, Eguchis Frau. Tietou entschließt sich zu den nächsten Schritten in seiner Verbrecherlaufbahn, es gibt Ärger mit japanischen Gangstern und eines Tages rettet er Eguchi das Leben.

Die Geschichte von „Stadt der Gewalt“ erinnert an die auch heute noch mitreisenden Hollywood-Gangster- und Sozialdramen aus den Dreißigern. Da wird dann, wegen der Botschaft, der Held arg positiv und naiv gezeichnet. Manchmal verhält Tietou sich wie ein reiner Tor. So ist er bass erstaunt, dass er als der neue Pate Schutzgeld von den Wirten und Unternehmern erhält. Und sein Versuch als Gangsterboss einfach nur der gute Onkel im Viertel zu sein, ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

Auch das gemütliche Zusammensitzen der Illegalen in ihrer Suppenküche und ihr Zusammenhalt werden arg idealisiert und romantisch verklärt. Da fehlt nur noch das beschwingte Lied und die Tanznummer auf den Tischen.

Das alles dient natürlich nur dazu, die von den Japanern verachteten illegalen Einwanderer in einem besseren Licht erscheinen zu lassen. Für sie soll Verständnis geweckt werden. Denn in den Neunzigern, als viele Chinesen illegal, mit der Hoffnung auf ein besseres Leben, nach Japan einwanderten, gab es gewalttätigen Konflikte zwischen den Chinesen und den sich in ihrem Wohlstand und ihren Privilegien bedrohten Japanern. Auch in anderen Einwanderergesellschaften gab und gibt es ähnliche Konflikte, die auch in Büchern und Filmen verarbeitet wurden.

In diesen Grenzen eines in der Realität geerdeten Gangsterdramas, das auf das Leben der von der Öffentlichkeit ignorierten Illegalen aufmerksam machen will, ist die Geschichte gut entwickelt und sie bewegt sich glaubwürdig und durchaus realistisch auf die letzte Konfrontation zu.

Stadt der Gewalt“ ist ein feines, düsteres Gangsterdrama mit einem nachvollziehbarem sozialen Anliegen. Jackie-Chan-Fans, die nur seine Action-Filme und Komödien sehen wollen, werden enttäuscht sein. Dies ist einer seiner bislang sehr wenigen Ausflüge in dramatische Gefilde und er schlägt sich mit seinem zur Rolle passenden introvertiertem Spiel mehr als achtbar aus der Affäre.

Stadt der Gewalt (Shinjuku Incident, Hongkong 2009)

Regie: Derek Yee (Pseudonym von Tung-Shing Yee)

Drehbuch: Tung-Shing Yee, Tin Nam Chun

mit Jackie Chan, Naoto Takenaka, Daniel Wu, Xu Jinglei

DVD

New KSM

Bild: 16:9 (2.35:1)

Ton: Deutsch, Kantonesisch

Untertitel: Deutsch

Laufzeit: 115 Minuten

Bonusmaterial (angekündigt für die Doppel-DVD; Einzel- und Dreier-DVD ebenfalls erhältlich): Making of, Interviews, Deleted Scenes, Behind the Scenes, Trailer, Bildergalerie, Wendecover (ca. 4 Stunden Bonusmaterial)

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film (eins, zwei [die schönere Seite])

Wikipedia über „Stadt der Gewalt“ (deutsch, englisch)

Homepage von Jackie Chan


DVD-Kritik: Sympathische East-End-Gauner

März 21, 2010

London, East End, Arbeiterviertel mit hoher Kriminalitätsrate, in der Wirklichkeit gefürchtet und in der Popkultur als Reservoir für Gangstermythen geliebt. Mythen, die ihren Ursprung in den Taten von Jack the Ripper und denen der Kray-Brüder haben. Auch die von Nicola Collins inszenierte Doku „The End – Confessions of a real gangster“ führt diesen Mythos fort und, als Tochter des Verbrechers Les Falco, der auch vor die Kamera tritt, hatte sie einen privilegierten Zugang zu diesem Milieu.

In der vor allem aus sprechenden Köpfen montierten Doku erzählen er und einige seiner Freunde von ihrem Leben als Verbrecher. Aber als „Gangster“ sehen sie sich nicht. So wollen sie nicht genannt werden. Denn Gangster seien böse und ehrlos. Der Gangster werde in der Öffentlichkeit glamourisiert. Das sei nicht die Wirklichkeit.

Sie, so sagen die East-End-Gauner, hatten und haben einen Ehrenkodex und sie haben immer gearbeitet.

Nach diesem Auftakt, der wieder einmal zeigt, dass jeder sich selbst als guten Menschen sieht, blickt der Film genauer in eine archaische Gesellschaft, in der der Zusammenhalt viel und die staatliche Macht wenig zählt. Aufgrund des Alters einiger Interviewpartner entsteht auch eine Chronik des East End von den Nachkriegsjahren bis zur Gegenwart. Einen großen Teil der Erzählungen nimmt dabei das Boxen und die nicht lizensierten Wettkämpfe ein. Die Interviewten erzählen von den Zwillingen Ronnie und Reggie Kray und betonen die guten Seiten der Brüder. Sie erzählen auch von ihren Verbrechen; – jedenfalls soweit sie dafür verurteilt wurden. Les Falco meint, dass neun von zehn East Ender wenigstens zeitweise in irgendwelche Gaunereien verstrickt waren.

Gedreht wurden die Interviews in Schwarzweiß. So entsteht zwischen den aktuellen Interviews und historischen Dokumenten, wie Filmschnipsel, Bilder und Zeitungen, kein Bruch. Außerdem verleiht die atmosphärische SW-Fotografie und das Fehlen moderner Gegenstände den Porträts etwas zeitloses.

Störend sind aber die immer wieder bewusst verschmutzen und ruckelige Bilder und auch mal ein Schwarzbild. So soll der Eindruck von einem historischen Dokument, das man nach Jahrzehnten aus einem Archiv gezogen hat, entstehen. Aber meistens nervt es einfach nur und lenkt von den, ohne einen erklärenden Kommentar, pointiert montierten sprechenden Köpfen ab. Collins gelingt es durch ihre Montage die vielen Gemeinsamkeiten und die wenigen Unterschiede in der Lebenseinstellung ihrer Interviewpartner zu zeigen. Dass sie ihr Geld mal als Boxer, mal als Boxpromoter, mal als Verhandler, mal als Geldeintreiber, mal als Dieb und Räuber verdienten ist eher nebensächlich. Man tat eben, was seinen Talenten entsprach und womit man, mehr oder weniger illegal, Geld verdienen konnte.

Ein Nachteil dieser Methode ist, dass man sich die Hintergründe mühsam zusammenreimen muss und die Selbstdarstellung allzu leicht als wahre Sicht der Ereignisse übernimmt.

Denn letztendlich kommen sie als durchaus sympathische alte Knochen rüber. Arbeiterjungs eben.

The End – Confessions of a real gangster (The End, GB 2008)

Regie: Nicola Collins

Drehbuch: Nicola Collins

mit Les Falco, Victor Dark, Mickey Goldtooth, Danny Woollard, Roy Shaw, Jimmy Tibbs, Michael Gonella, Matt Attrell, Bobby Reading, Mickey Taheny, Alan Mortlock, Charlie Magri, Jimmy Murphy

DVD

Sunfilm

Bild: 16:9 (1:1,85)

Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Laufzeit: 78 Minuten

Extras: Audiokommentar, Trailer

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

BBC: Interview mit Nicola und Teena Collins (30. April 2009)

Besprechung im Guardian (25. April 2009)


„Hustle“ oder die elegante Art deine Mitmenschen um ihr Geld zu bringen

März 1, 2010

In fünf Worten ist „Hustle“ die britische Version von „Ocean’s Eleven“. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Mickey Stone und seine Gang sind auch leidenschaftliche Trickbetrüger und in jeder Folge der BBC-Serie legen sie – mit wechselndem Erfolg – einen arroganten Geldsack herein. Die Serie ist auch sehr stylish. Die Macher spielten bereits vor über sechs Jahren souverän auf der gesamten Klaviatur des Films von überraschenden Plottwists (gerne gekoppelt an Rückblenden) über gelungenen Anspielungen auf andere Filme und einer sehr stilisiert-poppigen Filmsprache hin zu Experimenten, wie eingefrorenen Bildern, in denen die Verbrecher den Betrug erklären. Das unterscheidet sich dann kaum von einem Kinofilm.

Aber „Ocean’s Eleven“ war letztendlich, vor allem im zweiten und dritten Teil, nur noch mäßig amüsantes Starkino der Marke „George Clooney und seine Freund haben Spaß“.

Dagegen wird „Hustle“ von Folge zu Folge besser und die Serie ist realistischer als „Ocean’s Eleven“. Denn die Charaktere der von Kudos produzierten Serie (unter anderem „Life on Mars“ und „Spooks – Im Visier des MI5“) sind keine Cartoon-Figuren. Die Opfer sind reich, aber keine milliardenschweren Casinobesitzer.

Und natürlich, das wichtigste Elemente bei einer Serie, Trickbetrüger Mickey Stone und seine Gang sind ein Ensemble dem man gerne zusieht.

Im „Making of“ erzählt Autor Tony Jordan, dass er die Verbrecherbande wie eine Familie mit Großvater, Vater, Sohn, Onkel und Mutter (die hier auch gleichzeitig die Geliebte ist) aufgebaut habe.

Mickey Stone ist der charismatische Anführer. Jordan erzählt, dass die Rolle zuerst für einen anderen Schauspielertyp vorgesehen war, aber als Adrian Lester den Raum betrat, wussten sie, dass sie ihren Mickey Stone gefunden hatten. Er hat die Lässigkeit eines Mannes, dem die Welt gehört – auch wenn alles nur Schein ist. Er flößt Vertrauen ein – auch wenn er gerade einen Betrug durchzieht. Und, als guter Familienvater, schützt er seine Familie. Er nimmt auch, leicht widerwillig, die Rolle als Lehrer für den Neuzugang Danny Blue an.

Albert Stroller ist die Legende, die Stone alles beibrachte und auch im Rentenalter nicht vom verbrecherischen Leben lassen kann. Er ist der Großvater. Dass Stroller von Robert Vaughn gespielt wird, ist eine der glücklichen Fügungen, die gerade wegen Vaughns Filmographie (Ich sage nur „Solo für O. N. K. E. L.“, „Bullit“ und „Die glorreichen Sieben“.) grandios passt. Er ist nicht nur im Film für die Jüngeren ein Vorbild. Er beherrscht alle Tricks und hat schon mit allen Größen im Geschäft zusammengearbeitet hat. In der Serie natürlich Verbrechergrößen; im Filmgeschäft Stars wie Paul Newmann, Steve McQueen, Jacqueline Bisset, Faye Dunaway, Robert Duvall, Walter Matthau, Peter Falk, Charles Bronson, James Coburn, Yul Brynner, Eli Wallach und Boris Karloff.

Danny Blue ist der Jungspund, der zum Meisterverbrecher werden will, aber noch viele jugendliche Flausen im Kopf hat. Für ihn ist das Verbrecherleben, auch wenn er gerade nach einem missglückten Betrug verprügelt wurde, ein einziger großer Spaß und die Gelegenheit, jeden Tag ein neues Abenteuer zu erleben.

Ash Morgan ist der gute Onkel, der Butler und der Handwerker. Er kann anscheinend auf die altmodische Art jedes System hereinlegen und die richtigen Geräte basteln. Er ist immer da, zuverlässig, gesegnet mit dem Humor und dem Duft des Arbeiters. In der ersten Staffel (von inzwischen insgesamt sechs) ist er der unauffälligste Charakter im Team.

Und Stacie Monroe ist die Mutter der Kompanie. Allerdings ist sie sehr sexy und Danny Blue möchte gerne mit ihr ins Bett steigen. Dummerweise ist sie auch klug und als Danny sie einmal zu einer Partie Strip-Poker überredet, hat sie wundersamerweise immer das bessere Blatt in der Hand.

In der ersten Staffel von „Hustle – Unehrlich währt am längsten“ zeigen sie in sechs kurzweiligen Episoden ihr Können. In der ersten Folge ist ihr Opfer der gierige Geschäftsmann Peter Williams, der regelmäßig auf der Liste der 500 reichsten Engländer steht. Mickey Stone erzählt ihm, getarnt als vertrauenswürdiger Banker, dass sein Unternehmen mit einem Computerprogramm gigantische Gewinne machen könne. Demnächst gebe es wieder die Möglichkeit und gegen eine stattliche Geldsumme könne er mitmachen. Williams ist einverstanden. Dass sie bei dem Coup von der Polizei beobachtet werden, stachelt Stone nur noch mehr an.

In „Der Hollywood-Schwindler“ ködern sie einem brutalen Hotel- und Kasinobesitzer, der ein Fan von klassischen Hollywood-SW-Filmen ist, mit einer Investition an einen sich an eben diesen Filmen orientierendem Filmprojekt.

Sie versuchen einer fanatischen Kunstsammlerin einen gefälschten Mondrian zu verkaufen. Dabei haben sie ihren Plan ohne den Fälscher (Köstlich!) und eine ehrgeizige Journalistin gemacht.

Sie werden von einem kurz vor der Pensionierung stehendem Polizisten, der bis jetzt jeden Trickdieb schnappte (wie Albert Stroller aus eigener leidvoller Erfahrung weiß), zur Mitarbeit erpresst. Denn der Polizist will einen Bankräuber, der bis jetzt bei keinem seiner verwegenen Einbrüche geschnappt wurde, verhaften. Mickey Stone versucht den Polizisten hereinzulegen. Aber wird ihm das gelingen? Und: Kann er, vor den Augen der Polizei, die Bank ausrauben?

Sie wollen von einem Scheidungskrieg profitieren, indem sie die hasserfüllte Ehefrau und ihren Gatten mit einem falschen Bauprojekt hereinlegen.

Und, in der letzten Episode der ersten Staffel, „Die letzte Wette“ spielen sie ihre Version von „Der Clou“ (The Sting) durch, indem sie ihrem Opfer erzählen, dass sie wissen, welches Pferd bei einem Pferderennen gewinnt. Dabei müssen Mickey Stone und seine Gang auch damit kämpfen, dass heute Informationen in Echtzeit verfügbar sind.

Als Bonusmaterial gibt es ein zweiteiliges „Making of“. Im ersten, sehr interessanten Teil erzählen die Macher, wie die Serie entstand und die Schauspieler ausgewählt wurden. Im zweiten Teil gibt es dann die üblichen Lobhuddeleien der Schauspieler.

Die grandiose Serie läuft freitags ungefähr um 22.00 Uhr (halt nach dem Spielfilm) auf ZDFneo. Gezeigt werden, wie auch auf der DVD, die vom BBC erstellte kürzere internationale Fassung.

Hustle – Unehrlich währt am längsten (GB 2004)

Erfinder: Tony Jordan (nach einer Idee von Bharat Nalluri)

mit Adrian Lester (Mickey Stone), Marc Warren (Danny Blue), Robert Glenister (Ash Morgan), Jaime Murray (Stacie Monroe), Robert Vaughn (Albert Stroller)

DVD

Polyband

Sprachen: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Bild: 16:9 (1,78:1)

Laufzeit: 300 Minuten (6 x 50 Minuten) + 30 Minuten Bonus

Bonusmaterial: Making of (englisches Original mit deutschen Untertiteln), Wendecover

FSK: ab 16 Jahre

Die ersten sechs Betrügereien von Mickey Stone und seiner Gang

Meisterdiebe (The Con is on, Regie: Bharat Nalluri, Drehbuch: Tony Jordan)

Der Hollywood-Schwindler (Faking it, Regie: Bharat Nalluri, Drehbuch: Tony Jordan)

Fälscher (Picture perfect, Regie: Bharat Nalluri, Drehbuch: Matthew Graham)

Räuber und Gendarm (Cops and Robbers, Regie: Minkie Spiro, Drehbuch: Tony Jordan)

Klassefrau (A Touch of Class, Regie: Minkie Spiro, Drehbuch: Ashley Pharoah)

Die letzte Wette (The last Gamble, Regie: Rob Bailey, Drehbuch: Tony Jordan)

Hinweise

BBC über „Hustle“ (neu, alt, deutsch)

Wikipedia über „Hustle“ (englisch, deutsch)

Kriminalakte über „Hustle – Unehrlich währt am längsten“


Ein Tag in Paris: „Skate or Die“

Februar 11, 2010

Der Plot von „Skate or Die“ kann auf einem halben Bierdeckel notiert werden: zwei Skater filmen in einem Parkhaus einen Drogendeal, der schiefgeht. Sie werden entdeckt und flüchten zur Polizei. Dort entdecken sie, dass ihre Verfolger Polizisten sind und – den Rest können Sie sich wirklich denken.

Auf die andere Hälfte des Deckels passen die Dialoge.

Damit dürfte klar sein, dass „Skate or Die“ sich nicht an die Freunde dialoglastiger, vertrackter und intellektuell herausfordernder Filme wendet. Denn Regisseur Miguel Courtois und den Drehbuchautoren Clelhio Favretto und Chris Nahon (Buch und Regie bei „Das Imperium der Wölfe“ und Regie bei „Kiss the Dragon“) geht es um Action und das Lebensgefühl einer jugendlichen Subkultur; wobei sich das Lebensgefühl auf das Skaten durch Paris, das Herumhängen und den Konsum von Joints beschränken.

Genauso oberflächlich wie der Blick in die Skater-Szene sind auch die Charakterisierungen. Die Guten sind gut (auch wenn sie noch in der Slacker-Phase sind) und die Bösen sind sehr böse (auch wenn sie eine Polizeimarke haben).

Die gesamte Kreativität der Macher floss in die Actionszenen. Die beiden Hauptrollen wurden mit Skatern besetzt und auch die anderen Schauspieler durften sich, wie das „Making of“ zeigt, körperlich austoben. Dass bei dem Dreh niemand ernsthaft verletzt wurde ist, angesichts der zahlreichen im „Making of“ dokumentierten Stürze, ein Wunder. Denn Courtois setzte auf altmodische Handarbeit.

Diese auf den Straßen von Paris gedrehten Actionszenen sind atemberaubend nah gefilmt, rasant geschnitten und spektakulär, aber als Zuschauer ist man niemals emotional involviert. Man weiß, auch ohne das Drehbuch gelesen zu haben, dass alles gut ausgeht. Man weiß, dass die beiden jugendlichen Helden sich, wenn sie von Brücken springen, zwischen fahrenden Autos und Fußgängern durchrasen und von einem Gebäude zum nächsten springen, dass sie sich nicht verletzen. Denn dann wäre der Film aus. Gleichzeitig legt der meist Trip-Hop-Klängen bestehende, durchgehend pulsierende Soundtrack einen beruhigenden Laidback-Teppich aus.

Skate or Die“ ist ein 90-minütiger Videoclip, der wahrscheinlich jeden über 25-jährigen langweilt.

Skate or Die (Skate or Die, F 2008)

Regie: Miguel Courtois

Drehbuch: Clelhio Favretto, Chris Nahon

Darsteller: Mickey Mahut, Idriss Diop, Elsa Pataky, Philippe Bas, Passi, Rachida Brakni

DVD

Senator Film

Bild: 2,35:1 (anamorph)

Ton: Deutsch, Französisch (5.1)

Untertitel: –

Extras: Making Of, Trailer

Laufzeit: 88 Min.

FSK: ab 16 Jahre

Hinweis

Homepage zum Film


Ein Anschluss unter dieser Nummer – „Connected“

Februar 5, 2010

Eine Mutter wird entführt.

Im Versteck repariert sie ein kaputtes Telefon.

Sie erhält eine Verbindung mit einem Fremden.

Wie heißt der Film?

Final Call“

Falsch. Es ist „Connected“, das Hongkong-Remake des US-Thrillers und wie es sich für ein Remake gehört (Wir erinnern uns an „Departed“) wird das Originaldrehbuch mit kleinen Veränderungen wieder verfilmt. Wer beide Versionen kennt, bemerkt die Unterschiede und kann über Sinn und Unsinn dieser Änderungen nachdenken.

Der größte Unterschied zwischen „Final Call“ und „Connected“ ist, dass „Final Call“ im sonnigen Los Angeles und „Connected“ in den grauen Häuserschluchten von Hongkong spielt.

Auch einige kulturellen Unterschiede fallen auf. Das zeigt sich schön, wenn unser Held versucht ein Ladegerät für sein Handy zu beschaffen und er in eine fast kafkaeske Situation gerät, die an den Besuch einer städtischen Verwaltung erinnert; allerdings mit einem ausgesucht höflichem und an seinem Kunden vollkommen desinteressiertem Verkäufer. Oder dem unterschiedlichen Auftreten der Polizisten.

Die Änderungen in der Geschichte sind minimal. Der Showdown findet nicht an einem Pier, sondern auf einem Flughafen statt. Der Held ist kein jugendlicher Surfer sondern ein Familienvater, der als Geldeintreiber arbeitet und unbedingt zum Flughafen muss, um sich von seinem Sohn zu verabschieden. Aber beide sind Kindsköpfe, die auch ohne Telefonanrufe von in Lebensgefahr schwebenden Frauen, mächtige Probleme haben, ihre Termine einzuhalten und jetzt innerhalb weniger Minuten erwachsen werden müssen. In „Final Call“ wirft eine Ex-Freundin Ryan vor, dass er verantwortungslos, egozentrisch und kindisch sei. In „Connected“ meint der Sohn zu seinem Vater Bob, dass er nie ein Versprechen einhalte.

Dass in „Final Call“ der Ehemann und in „Connected“ der jüngere Bruder die alles auslösende Videoaufnahme gemacht hat, ist eher ein unwichtiges Detail, das in „Connected“ den Geldeintreiber Bob und die Bösewichter zu einem von Modellfliegern benutzten Kowloon Peak führt.

Die Actionszenen sind in der atemberaubenden Hongkong-Manier gedreht und haben immer einen irrealen Touch. Es gibt eine minutenlange Autoverfolgungsjagd durch die Innenstadt. Es gibt eine Verfolgungsjagd am Kowloon Peak und Bob befördert auf seiner Flucht sein Auto über eine verdammt hohe Bergklippe. Es gibt am Ende, im Flughafen, ein wahres Actionfeuerwerk in der Empfangshalle, einer Toilette und in einer riesigen Lagerhalle.

Die Atmosphäre ist dagegen in „Connected“ etwas frostiger als in „Final Call“. Denn trotz des Zeitdrucks hat „Final Call“ viel von der jugendlichen Unbekümmertheit des angerufenen Surfers (für den es irgendwie auch einfach ein tolles Abenteuer ist), den leicht ins comichafte gehenden Auftritten des guten Polizisten (von Willam H. Macy mit gequältem Leidensmine gespielt) und natürlich dem lässigen kalifornischem Lebensgefühl. Dagegen ist in Hongkong der tägliche Überlebenskampf viel zu präsent.

Insgesamt muss „Connected“ sich nicht hinter „Final Call“ verstecken, aber mir persönlich hat das Original mit Kim Basinger, Chris Evans, Jason Statham, William H. Macy, Jessica Biel, Rick Hoffman, Richard Burgi, einem Auftritt von G. Love and Special Sauce am Filmende und einer guten Nutzung der städtischen Geographie von Los Angeles und der näheren Umgebung besser gefallen. Aber das kann auch ganz einfach daran liegen, dass ich zuerst „Final Call“ gesehen habe. Denn mir gefällt auch das Original „Infernal Affairs“ besser als das Remake „The Departed“.

Daher: Wer „Final Call“ kennt, kann sich „Connected“ eigentlich schenken. Wer „Final Call“ noch nicht gesehen hat, kann mit „Connected“ einen kurzweiligen Thriller mit einigen überraschenden Wendungen (die fast alle aus dem Original bekannt sind) und atemberaubenden Actionszenen genießen.

Connected (Bo chi tung wah, Hongkong, 2008)

Regie: Benny Chan

Drehbuch: Alan Yuen, Benny Chan, Xu Bing

Vorlage: Larry Cohen (Originalgeschichte), Chris Morgan (Drehbuch „Cellular“)

mit Louis Koo, Barbie Hsu, Nick Cheung, Ankie Beilke (als Angie Black), Liu Ye, Eddie Cheung

DVD

Koch Media

Länge: 106 Minuten

Bild: 2.35:1 (16:9)

Ton: DTS, Dolby Digital 5.1

Sprachen: Deutsch, Kantonesisch

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial (angekündigt für die 2-Disc-Special-Edition und die Blu-ray): Audiokommentar von Benny Chan, Trailer, Making of, Hinter den Kulissen, Geschnittene und alternative Szenen, Exklusiv produzierte Interviews

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über „Connected“


DVD-Kritik: „Sie nannten ihn Stick“

Januar 19, 2010

Als „Sie nannten ihn Stick“ in der ersten Hälfte der achtziger Jahre in die Kinos kam, wurde er von den Kritikern geschlachtet. Auch Elmore Leonard mag diese Verfilmung nicht. Das liegt bei diesem Krimi auch an der gar nicht so unüblichen Hollywood-Produktion. Zuerst wurde Elmore Leonard beauftragt ein Drehbuch zu schreiben. In den Siebzigern hatte er bereits die Drehbücher zu „The Moonshine War“ (Whisky brutal, mit Richard Widmark und Alan Alda), „Joe Kidd“ (Sinola, mit Clint Eastwood), „Mr. Majestik“ (Das Gesetz bin ich, mit Charles Bronson) geschrieben und auch einige seiner Romane (vor allem seine Western) waren verfilmt worden. Am bekanntesten aus dieser Zeit ist wahrscheinlich „Hombre“ (Man nannte ihn Hombre, mit Paul Newman).

Als er sein Drehbuch ablieferte, fehlte den Produzenten die nötige Action. Joseph Stinson schrieb die gewünschten Szenen. Er hatte damals das Drehbuch für den Dirty-Harry-Film „Sudden Impact“ (Dirty Harry kommt zurück) und das Burt-Reynolds/Clint-Eastwood-Vehikel „City Heat“ geschrieben. Die Dreharbeiten liefen anscheinend problemlos. Als der Film dann fertig war, gab es – auch das ist für Hollywood nicht ungewöhnlich – einen Nachdreh. Das Studio wollte noch mehr Action. Oh, und mehr Skorpione.

Das alles wussten die Kritiker beim Filmstart. Außerdem hatte Burt Reynolds für „City Heat“ eine Razzie-Nominierung erhalten und seine vorherigen Filme waren Flops (mal finanziell, mal künstlerisch, mal beides). Da schlugen die Kritiker gerne kräftig zu und auch an der Kasse war der Film kein Hit.

Dagegen hatte Elmore Leonard 1984 für „La Brava“ den Edgar erhalten und er hatte bereits viele loyale Fans.

Aber wenn man „Sie nannten ihn Stick“ heute, über 25 Jahre nach seiner Premiere wiedersieht, entdeckt man einen gar nicht so schlechten kleinen Florida-Unterweltkrimi.

Ernest ‚Stick‘ Stickley (den Leonard-Fans aus „Beute“/“Dies ist ein Überfall“ [Ryan’s Rules/Swag, 1976] kennen) hat gerade einige Jahre im Knast verbracht. Jetzt will er in Miami ein neues Leben beginnen und auch für seine Teenager-Tochter wieder ein Vater sein. Ein alter Kumpel nimmt ihn mit zu einer in den Sümpfen stattfindenden Geldübergabe. Diese geht schief. Ein Albino-Killer erschießt seinen Kumpel. Stick kann flüchten.

Über einen exzentrischen Millionär, der sich gerne mit Verbrechern umgibt, hofft Stick, an den Mörder seines Freundes und die für die Geldübergabe versprochene Bezahlung zu kommen.

Burt Reynolds zeichnete in seiner fünften Regiearbeit (wenn man die TV-Folge für die kurzlebige Krimiserie „Hawk“ mitzählt) ein unsentimentales Bild vom Gangster- und Jet-Set-Leben in Florida in den frühen Achtzigern; mit schönen Landschaftsaufnahmen und ohne den „Miami Vice“-Glamour. Stattdessen konzentriert er sich ungewöhnlich ausführlich auf die einzelnen Charaktere und ihre sich teilweise langsam entwickelnden Beziehungen zueinander. Stick scheint sogar phasenweise seinen Racheplan zu vergessen. Er freundet sich mit dem Diener und der Freundin des Millionärs an. Er trifft sich mit seiner Tochter. Aber dann schlagen die Konventionen des Gangsterfilms wieder zu und Stick muss gegen die Drogenhändler kämpfen. Dennoch ist die Action eher dünn gesät und konzentriert sich vor allem auf den Anfang (die gut gefilmte misslungene Geldübergabe in den Everglades) und das Ende (den legendären Sturz von Stuntman Dar Robinson, der auch den Albino-Killer spielte, und einen Schusswechsel).

Gerade dieses Hollywood-Action-Ende ist ärgerlich. Im Buch endet die Geschichte ziemlich unblutig (Keine Angst: es gibt Blut und Leichen). Im Film ist dieses Ende auch ähnlich enthalten. Dann wird der Wunsch der Produzenten nach „Action“ befriedigt und Stick nimmt zur Beseitigung von einigen Gangstern eine MG in die Hand. Aber der Stick, den wir bis dahin kennen gelernt haben, hätte die Verbrecher cool gegeneinander ausgespielt. Er war zwar im Knast, aber blöde ist er nicht.

Insofern ist Ernest Stickley ein Vorläufer von Jack Foley (gespielt von George Clooney in „Out of Sight“), Chili Palmer (gespielt von John Travolta in „Get Shorty“ und „Be Cool“) oder Jackie Brown (gespielt von Pam Grier in „Jackie Brown“) und damit natürlich ein typischer Leonard-Charakter.

Der Film selbst pendelt dagegen unentschlossen zwischen Gangsterdrama und witzigem (eher witzig gemeintem) Actionfilm. Dennoch, oder gerade wegen seiner Mängel, ist er als früher Vorläufer der heutigen Florida-Krimis, die zwischen Action, Comedy (manchmal auch Klamauk) und Noir pendeln, sehenswert.

Beim Ansehen der Bildergalerie der jetzt erschienenen, spartanisch ausgestatteten DVD-Weltpremiere von „Sie nannten ihn Stick“ sieht man etliche Bilder von Szenen und Schauspieler, die es nicht in den Film geschafft haben. Da wäre ein Director’s Cut – falls es die Szenen überhaupt noch und in einer akzeptablen Qualität gibt – sicher ein interessanter Film.

Sie nannten ihn Stick (Stick, USA 1983)

Regie: Burt Reynolds

Drehbuch: Elmore Leonard, Joseph C. Stinson

mit Burt Reynolds, Candice Bergen, George Segal, Charles Durning, José Perez, Gastulo Guerra

DVD

MIG Filmgroup

Laufzeit: 110 Minuten

Bild: 1.85 (16:9 anamorph)

Ton: Deutsch, Englisch (2.0)

Untertitel: Deutsch

FSK: ab 16 Jahre

Extras: Bildergalerie, Wendecover

Vorlage

Elmore Leonard: Stick

Arbor House, 1983

Übersetzung

Elmore Leonard: Sie nannten ihn Stick

(übersetzt von Heidi Meller)

Heyne, 1985

(Neuauflage 1990 in der Blauen Reihe als „Stick“)

Hinweise

Homepage von Elmore Leonard

Meine Besprechung von „Up in Honey’s Room“ (2007)

Meine Besprechung von „Gangsterbraut“ (The hot Kid, 2005)

Meine Besprechung von „Callgirls“ (Mr. Paradise, 2004)

Mein Porträt „Man nennt ihn Dutch – Elmore Leonard zum Achtzigsten“ erschien im „Krimijahrbuch 2006“

Elmore Leonard in der Kriminalakte

The Great Smokies Review: Ein Gespräch mit Joe Stinson (Fall 2009)


DVD-Kritik: Mike Siegels „Passion & Poetry – The Ballad of Sam Peckinpah“

Dezember 28, 2009

Die breite Öffentlichkeit denkt bei Sam Peckinpah immer noch zuerst an Gewalt. In „Straw Dogs“ kämpft ein junges amerikanisches Intellektuellenpaar gegen rückständige englische Dorfbewohner. Der Stein des Anstoßes war, neben dem gewalttätigem Ende, in vielen Ländern die für den Film zentrale Vergewaltigung der Ehefrau. Auch in Deutschland stand der Film deshalb von 1983 bis 2007 auf dem Index. In „Getaway“ schießt ein Gangsterpaar sich den Weg frei und in „The Wild Bunch“ sterben die Verbrecher in einem wahren Blutrausch. Das Ende ist auch heute, auf dem kleinen Bildschirm, immer noch überwältigend. Vor vierzig Jahren muss es für das damalige Publikum ein schockierender Alptraum gewesen sein.

Peckinpahs andere Filme, wie seine sehr persönlichen Filme „The Ballad of Cable Hogue“ und „Junior Bonner“, sind dagegen viel unbekannter und auch die stillen Momente in seinen Spielfilmen (von denen es viele gibt) wurden zunächst kaum beachtet. So ist auch in „The Wild Bunch“ die Gewalt in den ersten und letzten Minuten des Films nur die Klammer für die vielen ruhigen Szenen, in denen wir Pike Bishop und seine Jungs kennen und auch irgendwie lieben lernen. Aus den Desperados werden Menschen, die wissen, dass ihre Zeit vorüber ist. Denn im Gegensatz zu ihrem Verfolger, ihrem alten Gefährten Deke Thornton, wollen sie sich nicht anpassen.

Bishop und seine Gefährten sind typische Peckinpah-Charaktere. Es sind Westerner, deren Werte nicht mehr in die moderne Gesellschaft passen. Sie sind Individualisten, die ihrem eigenen moralischen Kompass folgen. Sie wissen das, aber sie sind auch unfähig Kompromisse einzugehen. Lieber sterben sie.

Oder, wie Sam Peckinpah in „Ride the High Country“ einem Charakter einen Satz seines Vaters in den Mund legte: „All I want is to enter my house justified.“ In der deutschen Synchronisation wurde daraus: „Alles was ich will, ist, dass ich als rechtschaffener Mensch diese Welt wieder verlasse.“

Außerdem behandelt Peckinpah immer wieder den Zusammenprall unterschiedlicher Kulturen. Oft ist es der alte Wilde Westen gegen die moderne Industriegesellschaft. Deshalb spielen seine Western zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Seltener der Norden (vulgo die USA) gegen den Süden (vulgo Mexiko). Einmal kehrt Peckinpah sein normales Wertesystem um. In „Straw Dogs“ müssen linksliberale Intellektuelle gegen rückständige Dorfbewohner kämpfen und der von Dustin Hoffman gespielte linkische Ehemann verteidigt sich am Ende äußert gewalttätig.

Schon zu Lebzeiten und heute noch immer bewundern ihn viele Kollegen, Kritiker und Kinogänger. Allein schon die zahlreichen, vor allem in den USA, nach seinem Tod erschienenen und nicht ins Deutsche übersetze Bücher, verraten einiges über seinen Einfluss.

Auch Mike Siegel ist ein Peckinpah-Fan. Der Sindelfinger war als Teenager von „Convoy“ und „Steiner“ begeistert, wollte mehr über den Macher wissen und baute in den vergangenen Jahren ein großes Peckinpah-Archiv auf. Er veröffentlichte das reich bebilderte und sehr informative Buch „Passion & Poetry: Sam Peckinpah in Pictures“ (nur noch antiquarisch, aber die Suche lohnt sich). Bereits in dem Buch wies er einige Male auf die von ihm gedrehte Dokumentation „Passion & Poetry: The Ballad of Sam Peckinpah“ hin. Denn die meisten Interviews waren damals bereits gedreht und er war gerade beim Schneiden. Aber dann verzögerte sich alles. Siegel übernahm verschiedene Aufträge, wie das schon erwähnte Peckinpah-Buch und Featurettes für Peckinpah-DVDs. In den vergangenen Jahren wurde der Film auf mehreren Festivals gezeigt, aber kein TV-Sender wollte ihn kaufen. Auch Arte machte in letzter Minute einen Rückzieher.

Jetzt brachte Mike Siegel den Film, mit etwas Geld von der Filmförderung Baden-Württemberg, auf DVD heraus und das Warten hat sich gelohnt. Denn, wie Siegel in seinen informativen Audiokommentaren sagt, wollte er jetzt einfach möglichst viel von seinem Peckinpah-Material veröffentlichen. Deshalb gibt es neben der zweistündigen Dokumentation „Passion & Poetry: The Ballad of Sam Peckinpah“ auch die ebenfalls gut zweistündige, dreiteilige Dokumentation „Stories on a Storyteller“, weitere Ausschnitte aus dem Interview mit Ernest Borgnine (der in seinem Redefluss kaum zu bremsen war), ein Featurette über die Hacienda Cienega Del Carmen (dort entstand die legendäre Schlusssequenz von „The Wild Bunch“) und „Mike’s Home Movies“. Das sind einige Impressionen von Ausstellungen über Peckinpah und Präsentationen von „Passion & Poetry: The Ballad of Sam Peckinpah“ auf verschiedenen Festivals. Bis auf „Mike’s Home Movies“, einer kurzen Mischung aus B-Roll und filmischem Tagebuch, sind die anderen Bonusfilme eine absolut wichtige und sehenswerte Ergänzung zu dem Hauptfilm. Die „Stories on a Storyteller“ ist eine weitere eigenständige Dokumentation über Peckinpah, die auch gut als Hauptfilm hätte fungieren können.

Der Hauptfilm „Passion & Poetry“ folgt dem Leben von Sam Peckinpah: chronologisch werden seine Jugend, seine Zeit beim Militär, die ersten TV-Arbeiten in Hollywood und seine Spielfilme abgehandelt. Die Chronologie wird durch Einschübe über Peckinpahs Frauen und seine Alkohol- und Kokainsucht unterbrochen. Die Geschichte seines Lebens wird erzählt von Peckinpah-Vertrauten, wozu vor allem seine Schwester Fern Lea Peter (die hier erstmals vor der Kamera über Sam sprach), seine Tochter Lupita, langjährigen Mitarbeitern, wie Katy Haber, Chalo González, Gordon Dawson und Dan Melnick, Schauspielern, die teilweise in mehreren seiner Filme auftraten, wie Ernest Borgnine, James Coburn, Kris Kristofferson, Bo Hopkins, R. G. Armstrong, L. Q. Jones, David Warner, Vadim Glowna, Ali MacGraw und Senta Berger, und Peckinpah-Biographen, wie David Weddle, zählen. Ergänzt werden die neuen Interviews von einigen längeren Interviews, die Sam Peckinpah noch zu Lebzeiten gab. Illustriert werden die Geschichten von Fotografien, ganz wenigen Filmausschnitten und Trailern zu seinen Filmen. Wie Siegel in dem Audiokommentar erzählt, musste er auf die Trailer ausweichen, weil er nicht genug Geld hatte, um die Rechte an speziellen Filmausschnitte zu erwerben.

Umrahmt wird Peckinpahs Biographe von Bildern der Hacienda Cienega Del Carmen und längeren Behind-the-Scenes-Aufnahmen von seiner letzten Regiearbeit: einem Musikvideo für Julian Lennon. Sie zeigen einen alten Mann – obwohl Peckinpah damals noch keine Sechzig war. Das Video entstand im Sommer 1984. Am 28. Dezember 1984 starb er.

Passion & Poetry“ ist kein Peckinpah-kritischer Film oder eine quasi-wissenschaftliche Werkanalyse. Es ist eine sehr informative Biographie, die vor allem eine Liebeserklärung an den Regisseur ist. Sie lebt von den Erinnerungen seiner Freunde und Mike Siegel lässt sie sehr ausführlich zu Wort kommen. Das driftet öfters ins Anekdotische ab, ist aber immer interessant. Denn Mike Siegel gelingt es, ein ganzes Leben in knapp zwei Stunden zu erzählen. Und die Dokus „Passion & Poetry“ und „Stories on a Storyteller“ (denn alles was ich über „Passion & Poetry“ geschrieben habe, gilt auch für „Stories on a Storyteller“) laden zum wiederholten Ansehen der Filme von Sam Peckinpah ein.

Mike Siegel nahm auch einen deutschen und einen englischen Audiokommentar auf, die sich vom Inhalt kaum unterscheiden. In beiden erzählt er, wie er zum Peckinpah-Fan wurde, von den Dreharbeiten und warum es so lange dauerte, bis der Film endlich auch außerhalb von Filmfestivals einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt wird. Denn der Hauptdreh war im Winter 2002. Damit sind sie ein interessanter Einblick in die Welt des unabhängigen Filmemachens.

Aber auch nach dieser sehr umfangreichen Doppel-DVD kommt Mike Siegel von Sam Peckinpah nicht los. Als nächstes plant er eine Dokumentation über Peckinpahs Kriegsfilm „Steiner – Das eiserne Kreuz“, die dann als Bonusmaterial auf einer werkgetreuen DVD erscheinen soll.

Passion & Poetry: The Ballad of Sam Peckinpah

(D 2005)

Regie: Mike Siegel

Drehbuch: Mike Siegel

mit Ernest Borgnine, James Coburn, Kris Kristofferson, Ali MacGraw, R. G. Armstrong, L. Q. Jones, Bo Hopkins, David Warner, Senta Berger, Vadim Glowna, Mario Adorf, Gordon T. Dawson, Roger Fritz, Chalo González, Katherine Haber, Martin Lewis, Dan Melnick, Lupita Peckinpah, Fern Lea Peter, Garner Simmons, Isela Vega, David Weddle, Monte Hellman (Erzähler), Sam Peckinpah (Archivaufnahmen)

DVD

El Dorado Productions

Länge: 115 Mnuten

Bild: 1,78:1 (4:3)

Sprache: Englisch

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Audiokommentar (deutsch, englisch), Stories of a Storyteller (3-teilige Dokumentation mit zusätzlichen Interviews: The Westerner [29 Minuten], Art & Success [36 Minuten], Poet on the Loose [38 Minuten]), Mapache Territory (15 Minuten), Ernest Borgnine on The Wild Bunch (15 Minuten), Mike’s Home Movies (15 Minuten), Booklet, Wendecover

FSK: ab 12 Jahre

Außerdem

Mike Siegel: Passion & Poetry – Sam Peckinpah in Pictures

Schwarzkopf & Schwarzkopf, 2003

576 Seiten

(nur noch antiquarisch)

Die Spielfilme von Sam Peckinpah

Gefährten des Todes (The deadly Companions, USA 1961, Drehbuch: Albert Sidney Fleischman)

Sacramento (Ride the High Contry, USA 1962, Drehbuch: N. B. Stone jr.)

Sierra Charriba (Major Dundee, USA 1965, Drehbuch: Harry Julian Fink, Oscar Saul, Sam Peckinpah)

The Wild Bunch – Sie kannten kein Gesetz (The Wild Bunch, USA 1969, Drehbuch: Walon Green, Sam Peckinpah)

Abgerechnet wird zum Schluss (The Ballad of Cable Hogue, USA 1970, Drehbuch: John Crawford, Edmund Penney)

Wer Gewalt sät (Straw Dogs, GB 1971, Drehbuch: David Zelag Goodman, Sam Peckinpah)

Junior Bonner (Junior Bonner, USA 1972, Drehbuch: Jeb Rosebrook)

Getaway/Ein Mann wird gejagt (Getaway, USA 1972, Drehbuch: Walter Hill)

Pat Garrett jagt Billy the Kid (Pat Garrett and Billy the Kid, USA 1973, Drehbuch: Rudolph Wurlitzer)

Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia (Bring me the Head of Alfredo Garcia, USA/Mexiko 1974, Drehbuch: Gordon Dawson, Sam Peckinpah)

Die Killer-Elite (The Killer Elite, USA 1975, Drehbuch: Marc Norman, Stirling Silliphant)

Steiner – Das eiserne Kreuz (Cross of Iron, DGB/Jug 1977, Drehbuch: Julius J. Epstein, Walter Kelley, James Hamilton)

Convoy (Convoy, USA 1978, Drehbuch: Bill L. Norton)

Das Osterman-Weekend (The Osterman-Weekend, USA 1983, Drehbuch: Alan Sharp, Ian Masters)

Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über Sam Peckinpah (deutsch, englisch)

Georg Seeßlen über Sam Peckinpah (der Nachruf erschien zuerst in epd Film 2/1985)

The Guardian: Rick Moody über Sam Peckinpah (9. Januar 2009)

Senses of Cinema: Gabrielle Murray über Sam Peckinpah

Die letzte Regiearbeit von Sam Peckinpah: die Musikvideos „Valotte“ und „Too late for goodbyes“ von Julian Lennon



Franco-Action mit „Largo Winch“

Dezember 9, 2009

Largo Winch“ lief, wie bereits sein vorheriger Film „Anthony Zimmer – Fluchtpunkt Nizza“, auf dem Fantasy Filmfest und wie „Anthony Zimmer“ lief „Largo Winch“ erfolgreich in den französischen Kinos. Gute zwei Millionen Kinobesucher sprechen eine deutliche Sprache. Und wie „Anthony Zimmer“ wird auch „Largo Winch“ bei uns nur auf DVD veröffentlicht. Das ist Schade, denn der neueste Streich von Regisseur Jérôme Salle muss sich vor deutlich höher budgetierten Hollywood-Produktionen nicht verstecken. Die zahlreichen breitformatigen Landschaftsaufnahmen und atemberaubenden Action-Szenen verlangen nach einer großen Leinwand.

Dass dagegen die Geschichte vor allem den ausgetretenen Pfaden einer Entwicklungsgeschichte mit einem fast unverletzbarem Helden folgt, ist verschmerzbar. Denn Salle präsentiert sie locker-flockig, mit einem leicht amüsierten Unterton. Er beansprucht für seine Comic-Verfilmung nicht mehr Realismus als Hollywood für eine Marvel-Superheldengeschichte.

Als Largo Winch noch ein Kind war, wurde er von dem schwerreichen Konzernmogul Nerio Winch adoptiert, vor der Welt versteckt und für seine Aufgabe körperlich und geistig ausgebildet. Largo ist jetzt eine Mischung aus James Bond (ohne Staatsknete) und Jason Bourne (mit Gedächtnis). Er reist um die Welt, geht keiner Schlägerei aus dem Weg und bemüht sich möglichst wenig Kontakt zu seinem Adoptivvater zu haben. Da erreicht ihn während eines Ausbruchs aus einem südamerikanischen Gefängnis die Nachricht, dass Nerio Winch ermordet wurde. Er kehrt zurück in die Zivilisation der Hochfinanz und beansprucht sein Erbe: die Führung des Winch-Konzerns. Die Vertrauten des Verstorbenen sind von dem plötzlich auftauchenden und ihnen vollkommen unbekannten Erben überhaupt nicht begeistert. Sie fordern von ihm Beweise für die Rechtmäßigkeit seines Anspruchs.

Largo Winch beginnt um sein Erbe zu kämpfen. Denn nur wenn er die Nachfolge von Nerio Winch antritt, kann er seinen Mörder finden.

Largo Winch – Tödliches Erbe“, wie der vollständige Titel lautet, knüpft gelungen an die eskapistischen Abenteuerfilme der Sechziger, wie „Abenteuer in Rio“ (L’homme de Rio, 1964) mit Jean-Paul Belmondo, an. Das ist, auch in der Inszenierung, in erster Linie gut gemachte Unterhaltung die mit einem lockeren Fausthieb die Bedenkenträger Logik und Realismus schlägt, ohne in Hollywood-Gigantonomie zu verfallen.

Jérôme Salle arbeitet bereits am zweiten „Largo Winch“-Spielfilm.

Außerdem arbeitet Hollywood an einem Remake von „Anthony Zimmer“, das „The Tourist“ heißen soll und, so die letzten Meldungen, die Hauptrollen sollen von Johnny Depp und Angelina Jolie gespielt werden.

Largo Winch – Tödliches Erbe (Largo Winch, F 2008)

Regie: Jérôme Salle

Drehbuch: Jérôme Salle, Julien Rappenau

LV: Philippe Francq, Jean van Hamme: L’Héritier , 1990 (Der Erbe), Le Group W, 1991 (Gruppe W), O.P.A, 1992 (Der Coup), Business Blues, 1993 (Business Blues, alles Comics)

mit Tomer Sisley, Kristin Scott Thomas, Miki Mannojlovic, Mélanie Thierry, Gilbert Melki, Karel Roden,

DVD

Sunfilm, 2009

Laufzeit: 104 Minuten

Bild: 16:9 (1:2,35)

Ton: Deutsch, Englisch, Französisch (Dolby Digital 5.1; Deutsch auch DTS)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial (angekündigt): Intervies mit Philippe Franq, Cast und Crew, Making of, Largos Stunts, Das Training, Storyboard-/Film-Vergleich, Trailer

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Französische Homepage zum Film

Facebook-Seite zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Wikipedia über „Largo Winch“ (deutsch, französisch)


„Simon & Simon“ online

Dezember 8, 2009

Yeah, meine Besprechung der ersten Staffel der lässigen PI-Serie „Simon & Simon“ ist online bei den Alligatorpapieren.

Und jetzt warte ich auf die zweite Staffel.


„Alfred Hitchcock präsentiert“ ganz viel Hitchcock

November 13, 2009

Alfred Hitchcock wagte in seinen Filmen immer wieder Experimente. Ein Film, der in einem Rettungsboot spielt. Ein Film, der in Echtzeit spielt und ohne Schnitt inszeniert wurde. Ein Film, der aus der Perspektive eines an seinen Rollstuhl in seinem Zimmer gefesselten Mannes inszeniert wurde.

In der Episode „Scheintot“, die Alfred Hitchcock für „Alfred Hitchcock präsentiert“ inszenierte, treibt er dieses Spiel weiter. Joseph Cotten spielt einen hartherzigen Unternehmer, der auf einer Autofahrt verunglückt. Er liegt so unglücklich, dass er sich überhaupt nicht mehr bewegen kann. Der halbe Film sieht wie ein Standbild aus. Denn die Kamera beobachtet Cotten, der nicht mit der Wimper zuckt und im Voiceover erzählt, was er fühlt und wie er sich (erfolglos) bemerkbar machen will.

In „Die Schlange im Bett“ erzählte Hitchcock eine ähnliche Geschichte. Dieses Mal behauptet Harry Pope, dass in seinem Bett eine Giftschlange ist. Sein Kumpel beschließt, leicht amüsiert, ihm zu glauben. Denn Pope ist ein Trinker.

Die meisten anderen Geschichten, die auf der DVD „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“ versammelt sind, beschränken sich nicht nur auf einen Raum und einen so kurzen Zeitraum. Aber spannend sind sie alle und die Pointe ist auch immer gelungen, oft schwarzhumorig und meistens überraschend. Denn einige Endtwists sind heute doch schon zu bekannt oder, wie in „Der Kristallgraben“, arg vorhersehbar. Einige Geschichten, wie „Der geheimnisvolle Nachbar“ enden auch überraschend harmlos (Nein, ich werde jetzt keine Enden verraten!).

In der sehr Hitchcock-typischen Episode „Nasser Samstag“ zeigt ein Familienoberhaupt auf einem noblen Landsitz, was er alles zum Schutz seiner Familie unternimmt.

In vielen Geschichten soll allerdings nicht der gute Ruf der Familie geschützt werden, sondern ein Ehepartner will den anderen umbringen. Mal geht es um die persönliche Freiheit, aber oft auch nur um den schnöden Mammon, und am Ende macht immer wieder um einen kleinen Fehler, der den schönen Plan zunichte. In „Das zweite Inserat“ zerstört dagegen ein von einem älteren Arbeiter (Oskar Homolka) gefundener, prall gefüllter Geldbeutel seine glückliche Ehe.

Und wenn die Geschichte mal nicht so toll ist, gibt es immer noch die Möglichkeit für einen schauspielerischen Glanzauftritt, wie in „…und so starb Riabouchinska“. In dieser Episode, nach einer Geschichte von Ray Bradbury, spielt Claude Rains einen in seine Puppe verliebten Bauchredner. In „Draußen in der Dunkelheit“ hat Bette Davis als ältliche, allein mit ihrem Pudel in einem Apartment lebende Witwe diesen Auftritt. Es ist, wie viele Geschichten in „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“ auch die Geschichte eines Irrtums mit fatalen Folgen.

Als Bonusmaterial gibt es eine informative, kurze Doku über die Serie „Alfred Hitchcock präsentiert“ und zwei weitere TV-Arbeiten von Alfred Hitchcock, die er für andere Reihen inszenierte. „Zwischenfall an der Straße“ ist eine harmlose, etwas längliche Geschichte mit einem interessanten Anfang (der Zwischenfall wird aus mehreren Perspektiven gezeigt) über falsche Anschuldigungen und das Einstehen für sein Recht. Harmlos ist die Geschichte allerdings nur, weil niemand ermordet wird. Denn üble Nachrede (ein alter Mann, der als Schülerlotse arbeitet, wird anonym beschuldigt, ein Kind unsittlich berührt zu haben) und die Angst des Betroffenen und seiner Familie, sich dagegen zu wehren, sind für eine Gemeinschaft letztendlich viel zerstörerischer.

Die Bombe im Keller“ ist, nach einer Geschichte von Cornell Woolrich, Suspense pur. Ein Mann will mit einer Bombe, die um vier Uhr losgeht, seine Frau umbringen. Er wird im Keller eingesperrt und versucht nun verzweifelt vor der Explosion aus dem Haus zu entkommen.

Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“ enthält mit den beiden Bonusfilmen 27 spannende Krimis, die öfters auch ohne einen Mord auskommen und heute immer noch gut unterhalten können. Denn die Charaktere sind genau gezeichnet, die Geschichten stringent zur finalen Überraschung hin entwickelt, die Kamera angenehm zurückhaltend und die Schauspieler spielen gut. Wie schon bei den vorherigen Episoden von „Alfred Hitchcock präsentiert“ und „Alfred Hitchcock zeigt“ gefallen mir die älteren Schauspielerinnen und Schauspieler etwas besser als die damals noch jungen Stars. So bleibt Roger Moore als Ermittler sehr blass und Charles Bronson hat noch nicht seine spätere stoische Form gefunden. Wie bei den vorherigen Hitchcock-Boxen sind auch in „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“ etliche Episoden enthalten, die bislang im deutschen Fernsehen noch nicht gezeigt wurden. Die gibt es dann als Original mit Untertitel.

Außerdem sind jetzt alle Fernseharbeiten von Alfred Hitchcock auf DVD erhältlich.

Alfred Hitchcock präsentiert - Teil 2

Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2

Koch Media, 2009

Laufzeit: 732 Minuten

Bild: 1,33:1 (4:3)

Sprachen: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Zwischenfall an der Straße (Incident at a corner), Die Bombe im Keller (Four O’Clock), Alfred Hitchcock präsentiert: Ein Blick zurück, deutsche Intros, Booklet

FSK: ab 12 Jahre

 

enthält

Rache (Revenge, USA 1955)

Regie: Alfred Hitchcock

Drehbuch: Francis M. Cockrell

LV: Samuel Blas

mit Ralph Meeker, Vera Miles, Frances Bavier, Ray Montgomery

Scheintot (Breakdown, USA 1955)

Regie: Alfred Hitchcock

Drehbuch: Francis M. Cockrell, Louis Pollock (auch Geschichte)

mit Joseph Cotten, Aaron Spelling (einer der wenigen Leinwandauftritte des später erfolgreichen TV-Produzenten, hier als Straßenarbeiter)

Massarbeit (Back for Christmas, USA 1956)

Regie: Alfred Hitchcock

Drehbuch: Francis M. Cockrell

LV: John Collier

mit John Williams, Isobel Elsom

Nasser Samstag (Wet Saturday, USA 1956)

Regie: Alfred Hitchcock

Drehbuch: Marian B. Cockrell

LV: John Collier

mit Cedric Hardwicke, John Williams, Tita Purdom

Der geheimnisvolle Nachbar (Mr. Blanchard’s Secret, USA 1956)

Regie: Alfred Hitchcock

Drehbuch: Sarett Rudley

LV: Emily Neff

mit Robert Horton, Meg Mundy, Mary Scott

Das perfekte Verbrechen (The perfect crime, USA 1957)

Regie: Alfred Hitchcock

Drehbuch: Stirling Silliphant

LV: Ben Ray Redman

mit Vincent Price, James Gregory, Gavin Gordon

Post Mortem (Post Mortem, USA 1958)

Regie: Arthur Hiller

Drehbuch: Robert C. Dennis

LV: Cornell Woolrich

mit Steve Forrest, Joanna Moore, James Gregory

Ein riskanter Sprung (A dip in the pool, USA 1958)

Regie: Alfred Hitchcock

Drehbuch: Robert C. Dennis

LV: Roald Dahl

mit Keenan Wynn, Fay Wray, Philip Bourneuf

Die Schlange im Bett (Poison, USA 1958)

Regie: Alfred Hitchcock

Drehbuch: Casey Robinson

LV: Roald Dahl

mit Wendell Corey, James Donald, Arnold Moss

Draußen in der Dunkelheit (Out there, darkness, USA 1959)

Regie: Paul Henreid

Drehbuch: Bernard C. Schoenfeld

LV: William O’Farrell

mit Bette Davis, Frank Albertson, James Congdon, Arthur Marshall

Der Schmuck der Lady Avon (The Avon Emeralds, USA 1959)

Regie: Bretaigne Windust

Drehbuch: William Fay

LV: Joe Piddock

mit Roger Moore, Hazel Court

Der Kristallgraben (The Crystal Trench, USA 1959)

Regie: Alfred Hitchcock

Drehbuch: Sterling Silliphant

LV: A. E. W. Mason

mit James Donald, Patrick Owens, Werner Klemperer, Patrick Macnee

Mama, darf ich schwimmen gehen? (Mother, May I go out to swim?, USA 1960)

Regie: Herschel Daugherty

Drehbuch: James P. Cavanagh

LV: Q. Patrick

mit William Shatner, Gia Scala, Jessie Royce Landis

Die Wette (The Horse player, USA 1961)

Regie: Alfred Hitchcock

Drehbuch: Henry Slesar

LV: Henry Slesar

mit Claude Rains, Ed Gardner

Die richtige Medizin (The right kind of medicine, USA 1961)

Regie: Alan Crosland Jr.

Drehbuch: Henry Slesar

mit Robert Redford

Ohne jede Spur (Into thin air, USA 1955)

Regie: Don Medford

Drehbuch: Marian B. Cockrell

mit Patricia Hitchcock, Geoffrey Toone, Alan Napier

…und so starb Riabouchinska (And so died Riabouchinska, USA 1956)

Regie: Robert Stevenson

Drehbuch: Mel Dinelli

LV: Ray Bradbury

mit Claude Rains, Charles Bronson, Claire Carleton

Tödliches Rezept (The perfect murder, USA 1956)

Regie: Robert Stevens

Drehbuch: Victor Wolfson

LV: Stacy Aumonier

mit Mildred Natwick, Hurd Hatfield, Philip Coolidge

Ein Portrait von Jacqueline (Portrait of Jocelyn, USA 1956)

Regie: Robert Stevens

Drehbuch: Harold Swanton

LV: Edgar Marvin

mit Philip Abbott, Nancy Gates, John Baragrey

Das zweite Inserat (Reward to finder, USA 1957)

Regie: James Neilson

Drehbuch: Frank Gabrielson

LV: F. J. Smith

mit Oskar Homolka, Jo Van Fleet, Claude Akins

Die ganz Zarte (The young one, USA 1957)

Regie: Robert Altman

Drehbuch: Sarett Rudley

LV: Phillip S. Goodman, Sandy Sax

mit Vince Edward, Carol Lynley, Stephen Joyce, Jeanette Nolan

Der Unwiderstehliche (The Deadly, USA 1957)

Regie: Don Taylor

Drehbuch: Robert C. Dennis

LV: Lawrence Treat

mit Phyllis Thaxter, Lee Philips, Craig Stevens

Das ideale Haus (The right kind of house, USA 1958)

Regie: Don Taylor

Drehbuch: Robert C. Dennis

LV: Henry Slesar

mit Robert Emhardt, Jeanette Nolan, James Drury

Treue um Treue (Mrs. Bixby and the Colonel’s Coat, USA 1960)

Regie: Alfred Hitchcock

Drehbuch: Halsted Welles

LV: Roald Dahl

mit Audrey Meadows, Les Tremayne, Sally Hughes

Mrs. Chistel – das ist keine Lösung (You can’t trust a man, USA 1961)

Regie:Paul Henreid

Drehbuch: Helen Nielsen

LV: Helen Nielsen

mit Polly Bergen, Frank Albertson, Joe Maross

Bonusfilme

Zwischenfall an der Straße (Incident at a corner, USA 1960)

Regie: Alfred Hitchcock

Drehbuch: Charlotte Armstrong

LV: Charlotte Armstrong

mit George Peppard, Vera Miles

Die Bombe im Keller (Four O’Clock, USA 1957)

Regie: Alfred Hitchcock

Drehbuch: Francis M. Cockrell

LV: Cornell Woolrich

mit E. G. Marshall, Harry Dean Stanton

Hinweise

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2“

 


„Choke“ – Zur zweiten Chuck-Palahniuk-Verfilmung

November 11, 2009

Choke“ ist nicht „Fight Club“, obwohl die erste Szene von „Choke“ an „Fight Club“ erinnert. Clark Greggs Debütfilm beginnt mit einem Treffen der Anonymen Sexsüchtigen. Sie sitzen im Kreis in einem anonymen Raum in einer Kirche auf viel zu kleinen Stühlen und Erzähler Victor Mancini (grandios: Sam Rockwell) stellt die anderen Sexsüchtigen kurz und sarkastisch vor. Danach verzieht er sich mit einer Sexsüchtigen auf die Toilette.

Aber im Gegensatz zu dem „Fight Club“-Erzähler will Victor sich bessern. Er kann es nur nicht. Er kommt einfach nicht über die vierte Stufe des Programms, in dem er alle seine Sünden aufschreiben soll, hinaus. Seine kärglichen Brötchen verdient er sich als Darsteller in einem historischen Themenpark. Dort arbeitet auch sein Freund Denny, ein weiterer Sexsüchtiger, der für seine Verfehlungen (wie historisch falsche Kleidung, Accessoires und Sprache) öfters am Pranger steht (und so immerhin nicht masturbiert). Den Unterhalt für seine demenzkranke Mutter verdient Victor vor allem, indem er in Nobelrestaurants am Essen erstickt und sich von einer hilfsbereiten Hand retten lässt. Der Retter fühlt sich als sein Beschützer und schickt ihm immer wieder Geld.

In Victors Leben ist seine Mutter Ida Mancini (Anjelica Huston in einer weiteren Paraderolle) der Dreh- und Angelpunkt. Mit ihr erlebte er in seiner Jugend, wenn er nicht von einer Pflegefamilie zur nächsten gereicht wurde, zahlreiche Abenteuer. Denn Ida lebte in ständiger Opposition zur Gesellschaft. Jetzt ist sie, dank übermäßigem Drogenkonsum, frühzeitig gealtert. Victor hätte gerne seine alte, lebenslustig-anarchistische Mutter zurück. Jedenfalls irgendwie.

Da bietet die Ärztin Dr. Paige Marshall eine abenteuerliche Therapie an und der sexsüchtige Victor hat erstmals Probleme mit einem Orgasmus. Denn er verliebt sich in die Ärztin.

Während das Buch (wenigstens in der deutschen Übersetzung) eine ziemlich zähe Lektüre ist, ist die Verfilmung eine flotte, schwarzhumorige Groteske über Abhängigkeiten und die Sucht danach, anderen Menschen zu gefallen. Denn hier spielt jeder Charakter den anderen etwas vor und alle Beziehungen sind gestört.

Vor allem Victor hat kein eigenes Leben. Er wird immer nur dann lebendig, wenn er in eine Rolle schlüpft, die andere Menschen (scheinbar) von ihm erwarten. Dabei ist er überhaupt nicht glücklich. Es ist eine kindische Gefallsucht, die ihn aber nicht zu einem Heiligen macht. Denn sein Leitspruch ist „Was würde Jesus nicht tun?“.

Die Charakterstudie „Choke“ ist das Kinodebüt von Schauspieler Clark Gregg. Aber dank guter Darsteller und eines pointierten Drehbuchs fallen die geringe Drehzeit und das überschaubare Budget (vor allem im Vergleich zu „Fight Club“) kaum auf.

Störend ist allerdings, wie schon bei dem Roman, eine gewisse Zeit- und Ortlosigkeit. Denn alles spielt an austauschbaren, oft künstlichen Orten, wie einem Themenpark, einem Altersheim, einem Stripclub, Sexsüchtigen-Treffen und in Victors Junggesellenwohnung. Das alles könnte irgendwann in den vergangenen Jahrzehnten irgendwo in den USA spielen. Insofern ist die filmische Zustandsbeschreibung genauso heimatlos wie seine Charaktere.

Das sehenswerte Bonusmaterial ist, wie immer, wenn eine kleine Produktion auch ein Liebhaberprojekt ist, sehr umfangreich ausgefallen. Es gibt entfallene Szenen mit sehr selbstkritischen Kommentaren von Regisseur und Drehbuchautor Clark Gregg (Schade, dass er keinen Audiokommentar aufgenommen hat.), zwei informative Auftritte von Chuck Palahniuk und Clark Gregg (einmal beim L. A. Film Festival, einmal in einem persönlichen Gespräch), und zwei ausführliche Featurettes.

Choke - DVD

Choke (Choke, USA 2008)

Regie: Clark Gregg

Drehbuch: Clark Gregg

LV: Chuck Palahniuk: Choke, 2001 (Der Simulant)

mit Sam Rockwell, Anjelica Huston, Kelly MacDonald, Brad William Henke, Clark Gregg

DVD

Koch Media

Laufzeit: 88 Minuten

Bild: 1.85:1 (16:9)

Sprachen: Deutsch, Englisch (DTS, Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Deleted Scenes (ca. 11 Minuten, mit Audiokommentar von Clark Gregg und Sam Rockwell), Gag Reel (ca. 2 Minuten), Clark Gregg im Gespräch mit Chuck Palahniuk (ca. 11 Minuten), „Mein Name ist Victor und ich bin sexsüchtig“ – Featurette mit Sam Rockwell (ca. 16 Minuten), „Die Leibe einer Mutter“ – Featurette mit Anjelica Huston (ca. 6 Minuten), Aufnahmen vom L. A. Film Festival (ca. 4 Minuten)

FSK: ab 16 Jahren

Die Vorlage

Chuck Palahniuk: Der Simulant

(übersetzt von Werner Schmitz)

Goldmann, 2002

320 Seiten

8,95 Euro

Originalausgabe

Chuck Palahniuk: Choke

Doubleday, 2001

Hinweise

Homepage zum Film

Homepage von Chuck Palahniuk

Slashfilm: Interview mit Clark Gregg über „Choke“ (23. Januar 2008)


DVD-Kritik: Enttäuschende „Echelon-Verschwörung“

November 2, 2009

Shane West, Ed Burns, Ving Rhames, Martin Sheen und Jonathan Pryce haben in Greg Marcks‘ zweitem Spielfilm „Die Echelon-Verschwörung“ wichtige Rollen übernommen. Frauen sind, obwohl Tamara Feldman in einer in einer Prager Wohnung spielenden Szene ein halbes Dutzend böser Jungs verprügeln und töten darf, nur schmückendes Beiwerk. Das war in Marcks‘ schwarzhumorigem und ebenfalls glänzend besetztem Debüt „11:14“ noch anders. Damals löste eine Leiche zahlreiche Verwicklungen aus und oft waren Frauen die treibenden Kräfte für die schlimmsten Wendungen. Gegen dieses grandiose Feuerwerk von Ideen ist sein Folgewerk eine Enttäuschung. Denn auch wohlwollend betrachtet ist „Die Echelon-Verschwörung“ nur ein sehr durchschnittlicher Paranoia-Thriller ohne eine persönliche Handschrift.

Der Held der Geschichte ist der junge Computerexperte Max Petersen. Eines Tages schickt ihm in Bangkok ein Unbekannter ein Handy. Schnell stellt er fest, dass die SMS-Nachrichten auf diesem Handy sein Leben entscheidend beeinflussen. Er wird vor einem Flugzeugabsturz gewarnt und erhält einen gewinnbringenden Aktientipp. Nachdem seine ersten Erfahrungen mit den Handybotschaften positiv sind, fliegt er – wie vom Handy gewünscht – nach Prag und steigt in einem Nobelhotel ab. Dort trifft er auf den Sicherheitschef des Casinos und einen FBI-Agenten. Beide wollen herausfinden, wer Petersen die Botschaften schickt. Denn in der Vergangenheit haben auch andere Menschen so ein Handy erhalten. Kurz darauf sind sie gestorben. Und dann ist da auch noch ein überaus hilfsbereiter russischer Taxifahrer, der anscheinend problemlos alles besorgen kann.

Ihre Ermittlungen führen sie zu dem titelgebendem und wirklich existierendem US-amerikanischen Überwachungssystem „Echelon“. Sie fragen sich, wer den Computer steuert und was er vorhat.

Irgendwie wildgewordene Computer, ihre nicht minder durchgeknallten Beherrscher, irgendwelche skrupellosen Bösewichter, die Computer für ihre Zwecke kapern, und die zunehmende Überwachung sind für Science-Fiction- und Thrillerfans keine neuen Themen. „Eagle Eye“, „Staatsfeind Nr. 1“, „Das Netz“, „Wargames“, „Der Dialog“, „Colossus“, „2001“ und „Dr. Seltsam“, um nur einige Filme zu nennen, spielen mit dieser Angst der Menschen vor der Maschine. Mal besser, mal schlechter.

Die Echelon-Verschwörung“ gehört in die zweite Kategorie.

Denn auch eine gute Besetzung und exotische Schauplätze (es wurde, wie für einen Bond- oder Bourne-Film, vor Ort gedreht) können ein maues und unplausibles Drehbuch nicht verbessern. Das beginnt schon mit der Frage, warum Max so bereitwillig den elektronischen Nachrichten folgt und endet mit der Erklärung für die Verschwörung, die mal wieder darauf aufbaut, dass die Empfänger der Handys sich entsprechend bestimmter ihnen unbekannter Pläne verhalten; – was natürlich ziemlicher Unfug ist.

Daher ist das Komplott letztendlich nur der Vorwand für zahlreiche Ortswechsel, Explosionen und gute Actionszenen, wie die schon erwähnte Schlägerei in einer Wohnung und einer nächtlichen Autoverfolgungsjagd quer durch Moskau.

Für einen langen Videoabend ist „Die Echelon-Verschwörung“ ein durchaus okayer Film, der aber immer weit unter seinen Möglichkeiten bleibt und im Windschatten von „Eagle Eye“ komplett unterging.

Der Informationsgehalt des Bonusmaterials, einigen wild zusammengeschnittenen Mini-Featurettes, tendiert gegen Null.

Anmerkung: Als nächstes will Greg Marcks „You don’t love me yet“ von Jonathan Lethem verfilmen. Das verspricht einen interessanten Film.

Die Echelon-Verschwörung - DVD

Die Echelon-Verschwörung (Echelon Conspiracy, USA 2009)

Regie: Greg Marcks

Drehbuch: Michael Nitsberg (auch Story), Kevin Elders

mit Shane West, Ed Burns, Ving Rhames, Martin Sheen, Tamara Feldman, Jonathan Pryce, Sergey Gubanov

DVD

Koch-Media

Laufzeit: 101 Minuten

Bildformat: 2.35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1 DTS)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Interviews mit den Darstellern Shane West, Ed Burns, Martin Sheen, Ving Rhames und Regisseur Greg Marcks (ca. 5. Minuten), Teaser, Trailer, Wendecover

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Homepage von Greg Marcks

Wikipedia über „Echelon Conspiracy“


Die Selbstdarstellung des „Very British Gangster“ Dominic Noonan

September 4, 2009

Schlimm.

Sehr schlimm.

Jedenfalls wenn ich Donal MacIntyres spielfilmlange Dokumentation „A Very British Gangster“ aus der political-correctness-Perspektive betrachte. Denn in dem Film erscheint der porträtierte Dominic Noonan, seine Familie und seine Gefolgsleute nicht als eine Verbrecherbande, mit teils etlichen Jahren Zuchthaus im Lebenslauf, sondern sie erscheinen als ganz normale Menschen und Noonan als ein durchaus für sich einnehmender Familienvater und freiwilliger, aber nicht uneigennütziger Sozialarbeiter, der in seinem Viertel von den Bewohnern und auch von der Polizei immer wieder um Hilfe gebeten wird.

Diese durchaus problematische (und von den Machern bewusst in Kauf genommene) Gratwanderung zwischen Mystifizierung und sich langsam einstellender Demystifizierung ist der Preis für die große Nähe des Journalisten zum Objekt seiner Begierde. Denn natürlich wird der porträtierte Verbrecher vor laufender Kamera keine Verbrechen zugeben, für die er später angeklagt werden kann. Außerdem – und hier zeigt sich die Macht der Bilder – ist der Schritt von der Beobachtung zur Glorifizierung des Gangster klein. Wenn Dominic Noonan vor laufender Kamera sehr offen aus seinem Leben erzählt (und Noonan ist ein guter Erzähler), wenn er mit seinen Jungs, die alle einen Anzug tragen, durch die Straßen geht, wenn sie in ausgesucht ästhetischen Bildern vor Arbeiterhäusern warten und am Fluss angeln, dann erscheint das Verbrecherleben als ein ziemlich cooles Leben.

Die eingesetzte Musik passt gut zu den Impressionen von Manchester. Die Perspektiven, Schwenks und Schnitte sind reinstes Kino. Donal MacIntyre lässt sich auf den Porträtierten ein und übernimmt auch seine Sicht auf die Welt. Denn natürlich sieht Noonan sich nicht als bösen Menschen. Er ist der Mann, der in seinem Revier durch Verhandlungen für Ruhe sorgt. Er holt die Jungs von der Straße, kleidet sie ein, sorgt für den richtigen Haarschnitt, bringt ihnen Manieren bei. Er macht das, was die Gesellschaft nicht tut.

Seine Verbrechen und auch die Gerichtsverhandlungen werden nicht gezeigt. Dafür aber die sich an die Freisprüche anschließenden Feiern. Es wird auch seine Trauer über den Mord an seinem Bruder Desmond Noonan und der große Trauermarsch durch Manchester gezeigt.

Gleichzeitig erzählt Noonans Sohn, dass er seinen Vater eigentlich nicht kennt, weil er die meiste Zeit im Gefängnis ist, und Noonans Jungs erzählen von ihren Träumen. Einer will Schauspieler, einer will Noonans Nachfolger werden.

Und vielleicht gelingt es MacIntyre als teilnehmendem Beobachter viel näher an die Wahrheit zu kommen, als vielen anderen TV-Reportern. Denn im Gegensatz zu einem Zeitungsjournalisten sind sie auf Bilder angewiesen. MacIntyre war in seiner dreijährigen Langzeitbeobachtung auf die Kooperation von Dominic Noonan angewiesen. In dem kurzen, aber informativen Making-of (betitelt als „Behind the Scenes“) sagt Donal MacIntyre, dass er Noonan bewusst nicht nach seinen Verbrechen gefragt hat und Noonan den Film vor der Veröffentlichung gezeigt hat. Dieser sagt, ebenfalls in dem Making-of, dass ihm der Film gefalle. Dass der Film die Wahrheit zeige.

Wenn ich MacIntyres Dokumentation nicht aus der PC-Perspektive betrachte, die schon vor der ersten Filmminute weiß, was richtig und was falsch ist, dann ist „A very british Gangster“ ein grandioser Film. Denn ich lerne einen schwulen Gangster kennen, erhalte einen ziemlich ungeschminkten Blick in eine fremde Welt und sehe einen Dokumentarfilm, der immer wieder Bilder für die große Leinwand hat.

Beim Cognac Festival du Film Policier erhielt „ A Very British Gangster“ den Großen Preis.

A very british Gangster

A Very British Gangster (A Very British Gangster, GB 2007)

Regie: Donal MacIntyre

Drehbuch: Donal MacIntyre

DVD

New KSM

Bild: 16:9 (1.77:1)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel:

Bonusmaterial: Deleted Scence, Behind the Scenes, Wendecover

Laufzeit: 98 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über Dominic Noonan