Neu im Kino/Filmkritik: Das Amy-Winehouse-Biopic „Back to Black“

April 11, 2024

Ihre erste CD „Frank“ veröffentlicht die am 14. September 1983 London geborene Amy Winehouse 2003. Der große weltweite Erfolg kommt 2006 mit ihrer zweiten und letzten CD „Back to Black“. 2008 erhält die Retrosoul-Sängerin bei den Grammy Awards rekordverdächtige fünf Preise. 2007 heiratet sie Blake Fielder-Civil. 2009 erfolgt die Scheidung. Er macht sie drogenabhängig. Die Beziehung ist von Gewalt und Drogen und öffentlicher Aufmerksamkeit geprägt. Winehouse ist, mit ihrem unberechenbarem Verhalten, ihrer Drogensucht und psychischer Probleme, ein wandelndes Katastrophengebiet. Die Boulevardpresse belagert sie. Am 23. Juli 2011 stirbt sie an einer Alkoholvergiftung. Amy Winehouse wurde 27 Jahre alt.

Ihr kurzes Leben bietet, abseits der ausgetretenen Biopic-Pfade, in denen einfach ihre Lebensstationen und Skandale chronologisch abgehandelt werden, viele Anknüpfungspunkte für einen aufregenden Film.

Back to Black“ ist es nicht. Es ist bestenfalls eine mit Amy-Winehouse-Songs garnierte Liebesgeschichte unter Drogenabhängigen. Die biographischen Stationen aus Amy Winehouses Leben werden so kryptisch, elliptisch und bezuglos abgehandelt, dass man danach den Wikipedia-Artikel liest, um zu erfahren, was man gerade gesehen hat. Da springt der Film von Konzerten in Bars vor kleinem Publikum zu Arena-Konzerten. Da beschließt Amy Winehouse in der einen Minute, sich in eine Drogentherapie zu begeben. Es folgen ein Bild eines ländlich gelegenen Nobelsanatoriums und schon ist die Therapie beendet. Währenddessen wird ausführlich und in langen Szenen die erste Begegnung von Winehouse und Blake Fielder-Civil, deren Ausprobieren verschiedenster Drogen und ihre vor allem für sie sehr ungute Beziehung zelebriert. Dazwischen tritt der immer zuverlässige Eddie Marsan als ihr Vater Mitch Winehouse auf. Er versucht ihr selbstlos und uneigennützig zu helfen.

Drehbuchautor Matt Greenhalgh („Control“ [über „Joy Division“-Frontman Ian Curtis], „Nowhere Boy“ [über den jungen John Lennon]) und Regisseurin Sam Taylor-Johnson („Nowhere Boy“, Razzie-Liebling „Fifty Shades of Grey“) erzählen Amy Winehouses Lebensgeschichte oberflächlich und alle möglichen Tiefen und interessanten Aspekte vermeidend. Das Ergebnis ist eine Junkie-Liebesgeschichte, in der wir wenig über Amy Winehouse erfahren und das wie die harmlose Spielfilmversion von Asif Kapadias mit dem Dokumentarfilm-Oscar ausgezeichnetem Porträt „Amy“ (GB 2015) wirkt. Sein Film ist zwar auch nur gefälliges, auf Analysen und historische Einordnungen verzichtendes Doku-Handwerk für den Amy-Winehouse-Fan, aber immerhin wird die problematische Beziehung zu ihrem Vater Mitch Winehouse und zu Blake Fielder-Civil tiefgehender thematisiert und es gibt eine Idee, warum Amy Winehouse so jung starb. Insofern ist Kapadias Dokumentarfilm der bessere Einstieg in ihr Leben.

Back to Black“ ist dagegen nur ein Biopic für den Amy-Winehouse-Fan, der sich freut, ihre Songs im Kino zu hören.

Vor wenigen Wochen lief Reinaldo Marcus Greens „Bob Marley: One Love“ (Bob Marley: One Love, USA 2024) an. Er konzentriert sich in seinem ebenfalls eher misslungenem Biopic (das immerhin die Musik von Bob Marley hat) auf einen kurzen Ausschnitt aus dem Leben des 1981 verstorbenen Reggae-Musiker. Im direkten Vergleich ist Greens Musiker-Biopic das bessere Musiker-Biopic. Er hat immerhin eine Idee davon, was er erzählen möchte.

Back to Black (Back to Black, Großbritannien 2024)

Regie: Sam Taylor-Johnson

Drehbuch: Matt Greenhalgh

Filmmusik: Nick Cave, Warren Ellis

mit Marisa Abela, Jack O’Connell, Eddie Marsan, Lesley Manville, Juliet Cowan, Sam Buchanan

Länge: 123 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Back to Black“

Metacritic über „Back to Black“

Rotten Tomatoes über „Back to Black“

Wikipedia über „Back to Black“ (deutsch, englisch) und Amy Winehouse (deutsch, englisch)

AllMusik über Amy Winehouse

Meine Besprechung von Asif Kapadias „Amy“ (Amy, Großbritannien 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: „Amy“ Winehouse und ihr viel zu kurzes Leben

Juli 16, 2015

Wie die meisten Dokumentarfilme über eine bekannte Person richtet sich auch „Amy“ vor allem an Fans der Sängerin Amy Winehouse, die 2003 mit „Frank“ zuerst in Großbritannien und mit ihrer zweiten CD „Back to Black“ auch weltweit bekannt wurde. Keine fünf Jahre später war sie tot. Die 27-jährige Drogensüchtige starb am 23. Juli 2011 an einer Alkoholvergiftung. Seitdem erschienen CDs mit ihren bislang nicht veröffentlichten Studioaufnahmen, Live-CDs und DVDs.
Asif Kapadias Doku „Amy“ passt natürlich in diese Verwertungsstrategie. Immerhin ging die erste Initiative von Winehouses Plattenlabel Universal Music aus. Außerdem konnte Kapadias auf bislang unveröffentlichte Privatvideos zurückgreifen und mit ihr nahestehenden Menschen reden konnte, wie ihrer ältesten Freundinnen. Dazu gibt es noch einige Konzertausschnitte – und das Herz des Fans ist umfassend gestreichelt.
Die Nicht-Fans (und seinen wir ehrlich: so toll, wie jetzt behauptet wird, war Amy Winehouse als Soul-Sängerin nicht) werden sich dagegen an einigen Punkten, die auch in anderen Doku-Porträts so sind, stören. Kapadia erzählt Amy Winehouses Geschichte chronologisch von ihren Anfängen als Profi-Musikerin (so als habe es vor ihrer Volljährigkeit kein Leben gegeben) bis zu ihrem Tod. Dabei vermeidet er platte Psychologisierungen, aber auch jede Analyse.
So bleibt unklar, warum Winehouse drogenabhängig wurde und auch warum jede Hilfe fehlschlug. Wobei die Auswahl ihrer beiden wichtisten Männer in ihrem Leben einige Rückschlüsse zulässt. Ihr Vater Mitch Winehouse, der sich von ihrer Mutter scheiden ließ und den sie als Jugendliche an den Wochenenden besuchte, wurde von ihr verehrt und er erscheint in „Amy“ als ziemlich geldgeil. Ihr Ehemann Blake Fielder-Civil, ein Junkie, brachte sie in Kontakt mit Heroin und Crack und versorgte sie mit Drogen. Der Druck der Medien, die sie irgendwann belagerten (eine typisch britische Art des Umgangs mit Prominenten), wird zwar immer wieder mit den immergleichen Bildern von ihr und ihren Vertrauten, die sich durch ein Blitzlichtgewitter zum Auto oder Hauseingang drängen, gezeigt, Während diese Bilder immer redundanter werden, versäumen die Macher es, nach der Rolle der Medien zu fragen. Stattdessen wiederholen sie, vor allem bei ihren letzten Auftritten und Privataufnahmen, die sie minutenlang als seelisches und körperliches Wrack zeigen, ohne jede Distanz die sensationslüsterne, nur die Oberfläche bedienende Masche der Boulevardmedien.
Für eine tiefere Analyse hätte Kapadia allerdings auch Menschen fragen müssen, die nicht zu Winehouses engstem beruflichen und privaten Umfeld gehören. Ihre Eltern, ihre Freundinnen, ihr Bodyguard und verschiedenen Managern und Angestellten von Plattenfirmen kommen zu Wort. Da ist man schon dankbar, wenn man Winehouses Hausärztin oder einen ihrer Musiker hört. Aber auch von ihnen erwartet man persönliche und intime Einblicke und Anekdoten.
Ihr habt sicher bemerkt, dass ich „befragt“ und nicht „interviewt“ geschrieben habe. Der Grund dafür ist ziemlich einfach: bei „interviewt“ denke ich bei einem Dokumentarfilm, dass ich die Interviewte Person auch sehe; was manchmal zu den berühmt-beriüchtigten „sprechenden Köpfen“ führt. Aber immerhin hat man dann ein Bild von den Sprechenden und auch einen Eindruck von ihrer Glaubwürdigkeit (auch wenn dieser Eindruck täuschen kann). In „Amy“ hören wir dagegen nur verschiedene Personen etwas sagen und auch die Einblendungen von Namen und ihrer Beziehung zu Winehouse helfen kaum, um sie auseinander zu halten. Es wird auch nie deutlich gemacht, ob es sich um ein aktuelles oder ein älteres Interview handelt.
Die Bilder konzentrieren sich auf Winehouse, die in fast jedem Bild ist. Mitmusiker und eine Band hat es anscheinend nicht gegeben. Die Rolle ihres Vaters bleibt mysteriös. Ebenso von ihrem letzten Bodyguard. Beide präsentieren sich als ihre Beschützer. Auch die Plattenfirmen erscheinen, soweit sie zu Wort kommen, als Wohltäter. Dabei haben sie alle, was auch in Halbsätzen angesprochen wird, durchaus handfeste finanzielle Interessen an Amy Winehouse, die man hätte beleuchten können.
Und, auch wenn Kapadia im Presseheft sagt „Auf der Kinoleinwand neigt das Publikum dazu, diese [Film-]Qualität eher zu vergeben, als wenn es den Film auf einem kleinen Monitor sieht.“ stimmt es nicht. Es nervt einfach, zwei Stunden lang mit unzähligen Amateuraufnahmen (auch wenn sie noch so sehr bearbeitet wurden) malträtiert zu werden. Es sind Aufnahmen, die niemals für eine Kinoleinwand gedacht waren und die aus einem Mangel an filmisch besserem Material und aus dokumentarischen Zwecken präsentiert werden.
Wobei Brett Morgens in seiner Doku „Cobain: Montage of Heck“ die Verwendung von Amateuraufnahmen zu einer umfassenden künstlerischen Aussage führte. Bei ihm reflektierten die rauhen Bilder auch Cobains seelischen Zustand und sie verliehen damit dem schwer anzusehendem und genau deshalb sehenswertem Film eine zusätzliche Dimension. Jedenfalls solange man irgendetwas mit Grunge und der Musik von „Nirvana“ anfangen kann und einen unverfälschten Einblick in Cobains Denken haben will.
„Amy“ ist dagegen nur gefälliges, an der Oberfläche bleibendes Doku-Handwerk mit einem klarem Zielpublikum: Amy-Winehouse-Fans, die auf eine Analyse und eine Einordnung von Amy Winehouses Leben und Retro-Musik in irgendeine größere Erzählung verzichten können. Die dürften von „Amy“ begeistert sein.

Amy - Plakat

Amy (Amy, Großbritannien 2015)

Regie: Asif Kapadia

Drehbuch: Asif Kapadia

mit Amy Winehouse und gaaanz vielen Stimmen

Länge: 128 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Amy“
Moviepilot über „Amy“
Metacritic über „Amy“
Rotten Tomatoes über „Amy“
Wikipedia über „Amy“ und Amy Winehouse (deutsch, englisch)
AllMusik über Amy Winehouse

Und hier ihr Auftritt in Glastonbury 2007

https://www.youtube.com/watch?v=QMIM0uaqhaQ