Neu im Kino/Filmkritik: Haben Regisseurinnen „No Mercy“?

März 5, 2026

Frauen drehen die härteren Filme. Das behauptete die verstorbene ukrainische Regisseurin Kira Muratova. Aber stimmt das? Und was bedeutet es genau? Isa Willinger versucht, lose entlang ihrer eigenen Biographie als Regisseurin erzählt, diese These zu beweisen. Sie unterhält sich dafür mit vielen Regisseurinnen. Und hier kämen wir, wenn es sich um eine wissenschaftliche Arbeit handeln würde, zum großen Kritikpunkt. Willinger befragt fast nur europäische Regisseurinnen, vor allem Französinnen und Deutsche. Sie befragt vor allem Regisseurinnen, die für ihre künstlerische Entwicklung wichtig waren. Und damit haben die Regisseurinnen einige Gemeinsamkeiten. Sie stehen für ein feministisches Kino, oft Arthauskino und sehr oft ein die Kritik und das Publikum provozierendes Kino. So war Virginie Despentes „Baisse-moi (Fick mich!)“ 2000 in Frankreich gut für einen veritablen Skandal und ein Verbot des gewalttätigen und pornographischen Films. Es sind Regisseurinnen, die in ihren Filmenweibliche Bedürfnisse und Körper(öffnungen) zeigen. Sobald sie Horrorfilme und Thriller drehen, baden sie in Blut und verstörendem Bodyhorror. Es ist ein Kino der Provokation. Mal lauter, auch mal leiser.

Nicht beachtet wird das brave Mainstream-Kino. Patty Jenkins wird kurz für ihren Serienkillerfilm „Monster“ erwähnt, während ihre „Wonder Woman“-Filme ignoriert werden. Gleiches gilt für Karoline Herfurth, Doris Dörrie und Margarethe von Trotta.

Diese Auslassungen und die damit verbundene Einseitigkeit sind eine Stärke von „No Mercy“. Isa Willinger beschäftigt sich mit einem bestimmten Kino, einem Kino, das ihr wichtig ist, und sie fragt sich in dem Rahmen, wie Frauen gezeigt werden. Sie fragt also die Regisseurinnen, die sie zum Nachdenken anregten, über ihr Werk. Sie hofft, herauszufinden, warum sie diese Filme angesprochen haben.

Dabei verliert Willinger das breite Publikum aus dem Fokus. „No Mercy“ richtet sich nur an Hardcore-Cineasten, die die Regisseurinnen wenigstens vage kennen und einige der in „No Mercy“ gezeigten Filme gesehen haben. Denn viele der befragten Regisseurinnen sind höchstens für das Arthaus-Publikum bekannte Namen. Etliche der gezeigten Filme wurden in den deutschen Kinos nicht oder kaum gezeigt. Aktuell sind vor allem die älteren Filme schwer bis überhaupt nicht erhältlich.

Willinger stellt die Regisseurinnen vor, indem sie einige Sekunden aus ihren Filmen zeigt und danach die Regisseurinnen ausführlich reden lässt. Diese sich teils ergänzenden, teils widersprechenden Statements, die einen virtuellen Dialog ergeben, sind durchgehend interessant. Die Einordnung muss der Zuschauer übernehmen. Allerdings ist das ohne eine auch nur rudimentäre Kenntnis der Filme und des feministischen Kinos nicht sinnvoll möglich. Hier hätten einige einordnende Sätze über die einzelnen Filme, ihre damalige und spätere Wirkung und die Macherinnen wahre Wunder bewirkt.

Dieses Probleme haben Cineasten nicht. Für sie ist „No Mercy“ eine Fundgrube mit vielen informativen, aufschlussreichen und zum Nachdenken anregenden Statements von aktuell arbeitenden feministischen Regisseurinnen und einigen Regisseurinnen, die mit ihren Filmen vor Jahren Pionierarbeit leisteten.

No Mercy (Deutschland/Österreich 2025)

Regie: Isa Willinger

Drehbuch: Isa Willinger

mit Céline Sciamma, Alice Diop, Joey Soloway, Nina Menkes, Valie Export, Catherine Breillat, Virginie Despentes, Kira Muratova, Ana Lily Amirpour, Jackie Buet, Margit Czenki, Nina Menkes, Marzieh Meshkini, Mouly Sourya, Monika Treut, Apolline Traoré

Länge: 104 Minuten

FSK: ?

Und hier eine kleine Watchlist, die aus den von Frauen inszenierten Filmen besteht, die in „No Mercy“ kurz gezeigt werden und die als Einführung in den feministischen Film dienen können (bei den Angaben folge ich weitgehend den Angaben aus dem Presseheft):

Welcome II The Terror Dome (Ngozi Onwurah, 1995)

Titane (Julia Ducournau, 2021)

Vagabond (Vogelfrei, Agnés Varda, 1995)

Three Stories (Kira Muratova, 1997)

Baise-Moi (Virginie Despentes, 2000)

Sira (Apolline Traoré, 2022)

A Girl walks home alone at night (Ana Lily Amirpour, 2014)

The Asthenic Syndrome (Kira Muratova, 1989)

Marlina si pembunuh dalam empat babak (Marlina – Die Mörderin in vier Akten, Mouly Sourya, 2017)

The Day I became a Woman (Marzieh Meshkini, 2000)

Portrait de la jeune fille en feu (Porträt einer jungen Frau in Flammen, Céline Sciamma, 2019)

Naissance des pieuvres (Water Lilies – Der Liebe auf der Spur, Céline Sciamma, 2007)

Brief Encounters (Kira Muratova, 1967)

The Long Farewell, Kira Muratova, 1971)

Komplizinnen (Margit Czenki, 1987)

Die Jungfrauenmaschine (Monika Treut, 1988)

Verführung: Die grausame Frau (Monika Treut/Elfi Mikesch, 1985)

Female Misbehavior (Monika Treut, 1992)

Invisible Adversaries (Valie Export, 1988)

A real young girl (Catherine Breillat, 1976)

Romance (Catherine Breillat, 1999)

36 Filette (Catherine Breillat, 1988)

Broken Mirrors (Marleen Gorris, 1984)

Born in Flames (Lizzie Borden, 1983)

Business as usual (Lezli-An Barret, 1988)

Antoniaos Line (Marleen Gorris, 1995)

Monster (Patty Jenkins, 2003)

Promising Young Woman (Emerald Fennell, 2020)

Change of Fortune (Kira Muratova, 1987)

Second Class Citizens (Kira Muratova, 2001)

Brainwashed: Sex-Camera-Power (Nina Menkes, 2022)

Magdalena Viraga (Nina Menkes, 1986)

I love Dick (Joey Soloway, 2016)

Transparent (Joey Soloway, 2014 – 2019)

Jeanne Dielman, 23, quai du Commerce, 1080 Bruxelles, Chantal Akerman, 1975)

Saint Omer (Alice Diop, 2022)

Mona Lisa and the blood moon (Ana Lily Amirpour, 2021)

The Cabbage Fairy (Alice Guy-Blanché, 1896)

Petite Maman (Céline Sciamma, 2021)

À ma soeur! (Meine Schwester, Catherine Breillat, 2001)

Kids in America (Isa Willinger, 1998)

Daheim (Isa Willinger, 2001)

Russians in New York (Isa Willinger, 2004)

Pornoprotokolle (Isa Willinger, 2009)

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „No Mercy“

Moviepilot über „No Mercy“

Rotten Tomatoes über „No Mercy“

Wikipedia über „No Mercy“ und Isa Willinger


Neu im Kino/Filmkritik: Über Alice Diops „Saint Omer“

März 11, 2023

Die schwangere Professorin und Schriftstellerin Rama fährt nach Saint Omer, einem Ort in Nordfrankreich im Département Pas-de-Calais. Dort besucht sie die Gerichtsverhandlung gegen Laurence Coly. Die Senegalisin hat ihre fünfzehn Monate alte Tochter ins Meer gelegt. Jetzt ist sie als Mörderin angeklagt. Rama will über die Verhandlung schreiben.

Saint Omer“ ist ein filmisch extrem reduziertes Drama, das den Fall in seiner Komplexität zeigt und mehr Fragen stellt als beantwortet. Die geständige Coly ist dabei kein liebenswertes Opfer, sondern eine in vielerlei Hinsicht rätselhafte und problematische Persönlichkeit mit psychischen Problemen. Vor Gericht erscheint sie seltsam unberührt von der Verhandlung. Sie erklärt ihre Tat mit Hexerei. Aber gleichzeitig ist sie eine gebildete Frau. Sie studierte und begann eine Promotion über Wittgenstein. Sie lebte mit einem deutliche älterem Künstler, der auch der Vater ihres Kindes ist, zusammen. Sie zog sich immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Sie wurde immer unsichtbarer. Doch warum tat sie das und warum tötete sie ihr Kind?

Alice Diops Film basiert auf einem wahren Fall, der in Frankreich auch als Kabou-Affäre oder Adélaide-Affäre bekannt ist. Im November 2013 legte die 36-jährige ehemalige Philosophiestudentin Fabienne Kabou ihre fünfzehn Monate alte Tochter Adélaide im bei Calais gelegenem Badeort Berck in die Nordsee. Die Flut erledigte den Rest. Danach kehrte sie zu ihrem Lebensgefährten, einem deutlich älterem Künstler, zurück. Kurz darauf konnte sie anhand von Videoaufzeichnungen identifiziert werden. 2016 wurde sie von einem Schwurgericht in Saint-Omer zu einer zwanzigjährigen Haft verurteilt.

In Frankreich wurde über den Fall und das distanzierte Auftreten der Angeklagten breit diskutiert.

Alice Diop saß während der Verhandlung im Gerichtssaal. Diese Verhandlung und ihre Reaktion darauf inspirierte sie, nach mehreren Dokumentarfilmen, zu ihrem Spielfilmdebüt, das vor allem in den Gerichtsszenen nah an dem Fall bleibt und mit den Mitteln des beobachtenden Dokumentarfilms inszeniert ist. Sie erklärt nichts. Sie lässt die Menschen reden in oft minutenlangen statischen Einstellungen, die damit auch die Dramatik eines Gerichtsverfahrens wiedergeben. Und das ist nicht so aufregend, wie eine TV-Gerichtsshow oder eine dramatische Gerichtsszene in einem Spielfilm, sondern teils ermüdend langweilig und emotionslos. In „Saint Omer“ wird mit ruhiger Stimme gesprochen, ohne Emotionen nachgefragt und scheinbar unbeteiligt geantwortet. Die unbewegte Kamera bleibt während der gesamten Befragung immer auf eine Person, normalerweise die befragte Person, gerichtet. Diese bewegt sich kaum.

Insofern ist „Saint Omer“ formal in sich geschlossen, aber als Film auch eine etwas dröge Angelegenheit. Das Drama ist mehr ein Hörspiel oder ein Gerichtsprotokoll (wenn man in der Originalfassung auf das Lesen der Untertitel angewiesen ist) als ein Spielfilm.

Saint Omer (Saint Omer, Frankreich 2022)

Regie: Alice Diop

Drehbuch: Alice Diop, Amrita David, Marie NDiaye

mit Kayije Kagame, Guslagie Malanda, Valérie Dréville, Aurélia Petit, Xavier Maly, Robert Cantarella, Salimata Kamate, Thomas de Pourquery

Länge: 123 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

AlloCiné über „Saint Omer“

Moviepilot über „Saint Omer“

Metacritic über „Saint Omer“

Rotten Tomatoes über „Saint Omer“

Wikipedia über „Saint Omer“ (deutsch, englisch, französisch)