TV-Tipp für den 8. Mai: Leid und Herrlichkeit

Mai 7, 2022

Bevor das Dream-Team Banderas/Cruz im ‚besten Film aller Zeiten‘ (so der deutsche Titel, der am 30. Juni startenden Komödie [Besprechung folgt]) auftreten, suhlen sie sich in

Arte, 20.15

Leid und Herrlichkeit (Dolor y gloria, Spanien 2019)

Regie: Pedro Almodóvar

Drehbuch: Pedro Almodóvar

In seiner Wohnung dämmert Salvador Mallo (Antonio Banderas) vor sich hin. Er leidet an zahlreichen Krankheiten, die ihn am Arbeiten hindern. Als der Regisseur einen seiner früheren Filmen, der inzwischen als Meisterwerk gilt, zusammen mit seinem damaligen Hauptdarsteller präsentieren soll, erinnert er sich an sein Leben und ihre gemeinsame Zeit. Dummerweise haben sie sich damals heillos zerstritten.

TV-Premiere. Wie wir es von Pedro Almodóvar gewohnt sind: ein grandioses Drama und ein großer Spaß.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Anschließend, um 22.05 Uhr, zeigt Arte die brandneue einstündige Doku „Antonio Banderas/Pedro Almodóvar: Der Meister und seine Muse“.

mit Antonio Banderas, Asier Etxeandia, Leonardo Sbaraglia, Nora Navas, Julieta Serrano, César Vicente, Asier Flores, Penélope Cruz, Cecilia Roth, Susi Sánchez, Raúl Arévalo, Pedro Casablanc, Julián López, Rosalía

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Leid und Herrlichkeit“

Metacritic über „Leid und Herrlichkeit“

Rotten Tomatoes über „Leid und Herrlichkeit“

Wikipedia über „Leid und Herrlichkeit“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars „Fliegende Liebende“ (Los amates Pasajeros, Spanien 2013)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars „Julieta“ (Julieta, Spanien 2016)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars „Leid und Herrlichkeit“ (Dolor y gloria, Spanien 2019)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars „Parallele Mütter“ (Madres paralelas, Spanien 2021)

Pedro Almodóvar in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Leid und Herrlichkeit“ des Herrn Pedro Almodóvar

Juli 25, 2019

Salvador Mallo ist ein Filmregisseur, der vor der Wiederaufführung eines seiner Filme, auf sein Leben zurückblickt – und weil Pedro Almodóvar „Leid und Herrlichkeit“ nach seinem Drehbuch inszenierte und weil Almodóvar und Mallo so ungefähr im gleichen Alter sind, wird in vielen Kritiken sicher über den unbestritten vorhandenen autobiographischen Gehalt des Films geschrieben werden. Immerhin sagt Almodóvar über Mallo: „Sein Charakter war nicht ich, aber er war in mir.“

Das könnte er allerdings über jede seiner Figuren sagen. Schließlich schreibt er für seine Filme immer das Drehbuch. Außerdem erzählt er in jedem Film in jeder Figur über sich und er arbeitet nicht so autofiktiv platt. Vielleicht ist „Leid und Herrlichkeit“ deshalb sogar der Film, der am wenigsten über ihn verrät. Ein wundervoller intellektueller Spaß ist er trotzdem.

Wegen seiner körperlichen Verfassung, die weit über die üblichen Zipperlein des Alters hinausgeht, kann Mallo schon lange keine Filme mehr drehen. Er dämmert, seine Wehwehchen zelebrierend, weitgehend vor sich hin. Seine Begeisterung öffentlich über einen seiner alten Filme, der inzwischen für ein Meisterwerk gehalten wird, zu reden, hält sich in überschaubaren Grenzen. Einerseits, weil er trotz allem lieber einen neuen Film drehen würde, andererseits und vor allem, weil er das Gespräch mit seinem Hauptdarsteller Alberto Crespo bestreiten soll. Im Streit trennten sie sich damals.

Jetzt besucht Mallo Crespo, um sich zu versöhnen und mit ihm über das Filmgespräch zu reden. Aber zuerst hängen sie gemeinsam bei einem Joint ab und Mallo erinnert sich an ihre gemeinsame Zeit in den achtziger Jahren in Madrid.

Almodóvar springt noch weiter in Mallos Vergangenheit zurück. Er erzählt von seiner ärmlichen Kindheit in einer Höhle in Paterna, einem Dorf an der Levante, bei der schon die prächtigen Farben und Penélope Cruz irritieren. Die Farben sind so prächtig, dass man sofort mit Mallo tauschen möchte. Der gesamte Film sieht, wie immer bei Almodóvar, sehr prächtig und sehr farbenprächtig aus. Seine Filme sind die wohltuende Antithese zu den vielen neuen Filmen, in denen es nur blasse Braun- und Grautöne gibt. Und Penélope Cruz sieht einfach viel zu gut aus, um eine in ärmlichen Verhältnissen, von der schweren körperlichen Arbeit und dem Ärger mit dem Ehemann gebeugte Hausfrau zu sein. Aber das konnte auch über Silvana Mangano („Bitterer Reis“) und Sophia Loren gesagt werden. Außerdem ist Penélope Cruz eine von Almodóvars Stammschauspielern.

Antonio Banderas, der Mallo spielt, gehört ebenfalls zu Almodóvars Stammschauspielern. Für sein Spiel in diesem Film wurde er, zu Recht, dieses Jahr in Cannes ausgezeichnet.

Wie in seinen vorherigen Filmen verknüpft Almodóvar äußert elegant die verschiedenen Zeitebenen. Langsam erfahren wir, wo Mallo herkommt, wie er in den achtziger Jahren in Madrid als Regisseur Erfolg hat, seine große Liebe trifft und wie es zu dem Zerwürfnis zwischen ihm und Crespo gekommen ist.

Diese Rückblicke und die teils von abenteuerlichen Zufällen ausgehenden Begegnungen, aus denen Mallos Biographie entsteht, führen allerdings nicht zu einem dieser altersmilden Werke, in denen der von der Welt bewunderte Regisseur noch einmal all seine Themen und stilistischen Eigenheiten archivarisch zu einem Best-of bündelt. In dem Alter ist Almodóvar noch nicht. Insofern ist „Leid und Herrlichkeit“ sein neuer Film nach dem ebenfalls ein Leben erzählendem „Julieta“.

Almodóvar sieht „Leid und Herrlichkeit“ als ungeplanten Abschluss einer Trilogie, die er 1987 mit „Das Gesetz der Begierde“ (La ley del deseo, ebenfalls mit Banderas) begann und 2004 mit „La Mala Educacion – Schlechte Erziehung“ (La mala education) fortführte. In allen Filmen ist der Protagonist ein Filmregisseur und es gehe, so Almodóvar, um Begierde und filmisches Erzählen. In „Das Gesetz der Begierde“ geht es um ein tragisch endendes Dreiecksverhältnis. In „La Mala Educacion – Schlechte Erziehung“ erinnert sich ein Regisseur, nach einer Begegnung mit einem Schulfreund, an ihre gemeinsame Schulzeit in einem streng katholischen Internat. Da ist der von Almodóvar hergestellte Zusammenhang vor allem eine Gelegenheit, sich wieder seine älteren Filme anzusehen.

Leid und Herrlichkeit (Dolor y gloria, Spanien 2019)

Regie: Pedro Almodóvar

Drehbuch: Pedro Almodóvar

mit Antonio Banderas, Asier Etxeandia, Leonardo Sbaraglia, Nora Navas, Julieta Serrano, César Vicente, Asier Flores, Penélope Cruz, Cecilia Roth, Susi Sánchez, Raúl Arévalo, Pedro Casablanc, Julián López, Rosalía

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

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Moviepilot über „Leid und Herrlichkeit“

Metacritic über „Leid und Herrlichkeit“

Rotten Tomatoes über „Leid und Herrlichkeit“

Wikipedia über „Leid und Herrlichkeit“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars „Fliegende Liebende“ (Los amates Pasajeros, Spanien 2013)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars „Julieta“ (Julieta, Spanien 2016)

Pedro Almodóvar in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Ma Ma – Der Ursprung der Liebe“ an der Brust von Frau Cruz

Juni 30, 2016

Man kann „Ma Ma – Der Ursprung der Liebe“, den neuen Film von Julio Medem („Lucia und der Sex“), leicht als Kitsch und Starvehikel abtun. Immerhin ist Penélope Cruz in fast jeder Sekunde zu sehen und der gesamte Film dreht sich um sie und ihr heldenhaftes Leiden als krebskranke Mutter, die sich zuerst eine Brust wegoperieren lässt, nur um danach zu erfahren, dass der Krebs nicht besiegt ist und sie innerhalb weniger Monate sterben wird. Gleichzeitig findet sie in Arturo, dem Talentscout von Real Madrid, der gerade seine Frau und Tochter verloren hat, eine neue große Liebe, die auch von ihrem elfjährigem Sohn akzeptiert wird. Immerhin ist Dani ein echtes Fußballtalent und ein Platz in der Mannschaft Real Madrid wäre ein Gottesgeschenk.

Und dann wird Magda wieder schwanger!

Das hätte sich das gesamte Team des sonntäglichen ZDF-Kitschfilms nicht schlimmer ausdenken können als Ballung von tragischem Leid und unfassbarem Glück. Normalsterbliche greifen in dem Moment panisch nach der Fernbedienung.

Aber Julio Medem wagt ein ziemliches gewagtes Experiment, indem er möglichst viel von dem, was wir bei einem gefühligem Kitschfilm erwarten, weglässt. So wird Magda von ihrem Mann wegen einer Jüngeren verlassen und ihren Job als Lehrerin ist sie auch bald los. Aber die Trennung geschieht mit einer SMS und ihre baldige Entlassung ist schon länger Teil ihrer Lebensplanung. Ihre Familie, Verwandtschaft und Freunde, mit denen sie über die Krebsdiagnose sprechen könnte, tauchen nicht auf. Stattdessen zieht sie sich erst einmal zurück, lässt Dani in ein Ferienlager fahren und sieht sich alleine die spanische Mannschaft beim 2012er Europapokal an. Sie versinkt höchstens für zwei Sekunden in Trübsal. All die großen Szenen, in denen Schauspieler so richtig groß mit Tränen, Schreien, Schluchzern und wilden Armbewegungen aufspielen können, fehlen.

Das gleiche gilt für ihre Beziehung zu Arturo. Schon bei ihrem ersten Zusammentreffen, auf der Tribüne eines Fußballstadions, geben sie sich Halt. Magda hat gerade die Krebsdiagnose erfahren. Er erfährt von dem Unfall seiner Familie. Auch danach entwickelt sich ihre Beziehung vor allem über den Verlust seiner Familie und ihrer Krankheit. Da ist, auch weil sie keine Zwanzig mehr sind, kein Platz für teenagerhaften Gefühlsüberschwang. Erst spät fällt Magda auf, dass sie noch keinen Sex hatten, obwohl sie schon länger sehr vertraut miteinander umgehen.

Medem entkernt nicht nur die kitschige Geschichte, sondern er konzentriert sich auch auf wenige Charaktere. Am Ende sind es nur Magda, ihr Sohn, ihr neuer Freund und, in einer Nebenrolle, ihr singender Gynäkologe, der auch nach Feierabend für sie Zeit hat. Keiner von ihnen übernimmt dabei die traditionelle Rolle des Bösewichts.

Medem lässt auch die Geschlechterverhältnisse ähnlich frei wie Pedro Alomodóvar tanzen. Freie Liebe, homosexuelle Liebe, echte und falsche Väter und alternative Lebensentwürfe abseits der normalen Ehe werden schulterzuckend akzeptiert. Sie sind in diesem katholischen Spanien kein Grund, sich aufzuregen. Das ist, wenn man an irgendeine x-beliebige RomCom denkt, in dem die Protagonistin nur ihren Traummann und eine traditionelle Familie haben will, erfrischend.

Auch Magda denkt überhaupt nicht daran, ihr Lebensglück nur in einer traditionellen Familie zu suchen. Immerhin ist sie eine Mutter und Mama ist das spanische Wort für, wenig überraschend, Mutter, aber auch die weibliche Brust oder, etwas poetischer der Ursprung der Liebe bzw. der Welt. Liebe schenkt sie dann auch während des Films.

Natürlich ist „Ma Ma“ ein Starvehikel und eine Liebesgeschichte, die angenehm ambivalent auf fast alle Elemente verzichtet, die zu einem Kitschfilm dazugehören. Dieses Spielen einer Melodie, während man möglichst viele Töne von ihr weglässt, ist als intellektuelles Vergnügen interessant. Für das Auge gibt es in jeder Szene Penélope Cruz. Was will man mehr von einem Film?

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Ma Ma – Der Ursprung der Liebe (Ma Ma, Spanien 2015)

Regie: Julio Medem

Drehbuch: Julio Medem

mit Penélope Cruz, Luis Tosar, Asier Etxeandia, Teo Planell, Àlex Brendermühl, Silvia Abascal

Länge: 123 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Ma Ma“

Metacritic über „Ma Ma“

Rotten Tomatoes über „Ma Ma“

Wikipedia über „Ma Ma“ (englisch, spanisch)


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